Quo vademus?

„Niemals war eine Kriegserklärung mit so viel Genugtuung entgegengenommen worden.”
Raymond Poincaré

Ministerpräsident Frankreichs, Tagebucheintrag vom 3. August zum Erhalt der deutschen Kriegserklärung

Heute vor einem Jahrhundert: Der Waffenstillstand von Compiègne beendet die Kampfhandlungen des europäischen Konflikts, der später „Erster Weltkrieg” genannt werden wird. Für die Zeitgenossen ist er einfach nur der „Große Krieg”.
Etwa 15 Millionen Menschen sind tot. Die alte Weltordnung, mit einem Britischen Empire als Führungsmacht eurpopäischer Kolonialherrschaft, ist dabei, endgültig in Stücke zu brechen. In Deutschland, dem Verliererstaat, entsteht die Legende vom im Felde unbesiegten Heer, noch während Philipp Scheidemann und Karl Liebknecht gleich zweimal an einem Tag die deutsche Republik ausrufen und der tödlichste Treppenwitz der Geschichte, Kaiser Wilhelm II., sich feige ins Ausland verpißt, um dort seinen luxuriösen Lebensabend zu verbringen.

Not with a whimper, but a bang – so hat Europa sich von der Gestaltung der Zukunft verabschiedet. Zurück bleiben Verwüstungen, die nicht nur materiell, sondern auch psychologisch tiefgreifend sind und der Geschichte einen anderen Verlauf geben. Mit dem späteren Versailler Vertrag, an dessen Gestaltung das angeblich allein kriegsschuldige Deutschland nicht eine Minute teilgenommen hat, legen die alliierten Siegermächte den Grundstein aus ökonomischen Niedergang, Haß und Rache, der nur zwei Jahrzehnte später dazu führen wird, daß eine ganze Nation in wahnsinniger Zukunftsangst den Verstand zu verlieren scheint. In fanatischer Raserei wischen die politischen Sektierer des Nationalsozialismus jegliche kulturelle Errungenschaft beiseite und die Bevölkerung folgt größtenteils willig. Nicht nur in Deutschland. Continue reading →

…und rechts viel Freiheit

Das interessante Fundstück des Tages kommt aus – Sachsen. Und zwar aus Chemnitz. Genau, es ist das, was jetzt alle vermutet haben: Crystal Meth. Oder besser, die Rückstände dieser recht günstig herstellbaren Drogenpest, gefunden im Abwasser der Stadt in wohl signifikanten Mengen.
Das könnte jetzt einiges erklären über die Ereignisse der letzten Tage, bei denen das ehemalige Karl-Marx-Stadt so überaus unrühmlich im Mittelpunkt stand und steht. In dem Bundesland, in dem es nach Aussage eines ehemaligen Ministerpräsidenten überhaupt keinerlei Nationalsozialismus, Faschismus oder gar Rechtsextremismus in Verbindung mit allgemeinem Arschlochtum gibt. Nein.

„Die sächsische Bevölkerung hat sich als völlig immun erwiesen gegenüber den rechtsradikalen Versuchungen.”

So sprach Kurt Biedenkopf, zwölf Jahre Ministerpräsident aus dem Westen, genauer, aus Ludwigshafen, im Neuostland über Neuostland. Im September 2000. Seit Anbeginn aller Zeit – also seit der Wiedervereinigung – wird Sachsen von der CDU regiert. Und die CDU muß solche Dinge wissen. Niemand ist besser dafür geeignet, an rechtsradikalen Versuchungen vorbeizusehen als die CDU, sieht man mal von der CSU ab. Außerdem kann niemand einer Versuchung erliegen, der schon Mitglied im Club ist.
Bei Frau Maischberger sprach gerade erst wieder ein Experte für Rechtsextremismus zur Fernsehnation: „Sachsen hat ein Nazi-Problem.”
Wo sind diese Experten nur immer, wenn man sie mal bräuchte, um so manches Problem präventiv zu bearbeiten, frage ich mich. Vermutlich warten die alle auf die nächste Einladung in eine Talkshow, während sie leeren Blickes vor dem 80-Zoll-UHD-Fernsehgerät sitzen und sich pöbelnde Pegidioten ansehen in den Nachrichten.
Ich denke nicht, daß Sachsen ein Naziproblem hat. Es ist ja nicht nur Chemnitz. Es war einmal Hoyerswerda, damals™, als die neue deutsche Republik nach ihrer etwas überhasteten feindlichen Übernahme der östlichen Konkursmasse plötzlich wiedervereinigt war. Oder werden sollte. Irgendwie so war ja der Plan. Glaube ich jedenfalls. Es war in den letzten Jahren auch Freital. Oder Clausnitz. Oder Heidenau. Wobei – die liegen auch alle in Sachsen. Continue reading →

Dissonanzen

Die Verwerfungslinien der Geschichte knirschen bereits seit Jahren immer wieder und immer lauter vor sich hin, fleißig ignoriert von der Politik und Finanzwelt Europas und Amerikas. Das geistig stabile Genie, von der Wahlbevölkerung der USA vor jetzt anderthalb Jahren ins Weiße Haus gewählt, hat sich inzwischen als perfekter Tinder-Match für den Geisteszustand dieser seltsamen Nation jenseits des Atlantik herausgestellt.
Wie der besoffene Barprolet morgens um Zwei ziehen die USA seitdem um die Häuser, pissen in die Blumenrabatten und kotzen dem Planeten den Vorgarten voll, wo immer sie eine Gelegenheit finden. Eine ehemalige Super- und Weltmacht, die nichts mehr gebacken kriegt außer einer erratischen Außenpolitik, die sämtliche Konflikte, die man nur finden kann, massiv anheizt. Die gefährlichste Nation der Erde ist aktuell nicht Nordkorea. Oder Israel, diese bedauernswerte ehemalige Nation, die klar zeigt, was passiert, wenn religiöse Fanatiker dauerhaft die Regierung stellen oder zumindest übermäßig beeinflussen.

Während eine Botschaft nach Jerusalem verlegt und damit vierzig Jahre Nahost-Politik eingeäschert werden, werfen woanders Demonstranten an Grenzen mit Steinen, woraufhin die Beworfenen mit Luftangriffen antworten.
Die UN-Botschafterin der USA wird das am nächsten Tag als „zurückhaltend” loben. Ich würde sagen, wenn auf einer Seite 60 Menschen tot sind und über 2.000 verletzt, während die tapferen Verteidiger vor den herandrängenden angeblichen Barbarenhorden keine Verluste zu verzeichnen haben, war irgendwo der Abzugsfinger eindeutig zu locker. Und es kann wohl nur auf der Seite der Fall gewesen sein, die auch Scharfschützen in Stellung hatte.
Beunruhigend hier auch die Stellungnahme deutscher und anderer Medien. Immer wieder wird von Ansturm auf die Landesgrenze gesprochen. Dabei gibt es zwischen dem Gazastreifen und Israel gar keine Grenze im völkerrechtlichen Sinne. Denn der Gazastreifen ist kein Staat. Es gibt zwar den Staat Palästina, aber der wird von vielen anderen nicht offiziell anerkannt. Unter anderem von so ziemlich der gesamten EU und natürlich Israel, diesem entarteten Traum von Gerechtigkeit, der heute Kinder erschießt, das als Selbstverteidigungsmaßnahme zur Seite wischt und darauf besteht, unbedingt das Opfer zu sein.
Aber möglicherweise ist diese bequeme Lüge nicht länger hinnehmbar. Womöglich sind die Nachfahren der Opfer einer anderen Zeit längst zu Tätern, Mittätern und Mitläufern verkommen, deren Vorgehensweisen nicht weniger menschenverachtend sind als die von Tätern aus vergangenen Zeiten. Continue reading →

Das wahre Morgen

– XI –

Kraft der Geschichte

„Watch the dreams and fantasies of a society and you can catch the foreshadowings of its future – sometimes.”

John Michael Greer

Der Mann auf dem Thron ist Kaiser eines mächtigen Imperiums. Er verlangt vom Mann vor seinem Thron Antworten auf drängende Fragen, die seine Herrschaft betreffen.
Hari Seldon, Mathematiker von Helicon, einer eher unbedeutenden Randwelt des Galaktischen Imperiums, die nach seiner Aussage eher bekannt ist „für ihren Kampfsport und weniger für ihre Mathematiker”, hat sich einen Doktorgrad erworben und Jahre damit verbracht, eine mathematische Theorie soziologischer Phänomene zu erarbeiten, die er Psychohistorik nennt.
Hofbeamte des Kaisers haben davon Wind bekommen und den Mann auf dem Thron erzählt, daß der Mann aus der Provinz eine Möglichkeit gefunden habe, die Zukunft vorauszusehen. Natürlich ist das nicht richtig, denn, wie Seldon dem Kaiser bei seiner erzwungenen Audienz erklärt, beschäftigt seine Theorie sich lediglich mit mathematischen Vorhersagen auf Wahrscheinlichkeitsbasis.
Subjekt dieser Berechnungen ist allerdings tatsächlich die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft.
Für die wiederum sehe es nicht gut aus, so erläutert Seldon seinem monarchischen Herrscher, eigentlich müsse er sogar davon sprechen, daß das Galaktische Imperium seinem Untergang entgegensehe.
Aufgrund der ermutigenden Aussagen dieser Art haben die Hofbeamten den impertinenten Kerl überhaupt vor den Kaiser gebracht, denn sie finden solche Aussagen defätistisch. Immerhin existiert das Imperium zu diesem Zeitpunkt bereits fast 12.000 Jahre. Der Mann mit dem Spitznamen „Rabe” Seldon ist also offensichtlich nur darauf aus, die Autorität des Kaiserreichs zu untergraben.

Seldon erläutert Cleon I., dem Mann auf dem Thron, im weiteren Gespräch dann, daß er bereits kein Kaiser mehr ist. Er ist längst eine Schachfigur, die beschränkt ist auf den Imperialen Palast und von der Außenwelt nichts mitbekommt, was nicht bereits sorgfältig vorgefiltert und kommentiert ist.
Alle wirklich wichtigen Dinge werden von Hofbeamten und Ministern entschieden, von denen mehr als einer oft sein eigenes Süppchen kocht und nicht etwa Befehlen des Monarchen folgt.
Der wiederum möchte auch nicht befehlen, sondern mehr Kumpel aller Umgebenden sein – was für einen Monarchen generell eine absolute Unmöglichkeit darstellt, denn irgendwer kann den Chef der Regierung immer nicht leiden. Ganz besonders in einer besiedelten Galaxis.
Der Vater des aktuellen Kaisers ist ausnahmsweise eines natürlichen Todes gestorben, was für den aktuellen Herrscher wohl nicht zutreffen dürfte, so erläutert Seldon dem Mann auf dem Thron ein weiteres Zeichen des Verfalls.
Als sich Kaiser und Minister über diese Anmaßung erzürnen, legt der Mathematiker ihnen kühl dar, daß die Wahrscheinlichkeit für einen Kaiser, durch Methoden eher zweifelhafter Legalität aus seinem Amt zu scheiden, innerhalb des letzten Jahrhunderts auf etwa 2:1 gestiegen sei. Von diversen Militärputschen einnmal abgesehen. Oder der Tatsache, daß die imperiale Hauptwelt Trantor, ein komplett über- und unterbauter Planet mit 40 Milliarden Bewohnern, keinerlei nützliche Dinge hervorbringt.
Trantor, die Welt-Stadt im wahrsten Sinne des Wortes, des griechischen Wortes οἰκουμένη für „Weltkreis” nämlich, ist eine Ökumenopolis. Man bezieht Energie aus Sonne und Wind und dem Planetenkern. Kein Quadratmeter des Bodens ist unbedeckt. Nur die allergrößten Ozeane und das Gebiet des Kaiserlichen Palastes – einige hundert Quadratkilometer – sind als Planetenoberfläche unter freiem Himmel erhalten geblieben.
Das planetarische Zentrum des Reichs frißt Weizen, Mais, Brot, Wurst und Gemüse aus aller Herren Sonnensysteme und produziert dafür Gesetze, Verordnungen, Vorschriften und Regularien. Die Bürokratie des Imperiums ist hierarchisch, wenig effektiv, unfaßbar gigantisch und vor allem vollständig abhängig von Frachtrouten über Hunderttausende von Lichtjahren. Die Existenz des gesamten Systems hängt am seidenen Faden, und der ist bereits arg ausgefranst. Trantor ist Herz und Hirn des Imperiums, aber es hängt am Tropf. Continue reading →

Das wahre Morgen

 

– X –

Fahrenheit 284

„Humankind cannot stand too much reality.”
T. S. Eliot

Der bereits erwähnte Ray Bradbury hat außer seinen Mars-Chroniken eine weitere, sehr berühmte Geschichte erfunden. Es ist die von Montag.
Nicht der Wochentag, der sich allgemein großer Unbeliebtheit erfreut. Montag ist der Name eines Feuerwehrmannes und des Protagonisten des Romans „Fahrenheit 451″. Ein weiterer Klassiker der Science Fiction, ausnahmsweise auch angemessen verfilmt.
Bradbury nannte den Roman so, weil die Temperatur 233 Grad Celsius entspricht. Denn das ist die Temperatur, bei der gewöhnliches Papier Feuer fängt. Montag ist nämlich Feuerwehrmann. Der Unterschied ist, daß die Feuerwehr in seiner Zeit keine Brände mehr löscht. Sie legt sie. Der Job des Feuerwehrmannes Montag ist es, Bücher zu verbrennen.

Denn Bücher, so hat man in dieser Zukunft beschlossen, sind gefährlich. Sie können Menschen seltsame Dinge erzählen. Oder andere Dinge, mit denen diese Menschen nicht einverstanden sind. Oder womöglich Dinge, von denen manche Menschen sich in ihren Gefühlen verletzt fühlen könnten.
Natürlich enthalten sie auch Ideen und Ideen sind etwas ohnehin sehr Gefährliches.
Und so hat die Gesellschaft, in der der Feuerwehrmann Guy Montag seinem Beruf nachgeht, eines Tages unter andauernder Medienenbeschallung beschlossen, daß zuviel Nachdenken über zu viele Dinge einfach zu sehr anstrengt. Es ist schwierig und erfordert Fachkenntnisse und persönliches Interesse, um in dieser Situation einen Konsens herbeizuführen.

Es ist nicht die Regierung, die das Bücherverbot erfindet in dieser Gesellschaft. Es ist die Bevölkerung selbst. Zufrieden mit dem Konsum seichter Unterhaltungsberieselung ohne intellektuellen Tiefgang und in einer Sehnsucht nach Konsens, oder besser, nach Konformität, ist es die Bevölkerung, die von der Regierung verlangt, Bücher für illegal zu erklären.
Die Kernaussage von Bradburys Roman richtet sich nicht gegen eine zensurwütige Staatsmacht, sondern gegen eine Bevölkerung, die sich nicht länger bemühen will, ihre eigene Welt zu hinterfragen.
Natürlich folgt die Regierung dem Wunsch ihrer Bevölkerung durchaus nicht unwillig. Die bestellte Dystopie wird nur zu gern von denen umgesetzt, die die Fäden der Macht und Information in den Händen halten.
Der Feuerwehrmann Montag wehrt mit seinem Feuer Gefahren für die Gesellschaft ab, die gar keine sind, sondern nur als solche empfunden werden. Oder empfunden werden könnten, von wie wenigen Menschen auch immer. Continue reading →

Das wahre Morgen

– IX –

Kollisionen

,,But when worlds collide, said George Pal to his bride: “I’m gonna give you some terrible thrills…”
The Rocky Horror Picture Show

Science Fiction als spezielle Form der Literatur und somit Bestandteil des etwas diffusen Gebildes, das wir “Kunst” nennen, ist also durchaus eine lehrreiche Sache. Wir lernen, wie erwähnt, daß der Macht der Phantasie keine Grenzen gesetzt sind.
Diese Macht ist in der Lage, ganze Gruppen von Menschen zu beeinflussen und ihnen Dinge in den Kopf zu setzen, die wiederum sehr viel mehr Auswirkung auf die Leben dieser Menschen hatten und haben, als diese Personen zugeben würden. Oder mehr, als ihnen überhaupt bewußt ist.
Eine ganze Generation an Technikern, Ingenieuren, Astronomen, Computernerds und anderen Typen hatte es sich in den Kopf gesetzt, das Schicksal der Menschheit ein weiteres Kapitel voranzubringen auf dem unvermeidlichen Weg unserer Expansion zu den Sternen der Galaxis. Aus den unter der Bettdecke versteckten Lesern von Pulp-Magazinen und den studierenden Pickelgesichtern, die in den dunklen Ecken von gewissen Buchhandlungen diese seltsamen Romane mit leichtbekleideten Frauen drauf kauften, wurden in den 50er und 60er Jahren die Leute, die in einer neuen Behörde namens NASA die ersten Menschen auf den Mond hieven wollten. Nicht etwa, um den miesen Kommunisten eins auszuwischen, sondern einfach, weil es ging. Es mußte gehen, denn schließlich war der Weg der Menschheit ins All für diese Leute längst beschlossene Sache. Es mußte halt nur noch getan werden.

Man kann auch lernen, daß die Phantasie sehr wohl ihre Grenzen findet. Dann nämlich, wenn sie den physikalischen Bedingungen des echten Universums begegnet. Also kann man keine Kanone bauen, die Menschen zum Mond schießt. Das funktioniert nicht.
Was aber funktioniert, ist eben ein Raketenantrieb. Sobald man das Problem genauer Steuerung und ein oder zwei Fragen bezüglich Metallurgie und anderer Dinge mal in den Griff bekommt, versteht sich.
Schon steht der Eroberung des Weltalls nichts mehr entgegen. Nicht einmal diese Sache mit dem Dschungel der Venus, den es gar nicht gibt und auch nie gab. Oder die fehlenden Marsmenschen.
Hier greift wieder die Macht des Narrativs. Es kommt nicht so sehr auf die Details an, solange die eigentliche Geschichte lebendig bleibt. Das All gehört uns, ob jetzt mit oder ohne Dschungel. Das endlose Band des Fortschritts, getrieben vom Motor der Innovation, wird unweigerlich dafür sorgen, daß Mensch seine Heimatwelt verläßt und woanders hingehen wird. Wenn nicht in diesem Sonnensystem, dann im nächsten. Oder im übernächsten.
Wenn also jemand was Genaueres herausfindet über bisherige Annahmen und Hypothesen, muß man seine Vorstellungen der Realität anpassen, oder man macht sich lächerlich. Aber die Phantasie darf dabei nicht sterben. Wenn die Venus oder Mars eben doof sind, dann terraformen wir die einfach. Nur für den Fall, daß diese Geschichte mit den anderen Sonnensystemen etwas komplizierter sein sollte als gedacht.

Kein ernstzunehmender SF-Autor würde heute seine Weltraumkolonisten in der Zwielichtzone des Merkur siedeln lassen wollen oder Archäologen die Reste antiker Zivilisationen aus dem Marssand ausbuddeln lassen wie Edgar Rice Burroughs das getan hat. Oder Dinosaurier im dampfenden Dschungel der Venus eine Bedrohung sein lassen für tapfere Kolonisten der Erde, die ihre Felder mit Impulsstrahlern in der Nacht bei tosenden Tropengewittern gegen die einheimische Tierwelt verteidigen müssen. So wie bei Perry Rhodan zum Beispiel.
Niemand würde heute noch einen Roman schreiben wie die Reise zum Mittelpunkt der Erde oder überhaupt den Planeten Erde hohl sein lassen wollen. Wobei einer der schönsten Romane dieser Art genau an diesem Platz spielt.
Der Mondsee, geschrieben von einem Herrn namens Abraham Merritt, erschien im Jahre 1919. Die Handlung spielt in einer Welt unterhalb des Gebiets, das wir als Pazifik kennen. Ein Forscher, aufgeschreckt vom Hilferuf seines Kollegen, begibt sich in die Gefilde Polynesiens, dieser zig tausend im Südpazifik verstreuten Inseln und Inselchen. Dabei gerät er an ein Phänomen, das „Der Leuchtende” genannt wird. Der seltsame, lebendig wirkende Nebel entführt Menschen zu unbekannten Zwecken. Bei seiner Nachforschung gerät der Protagonist in eine Welt unterhalb der Erdoberfläche. Eine ganze Zivilisation befindet sich in gigantischen Hohlräumen unterhalb des größten Ozeans der Erde. Viel älter und technologisch höher entwickelt als die der Menschen. Continue reading →

Containertauchen gegen Hitler

„Our main problem is a lack of understanding
of what it means to be human and that we are not separate from nature.”
Jacque Fresco, The best that money can’t buy

Als ich zugreife, bildet sich sofort ein schwarzer Rand unter meinen Fingernägeln. Abwägend nehme ich die Erde aus ihrer Verpackung, zerbrösele sie in meinen Händen. Wobei – zerbröseln ist nicht das richtige Wort. Ich zerquetsche sie. Denn dieser Boden hier hat eine Textur, eine tiefe, schwarze Farbe. Er zerbricht nicht einfach unter meinen Fingern, er gibt nach. Verformt sich. Weicht mir aus. Drückt sich in jede Ritze, jede Pore meiner Haut. Ohne eine Bürste werde ich diesen Schmutz nachher nicht mehr von meinen Händen bekommen.
Was ich vorher aus den Töpfen entfernt habe, war Dreck. Alte Erde vom letzten Jahr. Ausgelaugt. Verbraucht. Über den Winter auf dem Balkon ausgetrocknet. Ein geschrumpfter, fester Brocken, der aus den Blumentöpfen glitt, von Wurzelwerk durchsetzt. Ein Etwas, das ich tatsächlich auseinanderbröseln konnte. Keine Konsistenz.

Ich entsorge die Reste des Vorjahres immer auf dem Feld hinter dem Haus und dem Garten, der nicht mir gehört. Und jedes Mal fällt mir auf, wie der Boden, auf dem ich dann stehe und diese trockenen Reste von Pflanzerde entsorge, dem gleicht, was ich da aus den Töpfen hole. Toter Dreck. Ausgelaugter Staub. Nur die Impfung mit Dünger versetzt diesen ehemaligen Boden überhaupt in die Lage, irgend etwas Grünes hervorzubringen.
Viel zu fest ist er auch. Was ich gerade in den Händen halte, hat Volumen. Es hat Substanz. Ich kann fühlen, daß es zwischen den Materiebrocken dieser wirklichen Erde Luft gibt. Während meine Hände die Töpfe füllen und nach den Setzlingen greifen, sie in die Erde eintopfen, sehe ich in meinem Geist deutlich, wie die Wurzeln der Pflanzen bald diese winzigen Hohlräume durchziehen werden. Sie ausfüllen, sich ausbreiten, begleitet von Bakterien Leben aus dieser unscheinbaren Masse ziehen werden, während sie Sonnenlicht und Kohlendioxid atmen. Endlich. Der Frühling kommt spät in diesem Jahr.
Aber heute hat die Sonne Kraft, die Lufttemperatur ist beständig gestiegen die letzten Tage. Der leichte Wind trägt Frühling und Sommer mit sich, nicht mehr das regnerische Frösteln der letzten Wochen. Wie immer bringt Gaia in unausweichlicher Konsequenz den nächsten Zyklus hervor.

Es hat etwas Meditatives, etwas Friedvolles, dieser Griff in Mutterboden. Setzlinge eintopfen, weitere Erde auffüllen, ein bißchen Wasser auf die Pflanzballen vorher. Ein wenig festdrücken. Darauf achten, daß die größeren Setzlinge alle in die gleiche Richtung gekrümmt sind. Denn die Pflanzen werden sich auf dem Balkon natürlich an der Sonne orientieren. Ist die Krümmung unterschiedlich, wird eine von je zwei Pflanzen pro Topf sich verbiegen müssen und das ist nicht sinnvoll. Ich will geraden Wuchs haben in der Frühphase. Gleichmäßigkeit. Also Ballen drehen, Krümmung beachten, Erde aufhäufen, festdrücken, Topf richtig in die Sonne drehen.
Ein einfacher Rhythmus einfacher Handgriffe. Eine echte Tätigkeit. Das Ergebnis werden Küchenkräuter sein. Tomaten. Ein paar Vertreter von Digitalis purpurea, dem Fingerhut. Mit ihrem hohen Wuchs sollen sie ein bißchen wachsenden Sichtschutz bieten auf meinem Balkonien in diesem Jahr. Mal sehen, ob das klappt. Und niemand scheint heutzutage noch Liebstöckel zu benutzen. Zumindest bietet kein Supermarkt so etwas an in den üblichen Töpfchen in der Kräuterecke. Basilikum, Thymian – dieses Zeug ist da. Das gute alte Maggikraut, wie ich das als Kind immer genannt habe, weiß scheinbar niemand mehr zu schätzen. Continue reading →

Das blinde Bewußtsein

– I –

Vor dem Fall

„Der Mensch ist die Krone der Schöpfung. Er kann denken. Er hat Bewußtsein seiner selbst.”
René Descartes

Ein Punkt, den wir Menschen möglicherweise vergessen haben, ist, daß unsere Zeit, unsere Lebensweise und unsere gesamte Zivilisation ganz genau so von Mythen beherrscht wird, wie das bei unseren Vorfahren vor zwei- oder dreihundert Jahrtausenden der Fall gewesen ist.
Woran also liegt es, daß wir Menschen im Alltag normalerweise nicht unterscheiden zwischen Kommunikation und Sprache – wobei dahingestellt bleiben mag, ob wir das in dem Moment nicht wollen oder nicht können?
Es ist derselbe Grund, der vermutlich fast jeden Leser der letzten Woche denken ließ: „Aber das ist doch etwas völig anderes”, als ich im Text erwähnte, daß ein Stein ein Werkzeug ist, aber eben auch ein Schmutzgeier Steine benutzt, um eine Eierschale aufzubrechen.
Es ist derselbe Grund, der gleichzeitig alle Leser hat beifällig nicken lassen, als ich direkt danach erwähnte, daß Feuer ja ein abstraktes Werkzeug ist, aber ein Stein eben etwas sehr Direktes, sehr Offensichtliches. Denn alleine durch die Formulierung bestimmter Sätze habe ich das Fundament bestätigt, auf dem wir alle heute zu stehen glauben. Mit dem Eingangssatz diese Artikels hingegen nicht, denn wie kann es sein, daß wir etwas mit den Typen von 300.000 vor Brian zu tun haben sollen?

Mensch errichtet in seinen immer weiter wachsenden Städten Gebäude, die der Schwerkraft zu widersprechen scheinen, Hunderte von Metern hoch. Die Kilometergrenze ist noch nicht erreicht, wird aber in allen Projekten größenwahnsinniger Baumeister rund um den Planeten angepeilt und auch überschritten. Logisch, kleiner bauen als der vorherige Rekordhalter kommt ja nicht in Frage. Womit auch bereits der einzige Grund genannt ist, warum derartige Gebäude überhaupt errichtet werden: Um zu zeigen, daß es möglich ist.
Im aktuell entstehenden Kingdom Tower sollen Büroflächen vermietet werden, dazu Appartements vermietet und – völlig innovativ – natürlich ein Hotel mit dabei sein.
Kein anderes Lebewesen baut Städte. Continue reading →

Grillen mit Prometheus

Oh! Eine Feuermuse, die hinan
den hellsten Himmel der Erfindung stiege!

William Shakespeare, Henry V.

Wie konnte es eigentlich dazu kommen, daß Mensch jetzt auf dem Olymp herumsteht, sich umschaut und sehr oft den Eindruck erweckt, er hätte keine Ahnung, wie es vom Gipfel aus jetzt weitergehen soll?
Außer nach unten natürlich, was aber nicht die Richtung ist, in die irgendwer schauen möchte, wie ich das neulich bereits erwähnt hatte.

Es ist eine Reise, von der man nicht genau sagen kann, wann genau sie eigentlich begonnen hat. Mit der Benutzung von Werkzeugen möglicherweise? Damals, Anno Tukmich, als Mensch seinen ersten Höhlenbären in die Falle lockte, um ihn dann mit Steinen zu bewerfen, bis das Vieh tot war?
Ich habe nicht die geringste Ahnung, ob unsere Vorfahren tatsächlich die Nummer mit dem Köder und der Schlucht benutzt haben, um Ursus spaeleus zu erlegen. In meinen diversen Kinderbüchern, in denen Gestalten im Lendenschurz von oben Steinbrocken auf so ein Vieh hinunterwerfen, schien diese Jagdmethode jedenfalls etablierter Forschungsstand zu sein. Oder womöglich eine der zahlreichen Lügen für Kinder, die wir in unserer Kultur so gerne verwenden, um uns den Aufwand echter Erziehung zu sparen.
Wenn ich genauer drüber nachdenke, erscheint mir schon die Bekleidung auf solchen Bildern etwas unwahrscheinlich. Denn der Höhlenbär, der übrigens so heißt, weil er in den Höhlen überwinterte, nicht, weil er darin lebte, starb vor etwa 28.000 Jahren aus. Zu diesem Zeitpunkt war die letzte Kaltzeit noch nicht wirklich zu Ende.
Das bedeutet, im heute als Gemüseexportland berühmten Spanien, gelegen auf der sonnigen und staubigen und vor allem recht trockenen iberischen Halbinsel, zogen damals Wollhaarmammuts und auch Wollnashörner über gerne mal sehr frostige Ebenen. Gut, trocken war es damals auch. Denn diese Kälte war Teil der letzten Eiszeit und in denen ist das irdische Klima immer viel trockener als heute. Was logisch ist, denn ein großer Teil der Feuchtigkeit ist dann ja im Eis gebunden. Einer der trockensten Orte unseres Planeten ist heute die Antarktis. Kalte Luft hält wenig Feuchtigkeit.
Jedenfalls waren sehr viele Tiere so schlau, sich in ordentliches Fell zu kleiden. Ich gehe daher mal davon aus, daß auch unsere Vorfahren nicht in der Badehose rumgelaufen sind oder wie Tarzan. Sonst wären wir alle nämlich nicht hier.

Begann der Prozeß, an den ich denke, mit der Erfindung der Grillparty?
Also, nachdem man den Höhlenbären erfolgreich zu den Ahnen befördert hatte und irgendwer auf die Idee kam, daß man das Fleisch ja mal ein bißchen zubereiten könnte?
Das wäre dann die Erfindung des Feuers. Wobei auch diese Bezeichnung falsch ist. Feuer war schon da, lange bevor dieser Planet auch nur dran gedacht hat, so etwas wie Leben hervorzubringen. Und auch danach existierte Feuer über sehr lange Zeit, ohne vom Menschen erfunden zu werden. Wenn wir über die “Erfindung” des Feuers reden, dann geht es darum, daß irgendjemand dereinst auf die Idee gekommen sein muß, daß man dieses Naturphänomen auch als Werkzeug benutzen könnte. Wie einen Stein, der herumliegt und der einem beim Jagen helfen kann. Beim Öffnen irgendeiner Frucht vom Baum. Oder dabei, eben diese Frucht mit einem gut gezielten Wurf vom Baum erst einmal herunter zu kriegen.
Die Nützlichkeit des offenen Feuers dürfte unseren in modisches Fell gekleideten Vorgängern sehr wohl eingeleuchtet haben. Im wahrsten Sinn des Wortes. Denn Feuer gibt Licht. Rein naturwissenschaftlich findet hier eine Energieumwandlung statt, und zwar in Form eines exothermen Prozesses, der eine enorme Menge an Strahlung emittiert, die zu einem nicht unerheblichen Teil im Bereich des sichtbaren Spektrums liegt. Continue reading →

My hollow Trumparicans…

Gestern war es dann endgültig soweit: Aus dem President-Elect wurde nach Ablegen des Amtseids endgültig “Mr. President”. President Trump. Obwohl ich bereits ein gutes Jahr vor der Wahl vom Sieg dieses Mannes geschrieben und mich schon im Januar darauf festgelegt hatte, fühlt sich allein diese Wortkombination auf meiner Großhirnrinde irgendwie schleimig an. President Trump. Irgendwas ist doch hier völlig surreal.
Jetzt wird sich zeigen, ob die USA die von Gott so auserwählte Superdupernation des Planeten sind, für die sie sich in ihrem burgerbekifften Größenwahn immer halten. Sie wird allen göttlichen Beistand brauchen, den sie bekommen kann, diese Nation.

Wenn es an der Zeit wäre, mal einen fetten Blitz vom Himmel zu werfen, dann wäre dieser Moment die Vereidigung der kleinen, pelzigen Alienkreatur gewesen, die auf dem Kopf von Donald J. Trump wohnt und seinen Körper steuert. So eindeutig richtig kann ein Moment überhaupt nur einmal in der Geschichte des Universums sein. Außerdem hätte Gott® damit auch jegliche Zweifel an der eigenen Existenz beenden können – so ein spektakulärer Blitzschlag auf den Stufen des Kapitols hätte sich auf die Twitter-Follower des Herrn sicherlich durchaus positiv ausgewirkt, könnte ich mir so vorstellen.
Aber nein – kein Blitz. Nicht mal die Hand ist dem Kerl abgefault, als er auf die Verfassung der USA geschworen hat. Gut, das haben auch schon andere Typen hingekriegt, ohne sofort von Beulenpest befallen zu werden. Das mit dem Lügen ist ja keine Erfindung von Trump. Richard Nixon hat beispielsweise so viele Lügen gezüchtet, daß man sich wundern mußte, wie er da überhaupt den Überblick behalten konnte.

Jimmy Carter, der alte Erdnußfarmer, versprach seinen fellow Americans, er werde ihnen stets die Wahrheit sagen. Was er dann ab und zu auch gemacht hat. Zum Beispiel, als er Solarzellen auf das Weiße Haus nageln ließ und seine Nation darüber informierte, daß sie auf zu großem Fuß lebt. Was der Teil der Wahrheit war, den die Amis schon damals nicht hören wollten, weshalb Carter auch nach einer Amtszeit spontan nicht wiedergewählt wurde. Ich war ganz überrascht, den Mann gestern in der Übertragung der Inauguration in der Menge zu entdecken. Ich dachte, der wäre schon tot. Aber nein, Jimmy Carter ist 92. Das ist nah dran am tot sein, nehme ich an. Aber er ist noch da.

Das ist so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit, wie ich finde. Denn so konnte einer wie Carter sehen, was auch durch seine Schuld gestern passiert ist. Carter mag ab und an gelogen haben. Richard Nixon steht auf dieser Skala weit über ihm.
Aber all das wird von Trump problemlos überboten, eindeutig.
Dieser Mann lügt und behauptet dann mit dem nächsten Tweet einfach das Gegenteil. Völlig unbelastet von Fakten oder ihm vorgehaltetenen digitalen und sonstigen Beweisen, die Donald J. Trump beim Erzählen von kackdreisten Lügen zeigen, streitet Donald J. Trump ab, den Kerl auf dem Youtube-Video überhaupt zu kennen.

Das Erschreckende daran ist: Es gibt Momente, in dem glaube ich ihm das sogar. Wie grenzenlos unbeschwert es sich doch regieren läßt als denkbefreite Zone, es muß herrlich sein.
Seit gestern ist die weltmachtigste Weltmacht des Planeten in den kleinen Händen eines Mannes, der Präsidentendekrete auf 140 Zeichen in den asozialen Medien eindampft. Im Grunde eine angemessene Form, die stinkenden Reste amerikanischer Demokratie offiziell zusammenzufegen und endgültig in den Treteimer der Geschichte zu befördern. Rott in Peace. Continue reading →