Es geht kein Flug nach Irgendwo

„I’m learning to fly, but I ain’t got wings.
Coming down is the hardest thing.“
Tom Petty

Technologie oder – in meinen Begriffen hier in diesem Blog – die genaue Ausformung der Technosphäre ist immer auch eine Entscheidung der Gesellschaft.
Zumindest sollte sie das sein. In Wahrheit funken einem die Kräfte der viel gepriesenen freien Marktwirtschaft da natürlich ständig dazwischen.
Es gab nie eine Entscheidung der Gesellschaft für die vorgeblich zivile Nutzung der Kernenergie. Es gab eine politische Entscheidung, denn mit Reaktoren hat man die Hand eben auch irgendwo immer auf dem Stoff, aus dem die Bomben sind. Die Tatsache, daß Nationen wie Japan oder Deutschland über keine eigenen A-Waffen verfügen, ist ja nun nicht etwa technologischem Unvermögen geschuldet, sondern der Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Der freie Markt ist an solchen Stellen also normalerweise eben kein Markt. Und frei ist er auch nicht. Er funktioniert hier schlicht kommandowirtschaftlich. Hitler konnte in Hydrierwerken aus Braun- und Steinkohle Sprit für Flugzeuge und Panzer gewinnen lassen, weil es geht. Nicht etwa, weil das Verfahren ökonomisch Sinn ergibt. Es ist nämlich in jeglicher Hinsicht bei weitem zu teuer. Würde man Benzin heute aus deutscher Steinkohle herstellen wollen, kostete der Liter Sprit vermutlich irgendwas um die acht Euro. Dann mal Prost.
Mit Atomkraft war es ähnlich. Die Franzosen reihten sich als Atommacht Nr. 4 in den Reigen ein, weil Charles de Gaulle die Bombe haben wollte und dazu brauchte man eigene Reaktoren. Drum hat Deutschland auch keine eigenen Bomben, denn damit konnte Frankreich sicher sein, nicht noch einmal von deutschen Truppen überfallen zu werden. Deutschland hätte wiederum auch gerne die Bombe gehabt, Old Adenauer war jedenfalls sehr dafür, so weit ich das weiß. Nur gab es eben keine.
Dafür stehen die Franzosen heute da und erzeugen 70 Prozent ihrer Elektrizität aus Kernmeilern. Da fragt sich nur noch, wem zuerst das Licht ausgeht. Uns oder den westlichen Nachbarn. Sollte einer der Schrottmeiler an der deutschen Grenze wie Cattenom vorher noch platzen, werden womöglich deutsche Truppen doch noch einmal Frankreich überfallen. Wer weiß?

Wenn aber die industrielle Zivilisation den Bach runter geht und dabei auch durch weiteres Aufkommen von „Technologie“ – in welcher Form auch immer – nicht zu retten sein wird, ergibt sich ganz generell die Frage: Was wird überhaupt zu retten sein?
Das erfordert ein wenig ausgiebige Diskussion und Bestandsaufnahme.
In diesem Zusammenhang sollte man nicht unerwähnt lassen, daß die Bemühungen der meisten offiziell irgendwie grün-ökologisch bewegten Menschen, die in industriellem Maßstab stattfinden, eindeutig nicht Teil der Zukunft sein werden. Weder superleichte Elektroautos noch leichtere Flugzeuge noch Gebäudedämmung bis zum Abwinken werden den Zusammenbruch der industriellen Zivilisation verhindern. Continue reading →

Mythopolis

– X –

Die bleierne Zeit

„Eine Angewohnheit kann man nicht aus dem Fenster werfen. Man muß sie die Treppe
hinunterboxen, Stufe für Stufe.“
Mark Twain

Gegen Ende des 8. Jahrhunderts vdZ lebte in einer Gegend namens Böotien ein Mann namens Hesiod. Wie man dem seltsamen Namen – der Gegend, nicht des Mannnes – entnehmen kann, handelt es sich bei diesem Herrn wieder einmal um einen dieser alten Griechen, die ich gelegentlich erwähne. Erwähnen muß, denn irgendwie kommt man an denen nicht vorbei, wenn man in die historische Kiste greift.
Jedenfalls war besagter Hesiod Bauer und Viehzüchter, Nachkomme eines gescheiterten Küstenschiffers.
Zum Glück war er auch ein Dichter und Denker, sonst wüßten wir heute gar nichts von dem Mann. Oliven und Ziegen neigen nicht dazu, knapp drei Jahrtausende zu überdauern.
Hesiod schrieb ein Werk namens „Theogonie“ und ein anderes, das sich „Werke und Tage“ schimpft und aus etwas über achthundert Hexametern besteht. Das ist dasselbe Versmaß, dessen sich auch der berühmte Kollege Homer bedient hat. Der Herzschlag der epischen Dichtung, sozusagen.
Es ist eine Art Arbeitsgedicht, oder besser, ein Werk, das die Arbeit als ein zentrales Ziel und Lebensinhalt des Menschen lobt. Da waren andere griechische Dichter anderer Meinung, denn die waren überzeugt, daß nicht Arbeit adelt, sondern nur Herkunft. Auch irgendwie ein Aspekt, der sich bis in die heutige Zeit zieht.

Am Beginn dieser Reihe hatte ich nicht nur Homer bereits erwähnt, sondern auch, daß unsere Vorstellung vom ewigen Fortschritt, vom beständigen Aufstieg unserer Kultur durch Verwendung immer höherer Technologie, schlicht und einfach eine Lüge ist. Dieses Narrativ ist fester Teil des Selbstbetrugs, dem sich Mensch so fleißig hingibt, um weiter so tun zu können, als sei mit unserer Zivilisation alles in Ordnung.
Ein Mythos im modernen Sinne, also etwas, das nicht so stattgefunden hat. Ein Märchen für Erwachsene wie das vom dunklen Sith-Lord und vom nicht ganz so dunklen, weil grünen, Meister Yoda.

Hesiod, der alte Grieche, hätte darüber gelacht. Nicht über Meister Yoda, sondern unsere naive Vorstellung. Böotien, die Gegend, in der er lebte, ist heute so etwa der südöstliche Küstenstreifen der Halbinsel Griechenland. Eine Gegend, die nördlich aus mehr oder weniger harschem Hügelland besteht und südlich aus mehr oder weniger harscher Gebirgslandschaft. Dazwischen gibt es ein bißchen Tiefland.
Vermutlich waren die Hügel zur damaligen Zeit noch nicht so staubig und trocken wie heute, denn ich nehme an, daß um das Jahr 700 vdZ die Abholzung der Wälder rund um das Mittelmeer bei weitem noch nicht so fortgeschritten war wie zu Zeiten eines Cäsar oder Augustus um die Kalenderwende herum.
Jedenfalls wurde Hesiod um 700 vdZ herum geboren, Genaueres wissen wir da nicht. Standesämter waren noch nicht erfunden. Ist einfach zu lange her und der Mann war halt kein Kaiser, König oder Eroberer.  Zum Glück, die Ehren des Dichters halten nämlich oft länger. Ein selbstbeweisendes Theorem, denn kein Mensch kennt einen berühmten griechischen Herrscher von damals. Homer hingegen kennt jeder.
Hesiods Leben war geprägt von den normalen Rhythmen der Natur und ihren Stimmungen und Launen, wie gutes Wetter für Ziegen und schlechtes Wetter für Oliven beispielsweise. Continue reading →

Zunehmende Zerfallsrate

Ein Mann mit einer Axt in einem Zug. Fünf Verletzte. Ein anderer Mann mit einer Schußwaffe in München. Neun Tote. Wieder ein anderer mit einer Bombe in Ansbach. Fünfzehn Verletzte. Und natürlich die Attentäter, die allesamt bei diesen Vorfällen umkommen.
Im Netz toben daraufhin wieder die faschistischen Arschlöcher, kotzen ihre widerwärtige Dummheit aus über einen Begriff wie „Deutsch-Iraner“, denn der Münchner Amokläufer war ein solcher.
Es paßt den neuen Herrenmenschen eben nicht ins erbsengroße Weltbild, daß dieser Mann nichts mit den Flüchtlingen des letzten Jahres zu tun hatte. Auch beim Würzburger Attentäter ist es ähnlich. Schon länger hier, bereits im Asylverfahren, so weit erst einmal versorgt.
Der Amokläufer mit der Schußwaffe stellt sich wenig später als jemand heraus, der mit dem sogenannten „Islamischen Staat“ nichts am Hut hatte, sondern mit Antisemitismus und allgemeinem Fremdenhaß. Acht seiner Opfer sind deutlich unter zwanzig und haben Migrationshintergrund. Er mag den norwegischen hirnkranken Killer Breivik und findet es toll, am selben Tag geboren zu sein wie dereinst der kleine österreichische Diktator. Als wäre das eine persönliche Leistung. Insgesamt ist er jemand, dessen Weltbild wunderbar unter die Hakenkreuzflagge und die „Deutschland in den Grenzen von 1937“-Tattoos der rechten Arschlöcher gepaßt hätte. Plötzlich herrscht Schweigen bei den Netznazis, bevor dann wieder die üblichen Verschwörungstheorien hochblubbern.

Alleine schon die Reaktion auf dieses Aufkommen von Terror in Deutschland führt die Idee des Historikers Michael Wolfssohn ad absurdum, der allen Ernstes sagt, man müsse in Deutschland eine allgemeine Dienstpflicht für Bürger einführen. Denn der Staat könne offensichtlich seinen Aufgaben bezüglich Sicherheit nicht mehr nachkommen.
Wie man noch immer an der absolut sicheren Tatsache vorbeisehen kann, daß hier in Deutschland Vollidioten rumlaufen – deutsche Vollidioten wohlgemerkt – denen man keine Plastikgabel in die Hand drücken sollte, geschweige denn, sie in einer Grundausbildung mit militärischen oder polizeilichen Kampftaktiken vertraut zu machen, ist mir ein Rätsel. Wir können uns auch gleich eine neue SA züchten.
Bei derartigen Vorschlägen möchte ich den sauberen Herrn Historiker am Kragen greifen, ordentlich schütteln und ihn fragen: „Was haben Sie denn so gewählt die letzten zwanzig Jahre, Herr Wolfssohn?“
Die Parteien, die in Baden-Württemberg und Bayern fleißig Stellen in Polizei und Justiz gekürzt haben? Oder die anderen, die gesagt haben, das sollte man vielleicht mal nicht machen?
Ein Historiker, der so einen Blödsinn absondert, steht für mich auf derselben Stufe wie all die Menschen, die lautstark empört ausrufen „Wie kann man nur AfD wählen?“ – die aber Zeit ihres Lebens die CDU gewählt haben. Ich rufe das zwar durchaus auch, aber mit weniger Empörung. Mehr mit verzweifeltem Kopfschütteln. Und ich habe eben nie diejenigen Parteien gewählt, aus denen die Gründer und Mitglieder der AfD so entlaufen sind. Also die sogenannten „Konservativen“. Continue reading →

Mythopolis

– VI –

Im Spinnennetz

„Werde ich träumen?“
HAL 9000

Einer der großen Über-Propheten der Technologiereligion ist ein Mann namens Raymond Kurzweil. Geschulten Nerds ist dieser Mann bekannt als der „Director of Engineering“ bei einer obskuren, kleinen Firma im Silicon Valley in den USA. Google oder so heißt der Laden, man hat den Namen vielleicht schon mal gehört.
Wer in einem Konglomerat aus digitalem Wahnsinn wie Google der Leiter der Abteilung „Technologische Entwicklung“ ist, gehört eindeutig zu den Leuten, deren Bücher über die Zukunft und die Entwicklung unserer Gesellschaft von jeder Menge Leute nicht nur gelesen werden. Sie werden anschließend auf Veranstaltungen geschwenkt und in heiliges Laserlicht gehalten, um den Worten des Propheten mehr Nachdruck zu verleihen. Solche Menschen haben keine Leser. Sie haben Jünger. Begeisterte Jünger.

Kurzweil gilt unter anderem als Futurologe. Das sind die Leute, die über eine Zukunft schreiben, die zum Mythos des ewigen Fortschritts paßt, wofür sie dann von der Fachpresse frenetisch bejubelt werden. Insofern bin ich also ein Anti-Futurologe, obwohl ich mich ja auch sehr wohl mit der Zukunft auseinandersetze.
Außerdem ist der Kerl von niemand Geringerem als Bill Gates schon einmal als führender Experte im Bereich der Künstlichen Intelligenz bezeichnet worden.
Witzigerweise ist das derselbe Bill Gates, der sich gemeinsam mit Menschen wie Stephen Hawking und dem ebenfalls in Kalifornien hausenden Propheten Elon Musk, dem Chef von Tesla, sehr besorgt über die mögliche Entwicklung einer echten Künstlichen Intelligenz geäußert hat.
Es ist übrigens auch derselbe Stephen Hawking, der zusammen mit dem russischen Milliardär Juri Millner einen Plan ersonnen hat, der sich „Breakthrough Starshot“ nennt und der es ermöglichen soll, andere Sonnensysteme zu erforschen. Nicht durch Hingucken, sondern durch Hinfliegen. Nicht in riesigen Schüsseln mit Warpantrieb, sondern mit eher kleinen Raumschiffen, etwa in Größe einer Postkarte oder so.

Klingt irre, würde aber gleich mehrere Probleme interstellarer Raumfahrt auf einen Schlag logisch angehen. Den enormen Energieaufwand, der im Zusammenhang mit der Raumschiffmasse steht. Und die Reisedauer, die wiederum mit der Beschleunigung zusammenhängt, die wiederum eine Funktion der Schiffsmasse ist.
Anders gesagt: Kleine Roboter kann man eben mit einem Affenzahn beschleunigen. Schiffe mit einer menschlichen Besatzung eher nicht. Außerdem brauchen Menschen so lästige Sachen wie Luft, Wasser und Nahrung, also eine Lebenserhaltung an Bord. Da wollen wir von den allseits berühmten Kälteschlafkammern gar nicht reden, denn im wachen Zustand unternimmt niemand so eine Reise, die nach dem derzeitigen Stand der Dinge dann etwa 10.000 Jahre dauern würde. Vor 10.000 Jahren haben wir hier auf dem Planeten die Landwirtschaft erdacht.
Das ist die optimistische Schätzung. Zehn Jahrtausende bis zum nächsten Sonnensystem, das wäre Alpha Centauri in einer Entfernung von 4,3 Lichtjahren.
Da liegen übrigens auch die Baupläne aus, nach denen die Erde demnächst für eine Hyperraumumgehungsstraße gesprengt werden soll, aber das wissen wir ja inzwischen. Vielleicht könnten die Raumschiffe dann gleich unsere Beschwerde bei der galaktischen Bauaufsichtsbehörde überbringen. Continue reading →

Unvollendetes Requiem in b-Moll

„Es gibt einen Unterschied im Abschätzen der Höhe eines Sturzes und dem Fall; zwischen dem Anblick einer Welle und sie tatsächlich an den Strand schlagen zu hören.
Es war immer für undenkbar gehalten worden, aber jetzt hat sich der Gedanke in die Tat umgesetzt. Europa kann nie mehr dasselbe sein.“

Das schrieb Rafael Behr in einem Artikel im Guardian am letzten Freitag, an dem ich auch meinen letzten Beitrag in diesem Blog schrieb. Natürlich ging es um die Brexit-Entscheidung.

Auch der Chef der Fraktion der Linkspartei sprach am Dienstag im Bundestag über den Brexit und seine Folgen. Herr Bartsch nannte ausgerechnet Helmut Kohl dabei als „letzten europäischen Kanzler“. Das Furchtbare ist, daß er damit tatsächlich recht hat. Weder eine Frau Merkel, die als heimliche Königin Europas bezeichnet wird und schon dutzendfach vom Magazin Forbes zur mächtigsten Frau der Welt gekürt worden ist, noch der trampelige Gerhard Schröder oder dieser Typ namens Franz Holländer, der trotz seines Namens Präsident der Franzosen ist, bringen auch nur annähernd soviel europäisches Gewicht auf die Waage wie ein Helmut Kohl.

Das ist natürlich auch schwierig, wie alle diejenigen zugeben müssen, die die Regierungszeit des dicken Pfälzers in ihrer Gänze miterlebt haben. Immerhin hat der Mann sechzehn Jahre lang unser Land geführt. Damit hat Helmut Kohl also länger gedauert als das tausendjährige Reich, das die Nazis im Zweiten Weltkrieg so gerne errichten wollten. Nicht nur gefühlt, auch in absoluten Zahlen. Dies nur für alle Jugendlichen, die die 80er heutzutage als irgendwie glamouröses Zeitalter vergöttern.
Außerdem war Birne der erste Kanzler, dem es gelungen ist, deutsches Territorium, das von seinem Vorgänger in den 30ern verzockt wurde, wieder zurückzuholen. Man könnte so sagen, die einzige dauerhafte Ausdehnung des deutschen Hoheitsgebiets nach 1945 erfolgte durch Helmut Kohl.
Gut, in dem Moment hätte jeder deutscher Kanzler sein können. Die Konkursmasse der DDR per feindlicher Übernahme einzusacken war ein Angebot, das selbst ein grüner Bundeskanzler Fischer nicht hätte ablehnen können, ohne dafür drei Minuten später von einem wütenden Mob gelyncht zu werden.
Angela Merkel hingegen hat etwas anderes geschafft. Sie ist der erste deutsche Politiker, dem es gelungen ist, England zu besiegen. Gut, man mußte die Engländer dazu bringen, sich irgendwie selber ins Knie zu schießen, aber das hat dann tatsächlich funktioniert. Genau wie im Fußball ist das einzige, was Großbritannien besiegen kann, eben Großbritannien. Das dann aber auch gründlich.

So sehr Kohls Regierungszeit auch wie Blei auf diesem meinem Heimatland lag, dieser Mann hatte etwas, was eine Frau Merkel und alle anderen nicht haben. Nicht, weil sie es verloren hätten, sondern einfach, weil sie es nie hatten: Eine Vision von einem Europa der Zukunft.
Eine Vorstellung über das Zusammenleben von mehr als einer halben Milliarde Menschen, die weit über bloße ökonomische Zahlen hinausgeht. Natürlich sind die wichtig, denn dieses Europa ist, trotz aller Nackenschläge, der größte Wirtschaftsraum der Welt, da können die Amerikaner noch so sehr behaupten, sie hätten ökonomisch den längsten.
An seiner Seite hatte Helmut nicht nur mit allen Wassern gewaschene Polit-Intriganten wie einen Wolfgang Schäuble oder einen willfährigen Sklaven wie Norbert Blüm. Nein, er hatte auf internationalem Parkett auch einen Mann wie Francois Mitterand als Begleiter, der zwar viel kleiner war als der bullige Mann aus der Pfalz, aber trotzdem den großen Nachbarn Frankreich regierte, den traditionellen Erzfeind und mehrfachen Kriegsgegner.
Beide, Mitterand und Kohl, entstammten einer Generation, die selber noch die Verwüstungen von Hitlers Krieg miterlebt hatte. Der Kontinent wurde in Schutt und Asche gelegt, Deutschland erlitt in Folge seiner Verbrechen ein psychologisches Trauma, das bis in heutige Generationen nachwirkt. Wenn auch nicht mehr stark genug bei einigen, nach meinem Eindruck. Der große Kerl aus Deutschland und der kleine Kerl aus Frankreich wurden Freunde. Continue reading →

Schützengräben

Na, da hat Europa ja gerade noch mal Glück gehabt. Hätte der Herr Norbert Hofer, einer von zwei verbliebenen Kandidaten bei der Wahl zum Bundespräsidenten in Österreich, die Wahl gewonnen, dann wäre der Kontinent aber so weit nach rechts gerückt, daß das Uralgebirge auf die Höhe des Himalaya angewachsen wäre. Und dann wäre Putin wieder sauer gewesen.
Oder so ähnlich. Jedenfalls mußte man diesen Eindruck gewinnen, wenn man die zunehmend schrille Berichterstattung in den letzten Tagen so verfolgt hatte. Aber es ist ja noch einmal alles gutgegangen. Mit einem knappen Vorsprung von etwas über 30.000 Stimmen hat sich dann dank der Briefwähler dieser andere Herr durchgesetzt, der Herr van der Bellen, der irgendwie „grün“ sein soll. Also, politisch, nicht im Gesicht.

Heinz-Christian Strache, die Leitfigur der rechten FPÖ in Österreich, hatte bereits in der Nacht zum Montag kräftig gefeiert. Nicht ganz grundlos, denn nach den ausgezählten Stimmen führte Hofer zu diesem Zeitpunkt mit 3,8 Prozentpunkten. Angesichts der überschaubaren Größe des österreichischen Volkes waren das absolut aber nur 144.000 Stimmen.
Übrigens eine Zahl, die dann auch gerne übernommen wurde. Von allen Seiten. Und das, obwohl „HC“, wie sich Strache wohl gerne nennen läßt, sich absolut sicher war, daß hier gerade wieder Medienmanipulation im höchsten Ausmaß zu sehen sei.
Denn nach den Zahlen des ORF lagen beide Kandidaten eher mit 50:50 gleichauf. Das konnte natürlich nur daran liegen, daß dieser manipulierende Sender zu den lügenden Systemmedien gehört. Was dann auch diverse Anhänger der FPÖ auf Facebook messerscharf erkannten und entsprechend kommentierten.

„Wie geht das, dass der ORF die Frechheit besitzt, uns falsche Zahlen zu liefern? Dass er Teil der westlichen Systemlügenpresse ist, ist mir schon klar, aber was bringt es denen?“

So stand es wohl auf Facebook zu lesen. Ich verlinke das aber nur indirekt.
Hier haben wir sogar einmal ein zumindest rest-intelligentes Examplar rechtslastigen Kommentarguts vor uns, denn immerhin hat der Schreiber gleich die Frage gestellt, was denn diese angeblich so falsche Berichterstattung bringen soll. Vielleicht besteht hier noch Aussicht auf Heilung, jedenfalls wünsche ich dem unbekannten Kommentator gute Besserung von hier aus.

Besonders schön finde ich persönlich den Hinweis darauf, daß der ORF Teil der westlichen Systemlügenpresse ist. Das muß aber auch mal gesagt werden, jawoll! Wobei – soll das jetzt heißen, daß es auch im Osten – wo immer der anfängt – eine Systemlügenpresse gibt? Und berichten die über Österreich? Immerhin ist das Land etwas größer als das Moskauer Stadtgebiet.
Oder wollte der Schreiber dieses Kommentars etwa damit andeuten, daß nur in den Medien des Ostens die Wahrheit zu finden ist?
Also in der „Pravda“ vielleicht, die ich noch aus den Zeiten des Kalten Krieges als allein wahrheitsverbreitenden Informationsquell kenne?
Oder in der chinesischen „Volkszeitung“, die auch, anerkanntermaßen unabhängig von der dortigen KP, nur die Wahrheit berichtet? Continue reading →

Herz des Vulkans

„The end of the human race will be that it
will eventually die of civilisation.“
Ralph Waldo Emerson

Zusammenbruch, so wie wir ihn normalerweise wahrnehmen, ist dasselbe wie eine Krise. Ein plötzliches Ereignis. Etwas, das bisher noch nie da war und alles, was wir bisher als alltägliches Leben wahrgenommen haben, völlig verändert zurückläßt. Oder zerstört, wobei Zerstörung nur eine besonders radikale Form von Veränderung ist.
Das Muster des alltäglichen Lebens, in dem so vieles von einem Tag auf den nächsten gleich oder zumindest hinreichend ähnlich zu sein scheint, verbirgt mit großem Erfolg die Zerbrechlichkeit des gesamten Konstrukts, das wir eben so Alltag nennen. So lange sich das Muster wiederholt oder nur geringfügigen Schwankungen unterliegt, sind wir in der Lage, für das Morgen zu planen. Wir gehen geistig davon aus, daß morgen eben alles weitgehend so sein wird wie heute, daß alle Dinge, von denen wir abhängen und über deren weiteres Vorhandensein wir normalerweise nicht großartig nachdenken, auch weiterhin vorhanden und vor allem verfügbar sein werden.

Der Seneca-Effekt, den ich neulich schon einmal kurz angesprochen habe, ebenso wie Erfahrungswerte oder ein genügend sorgfältiger Blick  in die Geschichte, zeigen allesamt deutlich, daß diese Annahmen falsch sind.
Aus soziologischer Sicht ist gesellschaftlicher Kollaps immer eher ein Prozeß, eine Kette aus Ereignissen, kein plötzliches Geschehen. Naturkatastrophen sind eine Ausnahme. Hier zerreißt ein nicht vorhersehbares Ereignis die vorherige Struktur des Alltags. Ein Vulkanausbruch ist nichts, was zwingend vorhersehbar wäre. Wobei man auch hier drüber streiten könnte, denn wer es sich unbedingt in einer Stadt wie Neapel gemütlich macht, sollte sich eventuell darüber im Klaren sein, daß der Vulkan, den man deutlich erkennen kann und der sich da so malerisch gegen den Golf und den Himmel abzeichnet, schon einmal eine größere Ansiedlung vom Angesicht der Erde gewischt hat, nämlich Pompeji. Genaugenommen ist der ganze Golf die Caldera eines Supervulkans.

Diejenigen, die von plötzlichem Zusammenbruch betroffen sind, beschreiben hinterher – sofern man sie fragt – immer wieder ihre Überraschung darüber, wie einfach das Sterben doch ist. Eben noch war alles gemütlicher Sandstrand, eine Stunde später ist der Tsunami abgeflossen und hinterläßt Trümmer, Leere und Tote. Viele Tote.
Was Kriegsberichterstatter und andere immer wieder beschreiben, ist vor allem die Geschwindigkeit, mit der die vorher übliche Struktur des Alltäglichen sich in einen riesigen Trümmerhaufen verwandeln kann.
Andere Berichte, wie etwa die Tagebücher eines Victor Klemperer, zeigen deutlich, wie das Phänomen der shifting baselines eine Gesellschaft ebenfalls recht schnell in etwas verwandeln kann, das die Mitglieder dieser Gesellschaft noch ein Jahrzehnt vorher entrüstet als unmenschlich, unsozial und ganz und gar unmöglich abgelehnt hätten. Hätte man einem durchschnittlichen Deutschen im Jahr 1925 etwas von Wohnungseinrichtungen, Häusern und anderen Besitztümern erzählt, die man einer Bevölkerungsgruppe unter Drohungen oder gar durch Ermordung abgenommen hat, um sie dann weiterzuverkaufen, hätte dieser das Szenario vermutlich für absurd gehalten. Im Jahr 1935 war es für eine Familie, deren männlicher Ernährer womöglich gerade wieder Arbeit gefunden hatte, überhaupt nichts Ungewöhnliches, eine „arisierte“ Kücheneinrichtung auf einer Versteigerung zu erwerben oder in der Zeitung annonciert zu sehen.
Im Deutschland der 1930er Jahre wurde die Struktur des Alltäglichen nicht zerrissen. Sie wurde in etwas anderes umgeformt, verzerrt und schließlich in etwas verwandelt, das zwar weiterhin alltäglich, aber nichtsdestotrotz mörderisch gewesen ist. Continue reading →

Gestern wird der Krieg zurückkehren

„War. War never changes.“
Fallout 4

28. Juni 1914. Sarajevo, Bosnien-Herzegowina.
Der Chauffeur des Erzherzogs Franz-Ferdinand, seines Zeichens designierter Thronfolger der k.u.k.-Monarchie Österreich-Ungarn, und seiner Ehefrau, der zu diesem Zeitpunkt schwangeren Sophie Chotek, Herzogin von Hohenberg, begeht einen folgenschweren Fehler. Er biegt rechts ab, in die Franz-Josef-Straße, statt nach links.
Der kaiserliche Thronfolger beschwert sich vehement. Der Chauffeur hält das Fahrzeug an, kann jedoch nicht sofort zurücksetzen, denn das moderne Fahrzeug der Marke Gräf & Stift, Baujahr 1910, verfügt zwar über einen Rückwärtsgang in seinem Getriebe, doch der muß erst einmal gefunden werden.
Am Straßenrand stehend sieht ein Mann namens Gavrilo Princip die Szene vermutlich etwas ungläubig. Eigentlich auf dem Weg, sich etwas zum Mittagessen zu besorgen, zieht Princip eine Pistole und schießt zweimal.
Die erste Kugel durchschlägt das Türblech des Fahrzeugs, sodann die Bauchdecke der Herzogin und fügt ihr schwere innere Verletzungen zu, an denen sie augenblicklich zu verbluten beginnt. Die zweite Kugel dringt in den Hals des Thronfolgers und zerreißt Halsvene und Luftröhre. Der vor ihm sitzende Graf Franz von Harrach dreht sich entsetzt um, greift zur Schulter des Erzherzogs und fragt: „Majestät, was ist Euch?“
Franz-Ferdinand erwidert noch: „Es ist nichts“, bevor er das Bewußtsein verliert.
Es werden seine letzten Worte sein. Sowohl der Thronfolger als auch seine Frau versterben an ihren Verletzungen, noch bevor der Wagen das Krankenhaus erreicht. Es ist das Krankenhaus, zu dem man ohnehin unterwegs war und zu dem man links hätte abbiegen müssen.
Denn bereits am Morgen dieses sonnigen Tages hatte es einen Anschlag auf das Paar Majestäten gegeben. Die vom Attentäter geworfene Bombe prallte jedoch am Verdeck des Wagens ab und verletzte zwei Personen des Gefolges sowie diverse Zuschauer. Franz-Ferdinand hatte trotz des Schocks beschlossen, im Krankenhaus nach dem Befinden der Leute zu sehen. Continue reading →

Narrenschiff

„Das ist die Seuche unserer Zeit:
Verrückte führen Blinde.“
William Shakespeare, King Lear

Gerade ging im schweizerischen Davos das aktuelle Weltwirtschaftsforum zu Ende. Wie jedes Jahr trifft sich eine Bande aus Politikern, Wirtschaftstypen, als Intellektuelle titulierte Ja-Sager und natürlich Journalisten in den lauschigen schweizer Bergen, um über die Dinge zu reden, die die Welt so bewegen. Wirtschaftswachstum zum Beispiel oder globale Umwelt- und Wirtschaftspolitik.
Teilnehmer dieses Treffens sind unter anderem natürlich die Chefin des IWF, Madame Lagarde, meistens irgendwelche Vertreter der Weltbank, dann solche persönlichen Vollsympathen wie Wolfgang Schäuble und natürlich der Gründer dieser exklusiven Veranstaltung, ein Mann namens Klaus Schwab, seines Zeichens deutscher Wirtschafts“wissenschaftler“. Er ist auch studierter Maschinenbauer und schleppt einen Master in Public Administration mit sich herum. Er ist für seine Verdienste – immerhin verdienen Ökonomie-Professoren ja nicht schlecht – unter anderem mit dem großen Verdienstkreuz mit Stern ausgezeichnet worden. Ein ökonomischer Vordenker also, ein Respektmann.

In diesem Jahr ging es unter anderem um solche Dinge wie islamistischen Terrorismus, die sogenannte Flüchtlingskrise und das allgemeine wirtschaftliche Schwächeln der Industrie- und Schwellenländer, wobei die Weltenlenker mit besonders sorgenumwölkter Stirn nach China sehen, wo gerade aktuell mal wieder die Börse abstürzt. Denn das Reich der Mitte gilt offiziell als Schwellenland. Das es trotzdem der Motor der Weltwirtschaft ist, streitet allerdings keiner ab, nicht einmal die Chinesen.
Die in Davos Zusammengekommenen befürchten wohl mehrheitlich, daß die Weltwirtschaft in diesem Jahr nicht wachsen wird und vor allem fürchten sie sich vor sinkenden Aktienkursen oder womöglich dem Platzen größerer Blasen. Ob die jetzt in China liegen oder den USA, weiß keiner so recht, aber man fürchtet sich halt schon mal. Wer diese Blasen erschaffen hat, wird offenbar auch nicht gefragt.
Außerdem fürchten sich die Herrschaften im Club davor, daß diese Sache mit den Flüchtlingen sich womöglich negativ auf die europäische Einigung auswirkt. Ich hätte mich ja allerspätestens mal im letzten Jahr darüber gesorgt, als man Griechenland mit finanziellem Clusterbombing auf die Linie des herrschenden Wirtschaftstotalitarismus zurückgezwungen hat (siehe dazu hier, hier und hier)
Das war nämlich der Moment, in dem Europa gestorben ist, der Tod Europas hatte mit den Flüchtlingen nichts zu tun. Aber vermutlich haben diese Damen und Herren das nicht mitbekommen, die sehen gewisse Dinge ja gerne mal anders als Menschen wie ich. Continue reading →

Rote Königinnen und nackte Kaiser

„Hierzulande mußt du so schnell rennen, wie du kannst, wenn du am gleichen Fleck bleiben willst.“
Lewis Caroll, Alice hinter den Spiegeln

Warum sollten niedrige Preise eigentlich ein Problem sein, ganz besonders für Öl?
In den letzten Wochen sehe ich beim Radfahren immer wieder Preise an der Tankstelle, die deutlich unter €1,30 pro Liter Raffinerieprodukt liegen. Autogas liegt bei deutlich unter 60 €-Cent. Sowohl der deutsche als auch der amerikanische Autofahrer sind erleichtert. So lange man billig tanken kann, ist ja alles gut.
Rein wirtschaftlich betrachtet sieht die Sache etwas anders aus. Denn, wie schon einmal erwähnt, gibt es in der Wirtschaft so etwas, das idealer Preis heißt. Den gibt es natürlich für alle Rohstoffe und Waren, nicht nur für Öl.
Wenn jetzt die Ölpreise sinken, sinken auch die Preise für Kupfer, Nickel, Kobalt, Gold, Silber, Blei und was einem sonst noch so einfällt.
„Ist doch prima“, denkt sich der Normalverbraucher, „da wird dann das nächste Auto auch noch billiger, Töchterchen wird bald 18.“

Doch des einen Leid ist des anderen Freud, wie man so schön sagt. Und die anderen sind in diesem Falle die Großindustrien. Also die richtigen Großindustrien. Die, die so groß sind, daß sie kaum einer kennt, der sich nicht schon mal mit der Thematik beschäftigt hat. So groß wie GlenStrata zum Beispiel. Kennen Sie nicht? Na also, das bestätigt doch meine Theorie.
Ich bin auch erst beim Lesen eines entsprechenden Buches auf diesen Konzern gestoßen, der eigentlich Glencore heißt. Das ist auch erst ein paar Jahre her. Nun, dieser Verein hat seine Finger in so ziemlich jedem Ressourcengeschäft bezüglich Industriemetallen und anderem Zeug, das auf unserem Planeten so abgewickelt wird.
So wie man eigentlich keinen Joghurt löffeln, eine dehydrierte Nudelmahlzeit kaufen oder in einen Schokoriegel beißen kann, ohne wahrscheinlich mit den Namen Nestlé und Kraft Foods in Kontakt zu treten, ist es quasi unmöglich, im Geschäft mit Bergbauprodukten mitzumischen, ohne dabei über Glencore zu stolpern. Ähnlich wie in anderen Branchen sind hier gerade mal wieder Fusionen in Mode. Kraft fusionierte nämlich unlängst mit Heinz, geleitet wurde diese Fusion von niemand Geringerem als Börsen-Guru Warren Buffet. Wobei Kraft Foods sich vorher noch aufspaltete, nämlich in eine Firma, die sich um Lebensmittel in Nordamerika kümmert und eine, die das für den Rest der Welt übernimmt, die heißt Mondelez International und ist die drittgrößte Nahrungsmittelfirma des Planeten.

Glencore wiederum ist eine Rohstoffhandelsfirma, die bis vor kurzen nur einen Bereich nicht abdeckte, nämlich den Bergbau selber, in dem diese Rohstoffe gewonnen werden.
Aber dieses Problem hat sich mit der aktuell gerade abgeschlossenen Fusion mit einem Laden namens XStrata erledigt, das ist nämlich eine der größten Bergbaufirmen des Planeten, die sich unter anderem um Chrom, Vanadium, Kobalt und Nickel kümmert. Zusammen mit anderen Beteiligungen hat GlenStrata damit die gesamte Wertschöpfungskette von geologischer Exploration und Schaufelradbaggern bis zum Kupfer für Computerchips und Smartphones in ihrem Portfolio. Der offizielle Name wird dann demnächst Glencore Xstrata International plc sein. Das erklärt, warum ich und viele andere von solchen Unternehmen keine Ahnung haben bzw. hatten.
„PLC“ steht nämlich für public limited company, was aus dem Wirtschaftlichen übersetzt soviel bedeutet wie „Informationen über die Firma sollten nicht an die Öffentlichkeit gelangen, das geht die nichts an“. Die Öffentlichkeit ist hier also eindeutig limitiert, die Firmenbezeichnung ist treffend gewählt. Praktische Sache, denn ohne Öffentlichkeit kann einem auch keiner reinquatschen. Weiterhin bedeutet es, daß sich diese Konzerne im Privatbesitz des Managements und ausgewählter Mitarbeiter befinden und sie oft nicht an der Börse notiert sind. So wie Glencore bis 2011.* Continue reading →