Bruchlinien

Der Untergang des Abendlandes, den gewisse Pappnasen bei ihren Demonstrationen gegen einen denokratischen Staat immer wieder beschwören, ist natürlich völliger Blödsinn. Es ist übrigens gerade der demokratische Staat, der solche Demonstrationen erst ermöglicht. In anderen Ländern wären die Pegidioten© längst im Gefängnis gelandet. Oder in Arbeitslagern. Oder beides.

In der Türkei möglicherweise. Das Restland des Osmanischen Reiches, geführt von einem Staatspräsidenten, bei dem ich ganz erhebliche Zweifel an seiner geistigen Gesundheit habe, ist dabei, sich unter der Ägide eben dieses Mannes in eine autokratische Islamokratie zu verwandeln. Im Grunde ist ein Herr Erdogan damit auf keinem anderen Dampfer als der deutsche Standard-Konservative aus einer der C-Parteien. Die geben auch immer wieder was von Traditionen und Familienwerten und ähnlichem Zeug von sich und haben dabei Biedermeierkommoden und Häkeldeckchen vor Augen. Dazu drei Kinder, die mit dem Segen der – natürlich katholischen – Kirche in Missionarstellung heterosexuell gezeugt wurden und eine Ehefrau, die sich liebevoll um die Kleinen kümmert, während der Mann seiner Arbeit nachgeht und dabei die Sekretärin vögelt.
Ist halt nur irgendwie sehr ärgerlich, daß eben diese Zeit nicht mehr existiert. Besonders amüsant wird es, wenn man sich klar macht, daß diese Zeit auch nie existiert hat, außer in den Köpfen mancher Menschen. Nichts unterscheidet einen Andreas Scheuer von der CSU von einem islamistischen Glaubenskrieger aus der syrischen Wüste, jedenfalls nicht grundlegend. Der Islamist ist vermutlich gebildeter, immerhin kann der Arabisch lesen und schreiben, da hätte ich bei Herrn Scheuer erhebliche Zweifel.

In der Türkei wird dieses Problem mehr als offensichtlich, denn Erdogan möchte das Land in eine Version seiner selbst verwandeln, von der er glaubt, sie habe einmal existiert. Eine Türkei, in der natürlich Muslime Amerika entdeckt haben und wer was anderes behauptet,  hat ein psychologisches Problem und haßt den Islam.
Aber das ist eben nicht wahr, es sei denn, dieses “irgendwann” ist etwa um 1650, als die Hohe Pforte noch einen nicht unerheblichen Teil der Welt regiert hat. Und selbst da hätte ich meine Zweifel, ob die Ähnlichkeit mit Herrn Erdogans wirren Gedanken besonders groß ist.
Die Türkei wurde von ihrem Gründer, dem Herrn Mustafa Kemal, Künstlername Atatürk, nicht ohne Grund als ein säkularer Staat gegründet. Also ein Staat, in de Kirche und Staat eben getrennt sind.
Aus Erdogans Benehmen und Ansichten wird völlig klar, daß er eindeutig einen theokratischen Staat haben möchte. Was aber viele Türken nicht haben wollen. Wiederum andere fänden das gut. Aber nicht deshalb, weil diese Türken so wahnsinnig scharf auf den Islam wären oder seine Gebote. Nein, diese Menschen wählen die AKP, weil jemand wie Erdogan seine persönliche Wahnvorstellung als konservativ, als traditionell darzustellen vermag. Ebenso wie die deutschen C-Parteien verbreitet Herr Erdogan das Wohlfühl-Gefühl der guten alten Zeit™ um sich herum.
Man kann jederzeit einen ähnlichen Effekt erzielen, wenn man eine politische Rede vor 10.000 Menschen hält und dann den Begriff “Freiheit” benutzt. Idealerweise in nicht allzu großem Abstand gefolgt von “Gerechtigkeit”.
Der Jubel der Menge ist einem sicher und vor allem wird kein einziger der Versammelten bei diesen Worten exakt das denken, was einer seiner Nachbarn denkt. Nie. Freiheit und Gerechtigkeit sind, ebenso wie das immer wieder beschworene Traditionelle der recht konservativen Rechtskonservativen, eine individuelle Vorstellung, sie sind diffus. Idealisierte Vorstellungen in den Köpfen von Menschen. Continue reading →

Gestern wird der Krieg zurückkehren

,,War. War never changes.”
Fallout 4

28. Juni 1914. Sarajevo, Bosnien-Herzegowina.
Der Chauffeur des Erzherzogs Franz-Ferdinand, seines Zeichens designierter Thronfolger der k.u.k.-Monarchie Österreich-Ungarn, und seiner Ehefrau, der zu diesem Zeitpunkt schwangeren Sophie Chotek, Herzogin von Hohenberg, begeht einen folgenschweren Fehler. Er biegt rechts ab, in die Franz-Josef-Straße, statt nach links.
Der kaiserliche Thronfolger beschwert sich vehement. Der Chauffeur hält das Fahrzeug an, kann jedoch nicht sofort zurücksetzen, denn das moderne Fahrzeug der Marke Gräf & Stift, Baujahr 1910, verfügt zwar über einen Rückwärtsgang in seinem Getriebe, doch der muß erst einmal gefunden werden.
Am Straßenrand stehend sieht ein Mann namens Gavrilo Princip die Szene vermutlich etwas ungläubig. Eigentlich auf dem Weg, sich etwas zum Mittagessen zu besorgen, zieht Princip eine Pistole und schießt zweimal.
Die erste Kugel durchschlägt das Türblech des Fahrzeugs, sodann die Bauchdecke der Herzogin und fügt ihr schwere innere Verletzungen zu, an denen sie augenblicklich zu verbluten beginnt. Die zweite Kugel dringt in den Hals des Thronfolgers und zerreißt Halsvene und Luftröhre. Der vor ihm sitzende Graf Franz von Harrach dreht sich entsetzt um, greift zur Schulter des Erzherzogs und fragt: “Majestät, was ist Euch?”
Franz-Ferdinand erwidert noch: “Es ist nichts”, bevor er das Bewußtsein verliert.
Es werden seine letzten Worte sein. Sowohl der Thronfolger als auch seine Frau versterben an ihren Verletzungen, noch bevor der Wagen das Krankenhaus erreicht. Es ist das Krankenhaus, zu dem man ohnehin unterwegs war und zu dem man links hätte abbiegen müssen.
Denn bereits am Morgen dieses sonnigen Tages hatte es einen Anschlag auf das Paar Majestäten gegeben. Die vom Attentäter geworfene Bombe prallte jedoch am Verdeck des Wagens ab und verletzte zwei Personen des Gefolges sowie diverse Zuschauer. Franz-Ferdinand hatte trotz des Schocks beschlossen, im Krankenhaus nach dem Befinden der Leute zu sehen. Continue reading →

Der Gleichschritt des Chaos

„Chaos inmitten von Chaos ist nicht witzig.
Aber Chaos inmitten von Ordnung ist es.”
Steve Martin

Die menschliche Geschichte besteht also, wenn man sie mal so in ihren verschiedenen Abschnitten betrachtet, zum großen Teil aus Chaos. Zumindest erscheint ein nukleares Wettrüsten zwischen zwei verfeindeten Supermächten als soviel Chaos, wie man nur ertragen kann. Gefährlich ist es allemal.
Schon scheinbar recht simple Fragen können bei genauerem Hinsehen ein echtes Problem darstellen. ,,Wann begann der 2. Weltkrieg?” wäre so eine Frage.
Nun, für Europa ist diese Frage simpel zu beantworten und wir alle sollten die Antwort aus der Schule kennen: Am 1. September 1939. Aber wie sieht das eigentlich insgesamt aus? Immerhin bezieht sich die Frage ja auf einen Weltkrieg.

Für die USA begann der 2. Weltkrieg nicht vor dem 7. Dezember 1941, das war der Tag, an dem die japanische Flotte ihren Überraschungsangriff auf Pearl Harbour auf Hawaii durchführte.
Für die Sowjetunion begann der Krieg nicht vor dem 22. Juni 1941, dem Tag, an dem das bis dahin verbündete Hitlerdeutschland seinen Überfall auf Stalins Machtbereich begann.
Für den asiatischen Raum kann man hier das Jahr 1937 nehmen, als Japan im Juli des Jahres den Krieg gegen China eröffnete, nach dem sogenannten „Zwischenfall an der Marco-Polo-Brücke”. Eigentlich begann diese Serie aus Zwischenfällen, die letztlich nicht weiter als Auftakt zum Krieg waren, sogar bereits 1931.
Nördlich eines Ortes namens Mukden sprengte damals ein japanisches Kommando ein Stück der Südmandschurischen Eisenbahn in die Luft und brachte so einen Zug zum Entgleisen. Zumindest war das der Plan. Der mißlang zwar, aber zumindest konnte man diesen Zwischenfall den chinesischen „Banditen” in dieser Gegend in die Schuhe schieben. Damit hatte Japan einen Vorwand, um die Stadt zu besetzen und die wichtige Eisenbahnlinie unter seine Kontrolle zu bringen.
Man darf nicht vergessen, daß dieses Japan bereits 1895 Krieg gegen China geführt hatte, ebenso wie 1905 gegen Rußland. Beide Konflikte hatte Japan gewonnen, was zur Besetzung Taiwans, der südlichen Sachalin-Halbinsel und Koreas führte, daß 1905 besetzt und 1910 von Japan offiziell annektiert wurde. Continue reading →

Die Vergangenheit der Zukunft

„Eine Revolution ist ein Kampf bis auf den Tod zwischen der Vergangenheit und der Zukunft.”
Fidel Castro

Mensch war also schon immer neugierig auf das, was vor ihm liegt und allgemein Zukunft genannt wird. Aber erst in den letzten sechs oder sieben Jahrzehnten hält in dieser Beziehung eine gewisse Wissenschaftlichkeit Einzug.
Das hat dazu geführt, daß wir heute recht gut wissen, daß Vögel Priester am Boden ignorieren, weil sie einfach zu beschäftigt sind, sich am Magnetfeld der Erde zu orientieren. Dazu wiederum mußte man natürlich erst einmal darauf kommen, daß die Erde überhaupt eins hat und was zur Hölle ein Magnetfeld eigentlich ist. Dieser Teil der Geschichte fällt ins 19. Jahrhundert und enthält Namen wie Nicola Tesla, Michael Faraday und natürlich James Clerk Maxwell.

Auch von Ritualen an Tieren stammende Einsichten ins Innenleben derselben dienen heutzutage eher dem Tierarzt und dem Gesundheitsministerium als der Zukunftsvorhersage, weil sich Mensch mit steigender wissenschaftlicher Bildung einer Erkenntnis nicht länger verschließen konnte: Zufall existiert einfach. Und er ist zufällig.
Das hat aber trotzdem niemanden davon abgehalten, weiter an die Möglichkeiten einer Zukunftserforschung festzuhalten. Eine dieser Disziplinen begegnet uns so regelmäßig und alltäglich, daß wir sie meistens gar nicht mehr als solche erkennen: Die Wettervorhersage. Continue reading →