Abstieg vom Olymp

,,Das Falsche ist oft die Wahrheit, die
auf dem Kopf steht.“

Sigmund Freud

Vom Gipfel dieses Berges hier unter meinen Füßen, vom höchsten Punkt unserer Zivilisation, ist die Aussicht unglaublich. In alle Himmelsrichtungen reicht der Blick des Kletterers über das Land. Siebeneinhalb Milliarden Menschen leben dort unten, auf dieser Welt, die ihre Bewohner seltsamerweise „Erde“ nennen, obwohl sie doch zu gut drei Vierteln von Wasser bedeckt ist.
Noch vor 15.000 Jahren eine Art, deren Population einige wenige Millionen zählte, hat sich Homo sapiens sapiens in kurzer Zeit von Pol zu Pol ausgebreitet. Ob in der Wüste, im Regenwald oder im ewigen Eis – nirgendwo ist ein Ort von menschlicher Anwesenheit verschont geblieben.
Selbst da, wo offiziell noch nie jemand war, den wir auch als „Jemand“ bezeichnen würden, finden sich Spuren der menschlichen Zivilisation. Giftige Spuren.

So manche Dinge sind seltsam von hier oben auf dem Berg.
Der Blick in die Ferne wird getrübt durch Abgase aus Industrieanlagen, aus Auspuffanlagen von Autos. Diese sollen meistens einzelne Menschen von Punkt A nach Punkt B bringen, sie bestehen aus wertvollen Metallen und verbrennen ein Raffinerieprodukt namens Benzin oder Diesel, ebenfalls wertvoll und aus Rohstoffen hergestellt, die nicht in unendlicher Menge vorhanden sind. Es gibt so viele von diesen Autos, daß sie oft hintereinander herumstehen, statt sich zu bewegen.
Der Blick an den Himmel wird getrübt von Dutzenden Kondensstreifen, die von großen Lufttransportern hinterlassen werden, in denen Menschen sitzen, die gerne von dem Ort weg wollen, den sie sehr oft ihr Zuhause nennen. Dabei ist es zu Hause doch am schönsten, sagt ein altes Sprichwort. Auch diese Lufttransporter verbrennen eine gigantische Menge an Kerosin, ebenfalls ein Produkt der unermüdlichen Raffinerien. Es gibt sogar Menschen, die behaupten, ihre Regierungen würden mit diesen Flugzeugen Chemikalien in großer Menge versprühen, um Gedankenkontrolle auszuüben.
Eine belustigende Vorstellung. Warum sollte man die Gedanken von Lebewesen kontrollieren wollen, die ganz offensichtlich bei weitem zu blöde sind, um überhaupt so etwas wie einen irgendwie logisch nachvollziehbaren Gedanken in ihrem Kopf zu entwickeln?
Aber Verschwörungstheoretiker sind sich für nichts zu schade. So eine Echsenmenschen-Rasse, die auch alle Piloten der Welt auf ihre Seite gezogen hat, ist natürlich viel einfacher, als sich mal ein wenig mit Atmosphärenchemie und -physik zu beschäftigen. Einige der angeblich menschlichen Lebewesen auf diesem Planeten sind echt mehr als seltsam. Also, noch seltsamer als der Rest.

Das Leuchten der Raffinerien in der Ferne erhellt ganze Küstenstriche, denn diese riesigen Anlagen stehen normalerweise an der Küste. Das liegt daran, daß die langkettigen Kohlenwasserstoffe, auf die diese Zivilisation auf Gedeih und Verderb angewiesen ist, mit gigantischen Tankern über den Ozean gebracht werden. Die wiederum brauchen Häfen und in denen stehen die Raffinerien, weil das am einfachsten ist. Tag und Nacht sind die chemischen Großküchen in Betrieb, um den öligen Pulsschlag der menschlichen Existenz zu Beginn des 21. Jahrhunderts aufrechtzuerhalten. Keine Ruhe, keine Rast, keine Erholung in unserer Zeit. Weiterlesen

Hau ab, Mephistopheles!

,,Was eine lange Reihe von Generationen aufgebaut hat, das zerschlägt und zerstreut ein einziger Tag.“
Lucius Annaeus Seneca, Briefe an Lucilius, 91

Als der Mann den Gerichtssaal der Inquisition verläßt, ist er geschlagen.
Man hatte ihn zu dem öffentlichen Geständnis gezwungen, in seinem Buch geirrt zu haben, er mußte seine Fehler verfluchen und verabscheuen – ein Teil des Widerrufungsrituals – und schaffte es nur dadurch, dem drohenden Scheiterhaufen zu entkommen. Das Urteil lautet auf lebenslange Kerkerhaft. Für einen Mann im Alter des Angeklagten – 68 Jahre – im Grunde ein Todesurteil auf Raten.
Schließlich bleibt der Verurteilte in der Botschaft der Toskana und kann, da der Herzog der Toskana ein großer Bewunderer seiner Arbeiten ist, schließlich doch nach Hause zurückkehren, wo er allerdings für den Rest seines Lebens in Arrest verbleibt und mit einem lebenslangen Lehrverbot belegt wird.

Aber Galilei hatte sein Leben gerettet, das nach diesem Prozeß immerhin noch ein Jahrzehnt andauern sollte und es ihm ermöglichte, einen ausgedehnten Briefwechsel mit befreundeten Gelehrten im In- und Ausland zu führen, von denen einige deutlich weiter vom Einflußbereich des Papstes in Rom entfernt waren als er selber. Und die Verkündungsfreude bezüglich des neuen Weltbildes, das Galileo in seinem beanstandeten Buch diskutiert hatte, nahm mit der Entfernung vom Papstthron deutlich zu. Die Tatsache, daß Galilei seinen „Dialog über die zwei Weltsysteme“ in der Volkssprache verfaßt hatte, also Italienisch statt des wissenschaftlichen Latein, half der inzwischen mehrere Jahrzehnte alten „neuen“ Idee, die ein Herr Kopernikus in die Welt gesetzt hatte, ebenfalls zu einer deutlichen Steigerung ihrer Popularität.
Galilei wurde angefeindet, weil er, oder besser, diese neue Idee, die Erde aus dem Mittelpunkt des Sonnensystems verbannte. Als einer der Jünger des kopernikanischen Weltbildes und eigener Beobachter des Sternenhimmels mittels der gerade erfundenen Teleskope war er schon früher der Inquisition unangenehm aufgefallen, sprach er doch offen darüber, auf der Sonne Flecken entdeckt zu haben. Zur damaligen Zeit natürlich ein schwerer Angriff auf die Dogmen der Kirche, denn die himmlischen Sphären waren von Gott geschaffen, wie alles andere, aber eben auch direkter Wohnort des Heiligen und somit Perfekten. Wie konnte also die Sonne Flecken haben?

Damals, 1623, hatten Freunde Galileis in der und um die Kurie die Anschuldigungen gegen ihn versanden lassen. Jetzt war er ein Jahrzehnt danach ein weiteres Mal in den Fokus der Inquisitoren geraten und damit einmal zu oft.
Aber ein weiterer Schritt war getan worden, um die Rätsel des Universums zu klären. Wieder einmal trug die Wissenschaft den Sieg davon. Was die Kirche mit ihrer in religiöser Dogmatik erstarrten Weltsicht in den kommenden Jahrhunderten lieferte, waren Rückzugsgefechte. Den eigentlichen Krieg hatte sie zu diesem Zeitpunkt bereits verloren. Weiterlesen

Gaias Atem

,,Ich kann die Erde sehen. Ich sehe die Wolken.
Sie ist so wunderschön!“

Juri Alexejewitsch Gagarin

Ein Wassertropfen. Ich bin ein Wassertropfen. In der aus meiner Perspektive unfassbaren Gesamtheit bin ich ein Atom, eine Winzigkeit aus Wasser und einer minimalen Menge Salz. Wo ich existiere – wo alles existiert – gibt es keine Einteilung in Sekunden, in Minuten oder ein anderes Zerschneiden der Zeit. Es gibt nur mich. Und alle anderen um mich herum. Herum im wahrsten Sinne des Wortes, obwohl winzige Teilchen keine Worte haben. Hier gibt es keine Worte, denn die Welt ist die Gesamtheit und die Gesamtheit die Welt.
Wir strömen um einen Kontinent. Ein Brocken Land, der in irgendeiner Sprache Antarktis genannt wird. Aber hier ist Sprache bedeutungslos. Wir kreisen nur, eine Gesamtheit aus Nicht-Stimmen, die etwa 800mal so groß ist, wie etwas, das in dieser verbalen Bedeutungslosigkeit im Woanders ,,Amazonas“ heißt. In dieser schweigenden Unendlichkeit umkreisen wir dieses Land, diese seltsame Anomalie aus Festigkeit in der normalen Gestaltung der Welt.

Aber die Richtung ändert sich. Irgendetwas wirft mich aus dem Kreislauf hinaus, es geht woanders hin. Weg von der kreisenden Gesamtheit, spalte ich mich ab und drifte nach…Norden?
So würde das heißen, gäbe es hier Sprache. In einer Tiefe von etwa 800 Metern gleite ich dahin, ein Teil der Gesamtheit begleitet mich. Ich kann sie spüren. Wir zeichnen die Kontur einer neuen Landmasse nach. Es ist die westliche Küste dieser Landmasse, sie ist anders als die erste. Sie ist nicht bedeckt von kalter Gesamtheit. Sie ist Nicht-Eis. Ich ströme mit den anderen aufwärts. Ich werde schneller, dynamischer, von irgendwoher kommt Energie in die Gesamtheit. Ein Phänomen von außerhalb belädt uns mit Energie. Passatwind?
Der Ausdruck hat keine Bedeutung für mich. Ich bin nur stärker, trage mehr Energie mit mir in Form von Wärme. Die Gesamtheit bewegt sich nach…Westen?
Ein einziges Durcheinander aus zerbrochenen Landmassen. Kleine, größere, große. Wir strömen daran vorbei, durch sie hindurch, verwirbeln uns, es treibt mich in eine Engstelle zwischen Land und noch größerem Land. Makassarstraße.
Wieder so ein Begriff aus dem Anderswo. Danach ist es vorbei, die Gesamtheit ist offen, strömt mit mir nach…Westen. Auf eine neue Masse an Land zu. Sie ist riesig. Sie ist auch Nicht-Eis. Das Anderswo scheint viel Nicht-Eis zu sein.

Ich nehme mehr Partikel auf, denn mein höherer Energiegehalt erlaubt mir, mehr Salz mitzunehmen als vorher. Was ich auch tue. Wir alle tun das. Die Gesamtheit sättigt sich mit Energie und Salz, nimmt in physikalischem Durst alles in sich auf.
Wir verändern unsere Bewegung, es geht nach…Süden?
Ja, Süden. Zurück zu unserem Ursprung? Wer weiß das? Wieder zeichnen wir die Kontur der Landmasse nach, umströmen ihre südliche Spitze. Plötzlich: Chaos.
Etwas wirft uns zurück. Es ist ein anderer Teil der Gesamtheit, der Teil, den wir gerade verlassen haben, der kreisende Teil im Süden, der um das große Eis-auf-dem-Land rotiert. Doch ich werde nicht aufgenommen, es geht hin und her, kein klarer Sinn ist zu erkennen. Ein Zerreißen. Weiterlesen