Priceless

»The Spice must flow!«
Padishah Emperor Shaddam IV. Corrino

Irgendwo in einem Kaminzimmer klingelte vor einigen Tagen ein Telefon. Zumindest stellt sich mein Gehirn das so vor. Aus einem mit extremst gemütlichen Flausch überzogenen Ohrensessel streckt sich eine Hand aus und ergreift mit einem Ausdruck vollkommenster, belangloser Lässigkeit den Hörer des Geräts.

»Jo?«
»BigBoss, ich habe hier so eine Reederei dran. Die wollen ihre Schiffe wieder fahren lassen.«
»Und? Wo ist das Problem?«
»Der Krieg.«
»Watt? Welcher Krieg?«
»Na, der amerikanische Präsident hat zusammen mit Israel den Iran überfallen.«
»Den Iran? War das nicht der Irak?«
»Nee. Das war mal. Neuer Präsident.«
»Echt? Schon wieder? Wer denn?«
»Donald Trump.«
»Ernsthaft? Schon wieder?«
»Na ja, er hat die Stimmauszählung manipuliert und…«
»Und da glaubt immer noch einer, Demokratie existiert? Wie doof können Leute sein?«

»Also, was das angeht…«
»Egal. Da ist Krieg?«
»Jo. Alle schießen.«
»Die Straße von Hormuz?«
»Yep.«
»Dat versicher’n wa nich.«

+++++

Der angebliche amerikanische Präsident und die erbärmliche Junta aus Arschkriechern und Speichelleckern, die ihn umgibt, wird sehr bald einen äußerst unangenehmen Zusammenstoß mit der Realität erleiden, die diese Leute in ihrer happy Propaganda-Welt immer wieder ausblenden oder in ein projiziertes Zerrbild ihrer eigenen Erbärmlichkeit verwandeln.
Während Donald Trump darüber erzählt, dass er womöglich den Iran noch ein bisschen ‚just for fun‘ bombardieren wird und die USA gewonnen haben, aber noch nicht gewonnen genug, regelt die Physik.
Während der US-Kriegsminister (sic!), ein versoffener Kneipenschläger, der auf St. Pauli nicht mal Türsteher in der letzten Kaschemme sein dürfte, darüber schwadroniert, dass „die Presse” den Krieg nicht schön genug darstellt und der Überwacher der Rundfunkfrequenzen, FCC-Boss Brendan Carr, diese Medien mit Lizenzentzug bedroht, sollten sie nicht im ‚public interest‘ berichten, ist der Krieg, den diese Idioten angezettelt haben, bereits verloren.
„Öffentliches Interesse”, zur Erläuterung, bedeutet natürlich: Alles, was der Präsident sagt, ist automatisch wahr und richtig. CDU-Wähler und ihre AfD-Kumpel verstehen das.

Die Straße von Hormuz ist trotzdem geschlossen. Sie ist nicht geschlossen, weil der Iran diese Meerenge vermint hat. Oder weil die US Navy – zumindest prinzipiell – nicht in der Lage wäre, Tanker durch die Passage zu geleiten.
Die Halsschlagader der fossilen Weltwirtschaft ist geschlossen, weil von sieben Schreibtischen in London und anderswo sieben Schreiben rausgegangen sind, die wiederum an die großen Reedereien der Erde gerichtet waren.
In Essenz besagen diese Schreiben etwa: »Ihre War Premium Insurance ist leider aktuell nicht verfügbar.«

Ein Mineralölkonzern und Weltvernichter wie ExxonMobil würde eventuell seine Tanker gerne fahren lassen. Immerhin ist das ein US-Unternehmen und warum sollte ein US-Unternehmen Donald Trump nicht vertrauen? Warum sollte überhaupt jemand diesem Mann nicht vertrauen, wenn er was sagt?
Gut, er sagt alle zehn Minuten was anderes, das womöglich noch mehr wirre Scheiße ist als das von vorher, aber er sagt es in absolutistischer Selbstüberzeugtheit. Der Witz ist nur, dass Exxon gar keine Tanker hat. Die werden gemietet. Gehören also den Reedereien, den acht oder zehn jedenfalls, die etwa 90% des globalen Handels über die See regeln.

90% des globalen Seehandels, der wiederum etwa 90% aller Produktströme darstellt, das ist relativ viel Zeug. Unter anderem 350 Meter lange VLCC, das steht für Very Large Crude Carrier. Sprich: Öltanker. Große Öltanker.
Wenn diese Dinger keine Transportversicherung mehr kriegen, dann fahren die nirgendwo hin. Dieser Prozess ist mit keinen Bomben und Raketen wieder rückgängig zu machen. Aktuell sagen die globalen Versicherer, dass das Transportrisiko unkalkulierbar ist. Was ich nicht kalkulieren kann, kann ich nicht bepreisen. Was keinen Preis hat, kann ich nicht handeln. Ergo ist das „Produkt”, was immer es sein mag, nicht mehr vorhanden. Es ist vom Markt.

In panischer Hektik, da niemand damit rechnen konnte, dass ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg eventuell Konsequenzen haben könnte, haben die USA jetzt per Handwinken russisches Öl von allen vorher verhängten Sanktionen ausgenommen. Alle irgendwie schattigen Öltanker von Putins Schwarzmarkthändlern nahmen daraufhin Kurs auf Indien. Was interessanterweise bedeutet, dass Delhi tatsächlich Beijing überboten haben muss.

Allerdings wird diese Maßnahme sinnlos sein. Erstens verdient Putin damit wieder Geld, um die Ukraine weiter zu erobern. Zweitens hat das auf den Weltmarkt keinerlei Einfluss. Denn irgendwie kommt Kassandra zu dem Schluss, dass russisches Öl ja auch seit 2022 Teil des Weltmarktes gewesen ist. Allen Sanktionen zum Trotz. An die sich keiner hält.
Dieser Fakt gilt übrigens auch für iranisches Öl. Darum ist die Idee von Donald Dickhead in Washington, die Ölverladeinsel Kharg vor Irans Küste nochmal zu bombardieren, auch wahrlich extrem clever. Kein Vogone könnte sich was Dümmeres ausdenken.
Auch iranisches Öl hat bisher seinen Weg in den Weltmarkt gefunden. Nach China zum Beispiel, da sich die chinesische Regierung nicht einfach ins Seidenhöschen scheißt, wenn Washington irgendwas mit ‚Sanktionen!‘ ruft. Europa macht das anders und lässt sich vom US-Imperium wie immer willig ficken.
Wenn die USA jetzt die Ölexportkapazität des Iran wegbomben1, fehlt dieses Öl also im globalen Markt. Ebenso wie die 15% an Rohöl und LNG (Flüssiggas), die sonst täglich durch die Straße von Hormuz geflossen sind. Cleverer Zug im Taubenschach.

In einer anderen Panikreaktion hat die IEA, der Energie-Watchdog des Planeten, vor einigen Tagen beschlossen, demnächst 400 Millionen Barrel Öl auf den Markt zu werfen. Die USA schlossen sich an und wollen sich zusätzlich mit 172 Millionen Barrel beteiligen.

Dies wiederum führte zu folgendem Gespräch zwischen Kassandra und ihrem Einhorn:

+++++

»Wieso „zusätzlich”?«
»Weil die USA nicht zur Internationalen Energieagentur gehören.«
»Ach? Spannend. Wie viele Reserven haben die so?«
»Öhm – gute Frage…

*Tastaturgeräusche*

…dem ollen Internet zufolge ca. 714 Millionen Barrel.«
»Hmmm. Sag mal, was brauchen die Amis eigentlich so jeden Tag?«
»Öhmmm – gute Frage…

*Tastaturgeräusche*

…dem ollen Internet zufolge liegen die schon wieder bei 20-21 Millionen Barrel pro Tag.«
»Krass! Die lernen es echt nicht. Und wieviel Reserven haben die aktuell?«
»Hervorragende Frage! Es gibt da eine Seite…

*Tastaturgeräusche*

…auf der man das einsehen kann. Also, Stand 06.März waren es 415 Millionen Barrel.«
»Also ist der Reservetank nicht mal voll?«
»Nö. Nicht wirklich. Ganz schön blöd für ’ne strategische Reserve.«
»Wir könnten unsere Gaslobbyistin aus dem Wirtschaftsministerium da mal rüberschicken, dann sind wir die los.«
»Das wäre eventuell Einsatz biologischer Kriegführung und somit geächtet.«
»Ach komm schon! Warum sollten wir uns uns immer an internationale Regeln halten?«

+++++

Dieses Gespräch hat sich anschließend noch eine Weile weiter hingezogen. Grundlegend hat das Einhorn aber völlig recht. Alle Angaben entsprechen den Fakten.
Was also bedeutet, die USA haben vor, 41% ihrer aktuellen Rohölreserven² auf den Markt zu drücken, damit der Sprit nicht so teuer wird. Wie oft kann man das machen, bevor einem die Reserven ausgehen, frage ich mal.
Selbstredend werden die USA dieses Öl im heimischen Markt verbrennen. Dann ist es aber weg.
Was bedeutet, irgendwer muss es nachbestellen. Ebenso wie alle anderen Länder, die an den 400 Millionen Barrel beteiligt sind. Was bedeutet, die Nachfrageseite kriegt krass viele emails aus dem Rest der Welt, die da lauten: »Wir würden gerne mal so drölf Millionen Barrel nachbestellen.«

Daraufhin werden sich Gespräche dieser Art ergeben:

+++++

»Also, wir brächten da mal dringend drölf Millionen Barrel Rohöl.«

*gepflegtes plain british english mit leisem Kratzakzent des Arabischen*

»Aber liebend gerne. Wann?«
»Boah. Schwierig. Aber ich sach mal, so vorgestern wäre gut. Also…November?«
»Ja, bis dahin haben wir das Zeug mal gefördert, könnte passen.«

+++++

Öl, verehrte Vorbeileser und Stammleser, wird mit Monaten an lead time, also Vorlauf, bestellt. Überhaupt sind lead times in der globalen Industrie an sehr vielen engen Punkten von großer Wichtigkeit. Fast könnte man den Eindruck gewinnen, das jahrzehntelanges Trimmen auf „Effizienz” dafür gesorgt hat, dass die großen Versorgungsstrukturen der Welt nur noch aus völlig überlasteten Arterien bestehen, die den Patienten jederzeit mit einem Kollaps ihrer Transportkapazität killen können.
Aber Hauptsache, wir nutzen das Internet fleißig weiter dazu, den Kunden Arbeit erledigen zu lassen, damit man sich weiter oben die ganzen freiwerdenden Profite einsacken kann.
Oder, um es mit Donald Trump zu brüllen: »Hoher Ölpreis ist GEIL, da werden wir mal FETT REICH!«

Der aktuelle John Doe mit seiner AR15 auf dem Beifahrersitz zahlt im aktuellen Schnitt $3,63 für seinen Sprit. Also, pro Gallone natürlich, die Amerikaner können ja erwiesenermaßen mit dezimalen SI-Einheiten nichts anfangen.
Das wären nach kurzer Berechnung und Umrechnung in Euro pro Liter ca. 85 EUR-Cent. Das wiederum empfindet John Doe als zu teuer.
Da ist er einer Meinung mit Diesel-Detlef in Deutschland, der auf TikTok schäumend die Spritpreise fotografiert und auch sofort weiß, dass an dieser Verschwörung natürlich die Grüüüüünen beteiligt sind. Der CO2-Preis und so. Der hat sich zwar nicht im geringsten verändert, aber mit Logik haben es weder John Doe noch Diesel-Detlef besonders. Natürlich fährt Detlef ein Verbrenner-SUV, gern eines deutschen Herstellers, damit es wenigstens schon im Einkauf absurd teuer ist. Da muss man konsequent sein.
Wer immer also mit hohen Ölpreisen reich wird, es ist nicht der durchschnittliche AfD-, CxU- oder ehemalige spd-Wähler oder sein amerikanisches Äquivalent. Irgendwer wird sich das Geld schon einsacken, das ist klar.

Die Straße von Hormuz ist geschlossen. Sie wird es bleiben. Wie lange wird also eine Stützmaßnahme wie die Freigabe strategischer Reserven genügen?
Nun, auch das kann man vorausahnen. Wenn die USA 172 Millionen Barrel haben und sie 20 Millionen täglich verballern, dann reicht diese eigentlich recht riesige Menge ganze 8,6 Tage. Also bis übernächsten Dienstag. Ja, Mensch – das ist nicht so lang hin. Eigentlich ist das sogar extrem unbeeindruckend. Auch die 400 Millionen Barrel der IEA langen global betrachtet exakt für vier Tage. Nicht Wochen.

Jetzt muss man der Korrektheit halber bedenken, dass nicht alles Öl vom Markt weg ist. Es ist „nur” etwa ein Fünftel, also 20% der sonstigen Durchflussmenge. Na gut. Was bedeutet das?
Bei der letzten großen Ölkrise aus politischen Gründen im Jahre 1973, so sagen es Geschichtsbücher und damalige Artikel, haben die bösen Saudis den Ölhahn zugedreht.
Leider ist das völliger bullshit, denn damals™ belief sich der Ölmangel im Gesamtsystem auf etwa fünf Prozentpunkte des vorherigen Gesamtvolumens. Die damalige deutsche Regierung verhängte Tempolimits, autofreie Sonntage und Sperrzeiten für nicht essentiellen Verkehr. Amerikaner erschossen sich gegenseitig an Tankstellen.
Der aktuelle deutsche Clowns-Club, der die Regierung spielt, wird wieder Milliarden an Tankrabatten ausschütten, die Armen sollen es bezahlen und natürlich sinkt dadurch der Preis genau so wenig  wie beim letzten Mal, drum gibt man dieses Mal dreimal so viel Geld aus. Außerdem, so lässt es der gelernte Industriedesigner und Ingenieur Markus Söder aus Bayern verkünden, brauchen wir natürlich „hocheffiziente Verbrenner”.
Bullshit upscaling. Der Verbrennungsmotor ist eine uralte Technologie, die von Generationen an Ingenieuren zu dem vertüddelt worden ist, was er heute ist: hocheffizient, elektronisch geregelt, verwirbelt und entgiftet.
Der Verbrenner ist schlicht und einfach so effizient, wie man ihn machen kann.

Was Dümmeres als Wirtschaftswissen-
schaftler finden Sie in keinem Tierpark. Es sei denn, Sie stehen am Affengehege neben Markus Söder.

Wir multiplizieren daher die oben erwähnten 8,6 Tage Reichweite des amerikanischen Reservetanks mal mit dem Faktor 5, da es ja noch anderes Öl gibt und kommen somit auf 43. Verdammt! Das ist knapp neben der einzig wahren Zahl, aber trotzdem korrekt.
Witzigerweise passt das aber ganz gut, denn es gibt einen weiteren Faktor, der von vielen Menschen nicht bedacht wird. Wenn jemand von „strategischen Reserven” erzählt, dann ist das keine Fiktion. Es sind Öltanks. Im Boden. Auf dem Boden. Riesige Tanks. In den USA lagert die SPR – die strategic petroleum reserve – vorwiegend in Salzkavernen unter dem Boden von Texas und Louisiana. In Deutschland sind diese Reserven unter dem Boden Schleswig-Holsteins zu finden, der Löwenanteil bei Wilhelmshafen.
Diese Ölblasen müssen also eine Leitung haben, die in den geheimnisvollen Markt führt. Das haben die auch tatsächlich. Eine Pipeline hat aber eine Kapazität. Durch ein Rohr kann immer nur eine begrenzte Menge an Flüssigkeiten oder Gasen jeder Art hindurch.
Im Falle der USA hat die entsprechende Pipeline eine Kapazität von 4 mb/d. 43 Tage x 4 Millionen Barrel = 172 Millionen Barrel. Man erkennt deutlich, selbst wenn die USA mehr haben wollten, sie könnten es nicht aus ihrer eigenen Reserve holen, denn dafür mangelt es an Kapazität. Aktuell benötigen die USA etwa sechs bis sieben Millionen Barrel täglich als Zukauf.

Nanu? Wie kann das sein, wo doch immer noch gefrackt wird und das alles so super funktioniert?
Simple Erklärung: es wird immer weniger gefrackt und es hat nie toll funktioniert. Was die USA mit ihrer Umweltverwüstungsorgie hinbekommen haben, ist es, den Ölpreis von 2011 – 2014 stabil zu halten. Stabil hoch, nämlich im Schnitt über 100$/barrel übers Jahr. Aber stabil.
Inzwischen, mit sinkenden Frackingerträgen, nimmt die Importmenge wieder zu. Exakt das, was manche Kassandras auch vorhergesagt hatten.

Es ist auch genau dieses Wort, das in den Presseerklärungen der letzten Tage immer wieder auftaucht. Stabilität.
Es geht hier gar nicht darum, den Preis zu drücken.
Es ist aber auch klar, dass die Preise für das wichtigste Handelsgut des Planeten nicht fallen werden in nächster Zeit. Wenn die USA pro Tag sechs Millionen Barrel Öl zukaufen müssen, plus zwanzig Prozent, die jetzt dauerhaft wegfallen, aber die Reserveleitung nur vier Millionen an Durchfluss hat, bleiben etwa drei bis vier Millionen Barrel an Unterversorgung. Täglich. Diese angegebene Leistung ist zudem das Maximum und üblicherweise kann man technische Gerätschaften und Anlagen nicht ewig lang unter Maximalanforderungen fahren. Da muss man kein Chefingenieur sein, um das zu wissen.

Global sieht es exakt gleich aus. Da alle jetzt Reserven rausballern, um die Stabilität zu stützen, müssen alle nachbestellen. Was dann zu dem oben beschriebenen Gespräch mit dem arabischen Kollegen führt.
Allerdings haben auch die Saudis, die Emirate und die anderen Fossilbanditen am Golf nur begrenzte Pipeline-Kapazitäten. In Saudi-Arabien führt beispielsweise eine Linie vom Nordosten des Landes nach Südwesten. Also vom Persischen Golf und Ras Tanura, dem größten Raffineriekomplex der Erde, ans Rote Meer und die Küste gegenüber. Aber – man ahnt es bereits – auch der Durchfluss dieser Linie reicht nicht aus, um den Ausfall der Straße von Hormuz zu kompensieren. Die entsprechenden Exportländer reden von ca. 70%, die hier durch anderes Routing ersetzt werden können.
Das führt natürlich im Endeffekt dazu, dass diese Infrastrukturen dann nicht mehr für ihre aktuellen Zwecke genutzt werden können. Beispielsweise die Beladung von Tankern. Man kann das Zeug also teilweise umrouten, verliert dann aber Ladefähigkeit. Was sich übersetzt in weitere Verzögerung.

Der Idiot im Weißen Haus hat sich von Netanyahus Israel in einen Krieg hineinziehen lassen. Es gibt kein klares Ziel. Der Enthauptungsschlag³ der Kriegstreiber war erfolgreich. Zumindest auf den ersten Blick. Aber das Regime hat keinen Bock, sich einfach auswechseln zu lassen. Offenbar hat man in Teheran beschlossen, die Angelegenheit auszusitzen. Was ich völlig nachvollziehen kann. Worüber sollte man mit diesem Amerika und seinem Verbündeten noch verhandeln?

Da Diplomatie also keine Option ist, hat der Iran auf Nachbarländer geschossen. Darüber hat sich der Idiot im Weißen Haus gerade erst verwundert geäußert und das als ungehöriges Benehmen kritisiert.
Dabei war es exakt das, was die – jetzt tote – iranische Führung für den Fall eines Angriffs auf das Land angekündigt hatte. Auch als Warnung an die Nachbarstaaten mit den vielen US-Stützpunkten. Die – jetzt lebende – Führung hält also nur das, was gesagt wurde. Für Trump natürlich ein Affront.
Wenn man ohne Plan, Sinn und Verstand so eine Scheiße vom Zaun bricht, geht einem irgendwann noch etwas auf: Armeen, die wild rumballern, brauchen Nachschub.

Vor vier Tagen hatte ich überlegt, was eigentlich passiert, wenn Israel langsam die Raketen für die Abwehr der Raketen ausgehen. Oder den USA. Oder beiden. Oder allen anderen. Üblicherweise sind Anti-Raketen-Raketen nämlich nicht ganz unkomplex und auch nichts, das man mal im Hinterhof zusammen dengelt. So etwas erfordert Lieferketten und eine High-End-Industrie irgendwo hinten dran. Hatte ich das mit den lead times schon erwähnt eigentlich? Gut.

Heute sagen erste Berichte, dass die israelische Regierung 800 Millionen Euro in ihren Budgets verschiebt, zwecks Einkauf von ‚advanced weapons‘. Außerdem hat sie den USA mitgeteilt, dass sie im Bestand der Abwehr kritische Werte erreicht. Offiziell wird die Lage und Anfrage bestritten.
Der Idiot im Weißen Haus hat derweil schon Allierte aufgefordert, sie mögen doch die Straße von Hormuz sichern.
Auch China war dabei. Donald Trumps Allianzen des Augenblicks treiben erstaunliche Blüten. Im Umkehrschluss bedeutet das natürlich, dass die USA den Job so schnell nicht werden machen können.
Es würde auch nichts bringen. Sie wissen schon – die Versicherung.

Wie viele Raketen der Iran noch hat, weiß ich nicht. Keine Ahnung. Aber wäre ich an deren Stelle, hätte ich unter dem eher gebirgigen Gelände des Iran bestimmt noch ein paar tausend Laster und Raketen auf Halde geparkt.
Dieses Gelände hätte übrigens auch bei einer Bodeninvasion Konsequenzen für Panzereinsätze.
Ich würde mich auch an Teherans Stelle nicht zurückhalten und einfach mal 500 Raketen auf die israelische Küste abfeuern. Da liegen die Erdgasfelder, die wiederum die Entsalzungsanlagen mit Energie versorgen. 60% des israelischen Wassers entstammt der Entsalzung. Für andere Staaten der Region erreichen die Werte für diese Methode 90 Prozent.
Selbstverständlich würde die Welt das als fieses Verbrechen ahnden wollen. Aber warum sollte mich das als Mitglied des Regimes interessieren. Welches Kriegsverbrechen sollte ich begehen, dass die US Navy oder die IDF nicht schon vor mir begangen haben?
Israel droht übrigens offen dem von ihm bombardierten Nachbarland Libanon mit der Annektierung der südlichen Landesteile. Als das letzte Mal ein Russe die Nummer durchgezogen hat, waren alle sehr empört auf dem Planeten.

Ich sage nicht, dass ich derartiges Benehmen zwischen Staaten gutheiße. Ich errechne aber für diese oder ähnliche Ereignisse eine relativ hohe Eintrittswahrscheinlichkeit. Israel und die USA haben mit ihrem Angriff auf den Iran einen Fehler begangen, unter deren Folgen die Welt erst in den nächsten Wochen und Monaten so richtig zu leiden haben wird. Die USA hatten ganz offensichtlich gar keinen Plan. Sollte es der Plan Israels sein, den Iran zu zerschlagen und ihn in eine Warlord-Zone zu verwandeln, klingt das als Ziel erst einmal brauchbar. Bei näherer Überlegung ist es aber auch wieder bullshit. Denn jeder dieser Warlords würde alle Raketen, die er mal finden kann, gegen irgendwen abschießen. Eine Marionettenregierung in Teheran könnte zu Recht darauf verweisen, dass sie es nicht war und sich die betroffenen – und getroffenen – Anrainerstaaten doch bitte mit dem örtlichen Häuptling unterhalten sollten.
Irgendwann wird dann vermutlich jemand aus Israel eine starke, zentralisierte Regierung in Teheran fordern. Für die Sicherheit.

Die apokalyptischen Wahnwichtel in Washington und anderswo haben ihren ultimativen Krieg gegen das Böse begonnen. Die Schockwellen der Ereignisse treffen auf ein maximal zerbrechliches System totaler Abhängigkeiten.

Ich komme zu der Überzeugung, dass die systemischen Schockwellen, die hier ausgelöst worden sind, die Struktur der gesamtem Weltwirtschaft gefährden können, mit weiteren Iterationen ausufernder Instabilität auch in anderen Regionen der Erde.
Eine dauerhafte Verringerung des Zuflusses an fossiler Energie hat Auswirkungen auf ziemlich exakt alles, was globalisierte Wirtschaft so beinhaltet.
Nichts davon ist einfach zu reparieren oder wieder auf Knopfdruck in Gang zu setzen. Selbst wenn der Iran nächsten Freitag kapituliert, wird der Mann im Kaminzimmer die Schiffe erst einmal nicht versichern. Das muss dann erst neu berechnet werden. Unsere industrialisierte Welt hängt schon lange an einem dünnen Faden aus Öl.

43 Tage ab heute bedeuten den 27. April 2026.
Dann wäre der erste Reserveschub verbrannt. Diese Uhr tickt. Sie tickt aufgrund von Faktoren, die letztlich biophysikalisch sind, physikalisch, chemisch oder in anderer Form an Prozesse gebunden, die von einer irre gewordenen Politik keinerlei Anweisungen entgegen nehmen. Das mussten sie nie. Es ist vollkommen egal, was der Präsident der USA will, was er sagt, oder ob das jetzt Donald Duck statt Donald Trump ist. Nichts von alldem wird auf die betroffenen Faktoren einen Einfluss haben.

Niemand wird irgendeinen Tanker von 350 Metern Länge mit Warenwerten an Bord, die aktuell bei etwa 420 Millionen US-Dollar liegen, ohne eine Versicherung irgendwo hinfahren lassen.
Bereits die letzte angebliche Krise hat klar gezeigt, wo der ideale Preis der Wirtschaftswissenschaftler und derjenige der Energiekonzerne so liegt. Spoiler: es gibt keinen idealen Preis mehr an der Stelle. Öl ist entweder zu billig oder zu teuer, je nach Standpunkt.
Exakt das ist Teil eines Rattenschwanzes an Problemen, welche die Weltwirtschaft seit Jahren plagen und die natürlich jetzt zur weiteren Verschärfung der Lage beitragen. Für Standardökonomen sind die sich daraus ergebenden Effekte natürlich noch immer geheimnisvoll und unerklärlich. Wenn die eigene Theorie ständig dabei auf die Fresse fällt, das reale Universum zu erfassen und vorherzusagen, ist deine Theorie scheiße. Die Realität ist daran unschuldig.

Kassandra sagt: alle verkündeten Maßnahmen sind kurzfristig geeignet, dem Ölmarkt eine gewisse Stabilität zu geben. Wenn diese Stabilitätsreserve sich aber aufbraucht, wird es unlustig. Schon bei einer weiteren Runde der IEA würden vermutlich einige Mitgliedsländer sagen: Nein, da machen wir nicht mit. Wir werden unsere Reserven nicht weiter schröpfen, um damit den Preis an der Zapfsäule nicht eskalieren zu lassen.

Natürlich wird das gerade in Deutschland die Blechfetischisten wieder aufheulen lassen.
So von Radfahrer zu Dosenschubser: wäre euer Sprit so teurer geworden wie mein öffentlicher Nahverkehr in den letzten 25 Jahren, läge der Liter Benzin in Deutschland aktuell bei etwa EUR 3,40.
Falls jemand demnächst die Geschichte des armen, leidenden Autofahrers erzählen möchte, der immer geschröpft wird vom Staat und deshalb 30.000 km extra mit dem Dienstwagen rumkacheln muss, um das ganze Geld zu verdienen, das man ihm dann wegnimmt. Die Mehrwertsteuer ist preisabhängig, aber der Staat macht den Preis gar nicht. Die Konzerne machen den Preis. Der Gewinnanteil der Mineralölkonzerne ist in den letzten zwei Wochen von 34 Cent auf 47 Cent gestiegen. Pro Liter. Ich bin dafür, dass wir das einfach im Zweifel der Regulierung durch den Markt überlassen. Da ist doch ein Großteil der SUV-Fahrer auch immer großer Fan.
Klar könnte man die Steuern senken. Aber ratet mal, von wem sich der Staat die dann fehlenden Milliarden wieder holen wird. Bisschen Mautgebühr, anyone?
Und falls das mit dem Arbeiten zu viel wird, geht doch einfach ins Bürgergeld. Da kriegt man doch alles bezahlt. Vielleicht auch den Sprit für’s SUV. Das Paradies des bezahlten Nichtstuns liegt vor euch, ihr müsst nur danach greifen. Gut, es kann jetzt nicht jeder bayerischer Ministerpräsident werden oder Bundeskanzler oder Katahrina Reiche. Aber das ist ja nicht mein Problem.

In spätestens 43 Tagen werden die großen Industrienationen das Problem haben, den Preis der wichtigsten Handelsware der Welt weiterhin stabil zu halten. Wenn das mißlingt – und es wird politisch auf jeden Fall mißlingen, da ist die Physik gnadenlos – wird die Preiskurve fossiler Rohstoffe zunehmend erratisch werden.

+++++

Irgendwo in einem klimatisierten, hochherrschaftlichen Bürotrakt klingelt ein Telefon. Aus einem mit extremst gemütlichen Flausch überzogenen Ohrensessel streckt sich eine Hand aus und ergreift mit einem Ausdruck vollkommenster, belangloser Lässigkeit den Hörer des Geräts.

»Jo?«
»BigBoss, ich habe die deutsche Wirtschaftsministerin dran…«
»Hah! Die olle Gastante! Stell durch, Amigo!«

»BigBoss, Kate hier.«
»Jo. Wie isset? Läuft alles mit deiner fossilen Wende? Die letzte Solarzelle schon geschreddert? HaHaHAH! Watt willste?«
»Wir bräuchten echt dringend so drölf Millionen Barrel Stoff. Gestern.«
»Also so Dezember?«
»Nee. Gestern.«
»Also Dezember dann. Sach ich doch. Aber da gibt’s ein Problem.«
»Was? Wieso? Welches? Ich bin der Staat, wir zahlen das!«
»Jo. Chill dich, Kate. Weiß ich. Ihr habt eure Rechnungen immer pünktlich bezahlt, deine Kumpels ganz besonders – hahaHAH! Aber das ist das Problem.«
»Wieso? Verstehe ich nicht.«
»Auch nix neues bei dir, Kate. Aber die Sache ist so: ich kann dir nicht sagen, was die drölf Millionen Barrel kosten. Der Preis ist weg.
»Wieso ist der Preis weg? Gestern…«
»Jo, das war gestern. Da war es um 08:30 schon schwierig zu sagen, was das Zeug um 09:00 kosten würde. Jetzt ist es rum. Der Zentralrechner in London hat sich ausgeklinkt.4 Der Preis ist nicht mehr darstellbar.«
»Soll das heißen, das Öl ist…«
»Priceless. Ja. HaHaHAH! Ist schon irgendwie witzig, oder?«
»Witzig? WITZIG!? Das ist das Ende der Welt!«

+++++

Und das, verehrte Vorbeileser, wäre es tatsächlich. Eine Ware, die nicht bepreist werden kann, existiert nicht mehr. Sie verschwindet vom Markt. Der Rest wird irgendwann Geschichte sein.


1 Es besteht eine mittelhohe Wahrscheinlichkeit, dass die USA das gar nicht wollen, es den Israelis aber eventuell egal ist und die das dann tun
2 Die Strategic Petroleum Reserve (SPR) der Industrieländer besteht nicht ausschließlich aus Rohöl, sondern auch Destillaten wie Benzin, Dieselöl, Schmierstoffen und anderen Dingen
3 Das heißt tatsächlich so. Ein Enthauptungsschlag tötet z. B. auch einen Gaddafi in Libyen und lässt das Land dann alleine. Wie wir alle wissen, hat das in Libyen super funktioniert, man hört kaum noch was von da
4 den Computer gibt es tatsächlich
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Philipp

In einer parallelen Realität, irgendwo in den Unweiten der Zeit, gibt es mindestens einen Zeitstrang, in dem du diesen Blog tatsächlich eingestampft hast und die armen Wichser müssen jetzt wohlmöglich derlei Clusterfuck unkommentiert verdauen.

Bin ich nicht oft, aber jetzt gerade bin ich froh, dass ich in der Zeitlinie bin in der ich bin 😀

Danke!

Philipp

Damit habe ich mich vor einiger Zeit abgefunden, ja. Unterbezahlte Beta-Tester sind wir.

Philipp

In einem Chat mit einem befreundeten Ami habe ich gerade mal das Playbook der Trump Admin zusammengefasst:

Step one: Write a fascist “Project 2025” playbook to win the election and brand it “America First.”
Step two: Shout “America First” as often as possible.
Step three: Slap absurd tariffs on friends and allies.
Step four: Threaten your closest allies with taking their land by force.
Step five: Deny the support those same allies gave you when you once called on them for help.
Step six: Start bombing Iran without international consultation.
Step seven: Trigger the loss of 20% of global crude oil production.
Step eight: Beg the very idiots you just tariffed and threatened for help.
Step NeinNeinNeinNein: Cry like a baby.
Step Ten: Threaten to take the honor of taking Cuba

Demnach kommt Grönland irgendwann vor, nach oder während Cuba!

Philipp

„Wenn diese Dinger keine Transportversicherung mehr kriegen, dann fahren die nirgendwo hin. Dieser Prozess ist mit keinen Bomben und Raketen wieder rückgängig zu machen. Aktuell sagen die globalen Versicherer, dass das Transportrisiko unkalkulierbar ist. Was ich nicht kalkulieren kann, kann ich nicht bepreisen. Was keinen Preis hat, kann ich nicht handeln. Ergo ist das „Produkt”, was immer es sein mag, nicht mehr vorhanden. Es ist vom Markt.“

Oh boy! Somebody told Donny!

https://www.instagram.com/reel/DV9VHDGgR-A/?utm_source=ig_web_copy_link&igsh=NTc4MTIwNjQ2YQ==

How? - Lennon

„Die Konjunkturaussichten sind so gut wie lange nicht. Trotzdem werden Mitarbeiter im großen Stil entlassen. Und das hat nicht nur mit KI zu tun.“ – Tagesschau.de

Hey Leute, geht weiter! Es gibt nichts zu sehen! Sondervermögen und Kriegswirtschaft bringen die Wirtschaft zum Rocken!

How? - Lennon

…Alles ist guuuut!

Philipp

DONG
Es ist genullnau Uhr!

Die Nachrichten:

Die USA sind insolvent. https://fortune.com/2026/03/23/us-government-insolvent-fiscal-crisis-fix/

Putin testet Kuba-Embargo. https://www.marinetraffic.com/en/ais/details/ships/shipid:5090590

Das waren Die Nachrichten™
DONG

Philipp

Achso, fast vergessen! Der Teutone vergewaltigt oder schädigt generell keine Frauen, das machen die Barbaren aus dem Süden! Sagte gestern so ein Eierlecker aus Preussen.

How? - Lennon

Noch geiler finde ich die Bezeichnung „freier Markt“.
Eigentlich beschränkt sich alles nur noch auf Schulden/Stützung auf der einen und immer knapper werdendes Öl auf der anderen Seite.
Die verängstigten Arschlöcher mit Schnappatmung machen daraus „künstliche Verknappung“.
Sie leben also in einer Doppellüge:
„Freier Markt“ statt künstliche Aufrechterhaltung und „künstliche Verknappung des Öls“ statt natürliche.

Und die Idioten der Idioten schreien: DAS FLIEẞT DOCH AUS DEM ERDINNEREN IMMER NACH!
🥲

Ossiblock

Erst mal ein Dankeschön für die gute Unterhaltung, die dein Schreibblock bietet.

Natürlich kann ich nicht allen Thesen zustimmen – aber vielen schon.
Ich bin noch etwas älter als du, habe Ökonomie in der DDR studiert und ein Hauptfach war Politische Ökonomie des Kapitalismus.

Von daher sind mir die ganzen Vorgänge, die in der BRD und dem Rest der Welt passieren, kein Rätsel.

Ich war also schon knapp 26 Jahre alt, als die BRD und damit auch der Kapitalismus zu mir kamen. Nicht ich habe meinen Wohnsitz verlegt. 😉

Jedenfalls warte ich mal auf deinen nächsten Artikel.

Beste Grüße aus Westsibirien

Titania

Nach Dresden kommt sogar noch ein ganzes Stück Deutschland….. 🙂
Ökonomie ist in großen Teilen eine Sozialwissenschaft und keine Physik. Alle müssen halt mitmachen, dann klappt es. Wenn alle resignieren, ist es vorbei.
Der Kapitalismus ist die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, im Kommunismus ist es umgedreht.