Quo vademus?

„Niemals war eine Kriegserklärung mit so viel Genugtuung entgegengenommen worden.”
Raymond Poincaré

Ministerpräsident Frankreichs, Tagebucheintrag vom 3. August zum Erhalt der deutschen Kriegserklärung

Heute vor einem Jahrhundert: Der Waffenstillstand von Compiègne beendet die Kampfhandlungen des europäischen Konflikts, der später „Erster Weltkrieg” genannt werden wird. Für die Zeitgenossen ist er einfach nur der „Große Krieg”.
Etwa 15 Millionen Menschen sind tot. Die alte Weltordnung, mit einem Britischen Empire als Führungsmacht eurpopäischer Kolonialherrschaft, ist dabei, endgültig in Stücke zu brechen. In Deutschland, dem Verliererstaat, entsteht die Legende vom im Felde unbesiegten Heer, noch während Philipp Scheidemann und Karl Liebknecht gleich zweimal an einem Tag die deutsche Republik ausrufen und der tödlichste Treppenwitz der Geschichte, Kaiser Wilhelm II., sich feige ins Ausland verpißt, um dort seinen luxuriösen Lebensabend zu verbringen.

Not with a whimper, but a bang – so hat Europa sich von der Gestaltung der Zukunft verabschiedet. Zurück bleiben Verwüstungen, die nicht nur materiell, sondern auch psychologisch tiefgreifend sind und der Geschichte einen anderen Verlauf geben. Mit dem späteren Versailler Vertrag, an dessen Gestaltung das angeblich allein kriegsschuldige Deutschland nicht eine Minute teilgenommen hat, legen die alliierten Siegermächte den Grundstein aus ökonomischen Niedergang, Haß und Rache, der nur zwei Jahrzehnte später dazu führen wird, daß eine ganze Nation in wahnsinniger Zukunftsangst den Verstand zu verlieren scheint. In fanatischer Raserei wischen die politischen Sektierer des Nationalsozialismus jegliche kulturelle Errungenschaft beiseite und die Bevölkerung folgt größtenteils willig. Nicht nur in Deutschland.

Dem ersten umfassend industriell geführten Krieg, dem minutengenau abgestimmten Schlachthaus des Stellungskrieges, dem Sterben nach Zugfahrplan folgt die – logisch konsequente, aber geistig schwer erfaßbare – Steigerung der Vernichtungsmittel bis zum totalen Amoklauf des Todes in Hiroshima, in Nagasaki, in Stalingrad, Treblinka oder Auschwitz. Der erste Einsatz nuklearer Vernichtung erfolgt nicht durch die totalitären Regime der Sowjetunion oder der Faschisten, sondern durch die freiheitsbewahrende Demokratie der USA. 75 Millionen Menschen verlieren ihr Leben in unmittelbarer Folge der Kampfhandlungen. Das 20. Jahrhundert ertränkt seine erste Hälfte in Strömen aus Blut und Leiden.

Bis heute haben wir uns in Europa und der Welt vom Zweiten Dreißigjährigen Krieg, wie der Komplex aus Erstem und Zweitem Weltkrieg heutzutage auch genannt wird, nicht wirklich erholt. Die dualistische Heuchelei, die heute allgemein die politische Bühne bestimmt, ist aus dem Kalten Krieg heraus entstanden, der dem heißen folgte und den weiteren Verlauf des letzten Jahrhunderts geprägt hat. McCarthys Kommunistenjäger der 50er Jahre sind nichts anderes als Hitlers Gestapo vor ihnen oder die Roten Khmer oder Maos Kulturrevolutionäre nach ihnen.
Immer wieder kommt es den folgenden Jahrzehnten zu Stellvertreterkriegen der beiden großen Nuklearmächte Sowjetunion und USA. Der Dschungelkrieg in Vietnam und Laos läßt das Bewußtsein der amerikanischen Öffentlichkeit endgültig in hysterische Doppelmoralität umschlagen. Während sich das totalitäre Gedankenmodell in Europa und Deutschland nie wirklich verabschiedet hat, vergiftet es weiter die als Demokratie getarnte Zwei-Parteien-Diktatur, zu der sich die USA zu entwickeln beginnen. Je weiter ökonomische Macht die politische Macht aufsaugt, desto größer wird die Diskrepanz zwischen dem eigenen Narrativ als Bewahrer der angeblich freien Welt und dem eigenen Handeln. Die 68er-Bewegung ist die logische Folge einer Gesellschaft, die an den ständigen Lügen über ihre eigenen Werte und Zielsetzungen mehr und mehr zu zerbrechen beginnt.

Noch kurz vor den ersten Schüssen des Ersten Weltkriegs hält man etwas Derartiges rundheraus für unmöglich. Die wirtschaftliche Vernetzung der Welt wird als Garant für dauerhaften Frieden angesehen. Exakt diese Sätze sind auch in den letzten Jahren immer wieder zu hören. Aktiver Krieg ist durch ökonomische Konflikte ersetzt worden, so heißt es. China und die USA werden ihren Handelskrieg niemals heiß werden lassen.
Betrachtet man diese Sätze mit den Augen der Evolutionstheorie oder Ökologie, enthüllt sich ihre ganze Kurzsichtigkeit. Menschliche Gruppen haben schon immer um Ressourcen konkurriert. Jede biologische Spezies tut das, untereinander und mit anderen. Wenn die Populationsgröße die Tragfähigkeit des Gebiets überschreitet, bleiben nur zwei Reaktionen übrig: Sterben oder sich weiter ausbreiten. Aber diese Möglichkeit hat Mensch nicht mehr länger. Der Planet ist voll.

Meine Lehre aus der Geschichte der letzten Jahrtausende ist das Gegenteil. Ab einem gewissen Punkt werden die Dinge eine Eigendynamik gewinnen, an deren Ende ein bewaffneter Konflikt zwischen den großen Spielern der heutigen Weltbühne unvermeidlich sein wird. Zumindest wird man das hinterher behaupten, sofern noch eine Seite so etwas wie einen Sieg für sich in Anspruch nehmen kann oder es noch Historiker geben wird, die nicht in einer Art Klostergemeinschaft leben werden.
Der Erste Weltkrieg war nicht unvermeidlich. Auch die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts”, wie der US-Historiker George Kennan durchaus treffend formulierte, wäre sehr wohl zu verhindern gewesen. Immerhin hatte niemand irgendwen überfallen oder Städte bombardiert oder Menschenmengen abgeschlachtet.
Die Lunte wurde in Brand gesetzt mit einem Schuß auf einen Vertreter der bereits stark schwindenden monarchischen Mächte in Europa. Die Mächtigen der Welt hatten noch niemals die Eigenschaft, einfach zur Seite zu treten, um einer Zukunft ohne sie Platz zu machen, ohne dabei zu versuchen, die Welt in Brand zu stecken. Ob 2018 oder 1918, macht hier keinen Unterschied.

Der Prozeß ist weiterhin im Fluß. Er wird kein wirkliches Ende haben. Kein Happy Chapter wird uns retten, allen Bemühungen Hollywoods oder vieler Autoren zum Trotz. Das Universum ist noch immer in keiner Weise verpflichtet, die Erzählung unserer Spezies zu einem freundlichen Ende zu führen.
Die Zukunft ist heute, 100 Jahre nach der Kapitulation, 80 Jahre nach den brennenden Synagogen, die sich gewisse Elemente heute wieder heimlich herbeiwünschen, nicht mit weniger potentieller Gewalt gefüllt als zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Wir dürfen das über den großen Ereignissen nicht vergessen. Vergessen und Verdrängen sind Gift im Kopf und im Blut der globalen Gesellschaft. Es ist heute nicht alles anders. Ganz im Gegenteil. Die kleinen Ereignisse sind es, die am Ende die Lunte in Brand setzen können, die vorher längst gelegt ist.
„Jetzt verlöschen die Lichter in ganz Europa. Wir werden sie nie wieder in unserem Leben brennen sehen.”
So wird Sir Edward Grey zitiert, Außenminister Großbritanniens, bevor das Empire dem Kaiserreich am 4. August 1914 den Krieg erklärte.  Grey sollte recht behalten. Er starb im September 1933. Den dunkelsten Teil der Nacht, in die sich die Welt stürzte, hat er nicht mehr durchlebt. Nur das Verlöschen auch des letzten Lichts.

One Comment

  1. Hellas,

    kannst du mir evtl helfen?
    Du hattest mal einen Blogpost, in dem du verknappt gesagt erklärst, dass es nicht um Dollar, Euro oder RMB geht, sondern um Energie die einer Volkswirtschaft zur Verfügung steht. Welcher war das? 😀 Ich finde ihn nicht.

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