Neue Karten

– I –
Rückzugsgefechte

„To travel faster than a speeding bullet is not much
help if you and it are heading
straight towards each other.” – John Brunner 

Die USA befinden sich seit geraumer Zeit in dem Zustand, der von Politologen als imperiale Überdehnung bezeichnet wird. Der britische Historiker Paul Kennedy hat diesen Begriff 1987 geprägt. Nicht verwandt oder verschwägert mit dem hirnfreien Esoteriker, der aktuell das US-Gesundheitsministerium anführt, übrigens. Das Grundprinzip ist simpel. Die Kosten zur Aufrechterhaltung des Imperiums werden irgendwann größer als der Gewinn, den das Imperium daraus ziehen kann.
Die Definition von Imperium ist tendentiell unterschiedlich, in Kassandras Sinne aber allgemein gültig:  ein Imperium ist eine Wohlstandspumpe. Das ist sein Zweck. Wohlstand in unterschiedlichster Form fließt aus der Peripherie ins Zentrum der Macht. Vor zweitausend Jahren nach Rom. Heute in die USA. Auch nach Europa.
Vier Prozent der Weltbevölkerung verbrauchen 25 Prozent aller Ressourcen pro Tag, verwenden feuchte Froschhintern zum Messen der Lufttemperatur oder mittelalterliche Stockmaße für Entfernungen und wundern sich auf Europa-Urlaub dann noch, dass man hier nicht mit Dollar bezahlen kann. Die Arroganz des Idiotentums in bester Form.
Wohlstand ist hierbei ein umfassender Begriff. Es können Rohstoffe sein. Billige Arbeitskräfte, die man ausnutzt. Auf der Putenfarm beispielsweise, die den Thanksgiving-Truthahn mästet. Die Plastikfarm im Südosten Spaniens, auf der afrikanische Flüchtlinge meinen verdammten Brokkoli züchten. Aber der einzige Zweck ist es letztendlich, dem Zentrum mehr Wohlstand herbei zu pumpen.

Bis der Tag kommt, an dem die Peripherie langsam ausgeplündert ist. Oder der Tag, an dem es für ein Imperium keine Gebiete mehr gibt, in die es expandieren kann. Wohlgemerkt, lohnende Gebiete. Natürlich hätte Rom ganz Germanien besetzen können. Vom Rhein bis zur Elbe, zur Oder, zur Neiße, zur Ostsee. Rom hätte sich durch den nahezu endlosen europäischen Wald bis vor Moskau ausdehnen können.
Aber was hätte es davon gehabt? Eine mehr oder weniger menschenleere Mannschaft, nicht einmal für den Ackerbau geeignet, denn dazu hätte man erst den Wald beseitigen müssen. Also hätte Rom für seinen mehrere Jahrzehnte langen Krieg gegen den Wald und seine Bewohner endlose Festmeter an Holz bekommen.
Die Garnisonen, die zusätzlichen Legionen, die Siedler, die man aus dem Reich in die neuen Gebiete entsandt hätte und denen der Kaiser neue Städte hätte bauen müssen – all das hätte sich aus diesem bißchen Gewinn niemals selbst tragen können. Rom eroberte Germanien nicht, weil es nicht dazu fähig gewesen wäre. Rom eroberte Germanien nicht, weil dieses Gebiet schlicht und einfach keinerlei ausreichenden ökonomischen Vorteil gebracht hätte. Das Wort Biophysik war damals noch nicht erfunden, das war der Physik aber egal und deshalb war sie damals genau so gültig wie heute auch.

Nach Cäsars Eroberung Galliens flossen mehr als 40 Millionen Sesterzen jährlich in die Schatulle Roms, schon zur Zeit eines Octavian. Heute würde man das schnelle Amortisierung nennen. Um das Gebiet Germaniens bis zur Ostsee und Weißrussland so weit zu kriegen, hätte Rom vermutlich dreihundert Jahre lang investieren müssen. Heute würde man das Tesla nennen oder OpenAI.
Europas Kolonialperiode begann nach Entdeckung der Neuen Welt so richtig, da man plötzlich zwei riesige neue Landmassen hatte, deren Wohlstand man nach Europa transferieren konnte. Amerikanisches Gold aus geplünderten Aztekenstädten und Silber aus Sklavenminen fluteten Spaniens Schatzkammern in einem Ausmaß, dass den Wert der Goldwährungen bis zu Beginn des 16. Jahrhunderts um ein Viertel zurückgehen ließ. Spaniens Silber verteilte sich über den Kontinent, sorgte für die Gründung erster Bankhäuser, Aktiengesellschaften und allgemein des Kapitalismus, der uns heute noch wie Scheiße am Schuh klebt. Continue reading →

Spiel’s noch einmal, Joe

„Meet the new boss. Same as the old boss.“
The Who, Won’t get fooled again

In den letzten Zügen seiner Amtszeit, quasi mit dem 4er Eisen am Loch 17, hat Donald Trump noch etwas geschafft, das ihm vorher in vier Jahren kein einziges Mal gelungen ist: Er hat die Wahrheit gesagt. Oder besser, getwittert. Mit Reden hat es der noch-immer-Präsident der ehemaligen USA ja nicht so.
Der Wahlniederlage des Toupets des Grauens folgte ein etwa dreiwöchiger Wutanfall in der Süßwaren-Abteilung des Supermarktes, während dem Klein-Donald versuchte, noch möglichst viele Reste der amerikanischen Demokratiesimulation endgültig in Schutt und Asche zu legen.
Schließlich, so hatte er das ja schon im Frühjahr festgelegt, könne er diese Wahl gegen „Sleepy Joe“, der sich kaum aus seinem Keller raustraute, nur dann verlieren, wenn es massiven Wahlbetrug geben würde. Also mußte es den auch gegeben haben. Denn Donald J. Trump, der Mann, der das Siegen auf diesem Planeten quasi erfunden hat, hat die Wahl zum Präsidenten tatsächlich verloren.
Es war die größte, unglaublichste, fantastischste und besteste Wahlniederlage, die es überhaupt jemals auf der Welt gegeben hat.

Irgendwo mitten in seinem pöbelnden Wahnsinn twitterte der von der Ablehnung der Öffentlichkeit zutiefst gekränkte Narzißt dann den Satz: „Noch nie hat ein amtierender Präsident so viele Stimmen bekommen wie ich!“
Worauf dann wieder die abstruse Behauptung folgte, er habe die Wahl gewonnen. Ich hätte auch früher in Mathe nur Einser bekommen, wenn meine Lehrer nicht immer so viele Fehler angemahnt und dann auch noch gezählt hätten. Im Grunde bin ich also das größte mathematische Genie des Planeten und erwarte demzufolge den längst überfälligen Anruf der Nobel-Kommission. Außerdem brauche ich die mit dem Preis verbundene Kohle. Da bin ich auch wie Donald Trump, wobei ich keine Schulden habe, die sich auf mindestens 400 Millionen Dollar belaufen dürften. Aber gebt mir das Geld trotzdem, ich habe es schließlich verdient!

Aber mit diesem einen Satz hatte er recht. Tatsächlich hat noch nie ein amtierender Präsident so viele Stimmen bekommen. Seltsamerweise waren die natürlich alle ungefälscht. Ebenso wie die Stimmen für republikanische Senatoren, die seit Wochen und Monaten die Klappe hielten, wenn Trump wieder eine antidemokratische Absurdität nach der anderen raushaute. So jetzt auch nach der Wahl.
Faschistischen Tattergreisen wie Mitch McConnell im Senat oder einem Lindsey Graham sind alle Mittel recht, um den Apartheids-Staat USA weiter aufrechtzuerhalten, den sie für den Amerikanischen Traum halten.
Zum Zeitpunkt des Twitter-Anfalls hatte Donald 71 Millionen Stimmen. Sagte er jedenfalls. In der Realität waren es zu diesem Zeitpunkt 70,3 Millionen. Doch wen interessieren schon 700K Stimmen in einer Demokratie. Es sei denn natürlich, sie werden für einen anderen Kandidaten abgegeben, und sei es auch nur in der Einbildung eines anderen Tattergreises. Dann müssen sie natürlich auf Zuruf von Gerichten für ungültig erklärt werden, ansonsten ist die Demokratie in Gefahr.

Der alte weiße Mann im Weißen Haus wird also bald durch einen noch älteren weißen Mann im Weißen Haus abgelöst werden. Nach gründlicher Entseuchung durch einen Desinfektionstrupp, nehme ich an. Die Bude dürfte ganz schön coronifiziert sein. Ich würde auch die Teppiche und Vorhänge im Oval Office rausschaffen und verbrennen lassen. Vielleicht am besten alles, was je mit Trump in Berührung gekommen ist. Vielleicht sollte Joe Biden, der ja Katholik ist, nach seiner Inauguration einen Exorzismus durchführen lassen. Das wäre vermutlich am besten.
Der letzte katholische Präsident der USA war übrigens John F. Kennedy. Der letzte Präsident, der dieses Amt erreichte, ohne Florida zu gewinnen, war auch John F. Kennedy. Joe Biden sollte meiner Meinung nach Cabriofahrten durch Dallas in seiner Amtszeit grundlegend vermeiden. Continue reading →

Dark Age Donald

„America was founded by slave owners
who wanted to be free.“
George Carlin

Gerade eben erst haben irgendwelche Polizisten wieder einmal zwei Schwarze über den Haufen geschossen, in Minnesota und Loisiana.
Es ist nicht der erste Fall dieser Art, nicht in den letzten Jahren und nicht in den letzten Monaten. Die Bewegung „Black lives matter“ hat sich nicht ohne Grund vor nunmehr drei Jahren gebildet, soviel ist sicher.
Grund damals war der Tod zweier Personen durch insgesamt 137 Kugeln diverser Polizisten. Melissa Williams und Timothy Russell wurden nicht einfach erschossen, sie wurden in einer geradezu absurden Bonnie-and-Clyde-Szene regelrecht hingerichtet, anders kann man das nicht mehr nennen. (*)
Da der Richter sich außerstande sah, herauszufinden, welche der Kugeln nun tödlich war, wurde keiner der insgesamt dreizehn schießenden Polizisten belangt. Selbst der nicht, der noch nachgeladen hatte, um dann auf der Motorhaube stehend alleine noch fünfzehn Schuß auf die beiden Insassen des Fahrzeugs abzugeben. Insgesamt schoß der Officer der Cleveland Police Michael Brelo, so der Name dieses Mannes, neunundvierzigmal auf die beiden Personen im Fahrzeug. Begründet hat er das vor Gericht damit, daß er Angst um sein Leben gehabt habe.
Ich persönlich hätte Angst, derartigen Psychopathen in Polizeiuniform zu begegnen, wäre ich Amerikaner. Glücklicherweise bin ich aber keiner.

Diesmal nimmt die Sache mit „Toter Schwarzer bei Verkehrskontrolle dank schießwütigen weißen Polizisten“ aber ein neues Ausmaß an. Kurz nach den tödlichen Schüssen, gefilmt mit Handy-Kameras und mehr oder weniger in Echtzeit ins Netz gestellt, bevor wieder irgendeine Behörde die Gelegenheit hatte, eine offizielle Geschichte zu verbreiten, schießt wieder jemand. In Dallas. Diesmal wird auf Polizisten geschossen, nicht von Polizisten. Der Täter wird dann durch einen Roboter getötet, der per Fernsteuerung und mit Sprengstoff beladen an ihn herangefahren wird. Knopfdruck. Bumm. Ende des Täters.
Der Polizistenkiller ist weiß, wohl ehemaliger Angehöriger der Streitkräfte, war in Afghanistan und kaum habe ich mich in meinem Kopf gefragt, wann wohl wieder der allseits beliebte Spruch vom „verwirrten Einzeltäter“ kommen wird, sagt Präsident Obama genau das.
Oder fast genau, denn er nennt diesen Typen konkret „verrückt“.
Offensichtlich hatte der Mann größere Dinge vor, denn später wird bekannt, daß er Sprengstoff und Munition gehortet hatte. Wäre der Mann Muslim gewesen, oder eben nicht weiß, oder womöglich beides – ich bin fest überzeugt, daß in den Medien darüber berichtet worden wäre, wie sich der Heimatschutz zusammen mit dem FBI um die Aufklärung des im Hintergrund vermuteten Terrornetzwerks bemüht. Doch in diesem Fall ist natürlich alles in Ordnung. Nur ein Verrückter, beinahe unehrenhaft entlassen wegen Vorwürfen der sexuellen Belästigung.

Unter Berufung auf die Einzeltäter-Hypothese spricht der Präsident der Vereinigten Staaten davon, daß das Land nicht gespalten sei und ruft gleichzeitig zur Einheit der Bürger auf. Er wiederholt diesen Appell, als bei landesweiten Demonstrationen Gewalt aufschäumt und es zu mehr als 200 Verhaftungen kommt.
Mehr Appelle folgen. Die Rede ist von Wunden, die man nicht so schnell heilen könne. Aber die Wunde, die da nicht heilen will, ist eigentlich bereits sehr alt.
Am Dienstag, in dem Moment, in dem ich dies hier schreibe, hält Barack Obama eine Rede in der Stadt, in der vor 53 Jahren einer seiner Amtsvorgänger erschossen wurde. Nur wenige Jahre danach verwandelte sich der de facto existierende Apartheids-Staat USA bei massiven Rassenunruhen in eine Kampfzone, in der ganze Stadtviertel eingeäschert wurden, nachdem der Bürgerrechtler Martin Luther King ermordet worden war.
Ebenfalls an diesem Dienstag kommt es zu einer Schießerei in einem Gerichtsgebäude in Michigan. Zwei Sicherheitsleute und ein Häftling beim Fluchtversuch sind die Toten. Diesmal kein Rassismus. Nur Alltägliches. Continue reading →