Die Politik in den Zeiten der Cholera

Die Flüchtlingsdebatte im Lande geht unvermindert weiter. Obwohl die Größte Bundeskanzlerin aller Zeiten, die Angela, ja bereits erklärt hatte „Wir schaffen das“ und dann etwas später die ganze Angelegenheit auch noch zur Chefsache erklärte.
In diesem Zusammenhang unterlief dem Tagesspiegel eine recht peinliche Panne.

Tagesspiegel vom 7. Oktober 2015

Da hat aus Versehen morgens einer koffeinfreien Kaffee aufgesetzt in der Redaktion: Titelbild des Tagesspiegels vom 07. Oktober 2015. Alle Ähnlichkeiten des abgebildeten Herrn mit amtierenden Kanzlerinnen sind natürlich rein zufällig.

Da hat sich entweder jemand in der Redaktion eine Freudsche Fehlleistung erlaubt oder wohl morgens keine Zeit für den Kaffee gehabt. Oder die Praktikantin hat den koffeinfreien aufgesetzt, das fällt unter Büroverbrechen der Kategorie I.
Denn der wahre Treiber der deutschen Wirtschaft ist selbstverständlich Bürokaffee. Oder Redaktionskaffee, in diesem Fall. Natürlich war hier nicht gemeint, daß Frau Bundeskanzlerin im schicken Mantel auftreten sollte – das Bild ist Werbung für die Verfilmung des Romans „Er ist wieder da“ und hat nichts mit der Schlagzeile darunter zu tun. Es besteht hier einfach kein Zusammenhang. Ein Griff ins Klo ist es redaktionell natürlich trotzdem, immerhin ist das eine Titelseite.
Wobei ich diesen Lapsus der Redaktion durchaus verstehen kann. Wenn man von der Größten Bundeskanzlerin aller Zeiten regiert wird und das Propagandaministerium, also das Amt des Regierungssprechers, von einem Herrn Seibert besetzt ist, kann das schon mal zu historischen Kurzschlüssen führen. Aber da steht ja auch deutlich „Der schon wieder“ und man kann sagen, was man will: Frau Bundeskanzlerin ist defintiv Angehörige des weiblichen Geschlechts. Außerdem würde ihr so ein Mantel eindeutig nicht stehen, der Schnitt ist ja geradezu gruselig. Allein der Stoff, das fließt überhaupt nicht. Und es ist definitv keine Kanzlerin-Farbe. Continue reading →

Europa verflüchtigt sich

Begonnen hat alles vor ein paar Wochen.
Irgendwelche Menschen, die aus irgendwelchen Ländern geflüchtet sind, wollen nach Europa. Noch bevor überhaupt welche von denen da sind, tauchen überall wieder diese Leute auf, die von deutschen Presseorganen gerne noch immer als „besorgte Bürger“ verharmlost werden und die schlicht und einfach faschistische, xenophobe Arschlöcher sind, um schon mal ein oder zwei Asylbewerberheime anzuzünden.
Wochenlang vermehrten sich die Schlagzeilen wie die Bakterien im Zahnbelag schlecht gepflegter Nazi-Zähne, Politiker begannen zu debattieren. Doch in der Mehrzahl wurde nicht darüber debattiert, wie man den Menschen helfen könnte, die da mit Schlauchbooten, Ruderbooten und zu Fuß nach Europa flüchten.
Nein, man diskutierte darüber, warum denn andere, die vor ihnen gekommen waren, noch immer hier sind, in Europa und vor allem in Deutschland.
Warum man die nicht abschiebt, die man eigentlich abschieben sollte. Was das denn kostet, wenn man die jetzt alle aufnimmt.
In der ganzen Zeit feiern die Nazis fröhlich vor Asylheimen, brüllen irgendwelche sinnlosen Sachen aus biergeschwängertem Hals und faseln etwas vom „Erhalt der deutschen Kultur“. Leute, die Kultur nicht mal erkennen würden, wenn man sie mit dem Hintern darauf festtackerte, bis der IS dann vorbeikommt, um die Kultur zu sprengen, so wie die Tempel in Palmyra neulich, wollen ihre Kultur geschützt wissen. Und dazu greift man dann zu kulturell hochwertigen Parolen, die auf Facebook verbreitet werden und in denen ein Satz in einer Sprache, die wohl Deutsch sein soll, im Durchschnitt etwa 8,3 Fehler enthält.

Da grölen Nazis von ,,Asylströmen“, was angesichts von etwa 800.000 Menschen, die da wohl auf uns zukommen, dann doch etwas populistisch erscheint, diplomatisch ausgedrückt. Das mag auf einem Haufen eine Großstadt sein, in der Gesamtheit sind das 1 Prozent der Bevölkerung unseres Landes. Aber inzwischen ist der Ausdruck überall. Alle Medien von Zeit über Spiegel und Süddeutscher Zeitung bis hin zu den widerwärtigen Randerscheinungen des deutschen Journalismus – also Springer – haben inzwischen Schlagzeilen gebracht, die mit ,,Strömen“ zu tun haben. Inzwischen ist daraus eine ausgewachsene Flüchtlingskrise geworden.

Innenminister de Maizière äußert sich besorgt darüber, wie viele denn noch kommen könnten, und regte dann zuallererst mal an, man könne denen ja Sachleistungen statt Geld geben, den Flüchtlingen.
Das ist natürlich total wichtig. Typisch deutsch wird gleich mal die Frage aufgeworfen, was das denn kostet. Und diese Frage kommt von jemandem, dessen Vorfahren wohl eindeutig Flüchtlinge waren. Wenn Herr de Maizière keine Hugenotten unter seinen Ahnen hat, fresse ich einen Besen. Außerdem hatten wir das mit den Sachleistungen schon mal, das war in den 90ern, bei den jugoslawischen Zerfallskriegen. Meines Wissens hat man das dann aus Kostengründen eingestellt. Die Rechnung ist simpel: Man kann Menschen Geld in die Hand drücken, damit sie sich das Nötigste nach ihrem Gusto kaufen können. Oder man verwaltet mit tranfunzeligen Bundesbeamten EPA-Pakete, die dann aber keiner so recht braucht. Menschen sind nur schwer formulartechnisch pauschalisierbar.
Der Oberchef der Bekloppten aus Bayern, der Seehofer Vollhorst, tönte schon Anfang August rum, daß ein Verschweigen des Asylmißbrauchs nur die Rechten im Land stärke. Und das geht natürlich mal gar nicht, Kruzifix! Wenn hier einer den Rechten nach dem Mund pöbelt, dann ist das immer noch die CSU. Continue reading →

Die Lange Dämmerung

– V –

Die zweite Renaissance

,,Mein Name ist Ozymandias, König der Könige.

Seht meine Werke, ihr Mächtigen, und verzweifelt!“

Percy Bysshe Shelley

Da steht Mensch also nun, auf dem Gipfel des Berges, und traut sich nicht weiter. Seit der Staatsschuldenkrise, die vorher eine Finanzkrise war, die vorher eine Euro-Krise war, die vorher eine Bankenrise war, die vorher mal als Immobilienkrise in den USA begann, hört man aus Politik und Wirtschaft eigentlich nichts weiter als Durchhalteparolen.
Überall werden Nebelkerzen geschwenkt, um so vom Wesentlichen abzulenken. Alles Gerede aus dem industriell-politischen Komplex™ heraus läßt sich seit 2009 eigentlich kurz und bündig zusammenfassen und erinnert mich als Deutschen doch stark an das hysterische Stimmchen eines Erich Honecker und seine Parolen des niemals existiert habenden Sozialismus: ,,Vorwärts immer, rückwärts nimmer!“
Dabei bin ich nicht mal im Osten aufgewachsen. Unsere Bundeskanzlerin aber schon, und die betonte bereits im Frühjahr 2009 in einer Trauerrede für die gerade überstandene Wirtschaftskrise, man wolle so schnell wie möglich auf den alten Kurs zurückkehren. Ja, die wurde damals offiziell für tot und begraben erklärt – die Krise, nicht die Kanzlerin.
Das klingt in meinen Ohren etwa so, als hätte der Kapitän der Titanic nach dem ersten Zusammenstoß in den Maschinenraum telegrafiert: ,,Volle Kraft zurück, Jungs! Und dann rammen wir den beschissenen Eisberg gleich noch mal!“

Was haben unsere Weltlenker nicht alles versucht. In den USA packte die Zentralbank die ganz große Keule aus und senkte die Zinsen noch weiter, als das ohnehin schon der Fall war. Damit sollte die Wirtschaft wiederbelebt werden, indem sie mehr Kredite vergibt. Ich erinnere mich, schon mal erwähnt zu haben, daß unser Geld aus Kreditvergabe, also aus Schulden entsteht, jedenfalls etwa 97% davon.
Man war also nicht besorgt darüber, daß es zuviel Kredit geben könnte in einer Wirtschaft, deren Beinahezusammenbruch durch die windige, um nicht zu sagen betrügerische, Vergabe von Immobilienkrediten ausgelöst worden war. Man war besorgt über zu wenig Kredit. Die Programme der US-Zentralbank Fed erhielten den schönen Namen ,,Quantitative Easing“, abgekürzt QE. Was mich immer daran denken ließ, daß „QE“ auch die Abkürzung für den altehrwürdigen Ozeanriesen ,,Queen Elizabeth“ ist, oder besser, die Ozeanriesen, es gab ja zwei dieses Namens. Und mit Ozeanriesen ist das so eine Sache. Continue reading →

Die Lange Dämmerung

– IV –

Kein Gott in der Maschine

„I have seen the science I worshiped and the aircraft I loved, destroying the civilization that I expected them to serve.“
Charles Lindbergh

Auf dem Gipfel eines Berges stehen ist großartig. Dieser Ausblick! Diese Luft! Diese kühle und dünnere Luft, die mit sinkender Sonne immer kälter wird und die einem klarmacht, daß man sich jetzt besser in Bewegung setzen sollte, möchte man sich nicht sehr bald den Hintern abfrieren.
Also begibt man sich irgendwann wieder an den Abstieg. Nachdem man ausgiebig das Panorama genossen und ein wenig Rast gemacht hat natürlich, denn wozu wäre man schließlich sonst auf den verdammten Berg geklettert?
Was aber völlig egal ist, ist die Himmelsrichtung, die man einschlägt. Denn jedem sollte klar sein, daß es von diesem Punkt aus abwärts geht, wie das Wort Abstieg auch schon leise andeutet. Vom Gipel eines Berges aus gibt es einfach keine andere logische Möglichkeit.

Keine Zivilisation auf der Erde hat einen so gewaltigen Aufstieg hinter sich wie unsere, die technologische globale Zivilisation des beginnenden 21. Jahrhundert ndZ. Das Zeitalter des Anthropozän, also das Zeitalter des Menschen, wird nicht nur so benannt, weil Mensch dieses Zeitalter quasi beherrscht. Die Wissenschaftler, die diese Bezeichnung ins Spiel bringen, sind Geologen und Paläontologen, also der Typ Nerd, der es gewohnt ist, mit sehr großen Zeiträumen umzugehen. Wir reden hier nicht von einer Woche oder einem Jahrhundert. Die Bezeichnung Anthropozän beruht vor allem darauf, daß die Folgen der Anwendung unserer Technologie inzwischen Spuren hinterlassen haben, die noch Jahrtausende lang zu sehen, zu spüren und zu messen sein werden. Seit etwa sechs oder sieben Dekaden setzen wir mehr und mehr Chemikalien und chemische Verbindungen frei, die in dieser Form natürlicherweise nicht vorkommen. Die Trümmer unserer angewandten Wissenschaften überziehen den Planeten inzwischen lückenlos. Das reicht von den Resten der auf Felder gespühten Pestizide oder Herbizide bis hin zu den strahlenden und überaus tödlichen Hinterlassenschaften der Kernspaltung, mit denen wir immer noch nicht wirklich etwas anzufangen wissen. Aller Wahrscheinlichkeit werden wir das auch nie, denn trotz allem müssen sich auch und gerade menschliche Wissenschaften an die Naturgesetze halten. Ein Punkt, der von den Anhängern des Technologie-Glaubens gerne zur Seite geschoben wird. Wie alles andere ist auch technologischer Fortschritt nicht endlos, weder in seinen Möglichkeiten noch seiner Geschwindigkeit, und er unterliegt ebenfalls dem gnadenlosen Gesetz des Abnehmenden Ertrages. Continue reading →

Die Lange Dämmerung

– II –

Apokalypse not

„I sat in the dark and thought: There’s no big apocalypse. Just an endless procession of little ones.”
Neil Gaiman, Signal to Noise

Der Untergang eines Imperiums oder einer Zivilisation ist üblicherweise ein Prozeß, nicht etwa ein plötzliches Ereignis. Als die Ägypter ihre Pyramiden bauten – falls sie denn tatsächlich diese Dinger gebaut haben – dachten sie bestimmt nicht daran, daß es eines Tages keinen Pharao mehr geben würde.
Tacitus hätte mich ebenso ausgelacht wie sein Ururururundsoweiter-Enkel, hätte ich ihnen erzählt, daß Rom untergehen wird.
Das Gebiet, das wir heute als China kennen, hat in den letzten 5.000 Jahren mehrfach Zyklen aus Aufstieg und Niedergang erlebt. So teilt sich zum Beispiel die Zhou-Dynastie in Östliche und Westliche Dynastie, nach der jeweiligen Lage der Hauptstadt und später in die sogenannte Zeit der Streitenden Reiche. In dieser Periode zerfiel ein vorher eher geeintes Gebiet – das östliche Zhou – in unterschiedliche Fürstentümer, nachdem der letzte entsprechende Herrscher den Löffel abgegeben hatte. Allein diese Dynastie reicht übrigens vom 11. bis ins 5. Jahrhundert vdZ, um einmal den Maßstab zu verdeutlichen.
In Europa befreiten sich in diesem Zeitraum die Griechen aus ihrem dunklen Zeitalter, das auf den Untergang der Minoischen bzw. Mykenischen Kultur gefolgt war. Kurz nach 1200 vdZ werden viele Städte und Zentren Mykenes zerstört, die Ursache hierfür ist bis heute unbekannt.
Mal werden äußere Feinde angenommen, für die es hier und da Hinweise gibt, mal sollen Naturkatastrophen verantwortlich sein. Manche Archäologen vermuten einen Zusammenhang mit Vorgängen jenseits der Ägais, die zur Zerstörung der Handelsrouten, zu Ressourcenknappheit und somit zu Kriegen geführt haben könnten. Aber genau weiß man es eben nicht.
Fest steht nur, daß die Mykenische/Minoische Kultur im 12. Jahrhundert vdZ einen massiven Zusammenbruch zum Opfer fiel. Die berühmten Schriften des alten Homer datieren zum Beispiel aus dem 8. Jahrhundert vdZ und beziehen sich wohl eher auf das 13. Jahrhundert vdZ, da etwa hat nämlich der Trojanische Krieg stattgefunden, wenn der denn tatsächlich ein historisches Ereignis beschreibt.
Homer berichtet also in seinen Versen von Dingen, die bei den damaligen Zuhörern zur Rubrik „Mythen und Geschichten“ gehörten.

Allerdings finden sich auch im Untergang weitere Gemeinsamkeiten. Sowohl in Bezug auf die mykenische Kultur als auch Rom oder China bleiben die geographischen Gebiete weiterhin bewohnt. Es gibt Keramiken, die von heutigen Archäologen extra als „submykenisch“ bezeichnet werden, was sich einmal auf die Zeiteinteilung als auch auf die Arbeit selber bezieht, also die Kunstfertigkeit der Ausführung und andere Dinge.
Trotzdem sind der Mittelmeerraum oder eben China seit Jahrtausenden besiedelte Gebiete. Auch nach dem Untergang Westroms gehen die Bevölkerungsdichten in Europa deutlich zurück, die Zivilisationsstufe sackt deutlich ab – aber die Menschen an sich verschwinden nicht vollständig, ebenso wenig die komplette Kultur.
Wenn also Johannes von Padmos oder seine heutigen Genossen immer wieder den völligen Untergang der heutigen Zivilisation in einem apokalyptischen Ereignis prophezeien, kann ich ihnen da nicht zustimmen, denn insgesamt scheint diese Vorhersage keinem bisherigen Ereignis zu entsprechen, das man in der Geschichte so finden könnte. Continue reading →

Die Lange Dämmerung

– I-

Rom fällt. Immer.

„Die Zukunft und die Ewigkeit sind zwei völllig unterschiedliche Dinge.”
Douglas Coupland

Wenn man – so wie ich das tue – heutzutage behauptet, daß unsere Zivilisation, wie wir sie kennen, unweigerlich verschwinden wird, erntet man meistens nur Stirnrunzeln und einen Gesichtsausdruck, der besagen soll: Das ist ja wohl ein bißchen unmöglich.
Führt man, nach zwei oder drei weiteren Getränken, dann noch ergänzend an, daß dieses Verschwinden nicht erst in 100 Jahren oder gar einer noch weiter weg liegenden Zukunft erfolgen wird, greifen die ersten Leute zum Smartphone und rufen den Arzt. Oder jedenfalls würden sie es gerne, man sieht es ihnen an.
Es kann auch sein, daß überhaupt keine Reaktion erfolgt, denn die meisten Menschen scheinen irgendwelche Hinweise in diese Richtung einfach ignorieren zu wollen und tun das auch sehr erfolgreich. Das ist einer der Gründe, warum die Untergangspropheten immer wieder recht behalten haben.

Von diesen wiederum gibt es unterschiedliche Typen. Die einen naschen zu viele Pilze von der falschen Sorte, wie etwa Johannes von Padmos, und schreiben dann so etwas zusammen wie die Apokalypse der Bibel. Die Welt geht also unter mit Feuer vom Himmel, dem Zorn Gottes, der nächsten Sintflut und am Ende wachen alle Toten wieder auf und wir haben Zombie-Apokalypse wie in 28 Days later oder so in der Art. Noch schöner kann man einen Horrortrip eigentlich nicht aufschreiben. Da Johannes das aber schon vor ziemlich langer Zeit getan hat und man von LSD damals noch keine Ahnung hatte, glauben ziemlich viele Menschen heute genau an diese Variante des Untergangs. Immerhin steht es ja in der Bibel, muß also richtig sein.

Dann gibt es diejenigen, die sich über die Entwicklung der Zeit allgemein beschweren, so wie etwa der römische Schriftsteller Tacitus über den Verlust der Römischen Republik. Tacitus war aber natürlich realistisch – und schlau – genug, die Notwendigkeit des Kaisertums als Verwaltungsmaßnahme für das inzwischen riesige Reich anzuerkennen. Aber er sah darin trotzdem so etwa wie einen moralischen Rückschritt, einen Verlust an „virtus“, also Tugenden.
Aus heutiger Sicht betrachtet bestehen diese Tugenden vor allem aus politischer Korruption und außenpolitischen Kriegen, aber ein Römer des 1. Jahrhunderts ndZ sah das eben ein bißchen pragmatischer.
Wenn man aus solchen Büchern etwas lernen kann, dann die eindeutige Tatsache, daß Menschen für die Schwächen ihrer Zeit meistens sehr blind sind. Hätte ich Tacitus erzählt, wie es mit Rom weitergehen würde, hätte er mich mit einem Stirnrunzeln angeschaut. Auch ein Kaiser Hadrian, der in den letzten Tagen Tacitus‘ sein Amt antrat, hätte mir wenig Glauben geschenkt, wenn ich ihm vom Untergang Roms berichtet hätte.
Gut, er hätte jetzt nicht nach seinem Smartphone gegriffen, das war noch nicht erfunden, aber hätte er den Arzt gerufen, wäre das auf jeden Fall mein Ende gewesen. Wer Asterix gelesen hat, weiß genau, was römische Ärzte anrichten konnten.

Rom von oben

Die erstaunlichste Stadt des Universums in luftiger Perspektive, etwa um das Jahr 50 vdZ
Quelle: Asterix, Band 18: Die Lorbeeren des Cäsar, von Albert Uderzo/René Goscinny.

Und warum hätte mir Hadrian auch glauben sollen?
Noch sein Vorgänger Trajan hatte dem Römischen Reich große Gebiete hinzugefügt. Er hatte Mesopotamien erobert und Armenien, was etwa den heutigen Staaten Iran, Irak, Syrien und noch ein bißchen dazu entspricht. Allein das armenische Reich erstreckte sich in seinen Glanzzeiten von Tarsos und Damaskus am Mittelmeer bis zur Küste der Kaspischen See. Außerdem eroberte Trajan Dakien, das entspricht dem heutigen Rumänien, der westpannonischen Tiefebene – das ist heute ein Teil Ungarns und Nordserbiens – und dazu noch Moldawien und ein bißchen Bulgarien. Ja, römische Eroberungen zeichneten sich nicht durch geringe Gebietsverschiebungen aus, soviel ist mal sicher.
Als Hadrian den Thron bestieg, befand sich das Römische Reich auf dem Höhepunkt seiner Ausdehnung, die Küste des Schwarzen Meeres gehörte ebenso natürlich dazu wie die des Mittelmeeres, das ja von den Römern ohnehin „Mare Nostrum“, also „unsere Badewanne“ genannt wurde. Continue reading →

ID: Mensch 3.674.766.677

„Der Mensch bringt sogar die Wüsten zum Blühen. Die einzige Wüste, die ihm noch Widerstand
leistet, befindet sich in seinem Kopf.“
Ephraim Kishon

Ich hatte hier bereits einmal angedeutet, daß das Problem der Überbevölkerung des Planeten Erde in Wirklichkeit gar nicht so groß ist, wie viele Menschen immer gerne annehmen. Nun, natürlich ist das ganze ein Problem, denn zweifellos wird die Bevölkerung der Erde in den nächsten Jahrzehnten weiterhin zunehmen. Also, an Kopfzahl, nicht wie ich an Gewicht. Aber diese Tatsache ist nicht das Hauptproblem, dem sich Mensch in weiteren Verlauf des 21. Jahrhunderts gegenübersieht.

Für mich ist das aktuelle Jahr, nach einem recht weit verbreiteten Kalender das Jahr 2015, ein etwas besonderes Jahr. Denn die derzeitige Weltbevölkerung besteht aus ungefähr 7.322.430.400 Exemplaren des Homo sapiens.
Meine quasi ganz persönliche Zahl ist 3.674.766.677. Solche Spielereien kann man übrigens hier nachschlagen.
Mit ein wenig Berechnung läßt sich feststellen, daß in etwa 121 Tagen, am
16. Oktober des Jahres 2015, die Weltbevölkerung exakt doppelt so groß sein wird wie am Tag meiner Geburt. Schon viermal hat die Masse Mensch eine weitere Milliarde hinter sich gelassen, seitdem ich selber Teil dieser Masse geworden bin. Da sage noch einer, man kann die Zukunft nicht vorhersagen.

Bereits 1798 ndZ erschien ein in dieser Hinsicht durchaus wichtiges Werk, nämlich Essay on the Principle of Population, geschrieben von einem gewissen Thomas Malthus.
Der Mann war nicht etwa Evolutionsbiologe, denn die Evolution war noch nicht erfunden. Er war Ökonom, also Wirtschaftswissenschaftler. Aber das war zu einer anderen Zeit, deshalb schreibe ich den Herrn nicht in Anführungszeichen.
Malthus‘ Essay läßt sich recht kurz und bündig zusammenfassen: Menschliche Bevölkerung wächst exponentiell, die Erträge des Ackerbaus aber nicht. Zwar ließe sich, so Malthus, der Ertrag von Ackerflächen durch Bewässerung um etwa 20% steigern, aber dieser Zuwachs erzeuge dann wiederum keinen weiteren Zuwachs. Irgendwann muß also, rein logisch fortgesetzt, der Menschheit die Nahrung ausgehen.

Malthus zog dann daraus die Schlußfolgerung, daß Menschen, die halt das Pech haben, zu einem Zeitpunkt geboren zu werden, an dem es nicht mehr genug zu essen gibt, leider auch keine Lebensberechtigung hätten:

„Ein Mensch, sagte er, der in einer schon occupirten Welt geboren wird, wenn seine Familie nicht die Mittel hat, ihn zu ernähren oder wenn die Gesellschaft seine Arbeit nicht nötig hat, dieser Mensch hat nicht das mindeste Recht, irgend einen Teil von Nahrung zu verlangen, und er ist wirklich zu viel auf der Erde. Bei dem großen Gastmahle der Natur ist durchaus kein Gedecke für ihn gelegt. Die Natur gebietet ihm abzutreten, und sie säumt nicht, selbst diesen Befehl zur Ausführung zu bringen.“

Ganz ökonomisch-herzlich hier der Gedanke, daß natürlich nur denen das Leben verweigert wird, deren Erzeuger sich ihre Ernährung nicht leisten können. Für die Reichen und Mächtigen stellt also die Grenze der Ernährung kein Problem dar, man hat ja Geld. Wenn man damit ein paar anderen armen Schweinen das Notwendigste wegkauft, ist das ja nicht weiter tragisch.
Unter anderem auf Grund dieser Passage hat die spätere Geschichte Malthus die Liebe entzogen und das Wort ,,Malthusianer“ gilt heutzutage unter Wissenschaftlern als eindeutige Beschimpfung. Continue reading →