Das wahre Morgen

– V –

Alles unter Kontrolle

„It is no measure of health to be well adjusted to a profoundly sick society.“
Jiddu Krishnamurti

Kontrolle. Es geht immer nur um Kontrolle. Aber längst haben wir Menschen, wir Bewohner der industrialisierten Konsumgesellschaft, diese Kontrolle abgegeben. Was früher auf lokaler Ebene geregelt wurde, oft auch ohne Vorhandensein einer gesetzlichen Grundlage, wird heute von Institutionen verwaltet, die im Laufe von Jahrzehnten immer größer und gesichtsloser geworden sind.
Die Wissenschaften. Die Regierung. Die Reptiloiden, die 9/11 eingefädelt und die Mondlandung vorgetäuscht haben. Ähmmm..was habe ich da gerade gesagt?

Wir haben das nicht freiwillig getan. Es war und ist ein Prozeß der Konzentration von immer mehr Macht in verschiedensten Formen in den Händen von immer weniger Menschen. Das Credo der Wissenschaften lautet Kontrolle. Das Credo der Regierungen lautet Kontrolle. Über Terroristen. Über Medien. Über die jeweiligen Bürger. Innere Sicherheit heißt das immer so schön. Jetzt gerade wieder aktuell auf Wahlplakaten, in Wahlprogrammen und in Wahlreden.
Wenn erst einmal alles gespeichert wird, alles aufgezeichnet, alles auswertbar gemacht von jedem, wird es Kontrolle geben. Dummerweise ist totale Kontrolle auch nicht von Terrorismus zu unterscheiden und totale Sicherheit unerreichbar.
Und aufgezeichnet werden nur private Dinge. Ausgewertet von staatlichen Stellen. Der Anwalt, der einem Privatmenschen eine Urheberrechtsverletzung vorwirft, erhält routinemäßig Auskunft über IP-Adressen und kann seine als Arbeit getarnte Erpressung und Nötigung beginnen.
Der Bürger, der eine Behörde nach Akten oder Vorgängen befragt, blitzt mit derlei Ansinnen routinemäßig ab. Von Einblick in Tun und Lassen großer Konzerne kann selbst die Politik nur träumen, der Normalbürger schon nicht mal mehr das.

Kontrolle von Dingen des täglichen Lebens auf kommunaler oder gar individueller Ebene ist schon längst nicht mehr vorgesehen. Kontrolle bedeutet nur noch „die da“. Die sollen mal was machen. Natürlich sind „die da“ auch an allem Schuld. An was auch immer.
Kontrolle ist längst nur noch Datenverwaltung und -interpretation durch Spezialisten. Wozu sollte man Anwohner fragen, wie manche Dinge eventuell geregelt werden solltem, wenn man doch mit einem Gutachten von irgendwem, der nicht mal in der Nähe der betreffenden Stadt war, alles klären kann?
Aber natürlich renovieren wir die Straße aus dem Dorf raus endlich mal. Die hunderttausend Euro Kommunalbeteiligung für die Anwohner sollten ja wohl kein Problem darstellen, oder? Immerhin besitzen die ja alle Häuser.
Längst sind uns viele Dinge völlig aus der Hand geglitten, haben sich von uns entfernt. Was nützen Mietpreisbremsen, wenn eine willige Politik sie mit massenhaft Ausnahmen durchlöchert wie einen Mindestlohn, der gar nicht erst notwendig wäre, gäbe es die immer wieder propagierte Selbstregulierungsfähigkeit des Marktes tatsächlich.
Der Markt. Früher ein Ort, an dem man eingekauft hat. Ein Schwätzchen gehalten über Tomaten, Möhren, Äpfel und Blumenkohl hinweg. Ein Ort, an dem weitaus mehr passierte als nur der Austausch von Waren gegen das angebliche Tauschmittel des Geldes. Heute ist „der Markt“ der Euphemismus für unsere angeblich so phantastische globalisierte Wirtschaft, von der wir alle profitieren. Wenn der Markt etwas so will, dann kann man da halt nichts machen. Weiterlesen

Das wahre Morgen

– IV –

Die Trägheit der Masse

,,Politics is the entertainment branch of industry.“
Frank Zappa

Die Liste der beliebtesten deutschen Kindernamen wird aktuell von Mia, Emma, Sofia, Ben, Paul und Jonas angeführt. Früher, zu anderen Zeiten, waren es Friedrich, Helga, Hans, Horst und Günter. Aber tatsächlich ist das alles gelogen. Die liebsten Kindernamen der Deutschen sind Volkswagen, Audi, Mercedes, Porsche und BMW.
Das und nichts anderes ist die Wahrheit.

Seitdem ein Herr namens Gottlieb Daimler 1885 den Verbrennungsmotor erfand, ist dieses Ereignis aus der deutschen Geschichte nicht mehr wegzudenken.
Drei Jahre später raffte eine wagemutige Frau ihre Reifröcke zusammen, lud sich selbst nebst ihren zwei Söhnen auf die pferdelose Kutsche, die ihr Mann zusammengezimmert hatte, und ließ diese von Pforzheim nach Mannheim galoppieren. Oder traben, viel mehr war da noch nicht zu erwarten.
Unterwegs mußte sie einmal eine verstopfte Benzinleitung reparieren und ein anderes mal die kaputte Zündung. Hutnadel und Strumpfband halfen da weiter. So steht es geschrieben und ich will es nicht in Zweifel ziehen, obwohl ich mir beileibe nicht vorstellen kann, was ein Strumpfband mit einer Zündung zu tun hat. Auf dem Weg mußte die Dame nachtanken und dazu kaufte sie „Ligroin“ in einer Apotheke. So hieß damals das Benzin, denn Ligroin ist Leichtbenzin.
Die Firma ihres Mannes Carl, gegründet mit der vorzeitig ausgezahlten Mitgift von Berta Benz, wäre ohne diese 104 Kilometer lange Fahrt wohl kein Erfolg geworden. Die erste erfolgreiche Fernfahrt räumte dem „Patent-Motorwagen Nr. 3“ wie das damalige Flaggschiff des späteren Weltkonzerns Daimler-Benz hieß, den Weg frei. Was Autos angeht, könnte man also durchaus zu recht sagen, daß an allem mal wieder die Frauen schuld sind.

Nach und nach wurden aus zusammengedengelten Tuckermonstern echte Autos, als Entwickler auf die Idee kamen, daß eben eine Kutsche ohne Pferde nicht aussehen muß wie eine mit Pferden.
Ganz allmählich konnte man Benzin auch woanders kaufen als in Apotheken oder im Drogeriefachhandel. Allerdings war zu diesem Zeitpunkt das 20. Jahrhundert bereits angebrochen. Der Verbrennungsmotor ermöglichte es dem Menschen, sich erstmals gesteuert in die Lüfte zu erheben und war im Ersten Weltkrieg bereits zu einem leistungsfähigen Gerät herangereift. Hatte die modernste Version des Benz-Motorwagens Nr. 3 aus dem letzten Produktionsjahr 1896 bei zwei Litern Hubraum noch drei Pferdestärken, flog der als „Roter Baron“ berühmt gewordene Freiherr Manfred von Richthofen im Jahre 1917 mit einem Fokker-Dreidecker Dr. 1 durch die Gegend, der schon satte 110 Pferdestärken aufwies, allerdings auch 15 Liter Hubraum hatte. Das würde sich heute nicht mal mehr der Porschefahrer trauen. Weiterlesen

Das wahre Morgen

-II –

Das Summen von Bienen

,,Die Vergangenheit ist passé, Darling.
Sie lenkt von der Gegenwart ab.“
Edna Mode

Das auf entsprechenden Festivitäten präsentierte Mittelalter macht auf mich in etwa denselben Eindruck wie Pornographie: Soll geil machen auf die Sache, aber kein Mensch mit mehr als drei Hirnzellen kann das für das echte Leben halten.
Alle reden in diesem Zusammenhang immer von Frauen-Diskriminierung. Das Männer reine Muskelberge sind, die möglichst lange den Ständer hochhalten müssen, damit sich die jeweilige Dame entsprechend in Szene rücken kann – oder die Szenen – wird von feministischer Seite seltsamerweise nie kritisiert.
Trotz dieser offensichtlichen Diskrepanz zwischen Realität und Fiktion haben Pornos meines Wissens großen Zulauf. Ein Drittel des Netzwerkverkehrs im Internet besteht aus pornographischen Inhalten, schätzt man in diversen Studien. Was dem Wort „Verkehr“ eine quasi völlig neue Bedeutung gibt. Man könnte auch sagen, das Internet wäre nicht das, was es heute ist, gäbe es keine Pornographie. Und damit wäre auch unsere Welt nicht so, was sie heute ist. Manchmal haben Wirkungen Ursachen, an die alle, die davon profitieren, nicht erinnert werden möchten.

Im Grunde ist das auf Burgfesten oder anderswo präsentierte Mittelalter sogar noch schlimmer. Es ist Softporno. Die Dinge, die wirklich interessant sind, werden also nur angedeutet, nicht wirklich gezeigt.
Eine Art romantischer Wiedererweckung einer Zeit, die so weit zurückliegt, daß niemand ohne Expertenwissen genau sagen kann, ob diese Interpretation, die sich hier vor meinen Augen abspielt, nicht doch der Realität entspricht oder einmal entsprochen hat.

Die Kräuterfrau beispielsweise kann auf ihren Führungen mit profundem Fachwissen aufwarten, da hilft mir das eigene Biologiestudium weiter. Welche Kombination von Pflanzen sich wie auf welches Befinden auswirkt, meist unter Hinzufügen von Alkohol, ist eine Wissenschaft für sich. Nur wurde die Wissenschaft eben erst später erfunden. Vor zweitausend Jahren wurde dieses gesammelte Wissen von Druidenmund zu Druidenohr weitergegeben, wie wir aus Asterix wissen. Das kommt davon, wenn man keine Schriftkultur hat.
Wenn man dann eine entwickelt, kratzen Menschen Rezepte für Tränke und Tinkturen und anderes Zeug auf Pergament. Dazu braucht es übrigens Tinte. Diese wiederum ist eine Erfindung, die irgendwann im 4. Jahrtausend vdZ gemacht wurde und damals aus Ruß bestand, vermischt mit Gummi arabicum, also dem Harz diverser Baumarten. Dieses Zeug ist kein Verwandter des umgangssprachlichen Gummis, denn das ist Naturkautschuk, also abgezapfter Baumsaft von Hevea brasiliensis, dem Kautschukbaum, dessen ursprüngliche Heimat in Brasilien liegt, wie der Name zart andeutet.
Irgendwann im 3. Jahrhundert ndZ kam jemand auf die Idee, Galläpfel auszukochen. Wer wie ich als Kind noch Nahkampfkontakt mit Bäumen hatte, kennt diese Dinger. Mittelgroße, grünbraune Schwellungen an Blättern, Rinde oder Zweigen von Eichen. Die wiederum sind die Folge von Stichen der Eichengallwespe, die im Herbst ihre Eier in diesen Pflanzen ablegt, was als Abwehrreaktion zur Bildung der Gallen führt. Und in denen wächst dann die Brut ungestört heran. Beim Rumklettern im Wald hängt man früher oder später an einem Ast, an dem es diese Beulen gibt.
Wenn man diese Dinger sammelt, zerstampft und zerkocht, entsteht Gallussäure. Dazu gibt man Eisenvitriol. Rein chemisch ist das Eisen(II)-Sulfat und das wiederum gewann man, indem man pulverisiertes Eisen in zwanzigprozentiger Schwefelsäure aufkocht. Vermischt mit Wasser und dem Gummi Arabicum – das im Gegensatz zum Latex wasserlöslich ist – entsteht das, was man über Jahrhunderte als Dokumententinte benutzt hat. Das Wort „Kanzleitinte“ spricht für die juristische Festigkeit des Stoffs.

Ich habe nicht die geringste Ahnung, wer im 3. Jahrhundert auf dieses Rezept gekommen ist. Wir wissen nur noch, daß es irgendwer gemacht haben muß, sonst gäbe es noch weniger erhaltene Aufzeichnungen von Anno dunnemals, als das ohnehin schon der Fall ist.
Allerdings muß man diese Aufzeichnungen dann auch noch übersetzen, denn ein Rezept aus der damaligen Zeit liest sich vermutlich heute sehr seltsam.
Überall wimmelt es in alten alchemististischen Kochbüchern von Drachenhirn, Drachenblut, Einhorn-Horn und Gewichten, die entweder Prise heißen oder auch Gran. Das stammt aus dem Altrömischen, nämlich „granum“ für „Weizenkorn“. Nicht das Getränk, für ordentlichen Schnaps muß man die richtige Art der Destillation erfunden haben und das war erst ab etwa dem 9. Jahrhundert der Fall. Das englische Wort „grain“ stammt aus dieser Wurzel.
Dummerweise ist ein „gran“, ebenso wie das griechische „stadion“, das ich schon mal vor langer Zeit erwähnte, eben ein uraltes Dingsbums und kommt außer in einer römischen auch in einer englischen, französischen und auch deutschen Variante im Mittelalter vor. Wobei die deutsche Variante auch nicht einheitlich ist, denn das, was mal Deutschland werden sollte, bestand ja aus mehr Kleinstaaten, Fürstentümern, Herzogtümern und Eigentümern, als es heute Nationalstaaten gibt. Gemeinsam ist allen Versionen, daß sie sich im Bereich von zweistelligen Milligrammen bewegen, aber das war es dann auch schon.
Um also mittelalterliche Rezepte überhaupt entstehen lassen zu können, brauchte es erst einmal das Rezept. Dann das Pergament. Die entsprechende Tinte. Jemanden, der auch schreiben konnte. Und um das nachzuvollziehen, braucht man ein einheitliches Meß- und Maßsystem. Heute benutzen wir wir Meter, Zentimeter und auch sonst überall recht dezimale Einheiten, aber das hat eine ganze Weile gedauert. Noch 1973 wehrten sich die skurrilen Engländer gegen die Einführung eines dezimalen Münzsystems, weil sie das für zu kompliziert hielten. Von immer noch vorhandenen imperialen Füßen und Zöllen reden wir da mal gar nicht.

Mittelalter als Porno. Das vermittelte Bild enstpricht nur recht bedingt der Realität.

Alleine hier wird also zweierlei deutlich: Schon zu mittelalterlichen Zeiten gab es keine „Technologie“. Auch damals mußten mehrere Dinge zusammenkommen und ineinandergreifen, um etwas Neues zu erschaffen. Wie beispielsweise Eisengallustinte, die uns auf unzähligen Dokumenten begegnet. „Technologie“ im singulären Imperativ der heutigen Zeit existiert nicht und hat so auch nie existiert.
Zweitens besteht unsere immer als so modern verkaufte Wissenschaft oft aus Dingen, die wir schon seit zig Jahrhunderten kennen und praktizieren, deren Grundlagen Menschen aber nicht verstehen oder verstanden. Bis sich dann endlich mal einer hinsetzt und sich fragt: „Warum?“
Die erwähnte Tinte ist nämlich ein eher wässriges Zeug, mit dem sich ganz gut schreiben läßt. Aber sehen kann man sie nicht besonders gut. Das ändert sich erst, wenn die Tinte trocknet. Denn erst dann entsteht die charakteristische tiefschwarze Farbe. Um das zu verstehen, muß man aber vorher die Chemie erfunden haben und auch den Sauerstoff als Element kennen. Das war im 18. Jahrhundert der Fall, als ein Mann namens Carl Wilhelm Scheele eben diesen Sauerstoff entdeckte und ein Franzose namens Lavoisier dann nachwies, daß bei einer Verbrennung Luftsauerstoff gebunden wird. Damit widerlegte er die bis dahin noch weit verbreitete Theorie vom Phlogiston und wurde zu einem der Väter der modernen Chemie. Ich hatte das mal vor einer Weile erwähnt.
Und exakt das passiert auch mit der Tinte. Sie nimmt Luftsauerstoff auf, sprich, sie oxydiert. Oder verbrennt. Der allseits bekannte Rost auf eisenhaltigen Metallen ist das Produkt einer Verbrennung, wenn man von spektakulären Flammenerscheinungen absieht.
Damit verwandelt sich das Eisen(II) aber in Eisen(III) und verfärbt sich entsprechend. Damit wäre also die Frage nach dem „Warum“ geklärt. Außerdem hilft es natürlich, wenn man rausfindet, daß Drachenhirn nichts anderes ist als Kampfer. Dieser kam zu mittelalterlichen Zeiten aus dem fernen Asien statt aus dem Supermarkt, und das waren unter anderem die Gegenden, über die auf Weltkarten gerne geschrieben stand: Hier hausen Ungeheuer.

Bild 1: Ein Blick auf das wahre Gestern.
Mittelalterlicher Alltag war vor allem eines: Anstrengend. Der Gerber entfernt hier das Fleisch von einem zukünftigen Stück Leder. Ein Prozeß, der heute mit diversen Chemikalien und von Maschinen automatisch erledigt wird. Früher erforderte dieses Handwerk profundes Fachwissen. Heute kennen wir Bilder von trocknendem Leder aus offiziell weniger fortschrittlichen Ländern wie Marokko.

Die Stadt, in der ich lebe, war mal ein Zentrum florierender Lederindustrie. Der Typ, der den Lederpanzer verkauft, den ich letzte Woche erwähnte, hat diverse Rezepturen alter Tage studiert, um eine Methode zu finden, ordentlich gegerbtes Leder für seine Zwecke herzustellen. Zumindest sagt er das. Nach einem Blick auf seine Hände neige ich dazu, ihm das sogar zu glauben. Das Färben des Materials stellt nämlich auch schon wieder ganz eigene Anforderungen. Und ebenso wie die Gerberlauge hinterläßt es Spuren.
Ein Prozeß, der in früheren Zeiten von ausgebildeten Handwerksmeistern durchgeführt wurde, ist im 19. Jahrhundert endgültig industrialisiert worden, wie so viele andere. Gerberlauge wurde nicht mehr alchemistisch zusammengebraut, sondern nach ordentlicher chemischer Analyse auf das Gramm genau angemischt. Allerdings bin ich mir sicher, daß die damaligen Chemiker hierbei anfangs auch auf die alchemistischen Zunftmeister zurückgreifen mußten. Denn ansonsten wird es spätestens bei der Übersetzung von Mengenangaben aus alten Dokumenten sehr amüsant im Bottich, könnte ich mir vorstellen.
Der Geruch des Gerbens und Färbens führte dazu, daß es in jeder Stadt in der richtigen Handelsregion und mit den richtigen mittelalterlichen Straßenzügen eine Färber- oder Gerbergasse gibt. Gerberlauge enthielt zu antiken Zeiten so leckere Dinge wie Gänsemist. Auch Urin natürlich, denn die darin enthaltene Harnsäure ist überaus nützlich. Meist liegen diese Gassen in der Nähe eines Flußes oder Flüsschens, das natürlich heute ein Abwasserkanal unter der Straßendecke sein kann.

Wir haben durch Wissenschaft viel gewonnen. Aber wir haben womöglich noch mehr verloren.

Unsere Art, die Dinge zu erledigen, ist es längst, andere Menschen diese Dinge erledigen zu lassen. Zug um Zug hat sich im Rahmen der Industrialisierung und Verwissenschaftlichung unsere Gesellschaft von Tätigkeiten befreit, die jahrhundertelang zum Alltag gehörten und die sehr viele Menschen beherrschten. Seltsam nur, daß wir dann heute nicht alle viel mehr Zeit für andere Dinge haben. Was wiederum daran liegt, daß die „Befreiung“ natürlich keine war.
Wir haben heute Freizeitplaner, Animateure am Urlaubsstrand und Seminare für Schlafmanagement. Das Letztere habe ich nicht erfunden.
Im Namen der Perfektionierung des Selbst wird sogar das Schlafen „optimiert“, damit wir hinterher um so besser funktionieren können. Die heutige Industriegesellschaft verlangt keine Teilhabe, kein Kopfzerbrechen über lokale Dinge. Sie erwartet Funktion.
Die angebliche Befreiung von den produktiven Lasten des alltäglichen Daseins war in Wahrheit ein Raubzug. Schritt für Schritt stahlen immer größer werdende Institutionen der menschlichen Gesellschaft ihren Kern, um ihn ihr dann anschließend zurückzuverkaufen. An guten Tagen mit Rabatt.

Hat der Methändler seinen Honig von eigenen Bienen? Oder hat er den irgendwo eingekauft? Von einem Imker? Oder womöglich sogar im normalen Supermarktregal?
Was ist mit den Färbemitteln für Leder und Stoffe? Setzen die Händler die selbst an? Oder bestellen die Mittelaltertypen hier diese Dinge nach Katalognummer im Internet bei BASF oder im Baumarkt?
Ich weiß es nicht. Ich sehe hier in den Marktständen nur die Endprodukte des gespielten Mittelalters. In dem waren Bienen waren übrigens nicht in rechteckigen Waben gefangen. Schon lange vor Erfindung des Mets oder der Destillation von Alkohol waren Menschen scharf auf Bienen. Wir wissen aus alten Höhlenmalereien, daß Bienen bereits vor über 10.000 Jahren von unseren Vorfahren belästigt wurden, um an den Honig heranzukommen. In Zentralanatolien finden sich Hinweise auf gezielte Zucht etwa im 6. Jahrtausend vdZ, und ganz sicher nachgewiesen ist das Geschäft der Imkerei dann etwa ab dem 4. Jahrtausend vdZ in Ägypten.
Der alte Grieche Hippokrates, den ich letzte Woche erwähnte, schrieb bereits etwas über die fiebersenkende Wirkung von Honigsalben und sagte, daß Honigwasser bei Athleten die Leistung steigern soll. Womit klar ist, daß auch Doping keinesfalls eine Erfindung der Neuzeit ist.
Gehalten wurden Bienen in Körben oder in der sogenannten „Klotzbeute“. Das ist nichts anderes als ein Stück hohler Baumstamm, in den man das Bienenvolk einziehen ließ. Oder die Bienen zogen freiwillig ein und der Bienenjäger sägte dieses Stück Baum dann eben ab und nahm es mit. Einschließlich der Bienen. Der Nachteil dieser ursprünglichen Haltungsmethode ist, daß man nur an den Honig herankommt, indem man die Waben zerstört. Und in denen wohnen ja die Bienen.
Also ersann man später Bienenkästen und mit dem 19. Jahrhundert, der Entwicklung von Wechselrähmchen und anderem Werkzeug, kam die Bauform auf, die man heute allgemein unter „Bienenstock“ so versteht: Ein kastenförmiges Dingsbums, das der Imker öffnen kann und aus dem dann die in Rahmen hängenden Waben entnommen werden können.

Tatsächlich sind die Waben hier sogar vorgebaut, es werden nämlich ausgeschleuderte Waben in die Rahmen eingesetzt und die vollen Waben entnommen. Der Vorteil ist, daß die Bienen dann eben keine neue Wohnung bauen müssen. Dann muß man ja erst wieder die Möbel zurechtrücken und sich überlegen, wo genau der Kamin hin soll und solche Dinge. So etwas kostet Zeit und Energie. Aber die hierzulande übliche westliche Honigbiene Apis mellifera soll ja Honig produzieren und nicht im Baumarkt die neuen Tapetenmuster betrachten. Also kriegen heutige Arbeitsbienen ihre Werkswohnung vom Imker gestellt.
Durch die Industrialisierung der Bienenzucht hat man den Tierchen also etwas weggenommen, damit sie optimaler Honig produzieren können. Statt Bienen da zu halten, wo sie etwas zum futtern finden, werden die Viecher heute in großen Kästen an die Ränder von Rapsfeldern gestellt, die sie dann innerhalb weniger Tage abernten. Danach geht es weiter zum nächsten Kunden. Monokulturbienen ernten Monokulturhonig. Im Schichtbetrieb. Fast möchte man meinen, hinter dem Flugloch das Klacken der Stechuhr zu hören.

Das angeblich so viel primitivere Mittelalter unterscheidet sich nicht wirklich von unserer Zeit, was Komplexität angeht. Im Umkehrschluß bedeutet das aber auch, daß unsere Zeiten nicht einfacher sind als die Zeit vor sechshundert Jahren. Die industrielle Skalierung unserer Gesellschaft läßt es nur so erscheinen.
Dinge, die früher Haushalte oder Zünfte erledigten, werden von Maschinen erledigt und von Großkonzernen. Und das auch nicht am Rande des Flußes, sondern womöglich fünfzehntausend Kilometer entfernt. Deswegen gibt es heute keine neuen Gerber- und Färbergassen mehr. Jedenfalls nicht in unseren Städten.
Die Wolle der hier ausliegenden Stoffe muß vorher mal von einem Schaf getragen worden sein. Zumindest nehme ich das für das Mittelalter mal an. Baumwolle ist eine Sache späterer Jahrhunderte, jedenfalls hier in Europa. In einer Gegend wie Indien ist Baumwolle und ihre Gewinnung eine Sache, die sich bis ins 6. Jahrtausend vdZ zurückverfolgen läßt.
Hier in Europa bedeutet Wolle normalerweise das Vorhandensein von Schafen. Außerdem kann man die Schafe auch noch essen, ganz im Gegensatz zur Baumwolle, die ist nämlich giftig. Baumwolle wiederum läuft nicht weg, erfordert also keine Hirten. Dafür muß man Schafe nicht gießen. So hat jede Methode ihre Vor- und Nachteile. Entscheidend ist aber, daß beide Vorgehensweisen eben Wolle produzieren und die lokalen Bedingungen berücksichtigen.

Auch Leder muß vorher irgendwann einmal zur Verpackung eines Tieres gedient haben. Eines Schafs, zum Beispiel. Wahlweise auch einer Kuh, eines Schweins oder einer Ziege. Irgendwer muß das Tier überredet haben, diese Verpackung aufzugeben, damit man daraus Leder machen kann.
Ob heute oder vor sechshundert Jahren – ganze Lieferketten und Herstellungskomplexe müssen hier ineinandergreifen, um am Ende die maßgefertigten Schuhe aus dem Leder herstellen zu können. Oder eben die Lederpanzerung.
Leder erfordert beispielsweise auch Salz zum Gerben. Außerdem wird das Tier, das seine Verpackung gespendet hat, zusätzlich noch, in mundgerechte Happen zerteilt, seinen weiteren Weg nehmen. Ohne Salz aber war zu mittelalterlichen Zeiten kein Fleisch haltbar zu machen. Außer durch Räuchern vielleicht.
Salz hat ganze Städte reich gemacht und den Wohlstand von Regionen begründet. Ganze Generationen von Kaufleuten in den Städten haben ihr Geld damit verdient und wurden dabei immer reicher und mächtiger. Bis schließlich Könige und Kaiser sich da Geld geliehen haben, wo es am meisten davon gab. Dafür wiederum bekamen die Städte, die Zünfte und Gilden Sonderrechte und Vergünstigungen. Wirkungen haben Ursachen, die oft nicht sofort ersichtlich sind. Europa zur Zeit des 16. Jahrhunderts aufwärts. Die erste Renaissance.

Mit ungebrochener Begeisterung verkaufen uns Experten ein endlos verlängertes Heute als Zukunft. Ich schätze, das Wahre Morgen wird sehr viel mehr Gestern enthalten.

Unsere Zeit ist nicht grundlegend anders als das Damals™, das hier so schön zur Schau gestellt wird. Immer lauter werden dieser Tage die Verkündungen der technologischen Hexenmeister des 21. Jahrhunderts. Das Credo des endlosen, des weltverbessernden Fortschritts ertönt überall.
Kaum ist die Concorde tot, verkünden neue Firmen dieser Tage den Bau eines neuen Modells. Eine Firma namens Boom hat Bestellungen eingesammelt für einen Nachfolger des Überschallfliegers. Nach einem Absturz im Jahre 2000, kurz nach dem Start vom Flughafen Charles de Gaulle bei Paris, wurde der Flugbetrieb mit dem Vorgänger 2003 endgültig eingestellt.
Aber die neue und verbesserte Concorde wird natürlich schneller sein. Und leiser. Und weniger Sprit verbrauchen.
Nichts daran wird jedoch etwas an der Tatsache ändern, daß der Kerosinverbrauch pro Kopf immer noch sehr viel höher sein wird als bei herkömmlichen Flugzeugen. Ganz besonders, weil der neue „Boom Jet“ lediglich 55 Sitzplätze bieten soll. Oder besser, „bis zu“ – man kann gespannt sein, was das am Ende bedeuten wird. Die ersten Flüge sollen 2023 stattfinden. Man darf ebenfalls gespannt sein, was Kerosin dann kosten wird, das ja, aus unerfindlichen Gründen, in den Industriestaaten oft unversteuert verballert werden darf.
Nichts daran wird die Tatsache verändern, daß die alte Concorde, trotz damals völlig anderer Spritpreise, niemals kommerziell erfolgreich war. Ich sehe keinerlei Grund, warum ein neues, verbessertes Modell an diesem Punkt etwas ändern sollte.

Der Mythos des Fortschritts hat außerdem so etwas wie Überschallreisen für alle versprochen. Das war doch immer die Kernsaussage des ewig wachsenden Kapitalismus, wenn ich das recht im Kopf habe. Immer mehr für alle.
Ich habe natürlich keine Ahnung, was ein Ticket in der neuen Concorde kosten wird, aber ich bin mir absolut sicher, daß es für die meisten Durchschnittsverdiener, seien sie Europäer oder Amerikaner, eindeutig außerhalb ihrer finanziellen Reichweite liegen wird.
Exakt da liegt die Marktlücke, die der neue Betreiber entdeckt zu haben glaubt. Der überschallschnelle Flug soll vor allem gut betuchte Geschäftsleute anlocken, die es mit den Kosten nicht so genau nehmen müssen oder wollen. „Gut betucht“ ist übrigens ein Ausdruck, der ebenfalls aus mittelalterlichen Zeiten stammt. Denn gutes Tuch mit guter Färbung war teuer.
Ich weiß nicht, ob dem neuen Anbieter des superschnellen Reisens das schon einer gesagt hat – aber exakt das gleiche Geschäftsmodell war auch schon für die alte Concorde geplant nach dem Willen der Betreiber. Nur hat es kommerziell niemals funktioniert.
Auch auf der anderen Seite des Fliegens, dem touristischen Massenviehtransport, sieht es nicht besser aus. Airbus hatte seinen A380 vor einigen Jahren vorgestellt, um die Kosten pro Passagierkilometer zu senken.
Diese Kalkulation kann aber nur funktionieren, wenn man eben immer mehr Passagiere durch die Luft befördert. Und exakt dieses Konzept geht nicht auf, wie es aussieht. Denn die Neubestellungen bleiben aus, Airbus muß die Produktion zurückfahren und stellte deshalb neulich eine Version seines Superfliegers vor, in der mit technischen Kniffen Sprit gespart wird. Außerdem will man die Bestuhlung ändern – damit noch mehr Menschen in das Flugzeug passen.
Was in meinem Kopf unmittelbar zu der Frage führt, ob man dann nicht wieder weniger Flugzeuge braucht. Wenn man alle Leute, die von Frankfurt/Main nach New York fliegen wollen, in einen Flieger kriegt, dann langt ein Flug pro Tag ja schließlich völlig. Aber vielleicht habe ich das mit dem ewigen Wachstum auch nicht ganz verstanden, schließlich habe ich ja nicht Ökonomie studiert.

Immer wieder versuchen die Verkünder des Forschritts dasselbe. Und immer wieder wundern sie sich, wenn ihr Konzept scheitert.
Die NASA betreibt sogar ein ganzes Programm mit „X-Planes“ verschiedener Hersteller. Das X steht hierbei für „Experimental“, Star-Trek-Fans wissen Bescheid.
Das ganze läuft sogar unter der Rubrik „Green Aviation“, also „grüne Luftfahrt“.
Erklärtes Ziel ist es, den Spritverbrauch um die Hälfte zu senken und auch den Lärm der Flieger auf die Hälfte der heute niedrigsten Werte zu drosseln.
Ich hätte zur Erreichung dieses Ziels ein recht pragmatisches Konzept: Man reduziere die Anzahl aller Flugbewegungen um mindestens 50 Prozent. Der Forschungsaufwand hierfür ist exakt Null, die Umsetzung relativ zu den finanziellen Mitteln recht unproblematisch.
Aber damit würde man von der Linie der immer besseren Zukunft durch neue „Technologie“ abweichen. Im Grunde bedeutet mein Vorschlag, daß so etwas wie Fliegen für einen Großteil der Weltbevölkerung wieder das würde, was es mal war. Ein Spielzeug des Jet-Set. Der hieß nicht umsonst so.
Der Witz ist, das exakt diese Entwicklung trotzdem eintreten wird, ganz egal, wer welches Programm unter welchem Namen betreibt, um Menschen in kommerziellen Mengen durch die Luft zu befördern. Die Zukunft der kommerziellen Luftfahrt in der Langen Dämmerung ist ganz klar zu sehen: Sie hat keine.

Bald schon, so verkünden die Sirenengesänge, bald werden wir zum Mond fliegen. Schon wieder. Ich könnte schwören, wir wären gerade erst dagewesen. Und dann zum Mars. Und bis dahin gibt es vorbereitete Kartoffelscheiben in der Folientüte, aus denen man etwas machen kann, daß ein bißchen, aber nicht völlig anders schmeckt als Bratkartoffeln.
Die Zukunft der Zivilisation wird gerettet werden durch Fusionsstrom. Oder ewiges Leben dank Nanomedizin. Oder dem sonstigen Heilsversprechen du jour.

Bild 2: Blick auf das erfundene Morgen.
Bitte fliegen Sie weiter, es gibt viel zu sehen. So stellen sich die NASA und Boeing die Zukunft der Luftfahrt vor. Wir werden weniger Sprit verbrauchen. Wir werden leiser sein. Aber wir werden auf jeden Fall ständig überallhin fliegen. Daran kann nicht der geringste Zweifel bestehen.
Quelle

Ich kehre aus Gefilden des 21. Jahrhunderts zurück in meine unmittelbare Umgebung. Diese Softporno-Version des Mittelalters, durch die ich hier spaziere, ist also trotz allem nicht mit dem wahren Gestern zu vergleichen. Das Leben im Mittelalter war unendlich viel komplexer als dieser Ausschnitt, der mir hier von wohlwollenden Menschen präsentiert wird.
Ebenso wie unsere Welt viel komplexer ist, als wir in unserem Alltag oft überhaupt wahrnehmen oder realisieren. Oder realisieren wollen.
„Sieh nicht genau hin“, flüstern die Sirenengesänge. „Frag nicht, wo all das herkommt, was im Regal liegt. Kaufe und freue dich. Aber stell keine Fragen.“
Wie die Bienen bekommen wir alles gestellt, solange wir Honig produzieren.
Immer mehr Menschen hören diesem Versprechen des besseren und schnelleren Morgen nicht mehr zu. Sie wollen es nicht mehr hören. Aber noch wollen sehr viele nicht zugeben, daß sie durchaus fundamentale Zweifel hegen an der Richtigkeit der Gebete, die tagtäglich auf uns einströmen. Sie glauben nicht mehr, aber noch immer gehen sie in die Kirche.
Hier und da stellen Menschen Fragen an die Priester der High-Tech-Dreifaltigkeit aus Ewigem Fortschritt, Ewigem Wachstum und dem Mythos der Einzigartigkeit.
Fragen wie zum Beispiel: „Was sollen wir eigentlich auf dem verdammten Mars?“
Diese Frage stelle ich. Ein Science-Fiction-Fan und durchaus begeisterter Technologie-Fan. Ich bin eindeutig kein romantisierender Mittelalterverherrlicher. Mittelalter war stellenweise ganz schön hart. Eindeutig kein Softporno. Mehr so BDSM.

Warum also interessieren sich immer mehr Menschen für die Gestalt des Gestern und Vorgestern, einige eher als Konsumenten, andere wiederum als halbgare Kopisten – aber sehr viele durchaus mit Einsatz, Forschungswillen, Leidenschaftlichkeit und einem Arbeitsaufwand, der weit über ein bloßes Hobby hinausgeht?
Wenn alles immer schöner wird, immer besser, immer smarter, immer nützlicher – warum zur Hölle sitzen Menschen in selbstgewebter Kleidung um ein Lagerfeuer, trinken Bier aus eigener Herstellung, während sie nicht ihr Smartphone benutzen, keine Selfies knipsen und nicht fernsehen?
Nun, die Fröhlichkeit dieser Menschen erklärt sich auch daraus, daß irgendwo, nicht allzuweit entfernt, das 21. Jahrhundert wartet. Irgendwo wartet das Auto, in dem das mittelalterliche Geraffel nach ein paar Tagen gestapelt wird, um damit zum nächsten Karneval zu fahren.

Die Tatsache aber, daß sie überhaupt hier sind, ist Teil eines Prozesses, der typisch ist für eine Kultur, die in ihre akute Verfallsphase eingetreten ist. Wenn die Sirenengesänge nicht mehr verfangen, wenn die Narrative einer Zeit sich mehr und mehr als unzulänglich oder schlicht und einfach auch als erstunken und erlogen erweisen, beginnt eine Gesellschaft kollektiv, auf den Druck steigender kognitiver Dissonanz zu reagieren.
Es ist keine bewußte Handlungsentscheidung, zumindest bei den Meisten. Einige kommen hierher, um die Spinner zu betrachten im Mittelalter-Zoo. Wie Jurassic Park, nur ohne Dinos. Und abends sitzen dann alle wieder vor dem Tatort oder gucken Dokus über eine Zukunft voller Fusionsenergie und fliegender Autos und Marsflügen.
Die anderen sitzen am Lagerfeuer in dem Unbewußtsein, daß die Zukunft wohl doch keine High-Tech-Zivilisation mit Weltraumkolonien in fernen Sonnensystemen sein wird. Aber sie verdrängen die notwendige Frage, wie diese Zukunft denn dann aussehen wird.

Bienen bauen ihre Waben als gleichmäßige Sechsecke. Aber in kastenförmigen Behältern bauen sie die Ecken nie aus, wenn sie das vermeiden können. Im Winter oder auch in Baumhöhlen finden sie sich in traubenförmigen Gebilden zusammen.
Unsere moderne, bessere, schnellere Art der Bienenzucht hat ihnen etwas weggenommen, dem sie normalerweise ganz natürlich folgen würden. Wir haben alles perfekt optimiert, auf höchste Effizienz getrimmt. Für die Industriegesellschaft, nicht für die Bienen. Das ist einer der Gründe, an denen diese Tierart ausstirbt.
Die Form des wahren Morgen wird auch kein neues Mittelalter sein. Wir müssen Dinge wiederentdecken, denen menschliche Gesellschaft ganz natürlich gefolgt ist. Es ist an der Zeit, menschliches Denken und Empfinden aus dem Kasten der industriellen Zivilisation herauszuholen. Im Gegensatz zu den Bienen haben wir eine Wahl. Sollten wir beschließen, lieber eingesperrt bleiben zu wollen, werden wir das nicht überleben.

Geistiger Grillanzünder

,,Es ist besser, ein einziges kleines Licht anzuzünden, als die Dunkelheit zu verfluchen.“

Konfuzius

Eine Zeit, in der aus einer ländlichen Kultur eine städtische wird, aus einer kommunalen eine stark individualistische. Eine Zeit beständiger Kriege und Kleinkriege. Unaufhaltsame technologische Veränderungen drängen in den Alltag. Beängstigende neue Waffen mit vorher nie gesehener Zerstörungskraft. Neue Wege der Kommunikation und des Denkens. Alte Hierarchien, in der Politik und im Religiösen, im weltlichen wie im spirituellen Leben, die nicht mehr in der Lage sind, der sich schnell verändernden Lage Herr zu werden.
Verzweifelung in den Konferenzen der Herrschenden, die nicht so recht zu verstehen scheinen, was um sie herum passiert und warum es passiert. Ein weitverbreitetes Empfinden von Angst und Unsicherheit angesichts einer sich verändernden Welt, deren Wandelgeschwindigkeit kaum noch zu verfolgen ist. Eine Zeit des Zusammenbruchs, aus der neue Sichtweisen der Welt entstehen. Neue Arten, zu leben. Neue Auffassungen darüber, was es bedeutet, Mensch zu sein. Welchen Platz Mensch in der großen Matrix der Dinge einnimmt.

Klingt beängstigend nach unserer heutigen Zeit. Ist aber die Beschreibung der Achsenzeit, wie Karl Jaspers sie verwendet.
Jaspers, seines Zeichens in der Rubrik „Philosoph“ tätig, prägte den Begriff Achsenzeit im Rahmen seiner Arbeit im Jahre 1949. Er bezeichnet damit eine Periode, die sich etwa vom 8. bis zum 3. Jahrhundert vdZ erstreckt.
In dieser Zeit kam es in den beherrschenden Regionen der Erde zu großen Veränderungen in der menschlichen Lebensweise. In den Zivilisationen von China, Persien, Griechenland, Indien und im Nahen Osten breiteten sich ökonomische, technologische und gesellschaftliche Veränderungen aus, die noch nie dagewesen waren.
Die Eisenverarbeitung war eine dieser Veränderungen. Die Entstehung großer Städte, etwas, das wir heute Urbanisierung nennen würden. Mündliche Kulturen verschriftlichten sich, zum Beispiel die griechische, in der ein Dichter namens Homer die Ilias zu Papier oder besser, zu Pergament brachte und somit eine Geschichte festhielt, die schon Jahrhunderte vorher erzählt worden war. Ich hatte das schon mal irgendwo erwähnt, glaube ich.
Marktwirtschaft breitete sich aus. Ja, Marktwirtschaft und Kapitalismus sind tatsächlich Dinge, die nicht deckungsgleich sind, wie es uns heute immer gerne erzählt wird und wie wir das gerne annehmen, sei es aus Ahnungslosigkeit oder Bequemlichkeit.
Nach den Worten von Jaspers wurden in dieser Zeit „die Fundamente gelegt, auf denen die Menschheit noch heute steht“. Und das halte ich als Aussage für vollkommen korrekt.

Geschichte. Das ist einer der Gründe, warum ich hier, in diesem Blog, nicht ausschließlich irgendwas über den Kapitalismus erzähle. Also das, was heute unsere vorherrschende Wirtschaftsform darstellt. Denn diese Art des Wirtschaftens und des Verständnisses von Ökonomie ist noch nicht sonderlich alt. Im besten Falle 250 Jahre. Es ist etwas schwierig, das genau einzuordnen, denn – wer hätte es gedacht – Kapitalismus ist nicht einfach so entstanden, wie er heute ist.
Wir laufen nicht in einer Abstraktion herum, die sich „Kapitalismus“ nennt. Oder „Neoliberalismus“. Oder „Globalisierung“. Diese Dinge, diese Begriffe sind entstanden über einen Zeitraum hinweg. Sie haben also eine Geschichte, sie sind Geschichte und sie erzählen eine.
Innerhalb dieser Geschichte haben sich die Bedeutungen dieser Begriffe auch gewandelt. Das Vorstellungsbild im Kopf von Menschen bei einem Wort verändert sich im Laufe der Zeit. Wie ich auch schon mal hier und da erwähnte, denken wir Menschen in Geschichten. In Erzählungen. In Bildern.
Die Welt des Geistes, der Vorstellung von Menschen – und somit einer menschlichen Gesellschaft – muß sich mit der Wirtschaft und der Technologie weiterentwickeln.
Irgendwann erreicht eine Gesellschaft unweigerlich einen Punkt ihrer Entwicklung, an dem alte Antworten auf wichtige Fragen sich als beklagenswert unzureichend entpuppen. Als nicht länger angemessen. Sogar als schädlich.
In diesem Falle, in einer Gesellschaft im Umbruch, muß man neue Antworten finden. Oder womöglich neue Fragen stellen. Oder beides. Der Zusammenbruch einer Gesellschaft ist nur eine spezielle Form von Umbruch.
Das alles ist keinesfalls Zeitverschwendung. Um die richtigen Fragen zu stellen, muß man vorher über eine Thematik gründlich nachgedacht haben. Um Antworten zu finden, auch. Weiterlesen

Neue Cäsaren

„We are governed, our minds are molded, our tastes formed, our ideas suggested, largely by men we have never heard of.“
Edward Bernays

Vor zwei Jahrtausenden, in einer Stadt namens Rom, galten die Tugenden eines Kriegers als so wichtig, daß sie unabdingbarer Bestandteil der Gesellschaft waren und von jedem erwartet wurden, der sich später um ein öffentliches Amt bewerben wollte.
Man setzte voraus, daß der jeweilige Römer seinen Teil zur Verteidigung des Gemeinwesens geleistet hatte, also den Militärdienst, der damals wohl so etwa zehn Jahre betrug. Das mögliche erste Amt, das dann üblicherweise ausgeführt wurde, war das einen Militärtribuns, was in etwa einem heutigen Stabsoffizier entspricht. Dieser Tätigkeit konnte sich eine Quästur anschließen, wobei ein Quästor heute so etwas wie ein Regierungsinspektor in der Finanzverwaltung wäre. Steuern und andere Gebühren einzutreiben war wohl die Haupttätigkeit eines Quästors. Auch als Untersuchungsbeamte waren sie tätig.
Wie jeder Asterix-Leser weiß, wurde dem korrupten Statthalter Agrippus Virus, der in Condate (Rennes) sein Unwesen trieb, der tapfere Quästor Claudius Incorruptus auf den Hals geschickt, um dessen verdächtig niedrige Überweisungen an die römische Staatskasse zu überprüfen. Was wiederum auf verschlungenen Pfaden die beiden Gallier nach Helvetien führt, also die Schweiz. Die übrigens sehr flach ist.

Im weiteren Verlauf des römischen cursus honorum, der Ämterlaufbahn, gab es dann noch die Ädilen, die Prätoren und schließlich – das Ziel aller Mühen – das Konsulat. Um einmal Agrippus Virus zu zitieren: „Ich bin gewählt auf ein Jahr. Ein Jahr, um reich zu werden!“
Denn tatsächlich wurden die römischen Ämter gewählt für die Dauer eines Jahres. Alle Ämter wurden mehrfach besetzt, damit sich die Kollegen gegenseitig bewachen konnten und deshalb durfte auch jeder den anderen beeinflussen. Also ihm in seine Entscheidungen reinquatschen. Was zur Folge hatte, daß man zu Zeiten eines Julius Cäsar bereits alle Amtsinhaber bestechen mußte, um irgendwas zu erreichen.
Außerdem durften keine zwei Ämter gleichzeitig ausgeführt werden und es mußte eine Pause zwischen den Ämtern geben, die mindestens zwei Jahre dauerte. Seltsamerweise gelten trotzdem die Griechen als Erfinder der Demokratie und nicht etwa die Römer, die ein wesentlich ausgeklügelteres System des Wählens und Verwaltens erschaffen haben. Im Athen eines Perikles durfte sich eine Handvoll besitzender Männer an einem Ort versammeln, um die Probleme der Allgemeinheit zu bequatschen und über irgendwas zu entscheiden. Wobei dieses „irgendwas“ natürlich sehr oft mit den besitzenden Männern zu tun hatte und nicht mit dem Rest der Bevölkerung, der weder männlich war noch besitzend. Oder überhaupt Bevölkerung, sofern es sich um Sklaven handelte.

Zu Cäsars Zeiten waren sämtliche Vorschriften über Ämterhäufung und -abfolge bereits längst Makulatur – das ist römisch für „keine Sau interessierte sich noch dafür“. Da wurde gebündelt und hintereinander gewählt, daß es nur so eine Freude war. Eines der Ämter, die in Rom ebenfalls gewählt wurden, war das des Diktators. Wir stellen uns da heute immer etwas anderes vor, aber vor zweitausend Jahren war ein Diktator ein offiziell beauftragter Typ, der üblicherweise für Rom die Kastanien aus dem Feuer holen mußte, das Rom vermutlich selbst angezündet hatte. Damals war ein Diktator sozusagen Teil des demokratischen Prozesses. Zumindest diese Sitte scheint sich heute wieder einzubürgern in der westlichen Welt. Überall tauchen neue Diktatoren auf und wollen die Demokratie retten, indem sie sie abschaffen. Ganz aktuell in der Türkei.
Kaum war dieser etwas seltsame Putsch im letzten Jahr vorbei, war hinterher jeder ein verdächtiger Putschist, dessen Nase Erdogan nicht gefiel. Wie sich herausstellte, sind das ziemlich viele Menschen, die gerne auch mal Journalisten, Universitätsprofessoren oder Justizbeamte sind. Inzwischen sind Dutzende Journalisten in Haft, der türkische Außenminister redet davon, daß ein Land wie Deutschland sich gefälligst mal seiner total tollen Supernation gegenüber respektvoller zu benehmen habe und Erdogan hat amtlich – also selber morgens beim Frühstück – festgestellt, daß natürlich Muslime Amerika entdeckt haben und überhaupt dem Islam wesentlich mehr Gewicht zukommen sollte in Europa und der säkularen Türkei. Sensationelle Geschichte, im wahrsten Sinn des Wortes. Ich wußte gar nicht, daß die Wikinger, die im neunten Jahrhundert bei Neufundland an Land gingen, Muslime waren. Die norwegische und dänische Regierung übrigens auch nicht. Weiterlesen

Abstieg vom Olymp

,,Das Falsche ist oft die Wahrheit, die
auf dem Kopf steht.“

Sigmund Freud

Vom Gipfel dieses Berges hier unter meinen Füßen, vom höchsten Punkt unserer Zivilisation, ist die Aussicht unglaublich. In alle Himmelsrichtungen reicht der Blick des Kletterers über das Land. Siebeneinhalb Milliarden Menschen leben dort unten, auf dieser Welt, die ihre Bewohner seltsamerweise „Erde“ nennen, obwohl sie doch zu gut drei Vierteln von Wasser bedeckt ist.
Noch vor 15.000 Jahren eine Art, deren Population einige wenige Millionen zählte, hat sich Homo sapiens sapiens in kurzer Zeit von Pol zu Pol ausgebreitet. Ob in der Wüste, im Regenwald oder im ewigen Eis – nirgendwo ist ein Ort von menschlicher Anwesenheit verschont geblieben.
Selbst da, wo offiziell noch nie jemand war, den wir auch als „Jemand“ bezeichnen würden, finden sich Spuren der menschlichen Zivilisation. Giftige Spuren.

So manche Dinge sind seltsam von hier oben auf dem Berg.
Der Blick in die Ferne wird getrübt durch Abgase aus Industrieanlagen, aus Auspuffanlagen von Autos. Diese sollen meistens einzelne Menschen von Punkt A nach Punkt B bringen, sie bestehen aus wertvollen Metallen und verbrennen ein Raffinerieprodukt namens Benzin oder Diesel, ebenfalls wertvoll und aus Rohstoffen hergestellt, die nicht in unendlicher Menge vorhanden sind. Es gibt so viele von diesen Autos, daß sie oft hintereinander herumstehen, statt sich zu bewegen.
Der Blick an den Himmel wird getrübt von Dutzenden Kondensstreifen, die von großen Lufttransportern hinterlassen werden, in denen Menschen sitzen, die gerne von dem Ort weg wollen, den sie sehr oft ihr Zuhause nennen. Dabei ist es zu Hause doch am schönsten, sagt ein altes Sprichwort. Auch diese Lufttransporter verbrennen eine gigantische Menge an Kerosin, ebenfalls ein Produkt der unermüdlichen Raffinerien. Es gibt sogar Menschen, die behaupten, ihre Regierungen würden mit diesen Flugzeugen Chemikalien in großer Menge versprühen, um Gedankenkontrolle auszuüben.
Eine belustigende Vorstellung. Warum sollte man die Gedanken von Lebewesen kontrollieren wollen, die ganz offensichtlich bei weitem zu blöde sind, um überhaupt so etwas wie einen irgendwie logisch nachvollziehbaren Gedanken in ihrem Kopf zu entwickeln?
Aber Verschwörungstheoretiker sind sich für nichts zu schade. So eine Echsenmenschen-Rasse, die auch alle Piloten der Welt auf ihre Seite gezogen hat, ist natürlich viel einfacher, als sich mal ein wenig mit Atmosphärenchemie und -physik zu beschäftigen. Einige der angeblich menschlichen Lebewesen auf diesem Planeten sind echt mehr als seltsam. Also, noch seltsamer als der Rest.

Das Leuchten der Raffinerien in der Ferne erhellt ganze Küstenstriche, denn diese riesigen Anlagen stehen normalerweise an der Küste. Das liegt daran, daß die langkettigen Kohlenwasserstoffe, auf die diese Zivilisation auf Gedeih und Verderb angewiesen ist, mit gigantischen Tankern über den Ozean gebracht werden. Die wiederum brauchen Häfen und in denen stehen die Raffinerien, weil das am einfachsten ist. Tag und Nacht sind die chemischen Großküchen in Betrieb, um den öligen Pulsschlag der menschlichen Existenz zu Beginn des 21. Jahrhunderts aufrechtzuerhalten. Keine Ruhe, keine Rast, keine Erholung in unserer Zeit. Weiterlesen

My hollow Trumparicans…

Gestern war es dann endgültig soweit: Aus dem President-Elect wurde nach Ablegen des Amtseids endgültig „Mr. President“. President Trump. Obwohl ich bereits ein gutes Jahr vor der Wahl vom Sieg dieses Mannes geschrieben und mich schon im Januar darauf festgelegt hatte, fühlt sich allein diese Wortkombination auf meiner Großhirnrinde irgendwie schleimig an. President Trump. Irgendwas ist doch hier völlig surreal.
Jetzt wird sich zeigen, ob die USA die von Gott so auserwählte Superdupernation des Planeten sind, für die sie sich in ihrem burgerbekifften Größenwahn immer halten. Sie wird allen göttlichen Beistand brauchen, den sie bekommen kann, diese Nation.

Wenn es an der Zeit wäre, mal einen fetten Blitz vom Himmel zu werfen, dann wäre dieser Moment die Vereidigung der kleinen, pelzigen Alienkreatur gewesen, die auf dem Kopf von Donald J. Trump wohnt und seinen Körper steuert. So eindeutig richtig kann ein Moment überhaupt nur einmal in der Geschichte des Universums sein. Außerdem hätte Gott® damit auch jegliche Zweifel an der eigenen Existenz beenden können – so ein spektakulärer Blitzschlag auf den Stufen des Kapitols hätte sich auf die Twitter-Follower des Herrn sicherlich durchaus positiv ausgewirkt, könnte ich mir so vorstellen.
Aber nein – kein Blitz. Nicht mal die Hand ist dem Kerl abgefault, als er auf die Verfassung der USA geschworen hat. Gut, das haben auch schon andere Typen hingekriegt, ohne sofort von Beulenpest befallen zu werden. Das mit dem Lügen ist ja keine Erfindung von Trump. Richard Nixon hat beispielsweise so viele Lügen gezüchtet, daß man sich wundern mußte, wie er da überhaupt den Überblick behalten konnte.

Jimmy Carter, der alte Erdnußfarmer, versprach seinen fellow Americans, er werde ihnen stets die Wahrheit sagen. Was er dann ab und zu auch gemacht hat. Zum Beispiel, als er Solarzellen auf das Weiße Haus nageln ließ und seine Nation darüber informierte, daß sie auf zu großem Fuß lebt. Was der Teil der Wahrheit war, den die Amis schon damals nicht hören wollten, weshalb Carter auch nach einer Amtszeit spontan nicht wiedergewählt wurde. Ich war ganz überrascht, den Mann gestern in der Übertragung der Inauguration in der Menge zu entdecken. Ich dachte, der wäre schon tot. Aber nein, Jimmy Carter ist 92. Das ist nah dran am tot sein, nehme ich an. Aber er ist noch da.

Das ist so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit, wie ich finde. Denn so konnte einer wie Carter sehen, was auch durch seine Schuld gestern passiert ist. Carter mag ab und an gelogen haben. Richard Nixon steht auf dieser Skala weit über ihm.
Aber all das wird von Trump problemlos überboten, eindeutig.
Dieser Mann lügt und behauptet dann mit dem nächsten Tweet einfach das Gegenteil. Völlig unbelastet von Fakten oder ihm vorgehaltetenen digitalen und sonstigen Beweisen, die Donald J. Trump beim Erzählen von kackdreisten Lügen zeigen, streitet Donald J. Trump ab, den Kerl auf dem Youtube-Video überhaupt zu kennen.

Das Erschreckende daran ist: Es gibt Momente, in dem glaube ich ihm das sogar. Wie grenzenlos unbeschwert es sich doch regieren läßt als denkbefreite Zone, es muß herrlich sein.
Seit gestern ist die weltmachtigste Weltmacht des Planeten in den kleinen Händen eines Mannes, der Präsidentendekrete auf 140 Zeichen in den asozialen Medien eindampft. Im Grunde eine angemessene Form, die stinkenden Reste amerikanischer Demokratie offiziell zusammenzufegen und endgültig in den Treteimer der Geschichte zu befördern. Rott in Peace. Weiterlesen

Die Schlange bewegt sich

„Tomorrow belongs to those who can hear it coming.“

David Bowie

Bereits am Anfang des letzten Jahres wollte ich es als gebraucht zurückgeben. Denn kaum veröffentliche David Bowie doch noch eine neue Scheibe, worüber ich ebenso erstaunt wie überrascht und erfreut war, starb der große Mann der Musik nur zwei Tage später. Er fehlt mir noch immer.
Italien verlor Umberto Eco, den großen Literaten, dessen verfilmtes Werk „Der Name der Rose“ auch dank eines urgenialen Sean Connery zu einem meiner liebsten Filme zählt. Keine größere Szene als die, in der der leicht angesengte und intellektuell überaus streitbare Mönch William von Baskerville am Fuße des brennenden Bibliothekturms die unter seiner Kutte verborgenen Bücher fallen läßt, die er so gerade noch retten konnte.
Auch Bud Spencer ist tot, ein Mann mit wirklich bewegter Vergangenheit, dessen Filme ich immer mochte, weil man genau wußte, daß auch nach der wüstesten Prügelei alle wieder aufstehen. Außerdem ist nicht alle fünf Sekunden ein Häuserblock explodiert.
Der Mann, der Goethe die Frage hätte beantworten können, was „die Welt im Innersten zusammenhält“ ist ebenfalls tot. Denn zweifellos halten Artur Fischers Dübel heute einen guten Teil der Welt zusammen, in der wir leben.
Die Latzhose meiner Kindheit ist tot. Peter Lustig, der Mann aus dem Bauwagen, der Erklärbär aus dem Fernsehen, gehört zu den Verlusten des Jahres, die mir mein eigenes Alter deutlich vor Augen geführt haben.
Severus Snape ist tot, nicht nur im Film, sondern auch real. Was ich selbst als jemand mitbekommen habe, der die verdammten Harry-Potter-Romane noch immer nicht gelesen hat. Wobei mir erst im Nachhinein auffiel, in wie vielen Filmen mir Alan Rickman eigentlich schon begegnet war.
Deutschlands größter Außenminister, der Pullunder des Grauens, the Genschman himself, wurde für immer abberufen im vergangenen Jahr. Eine weitere Stimme altersweiser Politik, die nicht mehr gehört werden kann. Gerade jetzt, wo man sie so dringend braucht.

Von Prince und Muhammad Ali rede ich mal gar nicht, beides schwere Schläge für die Musikszene und auch für die Schwarzen in den USA, zweifellos. Der Professor des Boxens, schon lange schwer gezeichnet, war eine Ikone der Bürgerrechtler. Eigentlich war er wohl deren letzte Ikone. Übrig bleibt nur hysterisches Kreischen.
Götz George, viel unterschätzter Schauspieler und Bühnenmann im Schatten seines Vaters, hat uns verlassen, der ewige Kommissar hat seine Marke für immer abgegeben.
In Großbritannien ist mit der Ermordung von Joe Cox im Vorfeld des Brexit der erste politische Mord seit Menschengedenken zu verzeichnen auf der Insel. Gene Wilders Tod war leider auch kein Witz, sondern die Wahrheit.
In Thailand starb König Bhumipol, der Mann, der von seinem Thron aus dieses Land in Südostasien siebzig Jahre lang zusammengehalten hat. Die Zukunft ist ungewiß für diese Nation. Sie ist damit nicht allein auf diesem Planeten.

Immer noch tot, obwohl wir ihn dringend bräuchten: David Bowie. Heute vor einem Jahr brachte der große Mann der Musik sein letztes Album heraus. Zwei Tage später hat er die Bühne für immer verlassen. Das letzte Jahr fühlte sich irgendwie komisch an für viele Menschen.
Coverphotographie von „Heroes“, 1977

Sharon Jones wird ihren wütenden, donnernden Soul nicht mehr in die aufgekratzte Menge ballern können, wie es die 60jährige drauf hatte wie kaum eine andere. Schon wieder weniger Musik auf einer Welt, die dringend mehr davon braucht.
Mit Fidel Castro starb eine der wohl umstrittensten, aber zweifellos auch einflußreichsten politischen Figuren des 20. Jahrhunderts. Das Erbe des Máximo Lider wird jetzt von den USA kolonisiert werden. Einer der letzten großen Gestalten des Kalten Krieges hat die Bühne verlassen.
Leonard Cohen, der düstere Barde der Musik, ist ebenfalls nicht mehr im Studio des Lebens anzutreffen, er starb mit immerhin 82 Jahren. Im Gegensatz dazu starb der Pop-Kollege George Michael mit nur 53 deutlich zu jung. Viele haben ihm immer vorgeworfen, ein typischer Föhnfrisur-Popmusiker der 80er Jahre gewesen zu sein. Was daran schlimmer sein soll, als ein typischer Elektro-TransDanceTripHopTechno-Knöpfchendreher der 90er zu sein, erschließt sich mir nicht so ganz. Ich habe zwei Platten von dem Mann, der sich ein halbes Leben damit rumquälte, schwul zu sein und nicht dazu stehen zu können: Faith und Listen without prejudice. Beide Scheiben sind durchaus geil, und mehr muß ich darüber nicht wissen.

Dazu ist auch noch der Chor der Roten Armee mit dem Flugzeug abgestürzt, 98 Menschen kamen über dem Schwarzen Meer ums Leben am ersten Weihnachtstag. Nein, das Jahr 2016, dieses seltsame, surreale Jahr, hat es mit der Musikwelt nicht wirklich gut gemeint. Oft hatte ich das Gefühl, das TOD seinen Job an unterbezahlte Dauerpraktikanten mit Barcelona- Bachelor abgegeben hat. Weiterlesen

Zwanzigsiebzehn

Guten Morgen allerseits.
Während die ersten Betrunkenen, die gestern in den Straßen liegengeblieben sind, vom hemmungslosen Geläute der Kirchenglocken geweckt werden, müssen andere sich schon wieder der Kunst der Prophezeiung widmen. Oder besser, der Kunst, aufgrund wissenschaftlicher Basisdaten den Verlauf der näheren und ferneren Zukunft zu erschließen, wie es in diesen Blogzeilen gelegentlich der Fall ist.
Dieser Neujahrstag ist der krönende Abschluß des vergangenen Jahres, denn er fällt auf einen Sonntag. Daher auch das nervtötende Geglocke der Priester des Christentums am heutigen Morgen.

Beginnt genauso wie das verdammte Jahr, das man sich in der Nacht endlich wegsaufen konnte: Mit Kopfschmerzen, steifem Nacken und kaltem Kreuz. 2017, was für ein Scheißjahr.

Paßt irgendwo perfekt. Dieses letzte Jahr war so grottenmäßig unfähig, daß es nicht einmal dazu in der Lage war, seine Feiertage unter die Woche zu legen. Wobei ich mich direkt frage, warum man eigentlich „unter der Woche“ sagt, wo Dinge doch immer in einer Woche liegen, unter anderem auch deren einzelne Tage. Vermutlich ist daran Frau Merkel schuld. Oder aber die Tatsache, daß wir immer noch zu wenig Kameras in Berlin aufgestellt haben, was natürlich wiederum Schuld dieser kommunistischen rot-rot-grünen Regierung in dem Bundesland ist. Das hat Generalwahrheitsminister Andreas Scheuer nämlich vor ein paar Tagen herausgefunden.
Nun ja, in Bayern beginnt Silvester und der damit häufig verbundene Alkoholkonsum bis zum Verlust jeglicher Denkfähigkeit offensichtlich schon einige Tage früher als woanders. Mit seiner lächerlichen Polemik, die Berliner Regierung handle grob fahrlässig, weil sie nicht sofort die Videoüberwachung ausweiten möchte, lenkt Andreas Scheuer mal wieder schön von der eigenen persönlichen und parteilichen Unfähigkeit ab. Der Wahlkampf ist eröffnet und die CSU liegt bereits jetzt auf der Idiotenskala quasi uneinholbar vorne. Kein Wunder, bei dem Personal.
Eine erste Vorhersage Kassandras für Zwanzigsiebzehn lautet daher: Hysterisches Gekläffe aus dem politischen Hundezwinger in Bayern mit Tendenz zur völkischen Heiserkeit, im September möglicherweise mit Stimmverlust als Folge.

Zum Glück ist eine Mehrheit der Deutschen da wohl schlauer, denn die meisten sind nicht der Meinung, daß es die Bundeskanzlerin ist, die mit ihrer Flüchtlingspolitik für den Anschlag in Berlin verantwortlich zeichnet.
Auch die deutschen Medien, die in den letzten Monaten verzweifelt versucht haben, diese seltsame und scheinbar ansteckende Kopfkrankheit namens „Populismus“ allen anderen in die Schuhe zu schieben, obwohl sie selber seit Jahren heftig unter den genannten Symptomen leiden, scheinen gegen Ende des letzten Jahres hier und da aus ihrer journalistischen Betäubung ein wenig aufzuwachen, die seit etwa 2001 massive Folgen für unsere Gesellschaft gezeigt hat.
Natürlich nur einige Medien. Was gewisse Meinungsherausgeber angeht, können wir uns auch 2017 sicherlich auf propagandistische „Berichterstattung“ allererster Güte freuen.

Für Deutschland und Europa wird das ein spannendes Jahr. Denn so viele Umfragen es auch geben mag, so haben doch die Ergebnisse des letzten Jahres eindeutig die Frage gestellt, warum Menschen und Institute, deren Haupterwerb das Erstellen von Umfragen ist, sich nicht schon längst mit der Bettelschale auf die Straße stellen müssen.
Weder den Brexit noch die Wahl des Donalds zum Inhaber des wichtigsten politischen Ablenkungsjobs des Planeten haben die superschlauen Demoskopen vorhergesehen. Dazu muß man eben Blogger in der Bambushütte am Rande der Gesellschaft sein, da hat man weniger Scheuklappen auf dem Neocortex. Versager, allesamt.
Zweifellos werden also auch dieses Jahr kluge Umfragen versuchen, die AfD in den Bundestag hineinzuschreiben – oder heraus, je nach Ausrichtung – aber auch hier ist meine Vorhersage klar: die geistig greisen Damen und Herren der völkischen Frontalverteidigung werden in das Parlament einziehen im September. Und dann zusehen müssen, wie Angela Merkel weitere vier Jahre alternativlos regiert, denn was außer einer Großen Koalition sollte im deutschen Herbst 2017 schon rauskommen an der Wahlurne?
Die einzig spannende Frage für mich persönlich ist hier, ob diese politische Zombiepartei, deren einzig halbwegs aufrechte Vertreterin Leutheuser-Schnarrenberger heißt, es wieder zurück schafft an die Fleischtöpfe der Macht oder eben nicht.
Da ein Großteil der „Wirtschaftsexperten“ dieser marktradikalen Politpeinlichkeit inzwischen zu den Völkischen Beobachtern der Pseudoalternativen abgewandert ist, habe ich da immer noch die Hoffnung, daß dieser Wurmfortsatz deutscher Politik endgültig als operiert gelten kann, wenn sich der Staub der Wahlnacht über das Land legt Ende September. Weiterlesen

Gefiltert im Nebel

,,Das Tolle am Internet ist, daß endlich jeder der ganzen Welt seine Meinung mitteilen kann. Das Furchtbare ist, daß es auch jeder tut.“
Das Känguru

Eine Woche nach den Ereignissen in den USA wundern sich immer noch alle. Nachdem sie aus ihrem Koma wieder erwacht sind, das die Begegnung mit einer Flasche Wodka, Whisky oder Bourbon unmittelbar nach der Wahl verursacht hatte, versteht sich. Paul Krugman wunderte sich noch in der Wahlnacht. Eine sichtlich gealterte Hillary Clinton wunderte sich erstmalig gestern in der Öffentlichkeit und sprach von einer gespaltenen Gesellschaft in den USA. Unglaublich, was so ein bißchen Make-Up doch ausmacht. Für Gesichter und Gesellschaften.
Ursprünglich sollte der Link zur Süddeutschen Zeitung gehen, aber die wollen offensichtlich nicht mehr verlinkt werden, denn die Seite benutzt neuerdings einen Adblocker-Blocker. Schade, SZ. Netter Versuch.
Die deutsche Regierung wundert sich. Die russische nicht, die gratuliert dem neuen Mann schon einmal. Zum Glück hat Nordkorea nicht auch noch gratuliert, zumindest habe ich darüber nichts gelesen. Insgesamt wundern sich erstaunlich viele Menschen: Wie konnte es passieren, daß ein Typ mit einer Frisur wie ein explodierter Hamster zum Chef des offiziell noch immer mächtigsten Landes auf diesem Planeten gewählt wird?

Im Grunde ist die Antwort einfach: Arrogantes Vollidiotentum, gepaart mit Ignoranz. Näher betrachtet ist die Antwort natürlich nicht ganz so simpel. Das ist wie der Beziehungsstatus zwischen Menschen und ihren Quietscheentchen oder Teddybären auf Facebook: Es ist kompliziert.

Ich persönlich habe die letzte Woche mit mehreren inneren Reichsparteitagen gefeiert, um hier mal jemanden zu zitieren, den ich in einem anderen Leben mal kannte. Nachdem ich schon vor einem guten Jahr vorhergesagt habe, daß Donald Trump Präsident werden wird, und das ganze vier Wochen vor der Wahl noch einmal deutlich wiederholt habe – wobei ich sogar den Verlauf der Wahlnacht recht gut getroffen habe – ist das Ereignis also tatsächlich eingetreten.
Für jemanden wie mich ist das doof, denn eigentlich hatte ich einen Artikel vorbereitet, der da heißen sollte: „Madame President“.
Den kann ich jetzt wohl in den Ordner schieben, der „Alternative Zeitlinien“ heißt. Dabei hätte ich so gerne über die Zukunftsaussichten einer Präsidentin Clinton gelästert. Aber so ist das eben, wenn man mit dem, was man so schreibt, auf aktuelle Ereignisse Bezug nimmt.
Auf der anderen Seite ist es manchmal auch durchaus sehr angenehm, den Effekt des „Told you so“ am eigenen Leib zu erleben. Statt immer über den Spinner auf der Party zu lachen, mußten jetzt manche Menschen eingestehen, daß ich sehr wohl recht gehabt habe mit meiner Prognose.
Die dafür bezahlten Spezialisten hingegen, die Demoskopen und Statistiker, die Zeitungsschreiber in New York, Washington, London, Frankfurt, Berlin, Hamburg, L.A. und anderswo – sie alle laufen immer noch mit enormen Kopfschmerzen herum seit der letzten Woche. Tja, meine Herren. So ist das, wenn eine Realitätsblase platzt, in der man es sich gemütlich gemacht hat.
Eigentlich wollte ich einen irgendwie anderen Text schreiben, aber kaum hatte ich begonnen, stolperten die Gedanken in meinem Kopf mal wieder hektisch übereinander und drängelten nach vorne. Die Wichtigtuer!
Kreativlinge kennen das. Also geht es diese Woche um etwas, das von sehr vielen Leuten offensichtlich nicht wahrgenommen wird oder wurde, aber trotzdem enormen Einfluß auf unsere Gesellschaft hat. Einen Einfluß, der in den letzten Jahren – auch dank der bereits erwähnten Medien – weiter zugenommen hat: Persönliche Realitäten. Weiterlesen