Das wahre Morgen

-II –

Das Summen von Bienen

,,Die Vergangenheit ist passé, Darling.
Sie lenkt von der Gegenwart ab.“
Edna Mode

Das auf entsprechenden Festivitäten präsentierte Mittelalter macht auf mich in etwa denselben Eindruck wie Pornographie: Soll geil machen auf die Sache, aber kein Mensch mit mehr als drei Hirnzellen kann das für das echte Leben halten.
Alle reden in diesem Zusammenhang immer von Frauen-Diskriminierung. Das Männer reine Muskelberge sind, die möglichst lange den Ständer hochhalten müssen, damit sich die jeweilige Dame entsprechend in Szene rücken kann – oder die Szenen – wird von feministischer Seite seltsamerweise nie kritisiert.
Trotz dieser offensichtlichen Diskrepanz zwischen Realität und Fiktion haben Pornos meines Wissens großen Zulauf. Ein Drittel des Netzwerkverkehrs im Internet besteht aus pornographischen Inhalten, schätzt man in diversen Studien. Was dem Wort „Verkehr“ eine quasi völlig neue Bedeutung gibt. Man könnte auch sagen, das Internet wäre nicht das, was es heute ist, gäbe es keine Pornographie. Und damit wäre auch unsere Welt nicht so, was sie heute ist. Manchmal haben Wirkungen Ursachen, an die alle, die davon profitieren, nicht erinnert werden möchten.

Im Grunde ist das auf Burgfesten oder anderswo präsentierte Mittelalter sogar noch schlimmer. Es ist Softporno. Die Dinge, die wirklich interessant sind, werden also nur angedeutet, nicht wirklich gezeigt.
Eine Art romantischer Wiedererweckung einer Zeit, die so weit zurückliegt, daß niemand ohne Expertenwissen genau sagen kann, ob diese Interpretation, die sich hier vor meinen Augen abspielt, nicht doch der Realität entspricht oder einmal entsprochen hat.

Die Kräuterfrau beispielsweise kann auf ihren Führungen mit profundem Fachwissen aufwarten, da hilft mir das eigene Biologiestudium weiter. Welche Kombination von Pflanzen sich wie auf welches Befinden auswirkt, meist unter Hinzufügen von Alkohol, ist eine Wissenschaft für sich. Nur wurde die Wissenschaft eben erst später erfunden. Vor zweitausend Jahren wurde dieses gesammelte Wissen von Druidenmund zu Druidenohr weitergegeben, wie wir aus Asterix wissen. Das kommt davon, wenn man keine Schriftkultur hat.
Wenn man dann eine entwickelt, kratzen Menschen Rezepte für Tränke und Tinkturen und anderes Zeug auf Pergament. Dazu braucht es übrigens Tinte. Diese wiederum ist eine Erfindung, die irgendwann im 4. Jahrtausend vdZ gemacht wurde und damals aus Ruß bestand, vermischt mit Gummi arabicum, also dem Harz diverser Baumarten. Dieses Zeug ist kein Verwandter des umgangssprachlichen Gummis, denn das ist Naturkautschuk, also abgezapfter Baumsaft von Hevea brasiliensis, dem Kautschukbaum, dessen ursprüngliche Heimat in Brasilien liegt, wie der Name zart andeutet.
Irgendwann im 3. Jahrhundert ndZ kam jemand auf die Idee, Galläpfel auszukochen. Wer wie ich als Kind noch Nahkampfkontakt mit Bäumen hatte, kennt diese Dinger. Mittelgroße, grünbraune Schwellungen an Blättern, Rinde oder Zweigen von Eichen. Die wiederum sind die Folge von Stichen der Eichengallwespe, die im Herbst ihre Eier in diesen Pflanzen ablegt, was als Abwehrreaktion zur Bildung der Gallen führt. Und in denen wächst dann die Brut ungestört heran. Beim Rumklettern im Wald hängt man früher oder später an einem Ast, an dem es diese Beulen gibt.
Wenn man diese Dinger sammelt, zerstampft und zerkocht, entsteht Gallussäure. Dazu gibt man Eisenvitriol. Rein chemisch ist das Eisen(II)-Sulfat und das wiederum gewann man, indem man pulverisiertes Eisen in zwanzigprozentiger Schwefelsäure aufkocht. Vermischt mit Wasser und dem Gummi Arabicum – das im Gegensatz zum Latex wasserlöslich ist – entsteht das, was man über Jahrhunderte als Dokumententinte benutzt hat. Das Wort „Kanzleitinte“ spricht für die juristische Festigkeit des Stoffs.

Ich habe nicht die geringste Ahnung, wer im 3. Jahrhundert auf dieses Rezept gekommen ist. Wir wissen nur noch, daß es irgendwer gemacht haben muß, sonst gäbe es noch weniger erhaltene Aufzeichnungen von Anno dunnemals, als das ohnehin schon der Fall ist.
Allerdings muß man diese Aufzeichnungen dann auch noch übersetzen, denn ein Rezept aus der damaligen Zeit liest sich vermutlich heute sehr seltsam.
Überall wimmelt es in alten alchemististischen Kochbüchern von Drachenhirn, Drachenblut, Einhorn-Horn und Gewichten, die entweder Prise heißen oder auch Gran. Das stammt aus dem Altrömischen, nämlich „granum“ für „Weizenkorn“. Nicht das Getränk, für ordentlichen Schnaps muß man die richtige Art der Destillation erfunden haben und das war erst ab etwa dem 9. Jahrhundert der Fall. Das englische Wort „grain“ stammt aus dieser Wurzel.
Dummerweise ist ein „gran“, ebenso wie das griechische „stadion“, das ich schon mal vor langer Zeit erwähnte, eben ein uraltes Dingsbums und kommt außer in einer römischen auch in einer englischen, französischen und auch deutschen Variante im Mittelalter vor. Wobei die deutsche Variante auch nicht einheitlich ist, denn das, was mal Deutschland werden sollte, bestand ja aus mehr Kleinstaaten, Fürstentümern, Herzogtümern und Eigentümern, als es heute Nationalstaaten gibt. Gemeinsam ist allen Versionen, daß sie sich im Bereich von zweistelligen Milligrammen bewegen, aber das war es dann auch schon.
Um also mittelalterliche Rezepte überhaupt entstehen lassen zu können, brauchte es erst einmal das Rezept. Dann das Pergament. Die entsprechende Tinte. Jemanden, der auch schreiben konnte. Und um das nachzuvollziehen, braucht man ein einheitliches Meß- und Maßsystem. Heute benutzen wir wir Meter, Zentimeter und auch sonst überall recht dezimale Einheiten, aber das hat eine ganze Weile gedauert. Noch 1973 wehrten sich die skurrilen Engländer gegen die Einführung eines dezimalen Münzsystems, weil sie das für zu kompliziert hielten. Von immer noch vorhandenen imperialen Füßen und Zöllen reden wir da mal gar nicht.

Mittelalter als Porno. Das vermittelte Bild enstpricht nur recht bedingt der Realität.

Alleine hier wird also zweierlei deutlich: Schon zu mittelalterlichen Zeiten gab es keine „Technologie“. Auch damals mußten mehrere Dinge zusammenkommen und ineinandergreifen, um etwas Neues zu erschaffen. Wie beispielsweise Eisengallustinte, die uns auf unzähligen Dokumenten begegnet. „Technologie“ im singulären Imperativ der heutigen Zeit existiert nicht und hat so auch nie existiert.
Zweitens besteht unsere immer als so modern verkaufte Wissenschaft oft aus Dingen, die wir schon seit zig Jahrhunderten kennen und praktizieren, deren Grundlagen Menschen aber nicht verstehen oder verstanden. Bis sich dann endlich mal einer hinsetzt und sich fragt: „Warum?“
Die erwähnte Tinte ist nämlich ein eher wässriges Zeug, mit dem sich ganz gut schreiben läßt. Aber sehen kann man sie nicht besonders gut. Das ändert sich erst, wenn die Tinte trocknet. Denn erst dann entsteht die charakteristische tiefschwarze Farbe. Um das zu verstehen, muß man aber vorher die Chemie erfunden haben und auch den Sauerstoff als Element kennen. Das war im 18. Jahrhundert der Fall, als ein Mann namens Carl Wilhelm Scheele eben diesen Sauerstoff entdeckte und ein Franzose namens Lavoisier dann nachwies, daß bei einer Verbrennung Luftsauerstoff gebunden wird. Damit widerlegte er die bis dahin noch weit verbreitete Theorie vom Phlogiston und wurde zu einem der Väter der modernen Chemie. Ich hatte das mal vor einer Weile erwähnt.
Und exakt das passiert auch mit der Tinte. Sie nimmt Luftsauerstoff auf, sprich, sie oxydiert. Oder verbrennt. Der allseits bekannte Rost auf eisenhaltigen Metallen ist das Produkt einer Verbrennung, wenn man von spektakulären Flammenerscheinungen absieht.
Damit verwandelt sich das Eisen(II) aber in Eisen(III) und verfärbt sich entsprechend. Damit wäre also die Frage nach dem „Warum“ geklärt. Außerdem hilft es natürlich, wenn man rausfindet, daß Drachenhirn nichts anderes ist als Kampfer. Dieser kam zu mittelalterlichen Zeiten aus dem fernen Asien statt aus dem Supermarkt, und das waren unter anderem die Gegenden, über die auf Weltkarten gerne geschrieben stand: Hier hausen Ungeheuer.

Bild 1: Ein Blick auf das wahre Gestern.
Mittelalterlicher Alltag war vor allem eines: Anstrengend. Der Gerber entfernt hier das Fleisch von einem zukünftigen Stück Leder. Ein Prozeß, der heute mit diversen Chemikalien und von Maschinen automatisch erledigt wird. Früher erforderte dieses Handwerk profundes Fachwissen. Heute kennen wir Bilder von trocknendem Leder aus offiziell weniger fortschrittlichen Ländern wie Marokko.

Die Stadt, in der ich lebe, war mal ein Zentrum florierender Lederindustrie. Der Typ, der den Lederpanzer verkauft, den ich letzte Woche erwähnte, hat diverse Rezepturen alter Tage studiert, um eine Methode zu finden, ordentlich gegerbtes Leder für seine Zwecke herzustellen. Zumindest sagt er das. Nach einem Blick auf seine Hände neige ich dazu, ihm das sogar zu glauben. Das Färben des Materials stellt nämlich auch schon wieder ganz eigene Anforderungen. Und ebenso wie die Gerberlauge hinterläßt es Spuren.
Ein Prozeß, der in früheren Zeiten von ausgebildeten Handwerksmeistern durchgeführt wurde, ist im 19. Jahrhundert endgültig industrialisiert worden, wie so viele andere. Gerberlauge wurde nicht mehr alchemistisch zusammengebraut, sondern nach ordentlicher chemischer Analyse auf das Gramm genau angemischt. Allerdings bin ich mir sicher, daß die damaligen Chemiker hierbei anfangs auch auf die alchemistischen Zunftmeister zurückgreifen mußten. Denn ansonsten wird es spätestens bei der Übersetzung von Mengenangaben aus alten Dokumenten sehr amüsant im Bottich, könnte ich mir vorstellen.
Der Geruch des Gerbens und Färbens führte dazu, daß es in jeder Stadt in der richtigen Handelsregion und mit den richtigen mittelalterlichen Straßenzügen eine Färber- oder Gerbergasse gibt. Gerberlauge enthielt zu antiken Zeiten so leckere Dinge wie Gänsemist. Auch Urin natürlich, denn die darin enthaltene Harnsäure ist überaus nützlich. Meist liegen diese Gassen in der Nähe eines Flußes oder Flüsschens, das natürlich heute ein Abwasserkanal unter der Straßendecke sein kann.

Wir haben durch Wissenschaft viel gewonnen. Aber wir haben womöglich noch mehr verloren.

Unsere Art, die Dinge zu erledigen, ist es längst, andere Menschen diese Dinge erledigen zu lassen. Zug um Zug hat sich im Rahmen der Industrialisierung und Verwissenschaftlichung unsere Gesellschaft von Tätigkeiten befreit, die jahrhundertelang zum Alltag gehörten und die sehr viele Menschen beherrschten. Seltsam nur, daß wir dann heute nicht alle viel mehr Zeit für andere Dinge haben. Was wiederum daran liegt, daß die „Befreiung“ natürlich keine war.
Wir haben heute Freizeitplaner, Animateure am Urlaubsstrand und Seminare für Schlafmanagement. Das Letztere habe ich nicht erfunden.
Im Namen der Perfektionierung des Selbst wird sogar das Schlafen „optimiert“, damit wir hinterher um so besser funktionieren können. Die heutige Industriegesellschaft verlangt keine Teilhabe, kein Kopfzerbrechen über lokale Dinge. Sie erwartet Funktion.
Die angebliche Befreiung von den produktiven Lasten des alltäglichen Daseins war in Wahrheit ein Raubzug. Schritt für Schritt stahlen immer größer werdende Institutionen der menschlichen Gesellschaft ihren Kern, um ihn ihr dann anschließend zurückzuverkaufen. An guten Tagen mit Rabatt.

Hat der Methändler seinen Honig von eigenen Bienen? Oder hat er den irgendwo eingekauft? Von einem Imker? Oder womöglich sogar im normalen Supermarktregal?
Was ist mit den Färbemitteln für Leder und Stoffe? Setzen die Händler die selbst an? Oder bestellen die Mittelaltertypen hier diese Dinge nach Katalognummer im Internet bei BASF oder im Baumarkt?
Ich weiß es nicht. Ich sehe hier in den Marktständen nur die Endprodukte des gespielten Mittelalters. In dem waren Bienen waren übrigens nicht in rechteckigen Waben gefangen. Schon lange vor Erfindung des Mets oder der Destillation von Alkohol waren Menschen scharf auf Bienen. Wir wissen aus alten Höhlenmalereien, daß Bienen bereits vor über 10.000 Jahren von unseren Vorfahren belästigt wurden, um an den Honig heranzukommen. In Zentralanatolien finden sich Hinweise auf gezielte Zucht etwa im 6. Jahrtausend vdZ, und ganz sicher nachgewiesen ist das Geschäft der Imkerei dann etwa ab dem 4. Jahrtausend vdZ in Ägypten.
Der alte Grieche Hippokrates, den ich letzte Woche erwähnte, schrieb bereits etwas über die fiebersenkende Wirkung von Honigsalben und sagte, daß Honigwasser bei Athleten die Leistung steigern soll. Womit klar ist, daß auch Doping keinesfalls eine Erfindung der Neuzeit ist.
Gehalten wurden Bienen in Körben oder in der sogenannten „Klotzbeute“. Das ist nichts anderes als ein Stück hohler Baumstamm, in den man das Bienenvolk einziehen ließ. Oder die Bienen zogen freiwillig ein und der Bienenjäger sägte dieses Stück Baum dann eben ab und nahm es mit. Einschließlich der Bienen. Der Nachteil dieser ursprünglichen Haltungsmethode ist, daß man nur an den Honig herankommt, indem man die Waben zerstört. Und in denen wohnen ja die Bienen.
Also ersann man später Bienenkästen und mit dem 19. Jahrhundert, der Entwicklung von Wechselrähmchen und anderem Werkzeug, kam die Bauform auf, die man heute allgemein unter „Bienenstock“ so versteht: Ein kastenförmiges Dingsbums, das der Imker öffnen kann und aus dem dann die in Rahmen hängenden Waben entnommen werden können.

Tatsächlich sind die Waben hier sogar vorgebaut, es werden nämlich ausgeschleuderte Waben in die Rahmen eingesetzt und die vollen Waben entnommen. Der Vorteil ist, daß die Bienen dann eben keine neue Wohnung bauen müssen. Dann muß man ja erst wieder die Möbel zurechtrücken und sich überlegen, wo genau der Kamin hin soll und solche Dinge. So etwas kostet Zeit und Energie. Aber die hierzulande übliche westliche Honigbiene Apis mellifera soll ja Honig produzieren und nicht im Baumarkt die neuen Tapetenmuster betrachten. Also kriegen heutige Arbeitsbienen ihre Werkswohnung vom Imker gestellt.
Durch die Industrialisierung der Bienenzucht hat man den Tierchen also etwas weggenommen, damit sie optimaler Honig produzieren können. Statt Bienen da zu halten, wo sie etwas zum futtern finden, werden die Viecher heute in großen Kästen an die Ränder von Rapsfeldern gestellt, die sie dann innerhalb weniger Tage abernten. Danach geht es weiter zum nächsten Kunden. Monokulturbienen ernten Monokulturhonig. Im Schichtbetrieb. Fast möchte man meinen, hinter dem Flugloch das Klacken der Stechuhr zu hören.

Das angeblich so viel primitivere Mittelalter unterscheidet sich nicht wirklich von unserer Zeit, was Komplexität angeht. Im Umkehrschluß bedeutet das aber auch, daß unsere Zeiten nicht einfacher sind als die Zeit vor sechshundert Jahren. Die industrielle Skalierung unserer Gesellschaft läßt es nur so erscheinen.
Dinge, die früher Haushalte oder Zünfte erledigten, werden von Maschinen erledigt und von Großkonzernen. Und das auch nicht am Rande des Flußes, sondern womöglich fünfzehntausend Kilometer entfernt. Deswegen gibt es heute keine neuen Gerber- und Färbergassen mehr. Jedenfalls nicht in unseren Städten.
Die Wolle der hier ausliegenden Stoffe muß vorher mal von einem Schaf getragen worden sein. Zumindest nehme ich das für das Mittelalter mal an. Baumwolle ist eine Sache späterer Jahrhunderte, jedenfalls hier in Europa. In einer Gegend wie Indien ist Baumwolle und ihre Gewinnung eine Sache, die sich bis ins 6. Jahrtausend vdZ zurückverfolgen läßt.
Hier in Europa bedeutet Wolle normalerweise das Vorhandensein von Schafen. Außerdem kann man die Schafe auch noch essen, ganz im Gegensatz zur Baumwolle, die ist nämlich giftig. Baumwolle wiederum läuft nicht weg, erfordert also keine Hirten. Dafür muß man Schafe nicht gießen. So hat jede Methode ihre Vor- und Nachteile. Entscheidend ist aber, daß beide Vorgehensweisen eben Wolle produzieren und die lokalen Bedingungen berücksichtigen.

Auch Leder muß vorher irgendwann einmal zur Verpackung eines Tieres gedient haben. Eines Schafs, zum Beispiel. Wahlweise auch einer Kuh, eines Schweins oder einer Ziege. Irgendwer muß das Tier überredet haben, diese Verpackung aufzugeben, damit man daraus Leder machen kann.
Ob heute oder vor sechshundert Jahren – ganze Lieferketten und Herstellungskomplexe müssen hier ineinandergreifen, um am Ende die maßgefertigten Schuhe aus dem Leder herstellen zu können. Oder eben die Lederpanzerung.
Leder erfordert beispielsweise auch Salz zum Gerben. Außerdem wird das Tier, das seine Verpackung gespendet hat, zusätzlich noch, in mundgerechte Happen zerteilt, seinen weiteren Weg nehmen. Ohne Salz aber war zu mittelalterlichen Zeiten kein Fleisch haltbar zu machen. Außer durch Räuchern vielleicht.
Salz hat ganze Städte reich gemacht und den Wohlstand von Regionen begründet. Ganze Generationen von Kaufleuten in den Städten haben ihr Geld damit verdient und wurden dabei immer reicher und mächtiger. Bis schließlich Könige und Kaiser sich da Geld geliehen haben, wo es am meisten davon gab. Dafür wiederum bekamen die Städte, die Zünfte und Gilden Sonderrechte und Vergünstigungen. Wirkungen haben Ursachen, die oft nicht sofort ersichtlich sind. Europa zur Zeit des 16. Jahrhunderts aufwärts. Die erste Renaissance.

Mit ungebrochener Begeisterung verkaufen uns Experten ein endlos verlängertes Heute als Zukunft. Ich schätze, das Wahre Morgen wird sehr viel mehr Gestern enthalten.

Unsere Zeit ist nicht grundlegend anders als das Damals™, das hier so schön zur Schau gestellt wird. Immer lauter werden dieser Tage die Verkündungen der technologischen Hexenmeister des 21. Jahrhunderts. Das Credo des endlosen, des weltverbessernden Fortschritts ertönt überall.
Kaum ist die Concorde tot, verkünden neue Firmen dieser Tage den Bau eines neuen Modells. Eine Firma namens Boom hat Bestellungen eingesammelt für einen Nachfolger des Überschallfliegers. Nach einem Absturz im Jahre 2000, kurz nach dem Start vom Flughafen Charles de Gaulle bei Paris, wurde der Flugbetrieb mit dem Vorgänger 2003 endgültig eingestellt.
Aber die neue und verbesserte Concorde wird natürlich schneller sein. Und leiser. Und weniger Sprit verbrauchen.
Nichts daran wird jedoch etwas an der Tatsache ändern, daß der Kerosinverbrauch pro Kopf immer noch sehr viel höher sein wird als bei herkömmlichen Flugzeugen. Ganz besonders, weil der neue „Boom Jet“ lediglich 55 Sitzplätze bieten soll. Oder besser, „bis zu“ – man kann gespannt sein, was das am Ende bedeuten wird. Die ersten Flüge sollen 2023 stattfinden. Man darf ebenfalls gespannt sein, was Kerosin dann kosten wird, das ja, aus unerfindlichen Gründen, in den Industriestaaten oft unversteuert verballert werden darf.
Nichts daran wird die Tatsache verändern, daß die alte Concorde, trotz damals völlig anderer Spritpreise, niemals kommerziell erfolgreich war. Ich sehe keinerlei Grund, warum ein neues, verbessertes Modell an diesem Punkt etwas ändern sollte.

Der Mythos des Fortschritts hat außerdem so etwas wie Überschallreisen für alle versprochen. Das war doch immer die Kernsaussage des ewig wachsenden Kapitalismus, wenn ich das recht im Kopf habe. Immer mehr für alle.
Ich habe natürlich keine Ahnung, was ein Ticket in der neuen Concorde kosten wird, aber ich bin mir absolut sicher, daß es für die meisten Durchschnittsverdiener, seien sie Europäer oder Amerikaner, eindeutig außerhalb ihrer finanziellen Reichweite liegen wird.
Exakt da liegt die Marktlücke, die der neue Betreiber entdeckt zu haben glaubt. Der überschallschnelle Flug soll vor allem gut betuchte Geschäftsleute anlocken, die es mit den Kosten nicht so genau nehmen müssen oder wollen. „Gut betucht“ ist übrigens ein Ausdruck, der ebenfalls aus mittelalterlichen Zeiten stammt. Denn gutes Tuch mit guter Färbung war teuer.
Ich weiß nicht, ob dem neuen Anbieter des superschnellen Reisens das schon einer gesagt hat – aber exakt das gleiche Geschäftsmodell war auch schon für die alte Concorde geplant nach dem Willen der Betreiber. Nur hat es kommerziell niemals funktioniert.
Auch auf der anderen Seite des Fliegens, dem touristischen Massenviehtransport, sieht es nicht besser aus. Airbus hatte seinen A380 vor einigen Jahren vorgestellt, um die Kosten pro Passagierkilometer zu senken.
Diese Kalkulation kann aber nur funktionieren, wenn man eben immer mehr Passagiere durch die Luft befördert. Und exakt dieses Konzept geht nicht auf, wie es aussieht. Denn die Neubestellungen bleiben aus, Airbus muß die Produktion zurückfahren und stellte deshalb neulich eine Version seines Superfliegers vor, in der mit technischen Kniffen Sprit gespart wird. Außerdem will man die Bestuhlung ändern – damit noch mehr Menschen in das Flugzeug passen.
Was in meinem Kopf unmittelbar zu der Frage führt, ob man dann nicht wieder weniger Flugzeuge braucht. Wenn man alle Leute, die von Frankfurt/Main nach New York fliegen wollen, in einen Flieger kriegt, dann langt ein Flug pro Tag ja schließlich völlig. Aber vielleicht habe ich das mit dem ewigen Wachstum auch nicht ganz verstanden, schließlich habe ich ja nicht Ökonomie studiert.

Immer wieder versuchen die Verkünder des Forschritts dasselbe. Und immer wieder wundern sie sich, wenn ihr Konzept scheitert.
Die NASA betreibt sogar ein ganzes Programm mit „X-Planes“ verschiedener Hersteller. Das X steht hierbei für „Experimental“, Star-Trek-Fans wissen Bescheid.
Das ganze läuft sogar unter der Rubrik „Green Aviation“, also „grüne Luftfahrt“.
Erklärtes Ziel ist es, den Spritverbrauch um die Hälfte zu senken und auch den Lärm der Flieger auf die Hälfte der heute niedrigsten Werte zu drosseln.
Ich hätte zur Erreichung dieses Ziels ein recht pragmatisches Konzept: Man reduziere die Anzahl aller Flugbewegungen um mindestens 50 Prozent. Der Forschungsaufwand hierfür ist exakt Null, die Umsetzung relativ zu den finanziellen Mitteln recht unproblematisch.
Aber damit würde man von der Linie der immer besseren Zukunft durch neue „Technologie“ abweichen. Im Grunde bedeutet mein Vorschlag, daß so etwas wie Fliegen für einen Großteil der Weltbevölkerung wieder das würde, was es mal war. Ein Spielzeug des Jet-Set. Der hieß nicht umsonst so.
Der Witz ist, das exakt diese Entwicklung trotzdem eintreten wird, ganz egal, wer welches Programm unter welchem Namen betreibt, um Menschen in kommerziellen Mengen durch die Luft zu befördern. Die Zukunft der kommerziellen Luftfahrt in der Langen Dämmerung ist ganz klar zu sehen: Sie hat keine.

Bald schon, so verkünden die Sirenengesänge, bald werden wir zum Mond fliegen. Schon wieder. Ich könnte schwören, wir wären gerade erst dagewesen. Und dann zum Mars. Und bis dahin gibt es vorbereitete Kartoffelscheiben in der Folientüte, aus denen man etwas machen kann, daß ein bißchen, aber nicht völlig anders schmeckt als Bratkartoffeln.
Die Zukunft der Zivilisation wird gerettet werden durch Fusionsstrom. Oder ewiges Leben dank Nanomedizin. Oder dem sonstigen Heilsversprechen du jour.

Bild 2: Blick auf das erfundene Morgen.
Bitte fliegen Sie weiter, es gibt viel zu sehen. So stellen sich die NASA und Boeing die Zukunft der Luftfahrt vor. Wir werden weniger Sprit verbrauchen. Wir werden leiser sein. Aber wir werden auf jeden Fall ständig überallhin fliegen. Daran kann nicht der geringste Zweifel bestehen.
Quelle

Ich kehre aus Gefilden des 21. Jahrhunderts zurück in meine unmittelbare Umgebung. Diese Softporno-Version des Mittelalters, durch die ich hier spaziere, ist also trotz allem nicht mit dem wahren Gestern zu vergleichen. Das Leben im Mittelalter war unendlich viel komplexer als dieser Ausschnitt, der mir hier von wohlwollenden Menschen präsentiert wird.
Ebenso wie unsere Welt viel komplexer ist, als wir in unserem Alltag oft überhaupt wahrnehmen oder realisieren. Oder realisieren wollen.
„Sieh nicht genau hin“, flüstern die Sirenengesänge. „Frag nicht, wo all das herkommt, was im Regal liegt. Kaufe und freue dich. Aber stell keine Fragen.“
Wie die Bienen bekommen wir alles gestellt, solange wir Honig produzieren.
Immer mehr Menschen hören diesem Versprechen des besseren und schnelleren Morgen nicht mehr zu. Sie wollen es nicht mehr hören. Aber noch wollen sehr viele nicht zugeben, daß sie durchaus fundamentale Zweifel hegen an der Richtigkeit der Gebete, die tagtäglich auf uns einströmen. Sie glauben nicht mehr, aber noch immer gehen sie in die Kirche.
Hier und da stellen Menschen Fragen an die Priester der High-Tech-Dreifaltigkeit aus Ewigem Fortschritt, Ewigem Wachstum und dem Mythos der Einzigartigkeit.
Fragen wie zum Beispiel: „Was sollen wir eigentlich auf dem verdammten Mars?“
Diese Frage stelle ich. Ein Science-Fiction-Fan und durchaus begeisterter Technologie-Fan. Ich bin eindeutig kein romantisierender Mittelalterverherrlicher. Mittelalter war stellenweise ganz schön hart. Eindeutig kein Softporno. Mehr so BDSM.

Warum also interessieren sich immer mehr Menschen für die Gestalt des Gestern und Vorgestern, einige eher als Konsumenten, andere wiederum als halbgare Kopisten – aber sehr viele durchaus mit Einsatz, Forschungswillen, Leidenschaftlichkeit und einem Arbeitsaufwand, der weit über ein bloßes Hobby hinausgeht?
Wenn alles immer schöner wird, immer besser, immer smarter, immer nützlicher – warum zur Hölle sitzen Menschen in selbstgewebter Kleidung um ein Lagerfeuer, trinken Bier aus eigener Herstellung, während sie nicht ihr Smartphone benutzen, keine Selfies knipsen und nicht fernsehen?
Nun, die Fröhlichkeit dieser Menschen erklärt sich auch daraus, daß irgendwo, nicht allzuweit entfernt, das 21. Jahrhundert wartet. Irgendwo wartet das Auto, in dem das mittelalterliche Geraffel nach ein paar Tagen gestapelt wird, um damit zum nächsten Karneval zu fahren.

Die Tatsache aber, daß sie überhaupt hier sind, ist Teil eines Prozesses, der typisch ist für eine Kultur, die in ihre akute Verfallsphase eingetreten ist. Wenn die Sirenengesänge nicht mehr verfangen, wenn die Narrative einer Zeit sich mehr und mehr als unzulänglich oder schlicht und einfach auch als erstunken und erlogen erweisen, beginnt eine Gesellschaft kollektiv, auf den Druck steigender kognitiver Dissonanz zu reagieren.
Es ist keine bewußte Handlungsentscheidung, zumindest bei den Meisten. Einige kommen hierher, um die Spinner zu betrachten im Mittelalter-Zoo. Wie Jurassic Park, nur ohne Dinos. Und abends sitzen dann alle wieder vor dem Tatort oder gucken Dokus über eine Zukunft voller Fusionsenergie und fliegender Autos und Marsflügen.
Die anderen sitzen am Lagerfeuer in dem Unbewußtsein, daß die Zukunft wohl doch keine High-Tech-Zivilisation mit Weltraumkolonien in fernen Sonnensystemen sein wird. Aber sie verdrängen die notwendige Frage, wie diese Zukunft denn dann aussehen wird.

Bienen bauen ihre Waben als gleichmäßige Sechsecke. Aber in kastenförmigen Behältern bauen sie die Ecken nie aus, wenn sie das vermeiden können. Im Winter oder auch in Baumhöhlen finden sie sich in traubenförmigen Gebilden zusammen.
Unsere moderne, bessere, schnellere Art der Bienenzucht hat ihnen etwas weggenommen, dem sie normalerweise ganz natürlich folgen würden. Wir haben alles perfekt optimiert, auf höchste Effizienz getrimmt. Für die Industriegesellschaft, nicht für die Bienen. Das ist einer der Gründe, an denen diese Tierart ausstirbt.
Die Form des wahren Morgen wird auch kein neues Mittelalter sein. Wir müssen Dinge wiederentdecken, denen menschliche Gesellschaft ganz natürlich gefolgt ist. Es ist an der Zeit, menschliches Denken und Empfinden aus dem Kasten der industriellen Zivilisation herauszuholen. Im Gegensatz zu den Bienen haben wir eine Wahl. Sollten wir beschließen, lieber eingesperrt bleiben zu wollen, werden wir das nicht überleben.

Das wahre Morgen

– I –

Flucht aus dem 21. Jahrhundert

„Post-modern civilization: The Dark Ages with advanced technology.“

Marty Rubin

Eine wunderhübsche junge Dame mit langem Blondhaar und überaus strammen Waden, umgürtet von Spangen. Keltischen Ursprungs, wie ich vermute. Die Spangen, nicht die Waden. Die Spangen sind zu gleichmäßig gearbeitet und die Waden zu blaß und zu unverkratzt, um wirklich jeden Tag so ins Freie gehalten zu werden. Es ist ein unfaßbar heißer Tag heute. Über dem Gelände liegt die Hitze, als wolle einem der Himmel zwar nicht auf den Kopf fallen, aber sich zumindest draufsetzen.
Ich passiere zwei römische Legionäre, mit Helm und recht ausgefransten roten Umhängen. Demzufolge müßten sie beide Zenturionen sein, wenn ich mich da nicht irre. In der glühenden Sonne lassen sie sich an einem Stand mit Kleidung das Licht auf den Helm brennen. Die spinnen, die Römer.
Eine Gruppe fahrender Barbaren bietet ihre Gesänge dar. Ein Typ mit einer Kutte und Pestmaske läuft an mir vorbei. Eine diese Schnabelmasken, wie man sie von Aufzeichnungen aus dem 14. Jahrhundert und später kennt. Die damaligen Ärzte hatten unter den Schnäbeln nasse Tücher mit Kräutern eingebunden, um die verseuchte Luft nicht atmen zu müssen, die alle anderen Menschen krank machte.

Damals glaubte man nämlich noch an die Lehre vom Miasma, das stammt aus dem Griechischen und aus dem 5. Jahrhundert vdZ. Schon wieder so ein Grieche. Aber dieser Kerl war nicht irgendein alter Grieche, sondern Hippokrates. Ja, der Hippokrates. Der mit dem Eid, von dem viele glauben, daß Mediziner ihn heute noch ablegen. Was aber gar nicht stimmt.
Denn der antike hippokratische Eid würde bedeuten, daß ein Mediziner keine operativen Eingriffe vornehmen darf, um nur ein Beispiel zu nennen. Er ist, kurz und knapp, schlicht nicht mehr zeitgemäß.
Die Bedeutung des Mannes und seiner Auffassungen wird dadurch für eine medizinische Berufswahl nicht geringer. Denn Hippokrates erklärte auch, daß Hygiene ein Grundprinzip ärztlichen Handelns sein solle. Damit meinte er sowohl körperliche als auch geistige Hygiene, was schlicht bedeutet, daß auch der Arzt moralisch und ethisch verwerfliche Dinge nicht tun sollte und er sich in einem vernünftigem Zustand befinden muß, wenn er einen Patienten behandelt. Niemand möchte auf dem Tisch eines Neurochirurgen liegen, der ein Alkoholproblem hat und gerade darüber nachdenkt, mit wem seine Frau ihn gerade betrügt.
Der Arzt, so Hippokrates, soll sorgfältig beobachten und untersuchen und auch Befragungen durchführen, damit er systematisch eine Diagnose stellen und eine Therapie erarbeiten kann. Auch das geistige Wohl des Patienten ist hierbei zu beachten.

Die Technik der heutigen Anamnese, also der Vorgeschichte eines Patienten, entstammt dieser Zeit und ist bis heute gültig, ebenso wie die anderen genannten Prinzipien. An dieser Stelle ist Hippokrates von Kos völlig zeitlos.
Leider glaubte Hippokrates auch, daß die Erde selbst üble Wolken ausstößt, die wiederum zur Übertragung von Krankheiten führen. Miasmen eben. Denn das Wort bedeutet soviel wie „übler Dunst“, aber auch „Befleckung“.
Was heute irgendwie lächerlich erscheint, ist auf der anderen Seite nicht ganz falsch. Denn manche Krankheit wird ja tatsächlich über die Luft übertragen. Die Pest des 14. Jahrhunderts gehört nicht dazu, weshalb die Schnabelmasken den damaligen Pestärzten nicht hilfreich gewesen sein dürften. Strenggenommen gab es im 14. Jahrhundert noch keine Ärzte, insofern waren die Menschen damals ohne echte medizinische Versorgung. Die Lehre von den Miasmen hielt sich noch bis ins 19. Jahrhundert hinein, bis man eben dank Entwicklung der Optik endlich die vielen kleinen Tierchen betrachten konnte, die in einem Tropfen Blut oder Wasser so herumschwimmen können. Und von denen so manches unangenehme Wirkungen auf Menschen hat. Weiterlesen

Es geht kein Flug nach Irgendwo

,,I’m learning to fly, but I ain’t got wings.
Coming down is the hardest thing.“
Tom Petty

Technologie oder – in meinen Begriffen hier in diesem Blog – die genaue Ausformung der Technosphäre ist immer auch eine Entscheidung der Gesellschaft.
Zumindest sollte sie das sein. In Wahrheit funken einem die Kräfte der viel gepriesenen freien Marktwirtschaft da natürlich ständig dazwischen.
Es gab nie eine Entscheidung der Gesellschaft für die vorgeblich zivile Nutzung der Kernenergie. Es gab eine politische Entscheidung, denn mit Reaktoren hat man die Hand eben auch irgendwo immer auf dem Stoff, aus dem die Bomben sind. Die Tatsache, daß Nationen wie Japan oder Deutschland über keine eigenen A-Waffen verfügen, ist ja nun nicht etwa technologischem Unvermögen geschuldet, sondern der Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Der freie Markt ist an solchen Stellen also normalerweise eben kein Markt. Und frei ist er auch nicht. Er funktioniert hier schlicht kommandowirtschaftlich. Hitler konnte in Hydrierwerken aus Braun- und Steinkohle Sprit für Flugzeuge und Panzer gewinnen lassen, weil es geht. Nicht etwa, weil das Verfahren ökonomisch Sinn ergibt. Es ist nämlich in jeglicher Hinsicht bei weitem zu teuer. Würde man Benzin heute aus deutscher Steinkohle herstellen wollen, kostete der Liter Sprit vermutlich irgendwas um die acht Euro. Dann mal Prost.
Mit Atomkraft war es ähnlich. Die Franzosen reihten sich als Atommacht Nr. 4 in den Reigen ein, weil Charles de Gaulle die Bombe haben wollte und dazu brauchte man eigene Reaktoren. Drum hat Deutschland auch keine eigenen Bomben, denn damit konnte Frankreich sicher sein, nicht noch einmal von deutschen Truppen überfallen zu werden. Deutschland hätte wiederum auch gerne die Bombe gehabt, Old Adenauer war jedenfalls sehr dafür, so weit ich das weiß. Nur gab es eben keine.
Dafür stehen die Franzosen heute da und erzeugen 70 Prozent ihrer Elektrizität aus Kernmeilern. Da fragt sich nur noch, wem zuerst das Licht ausgeht. Uns oder den westlichen Nachbarn. Sollte einer der Schrottmeiler an der deutschen Grenze wie Cattenom vorher noch platzen, werden womöglich deutsche Truppen doch noch einmal Frankreich überfallen. Wer weiß?

Wenn aber die industrielle Zivilisation den Bach runter geht und dabei auch durch weiteres Aufkommen von „Technologie“ – in welcher Form auch immer – nicht zu retten sein wird, ergibt sich ganz generell die Frage: Was wird überhaupt zu retten sein?
Das erfordert ein wenig ausgiebige Diskussion und Bestandsaufnahme.
In diesem Zusammenhang sollte man nicht unerwähnt lassen, daß die Bemühungen der meisten offiziell irgendwie grün-ökologisch bewegten Menschen, die in industriellem Maßstab stattfinden, eindeutig nicht Teil der Zukunft sein werden. Weder superleichte Elektroautos noch leichtere Flugzeuge noch Gebäudedämmung bis zum Abwinken werden den Zusammenbruch der industriellen Zivilisation verhindern. Weiterlesen

Mythopolis

– VI –

Im Spinnennetz

,,Werde ich träumen?“
HAL 9000

Einer der großen Über-Propheten der Technologiereligion ist ein Mann namens Raymond Kurzweil. Geschulten Nerds ist dieser Mann bekannt als der „Director of Engineering“ bei einer obskuren, kleinen Firma im Silicon Valley in den USA. Google oder so heißt der Laden, man hat den Namen vielleicht schon mal gehört.
Wer in einem Konglomerat aus digitalem Wahnsinn wie Google der Leiter der Abteilung „Technologische Entwicklung“ ist, gehört eindeutig zu den Leuten, deren Bücher über die Zukunft und die Entwicklung unserer Gesellschaft von jeder Menge Leute nicht nur gelesen werden. Sie werden anschließend auf Veranstaltungen geschwenkt und in heiliges Laserlicht gehalten, um den Worten des Propheten mehr Nachdruck zu verleihen. Solche Menschen haben keine Leser. Sie haben Jünger. Begeisterte Jünger.

Kurzweil gilt unter anderem als Futurologe. Das sind die Leute, die über eine Zukunft schreiben, die zum Mythos des ewigen Fortschritts paßt, wofür sie dann von der Fachpresse frenetisch bejubelt werden. Insofern bin ich also ein Anti-Futurologe, obwohl ich mich ja auch sehr wohl mit der Zukunft auseinandersetze.
Außerdem ist der Kerl von niemand Geringerem als Bill Gates schon einmal als führender Experte im Bereich der Künstlichen Intelligenz bezeichnet worden.
Witzigerweise ist das derselbe Bill Gates, der sich gemeinsam mit Menschen wie Stephen Hawking und dem ebenfalls in Kalifornien hausenden Propheten Elon Musk, dem Chef von Tesla, sehr besorgt über die mögliche Entwicklung einer echten Künstlichen Intelligenz geäußert hat.
Es ist übrigens auch derselbe Stephen Hawking, der zusammen mit dem russischen Milliardär Juri Millner einen Plan ersonnen hat, der sich „Breakthrough Starshot“ nennt und der es ermöglichen soll, andere Sonnensysteme zu erforschen. Nicht durch Hingucken, sondern durch Hinfliegen. Nicht in riesigen Schüsseln mit Warpantrieb, sondern mit eher kleinen Raumschiffen, etwa in Größe einer Postkarte oder so.

Klingt irre, würde aber gleich mehrere Probleme interstellarer Raumfahrt auf einen Schlag logisch angehen. Den enormen Energieaufwand, der im Zusammenhang mit der Raumschiffsmasse steht. Und die Reisedauer, die wiederum mit der Beschleunigung zusammenhängt, die wiederum eine Funktion der Schiffsmasse ist.
Anders gesagt: Kleine Roboter kann man eben mit einem Affenzahn beschleunigen. Schiffe mit einer menschlichen Besatzung eher nicht. Außerdem brauchen Menschen so lästige Sachen wie Luft, Wasser und Nahrung, also eine Lebenserhaltung an Bord. Da wollen wir von den allseits berühmten Kälteschlafkammern gar nicht reden, denn im wachen Zustand unternimmt niemand so eine Reise, die nach dem derzeitigen Stand der Dinge dann etwa 10.000 Jahre dauern würde. Vor 10.000 Jahren haben wir hier auf dem Planeten die Landwirtschaft erdacht.
Das ist die optimistische Schätzung. Zehn Jahrtausende bis zum nächsten Sonnensystem, das wäre Alpha Centauri in einer Entfernung von 4,3 Lichtjahren.
Da liegen übrigens auch die Baupläne aus, nach denen die Erde demnächst für eine Hyperraumumgehungsstraße gesprengt werden soll, aber das wissen wir ja inzwischen. Vielleicht könnten die Raumschiffe dann gleich unsere Beschwerde bei der galaktischen Bauaufsichtsbehörde überbringen. Weiterlesen

Mythopolis

– V –

Tess zwischen Tiefkühltruhen

,,Civilizations die from suicide, not by murder.”

Arnold J. Toynbee

Etwas weiter weg befand sich ein weiterer unscharfer Umriß; dieser hier schwarz, mit einem anhaltenden Zischen, welches von großer, sich zurückhaltender Stärke kündete. Der lange Schornstein neben einer Esche und die Wärme, die von dem Punkt ausstrahlte, erklärte ohne die Notwendigkeit von viel Tageslicht, daß hier eine Maschine stand, die der Erste Beweger dieser kleinen Welt sein würde.
Neben der Maschine stand eine dunkle, bewegungslose Gestalt, eine verrußte und verschmutzte Verkörperung von Größe, in einer Art Trance, mit einem Haufen Kohlen an ihrer Seite. Solche Abgrenzung durch sein Auftreten und seine Farbe verlieh ihm den Eindruck einer Kreatur aus dem Tophet, abgeirrt in die durchsichtige Rauchlosigkeit dieser Gegend aus gelbem Weizen und blasser Erde, mit der er nichts gemein hatte, um ihre Eingeborenen in Erstaunen und Aufregung zu versetzen.

Wie er aussah, fühlte er auch. Er befand sich in der landwirtschaftlichen Welt, aber er war nicht Teil davon. Er diente dem Feuer und dem Rauch; diese Bewohner der Felder dienten der Vegetation, dem Wetter, dem Frost und der Sonne.

Thomas Hardy, Tess of the d’Urbervilles, XLVII, eigene Übersetzung

Tess, ihr Geist erschöpft von seelenzerfressender Arbeit, eine ruinierte, innerlich verwüstete Frau, findet sich im gleichnamigen Roman von Thomas Hardy konfrontiert mit dem dampfgetriebenen Rhythmus der neuen Dreschmaschine, die von einem „Ingenieur“ geführt wird. Einem Exemplar einer neuen Klasse von Mensch. Losgelöst von den ihn umgebenden anderen Menschen erscheint er als Vertreter einer völlig fremden Art.
Das Tophet, das Hardy erwähnt, ist in der hebräischen Bibel ein Ort in Jerusalem, an dem Verehrer der alten kanaanitischen Religion Kinder bei lebendigem Leibe verbrennen, als Opfergabe an die Götter Moloch und Baal. Das Tophet wurde so zu einem theologischen Synonym für die Hölle innerhalb des Christentums. Der angebetete Baal, ursprünglich ein Import aus syrischen Landen und für Wetter und Fruchtbarkeit zuständig – in etwa wie der römische Kollege Saturn – verwandelte sich dann auch konsequent in einen Dämon innerhalb der christlichen Historie.
Auch das Primum Mobile im Originaltext ist eine theologische und astronomische Anspielung. Denn dies war in Zeiten des geozentrischen Weltbildes die äußerste der Himmelssphären, die mit ihren Sternen um die Erde rotierten und hinter der das Göttliche wohnte. Aristoteles, der berühmte alte Grieche, sprach in seiner „Physik“ bereits von einem „Unbewegten Beweger“ weil er in naturphilosophischer Denkweise davon ausging, daß es etwas gegeben haben muß, das alle andere Bewegung im Universum verursacht hat.

Die von der zurückgehaltenen Kraft des Dampfes getriebene Maschine ist also so etwas wie ein Ausdruck des Göttlichen in ihrer maschinellen Macht, wohingegen ihr Operateur eher aus der Hölle entsprungen scheint. So sind auch die Auswirkungen nicht zwingend erfreulich. Tess wird mit dem Rhythmus der Maschine konkurrieren müssen, um als menschliches Wesen weiter Bestand haben zu können in ihrer Welt.

Ein anderer Romancharakter, von Rußlands großem Schreiber Lev Tolstoi in Anna Karenina auf die Felder Rußlands gestellt, kehrt ebenfalls in einer Ernteszene wiederum zurück zum „Allerheiligsten des Menschen, die Tiefe des Landes“. Er nimmt teil am gleichmäßigem Schwung der Sensenblätter in den Feldern und stellt sich dabei die existentiellen Fragen: „Wer bin ich? Warum bin ich hier?“
Ein Bauer sagt zu Ljewin, daß es zwei Sorten von Männern gäbe: „Der eine lebt nur für sich und stopft sich voll. Der andere lebt für die Seele. Er erinnert sich an Gott.“

Über das Feld hinter dem Haus rumpelt und dröhnt der Mähdrescher, wirbelt Staub auf und verbrennt Diesel. Nachdem es in den Monaten von März bis Juni in unserer Gegend mehr geregnet hat als in den ganzen zwölf Monaten vorher, von März bis März, ist es jetzt wieder trocken. Mit unglaublicher Bullenhitze hat sich der Sommer zurückgemeldet in diesen Tagen, Luft wie aus einer Esse strömt mir entgegen, wenn ich morgens die Balkontür öffne.
Das Technikmonstrum rumpelt über den Hektar industriell zum Ackerland erklärten Drecks und befördert ermordeten Weizen in sein Inneres. Hier wird geschnitten, transportiert, gedroschen, eingesammelt und fusselige Halmreste wieder ausgestoßen. Alles in einem Arbeitsgang. Kein Sensenblatt bewegt sich von links nach rechts, keine Dampfmaschine, kein zugerußter Mann. Der Ingenieur mit dem Bauerndiplom sitzt in seiner gläsernen Kabine über den Dingen, vermutlich klimatisiert.
Heutige Maschinenmänner sind nicht mehr rußig. Sie sind klinisch sauber. Steril. Noch viel unbeteiligter an den Dingen, als es ein Thomas Hardy und seine Tess jemals erahnen konnten. Dieser Knöpfchendrücker und Hebelberührer hinter seinem Glas hätte Tess unendlichen Schrecken verheißen. Weiterlesen

Mythopolis

– IV –

Elegie auf das 21. Jahrhundert

,,Discontent arises from the knowledge of the possible, as contrasted with the actual.“
Aneurin Bevan

Es ist ein trüber Aprilmorgen und eigentlich noch viel zu früh, als ich mich aus den Federn erhebe und auf den Weg mache. Aber diesen Moment werde ich mir nicht entgehen lassen. Ich bringe mich also in Form und schwinge mich auf mein nichtfossiles Transportmittel, um an den Fluß zu fahren.
Gestern schon habe ich mir eine gute Stelle ausgesucht, um einen Blick auf das zu werfen, was da heute transportiert werden wird. Man hört alles bereits, bevor das Objekt in Sicht kommt. Die Motoren des Pontonschiffes laufen unter hoher Last, im nebligen Dunst über dem Fluß trägt das Geräusch weit.
Dann schält sich der Umriß aus der diesigen Luft. Auf dem Schiff festgemacht, wird die Silhouette mit den kurzen Tragflächen sichtbar.
Die stumpfe Nase, die eher stummeligen Flügel, bei denen mir der Ausspruch eines amerikanischen Astronauten in den Sinn kommt, das „verdammte Ding“ habe die Segeleigenschaften eines Ziegelsteins. Der Rumpf ist nicht vollständig, hinter den Tragflächen fehlt das Heckteil mitsamt Leitwerk, es ist zum Transport demontiert worden.
Einige Tausend Leute stehen mit mir hier am Ufer des Rheins, als die Raumfähre Buran, das russische Gegenstück zum amerikanischen Space Shuttle, auf dem Schiff langsam an uns vorüber gleitet. Eine Raumfähre auf einem Schiff. Diese Fähre, eigentlich dafür gebaut, sich auf einem gigantischem Feuerstrahl aus Wasserstoff und Sauerstoff in den Orbit zu erheben und ins All vorzustoßen, fliegt nirgendwohin. Sie ist auf dem Weg ins Museum, ohne jemals ihren eigentlichen Zweck erfüllt zu haben. Ich weiß nicht, ob die anderen hier so denken wie ich. Ich vermute, sie tun es nicht.

Sowieso war das Buran-Programm der Russen bereits 1993 eingestellt worden. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gab es kein Geld mehr für derartige Unternehmungen. Nur ein einziges Mal, im November 1988, war eine Buran in den Orbit gestartet, huckepack auf dem Rücken der extra dafür entwickelten Energija-Rakete. Der Gründer des Programms und treibende Kraft hinter der Konkurrenzentwicklung der Russen, der Ukrainer Walentin Petrowitsch Gluschko, in der damaligen Sowjetunion zum Chefkontrukteur für Raketenmotoren avanciert, starb nur wenig später, im Januar 1989.
Die sowjetische Konstruktion war keine vollständige Kopie des amerikanischen Designs, bei den Hitzeschilden war das Buran-Programm der UdSSR seinem amerikanischen Bruder wohl materialtechnisch voraus, was Stabilität und Belastbarkeit anging. Aber auch auf Seiten der Amerikaner interessierte das nach dem Zusammenbruch des Sowjetreichs niemanden mehr.
Eventuell könnte die Besatzung der Columbia noch leben, hätte sich damals irgend jemand um solche Details gekümmert. In dieser vergessenen Katastrophe starben alle Crewmitglieder der Mission STS-107, als ihr Shuttle beim Wiedereintritt in die Atmosphäre auseinanderbrach. Ein Stück Isolierung des Treibstofftanks war beim Startvorgang auf die Backbord-Tragfläche geprallt und hatte den Hitzeschild beschädigt. Aber man kümmerte sich nicht weiter darum. Weiterlesen

Mythopolis

– III –

Das technologische Dogma

„My friend asked me to use a USB port to charge his cigarette, but I was needing it to charge my book.
The future is stupid.“
some guy on the Internet

Ich mag Zugfahrten. Ich habe schon vor mehr als einem Jahrzehnt mein letztes Benzinvehikel verkauft und seitdem bewege ich mich mit Rad, Füßen und eben Zügen durch den Alltag. Klar kommen Züge mal zu spät, ab und an liegt eine Kuh auf dem Gleis oder ein Baum. Aber im Großen und Ganzen muß ich persönlich dem deutschen ÖPNV-System doch eine gewisse Brauchbarkeit attestieren. Kein Vergleich zur Schweiz, aber von englischen Verhältnissen eindeutig so weit entfernt wie ein Sigmar Gabriel von sozialdemokratischer Politik. Es ist auch nicht der Fernverkehr, in dem die Bahn ständig versagt. Über den läßt sich nur spektakulärer berichten. Es ist der Nah- und Regionalverkehr, der unglaublich gruselig sein kann und oft auch ist. Trotzdem mag ich Zugfahrten. Wenn mehrere hundert Tonnen Stahl über die Schiene gleiten, das Rheinpanorama rechter Hand neben mir, Sonnenlicht über dem Flußtal, während ich von dem Buch in meiner Hand aufblicke – das ist mit einer Autofahrt einfach nicht vergleichbar.

Ich habe schon immer davon geträumt, die manchmal durchaus bequeme Nutzung eines Autos mit der angenehmen Seite von Eisenbahnen zu verbinden.
Wenn selbstfahrende Autos existierten, könnte man ich davon eines im örtlichen Pool der Stadt bestellen, wenn ich denn dringend irgendwohin fahren muß. Ich sage dem Zentralrechner der Stadt Bescheid und fünf Minuten später steht das Fahrzeug vor der eigenen Tür. Ich steige in die Kiste und weise mich gegenüber dem Bordrechner aus. Mit Stimmabdruck, Handlinien, Retinascan – die Möglichkeiten sind vielfältig.
Dann sage ich dem elenden Navigationssystem, wo ich hin will, und die Möhre fährt los, um mich meinem Ziel entgegenzutragen. Dort angekommen, steige ich aus und das Fahrzeug bewegt sich zurück in den Pool oder eben zum nächsten Kunden, der es soeben angefordert hat.
Während dieser Fahrt scannt das Fahrzeug sein Inneres, stellt fest, das alles soweit in Ordnung ist, und schickt einen Satz Daten an den Zentralrechner der Stadt, der daraufhin die entsprechende Gebühr von meinem Konto einzieht. Das wird mir entsprechend mitgeteilt, der freundliche Muttercomputer sendet eine Botschaft und die Rechnung an mein Smartphone, mein Tablet, mein Fitnessarmband oder an irgendein anderes digitales Gadget, das man eben so mit sich herumträgt.
Gleichzeitig mit dieser Mitteilung verwandelt sich der bisher gespeicherte, persönliche Datensatz in den Computern in einen statistischen Datensatz.
Konnte man eben noch lesen „Person X von A nach B transportiert“ ist nun in den Datenbänken nur noch ein „Fahrt von A nach B“ zu finden.
Denn den ersten Datensatz brauchten die Computer nur bis zur Bezahlung der Gebühren und die ist ja gerade erfolgt. Die statistischen Daten brauchen sie, um den einzelnen Mietmodulen die entsprechenden Wartungsintervalle zuzuweisen. Die anfängliche Identifizierung dient natürlich auch dem Zweck, Vandalismus zu verhindern. Immerhin wissen wir alle, wie viele junge Menschen heute ihren Bildungsstand gerne damit ausdrücken, daß sie ihren Namen in die Scheiben und Sitze öffentlicher Verkehrsmittel kratzen.

Denn Hohepriestern des Fortschritts würde diese Vorstellung meinerseits sicherlich gefallen. Ganz besonders, wenn ich jetzt noch sage, daß ich dieses Szenario schon seit zwanzig Jahren in meinem Kopf herumtrage. Und jetzt beginnt es tatsächlich, Wirklichkeit zu werden. Nichts von dem, was ich gerade beschrieben habe, ist unmöglich, zu teuer, zu gefährlich oder aus technischen Gründen nicht machbar. Da sage noch einer, es gäbe keinen Fortschritt mehr. Oder womöglich, daß Fortschritt an sich bald nicht mehr existieren wird. Lächerliche Vorstellung!
Nein, Technologie wird immer einen Lösungsweg finden.

An dieser Stelle ist es dann meine Aufgabe, die Hand zu heben, zu lächeln, und eine weitere Frage zu stellen: Was ist eigentlich diese „Technologie“ von der die Apologeten des unendlichen Fortschritts immer wieder reden?
Oder, um mal die unsterblichen Worte des Lehrers in einem irgendwie zum Kultfilm mutierten Uralt-Streifen zu zitieren: Wat is’n Dampfmaschin‘?

Meine Behauptung sieht folgendermaßen aus: Technologie in dem Sinne, in dem das Wort von den Wissenschaftlern und Ingenieuren der heutigen Zeit benutzt wird, existiert ebensowenig wie es den linearen, unendlichen Fortschritt gibt, der heute längst zur nicht-theistischen Basisreligion unserer Gesellschaft mutiert ist. Weiterlesen

Der Sieg der Grauen Herren

– II –

Goethe in Metropolis

,,Meine an Zahlen gewöhnte Feder vermag keine Musik zu schaffen aus Assonanzen und Rhythmen.“
D-503

Statt in Tagen und Monaten, in Hell-Dunkel und Jahreszeiten, ist heute alles in acht Stunden Arbeitszeit aufgeteilt oder acht Stunden Schlafenszeit. In Mittagspausen von dreißig Minuten, zu denen Menschen wie die Kühe zum Melken gehen oder wie die Schafe zur Schlachtbank. Alles strömt in die Innenstadt: Essenszeit.
In vorgeschriebenem Ablauf, jede Minute Wartezeit in der Kantinenschlange von Ungeduld geprägt, jeder Handgriff der unterbezahlten Servicekraft im Fischrestaurant muß sitzen, das geht sonst alles von unserer Zeit ab.

Im Roman Wir von Jewgenij Samjatin, einer Art russischem Vorläufer und Gegenstück zu Orwells 1984, hat die herrschende Partei die Stunden-Gesetzestafel ausgehängt, in purpurnen Lettern auf goldenem Grund für alle sicht- und einsehbar. Denn die Wände aller Gebäude sind durchsichtig. Der Einzige Staat beherrscht den Planeten Erde. D-503, Mathematiker und Erbauer des Weltraumschiffes Integral, erzählt uns seine Geschichte und damit auch die Geschichte seit der Großen Revolution vor etwas mehr als einem Jahrhundert seiner Zeitrechnung.
Doch die Lösung ist nicht perfekt, noch nicht. Von 16 bis 17 und 21 bis 22 Uhr spaltet sich der Takt auf, es sind die von der Tafel festgesetzten Persönlichen Stunden. Und nichts wünscht der Protagonist mehr, als das eines Tages Perfektion erreicht sein möge, in der alle 86.400 Sekunden des Tages erfaßt sind von der Tafel der Gesetze, der alle im Takt der Zahnräder und Maschinen folgen.

Samjatins düstere Dystopie, in ihrer stereotypen, durchgeplanten Art ebenso gruselig wie die bereits in vitro konditionierten Alphas, Betas und Gammas in Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“, ist unserer Welt des 21. Jahrhunderts ähnlicher, als man es heute zugeben möchte. Sie ist in ihrer absolut unpersönlichen Tyrannei in gewisser Weise das Gegenteil von Orwells Vision des Totalitären. Hier ist man sich nicht sicher, daß die Gedankenpolizei einen überwacht, hier überwachen sich die Nummern – denn Bürger oder gar Menschen existieren nicht mehr – in ihrer Zuverlässigkeit gegenseitig. Konditioniert, das Funktionieren des Staates, des eigenen alternativlosen Lebenssystems, über alles zu stellen, gibt es hier keine Abweichungen, keine Vorstellungskraft, keine Imagination, die ein „anders“ nur erdenken könnte. In gewisser Weise ist Samjatins „Einziger Staat“ dem Orwellschen Weltsystem, das ja zumindest in der öffentlichen Darstellung noch unterschiedliche Pole bietet mit Ozeanien, Eurasien und Ostasien, eine weitere, grauenvolle Nasenlänge in die Zukunft voraus. Weiterlesen

Das Rasiermesser des Fortschritts

,,Our 21st century economy may focus
on agriculture, not information.“

James Howard Kunstler

Fortschritt ist etwas, das genauer betrachtet werden muß. Fragt man ein Dutzend Menschen, was genau er denn sein soll, dieser Fortschritt, bekommt man ungefähr zwei Dutzend Antworten. Selbst dann, wenn sich unter den Befragten kein einziger Arzt oder Anwalt befindet.

Viele Antworten laufen darauf hinaus, daß früher – wann immer genau dieses früher jeweils stattgefunden haben soll – ja alles viel mühsamer gewesen ist.
Da mußten Menschen auf Feldern arbeiten, um irgendwie Nahrung für andere zu erzeugen. Oder es gab keinen elektrischen Strom, geschweige denn in jedem Haus oder jeder Wohnung ein Badezimmer. Menschen starben an Krankheiten, die heutige Ärzte nicht mal mehr richtig diagnostizieren könnten, weil sie die niemals in ihrem Leben zu Gesicht bekommen.
Mühselig mußte man mit der Hand Wäsche waschen, den Boden kehren statt staubsaugen oder in heutigen Zeiten von einem dieser idiotischen Staubsaugerroboter saugen zu lassen.
Ausnahmslos alle diese Antworten zielen ein wenig am Kern der Sache vorbei, was aber auch kein einziger der Antworter bemerkt hat.
Alle diese Antworten beantworten die Frage: ,,Glaubst du daran, daß es Fortschritt gibt?“
Diese Frage habe ich aber nie gestellt. Meine Frage lautete ,,Was ist Fortschritt?“

Natürlich gibt es Fortschritt, wenn man diesen Begriff als Entwicklung von einer Technologie zur nächsten auffaßt. Wer vorher nur Holzspeere benutzt hat, wird ein Speerblatt aus Stein großartig finden. Wer vorher nur eine Steinaxt hatte, der wird von einer Bronzeaxt geradezu begeistert sein. Und dieses Eisen erst, unglaubliches Metall!
Genau so verstehen die Menschen heutzutage ,,Fortschritt“. Als lineare Entwicklung von etwas, das irgendwie weiter unten steht, zu etwas, daß irgendwie besser sein soll. Vor dem Dampfschiff gab es Segelschiffe und davor mußte man halt Rudern. So ungefähr läuft der Gedankengang im Kopf der Menschen ab.

In Wirklichkeit ist Fortschritt eher etwas Abstraktes. Niemand – oder zumindest nur sehr wenige Menschen – scheinen die Frage zu stellen, wer denn eigentlich bestimmt, daß etwas Technologisches jetzt so klar und eindeutig  besser ist. Nach welchen Kriterien wird das beurteilt und von wem? Weiterlesen