Der amerikanische Albtraum

“Europe is lost. America: lost. London: lost. Still we are clamouring Victory!”
Kate Tempest, Let them eat chaos

Die Medien bestehen weiterhin darauf, daß diese US-Präsidentenwahl eine ist wie jede andere auch. Dabei war das schon 2016 nicht mehr so. 2020 auch nicht.
Anstatt klar anzusagen, daß diese Wahl die letzte sein wird auf amerikanischem Boden, sollte Donald Trump gewinnen, ergeht man sich in der üblichen Berichterstattung, die den Namen längst nicht mehr verdient, nichts berichtet, nichts analysiert und weniger Tiefgang hat als ein Mississippi-Dampfer in einem feuchten Weizenfeld.
Natürlich alles hinter der Paywall, schließlich muß hochkritischer Edeljournalismus von echten Recherche-Experten und fachkundigen Beratern auch bezahlt werden. Was? Nein, das waren nicht ihre Werbedaten, die wir da gerade an 200 verschiedene Marketingbuden weitergereicht haben mit unserer Webseite.

Es geht nicht um die Tatsache, daß beide Kandidaten zusammen 150 Jahre plus die jeweilige Kalkmenge im Kopf auf die Waage bringen. Es geht nicht darum, irgendwelche schwachsinnigen, rassistischen Halbsätze des einen mit dem halbsenilen Gemurmel des anderen zu vergleichen und etwas ausgewogen gegenüberzustellen. An Donald the Führer ist nichts ausgewogener als an Mumbling Joe.

Es geht darum, daß hier ein mieser Gauner und politischer Strippenzieher mit 54 Jahren Erfahrung in der größten politischen Schlangengrube des Planeten auf der einen Seite steht und auf der anderen eben Donald Trump, der keinen Hehl daraus macht, daß er drei Minuten nach seinem Wahlsieg aus der angeblichen Präsidialrepublik USA eine Diktatur machen wird. Natürlich nur für einen Tag. Aber das wird ein verdammt langer Tag werden, nehme ich an.
So ein Kandidat hat in einer demokratischen Wahl schlicht keinen Platz zu haben. Die Partei, die ihn unterstützt, ebenfalls nicht.
Aber genau so, wie die Wahrheit lange vor dem Kriegsbeginn stirbt, im Gegensatz zur immer zitierten Weisheit diesbezüglich, stirbt eben auch Demokratie langsam vor sich hin, lange bevor jemand wie Trump auch nur in die Nähe des Oval Office kommt.

In allen westlichen Industrieländern wird diese Sache mit der Demokratie seit etwa 20 Jahren von oben aktiv untergraben. Also von den jeweiligen Regierungen und ihren ungewählten  Beratern in den Konzernvorständen.
Dann heulen plötzlich alle rum, wenn die Demokratie vergewaltigt, erschossen und in den Straßengraben geworfen wird, nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Continue reading →

Phasenübergang

30. Dezember.
Die Sonne scheint. Zumindest hier tut sie das. Woanders steht das Wasser vor der Wohnzimmertür. Aber zumindest die Dürrelage in Deutschland ist nach einem bisher eher nassen Winter nicht mehr ganz so extrem wie in den letzten Jahren. Wobei das Wasser, das hier gerade sprichwörtlich den Rhein runterfließt, aus Bergen kommt, in denen die Schneefallgrenze auf 1.600m gestiegen ist. Es ist also zu warm.
Mein Lavendel bestätigt das – er versucht schon wieder, zu blühen. Erfolgreich. Aber die letzten Bestäuber, die ich noch Mitte November verwirrt durch die Gegend fliegen sah, haben wohl doch endlich die Flügel gestreckt.
So war 2023 zwar das wärmste Jahr aller Zeiten seit Aussterben der Dinosaurier, aber das wird irgendeinen Horst-Walter aus Hinterpolda nicht dran hindern, im Internet darauf hinzuweisen, daß es bei ihm gerade wieder regnet. Da ist bestimmt diese Migration dran schuld!
Gleichzeitig war 2023 vermutlich das kühlste Jahr, das die Generation meiner Nichte jemals erleben wird und ich wette ein Eis drauf, daß der aktuelle Rekord Ende 2024 schon wieder keiner sein wird.
Wie sagte Kassandra dereinst: wir werden nicht zwingend Wasermangel kriegen in der Klimakatastrophe, deutsche Version. Wir werden ein Problem bekommen mit der Verteilung des Wassers über das Jahr. Tja.

01. Januar
Gestern haben Menschen um Mitternacht ganz Deutschland in eine Freizeitversion der europäischen Ostfront verwandelt und dabei wieder einmal 200 Millionen Euro in die Luft gejagt. Wir haben ja nix und alles ist zu teuer.
Ohne jetzt spoilern zu wollen: dieser Aspekt des Alltags wird sich 2024 nicht verbessern. Mein Wort drauf.
Wir hätten die Produktion von Hirnschmalz nicht einstellen sollen in Europa, denn daran herrscht schon seit mindestens 30 Jahren zunehmende Knappheit.
Woanders ist derweil der Knall, der so klingt, als hätte gerade einer die halbe Innenstadt gesprengt, tatsächlich eine echte Rakete, die womöglich die halbe Innenstadt gesprengt hat. Mich hat beim Einkaufen bisher noch immer niemand beschossen, was ich durchaus begrüßenswert finde. Continue reading →

Das Wort zur Weihnacht

Aus dem Prinzip Hoffnung das Prinzip Hoffnungslosigkeit zu machen, ist die einzige Möglichkeit, in dieser zunehmend wahnsinnigen Welt nicht selbst den Verstand zu verlieren, von dem man nicht einmal sicher weiß, ob man ihn hat.
Präsident Snow fragt in „Hungerspiele” seinen Nachrichten-Propagandisten Seneca, warum immer einer der Tribute überleben müsse. Die sofort nachgelieferte Antwort des Chefdiktators ist: Hoffnung.
»Hoffnung«, so sagt er, »ist stärker als Furcht.« So lange man diese unter Kontrolle halten könne, natürlich.

Der Präsidator übersieht dabei etwas Entscheidendes. Es gibt etwas, das noch stärker ist als Hoffnung und dieser ebenso überlegen wie die Hoffnung der Furcht. Verzweiflung. Die aus Hoffnungslosigkeit geborene Verzweiflung.
Das ist auch der Grund, warum am Ende des Films nicht zugelassen werden kann, daß beide Tribute aus Distrikt 12, in den Medien von Capitol als das tragische Liebespaar vermarktet, in gemeinsamen Suizid die Hungerspiele beenden. Denn dies hätte ohne Zweifel Hoffnungslosigkeit zur Folge und die wiederum läßt sich nicht kontrollieren. Einen sprichwörtlichen „Funken Hoffnung” kann das totalitäre System immer für sich und seine Kontrolle ausnutzen. Einen Funken Hoffnungslosigkeit gibt es nicht. Hoffnungslosigkeit ist ein Vulkanausbruch.

Der Kapitalismus nutzt immer den Funken Hoffnung aus. Irgendein ausgebeuteter Trottel kann immer davon überzeugt werden, daß er morgen selbst zu denen da oben gehören wird. In der Präsidentenloge. Oder zumindest zu denen da unten, im Zuschauerraum, im exklusiv handverlesenen Jubelperser-Publikum, während oben auf der Bühne die Tribute für die Hungerspiele Revue passieren. Es ist deshalb so einfach, die Hoffnung auszunutzen, weil Menschen mit Wahrscheinlichkeiten sehr schlecht umgehen können. Oder mit Systemtheorie.
Klar gibt es überall Überflutungen oder Dürren oder Kriege oder Hunger. Aber doch nicht bei mir. Klar gibt es Leute, die bei 44°C auf der Straße überleben müssen. Aber doch nicht ich. Menschen sterben. Ja, aber ich doch nicht. Da wird doch irgendwer bestimmt was erfinden.

Das ist der Grund – oder zumindest ein Grund – warum es tatsächlich Leute gibt, die sich nach ihrem Tod den Kopf abschneiden lassen, damit der in flüssigem Stickstoff eingefroren noch ein Jahrhundert aufbewahrt werden kann.
Wie bescheuert kann man eigentlich sein und darf trotzdem offensichtlich zu viel Geld haben? Ich meine, hat mal jemand Lauch eingefroren und das Zeug dann in der Küche wieder aufgetaut? Eben.
Aber angenommen, in 100 Jahren findet tatsächlich jemand eine Möglichkeit, gefriergetrocknete Gehirne wieder in lebende Menschen zu verwandeln. Warum stellen sich diese Typen niemals die naheliegende Frage?
Sie lautet: Warum sollte ein verdammtes Genie im Jahre 2123 ausgerechnet deinen Kopf wieder lebendig machen wollen?
Immerhin hat der ehemalige Eigentümer seine Dummheit klar zur Schau gestellt, sonst hätte er seine Rübe nicht tiefkühlen lassen. Und wie hoch wird dann eigentlich die verdammte Stromrechnung sein?
Die Wahrscheinlichkeit, daß ein Auftau-Hirn aus dem frühen 21. Jahrhundert einen Bergbau-Robot steuern wird, der Sklavenarbeit im Asteroidengürtel leisten muß, ist sehr viel höher als die Wahrscheinlichkeit der eigentlichen Wiederbelebung. Aber das hält Leute mit gern ererbtem Vermögen nicht davon ab, Futurama für eine Dokumentation zu halten.

Leute, die an so eine Welt glauben, hielten soeben wieder eine Klimakonferenz ab. Die Ölindustrie hat diesmal auf das scharenweise Entsenden von Lobbyisten verzichtet. Die waren ohnehin alle schon da, denn die Konferenz fand in Dubai statt. Die frei gewordenen Plätze wurden dann von der Fleischindustrie gebucht, die massiv aufgetischt hat, um alle Welt davon zu überzeugen, daß unsere industrielle Fleischproduktion ein Weg in eine ökologisch nachhaltige Zukunft ist.
Der König von England ist nach Dubai geflogen, denn er hielt dort die Eröffnungsrede, die betont, wie unfassbar wichtig es ist, den Planeten zu retten und wie knapp die Zeit dafür. Verdammt! Warum hat uns das vorher niemand gesagt? Wenn doch der König von England bloß jemanden kennen würde, der da was unternehmen könnte!
Einen Tag vorher eingetroffen war der ebenfalls schwerreiche Milliardär Rishni Sunak, der Premierminister Brexitanniens. Was er da wollte, weiß ich nicht, ist aber auch irrelevant. Die britische Regierung weiß schon seit Jahren direkt nach dem täglichen Brunch im Puff nicht mehr, was sie eigentlich beim Aufstehen wollte. Vermutlich wollte er weitere Öl-Konzessionen an die Dubais verkaufen. Oder die Saudis.
Sowohl der König als auch der Premier sind im Privatjet angereist. Also, jeder in seinem eigenen, ist klar. Die anderen 80.000 Lobbykraten sind in der Business Premium Class in den Wüstenstaat geflogen, nehme ich an. Danach dann Lobbyisten-Plausch in angenehm klimatisierten Wandelhallen, errichtet auf den Gebeinen von ein paar tausend fernöstlicher Sklavenarbeiter. Aber das Panda-Steak ist bio.

Ein urgenialer Vorschlag ist auch die Verdreifachung der Nuklear-Kapazität in der Energieerzeugung weltweit bis 2050.
Warum habe ich nur das Gefühl, dass dabei sehr viele Bauruinen entstehen werden, die pro Stück 20 Milliarden Euro kosten, weiter strahlenden Müll produzieren, aus jeder Menge leckerem Beton bestehen und die allesamt auf Uran angewiesen sind, das es schon aktuell am Weltmarkt nicht mehr gibt?
Ich weiß es auch nicht, warum dieses Gefühl der Verarschung in mir aufkommt, aber so ist es eben. Eventuell liegt es daran, daß Nuklearenergie aktuell etwa 10 Prozent des weltweiten Energiemixes ausmacht und eine Verdreifachung somit noch immer nur 30 Prozent globaler Energie erbrächte. Bei nicht weiter steigendem Bedarf, versteht sich. Davon abgesehen müsste man uralte Reaktoren natürlich austauschen, statt sie immer ewig weiter zu verlängern.
Irgendwie kann ich mich auch des Verdachts nicht erwehren, daß mit der Begründung »Wir bauen doch AKWe« bestimmte Personenkreise vernünftige Energieprojekte wie Windparks und Solarfarmen dann nicht bauen werden. Geht dann ja auch nicht mehr, weil jemand anders die Subventionskassen leersaugt. Diese Dinge wären schneller zu errichten, sehr viel kostengünstiger und könnten sogar in Europa vor Ort gebaut werden. Und dezentral verwaltet. Wie es bei regenerativen Energien auch mal gedacht war.
Bevor dann drei Bundesregierungen in Folge die deutsche Solarwirtschaft ruinierten, die Windkraft sabotierten und die fossilen Energiekonzerne mit üppigen Subventionen in den Markt haben grätschen lassen, damit diese mit der windigen Begründung »Das kostet Milliarden und das können nur wir!« diese Sache mit dem dezentral auch kaputtmachen konnten. Ach ja, „Entschädigungen” für den völlig unerwarteten und viel zu frühen Kohleausstieg gab es auch noch.
Darum gibt es Windparks in der Nordsee, die ohne Stromanschluß ans Land geplant werden, die der Betreiber aber trotzdem abrechnen darf, als würden sie Strom produzieren, denn rein theoretisch könnten sie das ja. Falls jemand nach Gründen für gestiegene Strompreise sucht, würde ich mal ein paar Leute in Berliner Büros fragen.
Aber natürlich können wir AKWe heute kleiner machen. Dann produzieren wir die Teile in der Fabrik vor und bauen das Ding dann statt dem Spielplatz um die Ecke auf, mitten im Wohngebiet. Wer braucht Sicherheitsabstände? So’n Gebäude wirft ja keinen Schatten auf den gutbürgerlichen Balkon, das ist keine Teufelstechnik wie diese Windräder.

Dieses Konzept nennt sich “Small Modular Reactor”. Was? Ach so, Nein.
Das war der Name in den 1950ern, als diese neuartige Technik aufkam, die heute von den Nuklear-Fantasten propagiert wird. Damals™, als Autokonzerne ernsthaft behaupteten, sie würden nächstes Jahr endlich dieses atomar angetriebene Auto auf den Markt bringen, daß einen Doc Brown 30 Jahre später so richtig neidisch gemacht hätte. Nur ist daraus aus unerfindlichen Gründen nie etwas geworden. Außerdem wäre dann der Film nie gedreht worden.
Aber das war in diesem Gestern, das unser enormer Fortschritt natürlich längst hinter sich gelassen hat beim Fortschreiten. Heute haben wir hier – Trommelwirbel! – “Advanced Small Modular Reactors”.
Die sind natürlich viel besser und gehorchen anderen Naturgesetzen, sie sind ja schließlich “advanced”. Daher brauchen die Reaktorkerne weniger oder keine Kühlung, weil…wir sie mit Konzepten kühlen, die wir alle schon ausprobiert haben vor 50 oder 40 Jahren und die sich alle als unbezahlbar, technologisch irre riskant oder noch gefährlicher als Wasserkühlung erwiesen haben.

Es ist aktuell schwieriger, alle Genehmigungen für zwei Solarpaneele am eigenen Balkon zu bekommen, als ein neues AKWe zu versichern. Das hat nämlich gar keine Versicherung, weil keine Gesellschaft so blöde ist, dieses Risiko zu übernehmen. Im Gegensatz zum gemeinen SUV-Fahrer, der tatsächlich eine Haftpflichtversicherung für sein Fahrzeug benötigt, die er selbst bezahlen muß, bekommt ein nuklearer Neubau automatisch Bürgschaften vom Staat. Also ist zumindest eine Gesellschaft blöde genug, das Risiko zu übernehmen. Auf die Regierenden und die Polit-Kaste im Allgemeinen ist eben Verlaß. Wirklich gefragt hat man die Gesellschaft allerdings nie, soweit ich das weiß.
Tatsächlich sind auch die “Advanced” Reactors so konkurrenzfähig, daß sie keiner mehr bauen möchte, einfach weil Wind und Solar günstiger sind. Dabei haben wir das Treibstoffproblem noch gar nicht angeschnitten.
Irgendwie würde ich als Einhorn-Diktator Deutschlands lieber 20 Milliarden in die Hand nehmen und damit die Forschung an Speichersystemen finanzieren wollen. Das erscheint mir vernünftiger.

Die 20 Milliarden sind auch kein Problem. Die finden wir sogar jährlich, wenn es sein muß. 43 Milliarden gehen als direkte oder indirekte Subventionen an die Fossil-Konzerne. Die jährliche Steuerhinterziehung auf Konzernebene wird in Deutschland auf etwa 100 Milliarden geschätzt. Da kommt so ein abgehalfterter Wurstfabrikant mit angeschlossenem Fußballverein aus Deutschlands Süden nicht annähernd ran. Echt fette Steuerhinterziehung muß man sich eben leisten können. Alleine mit diesen beiden Punkten hätten wir die virtuellen Fehlbeträge im aktuellen Etat simpel gedeckt und noch Geld übrig, sogar nach meinen jährlichen Beträgen für die Speichersysteme.

Hat eigentlich noch jemand so gelacht wie ich, als ausgerechnet die CDU, diese Partei der schwarzen Kassen und der jüdischen Vermächtnisse, die größte Nachfolgeorganisation der NSDAP und der SED auf deutschem Boden, die aktuelle Regierung verklagt hat wegen illegaler Umwidmung von Haushaltsposten?
Gut, wenn sich wer mit illegalen Haushalten auskennt, sind es sicherlich die Unionsparteien. Gelacht habe ich trotzdem.
Derselbe Friedrich Merz, der damit erfolgreich den gesamten Bundeshaushalt torpediert hat, war sich dann nicht zu schade, beim grünen Wirtschaftsminister um Geld zu betteln – aus dem Fonds, den es jetzt nicht mehr geben darf und den es mit einer CDU-Regierung gar nicht erst gegeben hätte.

Natürlich kam von den gelben Lichtern in der Berliner Ampel auch sofort ein super Vorschlag, wie man die nicht existenten 60 Milliarden denn wieder einsparen könne: der Sozialstaat ist zu teuer. Kann ja nicht sein, daß ALG-II-Bezieher 12% Erhöhung ihrer Bezüge kriegen.
Ein kurzer Griff in die Geschichte: als Herr Hartz 2002 sein Konzept zur Schredderung des Sozialstaats dem neoliberalistischem U-Boot G. Schröder vorlegte, kamen etwa 500€ pro Monat als persönlicher Satz raus.
Das war den Arschlöchern Clement, Müntefering und Schröder aber zu teuer, woraufhin Peter Hartz Anweisung erhielt, sich an der damaligen Sozialhilfe zu orientieren und nicht am durchschnittlichen Arbeitslosengeld I, wie er das getan hatte.
Die „Erhöhung” von Hartz 4.5 zum Januar 2024 bedeutet also, daß dieser Sozialsatz 20 Jahre nach seiner Einführung etwa die Höhe erreicht, die schon 2004 angemessen gewesen wäre. Eventuell sollte man das als Wähler bei der nächsten Diätenerhöhung im Bundestag mal kurz überdenken.
Irgendwie ist mir auch das Plädoyer der FDP/CxU/spd entgangen, das da lautet: »Erhöht die Löhne und Gehälter im Land.«
Denn damit hätten Menschen mit Arbeit klar mehr Geld als solche ohne. Hatten sie übrigens immer, ganz nebenbei. Jeder Politiker, der in Zukunft nochmal was von „Schlaraffenland” erzählt, würde in meiner Einhorn-Diktatur einfach sein Mandat verlieren und die nächsten zehn Jahre ins Schlaraffenland Bürgergeld verbannt. Stellt euch mal Christian Lindner im Sozialkaufhaus der Caritas beim Staubwischen vor. Bei einer nützlichen Tätigkeit!
Aktuell gehen die Propagandisten der CxU gerne mit einer Umfrage hausieren, die besagen soll, daß viele Angestellte kündigen wollen, um lieber Bürgergeld zu beziehen. Das ist natürlich erstunken und erlogen und lediglich dem erbärmlichen Menschenbild unserer parlamentarischen Großverdiener geschuldet.
Um hier mal Wolfgang Kubicki zu zitieren: Es geht euch einen Scheißdreck an, was ich noch nebenbei verdiene!
Sagen Sie das mal dem Finanzamt als Privatmensch. Oder googlen Sie mal den Satz. Sie werden jede Menge Tips bekommen, wie Sie nebenbei Geld verdienen können. Jobs zum Stundensatz von Kubicki sind aber nicht dabei.

Korrekt in Sachen Umfrage ist, daß die zitierte Aussage vor allem den Niedriglohnsektor betrifft.
Der Mindestlohn soll aber zum Januar nur um 41 Cent pro Stunde steigen, so hat es die allmächtige Kommission unter Zustimmung der Opposition beschlossen. Als es daraufhin Kritik gab, murmelte Oppositionsführer Merz, man müsse die Entscheidung einer unabhängigen Kommission einfach mal akzeptieren. Es sei denn natürlich, diese beschäftigt sich mit dem seit 20 Jahren künstlich runtergerechneten Existenzminimum, also Bürgergeld/Olaf I.
Hätte man den Mindestlohn mit Verweis auf die nicht unerhebliche Inflationsrate auch einfach um zwölf Prozent erhöht, somit also auf €13,44/h, wäre diese Geisterdebatte nicht schon wieder vom Zaun gebrochen worden.
Witzigerweise kommt meine Berechnung recht nah an die Forderung des CDA heran. Das ist der – man mag es kaum glauben – Teil der CDU, der seine letzten Hirnzellen noch nicht im politischen Bierzelt versoffen hat.
Und hatte ich schon erwähnt, daß irgendwie keines der Arschlöcher im Parlament, die ständig auf die Nichts-Habenden einprügeln, jemals dafür plädiert hat, die Löhne und Gehälter deutlich anzuheben, um das angebliche „Lohnabstandsgebot” wieder einzuhalten? Dann habe ich das jetzt.
Auch der Herr Arbeitgeberpräsident im verlinkten Artikel kritisiert ausdrücklich die Erhöhung des Bürgergelds, nicht etwa die erbärmliche Mindestlohn-Anpassung. In England steigt der Mindestlohn übrigens zum 01.01.24 um 10 Prozent. In England. Diesem Inselstaat vor den Kontinentalküsten, der bis neulich noch von einem Meerschweinchen auf Crack regiert worden ist.
Es sei darauf hingewiesen, daß das Lohnabstandsgebot auch nur eine Phrase ist, die sich menschenhassende Konservative vor Jahren aus dem Allerwertesten gezogen haben, damit sie weiter Arbeitslose rhetorisch diskriminieren können.
Ansonsten könnte man auch mal über den Lohnabstand zwischen Firmenvorständen und Angestellten diskutieren. Ich fahre morgen wieder Bahn und soweit ich weiß, kriegen weder mein Schaffner noch mein Lokführer 400K extra allein im Dezember, weil sie so super Arbeit geleistet haben. Der Bahnvorstand schon. Gerne auch pro Nase.
Seltsamerweise habe ich aber auch hier nicht in Erinnerung, daß dieser Aspekt von der CxU, der „FDP” oder der ehemaligen spd mal erwähnt worden wäre in den letzten 25 oder 30 Jahren.
Wer hat in diesen Jahren eigentlich den Kanzler gestellt? Eventuell sollte man das als Wähler vor der nächsten Wahl zum Bundestag mal kurz überdenken.

Bild: Oppositionsführer F. Merz bei besinnlicher Weihnachtsmeditation
Hier ist der grundsympathische Mann vertieft in das Kochbuch zum Weihnachtsessen in seiner Sauerländer Wahlkreis-Kneipe.

Der heute in Wirtschaft und Politik vorherrschende Rückzug auf zutiefst dogmatische Positionen, einer zunehmenden kognitiven Dissonanz zwischen der echten Realität und den eigenen gefühlten Wahnvorstellungen über die Struktur dieser Realität geschuldet, ist keine Zukunftsgestaltung.
Es ist Irrsinn. Es ist religiöser Fanatismus mit Inquisition. Leute, die beim Wort Staatsschulden sofort aufschreien und schmerzgepeinigt vor den Medien etwas davon erzählen, daß man an die Zukunft der Kinder denken müsse, haben keinerlei Probleme damit, eben diese Kinder als Terroristen zu diffamieren und in den Knast zu sperren, weil die sich womöglich auf einer Straße festgeklebt haben.
Wenn irgendwelche SUV-Dosenschubser etwas von ihrem Grundrecht auf ungehindertes Autofahren faseln, warum ist der Verkehrsminister dann eigentlich kein Terror-Anführer? Denn das Konzept, Deutschland von Nord nach Süd und Ost nach West in eine einzige, 800-spurige Autobahn zu verwandeln, scheint ja nun seit 50 Jahren diese ungehinderte Beweglichkeit eher zu behindern als zu befördern.
Überhaupt sehe ich immer dümmere Autofahrer in offiziell immer intelligenten Autos umherkutschieren, die immer fetter werden. Sowohl die Fahrer als auch die Autos. Aber am Ende ist dann die Parkbox zu klein und nicht etwa die Karre zu fett.
Würde eine landesweite Supermarktkette eingangsnahe Parkplätze für Lastenfahrräder umwidmen, wäre Deutschland einer Revolution so nahe wie seit 200 Jahren nicht mehr. Rauchsäulen würden aufsteigen über dem Land, wenn sich empörte Pick-Up-Benutzer an den Ladenkassen in die Luft sprengten, um gegen diesen Eingriff in ihre eingebildete persönliche Freiheit, sich wie das letzte Arschloch zu verhalten, zu protestieren. Falls sie den weiten Weg bis dahin schaffen natürlich, wenn sie zwanzig Meter weiter weg parken müssen.

Gestehen wir es uns ein: wir werden von Irren regiert, die von Bekloppten gewählt werden. Demokratie als Konzept ist zwar eine nette Idee, hat aber gegen den radikalen Marktkapitalismus und seine Propaganda keine Chance. Überhaupt ist es ein weiterer Mythos, daß Kapitalismus ein Partner der Demokratie ist. Die Wahrheit ist, daß Kapitalismus die Demokratie haßt. Sie ist ihm hinderlich. Kapitalismus ohne Regularien und der sogenannte Freie Markt™ sind wie ein Besoffener im eigenen Wohnzimmer, der in die Topfpflanze kackt, um sich dann lauthals drüber zu beschweren, daß es stinkt. Und wenn dann einer saubermacht, gibt einem der Penner noch Tips zur Pflanzenpflege.
Leute faseln in offiziellen Gremien ernsthaft etwas von „Ökodiktatur”, wenn es um ein Tempolimit geht, und niemand ruft den Arzt. Stattdessen gibt es Applaus von Leuten, die Naturgesetze ernsthaft für eine demokratische Veranstaltung halten.
Am Ende werden einige von ihnen womöglich Premierminister und erzählen was von 1,5°C-Zielen. Wenn sich die verdammte Realität nicht an dieses politisch verordnete Ziel hält, ist weder die Politik schuld noch die Wirtschaft, die der Politik vorgibt, was sie zu tun hat.
Nein, es muß Schuld der Realität sein. Irgendwer findet sich da schon, den man für sein eigenes Totalversagen verantwortlich machen kann, ob jetzt im Parlament oder an der Wahlurne. Hauptsache, man selbst ist es wieder einmal nicht gewesen.

In meiner Ökodiktatur würde ich nicht mich an einer Straße festkleben, sondern die SUV. Der durchschnittliche Berliner Autofahrer würde nicht einmal einen Unterschied bemerken, vermute ich.
Ich würde den globalen Flugverkehr nicht mit „grünem Kerosin” krampfhaft aufrechterhalten wollen, sondern ihn schlicht verbieten. Bis auf das eine Prozent, das für superwichtige Dinge tatsächlich notwendig ist.
Dasselbe gilt für blauen, grünen, orangenen oder von mir aus auch gestreiften Wasserstoff, der von der Chemie- und Stahlindustrie immer wieder als Wundertechnologie angepriesen wird. Da muß der Staat jetzt aber massiv investieren! Nein, muß er nicht. Das könnten einfach mal die Industrien tun, die mit dieser Geistertechnik schlicht weiter business as usual betreiben wollen. Schließlich wollen sie hinterher auch die Profite weiter einsacken, die sie auch bisher mit der Vergiftung des Planeten eingesackt haben. Freier Markt™ und so.

Falls sich Kalle aus Wanne-Eickel dann aufregt, weil er mit dem Boot nicht nach Malle kommt, würde ich politisch dasselbe machen wie alle anderen Parteien seit Jahrzehnten: ich scheiß’ auf Kalle und der wählt mich dafür gleich nochmal. Bei CxU und spd funktioniert das schließlich auch.
Soll der Penner halt Urlaub am Baldeney-See machen. Überhaupt: Urlaub?
Der Jahresurlaub für alle, die nicht mindestens 100.000€ pro Monat nach Hause schaufeln, wird komplett abgeschafft. Schließlich wird demnächst wieder alles teurer, wenn das Rote Meer für den so superwichtigen Welthandel gesperrt wird.
Irgendwer muß den Konsum schließlich aufrechterhalten, was will Kalle da mit Urlaub? Überstunden schieben soll er! Zum Mindestlohn am besten. Denn wenn der Konsum nicht stimmt, könnten diejenigen, die mindestens 100.000€ pro Monat nach Hause schaufeln, womöglich nur noch 97.326€ haben und wovon sollen die dann leben?
Falls irgendwer glaubt, das habe ich mir ausgedacht: exakt das ist das Parteiprogramm der CxU, der spd oder der “FDP” in Kurzform. Seit Jahrzehnten. Gerade jetzt sollte man darüber nachdenken, bei nächster Gelegenheit einen Grünen ins Kanzleramt zu wählen. Die deutsche Rüstungsindustrie muß auf Vordermann gebracht werden und keine Partei ist besser dafür geeignet als die ehemals Friedensbewegten.

Falls Kalle sich dann weiter aufregt, kommt er einfach präventiv mal in Haft und außerdem hören wir sein Smartphone ab und seinen Computer auch. „Die ganze Härte des Rechtsstaats” und so. Das ist doch bei solchen Leuten immer sehr beliebt und sollte der Kassandra-Partei weitere Stimmen einbringen.
Der Witz ist, daß all diese Dinge ohnehin passieren werden. Ob die Politik das aktiv betreibt oder nicht. Denn wenn es darum geht, auf die Physik oder Politik zu setzen, weiß ich auf jeden Fall, wer dieses Spiel gewinnen wird.
Nächstes Jahr wird jedenfalls erstmal Präsident Snow wieder ins Weiße Haus gewählt, was eine frische Runde im “War on Reality” bedeuten dürfte. Auf die dummen Gesichter meiner europäischen Politik-Helden freue ich mich schon jetzt. In diesem Sinne erhebe ich geistig den Glühwein und wünsche allerseits fucking Fröhliche Weihnachten.


Das Beitragsbild zeigt Obdachlose in ihren Behelfs-Zelten in London. Es stammt aus dieser Quelle
Photograph: Andy Rain/EPA

Standortbestimmung

»It pays to keep an open mind, but not so open your brains fall out.«

Carl Sagan

Ich liege auf einer Wiese. Um mich herum sind einige Dutzend andere Menschen, nicht weit entfernt.
Die Kinder der beherrschenden Art unseres Planeten sind ebenfalls nicht weit entfernt, man kann es deutlich hören. Die Zahl menschlicher Lebensformen auf der Erde hat die acht Milliarden inzwischen überschritten. Wenn wir noch einige Jahre so weitermachen, wird es bald dreimal so viele Menschen auf der Erde geben wie zum Zeitpunkt meiner Geburt.

Allerdings ist diese Zahl eigentlich nicht besonders beeindruckend, wie mein Gehirn einen Moment später hinter meinen geschlossenen Augen feststellt. Immerhin wimmeln hier ziemlich viele Insekten zwischen den Blumen hin und her, die Ameisen gibt’s da natürlich auch noch und was ist eigentlich mit dem ganzen Gewimmel im Boden, das ich ohne Mikroskop ohnehin nicht erkennen kann ?
Na schön, die sind alle natürlich viel kleiner als so ein menschlicher Körper, das verschafft ihnen irgendwie einen Vorteil, den ganzen kleinen Biestern. Aber dieses Leben ist da, ohne Zweifel.

Noch Ende der 60er Jahre wurde der Antrag einer Biologin auf Forschungsgelder in den USA mit den Worten abgelehnt:
„Ihre Forschung ist Scheiße. Reichen Sie nie wieder einen Antrag ein.”
Das war über drei Jahrhunderte, nachdem ein cleverer Holländer namens Antoni van Leeuwenhoek das erste Lichtmikroskop entwickelt hatte. In den Jahren danach durchleuchtete der gelernte Tuchhändler damit wortwörtlich die Welt, entdeckte die Mikroorganismen, die Spermatozoen, die Blutkörperchen – parallel mit anderen Forschern  – und teilte diese Erkenntnisse in diversen hundert Briefen mit anderen Menschen seiner Zeit und der Royal Society in London.
Er wurde somit zum Urvater des Faches, das Lynn Margulis damals studierte, denn sie war die Mikrobiologin mit dem abgelehnten Antrag. Und Bakteriologin.

Der revolutionäre Vorschlag, dass diese kleinen Tierchen in einem Wassertropfen womöglich Einfluß auf Menschen ausüben könnten, sie etwa krank machen oder so was in der Art, kam bereits gegen Ende des 17. Jahrhunderts auf, in dem van Leeuwenhoek durch seine immer besser werdenden Mikroskope blickte, wurde dann aber bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts erst einmal wieder ignoriert bzw. nicht systematisch weiter verfolgt.
Lynn Margulis wiederum reichte als erste erfolgreiche Arbeit ‘On the origin of Mitosing cells’ ein, im Jahr 1967. Der Artikel wurde von mehr als einem Dutzend Fachjournale rundheraus abgelehnt, bevor er erschien.
Die hier etablierte These, dass Zellorganellen wie Mitochondrien oder Chloroplasten früher einmal selbstständige Zellen gewesen sind, die im Laufe der Mikro-Evolution dann mit größeren Verbänden verschmolzen und so erst „moderne” Zellen haben entstehen lassen, war den Sesselfurzern in den akademischen Bewahranstalten der damaligen Zeit offenbar zu abwegig. Continue reading →

Brimborium und Firlefanz

»Die Aufgabe des Präsidenten besteht nicht darin, Macht auszuüben, sondern die Aufmerksamkeit von ihr abzulenken.«
Douglas Adams

Mit Charles III. wird heute ein Mann zum König gekrönt, der selbst Milliardär ist, aber in Reden seinen Untertanen empfiehlt, doch mal ein bißchen ‘charity work’ zu machen. Für die Gesellschaft und so.
Natürlich nur für den unteren Pöbel, der nicht mindestens 200.000 Pfund netto pro Jahr reinschaufelt, ist ja klar.
Die mit den 200K sind zu sehr damit beschäftigt, ihren wirklich reichen Oberbossen zuzuarbeiten und die selbst haben natürlich keine Ahnung, dass die wahre Realität für so manchen Teilnehmer derselben aus Suppenküchen besteht und nicht aus Goldkutschen.

Falls das jemand britisch-zynisch findet: es ist derselbe Arschloch-Geist auf Flaschen, der hinter Vorschlägen wie „Sozialdienst” steckt, gerne geäußert von den sozial Schwachen, also vorwiegend Mitgliedern der „christlichen” Parteifront in Deutschland. Gerade erst hat wieder einer von diesen Typen vorgeschlagen, dass Zwangsarbeit zum Erhalt des Wohlstands der Goldkutschen-Passagiere demokratisch eine prima Idee sei. Darüber wird man doch wohl noch debattieren dürfen.
Exakt dieselbe Methodik verwendet der freiheitsliebende Nazipöbel im Parlament, der Lehrpersonal und Theatherbühnen im Namen der Meinungsfreiheit vorschreiben will, was sie wie zu unterrichten und darzustellen haben. Immer schön Dinge zur Debatte stellen, die so gar nicht zur Debatte stehen. Damit der Unterricht politisch neutral bleibt, ist klar. Oder die Armutsrente sicher. Alles geschieht nur zu unserer Sicherheit. Darüber muß man doch wohl debattieren dürfen.

Keiner dieser Politiker gleich welchen Geschlechts, die derartigen Mist vorschlagen, käme jemals in die Verlegenheit, einen solchen Dienst auch ableisten zu wollen. Oder gar zu müssen, weil der Gesetzgeber den gesellschaftlichen Liebesdienst per Zwang realisiert hat. Diese Typen schicken ihre mißratenen Blagen auch nicht auf öffentliche Schulen, die jetzt seit 30 Jahren von einer Generation amoklaufender Sozialpädagogik-Studenten nach der anderen kaputt reformiert werden.
Herr Linnemann schwadroniert auch von Menschen, die Geld vom Staat wollen und deshalb eine Bringschuld hätten, während er selbst als überbezahlter Sesselfurzer im Politbüro hockt, statt echter Arbeit nachzugehen.
Dabei hat der Staat überhaupt kein Geld. Hatte er nie, darum hat schon Babylon Steuerunterlagen gehabt. Bei Unternehmen hingegen wird nicht von Bringschuld geredet, da werden Steuern gesenkt. Exakt diese Zuarbeiter der wirklich Reichen meine ich im ersten Absatz. Continue reading →

Der faule Frieden

Und Titania sprach:

»Wollen wir etwas Konkretes wie das Manifest von Schwarzer und Wagenknecht diskutieren? Wer schließt sich an, wer ist der Meinung bei den beiden Frauen handelt es sich um “Putinversteherinnen”? (Ist das eigentlich ein amtliches Schimpfwort?)«

Könnte man machen. Aber warum?
Es ist in meinen Augen das übliche Gerede von Wohnzimmer-Aktivisten (w), die ihr Manifest mit Sätzen einleiten wie: »Die von Russland brutal überfallene ukrainische Bevölkerung braucht unsere Solidarität.«

Und dann ist aber das Einzige, was die beiden Nachteulen anzubieten haben, der absolut arrogante und brechreizerregende Vorschlag, man »müsse halt Kompromisse machen«. Hauptsache, Frieden. Möge die Pasta wieder billiger werden. Oder so.

Wie man sich erinnert, ist ja auch der Zweite Weltkrieg dank mutiger Verhandlungen beendet worden und dafür mußte lediglich Westeuropa einschließlich Großbritanniens einer Besetzung durch Nazideutschland zustimmen. Als Kompromiss einigte man sich dann auf 99 Jahre und ließ sich von Hitler den anschließenden Rückzug deutscher Truppen auf das Reichsgebiet von 1937 zusichern. Warum sollte man dem Mann auch nicht vertrauen wollen? So ein netter Mann. Ein Politiker, der zu seinem Wort steht.

Nein. Ich finde, die einzigen Leute, die mit Putin verhandeln können, sind die Ukrainer. Entweder die Regierung. Oder die Bevölkerung, die das von ihrer Regierung entsprechend fordert. Natürlich könnte auch Putin durchaus Friedensverhandlungen eröffnen. Bisher sind aber aus Moskau nur Sätze zu hören wie »Wir hätten gerne alle besetzten Gebiete behalten und außerdem wollen wir die restliche Ukraine ohne Bündnispartner und Waffen haben, damit wir sie jederzeit wieder überfallen können.«
Frieden sieht anders aus.

Wie also soll denn der Kompromiss aussehen, den Alice Wagenknecht und Sahra Schweizer…ähmmm, Schwarzer da forden? Putin besetzt erstmal nur die östliche Hälfte der Ukraine bis zum Dnjepr?
Warum poste ich hier eigentlich Bilder von Chamberlain in diesem Blog? Eben.
Ich bleibe dabei: es wäre so einfach für Putin gewesen, sein Nachbarland nicht zu überfallen. Und so lange er das nicht läßt und seine Armeen wieder hinter die internationalen Grenzen der Ukraine zurückzieht – also auch von der Krim runter – so lange liefern wir alles, was wir an Waffen finden können, in Richtung Kiew.
Das wäre der Kompromiss, den ich einem Wladimir Putin ansagen würde. Es wäre schön, wenn die Politik des Westens und/oder der Ukraine das ebenfalls mal so deutlich formulieren würde. Kriegsziele, so hätte man das früher mal genannt. Im Gegensatz zur russischen Bevölkerung sollte uns inzwischen klar sein, daß es eben ein Krieg ist. Kein »bewaffneter Konflikt« oder irgendeine andere euphemistische Scheiße, die sonst medial gerne benutzt wird in solchen Fällen.

Im Zweiten Weltkrieg nannten die USA das eine Politik des “unconditional surrender”. So weit muß man hier nicht einmal gehen. Aber Kompromiss-Manifeste, egal von wem sie unterschrieben sind, sind schlicht keine Debatte wert, die man ernstnehmen sollte. Das bei den Unterzeichnern jetzt der ehemalige militärpolitische Berater von Ex-Kanzlerin Merkel dabei ist, macht die Sache auch nicht besser.
Als Pazifist weiß ich ganz genau, daß man manchmal klar ansagen muß, daß es eins aufs Maul gibt, wenn jemand bestimmte Grenzen überschreitet. Die gesamte Gesellschaft funktioniert ausschließlich nach diesem Prinzip.
Absoluter Pazifismus nach Gandhi – dessen Anhänger übrigens beileibe auch nicht immer gewaltlos vorgingen – endet am Ende mit genau dem, was Wagenknecht und Schwarzer vorgeblich verhindern wollen. Mit entvölkertem, verwüstetem Land und verbrannter Erde.

Weder Wagenknecht noch Schwarzer sind Putinversteherinnen. Denn ansonsten würden sie den Blödsinn, den sie da zu fordern belieben, nicht fordern. Die Wagenknecht würde lernen, wie man ‘ne Panzerhaubitze fährt und die Schwarzer würde Putin mit zusammengerollten Emma-Ausgaben beschießen.
Ausgerechnet eine abgehalfterte Ex-Feministin wie Schwarzer, die schon in den 70ern gegen übergriffige Männer vorging, kann jetzt vor lauter Kontoauszügen ihrer schweizer Steuerberater nicht mehr zwischen Täter und Opfer unterscheiden?
Diese Frau will heute einer völlig neuen Generation von Frauen ständig vorschreiben, was gefälligst Feminismus zu sein hat und was nicht. Sie ist die grantelnde Oma aus der Vorabendserie, die acht Stunden täglich Fenster putzt und immer alles über jeden weiß.
Wo und wann Frau Wagenknecht geistig aus den Schienen geflogen ist, erschließt sich mir nicht. Früher hat die mal Dinge gesagt, die politisch durchaus Hand und Fuß hatten. Aber so mancher Mensch hat sich im Alter oft in eine Karikatur seines früheren Ichs verwandelt. Ich nenne das den Joschka-Effekt.

Insgesamt bringen beide Frauen hier das Argument, die Frau solle halt mal aufhören, sich zu wehren, und die verdammte Vergewaltigung endlich genießen. Die Alice Schwarzer von 1975 hätte ihrem älteren Pendant dafür links und rechts eine gescheuert. Und die kleine Sahra hätte daneben gestanden und applaudiert. Aber so ändern sich die Zeiten.
In zwei Jahren weint die Linkspartei dann wieder rum und sucht nach Ursachen dafür, daß niemand sie mehr wählen will. So wie die ehemalige spd in Berlin, die es völlig unerklärlich findet, wenn man lieber gleich CDU wählt, statt weiter Franziska Giffey zu ertragen. Die wurde übrigens gestern von einem deutschen Leitmedium als »größtes politisches Talent Berlins« bezeichnet. Womit über den Zustand deutscher Medien und Politik so was von alles gesagt ist, wie es nur geht.

Frau Wagenknecht und Frau Schwarzer aber sollten sich, ebenso wie die Unterzeichnenden, am besten erst einmal den Unterschied zwischen Frieden und Friedhofsruhe vergegenwärtigen, bevor sie das nächste Unsinns-Pamphlet in die Welt setzen.

Guten Abend. Zurück ins Sendestudio.


Die Debatte über das Manifest ist natürlich in den Kommentaren gern eröffnet. Dies hier ist nur meine Ansicht dazu. Bis neulich! 🙂

Zwanzigzweivierdreiundzwanzig

Deutschland, 31. Dezember 2022

Der Typ vor mir legt aus etwa 2,15m Höhe ein halbes Dutzend Corona-Schnelltests auf das Kassenband des Drogeriemarkts. Maske trägt er, im Gegensatz zu mir, keine.
Offensichtlich haben wir andere Prioritäten zur Vermeidung weiterer oder erstmaliger Infektionen. Ich habe einfach kein halbes Dutzend Leute im Haus am Silvesterabend. Aber irgendwie ist das alles sehr symbolisch für das ablaufende Jahr, wie ich finde.
Ich weiß z. B. gar nicht, warum ich überhaupt einkaufe. In meiner Bude kann ich vermutlich vier Wochen überleben, ohne daß ich vor die Tür müßte. Einschließlich Körperpflege. Jedenfalls, solange Strom und Wasser weiter zuverlässig funktionieren. Im ersteren Falle würde letzteres ausfallen, aber verhungern würde ich dann immer noch nicht. Wie? Was?
Ja natürlich fällt ihre Wasserversorgung ohne Strom aus, was dachten Sie denn?
Die geschätzt achthundert Milliarden Wasserpumpen in diesem Land laufen nicht mit magischen Hamstern, sondern Elektronen aus der Leitung. Falls Sie in einer Kommune leben sollten, deren Frischwassersystem mit simpler Gravitation angetrieben wird: Glückwunsch. Und nicht vergessen, den tapferen Kanalarbeitern gelegentlich mal einen Obulus rüberzureichen für die Drecksarbeit der Instandhaltung.

Also…wo war ich? Ach, Einkaufen. Eigentlich wollte ich nur eine Runde mit dem Rad drehen, weil es so unfassbar geiles Wetter ist. Kassandras Umfeld erwärmt sich am heutigen Tage auf bis zu 16°C und da Temperatur physikalisch ja nichts anderes ist als ein Maßstab für die Bewegungsfreudigkeit von Molekülen im Moshpit, lag der Gedanke an ein kurzes Ründchen Frischluft durchaus nahe.
Vor zwei Wochen war das unmöglich, da sogar hier, in dieser eher milden Gegend, alles erstens vereist und zweitens nicht geräumt war. Also, aus Radfahrersicht. Natürlich kann man auf der örtlichen Landstraße, die zur Autobahn führt, auch mit dem Rad fahren. Wenn man sehr depressiv ist und so recht keine Lust mehr hat, beispielsweise.
Ich persönlich hätte gerne auf der rechten Seite einfach einen ebenso breiten Radweg wie auf der anderen, denn alleine dieser Platzverlust würde dafür sorgen, daß die einheimischen Dosenschubser nicht mit 110 statt der erlaubten 70 km/h an mir vorbeibrettern. Wobei das im Falle eines Treffers natürlich völlig egal ist. Tot ist man dann auf dem Rad so oder so.
Jedenfalls ist dieser Radweg ein Kreisradweg. Denn die Stadt hintendran ist kreisfrei. Hier fühlt sich niemand zuständig. Und es ist keine Autostraße. Also wird hier nicht geräumt oder gestreut oder jemand erschossen, weil er das nicht gemacht hat. Im Gegensatz zu ihrem Bürgersteig, sollte sich der Postbote da mal ein Bein brechen.
Etwa 100% aller Kommunen Deutschlands würden für die Nichtbeachtung ihrer Verkehrssicherungspflicht eigentlich in den Knast wandern müssen oder zumindest mit hohen Bußgeldern rechnen, wären sie Privatpersonen in eben diesen Kommunen.
Aber da stellt man besser mal ein paar Schilder auf, die besagen:
»Fuck you, Bürger! Was für dich gilt, muß für uns noch lange nicht gelten! Brich dir den Hals auf eigene Verantwortung! – Unterschrift: Oberhäuptling der Gemeinde.«
Das ist wie diese Sache mit den Kameras, die uns alle vor irgendwas beschützen sollen. Außer vor den Typen, die ständig überall neue Kameras aufstellen wollen. Polizei oder Feuerwehr oder so müßte man ja bezahlen. Oder Räumdienste.

Heute aber ist das anders. Ich lege die Jacke ab und wickle sie mir ums Kreuz. T-Shirt und Schal am 31. Dezember erweisen sich als exakt richtige Kleidung, während die Sonne meine lustigen Mitbürger beleuchtet, die gerade wagenweise Sprengstoff und Alkoholika aus dem Supermarkt nebenan karren, Inflation be damned.
Aber ich mußte ja unbedingt noch was Einkaufen. Man kann generell klug sein, aber trotzdem manchmal vereinzelt eher blödsinnige Entscheidungen treffen. Ein Mechanismus, der, vom Individuum auf die Spezies hochgerechnet, beim Untergang unserer Zivilisation nicht außer acht gelassen werden sollte.
Auf dem Weg nach Hause treffe ich auf eine Bande zukünftiger russischer Kleinkrimineller. Im Wortsinne, denn der älteste Zündler ist vermutlich etwa acht Jahre alt und hantiert mit genug Sprengstoff, um ein Loch bis zum Erdkern zu erzeugen. Ich beschleunige etwas, falls die Banditen sich gleich selbst entleiben. Immerhin könnten sie dann keine Nachkommen zeugen, denke ich, zufrieden darüber, daß Intelligenz zwar kein Evolutionskriterium ist, aber manchmal doch hilfreich zu sein scheint.

Am letzten Tag dieses endlich vergehenden Jahres stirbt auch noch Bendedikt XVI., der erste Deutsche auf dem Papstthron seit 1.000 Jahren und auch der erste Papst seit ca. 1623, der freiwillig auf dieses Amt verzichtet hat. Typisch Bayer, immer eine extra Weißwurst auflegen.
Ich habe keine Ahnung, wohin tote Päpste oder tote Jahre so gehen, aber wenn es eine Hölle gibt, hoffe ich zumindest für dieses Jahr inständig, daß es dort landet und sich zur Strafe seinen eigenen Rückblick anschauen muß. In Endlosschleife. Moderiert von Dieter Nuhr und Benedikt.
Ich habe auch keine Ahnung, wie Ex-Päpste eigentlich begraben werden, die vorher zurücktreten. Aber da bin ich in guter Gesellschaft mit dem Hofstaat des Vatikan, die wissen das vermutlich auch nicht. Deshalb schlagen sie es vermutlich gerade nach. Vor meinem gesitigen Auge erscheint Tom Hanks in seiner Rolle als Robert Langdon und wälzt staubige Pergamente in der geheimen Bibliothek des Vatikan. Es wird sich schon ein Ritual finden. Continue reading →

Letzte Reise

Mein Gott hat im Gegensatz zu dem, an den so viele andere glauben, keine Anbetung nötig. Mein Gott ist keiner des Rituals oder der Sünden.

Er ist der Gott der Thermodynamik, der Planck-Länge und der Lichtgeschwindigkeit.
Er ist der Gott, der die Ästhetik des Flusses, an dem ich gerade entlangfahre, in ein chaotisches Muster aus Strömungsdynamik verwandelt.

Im Gegensatz zu dem anderen Gott hat meiner allerdings einen Nachteil: er kennt keinen Trost. Kein höheres Ziel. Keine Vergebung. Es gibt bei ihm keine Gnade, keine Erlösung.
Nur die Unerbittlichkeit eines entropischen Universums, in dem selbst Sterne nicht ewig leuchten.

Es klart auf. Das Graublau über den Hügeln und Hängen am Rhein deutet auf einen schönen Herbsttag hin. Das Weinlaub verfärbt sich. Es könnte so eine schöne Reise sein, wäre da nicht das Ziel.
Ich bin auf dem Weg, ein Versprechen einzulösen. Einen Schwur. Auf dem Weg zu der Frau, die mir mehr bedeutet als jede andere.

Das Einzige, was uns als Menschen bleibt, vielleicht das Einzige, was uns menschlich macht, ist die Reise. Und ihre Reise war gut.

Mein Bruder schickt mir eine Nachricht. Sie lautet: »Wir holen dich ab.«

Nicht er alleine. Auch der Mann, der tapfer und treu 32 Jahre an Mutters Seite gestanden hat. Er braucht unsere Hilfe. Wir brauchen jede Hilfe, die wir einander geben können.

Der nächste Zug. Umsteigen. Er ist pünktlich auf die Minute, als wüßte er um die Dringlichkeit. Ich sitze zuerst gegen die Fahrtrichtung. Üblicherweise ist mir das egal. Heute muß ich sehen, wohin ich fahre. Denn hinter mir ist alles dunkel.

Mein altes Leben bleibt hinter mir zurück.
Wenn ich von dieser Reise zurückkehre, diesem Trip in die größte Angst meines Lebens. wird die Welt so sein wie immer. Es wird dann nur nichts mehr so sein, wie es einmal war.

Die Sonne steigt höher. Wellenmuster, Strömungen und die Verwirbelungen glitzern auf dem Wasser. Fast möchte ich mich freuen beim Gedanken daran, wie Mutter oben auf ihrer Treppe stehen wird und lächeln, wenn ich ankomme.

Aber das wird sie nicht tun. Nicht mehr. Nie wieder. Diese leere Treppe vor einer offenen Haustür wird ab jetzt immer in meinem Kopf sein.

Mein Gott ist ein Gott ohne Hoffnung und ohne Trost.

Aber heute, an diesem Tag flehe ich inständig zu diesem anderen: Laß sie noch leben, wenn ich ankomme. Bitte. Wie ich es versprochen hatte und mir immer geschworen.
Damit ich Abschied nehmen und sie begleiten kann auf ihrer letzten Reise.


Titelbild © by https://www.christianhopkinsphotography.com/


Update 20221105
Kurze Erläuterung zum besseren Verständnis: der Text ist von mir vor fünf Wochen geschrieben worden. Oder besser, von meinem Hirn. Ich war es nicht. Auf dem Weg nach Hause im Zug. Mutter ist tot.

Unreal Tournament 2022

»Can you imagine when this race is won
Turn our golden faces into the sun
Praising our leaders, we’re getting in tune
The music’s played by the, the mad man.«
Alphaville

Es ist früher Morgen. Etwa halb Acht. Auf den Uhren. Nach solarer Zeit, also Winterzeit, ist es halb Sieben.
Nennen wir es die Zeit, an der Menschen nicht rumgefummelt haben. Seit Jahren stelle ich jetzt meine Küchenuhr im Frühjahr und Herbst nicht mehr um. Alle anderen Zeitanzeigen sind leider elektronisch und drücken mir so automatisch die Vorstellung von einer Tageszeit auf, die irgendeine Bürokratenkommission mal festgelegt hat.
Das Universum ignoriert diese menschliche Anweisung, wie es zu ticken hat, mit heiterer Gelassenheit weiterhin und tickt einfach so weiter wie immer. Der Lauf des Planeten um die Sonne und die damit verbundenen astronomischen Fakten – wie beispielsweise die Position des Zentralsterns am irdischen Himmel – verändern sich durch diese abstruse Angewohnheit der Zeitumstellung nicht ein bißchen.
Es ist also de facto einfach halb Sieben. Der Himmel leuchtet im irdischen Blau, die Luftfeuchtigkeit liegt bei 94% und es ist neblig. Im Juni. Während mein Rad mich leise scheppernd über den durch andauernde Trockenheit betonharten Feldweg trägt, zischen grüne Papageien im Tiefflug an mir vorbei und kreischen sich gegenseitig Warnrufe zu. Eigentlich sind die Tiefflieger Sittiche und Neozoen, sie gehören also nicht hierher.
Die Tiere sind irgendwo ausgebüchst und haben dann festgestellt, daß es sich im deutschen Regenwaldklima ganz brauchbar leben läßt. Wikipedia spricht von einer „nicht etablierten Population”, wie ich neulich mal nachgeschlagen habe. Aber Wikipedia wird auch täglich dümmer.

Mir sind die Viecher schon vor Jahren aufgefallen, da saßen sie schwätzend in einem Baum und waren grün und ich hielt sie für Flüchtlinge aus einem Zoogeschäft. Was vermutlich auch nicht ganz falsch ist. Jedenfalls kann ich aus eigener Beobachtung klar feststellen, daß es seitdem nicht weniger von denen gibt. Vor zwei Jahren, im ersten Pandemiewinter, sind sie mir sogar erstmals während dieser Jahreszeit aufgefallen. Die sind längst in der ganzen Gegend hier unterwegs.
Den neuen Avianern geht ihre Einstufung als nicht etabliert also auch stark am federumkränzten Allerwertesten vorbei, während eine Gruppe von geschätzt zwanzig Tieren im Baum ihr Morgengespräch führt. Wie viele andere Vogelarten sucht sich auch diese abends einen Schlafplatz für die Gruppe. Zwischendrin scheint immer wieder eines der Tiere zu lachen. Vermutlich haben sie gerade ihren Wikipedia-Eintrag gelesen.

Bedenkt man, daß Vögel die Nachfahren der Dinosaurier sind, paßt ihr Auftreten perfekt zu dem Dschungelklima, durch das ich gerade fahre. Ich radle zum Bahnhof, zu einer eingebildeten Uhrzeit, und fühle mich wie damals auf Borneo, wobei es dafür noch ein paar Grade wärmer sein müßte. Dabei werde ich von angeblich nicht existenten Papageien ausgelacht, die tatsächlich Sittiche sind. Das ganze Szenario fühlt sich zunehmend surreal an.

Allerdings fahren die Orangs auf Borneo keine SUV, dafür sind die zu schlau. Also bin ich wohl doch unter Menschen.
Ulf Poschardt, dieser Strickpullunder des Grauens, der sich in seinem Wahn noch immer für einen investigativen Journalisten hält, hat erst vor einigen Wochen einen angeblichen Artikel veröffentlicht, in dem er ernsthaft behauptete, Elektroautos bauen könne jeder, der Verbrennungsmotor hingegen sei ein Kulturgut.
So was schreibt ein Mann, dem ich nicht mal zutraue, die Kneifzange richtig rum zu halten, mit der er sich täglich seine Unterhose anzieht, bevor er dann mit seinem Porsche langsamer ins Büro fährt als ich mit dem Rad. Immerhin kriegt er es dabei gebacken, die Klimaanlage in seinem Kulturgut so weit runter zu drehen, daß er auch bei 30° Außentemperatur weiterhin in Hemd und Strickpullunder rumfahren muß. Falls es eine Millimetereinteilung für die Skala des Realitätsverlustes nach Kubicki geben sollte, wird sie in Poschardts gemessen. Continue reading →

Long live The Queen

»We lost the American colonies because we lacked the statesmanship to know the right time and the manner of yielding what is impossible to keep.«

Eine alte Dame, schon längere Zeit gesundheitlich angeschlagen auch durch den Tod ihres ebenfalls hochbetagten Gatten vor knapp 18 Monaten, schließt im Alter von 96 Jahren ihre Augen ein letztes Mal. Ein letztes Ausatmen. Stille. Das ruhige Ende eines langen Lebens.

Kein ungewöhnliches Ereignis. Tausende Menschen sterben auf diesem Planeten jeden Tag, mal mehr und mal weniger friedlich. Bei einer Frau von 96 ist dieses Ereignis eigentlich stündlich zu erwarten. Doch wie so oft mit Dingen, von denen wir genau wissen, daß sie sich unvermeidlich ereignen werden, kommen sie dann doch irgendwie überraschend.

Der letzte Atemzug von Queen Elizabeth II., Herrscherin über das Vereinte Königreich von Großbritannien und Nordirland, uneingeschränkte Souveränin der Commonwealth Realms, Staatsoberhaupt von 56 Staaten des Commonwealth of Nations, einer politischen Konstruktion, in der die Sonne noch immer niemals untergeht, Fidei Defensatrix, hinterläßt so etwas wie gespannte Ruhe auf dem Globus.
Irgendwie schien seit Donnerstag, dem 8. September dieses Jahres, die Welt in gewisser Weise stillzustehen.

Nichts könnte symbolischer sein für dieses unser Zeitalter des Niedergangs und Verfalls als der Tod dieser Frau mit Hut, Handtasche und Hunden. Und einem nicht ganz unerheblichen Vermögen, wenn ich das am Rande einmal erwähnen darf.
Schon nach dem Tod von Prinz Philip stellte ich mir die Frage, wie lange nach ihrem Gatten, der nur zwei Monate vor seinem 100. Geburtstag den Planeten verlassen hatte, die Poster Granny aller gekrönten Häupter der Erde wohl noch durchhalten würde. Immerhin waren die zwei 73 Jahre verheiratet. Menschen, in deren Stammbaum das irgendwo vorhandene Langlebigkeitsgen der Windsors nicht eingebaut ist, werden oft nicht einmal so alt. Nach meiner Erfahrung treten sehr alte Ehepaare häufig nicht besonders lange getrennt voneinander ab.
Aber Lizzy II. erwies sich, wie immer in ihren über 70 Jahren auf dem Thron der gammeligen Reste eines Empire, als diszipliniert und zäh. Sie hat sehr viel länger durchgehalten, als ich das erwartet hätte.

Aber die Ernennung von Liz Truss zur Premierministerin, nur zwei Tage vor ihrem Tod, hat ihr offensichtlich den Rest gegeben.
Die zweite überaus symbolische Handlung der vorletzten Woche war eben jene Liz Truss, diese verachtenswerte Frau, wie sie in der ersten wichtigen Rede ihrer Amtszeit ausgerechnet den Tod der größten Herrscherin verkünden mußte, die das Very British Empire jemals gehabt haben wird.
In allen Worten ihrer Rede beschrieb Truss eine Frau, die sie selber gerne wäre und in keiner denkbaren Iteration eines Universums jemals sein wird. Allerdings glaubt sie in diesem hier fest daran, tatsächlich das Zeug dazu zu haben.
Man kann Großbritannien hassen. Oder seine Monarchie. Doch für welche Sünde es sich Liz Truss eingefangen hat, übersteigt selbst die an Häme nicht unbedingt arme Vorstellungskraft von Kassandra. Selbst Satan persönlich hätte eine solche Strafe nicht über seine Erzfeinde verhängt.

Bild des Grauens: Gordon Brown, Boris Johnson, David Cameron und Theresa May. Die Maschinisten im Maschinenraum der britischen Apokalypse heucheln Trauer und Treue bei der Vereidigung von King Charles III. Quelle: BBC/The Guardian

In über 70 Jahren hat die Queen im Schnitt 18 Termine wahrgenommen. Täglich. Das sind etwa doppelt so viele wie ein Olaf Scholz bisher in seiner gesamten Amtszeit als Kanzler insgesamt hinbekommen hat.
Monarchen haben weder Sonn- noch Feiertage. Und sie gehen nicht in Rente. Fast könnte man Elizabeth mit dem Papst vergleichen, wenn nicht ausgerechnet der erste Deutsche in diesem Amt nach 1.000 Jahren sich aufs Altenteil zurückgezogen hätte, statt einfach protokollgemäß im Amt zu versterben.
Außerdem wäre sie darüber vermutlich amused gewesen, bezieht sich das „fidei defensatrix” in ihrer langen Kette aus ererbten, ergaunerten, erfundenen und sonstigen Titeln doch schließlich auf die Anglikanische Kirche. Die es niemals gegeben hätte, wäre ein anderer Papst gegenüber einem anderen englischen König vor ein paar Jahrhunderten einsichtiger gewesen. In einer anderen Iteration dieses Universums…doch Nein. Es ist nicht der richtige Zeitpunkt für solche Abschweifungen.

Wenn Elizabeth II., einzig wahre Nachfolgerin ihrer großen Namensvetterin aus dem 16. Jahrhundert, heute endlich ins Grab gesenkt wird, nachdem man sie 10 Tage lang wie eine Monstranz durch das ganze verdammte Land gekarrt hat, ist damit auch das Ende des British Empire selbst für die hartnäckigsten Realitätverweigerer der Inselnation nicht mehr zu verleugnen.
Überhaupt ist, wie dero Herrscherin dereinst so korrekt vermerkte, das krampfhafte Festhalten an längst überkommenen Dingen abseits der Realität ein nicht unerheblicher Faktor im Niedergang von Systemen, seien sie nun demokratisch, imperial oder anders organisiert.

Mögen beide, Empire und Queen, ihren wohlverdienten Frieden finden. Kassandra schätzt allerdings, daß nur einer von beiden Entitäten das auch tatsächlich gelingen wird.
Long live the Queen!