We never had Paris

Das kleine pelzige Alien, das auf dem Kopf – und offenbar auch im Kopf – von Donald Trump lebt und die USA regiert, hat es wieder getan: In tiefer Verzweiflung, das die Weltpresse seinen ab-so-lut grrrrrrrrroßartigen Besuch in Europa und beim G7-Gipfel nicht mit dem gebührenden Lob überschüttete und diese lächerlichen Rußland-Vorwürfe endlich mal ruhen ließ, hat das Trumpeltier das Pariser Klimaabkommen gekündigt.
Oder besser, es hat gesagt, es will einen besseren Deal haben. Das wäre dann in Trumps Welt eine Vereinbarung, in der die USA alles kriegen und alle anderen es bezahlen müssen. Und noch dafür dankbar sein, versteht sich.
Seitdem dieser Typ, für mich ja wenig überraschend, die Herrschaft über die bröckelnden Reste des amerikanischen Imperiums übernommen hat, sehe ich seinem Treiben zu. Mit einer Mischung, die irgendwo zwischen angeekelt und fasziniert liegt, versuche ich zu verstehen, welche Art dementen Wahnsinns das eigentlich ist, die sich da vor aller Augen im Oval Office covfefe.

Jetzt will er also das Kima nicht mehr retten, der Donald. Was ich wenig verwunderlich finde, hat er doch aus seiner geistigen Unfähigkeit keinerlei Hehl gemacht im Wahlkampf. Und außerdem liegt er mit seiner antiwissenschaftlichen Vollignoranz ja völlig auf der Linie der Partei, der er offiziell angehört und die sich immer mehr fragt, wie sie diesen Sith-Lord der Verblödung wieder loswerden könnte, ohne selbst dabei draufzugehen. Kassandra sagt: Vergeßt es, Jungs. Das wird nicht klappen.
Was bedeutet, der nächste Präsident könnte einer wie Mike Pence sein, der dann vermutlich direkt nach seinem Amtseid zu einem neuen Kreuzzug ins Heilige Land aufrufen würde. Was dann in der Besetzung Saudi-Arabiens endet oder so in der Art. Der Vizepräsident ist nämlich ein noch viel gefährlicherer Spinner als das Alien. Auch ein Typ wie Ted Cruz und andere christlich-fundamentalistische Vollspinner sind nur aufgeschoben, nicht aufgehoben. Ich bin also ausdrücklich dafür, den aktuellen Präsidenten weder zu erschießen noch per Impeachment aus dem Amt zu jagen. Die Alternativen sind einfach noch furchtbarer, selbst wenn man die eigene Vorstellungskraft dazu schon stark strapazieren muß.

Die Begründung des prototypischen Idioten ist ebenfalls sehr schön geeignet, diese Art des Nicht-Denkens zu illustrieren, die uns erst in die Situation gebracht hat, in der so etwas wie das Pariser Abkommen COP21 überhaupt notwendig geworden ist.
Donald Trump wirft unter anderem China und Indien vor, daß die ihre CO2-Emissionen weiterhin steigern dürften, die USA ihre aber senken müßten. Das sei „ein schlechter Deal und schlecht für Amerika“.
Das ein Land wie die USA diverse Jahrzehnte lang der einzige fette CO2-Verschmutzer gewesen ist und daher eben einiges an Vorsprung hat, was die emittierte Menge in Tonnen angeht, besonders pro Kopf der Bevölkerung, ist natürlich für jemanden wie Trump völlig unerheblich. Außerdem kommt in dem Satz nur einmal sein Name vor, deswegen liest er das vermutlich nicht, selbst wenn es ihm jemand aufschreiben würde. Wie – das wußte keiner? Weiterlesen

Geistiger Grillanzünder

,,Es ist besser, ein einziges kleines Licht anzuzünden, als die Dunkelheit zu verfluchen.“

Konfuzius

Eine Zeit, in der aus einer ländlichen Kultur eine städtische wird, aus einer kommunalen eine stark individualistische. Eine Zeit beständiger Kriege und Kleinkriege. Unaufhaltsame technologische Veränderungen drängen in den Alltag. Beängstigende neue Waffen mit vorher nie gesehener Zerstörungskraft. Neue Wege der Kommunikation und des Denkens. Alte Hierarchien, in der Politik und im Religiösen, im weltlichen wie im spirituellen Leben, die nicht mehr in der Lage sind, der sich schnell verändernden Lage Herr zu werden.
Verzweifelung in den Konferenzen der Herrschenden, die nicht so recht zu verstehen scheinen, was um sie herum passiert und warum es passiert. Ein weitverbreitetes Empfinden von Angst und Unsicherheit angesichts einer sich verändernden Welt, deren Wandelgeschwindigkeit kaum noch zu verfolgen ist. Eine Zeit des Zusammenbruchs, aus der neue Sichtweisen der Welt entstehen. Neue Arten, zu leben. Neue Auffassungen darüber, was es bedeutet, Mensch zu sein. Welchen Platz Mensch in der großen Matrix der Dinge einnimmt.

Klingt beängstigend nach unserer heutigen Zeit. Ist aber die Beschreibung der Achsenzeit, wie Karl Jaspers sie verwendet.
Jaspers, seines Zeichens in der Rubrik „Philosoph“ tätig, prägte den Begriff Achsenzeit im Rahmen seiner Arbeit im Jahre 1949. Er bezeichnet damit eine Periode, die sich etwa vom 8. bis zum 3. Jahrhundert vdZ erstreckt.
In dieser Zeit kam es in den beherrschenden Regionen der Erde zu großen Veränderungen in der menschlichen Lebensweise. In den Zivilisationen von China, Persien, Griechenland, Indien und im Nahen Osten breiteten sich ökonomische, technologische und gesellschaftliche Veränderungen aus, die noch nie dagewesen waren.
Die Eisenverarbeitung war eine dieser Veränderungen. Die Entstehung großer Städte, etwas, das wir heute Urbanisierung nennen würden. Mündliche Kulturen verschriftlichten sich, zum Beispiel die griechische, in der ein Dichter namens Homer die Ilias zu Papier oder besser, zu Pergament brachte und somit eine Geschichte festhielt, die schon Jahrhunderte vorher erzählt worden war. Ich hatte das schon mal irgendwo erwähnt, glaube ich.
Marktwirtschaft breitete sich aus. Ja, Marktwirtschaft und Kapitalismus sind tatsächlich Dinge, die nicht deckungsgleich sind, wie es uns heute immer gerne erzählt wird und wie wir das gerne annehmen, sei es aus Ahnungslosigkeit oder Bequemlichkeit.
Nach den Worten von Jaspers wurden in dieser Zeit „die Fundamente gelegt, auf denen die Menschheit noch heute steht“. Und das halte ich als Aussage für vollkommen korrekt.

Geschichte. Das ist einer der Gründe, warum ich hier, in diesem Blog, nicht ausschließlich irgendwas über den Kapitalismus erzähle. Also das, was heute unsere vorherrschende Wirtschaftsform darstellt. Denn diese Art des Wirtschaftens und des Verständnisses von Ökonomie ist noch nicht sonderlich alt. Im besten Falle 250 Jahre. Es ist etwas schwierig, das genau einzuordnen, denn – wer hätte es gedacht – Kapitalismus ist nicht einfach so entstanden, wie er heute ist.
Wir laufen nicht in einer Abstraktion herum, die sich „Kapitalismus“ nennt. Oder „Neoliberalismus“. Oder „Globalisierung“. Diese Dinge, diese Begriffe sind entstanden über einen Zeitraum hinweg. Sie haben also eine Geschichte, sie sind Geschichte und sie erzählen eine.
Innerhalb dieser Geschichte haben sich die Bedeutungen dieser Begriffe auch gewandelt. Das Vorstellungsbild im Kopf von Menschen bei einem Wort verändert sich im Laufe der Zeit. Wie ich auch schon mal hier und da erwähnte, denken wir Menschen in Geschichten. In Erzählungen. In Bildern.
Die Welt des Geistes, der Vorstellung von Menschen – und somit einer menschlichen Gesellschaft – muß sich mit der Wirtschaft und der Technologie weiterentwickeln.
Irgendwann erreicht eine Gesellschaft unweigerlich einen Punkt ihrer Entwicklung, an dem alte Antworten auf wichtige Fragen sich als beklagenswert unzureichend entpuppen. Als nicht länger angemessen. Sogar als schädlich.
In diesem Falle, in einer Gesellschaft im Umbruch, muß man neue Antworten finden. Oder womöglich neue Fragen stellen. Oder beides. Der Zusammenbruch einer Gesellschaft ist nur eine spezielle Form von Umbruch.
Das alles ist keinesfalls Zeitverschwendung. Um die richtigen Fragen zu stellen, muß man vorher über eine Thematik gründlich nachgedacht haben. Um Antworten zu finden, auch. Weiterlesen

Containertauchen gegen Hitler

,,Our main problem is a lack of understanding
of what it means to be human and that we are not separate from nature.”

Jacque Fresco, The best that money can’t buy

Als ich zugreife, bildet sich sofort ein schwarzer Rand unter meinen Fingernägeln. Abwägend nehme ich die Erde aus ihrer Verpackung, zerbrösele sie in meinen Händen. Wobei – zerbröseln ist nicht das richtige Wort. Ich zerquetsche sie. Denn dieser Boden hier hat eine Textur, eine tiefe, schwarze Farbe. Er zerbricht nicht einfach unter meinen Fingern, er gibt nach. Verformt sich. Weicht mir aus. Drückt sich in jede Ritze, jede Pore meiner Haut. Ohne eine Bürste werde ich diesen Schmutz nachher nicht mehr von meinen Händen bekommen.
Was ich vorher aus den Töpfen entfernt habe, war Dreck. Alte Erde vom letzten Jahr. Ausgelaugt. Verbraucht. Über den Winter auf dem Balkon ausgetrocknet. Ein geschrumpfter, fester Brocken, der aus den Blumentöpfen glitt, von Wurzelwerk durchsetzt. Ein Etwas, das ich tatsächlich auseinanderbröseln konnte. Keine Konsistenz.

Ich entsorge die Reste des Vorjahres immer auf dem Feld hinter dem Haus und dem Garten, der nicht mir gehört. Und jedes Mal fällt mir auf, wie der Boden, auf dem ich dann stehe und diese trockenen Reste von Pflanzerde entsorge, dem gleicht, was ich da aus den Töpfen hole. Toter Dreck. Ausgelaugter Staub. Nur die Impfung mit Dünger versetzt diesen ehemaligen Boden überhaupt in die Lage, irgend etwas Grünes hervorzubringen.
Viel zu fest ist er auch. Was ich gerade in den Händen halte, hat Volumen. Es hat Substanz. Ich kann fühlen, daß es zwischen den Materiebrocken dieser wirklichen Erde Luft gibt. Während meine Hände die Töpfe füllen und nach den Setzlingen greifen, sie in die Erde eintopfen, sehe ich in meinem Geist deutlich, wie die Wurzeln der Pflanzen bald diese winzigen Hohlräume durchziehen werden. Sie ausfüllen, sich ausbreiten, begleitet von Bakterien Leben aus dieser unscheinbaren Masse ziehen werden, während sie Sonnenlicht und Kohlendioxid atmen. Endlich. Der Frühling kommt spät in diesem Jahr.
Aber heute hat die Sonne Kraft, die Lufttemperatur ist beständig gestiegen die letzten Tage. Der leichte Wind trägt Frühling und Sommer mit sich, nicht mehr das regnerische Frösteln der letzten Wochen. Wie immer bringt Gaia in unausweichlicher Konsequenz den nächsten Zyklus hervor.

Es hat etwas Meditatives, etwas Friedvolles, dieser Griff in Mutterboden. Setzlinge eintopfen, weitere Erde auffüllen, ein bißchen Wasser auf die Pflanzballen vorher. Ein wenig festdrücken. Darauf achten, daß die größeren Setzlinge alle in die gleiche Richtung gekrümmt sind. Denn die Pflanzen werden sich auf dem Balkon natürlich an der Sonne orientieren. Ist die Krümmung unterschiedlich, wird eine von je zwei Pflanzen pro Topf sich verbiegen müssen und das ist nicht sinnvoll. Ich will geraden Wuchs haben in der Frühphase. Gleichmäßigkeit. Also Ballen drehen, Krümmung beachten, Erde aufhäufen, festdrücken, Topf richtig in die Sonne drehen.
Ein einfacher Rhythmus einfacher Handgriffe. Eine echte Tätigkeit. Das Ergebnis werden Küchenkräuter sein. Tomaten. Ein paar Vertreter von Digitalis purpurea, dem Fingerhut. Mit ihrem hohen Wuchs sollen sie ein bißchen wachsenden Sichtschutz bieten auf meinem Balkonien in diesem Jahr. Mal sehen, ob das klappt. Und niemand scheint heutzutage noch Liebstöckel zu benutzen. Zumindest bietet kein Supermarkt so etwas an in den üblichen Töpfchen in der Kräuterecke. Basilikum, Thymian – dieses Zeug ist da. Das gute alte Maggikraut, wie ich das als Kind immer genannt habe, weiß scheinbar niemand mehr zu schätzen. Weiterlesen

Neue Cäsaren

„We are governed, our minds are molded, our tastes formed, our ideas suggested, largely by men we have never heard of.“
Edward Bernays

Vor zwei Jahrtausenden, in einer Stadt namens Rom, galten die Tugenden eines Kriegers als so wichtig, daß sie unabdingbarer Bestandteil der Gesellschaft waren und von jedem erwartet wurden, der sich später um ein öffentliches Amt bewerben wollte.
Man setzte voraus, daß der jeweilige Römer seinen Teil zur Verteidigung des Gemeinwesens geleistet hatte, also den Militärdienst, der damals wohl so etwa zehn Jahre betrug. Das mögliche erste Amt, das dann üblicherweise ausgeführt wurde, war das einen Militärtribuns, was in etwa einem heutigen Stabsoffizier entspricht. Dieser Tätigkeit konnte sich eine Quästur anschließen, wobei ein Quästor heute so etwas wie ein Regierungsinspektor in der Finanzverwaltung wäre. Steuern und andere Gebühren einzutreiben war wohl die Haupttätigkeit eines Quästors. Auch als Untersuchungsbeamte waren sie tätig.
Wie jeder Asterix-Leser weiß, wurde dem korrupten Statthalter Agrippus Virus, der in Condate (Rennes) sein Unwesen trieb, der tapfere Quästor Claudius Incorruptus auf den Hals geschickt, um dessen verdächtig niedrige Überweisungen an die römische Staatskasse zu überprüfen. Was wiederum auf verschlungenen Pfaden die beiden Gallier nach Helvetien führt, also die Schweiz. Die übrigens sehr flach ist.

Im weiteren Verlauf des römischen cursus honorum, der Ämterlaufbahn, gab es dann noch die Ädilen, die Prätoren und schließlich – das Ziel aller Mühen – das Konsulat. Um einmal Agrippus Virus zu zitieren: „Ich bin gewählt auf ein Jahr. Ein Jahr, um reich zu werden!“
Denn tatsächlich wurden die römischen Ämter gewählt für die Dauer eines Jahres. Alle Ämter wurden mehrfach besetzt, damit sich die Kollegen gegenseitig bewachen konnten und deshalb durfte auch jeder den anderen beeinflussen. Also ihm in seine Entscheidungen reinquatschen. Was zur Folge hatte, daß man zu Zeiten eines Julius Cäsar bereits alle Amtsinhaber bestechen mußte, um irgendwas zu erreichen.
Außerdem durften keine zwei Ämter gleichzeitig ausgeführt werden und es mußte eine Pause zwischen den Ämtern geben, die mindestens zwei Jahre dauerte. Seltsamerweise gelten trotzdem die Griechen als Erfinder der Demokratie und nicht etwa die Römer, die ein wesentlich ausgeklügelteres System des Wählens und Verwaltens erschaffen haben. Im Athen eines Perikles durfte sich eine Handvoll besitzender Männer an einem Ort versammeln, um die Probleme der Allgemeinheit zu bequatschen und über irgendwas zu entscheiden. Wobei dieses „irgendwas“ natürlich sehr oft mit den besitzenden Männern zu tun hatte und nicht mit dem Rest der Bevölkerung, der weder männlich war noch besitzend. Oder überhaupt Bevölkerung, sofern es sich um Sklaven handelte.

Zu Cäsars Zeiten waren sämtliche Vorschriften über Ämterhäufung und -abfolge bereits längst Makulatur – das ist römisch für „keine Sau interessierte sich noch dafür“. Da wurde gebündelt und hintereinander gewählt, daß es nur so eine Freude war. Eines der Ämter, die in Rom ebenfalls gewählt wurden, war das des Diktators. Wir stellen uns da heute immer etwas anderes vor, aber vor zweitausend Jahren war ein Diktator ein offiziell beauftragter Typ, der üblicherweise für Rom die Kastanien aus dem Feuer holen mußte, das Rom vermutlich selbst angezündet hatte. Damals war ein Diktator sozusagen Teil des demokratischen Prozesses. Zumindest diese Sitte scheint sich heute wieder einzubürgern in der westlichen Welt. Überall tauchen neue Diktatoren auf und wollen die Demokratie retten, indem sie sie abschaffen. Ganz aktuell in der Türkei.
Kaum war dieser etwas seltsame Putsch im letzten Jahr vorbei, war hinterher jeder ein verdächtiger Putschist, dessen Nase Erdogan nicht gefiel. Wie sich herausstellte, sind das ziemlich viele Menschen, die gerne auch mal Journalisten, Universitätsprofessoren oder Justizbeamte sind. Inzwischen sind Dutzende Journalisten in Haft, der türkische Außenminister redet davon, daß ein Land wie Deutschland sich gefälligst mal seiner total tollen Supernation gegenüber respektvoller zu benehmen habe und Erdogan hat amtlich – also selber morgens beim Frühstück – festgestellt, daß natürlich Muslime Amerika entdeckt haben und überhaupt dem Islam wesentlich mehr Gewicht zukommen sollte in Europa und der säkularen Türkei. Sensationelle Geschichte, im wahrsten Sinn des Wortes. Ich wußte gar nicht, daß die Wikinger, die im neunten Jahrhundert bei Neufundland an Land gingen, Muslime waren. Die norwegische und dänische Regierung übrigens auch nicht. Weiterlesen

Die Zukunft ist smart

„Es ist erschreckend offensichtlich geworden, daß unsere Technologie unsere Menschlichkeit
überflügelt hat.“
Albert Einstein

Dem Ölland mit den „größten Reserven der Welt“ fehlt es an Sprit. So schreibt es die FAZ über Venezuela. Ja, Venezuela, nicht etwa Saudi-Arabien.
So weit dann zu „Reserven“. Oder „Öl“. Erstens ist venezolanisches „Öl“ ein fieses Zeug voller Schwefel und relativ zäh. Kein Vergleich mit dem, was früher so aus dem Boden sprudelte, wenn man einen Stock in einen Tümpel im Sumpf gerammt hat. Das war so in den 50er Jahren. Was Venezuela heute fördert, fällt unter „Schwerstöl“. Das heißt nicht umsonst so.
Zweitens muß man eben dieses zähe Zeug gründlich und langwierig raffinieren, um was daraus zu machen. Benzin, beispielsweise. An eben diesen Kapazitäten mangelt es dem Land gewaltig. Das angebliche Ölland muß einen Großteil des Benzins importieren. Voll nützlich, dieses ganze Öl, wenn man keine Raffinerien hat.
Ach ja – drittens hat man die venezolanischen Reserven vermutlich das letzte Mal bewertet, als der Ölpreis bei 115 Dollar lag. Denn „Reserven“ bedeutet grob: Alles, was aussieht wie Öl und eventuell ökonomisch ausgebeutet werden kann zu aktuellen Bedingungen. Im Grunde müßten also die „Reserven“ von allem – denn das Prinzip gilt für alle Rohstoffe – regelmäßig neu bewertet werden. Die meisten Länder tun das aber nicht. Aus Gründen.

Venezuela gehört zum Beispiel zur OPEC und dieser Laden legt seine Förderquoten fest im Verhältnis zu den Reserven, die ein Land angibt.
Öl, Kohle, Gas, Eisenerz und andere Dinge sind nur dann „Reserven“, wenn sie auch ökonomisch nutzbar sind. Alles andere fällt definitionsmäßig unter „Ressource“. Die großen Ölgesellschaften der Welt haben schon Anfang 2014 und davor dank so horrend teurer Methoden wie Fracking mit Verlusten gearbeitet. Das war vor dem Rückgang der Preise um gute 60 Prozent. Sollte jetzt eine Firma wie – sagen wir mal, Exxon Mobil – gezwungen sein, die eigenen Investitionen neu zu bewerten, dann würde der Wert des gesamten Konzerns um eben diese Prozente sinken. Denn plötzlich wäre mein Öl in den Büchern eben mit realistischen Werten verzeichnet. Das wäre allerdings für börsennotierte Großkonzerne der Energiebranche ziemlich unangenehm. Deshalb verzichtet man großzügig auf derartig kleinliche Bilanzierungsregeln. Immerhin hat man das bei den Großbanken ja auch getan. Wenn man früher miese Papiere ausgelagert hat, um sie dann aus den eigenen Büchern zu streichen und so zu tun, als sei alles tiptop in Ordnung, war das Bilanzbetrug. Heute ist es längst gängige Praxis.

Im Moment fördern sich die größten Ölländer der Welt allesamt in den finanziellen Ruin. Unter anderem natürlich auch Venezuela, denn dieses Land braucht nach verläßlichen Schätzungen einen Ölpreis von etwa 85 Dollar pro Barrel, um profitabel arbeiten zu können. Dieser Preis ist aber seit dem Herbst 2014 nicht mehr existent und auch derzeit nirgendwo in Sicht. Die Wahrscheinlichkeit, daß Venezuela also an den zu niedrigen Ölpreisen stirbt und sich in einen failed state verwandelt, steigt quasi seit gut zweieinhalb Jahren täglich. Wie Griechenland, nur eben mit Öl.
Von irgendwelchen ökologischen Aspekten oder der Tatsache, daß auch Bergbau nicht mit Hamstern betrieben wird, reden wir da mal gar nicht. Prost, Gemeinde! Weiterlesen

Eine Meditation zwischen Spielzeugen

,,Logik ist der Zement unserer Zivilisation, mit dem wir unter Gebrauch der Vernunft
aus dem Chaos emporsteigen.“

T’Plana-Hath

Ein ganzer Raum voller Spiele. Mehrere Regale. Es sind Brettspiele. Kartenspiele. Würfelspiele. Einige von ihnen sind im besten Zustand. Anderen sieht man an, daß sie bereits eine Reise hinter sich haben. Aber sie sind noch vollständig und benutzbar. Nichts ist hier mehr neu. Aber alles funktioniert noch.
Alle diese Spiele haben etwas gemeinsam. Nichts an ihnen ist elektronisch. Nichts in diesen Regalen erfordert Batterien. Nichts leuchtet, klingelt, oder piepst. Es sind, so könnte man es sagen, allesamt altmodische Spiele. Sie wirken wie aus der Zeit gefallen. Nichts von dem, das hier herumsteht, hat ein Tutorial. Nirgendwo blinken Pfeile, keine Sprechstimmen erzählen dem Spieler, was er zu tun hat. Nirgendwo in diesen Spielwelten gibt es ein Missionsbriefing mit einer KI nach einer dramatischen Videosequenz. Übrigens muß man auch in keinem dieser Spiele die Welt retten, soweit ich das erkennen kann. Statt mich direkt mit den Dingen vertraut zu machen, während bereits die ersten Aliens die eigene Basis angreifen, muß man hier tatsächlich zuerst irgendwelche Dinge aufbauen, in die Hand nehmen, sich fragen wofür sie gut sind, und sie dann ihrem vorgesehenen Zweck zuführen.
Dafür muß man hier, in dieser komischen Welt, Bedienungsanleitungen lesen. Geheimnisvolle Menschen haben auf Papier gedruckt, wie der Ablauf der Dinge sein sollte. Wenn sich alle an die Regeln halten, versteht sich.
Alle diese Spiele hier erfordern also, daß man sich mit ihnen beschäftigt. Sich mit Zusammenhängen auseinandersetzt. Was die Angelegenheit allerdings noch viel schlimmer macht, ist der zweite Punkt, den sehr viele dieser Spiele gemeinsam haben: Es handelt sich durchweg um sogenannte Gesellschaftsspiele.

Hier wird also erwartet, daß sich mehrere Menschen zusammensetzen, in einer Gruppe. Oft ist der Grundgedanke, daß sich ältere Menschen mit der Altersgruppe zusammensetzen, die sich eher am unteren Rand der häufig auf den Verpackungen angegebenen Anzahl gesammelter Geburtstage bewegt. Dann soll man versuchen, das Spiel zu erschließen. Gesellschaft eben, in einem recht unmittelbaren Sinne des Wortes.
Das dieses ganze Zeug in diesem Raum vor sich hin verstaubt, sagt eine ganze Menge über unsere Gesellschaft aus, finde ich.
Scheinbar spielen Eltern nicht mehr mit ihren Kindern. Oder Kinder miteinander. Jedenfalls nicht mehr, indem man sich in einem Haushalt an einen Tisch setzt. Heute teilt man sich ein gemeinsames W-LAN und ruft die Blagen über WhatsApp zum Essen. Oder indem man den Router abschaltet, das kommt ganz drauf an. Damit bricht dann auch die Multiplayer-Partie Battlefield zusammen, in der die neunjährige Tochter ihrem zwölfjährigen Bruder gerade beim Capture the Flag so richtig eins reingewürgt hat, mit dem Raketenwerfer zwischen die Augen. Wobei ich jetzt nichts gegen Raketenwerfer gesagt haben will. Der Tintenfisch-Raketenwerfer in Borderlands war überaus witzig. Weiterlesen

Die Psychologie des Untergangs

,,Ozeanien führt Krieg gegen Eurasien. Ozeanien hat immer Krieg gegen Eurasien geführt.“

George Orwell

Während sich achttausend Kilometer westlich von mir der offizielle Hort von Demokratie, Freiheit und Menschenrechten in eine Diktatur verwandelt, die von einem pompös aufgeblasenen Schuljungen angeführt wird, stelle ich mich unter die Dusche. Warmes Wasser rieselt auf mich, aus einem Plastikduschkopf und im Keller warmgehalten mit der Hilfe von Erdgas. Der Schaum auf meinem Astralkörper ist reine Chemie, auch wenn er so phantastisch nach Mandarinen riecht, daß ich am liebsten in den eigenen Oberarm beißen möchte.
Während die Fassade unserer Zivilisation sich mehr und mehr auflöst, spüle ich mir das Zeug aus den Haaren, das mein Fell geschmeidig glänzend macht, ein weiteres Erzeugnis chemischer Zauberküchen. Schaum verschwindet in einem sich beschleunigendem Wirbel im Abfluß. Genauso wie die bröselnden Teile unserer Kultur sich in einem immer schnelleren Strudel verwandeln, der weitere Stützen einreißt, weitere Teile der Fassade wegspült.
Die Frage, was mit einer ganzen Gesellschaft geschieht, die Zeuge wird, wie sich ihre über Jahrzehnte und Jahrhunderte aufgebauten Geschichten als Lügen herausstellen, als Märchen, als schlechter Witz – diese Frage ist für meinen Teil beantwortet. Ebenso wie einzelne Menschen können Gesellschaften den Verstand verlieren. Und sie tun es auch.

In der Psychologie gibt es den Ausdruck des „Double Bind“. Die Doppelbindungstheorie wurde aufgestellt von einem Mann namens Gregory Bateson, und zwar in den 50er und 60er Jahren. Das ungewöhnliche an Mr Bateson war, daß weder Psychologie noch Medizin zu seinen Hauptfächern gehörte. Bateson war Anthropologe mit einem Hintergrund in Kommunikationswissenschaften. Und er war ein Kybernetiker, also einer der Vertreter der damals noch sehr exotischen Gattung des Homo Nerdius. Was aber sehr wohl passend ist, denn ursprünglich beschäftigt sich Kybernetik als Wissenschaft mit der Übermittlung von Informationen.

„Kommunikation?“, denkt sich der Normalmensch.
„Was soll daran so interessant sein? Kann doch jeder. Macht ja auch jeder.“
Und dann fährt man in den Urlaub und lernt Tauchen und haut dem Lehrer eins in die Fresse, weil der einen unter Wasser ein Arschloch genannt hat. Oder man kriegt eins auf die Fresse, weil man einen Autofahrer genauso beleidigt hat.
Nur bedeutet der Kreis aus Daumen und Zeigefinger mit dem abgespreizten Rest bei Tauchern eben nicht „Arschloch“ sondern: „Alles ok hier.“
Genauso bedeutet der Daumen, der am Straßenrand irgendwo hinzeigt, bei uns an der Bundesstraße „Nimm mich mit“ und nicht „Fick dich, Penner!“
In Europas Süden ist das stellenweise eben anders. Ganz so simpel, wie es aussieht, ist das mit der Kommunikation dann wohl doch nicht. Weiterlesen

My hollow Trumparicans…

Gestern war es dann endgültig soweit: Aus dem President-Elect wurde nach Ablegen des Amtseids endgültig „Mr. President“. President Trump. Obwohl ich bereits ein gutes Jahr vor der Wahl vom Sieg dieses Mannes geschrieben und mich schon im Januar darauf festgelegt hatte, fühlt sich allein diese Wortkombination auf meiner Großhirnrinde irgendwie schleimig an. President Trump. Irgendwas ist doch hier völlig surreal.
Jetzt wird sich zeigen, ob die USA die von Gott so auserwählte Superdupernation des Planeten sind, für die sie sich in ihrem burgerbekifften Größenwahn immer halten. Sie wird allen göttlichen Beistand brauchen, den sie bekommen kann, diese Nation.

Wenn es an der Zeit wäre, mal einen fetten Blitz vom Himmel zu werfen, dann wäre dieser Moment die Vereidigung der kleinen, pelzigen Alienkreatur gewesen, die auf dem Kopf von Donald J. Trump wohnt und seinen Körper steuert. So eindeutig richtig kann ein Moment überhaupt nur einmal in der Geschichte des Universums sein. Außerdem hätte Gott® damit auch jegliche Zweifel an der eigenen Existenz beenden können – so ein spektakulärer Blitzschlag auf den Stufen des Kapitols hätte sich auf die Twitter-Follower des Herrn sicherlich durchaus positiv ausgewirkt, könnte ich mir so vorstellen.
Aber nein – kein Blitz. Nicht mal die Hand ist dem Kerl abgefault, als er auf die Verfassung der USA geschworen hat. Gut, das haben auch schon andere Typen hingekriegt, ohne sofort von Beulenpest befallen zu werden. Das mit dem Lügen ist ja keine Erfindung von Trump. Richard Nixon hat beispielsweise so viele Lügen gezüchtet, daß man sich wundern mußte, wie er da überhaupt den Überblick behalten konnte.

Jimmy Carter, der alte Erdnußfarmer, versprach seinen fellow Americans, er werde ihnen stets die Wahrheit sagen. Was er dann ab und zu auch gemacht hat. Zum Beispiel, als er Solarzellen auf das Weiße Haus nageln ließ und seine Nation darüber informierte, daß sie auf zu großem Fuß lebt. Was der Teil der Wahrheit war, den die Amis schon damals nicht hören wollten, weshalb Carter auch nach einer Amtszeit spontan nicht wiedergewählt wurde. Ich war ganz überrascht, den Mann gestern in der Übertragung der Inauguration in der Menge zu entdecken. Ich dachte, der wäre schon tot. Aber nein, Jimmy Carter ist 92. Das ist nah dran am tot sein, nehme ich an. Aber er ist noch da.

Das ist so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit, wie ich finde. Denn so konnte einer wie Carter sehen, was auch durch seine Schuld gestern passiert ist. Carter mag ab und an gelogen haben. Richard Nixon steht auf dieser Skala weit über ihm.
Aber all das wird von Trump problemlos überboten, eindeutig.
Dieser Mann lügt und behauptet dann mit dem nächsten Tweet einfach das Gegenteil. Völlig unbelastet von Fakten oder ihm vorgehaltetenen digitalen und sonstigen Beweisen, die Donald J. Trump beim Erzählen von kackdreisten Lügen zeigen, streitet Donald J. Trump ab, den Kerl auf dem Youtube-Video überhaupt zu kennen.

Das Erschreckende daran ist: Es gibt Momente, in dem glaube ich ihm das sogar. Wie grenzenlos unbeschwert es sich doch regieren läßt als denkbefreite Zone, es muß herrlich sein.
Seit gestern ist die weltmachtigste Weltmacht des Planeten in den kleinen Händen eines Mannes, der Präsidentendekrete auf 140 Zeichen in den asozialen Medien eindampft. Im Grunde eine angemessene Form, die stinkenden Reste amerikanischer Demokratie offiziell zusammenzufegen und endgültig in den Treteimer der Geschichte zu befördern. Rott in Peace. Weiterlesen

Bestimmung der Fallgeschwindigkeit

,,It’s the end of the world as we know it
and I feel fine.“

R.E.M.

Großer Gott, was war das eine furchtbare Wahlnacht im November. Der Kandidat, von dem alle sich seit Monaten gefragt hatten, wie er überhaupt Kandidat für irgendwas werden konnte außer womöglich für Werbung für Zahnpasta oder Selbstbräuner, ging auf die Bühne, um seinen überwältigenden Wahlsieg gebührend zu feiern. Ausgerechnet dieser Typ, dem die meisten Kommentatoren jegliche Eignung für sein Amt abgesprochen hatten, stand als Sieger auf dem Treppchen des Präsidentenrennens.
Er hatte nicht gewonnen, weil er das bessere Programm hatte. Sein Sieg war vor allem auch Folge von sehr schwachem und wenig überzeugendem Auftreten seines Gegenspielers. Im Angebot des Gewinners befanden sich eigentlich nur Platitüden ohne Inhalt, reine Schlagworte. Irgendwas mit den Russen war gerne dabei. Und natürlich immer wieder dieses Gerede von Amerika als „großer Nation“, die unbedingt wieder ihrem Auftrag gerecht werden müsse, die freie Welt zu führen. Ob die freie Welt das will oder nicht, war dabei völlig egal. Und wohin genau man die führen solle, die freie Welt, das ließ der Kandidat auch offen und widersprach sich bei dieser Frage gerne selbst. Nach dem, was er so von sich gab, notfalls auch in den Abgrund.

Ein grinsender Schwachmat mit platten Sprüchen und eher mäßigem politischem Hintergrund hatte die Wahl gewonnen. Die Medien weltweit überschlugen sich vor Entsetzen. Wie hatte das nur passieren können? Dieser Mann sollte Amerika regieren? Und diese Frisur!
Niemand wußte, was sich daraus ergeben sollte. Auf keinen Fall etwas Gutes, denn der Kerl hatte einfach nichts drauf. Weder intelligent noch gebildet, im Grunde ein Typ vom Lande, der seine eigene Ignoranz gegenüber so ziemlich allem wie eine Monstranz vor sich her trug. Außerdem auch noch siebzig Jahre alt, nicht gerade ein junger und dynamischer Verwalter des einflußreichsten politischen Amtes des Planeten.
Ja, dieser 20. Januar 1980, an dem ein Mann namens Ronald Reagan seinen Amtseid ablegte auf den Stufen des Kapitols, war kein guter Tag für die weitere Entwicklung der Zivilisation.

Da sage noch einer, Geschichte wiederholt sich nicht. Wie bereits schon mehrfach festgestellt innerhalb dieser Blogzeilen: Doch, tut sie.
Ein Kreis ist ein nahezu perfektes Symbol für die Gesamtheit der menschlichen Historie. Oder eine Schlange, die sich in den Schwanz beißt, die Welt umgibt und sie somit zusammenhält.

Menschen sind gefangen in Narrativen. In Geschichten, die sie sich darüber erzählen, wie die Welt beschaffen ist. Wobei sie in Wahrheit sehr oft Geschichten darüber erzählen, wie die Welt beschaffen sein sollte, was einen Unterschied ausmacht.
Das ist die Art und Weise, wie Mensch die Welt begreift. Ihr Sinn verleiht, den sie oft im flüchtigen Hinsehen nicht zu haben scheint. Im Grunde genommen besteht menschliche Zivilisation aus Geschichten.
Das Narrativ von Fortschritt und Innovation hatte ich bereits ausführlich erwähnt. Dieses realitätsresistente Beharren auf der Überzeugung, daß irgendein sogenannter Fortschritt erstens ewig ist und zweitens immer Ergebnisse hervorbringt – und natürlich hervorbringen wird – die ausschließlich zu einer Verbesserung unserer Lebensumstände führen.
Unsere Eigenart, immer wieder von „Technologie“ zu reden, obwohl wir doch so etwas gar nicht besitzen. Wir sind Bewohner der Technosphäre. Wir sind Einwohner von Mythopolis. Kein technologisch wirklich nützliches Dingsbums steht ohne ein Fundament aus anderen Dingen einfach so im Raum herum. Überall greifen Dinge ineinander, wie Zahnräder einer großen Maschine.
Ein Mann namens Lewis Mumford hat einmal ein Buch darüber geschrieben. Es heißt Mythos der Maschine. Das, was ich die Technosphäre getauft habe, und das, wovon diese wiederum nur ein Teil ist, nämlich unsere industrielle Zivilisation, hat Mumford in seinem Buch die Megamaschine genannt. Weiterlesen

Die Schlange bewegt sich

„Tomorrow belongs to those who can hear it coming.“

David Bowie

Bereits am Anfang des letzten Jahres wollte ich es als gebraucht zurückgeben. Denn kaum veröffentliche David Bowie doch noch eine neue Scheibe, worüber ich ebenso erstaunt wie überrascht und erfreut war, starb der große Mann der Musik nur zwei Tage später. Er fehlt mir noch immer.
Italien verlor Umberto Eco, den großen Literaten, dessen verfilmtes Werk „Der Name der Rose“ auch dank eines urgenialen Sean Connery zu einem meiner liebsten Filme zählt. Keine größere Szene als die, in der der leicht angesengte und intellektuell überaus streitbare Mönch William von Baskerville am Fuße des brennenden Bibliothekturms die unter seiner Kutte verborgenen Bücher fallen läßt, die er so gerade noch retten konnte.
Auch Bud Spencer ist tot, ein Mann mit wirklich bewegter Vergangenheit, dessen Filme ich immer mochte, weil man genau wußte, daß auch nach der wüstesten Prügelei alle wieder aufstehen. Außerdem ist nicht alle fünf Sekunden ein Häuserblock explodiert.
Der Mann, der Goethe die Frage hätte beantworten können, was „die Welt im Innersten zusammenhält“ ist ebenfalls tot. Denn zweifellos halten Artur Fischers Dübel heute einen guten Teil der Welt zusammen, in der wir leben.
Die Latzhose meiner Kindheit ist tot. Peter Lustig, der Mann aus dem Bauwagen, der Erklärbär aus dem Fernsehen, gehört zu den Verlusten des Jahres, die mir mein eigenes Alter deutlich vor Augen geführt haben.
Severus Snape ist tot, nicht nur im Film, sondern auch real. Was ich selbst als jemand mitbekommen habe, der die verdammten Harry-Potter-Romane noch immer nicht gelesen hat. Wobei mir erst im Nachhinein auffiel, in wie vielen Filmen mir Alan Rickman eigentlich schon begegnet war.
Deutschlands größter Außenminister, der Pullunder des Grauens, the Genschman himself, wurde für immer abberufen im vergangenen Jahr. Eine weitere Stimme altersweiser Politik, die nicht mehr gehört werden kann. Gerade jetzt, wo man sie so dringend braucht.

Von Prince und Muhammad Ali rede ich mal gar nicht, beides schwere Schläge für die Musikszene und auch für die Schwarzen in den USA, zweifellos. Der Professor des Boxens, schon lange schwer gezeichnet, war eine Ikone der Bürgerrechtler. Eigentlich war er wohl deren letzte Ikone. Übrig bleibt nur hysterisches Kreischen.
Götz George, viel unterschätzter Schauspieler und Bühnenmann im Schatten seines Vaters, hat uns verlassen, der ewige Kommissar hat seine Marke für immer abgegeben.
In Großbritannien ist mit der Ermordung von Joe Cox im Vorfeld des Brexit der erste politische Mord seit Menschengedenken zu verzeichnen auf der Insel. Gene Wilders Tod war leider auch kein Witz, sondern die Wahrheit.
In Thailand starb König Bhumipol, der Mann, der von seinem Thron aus dieses Land in Südostasien siebzig Jahre lang zusammengehalten hat. Die Zukunft ist ungewiß für diese Nation. Sie ist damit nicht allein auf diesem Planeten.

Immer noch tot, obwohl wir ihn dringend bräuchten: David Bowie. Heute vor einem Jahr brachte der große Mann der Musik sein letztes Album heraus. Zwei Tage später hat er die Bühne für immer verlassen. Das letzte Jahr fühlte sich irgendwie komisch an für viele Menschen.
Coverphotographie von „Heroes“, 1977

Sharon Jones wird ihren wütenden, donnernden Soul nicht mehr in die aufgekratzte Menge ballern können, wie es die 60jährige drauf hatte wie kaum eine andere. Schon wieder weniger Musik auf einer Welt, die dringend mehr davon braucht.
Mit Fidel Castro starb eine der wohl umstrittensten, aber zweifellos auch einflußreichsten politischen Figuren des 20. Jahrhunderts. Das Erbe des Máximo Lider wird jetzt von den USA kolonisiert werden. Einer der letzten großen Gestalten des Kalten Krieges hat die Bühne verlassen.
Leonard Cohen, der düstere Barde der Musik, ist ebenfalls nicht mehr im Studio des Lebens anzutreffen, er starb mit immerhin 82 Jahren. Im Gegensatz dazu starb der Pop-Kollege George Michael mit nur 53 deutlich zu jung. Viele haben ihm immer vorgeworfen, ein typischer Föhnfrisur-Popmusiker der 80er Jahre gewesen zu sein. Was daran schlimmer sein soll, als ein typischer Elektro-TransDanceTripHopTechno-Knöpfchendreher der 90er zu sein, erschließt sich mir nicht so ganz. Ich habe zwei Platten von dem Mann, der sich ein halbes Leben damit rumquälte, schwul zu sein und nicht dazu stehen zu können: Faith und Listen without prejudice. Beide Scheiben sind durchaus geil, und mehr muß ich darüber nicht wissen.

Dazu ist auch noch der Chor der Roten Armee mit dem Flugzeug abgestürzt, 98 Menschen kamen über dem Schwarzen Meer ums Leben am ersten Weihnachtstag. Nein, das Jahr 2016, dieses seltsame, surreale Jahr, hat es mit der Musikwelt nicht wirklich gut gemeint. Oft hatte ich das Gefühl, das TOD seinen Job an unterbezahlte Dauerpraktikanten mit Barcelona- Bachelor abgegeben hat. Weiterlesen