Demokratie als Borderline

Heute. Heute vor einem Jahr fand in den USA die größte Inaugurationsfeier seit Bestehen des Landes statt. Jedenfalls, wenn man die Tatsache Dutzender Bilder wegläßt, die das Gegenteil beweisen.
Der Amtseid von Donald J. Trump, immer noch Präsident Nummer 45 der Uneinigen Staaten von Amerika, hat weniger Leute nach draußen gelockt als ein Alienraumschiff im Stadtpark, jonglierende dreibeinige Hühner oder ein gewiefter Doughnut-Verkäufer, der gerade die Sorte LSD-Meth erfunden hat, die in Washington, DC, sicherlich reißenden Absatz fände. Böse Zungen behaupten gar, es seien deutlich weniger Menschen da gewesen als beim ersten Amtsantritt seines Vorgängers Barack Obama.
Gute Zungen hingegen behaupten, daß die Menge der Zuschauer mindestens bis Boston, vielleicht sogar bis Mexiko gereicht hat. Da verschmolz sie dann mit der Schlange der Einwanderer aus dem Süden, die erst die donaldinische Mauer passieren mußten und die sich darum reißen, in Amerika zu arbeiten, diesem Leuchtturm der Fairness und Gerechtigkeit. Gute Zungen erfinden nämlich alternative Fakten. Ganz besonders scheinbar, wenn sie einer Frau namens Kellyanne Conway – ohne Bindestrich – gehören, mit ihrem Gesicht wie Ente süß-sauer oder Schuhleder des Jahrgangs 1860. Da wurde übrigens Lincoln Präsident.

Das geistig stabile Genie, das die Amerikaner in sicherer Selbsterkenntnis zum Präsidenten gewählt haben, hatte ein prima Jahr. Die Aktienkurse sind in so himmelhohe Höhen gestiegen, daß es nur noch eine Frage der Zeit sein kann, bis alle Straßen des Landes nicht nur renoviert sind, sondern mit Gold gepflastert. Donald Trump steht doch auf Gold. Jeden Tag werden Füllhorn-Hubschrauber über den blauen Himmel ziehen und Burger, Pommes, Popcorn, Limo, Bier und T-Bone-Steaks über den Bewohnern des Landes abwerfen. Jedenfalls über denen, die Trump gewählt haben und ihm auch sonst kräftig in den Arsch kriechen. Weiterlesen

Nummer Fünfundvierzig

Niemals kann er das schaffen. So war seit Tagen, seit Wochen der Tenor aller Medien, die man so in die virtuellen Finger bekommen konnte. “Er” ist natürlich Donald Trump und zu schaffen war es, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika zu werden.
Alle waren sich schon längst einig. Hillary Clinton würde siegen. Ob in der Süddeutschen, der stets von ihrer eigenen Liberalität überzeugten und längst grottig rechtskonservativen FAZ, der Erbsenpistole der Demokratie, der ZEIT, der Washington Post und – allen seit Monaten mit Stiefeln im Gleichschritt voran – in der New York Times.

Noch am 30. Oktober lagen die Chancen der ehemaligen Außenministerin bei neunzig Prozent laut NYT, selbstgefällig wurden bereits zahlreiche “Day after”-Szenarien durchgespielt. Was würde Hilary tun? Gleich Syrien angreifen oder erst das Oval Office neu möblieren lassen?
Dann kamen die etwas ominösen neuen Erkenntnisse über weitere eMails der demokratischen Kandidatin. Prompt schütteten die Medien Dreck über dem Chef des FBI aus. Niemand wies darauf hin, daß der Fehler nicht etwa darin lag, derartige Anschuldigungen eine Woche vor der Wahl zu erheben, sondern darin, die vorherigen Ermittlungen wegen der sicherheitstechnisch wohl eher bedenklichen Nutzung eines privaten Mailservers durch die Ex-Außenministerin einzustellen.
Hillarys Werte begannen zu sinken. Auf 88 Prozent. Siebenundachtzig. Vierundachtzig. Wo sie bis zum Wahltag blieben. Alles nach Ansicht der Analysen der New York Times, wohlgemerkt.
Auf anderen Seiten lagen diese Wahrscheinlichkeiten bei etwa 65 zu 35.
Donald J. Trump, dieser sexistische Pöbler, der Mann, der Amerika den eigenen Rassismus so überaus deutlich vor Augen geführt hatte, wurde immer nur erwähnt in seiner Rolle als Außenseiter. Als “ferner liefen”. Als der Mann, der unbedingt alles gewinnen müsse, um eine Chance zu haben, am Ende doch noch knapp hinter Clinton zu sein, einen guten Kampf zu liefern. Alles war bereits geplant. In der typischen Manier von King Kong und Meister Yoda war das Ergebnis von den Bühnenkritikern bereits vorweggenommen.

Trump hatte sogar die Eltern eines im Irak Gefallenen beschimpft in seinem Wahlkampf – ein absolutes Tabu in der US-Politik, stellt es doch irgendwo auch die Sinnhaftigkeit von Kriegen in weit entfernten Ländern in Frage, aus denen nur tote junge Menschen in Kisten nach Hause kommen.
Nein, amerikanische Soldaten sind immer für die gute Sache gestorben, haben ihr Leben gegeben für Freiheit, Gerechtigkeit, Demokratie – der ganze übliche Scheiß, den Eltern erzählt bekommen, deren hoffnungsvolle Kinder leider durch US-Politik ein abrupt verkürztes Leben erfahren. Das Narrativ gebietet das so. In der Kriegskultur der Vereinigten Staaten von Amerika gibt es kein sinnloses Opfer.
Also erzählt man den ganzen patriotischen Mist, den Eltern dann auch glauben und vor allem glauben wollen, da es ansonsten ja fraglich sein könnte, ob eine derartige Aktion überhaupt einen Sinn ergibt.
Statt sich mit der bitteren Wahrheit zu beschäftigen – nämlich, ein potentiell ganz geiles Leben sinnlos verschwendet zu haben im Interesse von Konzernen – wird gerne die Lüge unbesehen übernommen. Es ist einfach, der offiziell erlaubten Vorgabe zu folgen. Der einfachen Sicht der Dinge. Er oder sie ist für eine gute Sache gestorben. Alles andere wäre viel zu furchtbar. Schwieriger zu nehmen. Weiterlesen