Die Psychologie des Untergangs

,,Ozeanien führt Krieg gegen Eurasien. Ozeanien hat immer Krieg gegen Eurasien geführt.“

George Orwell

Während sich achttausend Kilometer westlich von mir der offizielle Hort von Demokratie, Freiheit und Menschenrechten in eine Diktatur verwandelt, die von einem pompös aufgeblasenen Schuljungen angeführt wird, stelle ich mich unter die Dusche. Warmes Wasser rieselt auf mich, aus einem Plastikduschkopf und im Keller warmgehalten mit der Hilfe von Erdgas. Der Schaum auf meinem Astralkörper ist reine Chemie, auch wenn er so phantastisch nach Mandarinen riecht, daß ich am liebsten in den eigenen Oberarm beißen möchte.
Während die Fassade unserer Zivilisation sich mehr und mehr auflöst, spüle ich mir das Zeug aus den Haaren, das mein Fell geschmeidig glänzend macht, ein weiteres Erzeugnis chemischer Zauberküchen. Schaum verschwindet in einem sich beschleunigendem Wirbel im Abfluß. Genauso wie die bröselnden Teile unserer Kultur sich in einem immer schnelleren Strudel verwandeln, der weitere Stützen einreißt, weitere Teile der Fassade wegspült.
Die Frage, was mit einer ganzen Gesellschaft geschieht, die Zeuge wird, wie sich ihre über Jahrzehnte und Jahrhunderte aufgebauten Geschichten als Lügen herausstellen, als Märchen, als schlechter Witz – diese Frage ist für meinen Teil beantwortet. Ebenso wie einzelne Menschen können Gesellschaften den Verstand verlieren. Und sie tun es auch.

In der Psychologie gibt es den Ausdruck des „Double Bind“. Die Doppelbindungstheorie wurde aufgestellt von einem Mann namens Gregory Bateson, und zwar in den 50er und 60er Jahren. Das ungewöhnliche an Mr Bateson war, daß weder Psychologie noch Medizin zu seinen Hauptfächern gehörte. Bateson war Anthropologe mit einem Hintergrund in Kommunikationswissenschaften. Und er war ein Kybernetiker, also einer der Vertreter der damals noch sehr exotischen Gattung des Homo Nerdius. Was aber sehr wohl passend ist, denn ursprünglich beschäftigt sich Kybernetik als Wissenschaft mit der Übermittlung von Informationen.

„Kommunikation?“, denkt sich der Normalmensch.
„Was soll daran so interessant sein? Kann doch jeder. Macht ja auch jeder.“
Und dann fährt man in den Urlaub und lernt Tauchen und haut dem Lehrer eins in die Fresse, weil der einen unter Wasser ein Arschloch genannt hat. Oder man kriegt eins auf die Fresse, weil man einen Autofahrer genauso beleidigt hat.
Nur bedeutet der Kreis aus Daumen und Zeigefinger mit dem abgespreizten Rest bei Tauchern eben nicht „Arschloch“ sondern: „Alles ok hier.“
Genauso bedeutet der Daumen, der am Straßenrand irgendwo hinzeigt, bei uns an der Bundesstraße „Nimm mich mit“ und nicht „Fick dich, Penner!“
In Europas Süden ist das stellenweise eben anders. Ganz so simpel, wie es aussieht, ist das mit der Kommunikation dann wohl doch nicht. Weiterlesen

Die Grundwerte der Aliens

Es ist schon wieder passiert beziehungsweise passiert immer noch: Die gedankenlosen Arschlochgermanen sind weiterhin unter uns. Der Philologenverband Sachsen-Anhalt veröffentlicht seine Hauspostille und die enthält einen Leitartikel. Dieser trägt den relativ nichtssagenden Titel Flüchtlingsdebatte. Anpassung an unsere Grundwerte erforderlich“.
So weit, so langweilig. Interessant wird es erst, wenn man diesen Leitartikel, der insgesamt eher ein Leidartikel ist, mal liest. Was ich im Folgenden zu tun gedenke. Beginnen wir also, wie bei jeder Geschichte, mit dem einleitenden Satz

„Eine Immigranteninvasion überschwappt Deutschland, die viele Bürger mit sehr gemischten Gefühlen sehen.“

Schon zieht sich meine Augenbraue das erste Mal nach oben. Es findet also nach Meinung des Schreibers eine Invasion statt. Eine Invasion ist ein feindlicher, normalerweise kriegerischer Akt gegen den Willen einer jeweils einheimischen Bevölkerung. Das habe ich jetzt nicht irgendwo nachgeschlagen, das kann man definitionsmäßig meiner Meinung nach schlicht mal wissen.

Ganz besonders, wenn man in dem Artikel abgebildet ist und etwa so aussieht wie mein Mathelehrer und Rektor des Gymnasiums, das zu besuchen ich mal die Ehre hatte. Ich mache hier kein Geheimnis daraus, daß ich diesen besagten Rektor immer für einen selbstgerechten, aufgeblasenen und sich selbst enorm überschätzenden Typen gehalten habe. Aus heutiger Sicht für einen bedauernswerten Menschen mit einem extrem engen Horizont. So ein typisches Kind der unglücklichen, ruinendurchwirkten und per Zertifikat entnazifizierten 50er Jahre in Deutschland.
Doch will ich mich nicht von optischer Antipathie leiten lassen. Der Herr Dr Mannke, dessen Bild hier gemeint ist, amtiert wohl als Präsident des Philologenverbandes in Sachsen-Anhalt und ist offensichtlich jünger als mein Mathelehrer. Gerade so jemand, der nun irgendwie mit Sprache zu tun hat und seinen akademischen Titel vor sich herträgt wie weiland Perseus den Schild zur Bekämpfung der Medusa, sollte sehr wohl in der Lage sein zu wissen, was das Wort Invasion assoziativ so beinhaltet. Ich gehe also mal von absichtlichem Einsatz aus.

Dann kommt da dieses lustige, weil eigentlich inkorrekte Wort „überschwappt“. Da muß ich jetzt mal den Thesaurus raushängen lassen. Eine Welle kann etwas überfluten, mitreißen, einebnen, überrollen, sie kann brechen oder auf etwas einstürzen. „Überschwappen“ kann ein voller Eimer mit Wasser.
Die Bürokaffeetasse, die man sich morgens wieder wie ein Idiot bis zum Rand vollmachen mußte, damit man auch ja im Schneckentempo durch den natürlich mit Teppich ausgelegten Flur zum Schreibtisch laufen muß, denn zum Abtrinken ist der frisch gebrühte Bohnensaft natürlich noch zu heiß. Man kennt das.
Wir werden also gleich mal im ersten Satz von einer Welle aus Feinden in unserer Existenz bedroht, denn normalerweise gehen Invasionen auch nicht einher mit besonderen Freudenfesten oder spontanen Verbrüderungen. Hinzu kommt, daß viele Bürger diese Ereignisse nicht mit besagten gemischten, sondern sehr eindeutigen Gefühlen sehen. Mit Haßgefühlen nämlich. Das fängt ja gut an.

Wohlwollend weist der Text dann darauf hin, daß es natürlich humanitäre Pflicht ist, Menschen in existentieller Not zu helfen, ausgelöst durch Krieg und politische Verfolgung. Korrekte Feststellung, fast möchte man sich entspannen. Doch dann… Weiterlesen