Folgt der Flasche!

„Ich sage, du bist der Messias, Herr. Und ich muß es wissen, ich bin schon einigen gefolgt!”
Petrus

Menschen glauben oft seltsame Dinge, um ihr erbärmliches Selbst zu erhöhen und sind dann sauer, wenn die Realtität nicht mitspielt.
Manchmal treibt die Realität seltsame Blüten. Kaum schreibt man als Blogger mal einen Artikel über Comicwelten, der den stark steigenden Kontaktverlust zwischen Politik, Politikern und den Regierten beschreibt, sowie den der ganzen Bevölkerung der Industriestaaten mit überhaupt so ziemlich allem, was man wissenschaftlich gesichert als „Realität” bezeichnen kann, geben sich eben diese Personenkreise alle Mühe, das Geschriebene rundheraus zu bestätigen. Oder sogar noch zu überbieten, auch wenn das dem Schreiber in seiner Bambushütte am Rande der Gesellschaft nur schwer vorstellbar erscheint.

Am Ende glaubt eine Regierung in London dann, sie könne zwischen Irland (Republik) und Irland (Norden) keine Zollgrenze haben, weil sie das ja versprochen hatte. Den Iren. Also, allen Iren. Das steht im “Good Friday-Agreement”, also im Karfreitagsabkommen. Dieses Abkommen wird dieser Tage – übernächste Woche, um genau zu sein – zwanzig Jahre alt und hat seit damals der Bürgerkriegsregion Nordirland endlich zu einem stabilen Frieden verholfen.
Außerdem verkündet eine solche Regierung dann auch mal, sie werde aus dem EU-Binnenmarkt austreten und aus der Zollunion. Natürlich verkündet sie das, nachdem diese Sache mit der irischen Grenze geregelt wurde.
Doch der Austritt sei unbedingt notwendig, sagen die Regierungschefin und ihr Handelsminister. Um hinterher neue Handdelsverträge mit „aufstrebenden Wirtschaftsmächten” wie China abzuschließen.
Dann verkündet sie gerne, man werde in einigen Teilen der Wirtschaft EU-Regeln anwenden. In anderen aber nicht. Ach ja – auch das mit dem Binnenmarkt möchte man natürlich nicht so streng gemeint haben, denn die Regierung hätte gerne für ihr Land dieselben Regeln, die beispielsweise Norwegen genießt.
Das Norwegen dafür mehr als ein Jahrzehnt verhandelt hat und mit deutlich über 80 Prozent Quote das europäische Land ist, das die meisten EU-Regularien in lokale Gesetze gegossen hat, ignoriert die britische Regierung dabei einfach mal. Ye olde England kriegt all diese bestellten Rosinen selbstverständlich sofort, denn die Norweger – well, they’re not british, are they?
Gleichzeitig fallen irgendwelche Verwaltungsdinge in Sachen Fischerei und Landwirtschaft von der EU wieder zurück an London. Denkt London. Schottland und Wales sehen das anders, denn solche Sachen oblagen früher den Regionalparlamenten. Bevor die EU die Inseln eroberte, wir erinnern uns. Weiterlesen

(K)ein Schiff wird kommen

,,It’s a kind of magic.”
Queen

Menschen wiederholen gerne Dinge, die sie gesehen haben. Sie haben gesehen, wie andere Leute diese Dinge tun und wie diese Handlungen ein bestimmtes Ergebnis hervorbrachten. Sie haben nie kapiert, was da eigentlich vorgeht, denn den Nachahmern fehlt jegliches technologisches Verständnis.
Da werden Türme aus Holz aufgebaut. Menschen roden den Dschungel, um eine freie, gerade Fläche zu erhalten. Der Typ auf seinem Holzturm trägt etwas, das aussieht wie große Kopfhörer und aus Stroh oder Gras geflochten ist. Oder aus Holz geschnitzt. Wiederum andere Typen stehen herum und wedeln mit großen Fliegenklatschen herum oder mit etwas, das aussieht wie zu groß geratene Tennisschläger.

Der ganze Tanz hat etwas völlig Absurdes. Bis einem klar wird, daß die gerodete Fläche eine Landebahn ist. Der Kerl auf dem Holzturm trägt tatsächlich Kopfhörer und spricht tatsächlich nicht in eine Rübe, die er in der Hand hält, sondern ein Mikrofon. Die Wedler auf der Landebahn sind dabei, einen Piloten einzuweisen. Diese Leute wiederholen nichts weiter als alle Aktivitäten, die sie einmal beobachtet haben, als es tatsächlich einen Flughafen gab, auf dem Maschinen starteten und landeten. Amerikanische Maschinen, den Bauch voller Versorgungsgüter aller Art. Materielle Konsumgüter aus einer industrialisierten Welt jenseits des Wassers, von der die Vorfahren der Rumwedler nichts wußten.

Was ich beschrieben habe, existiert tatsächlich. Anthropologen nennen das einen Cargo-Kult.  Auf einer Handvoll Pazifikinseln finden derartige Zeremonien tatsächlich statt.
Denn die Einheimischen sahen damals, im Zweiten Weltkrieg, die großen Metallvögel der Amerikaner starten und landen und sie sahen die Palette an Gütern, die diese dabei hatten. Einige dieser Dinge müssen ihnen wohl gefallen haben, und was einem gefällt, hätte man gerne auch weiterhin zur Verfügung. So sind Menschen nun einmal. Weiterlesen

Die Lange Dämmerung

– III –

Weltenfresser

„Die Menschen müssen begreifen, daß sie das
gefährlichste Ungeziefer sind, das je
die Erde bevölkert hat.”
Friedensreich Hundertwasser

Auf der einen Seite ist unsere Zivilisation nichts Besonderes auf diesem Planeten, es ist nicht so, als hätte es vor uns noch nie eine gegeben.
Auf der anderen Seite ist es sie es aber doch. Ich behaupte sogar, daß unsere Zivilisation etwas völlig Einzigartiges ist, also so besonders, wie nur etwas sein kann.
Wie ist das möglich?”,  fragt sich vielleicht jemand. Hatte ich nicht extra betont, daß wir eben keine Sonderstellung einnehmen, daß eben für uns dieselben Regeln gelten wie für andere Zivilisationen vor uns?

Wie auch in so vielen anderen Aspekten des 21. Jahrhunderts ergibt sich hier ein Paradoxon, ein „sowohl, als auch”.
Noch niemals hat Mensch eine Kopfstärke von aktuell 7,3 Milliarden Menschen hervorgebracht. Gerade ein Herr Malthus hätte so etwas für vollkommen absurd gehalten, denn nach seinen Erkenntnissen hätte uns auf dem Weg zu dieser Masse Mensch schon längst die Nahrung ausgehen müssen. Was jedoch nicht bedeutet, daß Malthus falschgelegen hätte.
Wir sind in Bereiche vorgedrungen, die einigen unserer Vorfahren des 19. Jahrhunderts etwa so magisch erscheinen dürften wie der Elektrik-Trick einem Mann namens Catweazle. Es gibt Bereiche heutiger Technologie, die mir allmählich wie Magie erscheinen und ich lebe hier und jetzt und habe die Entwicklungen mitverfolgt, soweit mir das möglich ist.

Aus Röntgenstrahlen mit verwaschenen Bildern sind dreidimensionale Bildgeber in Farbe geworden, aus knatternden Kisten aus Sperrholz und Spanndraht Jetliner, die jeden Tag global mehrere hunderttausend Flugbewegungen abwickeln und ebenso Millionen Menschen bewegen.
Mechanisch verschaltete Zahnraddingsbumse eines Herrn Babbage oder eines Konrad Zuse haben sich mit Erfindung des Mikrochips in eine Technologie verwandelt, die in den 70er Jahren Computer hervorbrachte, die so groß waren wie Schukartons statt so groß wie ein Wohnzimmer. Jetzt, ein knappes halbes Jahrhundert später, steuern die Dinger den ganzen Planeten.
Verkehrsüberwachung, Luftraumüberwachung, Börsenkalkulationen, Handelsabwicklung über den Globus, Kommunikation – nichts geht mehr ohne ein Heer aus digitalen Helferlein ab. Informationsverwaltung hat die Form eines globalen Computernetzwerks angenommen, in dem ich die Dinge veröffentlichen kann, die ich schreibe. Im „Wilden Westen” des mittigen 19. Jahrhunderts wäre das eine wöchentliche Kolummne in einer eigenverlegten Zeitung gewesen. Gegen das Internet sieht selbst die Bibliothek von Alexandria ziemlich schlapp aus.
Satelliten schwirren in zunehmender Zahl über unseren Köpfen und beobachten jeden Aspekt unserer nahen und fernen Umgebung, von der Aktivität der Sonnenoberfläche bis zum Verhalten des arktischen und antarktischen Eises. Weiterlesen

Die Kleinen und die Toten

,,I say, there is no darkness but ignorance.”

William Shakespeare

Diese Woche ist es wieder einmal soweit*: Die Lenker der Wirtschaftswelt unseres Planeten, die G7, treffen sich zu einem Gipfel. Einem Wirtschaftsgipfel, natürlich.
Während die Krise im Osten Europas in der Ukraine weiter vor sich hin schwelt und in Deutschland die Geheimdienste Amok laufen, gedeckt von einer sich zunehmend als antidemokratisch entlarvenden Bundesregierung, fährt der erfolgreichste Hosenanzug der Geschichte ins Bayerische, genauer gesagt, nach Garmisch-Patenkirchen.

Die Bundesregierung rechnet mit Kosten für den Bund von etwa 130-360 Millionen Euro, da kommt eine ganze Menge Geld zusammen pro teilnehmenden Staatsoberhaupt. Schon diese recht lässige Einschätzung der anfallenden Summe zeigt meiner Meinung nach eine gewisse Arroganz der Planer. Da scheint es auf plusminus 100 Milliönchen nicht so anzukommen. Ich hätte das ja gerne ein bißchen genauer gehabt in Zeiten klammer kommunaler Haushalte.
,,Schließlich ist es ihr Geld!”, möchte man dem uninteressierten Steuerzahler in Deutschland lautstark zurufen.
Da alle Geheimdienste des Planeten sowieso alles abhören, könnten die ihre Konferenzen eigentlich auch mal über Skype halten, das wäre auch deutlich günstiger zu haben, nehme ich mal an.
Ich finde ja, beim nächsten Mal könnten sich die wichtigen Wichtel versuchsweise auf einem Flugzeugträger treffen, da ist das mit der Sicherheit auch kein großes Thema und die Damen und Herren Statslenker müssen dann auch keine Demonstrationen in Hörweite ertragen. Wobei, das müssen sie jetzt auch nicht, die bayerischen Gerichte fanden das ja unnötig. Willkommen in der marktkonformen Postdemokratie.

Unter anderem soll dieses nicht gerade billige Gespräch der Vorbereitung der Klimakonferenz in Paris im September dieses Jahres dienen. Auch Flüchtlingsdrama im Mittelmeer steht wohl auf der Agenda. Bemerkenswerterweise sind aber weder nordafrikanische Staaten eingeladen – also diejenigen, durch deren Länder die Flüchtlinge das Mittelmeer erreichen – noch nehmen chinesische Vertreter an der Konferenz teil. Das sind diejenigen, die inzwischen mehr CO2 raushauen als jedes andere Land, die wären also der erste Ansprechpartner für Klimatechnik, sozusagen. Auch Indien fehlt, und die schließen ganz gewaltig zu China auf. Denn inzwischen gibt es auch 1,25 Milliarden Inder, hier wird China sehr bald seine Führungsposition verlieren.

Das Interessante ist aber, daß auf der Tagesordnung diesmal noch ein Thema steht, das so direkt gar nichts mit Wirtschaftsgipfeln zu tun hat, die ja ursprünglich mal Sinn und Zweck der G7-Treffs waren: Antibiotikaresistenzen.
Wie ich schon einmal woanders angedeutet hatte, können kleine Dinge manchmal zu Ursachen für großen Ärger werden. Weiterlesen

Die Biene des Achilles

,,Menschliche Richter können Gnade walten lassen. Aber gegen die Naturgesetze gibt es keinerlei Berufungsinstanz.”
Arthur C. Clarke

Der 2015 verstorbene amerikanische Soziologe William R. Catton prägte in einem der wohl wichtigsten Bücher der 80er Jahre den Ausdruck ,,Homo Colossus” für die menschliche Rasse.
Inzwischen streiten sich führende Wissenschaftler gerade ein wenig darüber, ob man nicht ein ganzes Zeitalter nach dem Menschen benennen muß, da unsere Auswirkungen auf die Umwelt immer deutlicher an allen Ecken und Enden zu sehen, zu fühlen und zu messen sind.
Keine andere Spezies des Planeten hat es jemals hingekriegt, mit ihrem Handeln selbst geologische Zeiträume verwischen zu lassen. Mensch tut dies in den letzten 200 Jahren mit wachsender Begeisterung.
Der Homo Colossus stampft über den Planeten und erzeugt sich seine eigene Zeit, das Anthropozän.

Das klingt gut, etwa so, als wären wir das überhaupt Wichtigste auf diesem Planeten und als würden wir alle Hindernisse auf unserem Weg zu den Sternen mit unserem Erfindungsgeist aus dem Weg räumen. Mensch ohne Limit. Falls ich das nicht deutlich genug erzählt haben sollte: Diese Grundhaltung ist so abgrundtief blöde, daß einem der Kopf schmerzen sollte, wenn man sie hört.
Aber natürlich ist das auch exakt der Mythos, in dem die meisten Menschen leben. Die Geschichte unserer eigenen Großartigkeit und der Unüberwindlichkeit des menschlichen Erfindungsgeistes begleitet uns von Kindesbeinen an und bildet das Fundament aus Lügen. Weiterlesen