Hau ab, Mephistopheles!

„Was eine lange Reihe von Generationen aufgebaut hat, das zerschlägt und zerstreut ein einziger Tag.”

Lucius Annaeus Seneca, Briefe an Lucilius, 91

Als der Mann den Gerichtssaal der Inquisition verläßt, ist er geschlagen.
Man hatte ihn zu dem öffentlichen Geständnis gezwungen, in seinem Buch geirrt zu haben, er mußte seine Fehler verfluchen und verabscheuen – ein Teil des Widerrufungsrituals – und schaffte es nur dadurch, dem drohenden Scheiterhaufen zu entkommen. Das Urteil lautet auf lebenslange Kerkerhaft. Für einen Mann im Alter des Angeklagten – 68 Jahre – im Grunde ein Todesurteil auf Raten.
Schließlich bleibt der Verurteilte in der Botschaft der Toskana und kann, da der Herzog der Toskana ein großer Bewunderer seiner Arbeiten ist, schließlich doch nach Hause zurückkehren, wo er allerdings für den Rest seines Lebens in Arrest verbleibt und mit einem lebenslangen Lehrverbot belegt wird.

Aber Galilei hatte sein Leben gerettet, das nach diesem Prozeß immerhin noch ein Jahrzehnt andauern sollte und es ihm ermöglichte, einen ausgedehnten Briefwechsel mit befreundeten Gelehrten im In- und Ausland zu führen, von denen einige deutlich weiter vom Einflußbereich des Papstes in Rom entfernt waren als er selber. Und die Verkündungsfreude bezüglich des neuen Weltbildes, das Galileo in seinem beanstandeten Buch diskutiert hatte, nahm mit der Entfernung vom Papstthron deutlich zu. Die Tatsache, daß Galilei seinen „Dialog über die zwei Weltsysteme” in der Volkssprache verfaßt hatte, also Italienisch statt des wissenschaftlichen Latein, half der inzwischen mehrere Jahrzehnte alten „neuen” Idee, die ein Herr Kopernikus in die Welt gesetzt hatte, ebenfalls zu einer deutlichen Steigerung ihrer Popularität.
Galilei wurde angefeindet, weil er, oder besser, diese neue Idee, die Erde aus dem Mittelpunkt des Sonnensystems verbannte. Als einer der Jünger des kopernikanischen Weltbildes und eigener Beobachter des Sternenhimmels mittels der gerade erfundenen Teleskope war er schon früher der Inquisition unangenehm aufgefallen, sprach er doch offen darüber, auf der Sonne Flecken entdeckt zu haben. Zur damaligen Zeit natürlich ein schwerer Angriff auf die Dogmen der Kirche, denn die himmlischen Sphären waren von Gott geschaffen, wie alles andere, aber eben auch direkter Wohnort des Heiligen und somit Perfekten. Wie konnte also die Sonne Flecken haben?

Damals, 1623, hatten Freunde Galileis in der und um die Kurie die Anschuldigungen gegen ihn versanden lassen. Jetzt war er ein Jahrzehnt danach ein weiteres Mal in den Fokus der Inquisitoren geraten und damit einmal zu oft.
Aber ein weiterer Schritt war getan worden, um die Rätsel des Universums zu klären. Wieder einmal trug die Wissenschaft den Sieg davon. Was die Kirche mit ihrer in religiöser Dogmatik erstarrten Weltsicht in den kommenden Jahrhunderten lieferte, waren Rückzugsgefechte. Den eigentlichen Krieg hatte sie zu diesem Zeitpunkt bereits verloren.

Jahrhunderte später verbannte ein Mann namens Darwin den Menschen vom Thron einer Schöpfung, die niemals existiert hat. Zwanzig Jahre lang hatte Charles Darwin nach seiner Weltreise an seiner Evolutionstheorie gearbeitet und fast hätte er sie nicht veröffentlicht. Wie Galilei muß ihm klar gewesen sein, daß das, was er da schrieb und theoretisierte, das geistliche Gefüge seiner Zeit in die Luft sprengen würde. Also sammelte Darwin Beweise, verschaffte sich wissenschaftliche Stabilität durch andere Veröffentlichungen, suchte und fand Freunde, die er in seine Theorie einweihte. Immer mehr Steine fügte er zu einem stabilen und breiten Fundament zusammen, auf dem seine Theorie ruhen sollte. Denn die Theologen würden ihn zerreißen, das war völlig zu erwarten. Also mußte er zumindest in den Wissenschaften so überzeugend sein, daß man seine Theorie nicht würde ignorieren können. “On the origin of species”, eines der wohl wichtigsten Werke der modernen Wissenschaften, ist auch eines der am besten ausgearbeiteten Bücher aller Zeiten, zumindest in meinen Augen. Selbst die Tatsache, daß seine Theorie noch augenscheinliche Schwächen enthält, verheimlicht der Autor nicht, sondern weist im Gegenteil explizit darauf hin.

Noch einmal einige Jahrzehnte nach Darwins Tod verbannte dann ein Mann namens Edwin Hubble das Sonnensystem aus dem Mittelpunkt des Universums. Denn zumindest das hätte man sich bis dahin noch trotzig einbilden können und tat es auch. Wenn schon die Sonne nicht um die Erde kreist und deren menschliche Bewohner genauso entstanden sind wie alle anderen Lebewesen, statt aus göttlicher Schöpfung zu resultieren, dann konnte ja zumindest das verdammte Universum um das Sonnensystem kreisen. Denn irgendwo mußte das Ding ja einen Mittelpunkt haben, warum also nicht hier?
Doch da kam dann ein Kerl namens Einstein dazwischen, der im Rahmen seiner Relativitätstheorie auch ein Universum innerhalb dieses Formalismus beschrieb. Ein statisches Universum allerdings. Doch diese Auffassung veranlaßte andere Menschen zum Nachrechnen, was 1922 ein Mann namens Alexander Friedmann auch tat und mathematisch ein sich ausdehnendes Universum beschrieb. Ein sich ausdehnendes Universum aber hat kein Zentrum.
Edwin Hubble wiederum gelang es 1925, mit Hilfe der Rotverschiebung des Lichts nachzuweisen, daß der Spiralnebel M31 ein Objekt sein muß, das sich weit außerhalb unserer Galaxis befindet. Mit einem Male wurden ganze Lichtflecken am Himmel zu neuen Sterneninseln, zu Galaxien wie der unseren, nur eben sehr weit entfernt.

Die angesprochene Rotverschiebung funktioniert hier genauso wie der altbekannte Doppler-Effekt, den man von einem vorbeifahrenden Krankenwagen kennt. Kommt das Fahrzeug auf uns zu, wird das Geräusch der Sirene nicht nur lauter, sondern auch höher, seine Frequenz verschiebt sich. Denn während der Wagen auf uns zufährt, wird der Laufweg der Schallwellen zu unserem Ohr kürzer. Entfernt sich das Fahrzeug, tritt der gegenteilige Effekt ein. Die Laufzeit des Schalls nimmt zu, die Frequenz des Sirenengeräusches nimmt ab, es wird langwelliger. Mit M31 wurde die erste Galaxis außerhalb der irdischen klar erkannt, wir nennen sie heute Andromeda.
1927 dann nahm ein Mann namens Georges Lemaître die Ideen von Herrn Friedmann wieder auf und errechnete wie sein Vorgänger, daß sich aus den Einsteinschen Relativitätsgleichungen eben ein Universum ergibt, das sich ausdehnt, kein statisches. Wie ein berühmter kriminologischer Romanheld war dieser Mann nicht etwa Franzose, sondern Belgier, und formulierte in seinen Gleichungen das, was man heute unter den Physikern als Expansion des Universums kennt oder auch als Urknalltheorie. All das paßte wunderbar zu den Rotverschiebungen und den Distanzen eines Hubble.
Witzigerweise war Lemaître nicht etwa Physiker von Haus aus, sondern grundlegend erst einmal Priester, und zwar ein Jesuit. Eben diese hatten Jahrhunderte vorher gerne den Vorsitz in der Inquisition geführt, die einen Galilei beinahe auf den Scheiterhaufen geschickt hätte. Auch Darwin war einer, der ursprünglich einer theologischen Ausbildung teilhaftig werden sollte. Erst seine Forschungsreise auf der Beagle machte seine Zweifel über das bis dahin gültige Bild einer von Katastrophen geschüttelten, 6000 Jahre Erde endgültig zunichte und ließ in ihm die Theorie entstehen, die wohl kaum weiter von seiner Erziehung entfernt sein konnte, als man sich das vorzustellen vermag.

Erde: Nicht Zentrum des Universums. Mensch: Nicht Krone der Schöpfung. Noch immer verweigern wir uns der Konsequenz unseres Wissens.

Unfairerweise wird diese Sache mit dem Ausdehnen des Universums heute dem vorher erwähnten Edwin Hubble zugeschrieben, was aber falsch ist. Hubble bestimmte 1929 die Geschwindigkeit, mit der sich Galaxien voneinander entfernen und stellte die Theorie auf, daß diese Geschwindigkeit höher sein müsse, je weiter eine Galaxie von uns entfernt ist. Ergebnis war die heute nach ihm benannte Hubble-Konstante. Exakt diese hatte Lemaître aber schon in seiner Arbeit beschrieben.
Eigentlich müßte die „Hubble-Konstante” also Lemaître-Konstante heißen, allerdings hat dieser niemals ein Erstentdeckerrecht für sich in Anspruch genommen. Deswegen ist Monsieur Lemaître heute ein Asteroid, während Mr Hubble ein Asteroid, ein Mondkrater und ein Teleskop ist. Die Welt der Wissenschaft kann manchmal gemein sein.
Noch heute benutzen Astronomen manchmal die Bezeichnung „planetarer Nebel”, das war der Name für Galaxien, bevor man ihre wahre Natur erkannt hatte. Oder sie sprechen von „Milchstraße”, wenn sie unsere ganze Galaxis meinen. Dabei ist das bekannte Band aus Sternen am irdischen Nachthimmel lediglich ein Spiralarm unserer Galaxie, in den wir von der Seite hineinsehen, denn unser Sonnensystem liegt beileibe nicht im Mittelpunkt des Universums, sondern mehr oder weniger abseits zwischen zwei Spiralarmen. Obwohl diese Bezeichnungen unpräzise oder schlicht und einfach falsch sind, lungern sie also noch immer im Fachvokabular von Experten herum.

Mit dem 20. Jahrhundert, mit Unschärferelation und Chaostheorie, mit der immer größer werdenden Gewißheit, daß das Universum sich eben nicht bis ins Unendliche mit Zahlen, Formeln und Modellen erfassen läßt, wird ein weiterer fester Glaubenssatz zertrümmert, den wir Menschen allesamt mit uns herumtragen.
In der Quantentheorie ist es schlicht und einfach so, daß wir nicht sagen können, ob die verdammte Katze, die Erwin Schrödinger in den 40er Jahren in die Kiste gesperrt hat, jetzt tot ist oder ob sie lebt. Jedenfalls nicht, bis man die Kiste aufmacht und nachschaut. Denn erst dann kommt es zu einem Ereignis, das die Physiker „Zusammenbruch der Wellenfunktion” nennen und das Universum entscheidet, in welchem Zustand die Katze so vorliegt. Was aber quantenphysikalisch bedeutet, die Katze ist bis dahin tot und nicht tot – gleichzeitig.
Einstein hätte jetzt vermutlich versucht, mit einem Einwand abzulenken, nach das mit der „Gleichzeitigkeit” nach seinem Theoriegebäude auch eine etwas knifflige Sache ist. Jedenfalls sah sich der große Mann der Physik anläßlich seiner theoretischen Kollegen einmal zu der Bemerkung veranlaßt, er glaube nicht daran, daß der Mond nur existiere, wenn er gerade hinsehe.
Die Wissenschaft beweist mit ihrem eigenen Fortschritt, daß ihr Versprechen der Kontrolle, der völligen und absoluten Kontrolle über alles, was nicht-Mensch ist, eine Illusion ist und auch immer war. Wir können das Wetter dank massiver Computertechnologie inzwischen ganz gut voraussagen. Aber auch nur aufgrund der Erkenntnis, daß es so etwas wie nichtlineare Dynamik überhaupt gibt. Wetterkontrolle liegt außerhalb jeglicher Möglichkeiten, sei es jetzt oder in Zukunft, daran hätte kein Meteorologe heute irgendeinen Zweifel.

Allerdings scheuen die Wissenschaften und auch Mensch im Alltag noch immer vor der unausweichlichen und offensichtlichen Schlußfolgerung zurück: Unser reduktionistisches Weltbild, die Erschließung der Welt auf wissenschaftlicher Basis, hat einen Bruch erzeugt, einen großen Riß, der sich über Jahrhunderte stetig erweitert hat und der unsere Sicht der Dinge entscheidend prägt. Das Zerlegen der Natur in Teile, die man unter dem Mikroskop betrachten, in einem Zoo ausstellen, in einem Lehrbuch formulieren kann, hat zu einer geistigen Trennung geführt zwischen Mensch und Natur. Wir betrachten uns bei allem, was wir tun, letztlich immer als etwas Besonderes. Die wissenschaftliche Methodik und ihre Blüte seit dem Beginn der Renaissance hat unsere Spezies von allen anderen separiert. Andere Wesen mögen auch Werkzeuge benutzen. Doch nur Mensch erdenkt stetig neue, um Einfluß zu nehmen auf seinen Alltag. Statt die Welt so zu sehen, wie sie tatsächlich ist, bevorzugen wir Menschen eine Welt, wie wir sie uns vorstellen. Trifft diese Vorstellung nicht zu, benutzen wir unsere Werkzeuge, um die Welt umzuformen und in das zu verwandeln, was unserem Mythos entspricht, den Geschichten, die unsere Spezies über sich selbst erzählt.
Aber diese Vorgehensweise ist fundamental falsch. Wie Einstein sich gegen die Idee eines sich ausdehnenden Universum wehrte, bis Lemaître ihn von seiner Urknalltheorie überzeugen konnte, so wie sich die Kirche vor 500 Jahren einer Weltsicht verweigerte, die die Erde um die Sonne kreisen läßt, so verweigern sich heutzutage so ziemlich alle Menschen, bewußt oder unbewußt, dieser einen Erkenntnis, die wir für etwas Primitives, etwas längst Überwundenes halten, für so etwas wie einen Blinddarm, ein Relikt aus evolutionären Zeiten, das niemand mehr benötigt.

Dabei ist die Wahrheit schlicht: Es gibt gar kein „da die Natur” und „hier der Mensch” auf unserem Planeten. Wir sind als Spezies und als Individuen letztlich Teil dessen, was Natur ist und unterliegen somit auch all ihren Gesetzen. Ob diese jetzt lineare Dinge beschreiben oder nichtlineare, ist unerheblich.
Der Fortschritt – oder besser, das Entwicklungsphänomen, das man allgemein als Fortschritt bezeichnet – hat es mit sich gebracht, daß eine immer stärker werdende Separation zwischen Mensch und seiner Umwelt eingetreten ist. Alleine das Wort „Umwelt” sagt klar aus, daß wir uns als von der Natur unseres Planeten getrennt auffassen. Das Wort für „Welt” und „Mensch” sollte eigentlich dasselbe sein, aber das ist es nicht. Oder nicht mehr.
Denn es gibt Menschengruppen auf unserem Planeten, meistens sogenannte primitive Gesellschaften, in denen das tatsächlich so ist. Wörter für „ich” bedeuten auch Stamm, Clan oder Familie in diesem Falle. Es gibt Sprachen, die es nicht ermöglichen zu sagen: „Mir geht es gut, aber der Umwelt geht es schlecht.”
In den Sprachen der indigenen Bewohner Nordamerikas war es nicht möglich, einen Sachverhalt auszudrücken, der besagt: „Dieses Land gehört mir.”
Für die Auffassung dieser Gesellschaften war diese Aussage ebenso sinnlos, als würde man heute sagen: „Dieser Arm gehört mir.”
Natürlich tut er das und das zieht auch niemand in Zweifel. Aber wie kann der Arm einem gehören?
Er ist halt ein Teil des Ganzen. Geht es dem Arm schlecht, kann es mir nicht gut gehen. Ich weise darauf hin, daß unsere Wissenschaften gerne Völker als primitiv bezeichnen, die im Durchschnitt weniger Kleidung tragen als im Kulturraum des jeweils Schreibenden üblich ist.
Obwohl also längst wissenschaftlich bewiesen ist, daß die Wissenschaften gar nicht das zu leisten vermögen, was sie immer noch und immer wieder versprechen, halten wir in unserer alltäglichen Auffassung von uns selbst am Konzept der Separation fest. Hier sind wir Menschen, da ist die Natur. Die können wir kontrollieren. „Wissenschaftlicher Fortschritt” ist heutzutage gleichbedeutend mit dem Vermögen des Menschen. seine Umgebung jederzeit kontrollieren zu können.
Gelingt das nicht sofort, werden wir bestimmt eine Lösung für das Problem finden. Ja, es gibt Umweltverschmutzung. Ja, der Atmosphäre geht es schlecht. Aber uns – uns geht es ja gut. Wir haben alles, was wir wollen. Einige von uns mehr, viel mehr sogar. Aber wir haben alles im Griff. Alles ist unter Kontrolle.

Bedauerlicherweise scheint auch das ewige Mantra der Kontrolle mehr und mehr nicht in der Lage, die scheinbaren Probleme unserer Spezies in den Griff zu bekommen. Überall häufen sich die Anzeichen, daß irgendetwas an unserer Art, mit der Welt umzugehen, nicht richtig ist, ja sogar bedrohlich für uns selbst. Aber Mensch entscheidet sich in dem meisten Fällen, darüber hinwegzusehen. So lange das Plastikzeugs nachts vom Strand des im Indischen Ozean versackenden Urlaubsparadieses geharkt wird, dessen Regierung die eigene Bevölkerung umsiedelt, um weitere entzückende – und recht teure – kleine Hütten auf einsame Koralleninselchen zu stellen, die bei den gut betuchten Touristen so prima ankommen – so lange ist alles in Ordnung. So lange das Flugzeug, das in dieses Inselparadies fliegt, uns heil hin und zurück bringt, ist alles in Ordnung.
Lautes Trompeten? Ich höre kein lautes Trompeten!”
Und so bleibt der Elefant wieder ungesehen und ungefühlt.
Aber das hindert den Elefanten nicht daran, sehr real zu sein und eben ein Elefant.
Es ist also dringend an der Zeit, die grundlegenden Behauptungen und Annahmen, die wir im Alltag und in unserem Leben für selbstverständlich erachten, einer genauen Prüfung zu unterziehen.
Denn nur dann kann das Experiment, das wahre Morgen zu erkennen, erfolgreich sein. Die Form der Zukunft, die auf die menschliche Spezies zukommt, kann man nur dann richtig ertasten, wenn man sich nicht vom Nebel im eigenen Kopf und vor den eigenen Augen behindern läßt.

0060-01 Dem Untergang geweiht

Unsere von fossiler Drogenabhängigkeit angetriebene Zivilisation bei Nacht. Ein durchaus prächtiger Anblick. Subtrahiert man allerdings Erdöl und Elektrizität von diesem Bild, bleibt nur stille Dunkelheit übrig.

Der Mensch als Krone der Schöpfung unterliegt nicht denselben Gesetzen wie die restliche Natur. Das Morgen wird immer besser sein als das Heute. Wir beherrschen den Planeten mit Hilfe unserer Technologie.

Die Dogmen der Moderne stecken in unseren Köpfen. Sie sind allesamt falsch.

All dies sind Dinge, die wir als gegeben hinnehmen. Wir alle tragen diese Annahmen, die wir für festen Bestandteil des menschlichen Wissens halten, mit uns herum. Gut, nicht wirklich alle Menschen denken so. Es gibt da sicherlich einige primitive Gesellschaften, die uns in dieser Beziehung überlegen sind. In Wirklichkeit haben diese Gesellschaften niemals den Entwicklungsprozeß durchlaufen, den wir ebenfalls als gegeben hinnehmen, diese Sache mit dem Fortschritt, der aus Speeren und Lagerfeuern unweigerlich Atombomben und Antimaterie-Reaktoren werden läßt. Aber innerhalb unserer westlichen, östlichen und technologisierten Gesellschaften auf dem Planeten Sol III sind diese Sätze etwas, das so ziemlich jeder unterschreiben würde.
Das der Mensch nicht die Krone der Schöpfung ist, darauf habe ich weiter oben bereits verwiesen, Mr Darwin hat da gründliche Arbeit geleistet.
So ärgerlich das auch sein mag und trotz aller Rückzugsgefechte von religiös doch stark sektiererischen Eiferern, ist heute sehr wohl klar, daß wir Menschen eben nur eine Art von mehreren zig Millionen sind, die auf der Erde so vor sich hin existieren, existiert haben oder existieren werden. Mit dem Auge der Deep Time betrachtet, der langsamen, geologischen Zeit, der unser Planet folgt, sind wir soeben erst aufgetaucht, oder vielmehr, unsere Vorfahren sind es.
Nach den letzten Erkenntnissen der buddelnden Zunft, der Paläontologen, ist dieser Tag so etwa vor 7 Millionen Jahren gewesen. Aus einem gemeinsamen Vorfahren entwickelte sich also eine Gruppe Primaten, die beschloß, den klugen Weg einzuschlagen und sich weiter von Baum zu Baum zu hangeln, statt sich um den ganzen Unsinn mit Autos, Umweltverschmutzung, Vernichtungskriegen, Call-Center-Marketing, Steuererklärungen, Ehescheidungen und Anwälten zu kümmern.

Die andere Gruppe zog das evolutionär dümmere Streichholz, entwickelte sich zu Menschen, die erst völlig glücklich waren, dann den Ackerbau erfinden mußten und seitdem ging alles irgendwie den Bach runter bis hin zu den Call-Center-Anrufen und sogar Scheidungsanwälten, die mit der Ehefrau durchbrennen. Der Mensch des 21. Jahrhunderts hat für alles Spezialisten.
Und da stehen wir jetzt also, nach ein paar Millionen Jahren Entwicklung, und schreiben Blogeinträge in einem virtuellem Raum, der Internet heißt und vor 5.000 Jahren eine Tontafel gewesen wäre. Wobei Tontafeln eindeutig ein weniger korrekturfreundliches Verhalten gezeigt haben dürften, ein gewisser Fortschritt läßt sich also auch von meiner Seite nicht leugnen.

Wir, Homo sapiens sapiens, sind also die Beherrscher der Welt.
Pfeif auf Darwin! Wenn wir nicht die Krone der Schöpfung sind, dann bauen wir die verdammte Schöpfung eben so lange um, bis wir das zumindest glauben können!
Nimm dies, Regenwald! Nimm das, schnöder Ozean!
Wir stehen auf dem Gipfel des Berges und unter uns erstreckt sich bis zum Horizont die Schöpfung. Felder, Mega-Städte, Straßen, Stauseen. Über uns durchziehen Flugzeuge den Himmel, einmal in 90 Minuten zieht eine von Menschenhand gebaute Raumstation über unsere Köpfe und des nachts gibt es viele Punkte, die sich auffallend schnell bewegen und vermutlich für das GPS-Signal unseres Smartphones zuständig sein könnten. Unsere Schöpfung.
Nun, das mit dem Berggipfel hatte ich schon einmal erwähnt.
Ich hatte auch schon erwähnt, daß Mensch den Berggipfel auch irgendwann wieder verlassen muß. Wir können darüber eine Weile diskutieren, aber nicht dauerhaft. Irgendwann geht uns der Proviant aus auf dem verdammten Berg, es gibt nichts zu trinken, die dünne Luft ist kalt und außerdem brauchen wir eine Steckdose, um das Smartphone aufzuladen, aber schnell.

Unsere globale Zivilisation befindet sich exakt an dem Punkt einer Kurve, an der eine etwas holprige Plateauphase in einen absteigenden Ast übergeht. Das, was unsere Spezies so angerichtet hat in den letzten 200 Jahren, betrifft nicht etwa irgendeine Natur oder irgendeine Umwelt. Es betrifft uns. Mal mehr und mal weniger direkt, aber es betrifft uns.
Noch immer versprechen unsere Politiker uns, daß mehr Wachstum alle Probleme lösen wird. Denn das ist die Welt, in der sie aufgewachsen sind. Die Welt, in der die Wissenschaft Kontrolle über alles versprach und dieses Versprechen auch einzulösen schien. Ich bin selber in dieser Welt aufgewachsen.
Aber ich glaube ihr nicht mehr. Meine Betrachtung der Fakten läßt mich zur unausweichlichen Schlußfolgerung kommen, daß all das nichts weiter sind als Rückzugsgefechte. Wie eine in Dogmatik erstarrte Kirche vor einigen Jahrhunderten wiederholt auch die Wissenschaft ihr ewiges Mantra von der Kontrolle. Alles wird auf ein Problem reduziert. Selbst dann, wenn es bei genauer Betrachtung gar keins ist.
Aber Wissenschaft muß so denken, denken die Wissenschaftler. Denn wäre es kein Problem, könnte man es ja nicht lösen.
Wie eine Wirkung keine Ursache haben kann im quantenmechanischen Bereich, so kann auch Wissenschaft einfach mal keine Lösung haben. Doch die Konsequenzen gefallen den weißbekittelten Oberdenkern der Zukunft nicht, also werden sie gnadenlos ignoriert.

Mensch wird nicht in größerem Wohlstand leben in den nächsten Jahrzehnten und Jahrhunderten. Der Wohlstand unserer Zeit, unseres Jetzt, wird unseren Nachfahren wie Mythen und Göttersagen erscheinen. Und er wird es auch tatsächlich sein, denn die Grundlagen unseres Wohlstands werden nicht mehr vorhanden sein.
Der Konkurrenzkampf unter uns Menschen muß in einem Zeitalter zunehmend knapper Ressourcen zunehmen, nicht abnehmen. Ebenso wird die Ungleichheit weltweit weiter steigen, nicht sinken. Denn unser Wirtschaftssystem läßt gar keinen anderen Verlauf zu. Was die einen zu viel haben, haben andere zu wenig, ansonsten bleibt die kapitalistische Waage nicht im Gleichgewicht.
Wir gehen keinem neuen Jahrhundert des Friedens und der abnehmenden Konflikte entgegen, das sollte selbst dem letzten Sofaschläfer inzwischen aufgefallen sein. Die Konflikthäufigkeit wird zunehmen, bis hin zu den nächsten, wirklich flächendeckenden Kriegen. Auch in Gegenden, die so etwas länger nicht mehr erlebt haben. Europa beispielsweise.

Der Untergang einer Zivilisation ist ein Prozeß, kein Ereignis. Wir glauben, noch sehr viel Zeit zu haben. Doch das könnte sich als Trugschluß erweisen.

Es gib da etwas in den Wissenschaften, das sich Seneca-Effekt nennt.
Der Seneca-Effekt besagt im Wesentlichen, daß der Abstieg auf der absinkenden Seite der Wohlstandskurve unserer Zivilisation sich wesentlich schneller vollziehen kann, als man das annehmen sollte. Vor allem wesentlich schneller als der vorherige Aufstieg gebraucht hat. Ins Gespräch gebracht hat diesen Ausdruck der italienische Geophysiker Ugo Bardi vor einigen Jahren.
Im Kern bedeutet es, daß der Mythos des Fortschritts, dem wir uns noch immer hingeben, zu einem Effekt führt, der in der Systemtheorie recht gut bekannt ist: Etwas, das als Lösung für ein Problem verkauft wird, verstärkt das Problem noch.
Die stagnierende Kohleförderung im England des 19. Jahrhunderts führte zur besseren Dampfmaschine eines Mr Watt, die zu mehr Kohleförderung führte, die zu mehr Kohleverbrauch führte, der zu mehr Bergwerken führte, die zu mehr Dampfmaschinen führten, die mehr Kohle brauchten.
Ökonomen kennen das als Jevons Paradoxon, denn dieser Mr Jevons war es, der 1865 das Buch “The Coal Question” schrieb, in dem er sich mit Fragen der Ressourcenerschöpfung beschäftigte. Unter anderem stellte er fest, daß höhere Effizienz im Gebrauch einer Ressource nicht zu weniger, sondern mehr Verbrauch führen kann. Eine Erkenntnis, die von vielen umweltschützenden Menschen auch heute noch gerne ignoriert wird.
Sinkende oder stagnierende Ölförderung führt zu massivem Fracking, das die letzten Reste fossiler Ressourcen unter enormen Kosten und mit Hilfe staatlicher Subventionierung aus dem Boden kratzt und schließlich in Marktpreisen unter den Gestehungskosten mündet. Was die eigene Förderung ruiniert, während der Spritpreis an der Tankstelle so niedrig ist, daß Amerikaner schon wieder mehr SUVs kaufen. Was wiederum mehr fossile Brennstoffe verbraucht.
Eine sterbende fossile Zivilisation baut plötzlich Mais an, um ihn in Ethanol umzuwandeln und damit Autos zu befüllen. Was zu massiv steigenden Lebensmittelpreisen führt, auch durch Spekulation, wiederum den Spritverbrauch nicht verringert und in ärmeren Ländern Dinge auslöst wie den Arabischen Frühling. Der beruhte nämlich auch auf massiv gestiegenen Lebensmittelkosten. Menschen konkurrieren plötzlich mit ihren eigenen Maschinen um schwindende Ressourcen.

Mensch ist gefangen wie Doktor Faustus, in meinem Falle der Version von Christopher Marlowe aus dem 16. Jahrhundert, nicht der späteren Adaption des Stoffes durch einen deutschen Dichterfürsten.
Doktor Faustus, ausgestattet mit allem Wissen seiner Zeit, ist unzufrieden, denn all sein Wissen bringt ihm nicht das, wonach er am meisten strebt: Macht über die Welt.
Dieser Stellvertreter der heutigen Wissenschaften sieht also nur eine mögliche Lösung, nämlich das Bündnis mit den dämonischen Mächten in Gestalt eines Mephistopheles. Dieser verlangt für vierundzwanzig Jahre Herrschaft des Doktors über die Welt dessen unsterbliche Seele und der Mann unterzeichnet den Vertrag nur zu gern.
Von nun an beugt sich alles seinen Wünschen. Ein einfaches Herbeirufen des unterwürfigen Mephistopheles genügt, um alle Sorgen und Probleme zu lösen. Nur den Wunsch nach Erlösung, den erfüllt ihm der Dämon nicht. Als die Zeit abgelaufen ist, ist es um den Doktor geschehen. Schlag Mitternacht taucht Mephistopheles auf und schleppt des Akademikers Seele in die Hölle.
Fast das gesamte Stück hindurch ist Faustus nur eine Haaresbreite von der Erlösung, von der Rettung seiner Seele entfernt. Alles, was er tun müßte, ist, dem Pakt zu entsagen und er wäre gerettet.
Doch damit würde er natürlich auch der Macht und den Freuden entsagen, die sein Pakt ihm bringt. Exakt das ist es, was er nicht tun kann. Es kommt ihm nicht einmal in den Sinn. Doktor Faustus gewöhnt sich so sehr daran, den Dämonen herumzukommandieren, um alles zu bekommen, was er nur begehrt, daß ihm jegliche andere Lösung als völlig unmöglich, ja sogar undenkbar erscheint. Selbst als die Dämonen seine Seele in die Hölle zerren, ist sein letzter Schrei ein Hilferuf an Mephistopheles, ihn zu retten.

Unsere Zivilisation ist wie Doktor Faustus. Wie er halten wir an der althergebrachten Methodik fest, weil wir uns so sehr an sie gewöhnt haben. Wir Menschen bestehen weiterhin darauf, den alten Pfaden zu folgen, den alten Dämonen herbeizurufen, um unsere Probleme zu lösen. Weiterhin zersplittern wir die Welt in kleine Stückchen, um jedes davon separat zu untersuchen und so eine Lösung für das Ganze zu finden.
Um die schwindenden Ressourcen besser auszubeuten, auf denen unsere gesamte technologische Zivilisation beruht, verordnen wir uns mehr Wachstum.
Um die Illusion aufrechtzuerhalten, wir könnten weitermachen wie bisher, leugnen wir die Wichtigkeit fossiler Energien für so ziemlich alles, was wir tun. Weiter verlangen wir, daß das Licht erstrahlt, wenn wir auf den Schalter drücken, erwarten wir Kontrolle über alles, was immer wir zu kontrollieren wünschen.

Nicht, daß es keine anderen Möglichkeiten gibt oder keine andere Welt denkbar wäre. Das Zerbrechen der alten Ordnung rund um uns herum ist sichtbar und wird auch oft wahrgenommen, da ändert alles Ignorieren nichts. Das laut kapitalistischen Maßstäben erfolgreichste Land des Planeten, die USA, hat den höchsten Verbrauch an Psychopharmaka pro Kopf der Bevölkerung.
Die Diskrepanz zwischen dem, was wir tun, und dem, was wir tun müßten, wird immer größer und die meisten Menschen spüren das instinktiv. Die kognitive Dissonanz, die immer schriller wird und das eigene Leben zu sprengen droht, wird mit Drogen aller Art zugenebelt, seien sie legal oder illegal. Die Anführer unserer Gesellschaft, sei es in Amerika, in China, in Indien oder Europa, weigern sich immer noch, den Pakt in Frage zu stellen, der uns unweigerlich in die Hölle ziehen wird.

Wenn Seneca recht hat, wird unsere Frist schneller ablaufen als vermutet. Sehr bald wird die Uhr beginnen, Mitternacht zu schlagen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.