Die Psychologie des Untergangs

,,Ozeanien führt Krieg gegen Eurasien. Ozeanien hat immer Krieg gegen Eurasien geführt.“

George Orwell

Während sich achttausend Kilometer westlich von mir der offizielle Hort von Demokratie, Freiheit und Menschenrechten in eine Diktatur verwandelt, die von einem pompös aufgeblasenen Schuljungen angeführt wird, stelle ich mich unter die Dusche. Warmes Wasser rieselt auf mich, aus einem Plastikduschkopf und im Keller warmgehalten mit der Hilfe von Erdgas. Der Schaum auf meinem Astralkörper ist reine Chemie, auch wenn er so phantastisch nach Mandarinen riecht, daß ich am liebsten in den eigenen Oberarm beißen möchte.
Während die Fassade unserer Zivilisation sich mehr und mehr auflöst, spüle ich mir das Zeug aus den Haaren, das mein Fell geschmeidig glänzend macht, ein weiteres Erzeugnis chemischer Zauberküchen. Schaum verschwindet in einem sich beschleunigendem Wirbel im Abfluß. Genauso wie die bröselnden Teile unserer Kultur sich in einem immer schnelleren Strudel verwandeln, der weitere Stützen einreißt, weitere Teile der Fassade wegspült.
Die Frage, was mit einer ganzen Gesellschaft geschieht, die Zeuge wird, wie sich ihre über Jahrzehnte und Jahrhunderte aufgebauten Geschichten als Lügen herausstellen, als Märchen, als schlechter Witz – diese Frage ist für meinen Teil beantwortet. Ebenso wie einzelne Menschen können Gesellschaften den Verstand verlieren. Und sie tun es auch.

In der Psychologie gibt es den Ausdruck des „Double Bind“. Die Doppelbindungstheorie wurde aufgestellt von einem Mann namens Gregory Bateson, und zwar in den 50er und 60er Jahren. Das ungewöhnliche an Mr Bateson war, daß weder Psychologie noch Medizin zu seinen Hauptfächern gehörte. Bateson war Anthropologe mit einem Hintergrund in Kommunikationswissenschaften. Und er war ein Kybernetiker, also einer der Vertreter der damals noch sehr exotischen Gattung des Homo Nerdius. Was aber sehr wohl passend ist, denn ursprünglich beschäftigt sich Kybernetik als Wissenschaft mit der Übermittlung von Informationen.

„Kommunikation?“, denkt sich der Normalmensch.
„Was soll daran so interessant sein? Kann doch jeder. Macht ja auch jeder.“
Und dann fährt man in den Urlaub und lernt Tauchen und haut dem Lehrer eins in die Fresse, weil der einen unter Wasser ein Arschloch genannt hat. Oder man kriegt eins auf die Fresse, weil man einen Autofahrer genauso beleidigt hat.
Nur bedeutet der Kreis aus Daumen und Zeigefinger mit dem abgespreizten Rest bei Tauchern eben nicht „Arschloch“ sondern: „Alles ok hier.“
Genauso bedeutet der Daumen, der am Straßenrand irgendwo hinzeigt, bei uns an der Bundesstraße „Nimm mich mit“ und nicht „Fick dich, Penner!“
In Europas Süden ist das stellenweise eben anders. Ganz so simpel, wie es aussieht, ist das mit der Kommunikation dann wohl doch nicht.

Der besagte Mr Bateson kam also in näheren Kontakt mit schizophrenen Patienten, in einem Krankenhaus in Kalifornien. Und Bateson war recht schnell fasziniert von der Art, wie Schizophrene Sprache gebrauchen. Zur Symptomatik gehört es nämlich, daß diese Menschen Worte und deren Bedeutung nicht einordnen können. Nicht, weil es ihnen an Intelligenz mangelt, sondern weil hier die Beziehung zwischen einem Wort und seiner Bedeutung nicht stimmt. Ehefrauen kennen das, wenn die Männer den Müll runterbringen sollen, das Phänomen ist ähnlich. Allerdings ist das selektive Wahrnehmung und keine Schizophrenie.
Schizophrene Patienten sind in ihrem Zustand geradezu besessen von bestimmten Denkmustern, die immer wieder in ihrem Kopf auftauchen, deren Existenz aber niemals offen angesprochen wird, wodurch die Zuordnung zwischen Gesagtem und seiner Bedeutung regelrecht zerbricht. Bateson taufte die seltsame Sprache, die die Patienten benutzten, „word salad“.
Menschliche Sprache bezieht ihre Bedeutung aus einer Unmenge aus kommunikativen Mitteln, die aber nonverbal sind. Allgemein kann man hier die Stichworte „Körpersprache“ und „Kontext“ in den Raum werfen. Jeder Normalo weiß das, ob bewußt oder unbewußt. Wir reden immer mit wesentlich mehr als nur Worten.
Bateson identifizierte den „Wortsalat“ als ein ganz bestimmtes Versagen in der Kommunikation. Insgesamt ist die Sache natürlich noch wesentlich komplexer, denn Dinge, die zulässig sind bei Gestik oder Körpersprache insgesamt und auch beim Ausdruck von Emotionen oder anderem, sind wiederum abhängig von kultureller Umgebung, um nur ein Beispiel zu nennen. In Japan genügt es nicht, wenn man als Westler lernt, sich zu verbeugen. Es ist wichtig, vor wem man das tut und wie tief oder in welcher Reihenfolge Personen angesprochen werden. Letzterer Punkt existiert als Höflichkeitsregel auch in unserer Kultur.

Wenn im Fernsehen ein Schauspieler sagt „Ich liebe dich“ wissen wir jedenfalls genau, daß wir persönlich damit wohl nicht zwingend gemeint sind. Falls wir nicht gerade elf Jahre alt sind und im Bravo-Zeitalter oder so etwas. Uns allen ist klar, daß der Satz im Drehbuch steht und das jeweilige Gegenüber beim Dreh gemeint ist. Und auch das eben nicht wörtlich, sondern weil es im Skript steht. Die erwähnte Liebe hat für uns also keinen persönlichen Bezug, ermöglicht es dem Zuschauer aber trotzdem, die damit üblicherweise einhergehenden, angenehmen Empfindungen mitzuerleben. Darum gucken Leute Fernsehserien wie „Verbotene Liebe“ und ähnlichen Schmalz. Weil es sie emotional anspricht, ohne sie emotional in irgendeiner Form zu binden.
Das ist auch der Grund, warum Schauspielkunst eben eine Kunst ist. Man muß Menschen, die zusehen, nämlich mit allen Kommunikationsebenen von der Realität dessen überzeugen, was man da gerade spielt. Deshalb kriegen besonders gute Schauspieler auch Preise vom nationalen Theaterverein. Den Film-Oscar zähle ich eigentlich nicht dazu, denn in Hollywood wird viel zu viel technologisch getrickst. Nur auf einer Theaterbühne ist Schauspielerei real und greifbar. Aber auch in Hollywood kriegen sehr oft Darsteller einen Oscar, die ohne explodierende Raumschiffe oder mehrere Lastwagenladungen mit der Axt dahingemeuchelter Feinde auskommen.
Hollywood – also die Kunst der Filmschauspielerei – brilliert besonders bei Geschichten, von denen wir von vornherein wissen, daß sie nicht wahr sind. Amerika beherrscht also die Kunst, ein Märchen glaubhaft zu machen und Menschen damit in den Bann zu schlagen. Egal, ob da jetzt Gandalf in Moria abstürzt oder Darth Vader den Mangel an Glauben am Konferenztisch beklagenswert findet.

All das nennt man „Kontextualisierung“ und jeder Normalo lernt das im wahrsten Sinn des Wortes mit der Muttermilch. Der Schizophrenie-Patient versagt exakt an diesem Punkt in vielen Fällen komplett. Er ist nicht in der Lage, Gesagtes einzuordnen und korrekt zu deuten. Ein Vorgang, der bei den meisten von uns völlig unbewußt und in völliger Automatisierung abläuft, findet hier entweder nicht statt – in diesem Falle reagiert der Angesprochene also überhaupt nicht – oder er führt zur permanenten Wiederholung jeglicher empfangenen Botschaft in einem ewigen, paranoischen Kreislauf.

Schizophrenie kann aus widersprüchlicher Kommunikation entstehen. Davon gibt es jede Menge in unserer Gesellschaft.

Die Doppelbindung, im Original „double bind“ entsteht laut der Theorie von Bateson et al. aus Kommunikation, die sich quasi selbst gegenseitig auslöscht. Da ist einmal das, was gesagt wird. Und auf der anderen Seite das, was die Körpersprache vermittelt und dem Verbalen widerspricht. Und zwar „widersprechen“ im Sinne von „Gegenteil“.
Jeder Mann kennt das, wenn die Freundin gerade auf die Frage, was denn los sei, geantwortet hat: „Ach, nix.“
Gleichzeitig bilden sich über dem Haupt der Angebeteten aber deutlich sichtbar bereits erste Gewitterwolken. Das ist widersprüchliche Kommunikation.
Natürlich weiß jeder Mann, dem etwas an seinem Überleben liegt, daß er in dem Moment besser in Deckung gehen sollte.
Jetzt stamme ich und alle meine Geschlechtsgenossen irgendwo auch von Männern ab, die diese Lektion evolutionär erfolgreich verinnerlicht haben. Also erkennen wir klar, daß hier etwas nicht stimmt. Allerdings sind wir in einem Kontext erzogen worden, der es uns ermöglicht, diesen Widerspruch zu ertragen, ohne dabei gleich durchzudrehen. Der Schizophrene hatte dieses Glück möglicherweise nicht.

Denn schwierig – und psychologisch folgenreich – wird die Sache, wenn das Gegenüber dann auch noch kritisiert bzw. kritisiert wird.
Wenn die Mutter dem Kind ständig sagt, es soll Mami mal einen Kuß geben, sich dann aber ständig eben diesem Kuß entzieht, führt das extremer Verwirrung im Kopf des Kindes. Wenn die Mutter das Kind dann ständig dafür kritisiert, daß es Mami keinen Kuß gibt, führt das in den Wahnsinn. Das Kind ist nicht mehr fähig, den Kontext, in dem die Kommunikation stattfindet, korrekt zu deuten. Was ja auch in diesem Moment nicht möglich ist, denn die Situation ist rational nicht auflösbar.
Jeder Versuch, dieses befremdliche Verhalten der Gegenseite direkt anzusprechen, wird in irgendeiner Form vereitelt und auf den Fragenden zurückgeworfen. Das wirkliche Kernproblem – in diesem Falle das widersprüchliche Verhalten der Mutter – kommt so niemals zur Sprache.

Wir alle kennen diese seltsame, widersprüchliche Kommunikation. Dieses seltsame, paradoxe, irgendwie surreal wirkende Gefühl, daß die Dinge, die man uns sehr lange erzählt hat, nicht richtig zu sein scheinen. Die sich widersprechenden Signale, die wir alle empfangen, aber nicht recht zu deuten wissen oder aber – in vielen Fällen – nicht deuten wollen.
Der Fachausdruck für die Freundin mit den Gewitterwolken ist „Paradoxe Kommunikation“. Und davon gibt es in letzter Zeit eine ganze Menge, würde ich mal pauschal behaupten. In meinen Blog-Tags taucht das übrigens auf unter dem Stichwort „Heuchelei“.
Die Frage, ob eine ganze Gesellschaft psychohistorisch ebenso betrachtet werden kann wie einzelne Menschen psychologisch, ist meines Erachtens in letzter Zeit beantwortet worden. Die Antwort lautet: „Aber Hallo!“

Bild 1: Der Klassiker zur Auflösung einer kognitiven Dissonanz ist die Scheuklappe.
Wenn lauter Informationen auf uns einprügeln, die allesamt widersprüchlich sind, blenden wir sie eben einfach aus. Und schon ist mit der Welt alles in bester Ordnung. Deutschland geht es gut.

Letztendlich sind die „Alternativen Fakten“ einer Kellyanne Conway nichts anderes als die logische Fortsetzung des eben beschriebenen Wahnsinns. Die Dame hatte doch tatsächlich die Idee, den gerade eingeführten Einreisestop von President Trump für Menschen aus sieben vorwiegend muslimischen Staaten mit einem „Massaker von Bowling Green“ zu begründen. Ein Ereignis, das nicht stattgefunden hat. Diese Frau, die aussieht wie eine Kreuzung aus einer Lederhandtasche und der Mutter des Hauptcharakters im Film „Brazil“, hat sich dieses Ereignis, um es mal unverblümt zu formulieren, einfach aus dem Arsch gezogen.
Der Clou an der Sache ist, daß Ms Conway sogar darauf bestand, daß Präsident Obama nach diesem Ereignis einen sechsmonatigen Einreisestop für Iraner verhängt habe. Was ebenfalls gelogen ist. Ein erfundenes Ereignis wird hier also sogar noch mit erfundenen Konsequenzen garniert.
Ohne jetzt zu recherchieren bin ich mir sicher, daß es bereits Menschen dort draußen in der virtuellen Kommunikationswelt gibt, die sowohl das Massaker als auch den Einreisestop durch Obama als feststehende Tatsache weitergeben und auch vehement verteidigen.
Denn ansonsten müßten sie zugeben, entweder Lügner zu sein oder auf eine extrem plumpe Lügengeschichte hereingefallen zu sein, die man mit zwei Minuten googlen auch problemlos selber hätte entlarven können. Damit würde sich zwar die im Kopf befindliche kognitive Dissonanz auflösen, aber man selbst würde in schlechtem Licht dastehen. Also muß die Behauptung wahr sein. Deshalb war auch die Menschenmenge bei der Amtseinführung von Trump die größte, die es jemals in der Geschichte der Menschheit gegeben hat.

Während ich mir die Haare abtrockne, kommt mein Gehirn also zu dem Schluß, daß eine ganze Gesellschaft sehr wohl von psychologischen Grundkonzepten in ihrem Handeln bestimmt werden kann. Also kann sie auch davon beeinflußt werden. Oder ebenso durchdrehen, wie es einzelne Personen können.

„Alternative Fakten“ sind gar kein neues Konzept. Unsere Gesellschaft ist einfach nur bereits so weit übergeschnappt, daß sie die Wahrheit auch in kleiner Dosierung nicht mehr erträgt. Jedenfalls nicht unter Trump-Wählern und ähnlichen Gruppierungen. Also erfindet man eine eigene Realität.
Reality by design, könnte man sagen. Ich weiß nicht, ob Ms Conway jemals Orwells „1984“ gelesen hat, aber es gibt einen Grund, warum dieses Buch gerade jetzt wieder ganz oben auf den Bestsellerlisten auftaucht.
Weil Orwell ein verdammtes Genie war. Ein deprimiertes und hoffnungsloses Genie noch dazu, aber das ändert nichts an der brillanten Klarheit seiner Vision.

Auch die AfD, die am Freitag mal wieder mit einer besonders widerwärtigen Rede des Landesvorsitzenden André Poggenburg aufgefallen ist, schafft gerne ihre eigene Realität. Da wird ernsthaft behauptet, um Deutschland wieder in ein freies, friedliches und diskursoffenes Land zu verwandeln, müsse man „linken Studenten“ eben den Studienplatz wegnehmen und „der Arbeit zuführen“. Damit die dann keine AfDler mehr ausbuhen können, die eine ihrer Hetzreden halten wollen. Denn das ist natürlich „verfassungswidriges Unterdrücken freier Meinung“. Ist schon sehr freiheitlich, diese Auffassung. Ich vermute mal, morgen wird dann wieder zurückgerudert und behauptet, man hätte es ja so gar nicht gemeint.
Wer diese antidemokratische Faschistengruppierung namens AfD weiterhin für eine wählbare Partei hält, die auch noch eine Alternative darstellen soll, wird von mir weiterhin als Nazi betrachtet werden. Denn „Wir haben von nichts gewußt“ ist angesichts der live aufgezeichneten Reden eines Herrn Poggenburg oder Herrn Höcke definitiv keine Ausrede, der ich eine Sekunde Beachtung schenkte, wäre ich Richter.
Aber natürlich wird die AfD damit wieder mediales Gewitter bekommen. Anschließend werden sich wieder Leute finden, die sagen: „Hat er ja recht, der Kerl. Man darf ja nichts mehr sagen hier im Land!111!“
Und dann wandern sie alle wieder in den Merkel-muß-Weg 88 und trinken deutsches Bier aus deutschem Hopfen und hocken auf ihren deutschen Stühlen aus deutscher Eiche in ihren handgewebten deutschen Klamotten mit der aufgedruckten Landkarte von Deutschland in den Grenzen von Anno dunnemals. Alternative Realitäten indeed!

Bemerkenswerterweise deckt sich die freiheitliche Auffassung von Herrn Poggenburg exakt mit der des US-Präsidenten. Seit gestern hat nämlich das Außenministerium den präsidial verordneten Einreisestop aufgehoben, der für sieben Länder mit muslimischer Bevölkerung galt.
Noch kurz vorher hatte das DHS, das ist das Department of Homeland Security, die von George II aus Texas gegründete Faschismus-Schutzbehörde des Landes, sich dahingehend geäußert, den Beschluß eines Gerichts schlicht zu ignorieren und weitere Menschen nicht einreisen zu lassen. Dieser Beschluß war in Washington erlassen worden. Dem Bundesstaat, nicht der Stadt. Der hierfür zuständige Richter ist witzigerweise kein Demokrat, sondern von eben diesem George W. Bush eingesetzt worden. Offensichtlich dauert das mit der Gleichschaltung der Justiz noch ein bißchen.
Da Trump nicht nur eine Diktatur, sondern auch eine Twitteratur errichten möchte, hat er passend zu den Ereignissen einen seiner üblichen angepißten Tweets losgelassen.

Bild 2: Niemand hat die Absicht, dem aktuellen Präsidenten der USA einen Hang zum Faschismus zu unterstellen. Arroganz, Narzißmus, völlige Realitätsblindheit, Verlogenheit – ja. Aber Faschist? Die USA sind der Verteidiger der westlichen Werte!

Der Präsident der USA bezeichnet hier einen Bundesrichter als „sogenannten Richter“ und das Urteil als „lächerlich“.
Außerdem spricht er davon, daß diese Entscheidung ja einem Land die Möglichkeit raube, seine Gesetze durchzusetzen.
Ich empfehle auch den Rest des Tweets zu lesen. Hier wird ganz offensichtlich, daß Donald J. Trump tatsächlich glaubt, ein Land sei eine Persönlichkeit. Denn eigentlich setzt ein Land gar nichts durch. Es gibt da eine Staatsform namens Demokratie und in der herrscht etwas, das man Gewaltenteilung nennt.
Aus dem, was Mr Trump da von sich geifert in 140 Zeichen, wird klar ersichtlich, daß er ernsthaft der Meinung ist, die USA als Nation und Donald Trump seien ein- und dasselbe. Das ist nicht der geistige Boden, auf dem demokratische Saat aufgeht!
In psychologischen Faktoren formuliert, bekommt Donald J. Trump seit Tagen von aller Welt reingedrückt, was für ein aufgeblasener Arsch ohne Sinn und Verstand er ist. Allerdings hält er sich selber für das zentrale Sexualorgan des Universums und den uneingeschränkten Herrscher des Planeten Erde. Wir haben hier also ebenfalls einen klaren Fall widersprüchlicher Kommunikation, die zu kognitiver Dissonanz führt. President Trump löst diese Dissonanz auf, indem er Typen wie Ms Conway alternative Realitäten erschaffen läßt.

Ich persönlich bin fest davon überzeugt, daß die USA vor einem Staatsstreich stehen. Allerdings weiß ich noch nicht, ob Trump den Coup d’État durchführen wird, um seine Diktatur endgültig zu festigen, oder ob jemand anders das durchziehen wird, um die regierende Junta zu entmachten und Neuwahlen auszurufen.
Denn das Kommunikationsverhalten der aktuellen Regierung scheint nur chaotisch. Für mich sieht das ganz schwer nach einem Versuchsballon aus. Nach der letzten Woche weiß Trump, wo seine Unterstützer sitzen und wer eher Mitläufer ist. Ganz besonders aber ist jetzt klar, wo und wer seine Gegner sind.
Die Homeland Security hat am Anfang den richterlichen Beschluß ignoriert und sich damit eindeutig außerhalb des Rechtsstaats gestellt. Wenn es irgendwo eine Quelle für eine US-Gestapo gibt, dann ist sie hier.
Trump selbst begründet sein Einreiseverbot noch immer mit „Sicherheit für das Land“. Da hätte ich immer noch die Frage, warum denn bitteschön Saudi-Arabien nicht auf der Liste steht. Wie war das mit 9/11 und den Herkunftsländern der Piloten? Einer von denen kam aus Ägypten. Das steht auch nicht auf der Liste.

Die USA, das Paradebeispiel für den Begriff „westliche Demokratie“, als virtuell gelenkte Diktatur?
Da ist sie wieder, diese ebenfalls widersprüchliche Information, die bei uns allen irgendwo ein Knirschen im Kopf auslöst. So fühlt sich kognitive Dissonanz an.

Wenn ich mir in diesem Moment vor Augen führe, wie die Verfassung der USA entstand, sehe ich sie alle vor mir: George Washington, der zwei Meter große, stinkreiche Sklavenhalter aus Virginia und all die anderen weißen und männlichen Gestalten. Wie sie die ersten Zeilen des Werkes mit dem Federkiel auf das Pergament bringen: „We, the people…“
Und wie sie mit diesen Zeilen weiße Plantagenbesitzer meinen, die entsprechend reich sind. Und Männer. Amerika wurde von Sklavenhaltern begründet, die frei sein wollten. Von Männern, die von „Volk“ und Menschen“ schrieben und damit bestimmt keine Frauen meinten und mit absoluter Sicherheit niemals auf den Gedanken gekommen wären, damit Schwarze zu meinen. Wie auch Deutschland einen schweren Geburtsfehler mit sich herumschleppt, so tun das die Vereinigten Staaten von Amerika.
Die Plantagenbesitzer von damals haben alles getan, um „das Volk“ mal wählen zu lassen, aber notfalls genug Möglichkeiten zu haben, um nicht auf das Volk hören zu müssen. Indirektes Mehrheitswahlrecht ist eben keine Demokratie. Jetzt hat Amerika den Salat. Donald Trump ist Präsident.

Ein sehr wichtiger Teil amerikanischer Kultur, oder das, was so dafür durchgeht, ist ebenfalls das Produkt einer Politik, die aus einer Doppelbindung entstanden ist.
Ich hatte im Beitrag der vorletzten Woche erwähnt, daß jemand wie Donald Trump offensichtlich ein anderes Amerika im Kopf hat, wenn er über das Land spricht.
Er spricht über das Land Suburbia, diese sich endlos hinziehenden Vorstädte, dazu irgendwo aufragende Wolkenkratzer, in denen alle Büroarbeitsplätze zu finden sind, zu denen man natürlich mit einem amerikanischen Auto fahren muß, das subventionierten amerikanischen Sprit verbrennt.

Bild 3: Willkommen in Suburbia.
So sehen Städte aus der Luft aus, die von Anfang an nicht für Menschen geplant worden sind. Ganz oben an der Küste sieht man die Wolkenkratzer des eigentlichen Stadtzentrums aufragen. Oder von dem, was ein Zentrum wäre, läge es nicht am Rand. Die meisten großen Städte der USA haben kein Zentrum mehr.

Das, was US-Amerikaner für ein Leben im Grünen halten oder Landromantik, sieht aus der Luft genau so aus wie oben gezeigt. Bedenkt man jetzt, daß in dem ganzen Häusermatsch etwa zwei Schulen stehen und drei Supermärkte, kann man sich ungefähr ausmalen, wie abhängig diese Art des Lebens vom Besitz und Unterhalt eines Autos ist. Schienenverkehr oder Busverbindungen gibt es nämlich in diesem Gebiet nicht. Jedenfalls nicht in irgendwie nennenswert nutzbaren Ausmaß.
Die USA unterhalten eine ganze Flotte gelber Schulbusse, die nur einem einzigen Zweck dienen: Zweimal am Tag Horden von Schulkindern in ihre Verwahranstalt mit angegliedertem Unterricht zu bringen bzw. dort wieder abzuholen.
Ich kenne die genaue Anzahl dieser Fahrzeuge nicht, aber sie liegt irgendwo im mittigen sechsstelligen Bereich für das ganze Land. Der einzige andere Zweck dieser Busflotte ist es, dem Joker bei Banküberfällen behilflich zu sein.
Das ist das Bildungssystem, von dem ein Trump sagt, es ließe seine Teilnehmer „bar jeglichen Wissens“ zurück. Was sogar richtig ist, wie man an Donald Trump deutlich erkennen kann.

Das Problem daran ist, daß Suburbia in den 50er und 60er Jahren entstand. Der Krieg war vorbei, es wurden wieder Autos gebaut statt Panzer, Amerika war die Megamacht des Planeten und alles war schön. Bis auf diese gottlosen sowjetischen Kommunisten, die dummerweise auch Atomwaffen hatten. Allerdings hatten die Amerikaner wesentlich mehr, denn sie hatten früher mit der Produktion begonnen. Und während ein McCarthy überall Kommunisten jagte und jeden für einen erschießbaren Verräter hielt, der in seinem Leben mal „Das Kapital“ angefaßt oder womöglich sogar gelesen hatte, lagerte in den Schubladen des SAC ein Plan, die Sowjetunion in einer Nacht-und-Nebel-Aktion anzugreifen und alle 133 Atombomben der USA auf jedes größere Bevölkerungszentren abzuwerfen, das die Russen so besaßen. Entworfen war dieser Plan vom Chef des SAC, des Strategic Air Command, einem Herrn namens Curtis LeMay, dessen morgendliches Müsli aus Stahlspänen und Glassplittern mit Salzsäure bestand. Zumindest vermute ich das mal. Er datierte von 1949 – der Plan, nicht Mr LeMay – und als Suburbia im ganzen Land hochgezogen wurde, hatten die USA 17mal so viele Bomben wie die Sowjets.

Suburbia. Leben im Grünen. Ein Markenkern des ‚American Dream‘. Eine Lüge, deren verheerende Auswirkungen nicht erwähnt werden dürfen.

Exakt das war auch der Grund, warum man begann, amerikanische Bevölkerung in Vorstädten zu verteilen. Damit ist man nämlich weniger verwundbar, für den Fall eines nuklearen Gegenschlags.
Die Doppelbindung, um die es geht, wurde den Amerikanern von einer Gruppe von Menschen aufgezwungen, die eine bestimmte Agenda verfolgten, die diese Gruppe aber nicht zugeben kann oder will. Exakt dieses Verhalten hatte ein Mr Bateson auch oft in den Familien seiner schizophrenen Patienten gefunden und daher hatte er es als einen Teil seiner Theorie formuliert.
Es war für die Politiker und Militär natürlich nicht möglich, gegenüber der Bevölkerung einzugestehen, daß eine Umverteilung aus den Bevölkerungszentren eine zweckmäßige strategische Maßnahme gegen einen Atomkrieg ist.
Also verkaufte man den Amerikanern mittels massiver Werbung – das sich gerade rasant ausbreitende Fernsehen machte es möglich – ein Leben in „Suburbia“, in der schönen, netten, grünen Vorstadt.
Dummerweise war das schöne Vorstadtleben dann irgendwie doch nicht so schön, wie es immer angepriesen wurde. In der klassischen Malocherfamilie mußte der Mann jetzt ewig lang mit dem Auto durch die Gegend gurken, während die Frauen daheim hockten und dem Ehegatten nachwinkten, bevor sie sich dann morgens um Neun den ersten trockenen Martini mixten, um sich das tolle Landleben schönzusaufen, in dem sie isoliert und ohne die vorherigen dichten Sozialkontakte zurückblieben.
Die Verarmung des Soziallebens durch Suburbia führte zu mehr Drogenmißbrauch, Alkoholismus, geistigen Ausfällen und Jugendstraftaten. Allesamt klare Kennzeichen von psychologischem Streß.
Eine Frau namens Betty Friedan beschrieb 1963 die massive Zunahme von Depressionen und Anomie unter amerikanischen Hausfrauen als „das Problem ohne Namen“. Amerikanische Ärzte gaben sich alle Mühe, dieses Problem auch weiter ungenannt zu lassen, denn ansonsten hätten sie zugeben müssen, daß es womöglich etwas mit dem schönen Vorstadtleben zu tun haben könnte.
Tatsächlich hatte Ms Friedan eigentlich vor, eine Artikelreihe über das Phänomen zu schreiben, aber niemand fand sich bereit, das zu veröffentlichen. Also wurde daraus ein Buch mit dem Titel „The Feminine Mystique“.

An dieser Stelle greift ein anderer Mechanismus, den man in der Ökonomie als „sunk cost fallacy“ bezeichnet. Umgangssprachlich ist das der tote Gaul, auf den weiter eingeprügelt wird oder das gute Geld, das man dem schlechten hinterherwirft. Nach einem berühmten untersuchten Beispiel nennt man das auch „Concorde Fallacy“.
Mehrere Gutachten hatten dem berühmten Überschallflieger Concorde im Vorfeld bescheinigt, daß er keinen Markt haben würde und das demzufolge das gesamte Projekt als Faß ohne Boden enden würde, ein teurer ökonomischer Flop.
Trotzdem entschieden sich die Regierungen Frankreichs und Englands für die Weiterführung des Projekts. Begründung: Man habe ja zu diesem Zeitpunkt schon soviel Geld investiert.
Wem dieses Verhalten seltsam erscheint, der denke mal kurz unter den genannten Gesichtspunkten über folgende Stichworte nach: Elbphilharmonie. Flughafen Berlin. Stuttgart 21. Oder auch, um nach Amerika zurückzukehren: Hyperloop.

Denselben Effekt gibt es auch in der politischen Psychologie. Hier schimpft er sich „backfire effect“, also Fehlzündung. Ich persönlich nenne es einfach „Politik“, denn ein Großteil aller politischen Aktionen scheint heute genau daraus zu bestehen.
Der Fehlzündungs-Effekt besagt, daß Menschen um so stärker an (politischen) Überzeugungen festhalten, je mehr Beweise man ihnen dafür unter die Nase hält, daß diese Überzeugungen idiotisch und faktisch falsch sind.
Da kommt mir sofort die AfD in den Sinn oder Protestierer gegen die Islamisierung des Abendlandes. Oder Menschen, die in Mecklenburg-Vorpommern die AfD wählen, weil sie Angst vor Ausländern haben. Von denen sie niemals einen zu Gesicht gekriegt haben im ganzen Leben, weil es da oben an der Ostsee gar keine Ausländer gibt. Außer vielleicht mal einen Bayer auf Rügen oder so.

Getreu dieses Effekts stritten natürlich amerikanische Ärzte und ganz besonders die Insassen des Cartoon-Landlebens jeden Zusammenhang negativer psychologischer Effekte mit der neuen, deprimierenden Lebensführung ab. Schließlich hatte man bereits soviel investiert.
Diese Verweigerungshaltung geht so weit, daß es heute in so ziemlich allen Kommunen der USA völlig unmöglich ist, Bebauungspläne so zu ändern, daß man womöglich weniger Auto fahren müßte. Ein großer Teil der Immobilienblase, die 2008 dann platzte, nahm in Form von Vorstadthäusern vom Fließband Gestalt an.
Suburbia ist als Teil des Mythos vom ‚American Dream‘ fest in den Köpfen verankert und die Nützlichkeit und Sinnhaftigkeit dieses Konzepts darf auf keinen Fall in Frage gestellt werden.
Ein Konzept, geboren aus einer verheimlichten Agenda, deren Umsetzung massive Widersprüche erzeugt, die von allen Betroffenen nicht diskutiert werden können und dürfen – damit sind alle Grundvoraussetzungen aus der Theorie von Mr Bateson erfüllt.
Suburbia ist heute ein absolut fester Bestandteil der amerikanischen Kultur. Für die Jugendrebellion der 60er Jahre wurde beispielsweise die Rockmusik als Ursache angeführt. Niemand kam auf die Idee, daß die Entstehung und rasante Ausbreitung von Rock’N’Roll womöglich erst durch die Suburbia-Kultur möglich wurde, diese „rebellische Musik“ also ein Symptom war und keine Ursache.
Denn dazu hätte man vom Grundgedanken ausgehen müssen, daß mit der Zersiedlungspolitik etwas nicht in Ordnung ist. Es war einfach undenkbar, daß die psychologischen Auswirkungen einer erzwungenen Verhaltensweise eine ganze Generation in die Rebellion getrieben haben könnten. Also dachte auch niemand daran. Herzlich willkommen in einer Kultur in einem perfekten schizophrenen Kreislauf.

Das ist also das Amerika im Kopf eines Donald Trump, das Land, das er persönlich zu sein glaubt. Ein ganzes nationales Selbstbild, aufgebaut auf echten Wahnsinn.
Natürlich sind diese Faktoren nicht auf die USA oder einen Donald Trump beschränkt. Sie führen aber dazu, daß eine Lügnerin ein Massaker erfinden kann, das niemals existiert hat und sich wenig später Menschen bereit finden, diesen Schwachsinn auch noch als wahr und als Fakt zu verteidigen.
Es geht in diesem Falle nicht darum, nicht beim Lügen erwischt zu werden. Es geht darum, eine gefährliche Saat auszubringen.

Das die Taktik der Realitätserschaffung auch in anderer Form wirksam sein kann, sieht man sehr schön am derzeitigen Hype um den neuen Kanzlerkandidaten der ehemaligen SPD, Martin Schulz. Irgendwer hat diesem Kerl vorgeworfen, er habe ja kein Abitur, und deshalb könne er nicht Kanzler werden. Da gab es vor einer Weile mal eine Diskussion in der Richtung.
Jetzt ist es aber so, daß wir zwar von jedem Entsorgungsfachbetriebsangestellten – vulgo Müllmann – eine Bewerbungsmappe verlangen, aber von Bundeskanzlern normalerweise nicht.
Außerdem spricht Herr Schulz fünf Sprachen – ich weiß nicht, ob zusätzlich oder mit Muttersprache – was ihm auf europäischer Ebene sicherlich hilfreich ist. Zusätzlich spricht es für eine durchaus vorhandene Intelligenz und ein Talent, sich Dinge in den Kopf zu drücken, wie man in meiner Geburtsgegend früher so sagte. Ein durchaus nicht unnützes Talent auf der politischen Ebene.
Meine Lebenserfahrung bringt es auch noch mit sich, ganz eindeutig zu wissen, daß Leute mit Abitur ziemliche Hohlbolzen sein können. Ich habe auch schon Professoren getroffen, die zwar in ihrem Fachgebiet durchaus gut waren, aber trotzdem realitätsblinde Fachidioten mit null Empathie. Für mich ist es also total schnuppe, ob ein Bundeskanzler Abitur gemacht hat oder nicht.
Bezüglich Realitätserschaffung ist der Herr Schulz deswegen interessant, weil er einen Wahlkampf für soziale Gerechtigkeit führen will. Das ist interessant und dürfte vielen Führungskräften bei der heutigen SPD als sehr innovativ erscheinen.

Realitätserschaffung ist auch schriftlich möglich. Sollte ich jemals meine Bambushütte am Rande der Gesellschaft verlassen müssen, graut es mir schon jetzt davor, wo ich landen werde. Falls ich landen kann.
Denn dies hier ist Deutschland im Jahre 12 nach Hartz IV. Der Sozialreform, die weder sozial war noch eine Reform, sondern schlicht die größte Schleifung des Sozialstaates, die es jemals in westlichen Demokratien gegeben hat.
Maggie Thatcher und die USA nehme ich da mal aus, denn das britische Sozialsystem war niemals mit einem deutschen zu vergleichen und in den USA existierte de facto noch niemals ein Konstrukt, das den Namen auch nur annähernd verdient hätte.
Jedenfalls vermietet niemand heutzutage eine Wohnung an jemand anderen, wenn der keine Arbeit hat. Nach einem Dutzend Jahren intensiver Volksverhetzung durch widerwärtige Propagandablätter wie BILD und andere Erzeugnisse der Springer- und Bertelsmann-Pressen, die ihren pseudojournalistischen Dreck über die deutsche Wohnzimmerlandschaft ergießen, weiß jeder Vermieter, daß Hartz-IV-Bezieher dumm sind, rauchen, saufen, kleine Kinder fressen und in der Wohnung auf dem Parkett die Katze des Nachbarn grillen. Jeder weiß das. Kann man überall nachlesen.

Ich muß ja sagen, mir wäre es als Vermieter völlig egal, ob jemand sein Auskommen aus staatlichen Mitteln bestreitet oder einer Erwerbstätigkeit nachgeht. Mir käme es drauf an, daß sich meine Mieter vernünftig benehmen und ich den vereinbarten Mietobolus pünktlich bekomme. Doch das sind im heutigen Deutschland keine maßgeblichen Kriterien mehr. Nur selbst erarbeitetes Geld ist gutes Geld und alle anderen sind Sozialschmarotzer.
Und natürlich haben es Vermieter durchaus auch leicht nach vierzig Jahren einer Politik, die Menschen dazu animiert, möglichst „im Grünen“ zu wohnen, um dann mit der Kilometerpauschale darüber hinweggetröstet zu werden, daß man die 70 km einfach eben mal fahren muß, um morgens zur Arbeit zu kommen. Das nennt sich heute „Flexibilität“ und wir von jedem Arbeitnehmer gefordert. Natürlich nur für untere Klassen.
Wer pro Monat mit 50 oder gar 200 Mille nach Hause geht, hat entweder einen Dienstwagen, eine Dienstwohnung oder er kommt mit dem Hubschrauber. Auf jeden Fall wird er sich keinesfalls mit dem normalen Pöbel auf die Straße stellen und im Stau vor der Autobahnabfahrt seine kostbare Zeit verschwenden.

„Alternative Fakten“, widersprüchliche Informationen und die völlige Unwilligkeit, den Ursachen und Folgen dieser Dinge mal auf den Grund zu gehen, sind keinesfalls ein amerikanisches Phänomen. Dieses Verhalten findet sich überall in der globalen Gesellschaft.

Man könnte die Zweckmäßigkeit einer derartigen Verkehrspolitik also durchaus in Zweifel ziehen. Aber man schlage in der Öffentlichkeit einmal die ersatzlose Streichung der Pendlerpauschale vor. Im Autofahrerland Deutschland ist das völlig indiskutabel und führt zu kollektivem Aufheulen der Masse.
Dem einen sein Suburbia ist halt dem anderen sein Auto, könnte man sagen.
Und so zieht alles in die gentrifizierten Innenstädte zurück, um das SUV, mit dem Torben-Malte morgens zur Waldorf-Kindertagesstätte gekarrt wird, nicht allzu weit vom gut bezahlten Arbeitsplatz parken zu können. Außerdem gibt’s auf dem Land einfach zu wenig Kultur und keine Läden, in denen das handbesungene Biomüsli vor Krankheiten schützen soll, weil die Eltern Impfungen für eine Erfindung der Schulmedizin halten, der man nicht trauen darf.

Als Hartz-IV-Bezieher könnte man heute also eventuell im Grünen wohnen, weil da niemand mehr sein will. Nur arbeiten kann man da eben auch nicht. Dazu kommt eine seit fünfundzwanzig Jahren ebenso verfehlte Politik sozialen Wohnungsbaus. Helmut Kohl hatte damit begonnen, den zu privatisieren, und Gazprom-Gerd hat in seiner Zeit als Kanzler den letzten Nagel in den Sargdeckel geschlagen, wie bei so vielen anderen Dingen. Es gibt eigentlich seit gut zwei Jahrzehnten keinen sozialen Wohnungsbau mehr in Deutschland. Seltsamerweise hat das für steigende Mieten und zu wenig Wohnungen gesorgt. Es ist immer wieder beeindruckend, wie die unsichtbare Hand des Marktes alles zur besten Zufriedenheit regelt. Allerdings konnte mir nie ein Ökonom verraten, zu wessen Zufriedenheit eigentlich.

Wenn also ein Herr Schulz sagt, diese Politik sei falsch gewesen, ist das auf jeden Fall eine Erkenntnis, die man bei einem Politiker schon fast feiern muß. Was nicht heißt, daß er jemals etwas dagegen tun würde, wäre er denn Kanzler. Dem letzten Kanzler, der für die ehemalige SPD mit dem Schlagwort der „sozialen Gerechtigkeit“ in den Wahlkampf gezogen ist, würde ich jedenfalls nicht raten, dieses Land zu betreten, wenn ich gerade in der Nähe des Grenzübergangs bin. Herr Schulz müßte erst einmal die gesamte Führungsclique der ehemaligen SPD austauschen, bevor er auch nur annähernd was in die richtige Richtung lenken könnte.
Der neue Mann der ehemaligen SPD hat auch bereits vorgeschlagen, große Vermögen und Kapital stärker zu besteuern. Es wird nur eine Frage von Minuten sein, bis die ersten politischen Gegner aus den Löchern kommen, um darauf hinzuweisen, daß so etwas die Wirtschaft schädigt. Denn wir alle wissen ja, daß man nur die Steuern für die Reichen, Superreichen und transnationalen Konzerne niedrig genug halten muß. Denn dann schaffen diese allesamt prima Arbeitsplätze und die gesamte Bevölkerung profitiert und am Ende nimmt der Staat sogar mehr Steuern ein.

Stimmt doch? Wissen wir doch alle. Donald Trump würde dem sofort zustimmen. Das ist genau wie diese Sache mit dem Kapitalismus als Wirtschaftssystem. Oder dem Wachstum, das immer gut ist. So wie Technologie und Fortschritt und Innovation.

Vielleicht wird es dringend Zeit, sich in unserer Zivilisation einmal ein paar sehr entscheidende Fragen zu bestimmten Dingen zu stellen, über die irgendwie nie einer reden will. Aber vielleicht glaube ich das auch nur.

 


Zum politischen „backfire effect“:
Brendan Nyhan / Jason Reifler (2010)‚When corrections fail: The persistence of political misperceptions‘ in: Political Behaviour 32. Als PDF hier zu finden

Zur Erfindung Suburbias als Konzept der Zivilverteidigung:
Kathleen Tobin (2002)‚The reduction of urban vulnerability: Revisting 1950s American suburbanization as civil defence‘ in: Cold War History, 2. Als PDF hier zu finden

6 Gedanken zu „Die Psychologie des Untergangs

    • Solange man sie aber auflösen kann oder zumindest anleuchten und sichtbar machen, da man über das notwendige Hintergrundwissen verfügt, richten sie bei einem selbst keinen Schaden an. Zumindest keinen dauerhaften.

  1. Hatte beim Lesen schon das Stichwort „kognitive Dissonanz“ vermisst, bzw. war gespannt ob das noch kommt. Das ist heutzutage ein starker Faktor. Bzw. erklärt Vieles. Interessanterweise scheinen auch eine ganz Reihe potentieller Protestwähler dies zu erkennen und nehmen die Scheuklappen ab. Immerhin nehmen in den Kommentarspalten von z.B. ZON die AFD-Fanboys gefühlt ab. Das heißt nicht, dass es die verfehlt-Empörten nicht noch gibt. Aber sie trauen sich aus ihren Schmuddelecken nicht mehr ganz so raus (manchmal gerät man ja in solche düsteren Ecken, die Kommentarfunktion bei Yahoo würd ich mir als Verfassungsschützer z.B. mal genauer ansehen. Da gibt´s viele potentielle V-Männer). Trotzdem ist es immer noch erschreckend, dass das unreflektierte Dummbatzentum Hochkonjunktur feiert.
    Dass ich solch spannende Zeiten noch erleben darf. Ich hätte es nicht für möglich gehalten.

    „Tell me, assure me, I really can’t believe your dishonesty.
    Dissention, seeking attention, yet segregation from the ones‘ that
    really cared.

    Tell me, assure me, I really can’t believe your dishonesty.
    Cash styled deadhead, no conscience or opinions.
    Material gain bar happiness means shit.

    It means shit.

    Mass appeal madness eats your brain. False influence like a leach.
    Sucking dry your veins.

    Public eyes see fit your second face.
    Freakshow – fooling those who imitate.

    Clever marketing to dominate. Screwing those who gave you your big
    break.

    And when the bubble bursts, exposing your selfish crap.
    You’ll cry for sympathy, we’ll just sit back and laugh.“

    Napalm Death, Mass appeal madness (1991)

    • Ach, die Kommentare unter youtube-Videos waren schon lange ein gutes Training für bullshit-Resistenz. Interessante Zeiten indeed.
      Und wieder was gelernt: Ich wußte gar nicht, daß Songs von Napalm Death tatsächlich Texte haben.

    • Tja…klarer Fall von Infrastrukturapokalypse. Aber da müssen wir den Reichen halt mal die Steuern senken, dann schaffen die ganz viele Arbeitsplätze und hinterher haben wir soviel Geld, daß wird das alles reparieren…was guckst du so? 😀

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