Das wahre Morgen

– III –

Vorboten

„Insanity is relative. It depends on who has who locked in what cage.“

Ray Bradbury

Ein amerikanischer Professor fragte einmal seine College-Studenten, wie weit sich denn der Mensch in ihrer Lebenszeit von der Erde entfernt hätte. Also etwa seit 1980, das ist schon eine Weile her und auch Studenten werden älter.
Die minimal mögliche Antwort war „600 Kilometer“. Das entspricht etwa einem Zehntel des Erdradius, denn unser Heimatplanet weist einen Äquatorialdurchmesser von 12.756 Kilometern auf und ein Radius ist ja ein halber Durchmesser.
Diese Zahlen habe ich jetzt nicht nachgeschlagen, die liegen in meinem Kopf rum, seitdem ich irgendwann Anfang der Achtziger begann, jede Menge Zeugs über Astronomie zu lesen, vorwiegend mit unserem Sonnensystem als Hauptdarsteller. Ein paar Dinge sollte man über den eigenen Planeten wissen, beispielsweise die mittlere Dichte von 5,5 Gramm/cm³ oder die Fluchtgeschwindigkeit von 11,18 km/s oder die Schwerebeschleunigung von 9,81 m/s². Ganz besonders, wenn einen der Collegeprofessor schwierige Dinge fragt.

Die weiteren Antworten im Angebot waren 6.000 Kilometer, also ein ganzer Erdradius. Dann 36.000 Kilometer. Das mag seltsam erscheinen, ist aber die gerundete Zahl für einen geosynchronen bzw. geostationären Orbit.
Geosynchron bedeutet lediglich, daß sich der umlaufende Körper exakt so schnell um die Erde bewegt, wie diese selber rotiert. Dabei kann das Objekt auch gegen die Rotationsrichtung der Erde fliegen – das wäre ein gegenläufiger Orbit. Oder es fliegt über die Pole, dann ist das eine Polarbahn.
Der spezielle Spezialfall ist der erwähnte geostationäre Orbit. Die exakte Zahl hierfür ist 35.786 Kilometer. Denn nach den Gesetzen, die der schon einmal erwähnte Herr Kepler im 16. Jahrhundert aufstellte, bewegen sich Dinge, die um andere Dinge kreisen, um so langsamer, je weiter weg sie sind. Oder um so schneller, je näher sie dran sind.
Die Umdrehungsgeschwindigkeit der Erde beträgt 3,075 Kilometer pro Sekunde. Was nicht besonders beeindruckend klingt, sich aber auf 11.070 Kilometer pro Stunde summiert, was wiederum eine ganze Menge ist. Nur in dieser einen Entfernung ist ein Satellit also so schnell, daß er immer über dem gleichen Punkt der Erdoberfläche steht. Bei sehr vielen Wetter- und Kommunikationssatelliten ist das der Fall. Ein geostationärer Orbit liegt deshalb auch immer auf Äquatorhöhe.

Die angefragte Höhe von 600 Kilometern läuft astronomisch unter „LEO“, das ist die Abkürzung für Low Earth Orbit. Die Entfernung von 6.000 Kilometern liegt bei „MEO“, was, logisch konsequent, Medium Earth Orbit bedeutet. Er liegt zwischen 2.000 und den besagten 36.000 Kilometern, die der Professor als dritte Möglichkeit anbot.
Die Möglichkeit Nummer Vier lautete dann „385.000 Kilometer“. Ebenfalls eine Zahl, die ich aus Jugendtagen heraus sofort erkennen würde. Sie bezeichnet die mittlere Entfernung von der Erde zum Mond. Möglichkeit Fünf lautete schlicht „Jenseits des Mondes“. Weiterlesen

Das wahre Morgen

-II –

Das Summen von Bienen

,,Die Vergangenheit ist passé, Darling.
Sie lenkt von der Gegenwart ab.“
Edna Mode

Das auf entsprechenden Festivitäten präsentierte Mittelalter macht auf mich in etwa denselben Eindruck wie Pornographie: Soll geil machen auf die Sache, aber kein Mensch mit mehr als drei Hirnzellen kann das für das echte Leben halten.
Alle reden in diesem Zusammenhang immer von Frauen-Diskriminierung. Das Männer reine Muskelberge sind, die möglichst lange den Ständer hochhalten müssen, damit sich die jeweilige Dame entsprechend in Szene rücken kann – oder die Szenen – wird von feministischer Seite seltsamerweise nie kritisiert.
Trotz dieser offensichtlichen Diskrepanz zwischen Realität und Fiktion haben Pornos meines Wissens großen Zulauf. Ein Drittel des Netzwerkverkehrs im Internet besteht aus pornographischen Inhalten, schätzt man in diversen Studien. Was dem Wort „Verkehr“ eine quasi völlig neue Bedeutung gibt. Man könnte auch sagen, das Internet wäre nicht das, was es heute ist, gäbe es keine Pornographie. Und damit wäre auch unsere Welt nicht so, was sie heute ist. Manchmal haben Wirkungen Ursachen, an die alle, die davon profitieren, nicht erinnert werden möchten.

Im Grunde ist das auf Burgfesten oder anderswo präsentierte Mittelalter sogar noch schlimmer. Es ist Softporno. Die Dinge, die wirklich interessant sind, werden also nur angedeutet, nicht wirklich gezeigt.
Eine Art romantischer Wiedererweckung einer Zeit, die so weit zurückliegt, daß niemand ohne Expertenwissen genau sagen kann, ob diese Interpretation, die sich hier vor meinen Augen abspielt, nicht doch der Realität entspricht oder einmal entsprochen hat.

Die Kräuterfrau beispielsweise kann auf ihren Führungen mit profundem Fachwissen aufwarten, da hilft mir das eigene Biologiestudium weiter. Welche Kombination von Pflanzen sich wie auf welches Befinden auswirkt, meist unter Hinzufügen von Alkohol, ist eine Wissenschaft für sich. Nur wurde die Wissenschaft eben erst später erfunden. Vor zweitausend Jahren wurde dieses gesammelte Wissen von Druidenmund zu Druidenohr weitergegeben, wie wir aus Asterix wissen. Das kommt davon, wenn man keine Schriftkultur hat.
Wenn man dann eine entwickelt, kratzen Menschen Rezepte für Tränke und Tinkturen und anderes Zeug auf Pergament. Dazu braucht es übrigens Tinte. Diese wiederum ist eine Erfindung, die irgendwann im 4. Jahrtausend vdZ gemacht wurde und damals aus Ruß bestand, vermischt mit Gummi arabicum, also dem Harz diverser Baumarten. Dieses Zeug ist kein Verwandter des umgangssprachlichen Gummis, denn das ist Naturkautschuk, also abgezapfter Baumsaft von Hevea brasiliensis, dem Kautschukbaum, dessen ursprüngliche Heimat in Brasilien liegt, wie der Name zart andeutet.
Irgendwann im 3. Jahrhundert ndZ kam jemand auf die Idee, Galläpfel auszukochen. Wer wie ich als Kind noch Nahkampfkontakt mit Bäumen hatte, kennt diese Dinger. Mittelgroße, grünbraune Schwellungen an Blättern, Rinde oder Zweigen von Eichen. Die wiederum sind die Folge von Stichen der Eichengallwespe, die im Herbst ihre Eier in diesen Pflanzen ablegt, was als Abwehrreaktion zur Bildung der Gallen führt. Und in denen wächst dann die Brut ungestört heran. Beim Rumklettern im Wald hängt man früher oder später an einem Ast, an dem es diese Beulen gibt.
Wenn man diese Dinger sammelt, zerstampft und zerkocht, entsteht Gallussäure. Dazu gibt man Eisenvitriol. Rein chemisch ist das Eisen(II)-Sulfat und das wiederum gewann man, indem man pulverisiertes Eisen in zwanzigprozentiger Schwefelsäure aufkocht. Vermischt mit Wasser und dem Gummi Arabicum – das im Gegensatz zum Latex wasserlöslich ist – entsteht das, was man über Jahrhunderte als Dokumententinte benutzt hat. Das Wort „Kanzleitinte“ spricht für die juristische Festigkeit des Stoffs.

Ich habe nicht die geringste Ahnung, wer im 3. Jahrhundert auf dieses Rezept gekommen ist. Wir wissen nur noch, daß es irgendwer gemacht haben muß, sonst gäbe es noch weniger erhaltene Aufzeichnungen von Anno dunnemals, als das ohnehin schon der Fall ist.
Allerdings muß man diese Aufzeichnungen dann auch noch übersetzen, denn ein Rezept aus der damaligen Zeit liest sich vermutlich heute sehr seltsam.
Überall wimmelt es in alten alchemististischen Kochbüchern von Drachenhirn, Drachenblut, Einhorn-Horn und Gewichten, die entweder Prise heißen oder auch Gran. Das stammt aus dem Altrömischen, nämlich „granum“ für „Weizenkorn“. Nicht das Getränk, für ordentlichen Schnaps muß man die richtige Art der Destillation erfunden haben und das war erst ab etwa dem 9. Jahrhundert der Fall. Das englische Wort „grain“ stammt aus dieser Wurzel.
Dummerweise ist ein „gran“, ebenso wie das griechische „stadion“, das ich schon mal vor langer Zeit erwähnte, eben ein uraltes Dingsbums und kommt außer in einer römischen auch in einer englischen, französischen und auch deutschen Variante im Mittelalter vor. Wobei die deutsche Variante auch nicht einheitlich ist, denn das, was mal Deutschland werden sollte, bestand ja aus mehr Kleinstaaten, Fürstentümern, Herzogtümern und Eigentümern, als es heute Nationalstaaten gibt. Gemeinsam ist allen Versionen, daß sie sich im Bereich von zweistelligen Milligrammen bewegen, aber das war es dann auch schon.
Um also mittelalterliche Rezepte überhaupt entstehen lassen zu können, brauchte es erst einmal das Rezept. Dann das Pergament. Die entsprechende Tinte. Jemanden, der auch schreiben konnte. Und um das nachzuvollziehen, braucht man ein einheitliches Meß- und Maßsystem. Heute benutzen wir wir Meter, Zentimeter und auch sonst überall recht dezimale Einheiten, aber das hat eine ganze Weile gedauert. Noch 1973 wehrten sich die skurrilen Engländer gegen die Einführung eines dezimalen Münzsystems, weil sie das für zu kompliziert hielten. Von immer noch vorhandenen imperialen Füßen und Zöllen reden wir da mal gar nicht.

Mittelalter als Porno. Das vermittelte Bild enstpricht nur recht bedingt der Realität.

Alleine hier wird also zweierlei deutlich: Schon zu mittelalterlichen Zeiten gab es keine „Technologie“. Auch damals mußten mehrere Dinge zusammenkommen und ineinandergreifen, um etwas Neues zu erschaffen. Wie beispielsweise Eisengallustinte, die uns auf unzähligen Dokumenten begegnet. „Technologie“ im singulären Imperativ der heutigen Zeit existiert nicht und hat so auch nie existiert.
Zweitens besteht unsere immer als so modern verkaufte Wissenschaft oft aus Dingen, die wir schon seit zig Jahrhunderten kennen und praktizieren, deren Grundlagen Menschen aber nicht verstehen oder verstanden. Bis sich dann endlich mal einer hinsetzt und sich fragt: „Warum?“
Die erwähnte Tinte ist nämlich ein eher wässriges Zeug, mit dem sich ganz gut schreiben läßt. Aber sehen kann man sie nicht besonders gut. Das ändert sich erst, wenn die Tinte trocknet. Denn erst dann entsteht die charakteristische tiefschwarze Farbe. Um das zu verstehen, muß man aber vorher die Chemie erfunden haben und auch den Sauerstoff als Element kennen. Das war im 18. Jahrhundert der Fall, als ein Mann namens Carl Wilhelm Scheele eben diesen Sauerstoff entdeckte und ein Franzose namens Lavoisier dann nachwies, daß bei einer Verbrennung Luftsauerstoff gebunden wird. Damit widerlegte er die bis dahin noch weit verbreitete Theorie vom Phlogiston und wurde zu einem der Väter der modernen Chemie. Ich hatte das mal vor einer Weile erwähnt.
Und exakt das passiert auch mit der Tinte. Sie nimmt Luftsauerstoff auf, sprich, sie oxydiert. Oder verbrennt. Der allseits bekannte Rost auf eisenhaltigen Metallen ist das Produkt einer Verbrennung, wenn man von spektakulären Flammenerscheinungen absieht.
Damit verwandelt sich das Eisen(II) aber in Eisen(III) und verfärbt sich entsprechend. Damit wäre also die Frage nach dem „Warum“ geklärt. Außerdem hilft es natürlich, wenn man rausfindet, daß Drachenhirn nichts anderes ist als Kampfer. Dieser kam zu mittelalterlichen Zeiten aus dem fernen Asien statt aus dem Supermarkt, und das waren unter anderem die Gegenden, über die auf Weltkarten gerne geschrieben stand: Hier hausen Ungeheuer.

Bild 1: Ein Blick auf das wahre Gestern.
Mittelalterlicher Alltag war vor allem eines: Anstrengend. Der Gerber entfernt hier das Fleisch von einem zukünftigen Stück Leder. Ein Prozeß, der heute mit diversen Chemikalien und von Maschinen automatisch erledigt wird. Früher erforderte dieses Handwerk profundes Fachwissen. Heute kennen wir Bilder von trocknendem Leder aus offiziell weniger fortschrittlichen Ländern wie Marokko.

Die Stadt, in der ich lebe, war mal ein Zentrum florierender Lederindustrie. Der Typ, der den Lederpanzer verkauft, den ich letzte Woche erwähnte, hat diverse Rezepturen alter Tage studiert, um eine Methode zu finden, ordentlich gegerbtes Leder für seine Zwecke herzustellen. Zumindest sagt er das. Nach einem Blick auf seine Hände neige ich dazu, ihm das sogar zu glauben. Das Färben des Materials stellt nämlich auch schon wieder ganz eigene Anforderungen. Und ebenso wie die Gerberlauge hinterläßt es Spuren.
Ein Prozeß, der in früheren Zeiten von ausgebildeten Handwerksmeistern durchgeführt wurde, ist im 19. Jahrhundert endgültig industrialisiert worden, wie so viele andere. Gerberlauge wurde nicht mehr alchemistisch zusammengebraut, sondern nach ordentlicher chemischer Analyse auf das Gramm genau angemischt. Allerdings bin ich mir sicher, daß die damaligen Chemiker hierbei anfangs auch auf die alchemistischen Zunftmeister zurückgreifen mußten. Denn ansonsten wird es spätestens bei der Übersetzung von Mengenangaben aus alten Dokumenten sehr amüsant im Bottich, könnte ich mir vorstellen.
Der Geruch des Gerbens und Färbens führte dazu, daß es in jeder Stadt in der richtigen Handelsregion und mit den richtigen mittelalterlichen Straßenzügen eine Färber- oder Gerbergasse gibt. Gerberlauge enthielt zu antiken Zeiten so leckere Dinge wie Gänsemist. Auch Urin natürlich, denn die darin enthaltene Harnsäure ist überaus nützlich. Meist liegen diese Gassen in der Nähe eines Flußes oder Flüsschens, das natürlich heute ein Abwasserkanal unter der Straßendecke sein kann.

Wir haben durch Wissenschaft viel gewonnen. Aber wir haben womöglich noch mehr verloren.

Unsere Art, die Dinge zu erledigen, ist es längst, andere Menschen diese Dinge erledigen zu lassen. Zug um Zug hat sich im Rahmen der Industrialisierung und Verwissenschaftlichung unsere Gesellschaft von Tätigkeiten befreit, die jahrhundertelang zum Alltag gehörten und die sehr viele Menschen beherrschten. Seltsam nur, daß wir dann heute nicht alle viel mehr Zeit für andere Dinge haben. Was wiederum daran liegt, daß die „Befreiung“ natürlich keine war.
Wir haben heute Freizeitplaner, Animateure am Urlaubsstrand und Seminare für Schlafmanagement. Das Letztere habe ich nicht erfunden.
Im Namen der Perfektionierung des Selbst wird sogar das Schlafen „optimiert“, damit wir hinterher um so besser funktionieren können. Die heutige Industriegesellschaft verlangt keine Teilhabe, kein Kopfzerbrechen über lokale Dinge. Sie erwartet Funktion.
Die angebliche Befreiung von den produktiven Lasten des alltäglichen Daseins war in Wahrheit ein Raubzug. Schritt für Schritt stahlen immer größer werdende Institutionen der menschlichen Gesellschaft ihren Kern, um ihn ihr dann anschließend zurückzuverkaufen. An guten Tagen mit Rabatt.

Hat der Methändler seinen Honig von eigenen Bienen? Oder hat er den irgendwo eingekauft? Von einem Imker? Oder womöglich sogar im normalen Supermarktregal?
Was ist mit den Färbemitteln für Leder und Stoffe? Setzen die Händler die selbst an? Oder bestellen die Mittelaltertypen hier diese Dinge nach Katalognummer im Internet bei BASF oder im Baumarkt?
Ich weiß es nicht. Ich sehe hier in den Marktständen nur die Endprodukte des gespielten Mittelalters. In dem waren Bienen waren übrigens nicht in rechteckigen Waben gefangen. Schon lange vor Erfindung des Mets oder der Destillation von Alkohol waren Menschen scharf auf Bienen. Wir wissen aus alten Höhlenmalereien, daß Bienen bereits vor über 10.000 Jahren von unseren Vorfahren belästigt wurden, um an den Honig heranzukommen. In Zentralanatolien finden sich Hinweise auf gezielte Zucht etwa im 6. Jahrtausend vdZ, und ganz sicher nachgewiesen ist das Geschäft der Imkerei dann etwa ab dem 4. Jahrtausend vdZ in Ägypten.
Der alte Grieche Hippokrates, den ich letzte Woche erwähnte, schrieb bereits etwas über die fiebersenkende Wirkung von Honigsalben und sagte, daß Honigwasser bei Athleten die Leistung steigern soll. Womit klar ist, daß auch Doping keinesfalls eine Erfindung der Neuzeit ist.
Gehalten wurden Bienen in Körben oder in der sogenannten „Klotzbeute“. Das ist nichts anderes als ein Stück hohler Baumstamm, in den man das Bienenvolk einziehen ließ. Oder die Bienen zogen freiwillig ein und der Bienenjäger sägte dieses Stück Baum dann eben ab und nahm es mit. Einschließlich der Bienen. Der Nachteil dieser ursprünglichen Haltungsmethode ist, daß man nur an den Honig herankommt, indem man die Waben zerstört. Und in denen wohnen ja die Bienen.
Also ersann man später Bienenkästen und mit dem 19. Jahrhundert, der Entwicklung von Wechselrähmchen und anderem Werkzeug, kam die Bauform auf, die man heute allgemein unter „Bienenstock“ so versteht: Ein kastenförmiges Dingsbums, das der Imker öffnen kann und aus dem dann die in Rahmen hängenden Waben entnommen werden können.

Tatsächlich sind die Waben hier sogar vorgebaut, es werden nämlich ausgeschleuderte Waben in die Rahmen eingesetzt und die vollen Waben entnommen. Der Vorteil ist, daß die Bienen dann eben keine neue Wohnung bauen müssen. Dann muß man ja erst wieder die Möbel zurechtrücken und sich überlegen, wo genau der Kamin hin soll und solche Dinge. So etwas kostet Zeit und Energie. Aber die hierzulande übliche westliche Honigbiene Apis mellifera soll ja Honig produzieren und nicht im Baumarkt die neuen Tapetenmuster betrachten. Also kriegen heutige Arbeitsbienen ihre Werkswohnung vom Imker gestellt.
Durch die Industrialisierung der Bienenzucht hat man den Tierchen also etwas weggenommen, damit sie optimaler Honig produzieren können. Statt Bienen da zu halten, wo sie etwas zum futtern finden, werden die Viecher heute in großen Kästen an die Ränder von Rapsfeldern gestellt, die sie dann innerhalb weniger Tage abernten. Danach geht es weiter zum nächsten Kunden. Monokulturbienen ernten Monokulturhonig. Im Schichtbetrieb. Fast möchte man meinen, hinter dem Flugloch das Klacken der Stechuhr zu hören.

Das angeblich so viel primitivere Mittelalter unterscheidet sich nicht wirklich von unserer Zeit, was Komplexität angeht. Im Umkehrschluß bedeutet das aber auch, daß unsere Zeiten nicht einfacher sind als die Zeit vor sechshundert Jahren. Die industrielle Skalierung unserer Gesellschaft läßt es nur so erscheinen.
Dinge, die früher Haushalte oder Zünfte erledigten, werden von Maschinen erledigt und von Großkonzernen. Und das auch nicht am Rande des Flußes, sondern womöglich fünfzehntausend Kilometer entfernt. Deswegen gibt es heute keine neuen Gerber- und Färbergassen mehr. Jedenfalls nicht in unseren Städten.
Die Wolle der hier ausliegenden Stoffe muß vorher mal von einem Schaf getragen worden sein. Zumindest nehme ich das für das Mittelalter mal an. Baumwolle ist eine Sache späterer Jahrhunderte, jedenfalls hier in Europa. In einer Gegend wie Indien ist Baumwolle und ihre Gewinnung eine Sache, die sich bis ins 6. Jahrtausend vdZ zurückverfolgen läßt.
Hier in Europa bedeutet Wolle normalerweise das Vorhandensein von Schafen. Außerdem kann man die Schafe auch noch essen, ganz im Gegensatz zur Baumwolle, die ist nämlich giftig. Baumwolle wiederum läuft nicht weg, erfordert also keine Hirten. Dafür muß man Schafe nicht gießen. So hat jede Methode ihre Vor- und Nachteile. Entscheidend ist aber, daß beide Vorgehensweisen eben Wolle produzieren und die lokalen Bedingungen berücksichtigen.

Auch Leder muß vorher irgendwann einmal zur Verpackung eines Tieres gedient haben. Eines Schafs, zum Beispiel. Wahlweise auch einer Kuh, eines Schweins oder einer Ziege. Irgendwer muß das Tier überredet haben, diese Verpackung aufzugeben, damit man daraus Leder machen kann.
Ob heute oder vor sechshundert Jahren – ganze Lieferketten und Herstellungskomplexe müssen hier ineinandergreifen, um am Ende die maßgefertigten Schuhe aus dem Leder herstellen zu können. Oder eben die Lederpanzerung.
Leder erfordert beispielsweise auch Salz zum Gerben. Außerdem wird das Tier, das seine Verpackung gespendet hat, zusätzlich noch, in mundgerechte Happen zerteilt, seinen weiteren Weg nehmen. Ohne Salz aber war zu mittelalterlichen Zeiten kein Fleisch haltbar zu machen. Außer durch Räuchern vielleicht.
Salz hat ganze Städte reich gemacht und den Wohlstand von Regionen begründet. Ganze Generationen von Kaufleuten in den Städten haben ihr Geld damit verdient und wurden dabei immer reicher und mächtiger. Bis schließlich Könige und Kaiser sich da Geld geliehen haben, wo es am meisten davon gab. Dafür wiederum bekamen die Städte, die Zünfte und Gilden Sonderrechte und Vergünstigungen. Wirkungen haben Ursachen, die oft nicht sofort ersichtlich sind. Europa zur Zeit des 16. Jahrhunderts aufwärts. Die erste Renaissance.

Mit ungebrochener Begeisterung verkaufen uns Experten ein endlos verlängertes Heute als Zukunft. Ich schätze, das Wahre Morgen wird sehr viel mehr Gestern enthalten.

Unsere Zeit ist nicht grundlegend anders als das Damals™, das hier so schön zur Schau gestellt wird. Immer lauter werden dieser Tage die Verkündungen der technologischen Hexenmeister des 21. Jahrhunderts. Das Credo des endlosen, des weltverbessernden Fortschritts ertönt überall.
Kaum ist die Concorde tot, verkünden neue Firmen dieser Tage den Bau eines neuen Modells. Eine Firma namens Boom hat Bestellungen eingesammelt für einen Nachfolger des Überschallfliegers. Nach einem Absturz im Jahre 2000, kurz nach dem Start vom Flughafen Charles de Gaulle bei Paris, wurde der Flugbetrieb mit dem Vorgänger 2003 endgültig eingestellt.
Aber die neue und verbesserte Concorde wird natürlich schneller sein. Und leiser. Und weniger Sprit verbrauchen.
Nichts daran wird jedoch etwas an der Tatsache ändern, daß der Kerosinverbrauch pro Kopf immer noch sehr viel höher sein wird als bei herkömmlichen Flugzeugen. Ganz besonders, weil der neue „Boom Jet“ lediglich 55 Sitzplätze bieten soll. Oder besser, „bis zu“ – man kann gespannt sein, was das am Ende bedeuten wird. Die ersten Flüge sollen 2023 stattfinden. Man darf ebenfalls gespannt sein, was Kerosin dann kosten wird, das ja, aus unerfindlichen Gründen, in den Industriestaaten oft unversteuert verballert werden darf.
Nichts daran wird die Tatsache verändern, daß die alte Concorde, trotz damals völlig anderer Spritpreise, niemals kommerziell erfolgreich war. Ich sehe keinerlei Grund, warum ein neues, verbessertes Modell an diesem Punkt etwas ändern sollte.

Der Mythos des Fortschritts hat außerdem so etwas wie Überschallreisen für alle versprochen. Das war doch immer die Kernsaussage des ewig wachsenden Kapitalismus, wenn ich das recht im Kopf habe. Immer mehr für alle.
Ich habe natürlich keine Ahnung, was ein Ticket in der neuen Concorde kosten wird, aber ich bin mir absolut sicher, daß es für die meisten Durchschnittsverdiener, seien sie Europäer oder Amerikaner, eindeutig außerhalb ihrer finanziellen Reichweite liegen wird.
Exakt da liegt die Marktlücke, die der neue Betreiber entdeckt zu haben glaubt. Der überschallschnelle Flug soll vor allem gut betuchte Geschäftsleute anlocken, die es mit den Kosten nicht so genau nehmen müssen oder wollen. „Gut betucht“ ist übrigens ein Ausdruck, der ebenfalls aus mittelalterlichen Zeiten stammt. Denn gutes Tuch mit guter Färbung war teuer.
Ich weiß nicht, ob dem neuen Anbieter des superschnellen Reisens das schon einer gesagt hat – aber exakt das gleiche Geschäftsmodell war auch schon für die alte Concorde geplant nach dem Willen der Betreiber. Nur hat es kommerziell niemals funktioniert.
Auch auf der anderen Seite des Fliegens, dem touristischen Massenviehtransport, sieht es nicht besser aus. Airbus hatte seinen A380 vor einigen Jahren vorgestellt, um die Kosten pro Passagierkilometer zu senken.
Diese Kalkulation kann aber nur funktionieren, wenn man eben immer mehr Passagiere durch die Luft befördert. Und exakt dieses Konzept geht nicht auf, wie es aussieht. Denn die Neubestellungen bleiben aus, Airbus muß die Produktion zurückfahren und stellte deshalb neulich eine Version seines Superfliegers vor, in der mit technischen Kniffen Sprit gespart wird. Außerdem will man die Bestuhlung ändern – damit noch mehr Menschen in das Flugzeug passen.
Was in meinem Kopf unmittelbar zu der Frage führt, ob man dann nicht wieder weniger Flugzeuge braucht. Wenn man alle Leute, die von Frankfurt/Main nach New York fliegen wollen, in einen Flieger kriegt, dann langt ein Flug pro Tag ja schließlich völlig. Aber vielleicht habe ich das mit dem ewigen Wachstum auch nicht ganz verstanden, schließlich habe ich ja nicht Ökonomie studiert.

Immer wieder versuchen die Verkünder des Forschritts dasselbe. Und immer wieder wundern sie sich, wenn ihr Konzept scheitert.
Die NASA betreibt sogar ein ganzes Programm mit „X-Planes“ verschiedener Hersteller. Das X steht hierbei für „Experimental“, Star-Trek-Fans wissen Bescheid.
Das ganze läuft sogar unter der Rubrik „Green Aviation“, also „grüne Luftfahrt“.
Erklärtes Ziel ist es, den Spritverbrauch um die Hälfte zu senken und auch den Lärm der Flieger auf die Hälfte der heute niedrigsten Werte zu drosseln.
Ich hätte zur Erreichung dieses Ziels ein recht pragmatisches Konzept: Man reduziere die Anzahl aller Flugbewegungen um mindestens 50 Prozent. Der Forschungsaufwand hierfür ist exakt Null, die Umsetzung relativ zu den finanziellen Mitteln recht unproblematisch.
Aber damit würde man von der Linie der immer besseren Zukunft durch neue „Technologie“ abweichen. Im Grunde bedeutet mein Vorschlag, daß so etwas wie Fliegen für einen Großteil der Weltbevölkerung wieder das würde, was es mal war. Ein Spielzeug des Jet-Set. Der hieß nicht umsonst so.
Der Witz ist, das exakt diese Entwicklung trotzdem eintreten wird, ganz egal, wer welches Programm unter welchem Namen betreibt, um Menschen in kommerziellen Mengen durch die Luft zu befördern. Die Zukunft der kommerziellen Luftfahrt in der Langen Dämmerung ist ganz klar zu sehen: Sie hat keine.

Bald schon, so verkünden die Sirenengesänge, bald werden wir zum Mond fliegen. Schon wieder. Ich könnte schwören, wir wären gerade erst dagewesen. Und dann zum Mars. Und bis dahin gibt es vorbereitete Kartoffelscheiben in der Folientüte, aus denen man etwas machen kann, daß ein bißchen, aber nicht völlig anders schmeckt als Bratkartoffeln.
Die Zukunft der Zivilisation wird gerettet werden durch Fusionsstrom. Oder ewiges Leben dank Nanomedizin. Oder dem sonstigen Heilsversprechen du jour.

Bild 2: Blick auf das erfundene Morgen.
Bitte fliegen Sie weiter, es gibt viel zu sehen. So stellen sich die NASA und Boeing die Zukunft der Luftfahrt vor. Wir werden weniger Sprit verbrauchen. Wir werden leiser sein. Aber wir werden auf jeden Fall ständig überallhin fliegen. Daran kann nicht der geringste Zweifel bestehen.
Quelle

Ich kehre aus Gefilden des 21. Jahrhunderts zurück in meine unmittelbare Umgebung. Diese Softporno-Version des Mittelalters, durch die ich hier spaziere, ist also trotz allem nicht mit dem wahren Gestern zu vergleichen. Das Leben im Mittelalter war unendlich viel komplexer als dieser Ausschnitt, der mir hier von wohlwollenden Menschen präsentiert wird.
Ebenso wie unsere Welt viel komplexer ist, als wir in unserem Alltag oft überhaupt wahrnehmen oder realisieren. Oder realisieren wollen.
„Sieh nicht genau hin“, flüstern die Sirenengesänge. „Frag nicht, wo all das herkommt, was im Regal liegt. Kaufe und freue dich. Aber stell keine Fragen.“
Wie die Bienen bekommen wir alles gestellt, solange wir Honig produzieren.
Immer mehr Menschen hören diesem Versprechen des besseren und schnelleren Morgen nicht mehr zu. Sie wollen es nicht mehr hören. Aber noch wollen sehr viele nicht zugeben, daß sie durchaus fundamentale Zweifel hegen an der Richtigkeit der Gebete, die tagtäglich auf uns einströmen. Sie glauben nicht mehr, aber noch immer gehen sie in die Kirche.
Hier und da stellen Menschen Fragen an die Priester der High-Tech-Dreifaltigkeit aus Ewigem Fortschritt, Ewigem Wachstum und dem Mythos der Einzigartigkeit.
Fragen wie zum Beispiel: „Was sollen wir eigentlich auf dem verdammten Mars?“
Diese Frage stelle ich. Ein Science-Fiction-Fan und durchaus begeisterter Technologie-Fan. Ich bin eindeutig kein romantisierender Mittelalterverherrlicher. Mittelalter war stellenweise ganz schön hart. Eindeutig kein Softporno. Mehr so BDSM.

Warum also interessieren sich immer mehr Menschen für die Gestalt des Gestern und Vorgestern, einige eher als Konsumenten, andere wiederum als halbgare Kopisten – aber sehr viele durchaus mit Einsatz, Forschungswillen, Leidenschaftlichkeit und einem Arbeitsaufwand, der weit über ein bloßes Hobby hinausgeht?
Wenn alles immer schöner wird, immer besser, immer smarter, immer nützlicher – warum zur Hölle sitzen Menschen in selbstgewebter Kleidung um ein Lagerfeuer, trinken Bier aus eigener Herstellung, während sie nicht ihr Smartphone benutzen, keine Selfies knipsen und nicht fernsehen?
Nun, die Fröhlichkeit dieser Menschen erklärt sich auch daraus, daß irgendwo, nicht allzuweit entfernt, das 21. Jahrhundert wartet. Irgendwo wartet das Auto, in dem das mittelalterliche Geraffel nach ein paar Tagen gestapelt wird, um damit zum nächsten Karneval zu fahren.

Die Tatsache aber, daß sie überhaupt hier sind, ist Teil eines Prozesses, der typisch ist für eine Kultur, die in ihre akute Verfallsphase eingetreten ist. Wenn die Sirenengesänge nicht mehr verfangen, wenn die Narrative einer Zeit sich mehr und mehr als unzulänglich oder schlicht und einfach auch als erstunken und erlogen erweisen, beginnt eine Gesellschaft kollektiv, auf den Druck steigender kognitiver Dissonanz zu reagieren.
Es ist keine bewußte Handlungsentscheidung, zumindest bei den Meisten. Einige kommen hierher, um die Spinner zu betrachten im Mittelalter-Zoo. Wie Jurassic Park, nur ohne Dinos. Und abends sitzen dann alle wieder vor dem Tatort oder gucken Dokus über eine Zukunft voller Fusionsenergie und fliegender Autos und Marsflügen.
Die anderen sitzen am Lagerfeuer in dem Unbewußtsein, daß die Zukunft wohl doch keine High-Tech-Zivilisation mit Weltraumkolonien in fernen Sonnensystemen sein wird. Aber sie verdrängen die notwendige Frage, wie diese Zukunft denn dann aussehen wird.

Bienen bauen ihre Waben als gleichmäßige Sechsecke. Aber in kastenförmigen Behältern bauen sie die Ecken nie aus, wenn sie das vermeiden können. Im Winter oder auch in Baumhöhlen finden sie sich in traubenförmigen Gebilden zusammen.
Unsere moderne, bessere, schnellere Art der Bienenzucht hat ihnen etwas weggenommen, dem sie normalerweise ganz natürlich folgen würden. Wir haben alles perfekt optimiert, auf höchste Effizienz getrimmt. Für die Industriegesellschaft, nicht für die Bienen. Das ist einer der Gründe, an denen diese Tierart ausstirbt.
Die Form des wahren Morgen wird auch kein neues Mittelalter sein. Wir müssen Dinge wiederentdecken, denen menschliche Gesellschaft ganz natürlich gefolgt ist. Es ist an der Zeit, menschliches Denken und Empfinden aus dem Kasten der industriellen Zivilisation herauszuholen. Im Gegensatz zu den Bienen haben wir eine Wahl. Sollten wir beschließen, lieber eingesperrt bleiben zu wollen, werden wir das nicht überleben.

Geistiger Grillanzünder

,,Es ist besser, ein einziges kleines Licht anzuzünden, als die Dunkelheit zu verfluchen.“

Konfuzius

Eine Zeit, in der aus einer ländlichen Kultur eine städtische wird, aus einer kommunalen eine stark individualistische. Eine Zeit beständiger Kriege und Kleinkriege. Unaufhaltsame technologische Veränderungen drängen in den Alltag. Beängstigende neue Waffen mit vorher nie gesehener Zerstörungskraft. Neue Wege der Kommunikation und des Denkens. Alte Hierarchien, in der Politik und im Religiösen, im weltlichen wie im spirituellen Leben, die nicht mehr in der Lage sind, der sich schnell verändernden Lage Herr zu werden.
Verzweifelung in den Konferenzen der Herrschenden, die nicht so recht zu verstehen scheinen, was um sie herum passiert und warum es passiert. Ein weitverbreitetes Empfinden von Angst und Unsicherheit angesichts einer sich verändernden Welt, deren Wandelgeschwindigkeit kaum noch zu verfolgen ist. Eine Zeit des Zusammenbruchs, aus der neue Sichtweisen der Welt entstehen. Neue Arten, zu leben. Neue Auffassungen darüber, was es bedeutet, Mensch zu sein. Welchen Platz Mensch in der großen Matrix der Dinge einnimmt.

Klingt beängstigend nach unserer heutigen Zeit. Ist aber die Beschreibung der Achsenzeit, wie Karl Jaspers sie verwendet.
Jaspers, seines Zeichens in der Rubrik „Philosoph“ tätig, prägte den Begriff Achsenzeit im Rahmen seiner Arbeit im Jahre 1949. Er bezeichnet damit eine Periode, die sich etwa vom 8. bis zum 3. Jahrhundert vdZ erstreckt.
In dieser Zeit kam es in den beherrschenden Regionen der Erde zu großen Veränderungen in der menschlichen Lebensweise. In den Zivilisationen von China, Persien, Griechenland, Indien und im Nahen Osten breiteten sich ökonomische, technologische und gesellschaftliche Veränderungen aus, die noch nie dagewesen waren.
Die Eisenverarbeitung war eine dieser Veränderungen. Die Entstehung großer Städte, etwas, das wir heute Urbanisierung nennen würden. Mündliche Kulturen verschriftlichten sich, zum Beispiel die griechische, in der ein Dichter namens Homer die Ilias zu Papier oder besser, zu Pergament brachte und somit eine Geschichte festhielt, die schon Jahrhunderte vorher erzählt worden war. Ich hatte das schon mal irgendwo erwähnt, glaube ich.
Marktwirtschaft breitete sich aus. Ja, Marktwirtschaft und Kapitalismus sind tatsächlich Dinge, die nicht deckungsgleich sind, wie es uns heute immer gerne erzählt wird und wie wir das gerne annehmen, sei es aus Ahnungslosigkeit oder Bequemlichkeit.
Nach den Worten von Jaspers wurden in dieser Zeit „die Fundamente gelegt, auf denen die Menschheit noch heute steht“. Und das halte ich als Aussage für vollkommen korrekt.

Geschichte. Das ist einer der Gründe, warum ich hier, in diesem Blog, nicht ausschließlich irgendwas über den Kapitalismus erzähle. Also das, was heute unsere vorherrschende Wirtschaftsform darstellt. Denn diese Art des Wirtschaftens und des Verständnisses von Ökonomie ist noch nicht sonderlich alt. Im besten Falle 250 Jahre. Es ist etwas schwierig, das genau einzuordnen, denn – wer hätte es gedacht – Kapitalismus ist nicht einfach so entstanden, wie er heute ist.
Wir laufen nicht in einer Abstraktion herum, die sich „Kapitalismus“ nennt. Oder „Neoliberalismus“. Oder „Globalisierung“. Diese Dinge, diese Begriffe sind entstanden über einen Zeitraum hinweg. Sie haben also eine Geschichte, sie sind Geschichte und sie erzählen eine.
Innerhalb dieser Geschichte haben sich die Bedeutungen dieser Begriffe auch gewandelt. Das Vorstellungsbild im Kopf von Menschen bei einem Wort verändert sich im Laufe der Zeit. Wie ich auch schon mal hier und da erwähnte, denken wir Menschen in Geschichten. In Erzählungen. In Bildern.
Die Welt des Geistes, der Vorstellung von Menschen – und somit einer menschlichen Gesellschaft – muß sich mit der Wirtschaft und der Technologie weiterentwickeln.
Irgendwann erreicht eine Gesellschaft unweigerlich einen Punkt ihrer Entwicklung, an dem alte Antworten auf wichtige Fragen sich als beklagenswert unzureichend entpuppen. Als nicht länger angemessen. Sogar als schädlich.
In diesem Falle, in einer Gesellschaft im Umbruch, muß man neue Antworten finden. Oder womöglich neue Fragen stellen. Oder beides. Der Zusammenbruch einer Gesellschaft ist nur eine spezielle Form von Umbruch.
Das alles ist keinesfalls Zeitverschwendung. Um die richtigen Fragen zu stellen, muß man vorher über eine Thematik gründlich nachgedacht haben. Um Antworten zu finden, auch. Weiterlesen

Containertauchen gegen Hitler

,,Our main problem is a lack of understanding
of what it means to be human and that we are not separate from nature.”

Jacque Fresco, The best that money can’t buy

Als ich zugreife, bildet sich sofort ein schwarzer Rand unter meinen Fingernägeln. Abwägend nehme ich die Erde aus ihrer Verpackung, zerbrösele sie in meinen Händen. Wobei – zerbröseln ist nicht das richtige Wort. Ich zerquetsche sie. Denn dieser Boden hier hat eine Textur, eine tiefe, schwarze Farbe. Er zerbricht nicht einfach unter meinen Fingern, er gibt nach. Verformt sich. Weicht mir aus. Drückt sich in jede Ritze, jede Pore meiner Haut. Ohne eine Bürste werde ich diesen Schmutz nachher nicht mehr von meinen Händen bekommen.
Was ich vorher aus den Töpfen entfernt habe, war Dreck. Alte Erde vom letzten Jahr. Ausgelaugt. Verbraucht. Über den Winter auf dem Balkon ausgetrocknet. Ein geschrumpfter, fester Brocken, der aus den Blumentöpfen glitt, von Wurzelwerk durchsetzt. Ein Etwas, das ich tatsächlich auseinanderbröseln konnte. Keine Konsistenz.

Ich entsorge die Reste des Vorjahres immer auf dem Feld hinter dem Haus und dem Garten, der nicht mir gehört. Und jedes Mal fällt mir auf, wie der Boden, auf dem ich dann stehe und diese trockenen Reste von Pflanzerde entsorge, dem gleicht, was ich da aus den Töpfen hole. Toter Dreck. Ausgelaugter Staub. Nur die Impfung mit Dünger versetzt diesen ehemaligen Boden überhaupt in die Lage, irgend etwas Grünes hervorzubringen.
Viel zu fest ist er auch. Was ich gerade in den Händen halte, hat Volumen. Es hat Substanz. Ich kann fühlen, daß es zwischen den Materiebrocken dieser wirklichen Erde Luft gibt. Während meine Hände die Töpfe füllen und nach den Setzlingen greifen, sie in die Erde eintopfen, sehe ich in meinem Geist deutlich, wie die Wurzeln der Pflanzen bald diese winzigen Hohlräume durchziehen werden. Sie ausfüllen, sich ausbreiten, begleitet von Bakterien Leben aus dieser unscheinbaren Masse ziehen werden, während sie Sonnenlicht und Kohlendioxid atmen. Endlich. Der Frühling kommt spät in diesem Jahr.
Aber heute hat die Sonne Kraft, die Lufttemperatur ist beständig gestiegen die letzten Tage. Der leichte Wind trägt Frühling und Sommer mit sich, nicht mehr das regnerische Frösteln der letzten Wochen. Wie immer bringt Gaia in unausweichlicher Konsequenz den nächsten Zyklus hervor.

Es hat etwas Meditatives, etwas Friedvolles, dieser Griff in Mutterboden. Setzlinge eintopfen, weitere Erde auffüllen, ein bißchen Wasser auf die Pflanzballen vorher. Ein wenig festdrücken. Darauf achten, daß die größeren Setzlinge alle in die gleiche Richtung gekrümmt sind. Denn die Pflanzen werden sich auf dem Balkon natürlich an der Sonne orientieren. Ist die Krümmung unterschiedlich, wird eine von je zwei Pflanzen pro Topf sich verbiegen müssen und das ist nicht sinnvoll. Ich will geraden Wuchs haben in der Frühphase. Gleichmäßigkeit. Also Ballen drehen, Krümmung beachten, Erde aufhäufen, festdrücken, Topf richtig in die Sonne drehen.
Ein einfacher Rhythmus einfacher Handgriffe. Eine echte Tätigkeit. Das Ergebnis werden Küchenkräuter sein. Tomaten. Ein paar Vertreter von Digitalis purpurea, dem Fingerhut. Mit ihrem hohen Wuchs sollen sie ein bißchen wachsenden Sichtschutz bieten auf meinem Balkonien in diesem Jahr. Mal sehen, ob das klappt. Und niemand scheint heutzutage noch Liebstöckel zu benutzen. Zumindest bietet kein Supermarkt so etwas an in den üblichen Töpfchen in der Kräuterecke. Basilikum, Thymian – dieses Zeug ist da. Das gute alte Maggikraut, wie ich das als Kind immer genannt habe, weiß scheinbar niemand mehr zu schätzen. Weiterlesen

Das blinde Bewußtsein

– I –

Vor dem Fall

,,Der Mensch ist die Krone der Schöpfung. Er kann denken. Er hat Bewußtsein seiner selbst.“

René Descartes

Ein Punkt, den wir Menschen möglicherweise vergessen haben, ist, daß unsere Zeit, unsere Lebensweise und unsere gesamte Zivilisation ganz genau so von Mythen beherrscht wird, wie das bei unseren Vorfahren vor zwei- oder dreihundert Jahrtausenden der Fall gewesen ist.
Woran also liegt es, daß wir Menschen im Alltag normalerweise nicht unterscheiden zwischen Kommunikation und Sprache – wobei dahingestellt bleiben mag, ob wir das in dem Moment nicht wollen oder nicht können?
Es ist derselbe Grund, der vermutlich fast jeden Leser der letzten Woche denken ließ: „Aber das ist doch etwas völig anderes“, als ich im Text erwähnte, daß ein Stein ein Werkzeug ist, aber eben auch ein Schmutzgeier Steine benutzt, um eine Eierschale aufzubrechen.
Es ist derselbe Grund, der gleichzeitig alle Leser hat beifällig nicken lassen, als ich direkt danach erwähnte, daß Feuer ja ein abstraktes Werkzeug ist, aber ein Stein eben etwas sehr Direktes, sehr Offensichtliches. Denn alleine durch die Formulierung bestimmter Sätze habe ich das Fundament bestätigt, auf dem wir alle heute zu stehen glauben. Mit dem Eingangssatz diese Artikels hingegen nicht, denn wie kann es sein, daß wir etwas mit den Typen von 300.000 vor Brian zu tun haben sollen?

Mensch errichtet in seinen immer weiter wachsenden Städten Gebäude, die der Schwerkraft zu widersprechen scheinen, Hunderte von Metern hoch. Die Kilometergrenze ist noch nicht erreicht, wird aber in allen Projekten größenwahnsinniger Baumeister rund um den Planeten angepeilt und auch überschritten. Logisch, kleiner bauen als der vorherige Rekordhalter kommt ja nicht in Frage. Womit auch bereits der einzige Grund genannt ist, warum derartige Gebäude überhaupt errichtet werden: Um zu zeigen, daß es möglich ist.
Im aktuell entstehenden Kingdom Tower sollen Büroflächen vermietet werden, dazu Appartements vermietet und – völlig innovativ – natürlich ein Hotel mit dabei sein.
Kein anderes Lebewesen baut Städte. Weiterlesen

Grillen mit Prometheus

Oh! Eine Feuermuse, die hinan
den hellsten Himmel der Erfindung stiege!

William Shakespeare, Henry V.

Wie konnte es eigentlich dazu kommen, daß Mensch jetzt auf dem Olymp herumsteht, sich umschaut und sehr oft den Eindruck erweckt, er hätte keine Ahnung, wie es vom Gipfel aus jetzt weitergehen soll?
Außer nach unten natürlich, was aber nicht die Richtung ist, in die irgendwer schauen möchte, wie ich das neulich bereits erwähnt hatte.

Es ist eine Reise, von der man nicht genau sagen kann, wann genau sie eigentlich begonnen hat. Mit der Benutzung von Werkzeugen möglicherweise? Damals, Anno Tukmich, als Mensch seinen ersten Höhlenbären in die Falle lockte, um ihn dann mit Steinen zu bewerfen, bis das Vieh tot war?
Ich habe nicht die geringste Ahnung, ob unsere Vorfahren tatsächlich die Nummer mit dem Köder und der Schlucht benutzt haben, um Ursus spaeleus zu erlegen. In meinen diversen Kinderbüchern, in denen Gestalten im Lendenschurz von oben Steinbrocken auf so ein Vieh hinunterwerfen, schien diese Jagdmethode jedenfalls etablierter Forschungsstand zu sein. Oder womöglich eine der zahlreichen Lügen für Kinder, die wir in unserer Kultur so gerne verwenden, um uns den Aufwand echter Erziehung zu sparen.
Wenn ich genauer drüber nachdenke, erscheint mir schon die Bekleidung auf solchen Bildern etwas unwahrscheinlich. Denn der Höhlenbär, der übrigens so heißt, weil er in den Höhlen überwinterte, nicht, weil er darin lebte, starb vor etwa 28.000 Jahren aus. Zu diesem Zeitpunkt war die letzte Kaltzeit noch nicht wirklich zu Ende.
Das bedeutet, im heute als Gemüseexportland berühmten Spanien, gelegen auf der sonnigen und staubigen und vor allem recht trockenen iberischen Halbinsel, zogen damals Wollhaarmammuts und auch Wollnashörner über gerne mal sehr frostige Ebenen. Gut, trocken war es damals auch. Denn diese Kälte war Teil der letzten Eiszeit und in denen ist das irdische Klima immer viel trockener als heute. Was logisch ist, denn ein großer Teil der Feuchtigkeit ist dann ja im Eis gebunden. Einer der trockensten Orte unseres Planeten ist heute die Antarktis. Kalte Luft hält wenig Feuchtigkeit.
Jedenfalls waren sehr viele Tiere so schlau, sich in ordentliches Fell zu kleiden. Ich gehe daher mal davon aus, daß auch unsere Vorfahren nicht in der Badehose rumgelaufen sind oder wie Tarzan. Sonst wären wir alle nämlich nicht hier.

Begann der Prozeß, an den ich denke, mit der Erfindung der Grillparty?
Also, nachdem man den Höhlenbären erfolgreich zu den Ahnen befördert hatte und irgendwer auf die Idee kam, daß man das Fleisch ja mal ein bißchen zubereiten könnte?
Das wäre dann die Erfindung des Feuers. Wobei auch diese Bezeichnung falsch ist. Feuer war schon da, lange bevor dieser Planet auch nur dran gedacht hat, so etwas wie Leben hervorzubringen. Und auch danach existierte Feuer über sehr lange Zeit, ohne vom Menschen erfunden zu werden. Wenn wir über die „Erfindung“ des Feuers reden, dann geht es darum, daß irgendjemand dereinst auf die Idee gekommen sein muß, daß man dieses Naturphänomen auch als Werkzeug benutzen könnte. Wie einen Stein, der herumliegt und der einem beim Jagen helfen kann. Beim Öffnen irgendeiner Frucht vom Baum. Oder dabei, eben diese Frucht mit einem gut gezielten Wurf vom Baum erst einmal herunter zu kriegen.
Die Nützlichkeit des offenen Feuers dürfte unseren in modisches Fell gekleideten Vorgängern sehr wohl eingeleuchtet haben. Im wahrsten Sinn des Wortes. Denn Feuer gibt Licht. Rein naturwissenschaftlich findet hier eine Energieumwandlung statt, und zwar in Form eines exothermen Prozesses, der eine enorme Menge an Strahlung emittiert, die zu einem nicht unerheblichen Teil im Bereich des sichtbaren Spektrums liegt. Weiterlesen

Weihrauch und Glitzerstaub

,,The study of economic lift-off is well developed; touch-down has not been considered.
There is an asymmetry here which would invite comment if applied to aviation.”

David Fleming

Nicht nur einen, nicht nur zwei, nein – gleich sieben erdähnliche Planeten haben die unermüdlichen Planetenjäger auf der Erde in der vorletzten Woche entdeckt.
Donald Trump – immer noch Präsident der USA, jedenfalls offiziell – hat die wunderbare NASA gebeten, ihre neue Superrakete doch bitte mal schneller auf Vordermann zu bringen als geplant. Also 2019 und nicht erst 2021. Die Erbsenpistole der Demokratie schreibt hierzu einen Artikel unter dem ganz großartigen Titel „Donald Trump will schnellstmöglich zum Mond“.
Nun, wenn das der Wahrheit entspräche, sollte man dem Mann diesen Wunsch erfüllen.
Leider handelt es sich um dieselbe NASA, der permanent Gelder gekürzt werden, da Mitglieder der Republikaner es für völlig unnötig halten, mit Satelliten die Erde zu beobachten und somit etwa Daten über die Eisbedeckung am Nordpol zu gewinnen oder derartig unsinniger Kram. Wissenschaft – pah! Niemand braucht so etwas.
Es ist auch derselbe Präsident, der den US-Rüstungsetat um 54 Milliarden Dollar erhöhen will. Grandiose und absolut fantastische Begründung: „Wir müssen wieder Kriege gewinnen.“ Denn die US-Armee sei durch die vielen Finanzkürzungen völlig „ausgelaugt“. Keine weiteren Fragen.
Obwohl – doch. Eine hätte ich da schon. Welche Kriege eigentlich?
Und hat irgendwer dem Kerl im Oval Office mal erzählt, daß die USA mehr Geld ausgeben für ihr Militär als die nächsten sechs Nationen auf der Liste der rüstenden Ritter? Darunter sind dann so Zwergstaaten wie China oder Rußland. Dieser Typ weiß echt genau gar nichts über die Verhältnisse außerhalb seines Kopfes, also der realen Welt. So sad!

Die von Tesla-CEO Elon Musk aus der Taufe gehobene private Weltraumfirma Space-X kündigte derweil an, man wolle ab 2018 Touristen zum Mond bringen. Beziehungsweise, mit denen um den Mond herumfliegen. Natürlich dürfte ein derartiges Ticket ein exorbitantes Sümmchen kosten, denn das Verlassen des irdischen Gravitationstrichters ist mit enormen Energieaufwand verbunden und das kostet. Verdammte Physik!
Auch das von Musk geplante Projekt Hyperloop kommt voran. Studenten der TU München haben einen Preis gewonnen für das Design einer Kapsel, mit denen dieses Verkehrsmittel der Zukunft ausgestattet sein soll.

Warum erwähne ich das eigentlich alles?
Weil es exakt dem entspricht, worüber ich hier gerne mal schreibe, was ich hier beschreibe und das uns eindeutig in den Allerwertesten beißen wird. Also, uns alle, so als Zivilisation. Der Mythos des Fortschritts. Überall entdecke ich in den letzten Tagen wieder wunderschöne Beispiele des Alltags für das, was ich so vor mich hin schreibe in der Bambushütte am Rande der Zivilisation. Weiterlesen

Abstieg vom Olymp

,,Das Falsche ist oft die Wahrheit, die
auf dem Kopf steht.“

Sigmund Freud

Vom Gipfel dieses Berges hier unter meinen Füßen, vom höchsten Punkt unserer Zivilisation, ist die Aussicht unglaublich. In alle Himmelsrichtungen reicht der Blick des Kletterers über das Land. Siebeneinhalb Milliarden Menschen leben dort unten, auf dieser Welt, die ihre Bewohner seltsamerweise „Erde“ nennen, obwohl sie doch zu gut drei Vierteln von Wasser bedeckt ist.
Noch vor 15.000 Jahren eine Art, deren Population einige wenige Millionen zählte, hat sich Homo sapiens sapiens in kurzer Zeit von Pol zu Pol ausgebreitet. Ob in der Wüste, im Regenwald oder im ewigen Eis – nirgendwo ist ein Ort von menschlicher Anwesenheit verschont geblieben.
Selbst da, wo offiziell noch nie jemand war, den wir auch als „Jemand“ bezeichnen würden, finden sich Spuren der menschlichen Zivilisation. Giftige Spuren.

So manche Dinge sind seltsam von hier oben auf dem Berg.
Der Blick in die Ferne wird getrübt durch Abgase aus Industrieanlagen, aus Auspuffanlagen von Autos. Diese sollen meistens einzelne Menschen von Punkt A nach Punkt B bringen, sie bestehen aus wertvollen Metallen und verbrennen ein Raffinerieprodukt namens Benzin oder Diesel, ebenfalls wertvoll und aus Rohstoffen hergestellt, die nicht in unendlicher Menge vorhanden sind. Es gibt so viele von diesen Autos, daß sie oft hintereinander herumstehen, statt sich zu bewegen.
Der Blick an den Himmel wird getrübt von Dutzenden Kondensstreifen, die von großen Lufttransportern hinterlassen werden, in denen Menschen sitzen, die gerne von dem Ort weg wollen, den sie sehr oft ihr Zuhause nennen. Dabei ist es zu Hause doch am schönsten, sagt ein altes Sprichwort. Auch diese Lufttransporter verbrennen eine gigantische Menge an Kerosin, ebenfalls ein Produkt der unermüdlichen Raffinerien. Es gibt sogar Menschen, die behaupten, ihre Regierungen würden mit diesen Flugzeugen Chemikalien in großer Menge versprühen, um Gedankenkontrolle auszuüben.
Eine belustigende Vorstellung. Warum sollte man die Gedanken von Lebewesen kontrollieren wollen, die ganz offensichtlich bei weitem zu blöde sind, um überhaupt so etwas wie einen irgendwie logisch nachvollziehbaren Gedanken in ihrem Kopf zu entwickeln?
Aber Verschwörungstheoretiker sind sich für nichts zu schade. So eine Echsenmenschen-Rasse, die auch alle Piloten der Welt auf ihre Seite gezogen hat, ist natürlich viel einfacher, als sich mal ein wenig mit Atmosphärenchemie und -physik zu beschäftigen. Einige der angeblich menschlichen Lebewesen auf diesem Planeten sind echt mehr als seltsam. Also, noch seltsamer als der Rest.

Das Leuchten der Raffinerien in der Ferne erhellt ganze Küstenstriche, denn diese riesigen Anlagen stehen normalerweise an der Küste. Das liegt daran, daß die langkettigen Kohlenwasserstoffe, auf die diese Zivilisation auf Gedeih und Verderb angewiesen ist, mit gigantischen Tankern über den Ozean gebracht werden. Die wiederum brauchen Häfen und in denen stehen die Raffinerien, weil das am einfachsten ist. Tag und Nacht sind die chemischen Großküchen in Betrieb, um den öligen Pulsschlag der menschlichen Existenz zu Beginn des 21. Jahrhunderts aufrechtzuerhalten. Keine Ruhe, keine Rast, keine Erholung in unserer Zeit. Weiterlesen

Eine Meditation zwischen Spielzeugen

,,Logik ist der Zement unserer Zivilisation, mit dem wir unter Gebrauch der Vernunft
aus dem Chaos emporsteigen.“

T’Plana-Hath

Ein ganzer Raum voller Spiele. Mehrere Regale. Es sind Brettspiele. Kartenspiele. Würfelspiele. Einige von ihnen sind im besten Zustand. Anderen sieht man an, daß sie bereits eine Reise hinter sich haben. Aber sie sind noch vollständig und benutzbar. Nichts ist hier mehr neu. Aber alles funktioniert noch.
Alle diese Spiele haben etwas gemeinsam. Nichts an ihnen ist elektronisch. Nichts in diesen Regalen erfordert Batterien. Nichts leuchtet, klingelt, oder piepst. Es sind, so könnte man es sagen, allesamt altmodische Spiele. Sie wirken wie aus der Zeit gefallen. Nichts von dem, das hier herumsteht, hat ein Tutorial. Nirgendwo blinken Pfeile, keine Sprechstimmen erzählen dem Spieler, was er zu tun hat. Nirgendwo in diesen Spielwelten gibt es ein Missionsbriefing mit einer KI nach einer dramatischen Videosequenz. Übrigens muß man auch in keinem dieser Spiele die Welt retten, soweit ich das erkennen kann. Statt mich direkt mit den Dingen vertraut zu machen, während bereits die ersten Aliens die eigene Basis angreifen, muß man hier tatsächlich zuerst irgendwelche Dinge aufbauen, in die Hand nehmen, sich fragen wofür sie gut sind, und sie dann ihrem vorgesehenen Zweck zuführen.
Dafür muß man hier, in dieser komischen Welt, Bedienungsanleitungen lesen. Geheimnisvolle Menschen haben auf Papier gedruckt, wie der Ablauf der Dinge sein sollte. Wenn sich alle an die Regeln halten, versteht sich.
Alle diese Spiele hier erfordern also, daß man sich mit ihnen beschäftigt. Sich mit Zusammenhängen auseinandersetzt. Was die Angelegenheit allerdings noch viel schlimmer macht, ist der zweite Punkt, den sehr viele dieser Spiele gemeinsam haben: Es handelt sich durchweg um sogenannte Gesellschaftsspiele.

Hier wird also erwartet, daß sich mehrere Menschen zusammensetzen, in einer Gruppe. Oft ist der Grundgedanke, daß sich ältere Menschen mit der Altersgruppe zusammensetzen, die sich eher am unteren Rand der häufig auf den Verpackungen angegebenen Anzahl gesammelter Geburtstage bewegt. Dann soll man versuchen, das Spiel zu erschließen. Gesellschaft eben, in einem recht unmittelbaren Sinne des Wortes.
Das dieses ganze Zeug in diesem Raum vor sich hin verstaubt, sagt eine ganze Menge über unsere Gesellschaft aus, finde ich.
Scheinbar spielen Eltern nicht mehr mit ihren Kindern. Oder Kinder miteinander. Jedenfalls nicht mehr, indem man sich in einem Haushalt an einen Tisch setzt. Heute teilt man sich ein gemeinsames W-LAN und ruft die Blagen über WhatsApp zum Essen. Oder indem man den Router abschaltet, das kommt ganz drauf an. Damit bricht dann auch die Multiplayer-Partie Battlefield zusammen, in der die neunjährige Tochter ihrem zwölfjährigen Bruder gerade beim Capture the Flag so richtig eins reingewürgt hat, mit dem Raketenwerfer zwischen die Augen. Wobei ich jetzt nichts gegen Raketenwerfer gesagt haben will. Der Tintenfisch-Raketenwerfer in Borderlands war überaus witzig. Weiterlesen

Blick über den Tellerrand

Manche Menschen müssen nicht weggehen von dort, wo sie gerade sind. Zum Beispiel türkische Soldaten, die jetzt in Griechenland bleiben dürfen, nachdem das Oberste Gericht ihre Asylanträge genehmigt hat. Die Soldaten, nach eigenen Angaben Piloten von Rettungshubschraubern und -flugzeugen, waren nach dem etwas seltsamen „Putsch“ in der Türkei nach Griechenland geflohen und hatten Asyl beantragt. Die Türkei wollte sie ausgeliefert haben, was jetzt endgültig vom Tisch ist. Zumindest juristisch.
Die Begründung des Gerichts in Athen dürfte die Zornesadern auf der Stirn des Möchtegern-Herrschers aller Türken stark anschwellen lassen. Die Richter sagten nämlich ausdrücklich nichts über eine Beteiligung oder Nicht-Beteiligung am Putschversuch. Was sie sagten war aber, daß für die Soldaten in der Türkei kein gerechtes Verfahren gewährleistet sei. Auch ein Schutz vor Folter und Mißhandlung sei nicht garantiert. Dazu käme noch die mögliche Todesstrafe – denn die will Erdogan ja gerne wieder einführen lassen. Die Türkei entspricht auf der Justizebene somit nicht den Anforderungen an einen menschenrechtlich einwandfreien Rechtsstaat und darum dürfen diese Soldaten bleiben.
Tja, wenn das mal kein Tritt in die Eier ist, weiß ich auch nicht.

Der türkische Außenminister, ein Herr namens Mevlüt Cavusoglu, sprach daraufhin davon, daß die griechische Regierung „Terroristen, Verräter und Putschisten“ beschützt. Soweit dann zu fairen Verfahren. Das wiederholt nur die bisherige Wortwahl in dieser Angelegenheit und darf dann wohl als Eingeständnis gewertet werden, daß die Richter in Athen mit ihrer Einschätzung der Lage in der Türkei vollkommen richtig liegen.
In der Reaktion will Ankara jetzt Schritte prüfen, wobei der Außenminister bereits sagte, man werde Flüchtlingsabkommen kündigen. Soweit dann zur Prüfung. Es ist dabei nicht genau klar, welche Abkommen gemeint sind.
Aber jedenfalls ist das die typische Reaktion von Leuten, die andere Leute mit irgendwelchen Forderungen anschnauzen und dann das beleidigte Opfer sind, wenn die Gegenseite nicht sofort tut, was sie wollen. Eine türkische Zeitung bezeichnete das Ganze dann auch folgerichtig als „Skandalurteil“. Das ist sogar richtig, was das gleichgeschaltete Presseorgan da von sich gibt. Nur ist es eben kein Skandal für Griechenland. Ganz im Gegenteil. Weiterlesen