Das wahre Morgen

– XII –

Blöd Runner

„For it is the chief characteristic of the religion of science that it works.”

Isaac Asimov, Foundation

Wenn es richtig ist, daß Kunstformen die zukünftige Entwicklung einer Kultur wiedergeben oder zumindest wiedergeben können, sitzen wir alle tief in der Scheiße.
Die unangenehme Wahrheit über die Zukunft, das wahre Morgen, ist dieselbe, die Hari „Rabe” Seldon für den bald darauf toten Kaiser im Gepäck hatte, um dort anzuknüpfen, wo ich diese Reihe vor der weihnachtlichen Besinnlichkeit unterbrochen habe.
Der Untergang des Imperiums ist nicht zu verhindern. Mit keinem Mittel, daß dieses Imperium selber zur Verfügung stellen könnte. Zu dogmatisch seine Wissenschaften, zu erstarrt sein Denken, zu unreflektiv und verbohrt seine Machtmenschen.
Irgendwie erscheint es mir so, als hätten diese Dinge eine Menge mit dem aktuellen Zustand unserer Zivilisation zu tun.

Als sich die junge Foundation in Asimovs gleichnamigen Romanzyklus gegen ihren ersten Gegner wehren muß, genügt ein Hinweis auf noch vorhandene Atomenergie, um alle Eroberungsgelüste der benachbarten, ehemals imperialen Provinzen zu unterdrücken. Alles wird in diesen Romanen atomar angetrieben. Selbst Werkzeuge, die beispielsweise mit Hilfe eines projizierten Kraftfelds Metall moleküldünn bearbeiten können und die man in der Hand halten kann, haben eine atomare Batterie als Kraftquelle. Die umliegenden Planeten kehren zurück zu Kohle und Öl, für den Wissenschaftler Asimov in seinem Roman ein unbedingter Rückschritt. Kernkraft, so die unübersehbare Überzeugung in seinen Romanen, wird dem Menschen die Macht in die Hand geben, die Sterne zu erobern. Sie ist Fortschritt in exakt dem Sinn, in dem dieser Begriff heute noch gebraucht wird. Oder besser, verzerrt. Technologie als Entwicklung zu höheren Weihen. Was vergangen ist, muß primitiver sein und schlechter.
Im weiteren Verlauf läßt Asimov seine Wissenschaftler die umliegenden Planeten mit ihrer Technologie infizieren. Und zwar in Form einer Religion. Hinter dem mythischen Brimborium verbirgt sich nichts anderes als High Tech, über die die anderen Welten der Region nicht mehr verfügen. Und so halten in der Foundation ausgebildete Priester die heiligen Rituale ein und der kleine Haufen aus Wissenschaftlern beherrscht diese galaktische Koordinate, ohne einen einzigen Schuß abzufeuern oder auch nur ein Kriegsschiff zu besitzen. Handel und Technologie sind die Geheimnisse der Herrschaft.
Ob ein Ingenieur sich als Priester versteht und seine Wartung atomarer Kraftwerke als heilige Handlung, ist für das Ergebnis unerheblich. So lange alle richtigen Handgriffe zur richtigen Zeit gemacht werden, wird die Anlage ordnungsgemäß funktionieren.

Der imperiale Diplomat Lord Dorwin, den ich ebenfalls im letzten Teil erwähnte, ist in seiner schnöseligen Arroganz der Meinung, die Ursprungswelt der Menschheit in achthundert Jahre alten Büchern zu suchen, sei tatsächlich archäologische Forschung. Der eigentliche Grusel an der von Asimov beschriebenen Szene ist aber, daß sein Gesprächspartner, immerhin der offizielle Anführer des nominell größten wissenschaftlichen Projekts seiner Zeit, dieser Auffassung des blutleeren Adligen rundheraus zustimmt.
Asimov läßt einen verzweifelten Gegenspieler des amtierenden Chef-Enzyklopäden in der Ratsversammlung das Problem treffend beschreiben:

And for the third time: “Don’t you see? It’s galaxy-wide. It’s a worship of the past. It’s a deterioration—a stagnation!”

In Asimovs Roman sind Wissenschaftler also der festen Überzeugung, es sei echte Forschung, uralte Dinge ständig zu wiederholen. Unmittelbar fühle ich mich an die schöne Szene in Star Wars II erinnert, in der die Bibliothekarin in überaus empörtem Tonfall zu Obi Wan sagt: „Was sich nicht in unseren Archiven befindet, existiert auch nicht.”
Und immerhin sucht der Jedi-Meister in dem Moment ein ganzes Sonnensystem. So was verliert man nicht einfach mal im Wohnzimmer.
Unsere aktuelle Zeit, dieses größte Imperium, das Mensch jemals errichtet hat, krankt an denselben Symptomen wie das Galaktische Imperium der Foundation.
Der Unterschied ist lediglich, daß wir nicht die Vergangenheit anbeten. Wir verehren die Zukunft. Ausschließlich.
Ganz im Gegenteil besteht unsere Wissenschaft sehr oft vehement darauf, daß Blicke in die Vergangenheit nur von der Zukunft ablenken. Die wiederum wird so sein wie heute, nur noch digitaler. Auch unsere Wirtschaftstheorie, die strenggenommen gar keine solche ist, beharrt darauf, daß Vergangenheit ausschließlich für staubige Archivare oder so gut sein kann. Continue reading →

Supermarkt der Selbstverständlichkeiten

„Ich kauf mir was. Kaufen macht soviel Spaß, ich könnte ständig kaufen geh’n. Kaufen ist wunderschön.”
Herbert Grönemeyer

Einkaufen im Supermarkt. Es ist immer wieder ein Erlebnis.
Zum Start gibt es winzige „Disney”-Schlangengurken. Nicht etwa lose. Nein, im Tray stehen kleine runde Plastikbecher mit gewölbtem Deckel. Denn natürlich müssen Zwerschlangengurken in ihrer Schale ganz speziell geschützt werden vor Räubern und Dieben. Oder so was in der Art, jedenfalls. Denn ansonsten wüßte ich nicht, warum man eine Gurke noch extra verpacken sollte. Ich kaufe in diesem Moment übrigens lose Champignons. Die werden nicht extra verpackt. Die verpackten Kollegen stehen in der Plastikschale oben drüber und sind per Kilogramm noch einmal sechzig Prozent teurer als die auch nicht ganz billigen losen Champignons. Die allerdings muß ich in einen Plastikbeutel stecken, denn sie müssen an der Kasse gewogen werden. Ich könnte sie einzeln da hinbringen, aber bisher war mir das noch zu doof.
Die kapitalistischen Komplizinnen an der Addierhilfe denken sich vermutlich schon immer ihren Teil, wenn ich mit Karotten ankomme, die sie einzeln abwiegen müssen. Oder Paprika. Die stehen als nächstes auf meinem Zettel. Normalerweise kaufe ich ohne Zettel ein, denn das trainiert das Gedächtnis. Dummerweise führt es auch dazu, daß ich gelegentlich das eine oder andere vergesse. Meistens Dinge, die man nicht essen kann oder die eben relativ selten auf Liste stehen. Weswegen ich manchmal doch Zettel schreibe, die ich dann aber gerne vergesse.
Jedenfalls liegen besagte Paprika ebenfalls im Plastiktray und leuchten mich dreifarbig abgepackt an. In Knisterfolie abgepackt, klare Sache. Ich kaufe die andere Sorte, in lose. Keine Verpackung. Und einzelnes Abwiegen an der Kasse, denn im Gegensatz zu sieben oder acht Karotten sind die Paprika für die Kassenwaage oft zu sperrig. Aber das ist ja nicht mein Problem. Stau an der Kasse ist wie auf der Autobahn: Immer nur hinten doof.

Nächster Punkt sind dann Tomaten. Ja, ich gebe es offen zu: Ich bin tomatensüchtig. Sollte es in unserer Gesellschaft jemals Bedarf an der Gründung der Anonymen Tomatoholiker geben, bin ich ganz vorne mit dabei, keine Frage. Tomaten landen bei mir regelmäßig im Essen – sei es gekocht oder eben, sauber in Scheiben zerlegt, auf meinem Frühstücksbrot. Beziehungsweise, auf dem Käse auf dem Frühstücksbrot. Dummerweise ist es gerade Winter, aber Tomaten gibt es trotzdem. Neuerdings auch in gelb oder einem seltsamen Aubergine-Farbton. Ich habe nicht die geringste Ahnung, warum jemand so etwas unbedingt kaufen wollen sollte, aber sie sind da. Genauso wie weiße Auberginen oder runde Auberginen, die aber immerhin noch die alte Farbe haben.
Selbst der Brokkoli, nächster Punkt auf der Liste, hat inzwischen einen seltsamen Abkömmling gezeugt, der Romanesco heißt und wie eine Kreuzung aus Fensterkitt und dreihundert Jahre alten Butterkeksen schmeckt. Ich mag sowohl den Blumenkohl als auch den Brokkoli, aber die Kombination aus beiden zeigt ganz klar, daß Genetik mit Sicherheit keine Lösung für irgendein Nahrungsproblem ist, das gar nicht existiert. Eine ganze Generation hoffnungsvoll ausgebildeten wissenschaftlichen Nachwuchses ist in den Laboren und auf den Zuchtfarmen der Lebensmittelindustrie gelandet und produziert Müll, den man essen soll.

Was den Käse, die Wurst und anderes angeht, so kaufe ich auch das ein. Verpackt in Plastik. Ich könnte natürlich auch an der Frischetheke zuschlagen und dafür mehr Geld bezahlen. Aber das Geld habe ich gar nicht, die Waren unterscheiden sich nicht wirklich signifikant und die jeweiligen Fachverkäuferinnen legen auch zwischen jede Scheibe Wurst oder Käse irgendeine Plastikfolie. Da kann ich auch ins Kühlregal greifen.
Dieses Kühlregal enthält eine unfassbare Menge an Dingen. Vor einer Weile suchte ich tatsächlich erstmals in meinem Leben gebratene Putenbruststreifen. Die gibt es, das weiß ich ganz genau.
Allerdings hatte ich Mühe, sie im Regal zu finden. Denn da stehen sie versteckt zwischen Dingen wie fertigen Teigtaschen mit Füllung, einer ganzen Palette angeblicher Feinschmeckersaucen für Pasta und anderen Erzeugnissen der modernen Lebensmittelindustrie, die in meinem Kopf sofort die Frage aufkommen ließ: „Meine Fresse, gab es das vor 20 Jahren auch schon?” Continue reading →