Supermarkt der Selbstverständlichkeiten

„Ich kauf mir was. Kaufen macht soviel Spaß, ich könnte ständig kaufen geh’n. Kaufen ist wunderschön.“
Herbert Grönemeyer

Einkaufen im Supermarkt. Es ist immer wieder ein Erlebnis.
Zum Start gibt es winzige „Disney“-Schlangengurken. Nicht etwa lose. Nein, im Tray stehen kleine runde Plastikbecher mit gewölbtem Deckel. Denn natürlich müssen Zwerschlangengurken in ihrer Schale ganz speziell geschützt werden vor Räubern und Dieben. Oder so was in der Art, jedenfalls. Denn ansonsten wüßte ich nicht, warum man eine Gurke noch extra verpacken sollte. Ich kaufe in diesem Moment übrigens lose Champignons. Die werden nicht extra verpackt. Die verpackten Kollegen stehen in der Plastikschale oben drüber und sind per Kilogramm noch einmal sechzig Prozent teurer als die auch nicht ganz billigen losen Champignons. Die allerdings muß ich in einen Plastikbeutel stecken, denn sie müssen an der Kasse gewogen werden. Ich könnte sie einzeln da hinbringen, aber bisher war mir das noch zu doof.
Die kapitalistischen Komplizinnen an der Addierhilfe denken sich vermutlich schon immer ihren Teil, wenn ich mit Karotten ankomme, die sie einzeln abwiegen müssen. Oder Paprika. Die stehen als nächstes auf meinem Zettel. Normalerweise kaufe ich ohne Zettel ein, denn das trainiert das Gedächtnis. Dummerweise führt es auch dazu, daß ich gelegentlich das eine oder andere vergesse. Meistens Dinge, die man nicht essen kann oder die eben relativ selten auf Liste stehen. Weswegen ich manchmal doch Zettel schreibe, die ich dann aber gerne vergesse.
Jedenfalls liegen besagte Paprika ebenfalls im Plastiktray und leuchten mich dreifarbig abgepackt an. In Knisterfolie abgepackt, klare Sache. Ich kaufe die andere Sorte, in lose. Keine Verpackung. Und einzelnes Abwiegen an der Kasse, denn im Gegensatz zu sieben oder acht Karotten sind die Paprika für die Kassenwaage oft zu sperrig. Aber das ist ja nicht mein Problem. Stau an der Kasse ist wie auf der Autobahn: Immer nur hinten doof.

Nächster Punkt sind dann Tomaten. Ja, ich gebe es offen zu: Ich bin tomatensüchtig. Sollte es in unserer Gesellschaft jemals Bedarf an der Gründung der Anonymen Tomatoholiker geben, bin ich ganz vorne mit dabei, keine Frage. Tomaten landen bei mir regelmäßig im Essen – sei es gekocht oder eben, sauber in Scheiben zerlegt, auf meinem Frühstücksbrot. Beziehungsweise, auf dem Käse auf dem Frühstücksbrot. Dummerweise ist es gerade Winter, aber Tomaten gibt es trotzdem. Neuerdings auch in gelb oder einem seltsamen Aubergine-Farbton. Ich habe nicht die geringste Ahnung, warum jemand so etwas unbedingt kaufen wollen sollte, aber sie sind da. Genauso wie weiße Auberginen oder runde Auberginen, die aber immerhin noch die alte Farbe haben.
Selbst der Brokkoli, nächster Punkt auf der Liste, hat inzwischen einen seltsamen Abkömmling gezeugt, der Romanesco heißt und wie eine Kreuzung aus Fensterkitt und dreihundert Jahre alten Butterkeksen schmeckt. Ich mag sowohl den Blumenkohl als auch den Brokkoli, aber die Kombination aus beiden zeigt ganz klar, daß Genetik mit Sicherheit keine Lösung für irgendein Nahrungsproblem ist, das gar nicht existiert. Eine ganze Generation hoffnungsvoll ausgebildeten wissenschaftlichen Nachwuchses ist in den Laboren und auf den Zuchtfarmen der Lebensmittelindustrie gelandet und produziert Müll, den man essen soll.

Was den Käse, die Wurst und anderes angeht, so kaufe ich auch das ein. Verpackt in Plastik. Ich könnte natürlich auch an der Frischetheke zuschlagen und dafür mehr Geld bezahlen. Aber das Geld habe ich gar nicht, die Waren unterscheiden sich nicht wirklich signifikant und die jeweiligen Fachverkäuferinnen legen auch zwischen jede Scheibe Wurst oder Käse irgendeine Plastikfolie. Da kann ich auch ins Kühlregal greifen.
Dieses Kühlregal enthält eine unfassbare Menge an Dingen. Vor einer Weile suchte ich tatsächlich erstmals in meinem Leben gebratene Putenbruststreifen. Die gibt es, das weiß ich ganz genau.
Allerdings hatte ich Mühe, sie im Regal zu finden. Denn da stehen sie versteckt zwischen Dingen wie fertigen Teigtaschen mit Füllung, einer ganzen Palette angeblicher Feinschmeckersaucen für Pasta und anderen Erzeugnissen der modernen Lebensmittelindustrie, die in meinem Kopf sofort die Frage aufkommen ließ: „Meine Fresse, gab es das vor 20 Jahren auch schon?“ Continue reading →

Euphemitis

„Gewaltloser Widerstand ist Gewalt“.
Friedrich Zimmermann, Bundesinnenminister, 1983

Seit Jahren geht ein schleichendes, aber sehr ansteckendes Virus durch die Welt der Medien. Es erwischt ganze Redaktionen, denn niemand fühlt sich krank, also kommen alle weiterhin zur Arbeit.
Es ist völlig unerheblich, ob jemand geimpft ist oder Taschentücher dabei hat, ob in Online-Redaktionen gearbeitet wird oder für Printmedien. Auch Fernsehmoderatoren sind weiträumig betroffen, sei es bei Nachrichten oder den allseits beliebten Talk Shows. Es ist nicht relevant, ob die jeweilige, offiziell journalistisch tätige Person für Wirtschaft zuständig ist, für Politik, für Inlandsnachrichten allgemein oder für den Sport. Niemand ist dagegen immun oder bleibt davon verschont.

Ich weiß nicht ganz genau, wann dieses Phänomen geboren wurde. Ich weiß allerdings gut, woran ich es für mich persönlich erstmals bemerkte. Beim Studieren technischer Prospekte eines Elektronikmarkts und beim Lesen von Fachartikeln in einer nicht ganz unbekannten Computerzeitschrift.
In diesen Prospekten tauchte nämlich irgendwann im Kleingedruckten folgender Hinweis auf: „Tatsächliche Größe kann abweichen.“
Gemeint war damit die Größe der Speicherkapazität von Festplatten. Irgendein genialer Marketingfuzzi in irgendeiner Abteilung für Propaganda und kapitalistische Agitation muß auf die Idee gekommen sein, daß ein Gigabyte eine Milliarde Byte hat. Klingt zumindest auch im Ansatz logisch, denn so etwas wie ein Gigawatt ist ja auch eine Milliarde Watt groß. Allgemein steht die Vorsilbe „Giga-“ für „eine Milliarde“.
Nur eben bei Computern nicht.

Denn unsere heutzutage so zahlreich verwendeten Computerhelferlein beruhen auf dem Dualsystem. Einsen und Nullen. An und Aus. Ja und Nein. Basismäßig eine recht simple Geschichte.
Dieses Dual- oder Binärsystem beruht auf den Arbeiten eines Herrn namens Gottfried Wilhelm Leibniz, der nicht verwandt ist mit dem Erfinder des Butterkekses. Schon im 17. Jahrhundert stellte Leibniz fest, daß man normale Zahlen, also Dezimalzahlen, die unter Verwendung des Zeichens Null bei uns allgemein benutzt werden, auch als Potenzen der Zahl Zwei schreiben kann.
Das Prinzip ist recht simpel und einfach zu nutzen, ergibt allerdings lange Zahlen. Das Jahr 2016 wird so zu 11111100000.
Ganz links steht hier die Potenz 210. Ganz rechts steht die Potenz 20. Das ergibt mathematisch immer 1, unabhängig von der Basis, und wird benötigt, um eben auch durch Zwei nicht teilbare Werte darstellen zu können. Auch das Dualsystem hat also eine Eins. 2016 ist hier die Summe aus 1024+512+256+128+64+32. Das sind die Potenzen 210 bis 25, sonst nichts. Die restlichen Werte sind Null.
Das Problem an der Sache ist jetzt, daß ein Gigabyte an Daten eben aus 1024 Megabyte besteht und nicht aus 1000, wie der unbekannte Vollidiot in der unbekannten Marketingabteilung das wohl angenommen hat. Marketingmenschen in größeren Konzernen haben ja oft was mit Wirtschaft studiert und diese Leute können mit der Realität häufig nicht gut umgehen.
In dieser wahren Realität besteht ein Gigabyte eben aus 1024 Megabyte, das wiederum aus 1024 KiloByte besteht, da das System unserer Binärrechner nun einmal auf dem gleichnamigen Zahlensystem aufbaut und nicht, wie der Rest unseres Alltags, auf dem Dezimalsystem.
Das gilt natürlich nur für Leser, die nicht unter der Knute des sogenannten „imperial system“ leben und leiden müssen, also den Maßstäben im angloamerikanischen Raum. Wer mit Zollen, Füßen, Yards und ähnlich unhandlichem Mist rumhantiert und glaubt, das sei ein brauchbares System, hat ohnehin den Schuß nicht gehört. Dummerweise war genau so ein Typ derjenige, der das mit den glatten Gigabyte erfunden hat. Ich bin mir da sicher, weil ein großer Teil maßgeblicher Firmen der Computerindustrie eben im imperialen Amerika sitzen. Wer mit dem feuchten Froschhintern die Außentemperatur mißt, kann eben nicht mit einem logischen Binär- oder Dezimalsystem umgehen und das amerikanische Bildungssystem trägt zur Erweiterung des Weltbildes auch nicht unbedingt zwingend bei.
Ärgerlicherweise ergibt sich also für Menschen, die nicht in Marketingabteilungen arbeiten, für die Größe „Gigabyte“ der Wert von 1.073.741.824 Byte. Sieht weniger schön aus als eine Milliarde, ist aber dafür richtig. Und das, obwohl es gar kein Dezimalsystem ist. Continue reading →

Gefiltert im Nebel

„Das Tolle am Internet ist, daß endlich jeder der ganzen Welt seine Meinung mitteilen kann. Das Furchtbare ist, daß es auch jeder tut.“
Das Känguru

Eine Woche nach den Ereignissen in den USA wundern sich immer noch alle. Nachdem sie aus ihrem Koma wieder erwacht sind, das die Begegnung mit einer Flasche Wodka, Whisky oder Bourbon unmittelbar nach der Wahl verursacht hatte, versteht sich. Paul Krugman wunderte sich noch in der Wahlnacht. Eine sichtlich gealterte Hillary Clinton wunderte sich erstmalig gestern in der Öffentlichkeit und sprach von einer gespaltenen Gesellschaft in den USA. Unglaublich, was so ein bißchen Make-Up doch ausmacht. Für Gesichter und Gesellschaften.
Ursprünglich sollte der Link zur Süddeutschen Zeitung gehen, aber die wollen offensichtlich nicht mehr verlinkt werden, denn die Seite benutzt neuerdings einen Adblocker-Blocker. Schade, SZ. Netter Versuch.
Die deutsche Regierung wundert sich. Die russische nicht, die gratuliert dem neuen Mann schon einmal. Zum Glück hat Nordkorea nicht auch noch gratuliert, zumindest habe ich darüber nichts gelesen. Insgesamt wundern sich erstaunlich viele Menschen: Wie konnte es passieren, daß ein Typ mit einer Frisur wie ein explodierter Hamster zum Chef des offiziell noch immer mächtigsten Landes auf diesem Planeten gewählt wird?

Im Grunde ist die Antwort einfach: Arrogantes Vollidiotentum, gepaart mit Ignoranz. Näher betrachtet ist die Antwort natürlich nicht ganz so simpel. Das ist wie der Beziehungsstatus zwischen Menschen und ihren Quietscheentchen oder Teddybären auf Facebook: Es ist kompliziert.

Ich persönlich habe die letzte Woche mit mehreren inneren Reichsparteitagen gefeiert, um hier mal jemanden zu zitieren, den ich in einem anderen Leben mal kannte. Nachdem ich schon vor einem guten Jahr vorhergesagt habe, daß Donald Trump Präsident werden wird, und das ganze vier Wochen vor der Wahl noch einmal deutlich wiederholt habe – wobei ich sogar den Verlauf der Wahlnacht recht gut getroffen habe – ist das Ereignis also tatsächlich eingetreten.
Für jemanden wie mich ist das doof, denn eigentlich hatte ich einen Artikel vorbereitet, der da heißen sollte: „Madame President“.
Den kann ich jetzt wohl in den Ordner schieben, der „Alternative Zeitlinien“ heißt. Dabei hätte ich so gerne über die Zukunftsaussichten einer Präsidentin Clinton gelästert. Aber so ist das eben, wenn man mit dem, was man so schreibt, auf aktuelle Ereignisse Bezug nimmt.
Auf der anderen Seite ist es manchmal auch durchaus sehr angenehm, den Effekt des „Told you so“ am eigenen Leib zu erleben. Statt immer über den Spinner auf der Party zu lachen, mußten jetzt manche Menschen eingestehen, daß ich sehr wohl recht gehabt habe mit meiner Prognose.
Die dafür bezahlten Spezialisten hingegen, die Demoskopen und Statistiker, die Zeitungsschreiber in New York, Washington, London, Frankfurt, Berlin, Hamburg, L.A. und anderswo – sie alle laufen immer noch mit enormen Kopfschmerzen herum seit der letzten Woche. Tja, meine Herren. So ist das, wenn eine Realitätsblase platzt, in der man es sich gemütlich gemacht hat.
Eigentlich wollte ich einen irgendwie anderen Text schreiben, aber kaum hatte ich begonnen, stolperten die Gedanken in meinem Kopf mal wieder hektisch übereinander und drängelten nach vorne. Die Wichtigtuer!
Kreativlinge kennen das. Also geht es diese Woche um etwas, das von sehr vielen Leuten offensichtlich nicht wahrgenommen wird oder wurde, aber trotzdem enormen Einfluß auf unsere Gesellschaft hat. Einen Einfluß, der in den letzten Jahren – auch dank der bereits erwähnten Medien – weiter zugenommen hat: Persönliche Realitäten. Continue reading →

Verschleißerscheinungen

,,Was meinen Sie, was hier los wäre, wenn mehr Menschen begreifen würden, was hier los ist?“
Volker Pispers

Die Journalistin Amy Goodman stand in den USA vor Gericht und war von einer Gefängnisstrafe bedroht. Klingt jetzt nicht sonderlich aufregend.
Allerdings lautete die Anklage des Staatsanwalts gegen Ms Goodmann auf „riot“, das ist also so etwas wie „Anstiftung zum Aufruhr“.
Ms. Goodman hatte als Reporterin über die „Dakota Access Pipeline“ berichtet, und zwar im September. Besser gesagt, über die Proteste dagegen. Das war einigen Sicherheitskräften Anlaß genug, sie festzunehmen, unter der Beschuldigung von „trespassing“, also so etwas wie „schwerem Landfriedensbruch“ in deutschen Äquivalenten. Und die übliche bullshit-Beschuldigung, wenn einem nichts mehr einfällt. Die Reporterin ist also vor Gericht gelandet, weil sie ihren Job gemacht hat. Sie hat über Dinge berichtet, die sie oder ihre Redaktion für berichtenswert und öffentlich wichtig gehalten haben. Der zuständige Richter hat die Klage glücklicherweise abgewiesen, am Montag.
Allerdings ist das bei weitem nicht der erste Fall dieser Art in Obamas Amerika, das ja neben seiner Freiheit, wild um sich zu ballern, gerne auch immer die Freiheit seiner völlig ungelenkten Medien betont. Aber natürlich sind wir die Guten.

Diese Pipeline, über die Ms Goodman da berichtete, wird auf der entsprechenden Propagandaseite der Erdölindustrie beschrieben als „Verbindung von den sich rasant ausdehnenden Produktionsgebieten im Bakken und Three Forks“ zu den Raffineriemärkten. Die in diesem Falle in Illinois liegen. Ausgelegt wäre diese Pipeline, die hier als Symbol des Umweltschutzes angepriesen wird, für knappe 600.000 Barrel pro Tag.
Das Lustige daran ist, daß Fracking so ziemlich die umweltschädlichste Methode ist, um überhaupt an Öl und Gas heranzukommen. Aber dieses Öl transportieren wir dann über 1.200 Meilen nicht mit dem Zug, wie es aktuell geschieht, sondern eben mit der Pipeline. Um „kosteneffektivere Märkte“ zu erreichen.

Schaut man sich einmal die Förderzahlen der US-Frackingindustrie an, wird einem sehr deutlich vor Augen geführt, daß die Ölförderung in den genannten Gebieten bereits seit Monaten absinkt. Das Bakken Field wird also mit großer Wahrscheinlichkeit bis 2020 – meine persönliche Schätzung – ohnehin kein Öl mehr auf den Markt bringen. Seinen Peak, also den Höhepunkt der Förderung, hat es jedenfalls bereits deutlich überschritten.
Da mehr als die Hälfte aller größeren Firmenpleiten dieses Jahres in den USA sich auf die Öl- und Gasindustrie erstrecken – ich hatte das in der Jahresvorausschau leise angedeutet – muß man sich natürlich die Frage stellen, warum man die Pipeline noch brauchen sollte.
Simple Antwort: Braucht man gar nicht. Es ist ein typisches Projekt, mit dem irgendwelche Öltypen verzweifelt weiter versuchen, ihre Kosten zu drücken, damit man so tun kann, als wäre Fracking eine Idee mit Zukunft.
Schon im letzten Jahr haben die Firmen in North Dakota darauf plädiert, daß der Bundesstaat doch bitteschön für sie seine Gesetze bezüglich der Verklappung radioaktiver Abfälle ändern solle. Denn derartige Dinge machen es in Zeiten sinkender Ölpreise so furchtbar schwierig, die Firmenbilanz weiter profitabel aussehen zu lassen. Und immerhin leiht man sich ja mit diesen Zahlen das Geld von Banken, um den Laden weiter am Laufen zu halten.
In North Dakota liegen auch die erwähnten Regionen wie Bakken und Three Forks. Ich wußte bisher nicht einmal, daß bei dieser Sauerei auch radioaktiv belastete Abfälle entstehen. Jetzt weiß ich es. Offensichtlich werden beim Fracken auch im Boden enthaltene Isotope mit in den ganzen chemischen Sabber eingespült, den man da in den Boden pumpt, um das Gestein aufzubrechen. Das ist also etwa so wie radioaktiver Fallout aus Kohlekraftwerken. Schlicht unvermeidlich. Außer, man frackt eben nicht und verbrennt keine Kohle. Continue reading →

(K)ein Schiff wird kommen

„It’s a kind of magic.“
Queen

Menschen wiederholen gerne Dinge, die sie gesehen haben. Sie haben gesehen, wie andere Leute diese Dinge tun und wie diese Handlungen ein bestimmtes Ergebnis hervorbrachten. Sie haben nie kapiert, was da eigentlich vorgeht, denn den Nachahmern fehlt jegliches technologisches Verständnis.
Da werden Türme aus Holz aufgebaut. Menschen roden den Dschungel, um eine freie, gerade Fläche zu erhalten. Der Typ auf seinem Holzturm trägt etwas, das aussieht wie große Kopfhörer und aus Stroh oder Gras geflochten ist. Oder aus Holz geschnitzt. Wiederum andere Typen stehen herum und wedeln mit großen Fliegenklatschen herum oder mit etwas, das aussieht wie zu groß geratene Tennisschläger.

Der ganze Tanz hat etwas völlig Absurdes. Bis einem klar wird, daß die gerodete Fläche eine Landebahn ist. Der Kerl auf dem Holzturm trägt tatsächlich Kopfhörer und spricht tatsächlich nicht in eine Rübe, die er in der Hand hält, sondern ein Mikrofon. Die Wedler auf der Landebahn sind dabei, einen Piloten einzuweisen. Diese Leute wiederholen nichts weiter als alle Aktivitäten, die sie einmal beobachtet haben, als es tatsächlich einen Flughafen gab, auf dem Maschinen starteten und landeten. Amerikanische Maschinen, den Bauch voller Versorgungsgüter aller Art. Materielle Konsumgüter aus einer industrialisierten Welt jenseits des Wassers, von der die Vorfahren der Rumwedler nichts wußten.

Was ich beschrieben habe, existiert tatsächlich. Anthropologen nennen das einen Cargo-Kult.  Auf einer Handvoll Pazifikinseln finden derartige Zeremonien tatsächlich statt. Denn die Einheimischen sahen damals, im Zweiten Weltkrieg, die großen Metallvögel der Amerikaner starten und landen und sie sahen die Palette an Gütern, die diese dabei hatten. Einige dieser Dinge müssen ihnen wohl gefallen haben, und was einem gefällt, hätte man gerne auch weiterhin zur Verfügung. So sind Menschen nun einmal. Continue reading →

Bruchlinien

Der Untergang des Abendlandes, den gewisse Pappnasen bei ihren Demonstrationen gegen einen denokratischen Staat immer wieder beschwören, ist natürlich völliger Blödsinn. Es ist übrigens gerade der demokratische Staat, der solche Demonstrationen erst ermöglicht. In anderen Ländern wären die Pegidioten© längst im Gefängnis gelandet. Oder in Arbeitslagern. Oder beides.

In der Türkei möglicherweise. Das Restland des Osmanischen Reiches, geführt von einem Staatspräsidenten, bei dem ich ganz erhebliche Zweifel an seiner geistigen Gesundheit habe, ist dabei, sich unter der Ägide eben dieses Mannes in eine autokratische Islamokratie zu verwandeln. Im Grunde ist ein Herr Erdogan damit auf keinem anderen Dampfer als der deutsche Standard-Konservative aus einer der C-Parteien. Die geben auch immer wieder was von Traditionen und Familienwerten und ähnlichem Zeug von sich und haben dabei Biedermeierkommoden und Häkeldeckchen vor Augen. Dazu drei Kinder, die mit dem Segen der – natürlich katholischen – Kirche in Missionarstellung heterosexuell gezeugt wurden und eine Ehefrau, die sich liebevoll um die Kleinen kümmert, während der Mann seiner Arbeit nachgeht und dabei die Sekretärin vögelt.
Ist halt nur irgendwie sehr ärgerlich, daß eben diese Zeit nicht mehr existiert. Besonders amüsant wird es, wenn man sich klar macht, daß diese Zeit auch nie existiert hat, außer in den Köpfen mancher Menschen. Nichts unterscheidet einen Andreas Scheuer von der CSU von einem islamistischen Glaubenskrieger aus der syrischen Wüste, jedenfalls nicht grundlegend. Der Islamist ist vermutlich gebildeter, immerhin kann der Arabisch lesen und schreiben, da hätte ich bei Herrn Scheuer erhebliche Zweifel.

In der Türkei wird dieses Problem mehr als offensichtlich, denn Erdogan möchte das Land in eine Version seiner selbst verwandeln, von der er glaubt, sie habe einmal existiert. Eine Türkei, in der natürlich Muslime Amerika entdeckt haben und wer was anderes behauptet,  hat ein psychologisches Problem und haßt den Islam.
Aber das ist eben nicht wahr, es sei denn, dieses „irgendwann“ ist etwa um 1650, als die Hohe Pforte noch einen nicht unerheblichen Teil der Welt regiert hat. Und selbst da hätte ich meine Zweifel, ob die Ähnlichkeit mit Herrn Erdogans wirren Gedanken besonders groß ist.
Die Türkei wurde von ihrem Gründer, dem Herrn Mustafa Kemal, Künstlername Atatürk, nicht ohne Grund als ein säkularer Staat gegründet. Also ein Staat, in dem Kirche und Staat eben getrennt sind.
Aus Erdogans Benehmen und Ansichten wird völlig klar, daß er eindeutig einen theokratischen Staat haben möchte. Was aber viele Türken nicht haben wollen. Wiederum andere fänden das gut. Aber nicht deshalb, weil diese Türken so wahnsinnig scharf auf den Islam wären oder seine Gebote. Nein, diese Menschen wählen die AKP, weil jemand wie Erdogan seine persönliche Wahnvorstellung als konservativ, als traditionell darzustellen vermag. Ebenso wie die deutschen C-Parteien verbreitet Herr Erdogan das Wohlfühl-Gefühl der guten alten Zeit™ um sich herum.
Man kann jederzeit einen ähnlichen Effekt erzielen, wenn man eine politische Rede vor 10.000 Menschen hält und dann den Begriff „Freiheit“ benutzt. Idealerweise in nicht allzu großem Abstand gefolgt von „Gerechtigkeit“.
Der Jubel der Menge ist einem sicher und vor allem wird kein einziger der Versammelten bei diesen Worten exakt das denken, was einer seiner Nachbarn denkt. Nie. Freiheit und Gerechtigkeit sind, ebenso wie das immer wieder beschworene Traditionelle der recht konservativen Rechtskonservativen, eine individuelle Vorstellung, sie sind diffus. Idealisierte Vorstellungen in den Köpfen von Menschen. Continue reading →

Sith-Lords in Europa

„Einen Staat, der mit der Erklärung, er wolle Straftaten verhindern, seine Bürger ständig überwacht, kann man als Polizeistaat bezeichnen.“
Ernst Benda

Deutschland hat Grund zur Freude. In all dem Gewurbel um irgendwelche Flüchtlinge geht völlig unter, daß die Waffengeschäfte ganz prima laufen. Schon jetzt haben wir alle mehr Waffen verkauft als 2014. Und zwar schon im ersten Halbjahr! Nein, ich habe keine Ahnung, wo ihr Anteil geblieben ist, aber das freut die Aktionäre der Rüstungsfirmen. Und die Vorstände. Und die Politiker, die Rüstungsfirmen im Wahlkreis haben, also den Herrn Kauder zum Beispiel. So rein gesamtstaatlich finde ich das eher ein wenig bedenklich, aber wer fragt mich schon?
Wobei ich da doch ein oder zwei Fragen hätte: Wer im Bundestag hat diese ganzen Exporte genehmigt und wer hat diese Leute eigentlich gewählt?
Und wo ist die großzügige Spende in gehobener dreistelliger Millionenhöhe, die Frau Bundeskanzlerin zur Bewältigung der Flüchtlingskrise von diesen Leuten doch sicherlich erheben möchte? Continue reading →

Blick über den Tellerrand

In Kalifornien ist es dürr. Noch immer. Jetzt hatte ja der Gouverneur dieses Bundesstaates beschlossen, daß man mal Wasser sparen könnte. Nicht etwa in der Landwirtschaft, die eindeutig der größte Verbraucher und Verschwender ist, sondern in den Privathaushalten. Inzwischen zeigt sich sehr schön, wie einige Amerikaner so über Wassersparmaßnahmen denken:

People “should not be forced to live on property with brown lawns, golf on brown courses or apologize for wanting their gardens to be beautiful,” Yuhas fumed recently on social media. “We pay significant property taxes based on where we live,” he added in an interview. “And, no, we’re not all equal when it comes to water.”

Keinen Gedanken verschwendet diese peinliche Entschuldigung für die menschliche Rasse daran, daß sein beschissener Golfkurs oder sein Rasen vor dem Haus vielleicht einfach nicht in eine Region passen, die eben von ihrer natürlichen Ausstattung her aus Wüste und Halbwüste besteht. Allein dieser Hinweis, daß ja nicht alle Menschen gleich sind, wenn es um Wasser geht, läßt mich wünschen, derartige Arschlöcher mögen beim Scheißen vom Blitz getroffen werden. Oder von mir aus auch beim Golf spielen. Man könnte sie auch wahlweise über Nevada abwerfen, ohne Fallschirm und vor allem ohne Wasser.
Zur Strafe für derartiges Denken wird die Dürre hoffentlich weitergehen. Die Wälder brennen jedenfalls schon. Aber das hat sicherlich nichts mit der Dürre zu tun. Derselbe Gouverneur, der die Landwirtschaft nicht unnötig mit Wassersparen belästigen möchte, hat den Notstand ausgerufen. Ich bin ja dafür, daß die Feuerwehr nur bei denen zum Löschen vorbeifährt, die nicht besonders viel Geld haben und sich auch sonst einfach an die Sparmaßnahmen halten. Den anderen Idioten soll ihr Haus ruhig mal abfackeln. Denn wenn wir nicht alle gleich snd, wenn es um Wasser geht, dann sind wir es auch nicht, wenn es um die Feuerwehr geht. Die Reichen können ihre Häuser ja neu aufbauen, die Armen nicht.

Ich verlinke hier absichtlich auf die NZZ, denn die Schweizer setzen gerade ihre Armee ein, um mit Hubschraubern Kühe zu tränken. Es ist wohl diesjährig ein wenig trocken im Kanton Jura.
Dabei verfliegen sich die Hubschrauber ab und an auch auf französisches Gebiet und klauen da Wasser, was zu kleinen Verstimmungen führt. Die Behörden überlegen derweil, den Versicherungsschutz für Landwirte zu verbessern, das ist natürlich ultimativ wichtig. Im Gegensatz zu den USA denken die Schweizer aber wohl auch darüber nach, wo man denn Wasser sparen oder umverteilen muß und kann. Continue reading →