Das blinde Bewußtsein

– II –

Verkehrt aufgeklärt

,,Logik. Logik ist nur der Anfang aller Weisheit.
Nicht ihr Ende.“
Spock

Einer der zentralen Glaubenssätze der menschlichen Zivilisation, Ausgabe 21. Jahrhundert, ist also die Behauptung, daß nur menschliche Werke diese typische Ausgefuchstheit aufweisen, die uns normalerweise veranlaßt, sie überhaupt als „Werke“ anzuerkennen.
Ich persönlich denke immer gerne daran, daß die in der Bibel erwähnte „babylonische Sprachverwirrung“ frühere Forscher daran glauben ließ, es müsse einmal eine einheitliche Sprache für alle Menschen gegeben haben. Ich weiß nicht, ob schon einmal jemand auf die Idee gekommen ist, daß dieses Ereignis sich möglicherweise auf die Entwicklung des Sprechens an sich beziehen könnte.
Denn die Erfindung und vor allem die heutige Benutzung von Sprache stellt oft eher selbst ein Problem dar, statt zu irgendeiner Verständigung beizutragen. Es gibt Worte, die sollten eigentlich eine klare Bedeutung haben, die für jeden Zuhörer gleich ist, aber das ist überhaupt nicht der Fall. Wir sind inzwischen schon so weit, daß Sprache mehr zu unserer Verwirrung beiträgt als zur Erhellung einer undurchsichtigen Situation. Tatsächlich gehört diese Art des Verständigungsproblems zu den Symptomen eines untergehenden Zeitalters.

„Werk“ ist so ein Wort. Bezogen auf etwas Hergestelltes, etwas Künstlerisches, denken wir automatisch an menschliche Hände, die Leinwand bemalen, oder Michelangelo, der mit Hammer und Meißel auf den Marmor eindrischt, um seinen David zu erschaffen.
Mit derselben Intention benutzen wir das Wort „Sprache“ statt Kommunikation, denn Kommunikation – wie letzte Woche erwähnt – findet eindeutig unter jeder Menge Spezies statt und ist somit keine speziell menschliche Eigenschaft.
Ein Werk ist also etwas, das in unseren Köpfen automatisch von Menschen erschaffen worden sein muß. Diese Zuordnung erfolgt durch Konditionierung von Kindesbeinen an völlig ohne bewußtes Denken. Die Wortkombination „menschliches Werk“ wird üblicherweise nur benutzt, wenn irgendwas, das aus einem Ingenieursbüro stammt, von etwas unterschieden werden soll, das in der Welt rumsteht. Erstens trennen wir auch hier wieder geistig Mensch und diese komische „Natur“ und zweitens ist ansonsten eben jedes „Werk“ automatisch auch menschlich, sonst ist es keins.
Ein Termitenbau ist toll und auch seine Klimatisierung ist toll. Aber er ist kein menschliches Werk, also taugt er nichts. Keine Stadt auf der Erde macht meines Wissens Werbung mit dem Motto: „Wir haben die größten und schönsten Termitenbauten der Welt!“

Aber den Eiffelturm, den kennen alle. Dabei wurde dieses Ding eigentlich nur aufgestellt als eine Machbarkeitsstudie, damals, 1889, bei der Weltausstellung in Paris. Im Grunde begann damit das Wettrennen um „schneller, höher, weiter“ bei Gebäuden, das bis heute anhält und mehr und mehr Irrsinn hervorbringt, der als Architektur getarnt wird. Bei seiner Eröffnung im März 1889 war der Turm mit über 300 Metern das mit Abstand höchste Gebäude der Welt. Außerdem betrug die Bauzeit nicht einmal zwei Jahre und das Objekt wurde pünktlich zum gedachten Anlaß fertiggestellt. Da können sich gewisse Flughäfen, Konzertgebäude und Bahnhöfe mal eine ganz dicke Scheibe abschneiden von dieser Leistung. Aber auch das ist nur ein Symptom des bereits mehr als einmal angeführten Gesetzes vom Abnehmenden Ertrag. Weiterlesen

Weihrauch und Glitzerstaub

,,The study of economic lift-off is well developed; touch-down has not been considered.
There is an asymmetry here which would invite comment if applied to aviation.”

David Fleming

Nicht nur einen, nicht nur zwei, nein – gleich sieben erdähnliche Planeten haben die unermüdlichen Planetenjäger auf der Erde in der vorletzten Woche entdeckt.
Donald Trump – immer noch Präsident der USA, jedenfalls offiziell – hat die wunderbare NASA gebeten, ihre neue Superrakete doch bitte mal schneller auf Vordermann zu bringen als geplant. Also 2019 und nicht erst 2021. Die Erbsenpistole der Demokratie schreibt hierzu einen Artikel unter dem ganz großartigen Titel „Donald Trump will schnellstmöglich zum Mond“.
Nun, wenn das der Wahrheit entspräche, sollte man dem Mann diesen Wunsch erfüllen.
Leider handelt es sich um dieselbe NASA, der permanent Gelder gekürzt werden, da Mitglieder der Republikaner es für völlig unnötig halten, mit Satelliten die Erde zu beobachten und somit etwa Daten über die Eisbedeckung am Nordpol zu gewinnen oder derartig unsinniger Kram. Wissenschaft – pah! Niemand braucht so etwas.
Es ist auch derselbe Präsident, der den US-Rüstungsetat um 54 Milliarden Dollar erhöhen will. Grandiose und absolut fantastische Begründung: „Wir müssen wieder Kriege gewinnen.“ Denn die US-Armee sei durch die vielen Finanzkürzungen völlig „ausgelaugt“. Keine weiteren Fragen.
Obwohl – doch. Eine hätte ich da schon. Welche Kriege eigentlich?
Und hat irgendwer dem Kerl im Oval Office mal erzählt, daß die USA mehr Geld ausgeben für ihr Militär als die nächsten sechs Nationen auf der Liste der rüstenden Ritter? Darunter sind dann so Zwergstaaten wie China oder Rußland. Dieser Typ weiß echt genau gar nichts über die Verhältnisse außerhalb seines Kopfes, also der realen Welt. So sad!

Die von Tesla-CEO Elon Musk aus der Taufe gehobene private Weltraumfirma Space-X kündigte derweil an, man wolle ab 2018 Touristen zum Mond bringen. Beziehungsweise, mit denen um den Mond herumfliegen. Natürlich dürfte ein derartiges Ticket ein exorbitantes Sümmchen kosten, denn das Verlassen des irdischen Gravitationstrichters ist mit enormen Energieaufwand verbunden und das kostet. Verdammte Physik!
Auch das von Musk geplante Projekt Hyperloop kommt voran. Studenten der TU München haben einen Preis gewonnen für das Design einer Kapsel, mit denen dieses Verkehrsmittel der Zukunft ausgestattet sein soll.

Warum erwähne ich das eigentlich alles?
Weil es exakt dem entspricht, worüber ich hier gerne mal schreibe, was ich hier beschreibe und das uns eindeutig in den Allerwertesten beißen wird. Also, uns alle, so als Zivilisation. Der Mythos des Fortschritts. Überall entdecke ich in den letzten Tagen wieder wunderschöne Beispiele des Alltags für das, was ich so vor mich hin schreibe in der Bambushütte am Rande der Zivilisation. Weiterlesen

Bestimmung der Fallgeschwindigkeit

,,It’s the end of the world as we know it
and I feel fine.“

R.E.M.

Großer Gott, was war das eine furchtbare Wahlnacht im November. Der Kandidat, von dem alle sich seit Monaten gefragt hatten, wie er überhaupt Kandidat für irgendwas werden konnte außer womöglich für Werbung für Zahnpasta oder Selbstbräuner, ging auf die Bühne, um seinen überwältigenden Wahlsieg gebührend zu feiern. Ausgerechnet dieser Typ, dem die meisten Kommentatoren jegliche Eignung für sein Amt abgesprochen hatten, stand als Sieger auf dem Treppchen des Präsidentenrennens.
Er hatte nicht gewonnen, weil er das bessere Programm hatte. Sein Sieg war vor allem auch Folge von sehr schwachem und wenig überzeugendem Auftreten seines Gegenspielers. Im Angebot des Gewinners befanden sich eigentlich nur Platitüden ohne Inhalt, reine Schlagworte. Irgendwas mit den Russen war gerne dabei. Und natürlich immer wieder dieses Gerede von Amerika als „großer Nation“, die unbedingt wieder ihrem Auftrag gerecht werden müsse, die freie Welt zu führen. Ob die freie Welt das will oder nicht, war dabei völlig egal. Und wohin genau man die führen solle, die freie Welt, das ließ der Kandidat auch offen und widersprach sich bei dieser Frage gerne selbst. Nach dem, was er so von sich gab, notfalls auch in den Abgrund.

Ein grinsender Schwachmat mit platten Sprüchen und eher mäßigem politischem Hintergrund hatte die Wahl gewonnen. Die Medien weltweit überschlugen sich vor Entsetzen. Wie hatte das nur passieren können? Dieser Mann sollte Amerika regieren? Und diese Frisur!
Niemand wußte, was sich daraus ergeben sollte. Auf keinen Fall etwas Gutes, denn der Kerl hatte einfach nichts drauf. Weder intelligent noch gebildet, im Grunde ein Typ vom Lande, der seine eigene Ignoranz gegenüber so ziemlich allem wie eine Monstranz vor sich her trug. Außerdem auch noch siebzig Jahre alt, nicht gerade ein junger und dynamischer Verwalter des einflußreichsten politischen Amtes des Planeten.
Ja, dieser 20. Januar 1980, an dem ein Mann namens Ronald Reagan seinen Amtseid ablegte auf den Stufen des Kapitols, war kein guter Tag für die weitere Entwicklung der Zivilisation.

Da sage noch einer, Geschichte wiederholt sich nicht. Wie bereits schon mehrfach festgestellt innerhalb dieser Blogzeilen: Doch, tut sie.
Ein Kreis ist ein nahezu perfektes Symbol für die Gesamtheit der menschlichen Historie. Oder eine Schlange, die sich in den Schwanz beißt, die Welt umgibt und sie somit zusammenhält.

Menschen sind gefangen in Narrativen. In Geschichten, die sie sich darüber erzählen, wie die Welt beschaffen ist. Wobei sie in Wahrheit sehr oft Geschichten darüber erzählen, wie die Welt beschaffen sein sollte, was einen Unterschied ausmacht.
Das ist die Art und Weise, wie Mensch die Welt begreift. Ihr Sinn verleiht, den sie oft im flüchtigen Hinsehen nicht zu haben scheint. Im Grunde genommen besteht menschliche Zivilisation aus Geschichten.
Das Narrativ von Fortschritt und Innovation hatte ich bereits ausführlich erwähnt. Dieses realitätsresistente Beharren auf der Überzeugung, daß irgendein sogenannter Fortschritt erstens ewig ist und zweitens immer Ergebnisse hervorbringt – und natürlich hervorbringen wird – die ausschließlich zu einer Verbesserung unserer Lebensumstände führen.
Unsere Eigenart, immer wieder von „Technologie“ zu reden, obwohl wir doch so etwas gar nicht besitzen. Wir sind Bewohner der Technosphäre. Wir sind Einwohner von Mythopolis. Kein technologisch wirklich nützliches Dingsbums steht ohne ein Fundament aus anderen Dingen einfach so im Raum herum. Überall greifen Dinge ineinander, wie Zahnräder einer großen Maschine.
Ein Mann namens Lewis Mumford hat einmal ein Buch darüber geschrieben. Es heißt Mythos der Maschine. Das, was ich die Technosphäre getauft habe, und das, wovon diese wiederum nur ein Teil ist, nämlich unsere industrielle Zivilisation, hat Mumford in seinem Buch die Megamaschine genannt. Weiterlesen

Blick über den Tellerrand

Nächste Woche ist es soweit. Dann wird Italien über eine Änderung seiner Verfassung abstimmen. Vordergründig geht es darum, die Macht des Senats deutlich einzuschränken, der zweiten Parlamentskammer. Außerdem geht es in dem durchaus komplizierten Entwurf auch noch um solche Dinge wie regionale Zuständigkeiten. Denn in Italien ist die Infrastruktur in einem Zustand, der einem deutschen Ingenieur noch mehr Tränen in die Augen treiben würde als die Lage hierzulande.
In Leverkusen mag man nicht mehr über Rheinbrücken fahren können, wenn das eigene Fahrzeug schwerer als ein Bollerwagen ist. In Italien schaffen es ganze Millionenstädte schon seit Jahren nicht einmal mehr, so etwas wie eine geregelte Müllentsorgung hinzubekommen. Noch besser sind die Städte und Regionen, die derartige Untermehmungen nicht einmal mehr versuchen.
In dieser Stimmung wird also abgestimmt. Ich bin jetzt schon davon überzeugt, daß die wenigsten Italiener wirklich darüber abstimmen wollen, ob sie ihre zweite Parlamentskammer faktisch entmachten wollen.
Aus rein demokratischen Gründen würde ich das bereits für falsch halten, denn irgendwer muß sich irgendwann mal was dabei gedacht haben, darum existiert diese zweite Kammer ja vermutlich. Aber welch schöneres Land könnte es geben, um klarzustellen, daß dauerhafte politische Korruption die Demokratie vernichtet?

Im Vorfeld der Entscheidung haben schon mal die Kurse wichtiger italienischer Banken nachgegeben.
Diese Banken sitzen auf faulen Krediten in Höhe von mindestens dreihundert Milliarden Euro. „Faule Kredite“ nennen Banker das Geld, das sie ungeprüft an windige Typen verliehen haben. Geld, das ihnen weder gehört noch im strengen Sinne tatsächlich existiert. Trotzdem ist es dann natürlich Schuld des Kredits, wenn er am Ende womöglich völlig unerwartet nicht zurückgezahlt werden kann. Deswegen ist auch der Kredit faul und nicht etwa der Bankvorstand ein Haufen betrügerischer Geschäftemacher. Wahlweise ist auch irgendwer faul, der den mit diesen Krediten erhofften Profit nicht nachträglich erwirtschaften möchte, nachdem die Banker den schon mal für Koks und Nutten rausgehauen haben. Kapitalismus, fuck yeah. Weiterlesen

Mythopolis

– X –

Die bleierne Zeit

Eine Angewohnheit kann man nicht aus dem Fenster werfen. Man muß sie die Treppe
hinunterboxen, Stufe für Stufe.
Mark Twain

Gegen Ende des 8. Jahrhunderts vdZ lebte in einer Gegend namens Böotien ein Mann namens Hesiod. Wie man dem seltsamen Namen – der Gegend, nicht des Mannnes – entnehmen kann, handelt es sich bei diesem Herrn wieder einmal um einen dieser alten Griechen, die ich gelegentlich erwähne. Erwähnen muß, denn irgendwie kommt man an denen nicht vorbei, wenn man in die historische Kiste greift.
Jedenfalls war besagter Hesiod Bauer und Viehzüchter, Nachkomme eines gescheiterten Küstenschiffers.
Zum Glück war er auch ein Dichter und Denker, sonst wüßten wir heute gar nichts von dem Mann. Oliven und Ziegen neigen nicht dazu, knapp drei Jahrtausende zu überdauern.
Hesiod schrieb ein Werk namens „Theogonie“ und ein anderes, das sich „Werke und Tage“ schimpft und aus etwas über achthundert Hexametern besteht. Das ist dasselbe Versmaß, dessen sich auch der berühmte Kollege Homer bedient hat. Der Herzschlag der epischen Dichtung, sozusagen.
Es ist eine Art Arbeitsgedicht, oder besser, ein Werk, das die Arbeit als ein zentrales Ziel und Lebensinhalt des Menschen lobt. Da waren andere griechische Dichter anderer Meinung, denn die waren überzeugt, daß nicht Arbeit adelt, sondern nur Herkunft. Auch irgendwie ein Aspekt, der sich bis in die heutige Zeit zieht.

Am Beginn dieser Reihe hatte ich nicht nur Homer bereits erwähnt, sondern auch, daß unsere Vorstellung vom ewigen Fortschritt, vom beständigen Aufstieg unserer Kultur durch Verwendung immer höherer Technologie, schlicht und einfach eine Lüge ist. Dieses Narrativ ist fester Teil des Selbstbetrugs, dem sich Mensch so fleißig hingibt, um weiter so tun zu können, als sei mit unserer Zivilisation alles in Ordnung.
Ein Mythos im modernen Sinne, also etwas, das nicht so stattgefunden hat. Ein Märchen für Erwachsene wie das vom dunklen Sith-Lord und vom nicht ganz so dunklen, weil grünen, Meister Yoda.

Hesiod, der alte Grieche, hätte darüber gelacht. Nicht über Meister Yoda, sondern unsere naive Vorstellung. Böotien, die Gegend, in der er lebte, ist heute so etwa der südöstliche Küstenstreifen der Halbinsel Griechenland. Eine Gegend, die nördlich aus mehr oder weniger harschem Hügelland besteht und südlich aus mehr oder weniger harscher Gebirgslandschaft. Dazwischen gibt es ein bißchen Tiefland.
Vermutlich waren die Hügel zur damaligen Zeit noch nicht so staubig und trocken wie heute, denn ich nehme an, daß um das Jahr 700 vdZ die Abholzung der Wälder rund um das Mittelmeer bei weitem noch nicht so fortgeschritten war wie zu Zeiten eines Cäsar oder Augustus um die Kalenderwende herum.
Jedenfalls wurde Hesiod um 700 vdZ herum geboren, Genaueres wissen wir da nicht. Standesämter waren noch nicht erfunden. Ist einfach zu lange her und der Mann war halt kein Kaiser, König oder Eroberer.  Zum Glück, die Ehren des Dichters halten nämlich oft länger. Ein selbstbeweisendes Theorem, denn kein Mensch kennt einen berühmten griechischen Herrscher von damals. Homer hingegen kennt jeder.
Hesiods Leben war geprägt von den normalen Rhythmen der Natur und ihren Stimmungen und Launen, wie gutes Wetter für Ziegen und schlechtes Wetter für Oliven beispielsweise. Weiterlesen

Mythopolis

– VII –

Fahrstuhl außer Betrieb

,,You never change things by
fighting the existing reality.”
Richard Buckminster Fuller

Ausgerechnet im Orbit um Proxima Centauri haben Astronomen der Erde jetzt vielleicht einen Planeten gefunden, der wieder einmal in die Kategorie „erdähnlich“ fällt. Jetzt muß man dazu anmerken, daß Astro-Nerds da wesentlich großzügiger sind als der normale Durchschnittsmensch. Erdähnlich bedeutet für den Normalo den jeweils bevorzugten Urlaubsort mit endlosen Sandstränden. Ohne Plastikmüll, Sonnenbrillenverkäufer und vorzugsweise auch ohne andere Urlauber, denn man fliegt ja nicht achttausend Kilometer irgendwohin, um dann da den Nachbarn zu treffen.
Nein, man fliegt achttausend Kilometer irgendwohin, um dann nach seiner Rückkehr lauthals darüber zu meckern, wie grauenvoll das Essen dort war und auf was für grauenvollen Toiletten man sich dieses Essens wieder entledigen mußte. Um dann gerne mit dem Satz zu schließen, daß es ja zu Hause am schönsten ist.
Wobei ich mich dann automatisch frage, warum alle diese Leute in den Urlaub fliegen. Da könnte man sich selber und dem Klima eine Menge Ärger ersparen. Und Geld.
Konsequenterweise freue ich mich aber immer über die Urlaubszeit, weil dann dreißig Millionen Deutsche dieses Land verlassen. Da kann ich dann immer live erleben, was für ein unerträglicher Albtraum dieses Land hier wäre, wenn hier nur noch fünfzig Millionen Menschen lebten, wie irgendwelche deutschnationalen und Pseudo-Konservativen ja immer wieder als Schreckgespenst an die Wand malen.

Aber egal. „Erdähnlich“ heißt also im Kopf fast aller Menschen: „Da, wo ich es am geilsten fände“.
Also zum Beispiel Ursa Minor Beta, wo es jede Menge subtropischer Küsten gibt und fast überall immer Samstagnachmittag ist, kurz bevor die Strandbars schließen. Wobei ich vermute, daß es sich dabei um einen Fehler handeln muß. Keine anständige Strandbar, die den Namen verdient, schließt am Samstagnachmittag.
Astronomen nennen Planeten „erdähnlich“, die keine Gasriesen sind wie Jupiter oder Saturn, sondern aus Dreck bestehen. Also Felsen und Steinen unterschiedlicher Qualität. Schon das Vorhandensein einer Atmosphäre ist für solche Welten nicht mehr erforderlich, je nachdem, welchen Astronomen man so fragt.
Wiederum andere erwarten Atmosphäre, aber die kann aus Schwefel, Methan und Chlor bestehen, das ist egal. Wer redet von Atmen? Überflüssiger Luxus.
Noch wiederum andere erwarten eine Sauerstoff-Stickstoff-Atmosphäre und auch noch flüssiges Wasser. Das ist dann das, was in Serien wie Star Trek immer als „Klasse M-Welt“ bezeichnet wird. Wenn denn die Größe stimmt. So ein Gesteinsplanet, der dreimal so groß ist wie die Erde, wäre nämlich womöglich auch dreimal so anziehend und das wäre wenig angenehm für Menschen. Solche Planeten fallen übrigens in die Kategorie der „Supererden“.

Ganz allgemein sollte sich eine Welt mit dem Attribut „erdähnlich“ in einer Zone um ihren Zentralstern bewegen, die brauchbare Temperaturen ermöglicht und somit das Vorkommen von dauerhaft flüssigem Wasser. Im Englischen ist das die „Goldlöckchen-Zone“. Im Deutschen ist das die Ökozone oder habitable Zone, was wesentlich pragmatischer ist, aber die Sache auch korrekt beschreibt, wenn der Zuhörer über zehn Jahre alt ist.
So einen Planeten hat man jetzt also ausgerechnet um Proxima Centauri nachgewiesen. Vielleicht. „Ausgerechnet“ deswegen, da Proxima natürlich der erdnächste Nachbarstern ist, wie man dem Namen bereits entnehmen kann. Dieses Klischee ist derartig abgedroschen, daß kein SF-Autor mit einem Funken Selbstachtung in diesem Sonnensystem irgendwelche Aliens leben läßt. Jedenfalls nicht mehr in moderner SF, sagen wir mal, allem, was nach 1980 geschrieben wurde.

Warum ist diese Meldung so aufregend?
Simple Begründung: Weil solche Dinge immer so verkündet werden, als müßten wir nur in den Bus steigen und wären dann bald da. Ein Planet in nächster Nähe bedeutet für viele Menschen geistig etwas Ähnliches wie „erdähnlich“. Es bedeutet nämlich „erreichbar“. Weiterlesen

Mythopolis

– VI –

Im Spinnennetz

,,Werde ich träumen?“
HAL 9000

Einer der großen Über-Propheten der Technologiereligion ist ein Mann namens Raymond Kurzweil. Geschulten Nerds ist dieser Mann bekannt als der „Director of Engineering“ bei einer obskuren, kleinen Firma im Silicon Valley in den USA. Google oder so heißt der Laden, man hat den Namen vielleicht schon mal gehört.
Wer in einem Konglomerat aus digitalem Wahnsinn wie Google der Leiter der Abteilung „Technologische Entwicklung“ ist, gehört eindeutig zu den Leuten, deren Bücher über die Zukunft und die Entwicklung unserer Gesellschaft von jeder Menge Leute nicht nur gelesen werden. Sie werden anschließend auf Veranstaltungen geschwenkt und in heiliges Laserlicht gehalten, um den Worten des Propheten mehr Nachdruck zu verleihen. Solche Menschen haben keine Leser. Sie haben Jünger. Begeisterte Jünger.

Kurzweil gilt unter anderem als Futurologe. Das sind die Leute, die über eine Zukunft schreiben, die zum Mythos des ewigen Fortschritts paßt, wofür sie dann von der Fachpresse frenetisch bejubelt werden. Insofern bin ich also ein Anti-Futurologe, obwohl ich mich ja auch sehr wohl mit der Zukunft auseinandersetze.
Außerdem ist der Kerl von niemand Geringerem als Bill Gates schon einmal als führender Experte im Bereich der Künstlichen Intelligenz bezeichnet worden.
Witzigerweise ist das derselbe Bill Gates, der sich gemeinsam mit Menschen wie Stephen Hawking und dem ebenfalls in Kalifornien hausenden Propheten Elon Musk, dem Chef von Tesla, sehr besorgt über die mögliche Entwicklung einer echten Künstlichen Intelligenz geäußert hat.
Es ist übrigens auch derselbe Stephen Hawking, der zusammen mit dem russischen Milliardär Juri Millner einen Plan ersonnen hat, der sich „Breakthrough Starshot“ nennt und der es ermöglichen soll, andere Sonnensysteme zu erforschen. Nicht durch Hingucken, sondern durch Hinfliegen. Nicht in riesigen Schüsseln mit Warpantrieb, sondern mit eher kleinen Raumschiffen, etwa in Größe einer Postkarte oder so.

Klingt irre, würde aber gleich mehrere Probleme interstellarer Raumfahrt auf einen Schlag logisch angehen. Den enormen Energieaufwand, der im Zusammenhang mit der Raumschiffsmasse steht. Und die Reisedauer, die wiederum mit der Beschleunigung zusammenhängt, die wiederum eine Funktion der Schiffsmasse ist.
Anders gesagt: Kleine Roboter kann man eben mit einem Affenzahn beschleunigen. Schiffe mit einer menschlichen Besatzung eher nicht. Außerdem brauchen Menschen so lästige Sachen wie Luft, Wasser und Nahrung, also eine Lebenserhaltung an Bord. Da wollen wir von den allseits berühmten Kälteschlafkammern gar nicht reden, denn im wachen Zustand unternimmt niemand so eine Reise, die nach dem derzeitigen Stand der Dinge dann etwa 10.000 Jahre dauern würde. Vor 10.000 Jahren haben wir hier auf dem Planeten die Landwirtschaft erdacht.
Das ist die optimistische Schätzung. Zehn Jahrtausende bis zum nächsten Sonnensystem, das wäre Alpha Centauri in einer Entfernung von 4,3 Lichtjahren.
Da liegen übrigens auch die Baupläne aus, nach denen die Erde demnächst für eine Hyperraumumgehungsstraße gesprengt werden soll, aber das wissen wir ja inzwischen. Vielleicht könnten die Raumschiffe dann gleich unsere Beschwerde bei der galaktischen Bauaufsichtsbehörde überbringen. Weiterlesen

Mythopolis

– IV –

Elegie auf das 21. Jahrhundert

,,Discontent arises from the knowledge of the possible, as contrasted with the actual.“
Aneurin Bevan

Es ist ein trüber Aprilmorgen und eigentlich noch viel zu früh, als ich mich aus den Federn erhebe und auf den Weg mache. Aber diesen Moment werde ich mir nicht entgehen lassen. Ich bringe mich also in Form und schwinge mich auf mein nichtfossiles Transportmittel, um an den Fluß zu fahren.
Gestern schon habe ich mir eine gute Stelle ausgesucht, um einen Blick auf das zu werfen, was da heute transportiert werden wird. Man hört alles bereits, bevor das Objekt in Sicht kommt. Die Motoren des Pontonschiffes laufen unter hoher Last, im nebligen Dunst über dem Fluß trägt das Geräusch weit.
Dann schält sich der Umriß aus der diesigen Luft. Auf dem Schiff festgemacht, wird die Silhouette mit den kurzen Tragflächen sichtbar.
Die stumpfe Nase, die eher stummeligen Flügel, bei denen mir der Ausspruch eines amerikanischen Astronauten in den Sinn kommt, das „verdammte Ding“ habe die Segeleigenschaften eines Ziegelsteins. Der Rumpf ist nicht vollständig, hinter den Tragflächen fehlt das Heckteil mitsamt Leitwerk, es ist zum Transport demontiert worden.
Einige Tausend Leute stehen mit mir hier am Ufer des Rheins, als die Raumfähre Buran, das russische Gegenstück zum amerikanischen Space Shuttle, auf dem Schiff langsam an uns vorüber gleitet. Eine Raumfähre auf einem Schiff. Diese Fähre, eigentlich dafür gebaut, sich auf einem gigantischem Feuerstrahl aus Wasserstoff und Sauerstoff in den Orbit zu erheben und ins All vorzustoßen, fliegt nirgendwohin. Sie ist auf dem Weg ins Museum, ohne jemals ihren eigentlichen Zweck erfüllt zu haben. Ich weiß nicht, ob die anderen hier so denken wie ich. Ich vermute, sie tun es nicht.

Sowieso war das Buran-Programm der Russen bereits 1993 eingestellt worden. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gab es kein Geld mehr für derartige Unternehmungen. Nur ein einziges Mal, im November 1988, war eine Buran in den Orbit gestartet, huckepack auf dem Rücken der extra dafür entwickelten Energija-Rakete. Der Gründer des Programms und treibende Kraft hinter der Konkurrenzentwicklung der Russen, der Ukrainer Walentin Petrowitsch Gluschko, in der damaligen Sowjetunion zum Chefkontrukteur für Raketenmotoren avanciert, starb nur wenig später, im Januar 1989.
Die sowjetische Konstruktion war keine vollständige Kopie des amerikanischen Designs, bei den Hitzeschilden war das Buran-Programm der UdSSR seinem amerikanischen Bruder wohl materialtechnisch voraus, was Stabilität und Belastbarkeit anging. Aber auch auf Seiten der Amerikaner interessierte das nach dem Zusammenbruch des Sowjetreichs niemanden mehr.
Eventuell könnte die Besatzung der Columbia noch leben, hätte sich damals irgend jemand um solche Details gekümmert. In dieser vergessenen Katastrophe starben alle Crewmitglieder der Mission STS-107, als ihr Shuttle beim Wiedereintritt in die Atmosphäre auseinanderbrach. Ein Stück Isolierung des Treibstofftanks war beim Startvorgang auf die Backbord-Tragfläche geprallt und hatte den Hitzeschild beschädigt. Aber man kümmerte sich nicht weiter darum. Weiterlesen

Mythopolis

– II –

Wenn King Kong Meister Yoda trifft

„What is today but yesterday’s tomorrow?“
Eugene Krabs

Nach der festen Überzeugung sehr vieler Menschen, oder besser, nach der Doktrin ihres Glaubens, ist also das, was man allgemein Fortschritt nennt, eine unaufhaltsame Macht, die alle Probleme der Menschheit lösen wird.
Es mag und ab und zu Rückschläge geben, aber am Ende wird die Technologie siegen und die Beherrschung des Universums ein weiteres Stück näher an die Hände dieser Horde aus Primatenabkömmlingen heranrücken, die den dritten Planeten einer durchschnittlichen Sonne in unserer Galaxis bewohnen. Selbst ich schreibe „unsere“ Galaxis, ohne zu zögern. So, als hätten wir die ganze Hütte bereits für uns gepachtet.
In dieser Welt kommt die Kavallerie immer rechtzeitig. Das Gute muß das Böse besiegen, ein anderer Ausgang ist nicht denkbar.
King Kong, der Riesengorilla, konnte unmöglich gegen die anfliegenden Helden gewinnen, die hysterisch kreischende Fay Wray womöglich in den Abgrund fallen lassen und danach von der Höhe des Empire State Building seinen Triumph über die Stadt New York hinausschreien. Es ist völlig unmöglich, daß am Ende des Duells mit blitzenden Lichtschwerten Meister Yoda am Boden liegt und seine letzten Worte sind: „Zu langsam ich war.“

Nein, das ist ein Ausgang der Geschichte, der niemals vorkommen kann, denn wir wollen, daß er nicht vorkommen kann.
Der Mythos des Fortschritts hat längst seine Legenden geschaffen und sie schon in die Köpfe unserer Großeltern gesetzt. Ein Charlie Chaplin drehte „Moderne Zeiten“, ein Harold Llloyd einen Film wie „Ausgerechnet Wolkenkratzer“, das ist der mit der berühmten Szene, in der Lloyd von den Zeigern einer Turmuhr herunterbaumelt.
Beide Filme stehen dem Fortschritt in den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhundert sehr skeptisch gegenüber. Auch ein Film wie „Metropolis“ von Fritz Lang zeigt völlig andere Untertöne des angeblichen Fortschritts als diejenigen, die man üblicherweise so gerne betont.
Aber wie ich schon letzte Woche sagte, braucht jede Religion ihre Ketzer, ihre Häretiker und bringt automatisch ihre Anti-Religion hervor.

Nirgendwo läßt sich das besser sehen als in diesen alten Filmen. Die Religion des Fortschritts hat in Metropolis den Moloch der durchsynchronisierten Gesellschaft  erschaffen. Die Gesellschaft ist geteilt in eine dünne Schicht der Eliten und die große Masse, die alles an Luxus und Wohlstand erschaffen und erarbeiten muß, von dem diese Oberklasse lebt. In Metropolis haben die Reichen und Superreichen ihren 24-Stunden-Tag. Die Zeit der geistlosen Masse, der unermüdlichen Arbeiter im Stock, ist in einen 10-Stunden-Rhythmus unterteilt, eben die Länge einer Schicht.
Wie im 1895 erschienenen Roman „Die Zeitmaschine“ von H.G. Wells gibt es auch bei Lang Morlocks und Eloi und die einen fressen die anderen auf. Allerdings leben die Morlocks in Metropolis nicht unter der Erde, sondern in prächtigen Penthouses über der Stadt, weit weg von ihrem Lärm, ihrem Elend und der Sklavenarbeit.
Wells war wenigstens noch so fair, die Bösen unter die Erde zu verbannen und die Eloi ein sorgloses Leben in einem Paradiesgarten führen zu lassen. Weiterlesen

Die Lange Dämmerung

– IV –

Kein Gott in der Maschine

,,I have seen the science I worshiped and the aircraft

I loved, destroying the civilization that

I expected them to serve.“
Charles Lindbergh

Auf dem Gipfel eines Berges stehen ist großartig. Dieser Ausblick! Diese Luft! Diese kühle und dünnere Luft, die mit sinkender Sonne immer kälter wird und die einem klarmacht, daß man sich jetzt besser in Bewegung setzen sollte, möchte man sich nicht sehr bald den Hintern abfrieren.
Also begibt man sich irgendwann wieder an den Abstieg. Nachdem man ausgiebig das Panorama genossen und ein wenig Rast gemacht hat natürlich, denn wozu wäre man schließlich sonst auf den verdammten Berg geklettert?
Was aber völlig egal ist, ist die Himmelsrichtung, die man einschlägt. Denn jedem sollte klar sein, daß es von diesem Punkt aus abwärts geht, wie das Wort Abstieg auch schon leise andeutet. Vom Gipel eines Berges aus gibt es einfach keine andere logische Möglichkeit.

Keine Zivilisation auf der Erde hat einen so gewaltigen Aufstieg hinter sich wie unsere, die technologische globale Zivilisation des beginnenden 21. Jahrhundert ndZ. Das Zeitalter des Anthropozän, also das Zeitalter des Menschen, wird nicht nur so benannt, weil Mensch dieses Zeitalter quasi beherrscht. Die Wissenschaftler, die diese Bezeichnung ins Spiel bringen, sind Geologen und Paläontologen, also der Typ Nerd, der es gewohnt ist, mit sehr großen Zeiträumen umzugehen. Wir reden hier nicht von einer Woche oder einem Jahrhundert. Die Bezeichnung Anthropozän beruht vor allem darauf, daß die Folgen der Anwendung unserer Technologie inzwischen Spuren hinterlassen haben, die noch Jahrtausende lang zu sehen, zu spüren und zu messen sein werden. Seit etwa sechs oder sieben Dekaden setzen wir mehr und mehr Chemikalien und chemische Verbindungen frei, die in dieser Form natürlicherweise nicht vorkommen. Die Trümmer unserer angewandten Wissenschaften überziehen den Planeten inzwischen lückenlos. Das reicht von den Resten der auf Felder gespühten Pestizide oder Herbizide bis hin zu den strahlenden und überaus tödlichen Hinterlassenschaften der Kernspaltung, mit denen wir immer noch nicht wirklich etwas anzufangen wissen. Aller Wahrscheinlichkeit werden wir das auch nie, denn trotz allem müssen sich auch und gerade menschliche Wissenschaften an die Naturgesetze halten. Ein Punkt, der von den Anhängern des Technologie-Glaubens gerne zur Seite geschoben wird. Wie alles andere ist auch technologischer Fortschritt nicht endlos, weder in seinen Möglichkeiten noch seiner Geschwindigkeit, und er unterliegt ebenfalls dem gnadenlosen Gesetz des Abnehmenden Ertrages. Weiterlesen