Zivilisationswächter

,,There is no time like the present“
Grundlegende Erkenntnis der Temporalmechanik

Ich verneige mich in alle Himmelsrichtungen und heiße dich willkommen in meiner bescheidenen Ecke des Internet, oh hoffentlich vernunftbegabtes Lebewesen dieses Planeten.
Sollte jemand nicht von diesem Planeten hier stammen, wäre es ganz toll, wenn er mal zum Tee bei mir daheim vorbeischaut. Das Gespräch dürfte sehr interessant werden und ich mag interessante Gespräche.
Aber egal, ob Du von der Erde stammst oder von XpRRt23!Beta in Andromeda, Du solltest dich in den folgenden Abschnitten in irgendeiner Form persönlich wiederfinden und zustimmend mit dem Kopf nicken, wenn Du dich hier wohlfühlen möchtest. Natürlich ist zweifelndes oder ablehnendes Kopfschütteln auch nicht schlecht, denn das zeugt immerhin von einem gewissen Denkprozeß im Vorfeld. Alternativ darf auch mit den Fühlern gewedelt oder beliebige Tentakel geschwenkt werden. Aber wenn das, was nun folgt, so gar nicht deins ist – gehe hin in Frieden und mögest du interessante Zeiten erleben!

Warum also „Zivilisationswächter“?

Die Menschheit hat die ersten anderthalb Dekaden des 21. Jahrhunderts inzwischen fast hinter sich gebracht – mehr oder weniger erfolgreich, je nach Standpunkt.
Als sorgfältiger und stets mißtrauischer Beobachter meiner Umwelt – und damit meine ich persönlich Deutschland speziell und die Erde im Allgemeinen – ist es meiner Meinung nach nicht mehr zu übersehen, daß sich unsere Zivilisation in einer extrem kritischen Phase ihrer Entwicklung befindet.
Nach einer Weile des scheinbar ruhigen Dahindümpelns in der Strömung der Geschichte hat Mensch in den letzten 15 Jahren definitiv die Stromschnellen erreicht, und es zeigt sich nicht nur, daß alle in einem Boot sitzen, sondern daß es auch keine Rettungsringe gibt. Geschweige denn irgendeinen, der Ahnung hat, wo denn die verdammten Ruder geblieben sind.

Da die Welt inzwischen historisch ja in „vor 9/11“ und „nach 9/11“ eingeteilt werden kann – und auch wird – nehme ich dieses Datum mal als Ansatzpunkt.

Der sogenannte „Krieg gegen den Terror“, ausgerufen von George II. aus Texas, hat noch immer kein Ende gefunden. Was daran liegt, daß genau das die Absicht der Initiaten dieses Krieges gewesen ist. Auch der 2008 noch so gefeierte Messias namens Obama ist nicht etwa am Washington Monument übers Wasser gelaufen, sondern hat uns einen ganz guten Eindruck davon verschafft, wie eine dritte oder vierte Amtszeit von George DabbelJuh ausgesehen hätte.

Inzwischen ist jedem Erdbewohner mit mehr als 10 Gehirnzellen und der Möglichkeit, Nachrichten rund um die USA, China, den Nahen Osten und Europa zu verfolgen, klar geworden, daß es niemals darum ging, irgendwelchen Terror zu bekämpfen. Es geht in diesem ersten großen Krieg im 21. Jahrhundert um eine relativ simple Sache: Öl.
Denn dies ist das erste der Probleme, die Mensch hat: Energie.
Eigentlich gibt es genug davon, dummerweise haben wir uns auf einen ganz speziellen Energieträger eingeschossen. Und der wird uns bald ausgehen, da machen wir uns mal nichts vor. Die weitere Entwicklung bzw. die Möglichkeit derselben hängt primär von einer Lösung für diese Problemstellung ab.

Aber das ist noch längst nicht alles: Trotz aller gegenteiligen Behauptungen christlicher Fundamentalisten oder ähnlich gut informierter Menschen ist so etwas wie Klimawandel keine Streitfrage der Wissenschaft mehr, sondern Realität vor der eigenen Haustür. Wer, wie ich, in den letzten Starkregen im Sommer beim Radfahren mal fast ertrunken ist, weiß, was ich meine. Klar gab es früher auch schon Wolkenbrüche, aber ganz allmählich übertreibt das Klima ein bißchen.
Das Problem wird durch unsere Benutzung veralteter Energieträger verursacht und auch – allen Klimakonferenzen zum Trotz – weiter verschärft.

Wir gehen mit der Welt um, als hätten wir eine zweite im Keller. Haben wir aber nicht.

Auch die Ausbeutung anderer, eigentlich sogar endloser Ressourcen – Fischbestände, Waldflächen, Ackerland, sauberes Trinkwasser – hat ein Ausmaß angenommen, das für unsere Zivilisation längst zu einer Bedrohung geworden ist, anstatt ihr Nutzen zu bringen.
1972 erschien „Die Grenzen des Wachstums“, ein inzwischen überaus berühmtes Buch, dessen Autoren ihre Arbeit immer weitergeführt und aktualisiert haben.

Die Autoren stellen unmißverständlich fest, daß Mensch seit etwa AD 1995 mehr als einen Planeten benötigt. Anders gesagt, unsere Zivilisation lebt von der Substanz.
Ich bin ein Bücherwurm und dementsprechend habe ich in den letzten 15 Jahren unzählige Dokumentationen gesehen, Papers und Veröffentlichungen gelesen und mich in die verschiedensten Aspekte der Thematik vergraben. Schon, um mich da mal wieder auf den neuesten Stand der Dinge zu bringen.

Es gibt Hunderte von Autoren, die – nicht erst seit 15 Jahren – sehr deutlich darauf aufmerksam machen, daß irgend etwas hier nicht ganz korrekt zu laufen scheint.
Das Ergebnis ist knapp und vernichtend: Mensch hat die Tragfähigkeit des Planeten eindeutig bereits überschritten, unser ökologischer Fußabdruck ist definitiv viel zu groß, auch das mit dem notwendigen Vergrößern der Erde scheint nicht sonderlich gut zu funktionieren, die Anzahl unserer Planeten beträgt hier und heute noch immer genau 1,0. Und meiner Meinung nach wird es dabei wohl auch eine Weile bleiben.

Besonders die moderne Wirtschaft scheint das sehr ärgerlich zu finden, denn das kapitalistische Marktsystem, das heute global das dominante ist, geht noch immer von einem unendlichem Wachstum aus. Was uns direkt zum nächsten Problem bringt, das Mensch mit sich herumträgt – unser Gesellschaftssystem.

Seit Jahrtausenden benutzt Mensch Geld als ein Mittel, um sich und anderen den Handel untereinander zu erleichtern.
Das war auch durchaus eine gelungene Idee und hat es dem persischen Immobilienmakler zum Beispiel erspart, ständig eine ganze Karawane mit Kamelen voller Seide und Purpur mit sich herumzuschleppen, um was zum Tauschen dabei zu haben. Da läßt sich so eine Handvoll Münzen doch wesentlich einfacher verstauen.
Dummerweise hat Mensch bis heute nicht nur Papiergeld, sondern auch Giralgeld (die Italiener sind schuld!), Zentralbanken, Computerbuchungen und andere Dinge erfunden. Gewürzt mit etwas „Wealth of Nations“ von Adam Smith oder John Maynard Keynes kommt das heraus, was wir heute als „Kapitalismus“ bezeichnen.

Kapitalismus denkt an Profit. Wir müssen an Menschen denken. Seien wir also egoistisch!

Nach meiner Meinung ist dieses Gesellschaftssystem nicht länger tragfähig und entwickelt sich in seiner Nützlichkeit sehr stark in Richtung Rettungsring aus Beton. Dabei steht der Menschheit das Wasser ohnehin bis Oberkante Unterlippe und das hat nichts mit irgendwelchen steigenden Meeresspiegeln zu tun.
Die kapitalgebundene Wirtschaft der aktuellen Prägung ist ineffizient, in verbrecherischem Maße verschwenderisch, ausbeuterisch, menschenverachtend, sie gefährdet die planetarische Ökologie, fördert das zyklische Auftreten von Kriegen zum Schutz ihres Eigeninteresses und ist nicht an der Etablierung eines wirklich dauerhaften Systems interessiert, das allen Menschen nützlich ist.
Denn Menschen kommen in kapitalistischen Formeln bzw. Modellen üblicherweise nicht vor. Außer als Konsumenten. Im besten Falle als Kunden.
Das Hauptinteresse des Kapitals ist Profit. Jeder, der die sogenannte ,,Finanzkrise“ mitverfolgt hat, die übrigens bei weitem noch nicht vorbei ist, sollte sich dieser Tatsache inzwischen bewußt sein.*
Kurz und knapp: Das derzeit etablierte System ist von seinem theoretischen Aufbau her bereits ungeeignet, Mensch durch die Stromschnellen zu lavieren, die in diesem Jahrhundert noch vor uns liegen.

Gleichzeitig werden wir mehr und mehr.
Als ich – in den prähistorischen Zeiten vor dem Mobiltelefon oder dem heimischen PC – geboren wurde, gab es noch nicht einmal vier Milliarden Menschen auf der Welt. Aktuell sind wir 7,3 Milliarden, die Anzahl Mensch auf diesem Planeten hat sich seit meiner Geburt ziemlich genau verdoppelt.
Dieses enorme und nie dagewesene Bevölkerungswachstum wiederum ist vor allem durch die Nutzung des größten Lotteriegewinns der Menschheit ermöglicht worden, das heißt, von fossilen Brennstoffen. Erst war es Kohle, heute ist es Öl. Überall wird heute ersichtlich, daß Mensch vor Problemen steht, die aus einer beschränkten, individuellen Sichtweise heraus nicht lösbar sind und auch nicht sein werden.

Der Öldurst der Welt nimmt weiterhin zu, allen aktuellen Entwicklungen zum Trotz.
Eine militaristisch-hegemoniale USA in einem prä-faschistischen Entwicklungsstadium ist bereits weltweit auf oder in der Nähe der letzten Ölvorräte in Stellung gegangen und die Lage beginnt, kritisch zu werden.
Ein aufstrebendes Land wie Indien mit seiner Milliardenbevölkerung, die nur zu gerne dem sogenannten „American way of life“ folgen will, den wir uns aber nicht länger erlauben können (und auch nie konnten)…die Liste ließe sich quasi beliebig verlängern.

Der katastrophale Zusammenbruch unserer technologischen Industriegesellschaft ist längst keine Frage des ob mehr, sondern nur noch eine Frage des wann.

Unsere globale Kultur ist im Abstieg begriffen. Nur begriffen haben viele das noch nicht.

Die Anzeichen für diesen Abstieg unserer globalen Kultur lassen sich nicht weiter ignorieren. Es ist nicht weniger erforderlich als eine vollständige Neubewertung unserer bisher als selbstverständlich erachteten Überzeugungen und grundlegenden Denkweisen im Umgang sowohl miteinander als auch mit den Ressourcen unserer Welt. Lösungen müssen erdacht werden und Möglichkeiten gefunden.
Tatsächlich werden sie das schon, zumindest geben sich einige Menschen da sehr viel Mühe.

Es geht hierbei nicht um Ideologien. Kommunismus, Faschismus, Sozialismus und auch Kapitalismus sind nichts weiter als Blendfassaden über einem seit Jahrtausenden unverändert gebliebenem Gerüst.
Es geht um Naturwissenschaften, um nichts weniger als die Anwendung der wissenschaftlichen Methodik auf den gedanklichen Neuaufbau und Umbau des aktuellen Systems zu etwas völlig Neuem.
Es geht um das Sammeln von Gedanken, von Möglichkeiten des Entgegenwirkens, um das Einbringen von Ideen und Möglichkeiten. Es geht um elementare Logik und Ratio als Leitlinie.

Es geht nicht darum, die sibirischen Tiger zu retten oder den südostanatolischen Hüpfpilz. Oder auch nur die Erde.

Ich bin ein Egoist – ich will die Menschheit retten und mich dabei gleich mit!
Denn Homo sapiens sapiens steht bisher noch nicht auf der Liste der bedrohten Tierarten. Vermutlich, weil er der einzige ist, der solche Listen aufstellt.

Ich habe einen Sohn. Sehr viele Menschen auf diesem Planeten sind irgendwie Söhne oder Töchter, da können wir nicht aus unserer Haut.
Diverse humanoide Lebensformen, wie sie z.B. ein George W. Bush, ein Donald Rumsfeld oder der Chef von Goldmann Sachs, bilden hierbei eine Ausnahme. Solche Leute können keine Mütter oder Väter haben, da bin ich mir sicher. Jede anständige Mutter wäre vor deren Geburt schreiend weggelaufen.

Für alle anderen gilt hoffentlich dasselbe wie für mich: Eines Tages wird mich mein Sohn möglicherweise fragen, warum denn seine Welt so aussieht, wie sie dann aussieht. In diesem Moment will ich mich nicht schämen müssen, weil ich nichts gegen das heraufziehende Unwetter getan habe, nichts gedacht oder nichts gesagt.

Folgende Hypothesen und Theorien werden immer wieder im Blog auftauchen: Wir leben auf einem reichhaltigen Planeten.
Es sollte einer entwickelten Lebensform eine moralische und ethische Verpflichtung sein, diesen Reichtum zum Wohle eines jeden Bewohners unserer großartigen Welt einzusetzen und diesen Reichtum pfleglich im Sinne des globalen Wohlstandes aller zu verwalten.

Wir sind eine junge Rasse, wir sind unerfahren und fehlerhaft.
Man nennt den Menschen vernunftbegabt, aber Begabung an sich kann noch nicht alles sein. Es wird Zeit, von dieser Begabung und den nahezu unendlichen Möglichkeiten, die uns die Wissenschaften bieten, auch Gebrauch zu machen. Es wird Zeit, sich weiterzuentwickeln, solange wir diese Zeit noch haben.

Wir sind eine intelligente Rasse und ich halte es einer intelligenten Rasse für unwürdig, sehenden Auges am Untergang der größten Kultur zu arbeiten, die sie bisher hervorgebracht hat.

In diesem Sinne bin ich ein „Zivilisationswächter“. Und ich bin der festen Überzeugung, damit nicht allein zu sein.

 


*[Anmerkung: Der Ursprungstext ist vom Oktober 2010 und zur Veröffentlichung im Blog überarbeitet worden. Aber irgendwie mußte ich nicht wirklich viel ändern. Wenn das Kassandra wüßte.]

Das Beitragsbild entstammt der Seite Digital Blasphemy, die schon seit der Steinzeit des Internet mit hochaufgelöster Digitalkunst unterwegs ist. Ein Urgestein, könnte man sagen.

8 Gedanken zu „Zivilisationswächter

  1. Eine erste Reaktion aus den Untiefen des Netzes. Ich würde jetzt gerne einen Preis an den ersten Kommentator verleihen, aber das kann sich das Blog natürlich nicht leisten 😉
    Danke.

  2. Sehr kurzweilige Schreibe und interessante Aspekte, auch wenn in puncto Klima eine etwas abweichende Haltung habe. Da kann ich aber nichts für. Daran sind die paar Semester Geologie-Studium Schuld und die mediale Hysterie, wenn sich das Wetter erdreistet, etwas (egal was) zu tun. 🙂

  3. Hey Hey… Ein wirklich sehr schön geschriebener Beitrag. War sehr erfrischend zu lesen 🙂
    Im Handeln liegt die Kraft. Unser Wissen hilft uns nur solange wir es auch einsetzen. Es bringt sich nichts Informationen ohne Ende rein zu ziehen, wenn sie nicht verarbeitet und gebraucht werden. In Anbetracht dessen, dass uns so viel zur Verfügung steht, ist es traurig, dass wir noch immer den Weg des „Stillstands“ gehen wollen.

  4. Willkommen 🙂

    In Anbetracht dessen, dass uns so viel zur Verfügung steht, ist es traurig, dass wir noch immer den Weg des „Stillstands“ gehen wollen.

    Es ist viel schlimmer. Stillstand wird uns als Fortschritt angepriesen und verkauft. Sogar Rückschritt wird in dieser Art vermarktet.
    Und ja – wir haben alles da, was wir an Wissen brauchen, um es besser zu machen.

  5. Hallo
    Ich weiß nicht, wie ich an diesen Deinen Beitrag gekommen bin??? Ein paar Klicks ganz woanders und plötzlich konnte ich diesen gut geschriebenen Beitrag lesen 😊 Danke…

    Da ich aber eher sehr unbelesen bin und mich in anderen Kreisen bewege, als den Euren, wage ich es nicht mein Denken hier kund zu tun.

    Alles Gute weiterhin…

  6. Je mehr Leute an meine Beiträge kommen, desto besser. Denn natürlich will ich damit irgendwann einmal reich werden, ist ja klar 😀
    Falls Du mir aber sagen könntest, wo und wie du über den Artikel gestolpert bist, wäre ich da sehr dankbar.

    Was das Unbelesene angeht: Das glaube ich nicht. Und ich wohne in einer Bambushütte am Rande der Gesellschaft. Ich habe gar keine Kreise 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.