Containertauchen gegen Hitler

,,Our main problem is a lack of understanding
of what it means to be human and that we are not separate from nature.”

Jacque Fresco, The best that money can’t buy

Als ich zugreife, bildet sich sofort ein schwarzer Rand unter meinen Fingernägeln. Abwägend nehme ich die Erde aus ihrer Verpackung, zerbrösele sie in meinen Händen. Wobei – zerbröseln ist nicht das richtige Wort. Ich zerquetsche sie. Denn dieser Boden hier hat eine Textur, eine tiefe, schwarze Farbe. Er zerbricht nicht einfach unter meinen Fingern, er gibt nach. Verformt sich. Weicht mir aus. Drückt sich in jede Ritze, jede Pore meiner Haut. Ohne eine Bürste werde ich diesen Schmutz nachher nicht mehr von meinen Händen bekommen.
Was ich vorher aus den Töpfen entfernt habe, war Dreck. Alte Erde vom letzten Jahr. Ausgelaugt. Verbraucht. Über den Winter auf dem Balkon ausgetrocknet. Ein geschrumpfter, fester Brocken, der aus den Blumentöpfen glitt, von Wurzelwerk durchsetzt. Ein Etwas, das ich tatsächlich auseinanderbröseln konnte. Keine Konsistenz.

Ich entsorge die Reste des Vorjahres immer auf dem Feld hinter dem Haus und dem Garten, der nicht mir gehört. Und jedes Mal fällt mir auf, wie der Boden, auf dem ich dann stehe und diese trockenen Reste von Pflanzerde entsorge, dem gleicht, was ich da aus den Töpfen hole. Toter Dreck. Ausgelaugter Staub. Nur die Impfung mit Dünger versetzt diesen ehemaligen Boden überhaupt in die Lage, irgend etwas Grünes hervorzubringen.
Viel zu fest ist er auch. Was ich gerade in den Händen halte, hat Volumen. Es hat Substanz. Ich kann fühlen, daß es zwischen den Materiebrocken dieser wirklichen Erde Luft gibt. Während meine Hände die Töpfe füllen und nach den Setzlingen greifen, sie in die Erde eintopfen, sehe ich in meinem Geist deutlich, wie die Wurzeln der Pflanzen bald diese winzigen Hohlräume durchziehen werden. Sie ausfüllen, sich ausbreiten, begleitet von Bakterien Leben aus dieser unscheinbaren Masse ziehen werden, während sie Sonnenlicht und Kohlendioxid atmen. Endlich. Der Frühling kommt spät in diesem Jahr.
Aber heute hat die Sonne Kraft, die Lufttemperatur ist beständig gestiegen die letzten Tage. Der leichte Wind trägt Frühling und Sommer mit sich, nicht mehr das regnerische Frösteln der letzten Wochen. Wie immer bringt Gaia in unausweichlicher Konsequenz den nächsten Zyklus hervor.

Es hat etwas Meditatives, etwas Friedvolles, dieser Griff in Mutterboden. Setzlinge eintopfen, weitere Erde auffüllen, ein bißchen Wasser auf die Pflanzballen vorher. Ein wenig festdrücken. Darauf achten, daß die größeren Setzlinge alle in die gleiche Richtung gekrümmt sind. Denn die Pflanzen werden sich auf dem Balkon natürlich an der Sonne orientieren. Ist die Krümmung unterschiedlich, wird eine von je zwei Pflanzen pro Topf sich verbiegen müssen und das ist nicht sinnvoll. Ich will geraden Wuchs haben in der Frühphase. Gleichmäßigkeit. Also Ballen drehen, Krümmung beachten, Erde aufhäufen, festdrücken, Topf richtig in die Sonne drehen.
Ein einfacher Rhythmus einfacher Handgriffe. Eine echte Tätigkeit. Das Ergebnis werden Küchenkräuter sein. Tomaten. Ein paar Vertreter von Digitalis purpurea, dem Fingerhut. Mit ihrem hohen Wuchs sollen sie ein bißchen wachsenden Sichtschutz bieten auf meinem Balkonien in diesem Jahr. Mal sehen, ob das klappt. Und niemand scheint heutzutage noch Liebstöckel zu benutzen. Zumindest bietet kein Supermarkt so etwas an in den üblichen Töpfchen in der Kräuterecke. Basilikum, Thymian – dieses Zeug ist da. Das gute alte Maggikraut, wie ich das als Kind immer genannt habe, weiß scheinbar niemand mehr zu schätzen.

Ich hätte so gerne einen Garten. Wir hatten einen Garten, als ich ein Kind war. Hinter und um das Haus meiner Mutter gab es einen Garten. Mein Bruder würde es vermutlich unser Elternhaus nennen, aber für mich war es immer das Haus meiner Mutter. Unser Haus eben. Und unser Garten.
Rhododendron im Vorgarten. Noch irgendeine Gartenpflanze, die ich erkennen würde, wenn ich sie sehe, aber keine Ahnung habe, wie sie heißt. Hinter dem Haus mehr Bäume und Sträucher. Eine Magnolie. Ein wunderbarer Flieder. Zwei sogar, aber einer freistehend und voller Schmetterlinge in der Blütezeit. In einer Ecke, Richtung Nachbargrundstücke und an der Mauer, ein Komposthaufen. Nicht zu sonnig, nicht zu schattig. Kein professionelles Werk. Einfach jede Menge Laub, Rasenschnitt, Kaffeefilter und Eierschalen und ähnliches Zeug in einem Haufen.
Dem Rhabarber an seinem Fuß schien es zu gefallen. Es gab jedes Jahr Rhabarber. Manchmal etwa so groß wie die legendäre Bohnenstangen, an denen man in den Himmel klettert im Märchen. Und zusammen mit Vanillepudding und Zucker auf Tortenboden absolut großartig.
Auch der Essigbaum hat sich nie beschwert. Dieses Gewächs mit seinen dunkelroten Doldenblüten, die mit einer Art Samtfell überzogen sind. Selbst die Äste haben Fell. Ein Baum mit einem enorm zähen und harten Holz, wie ich feststellte, als ich einmal ein paar Äste abschneiden mußte. Ich weiß noch genau, wie sich dieser Moment anfühlte, als Klinge und Holz in Kontakt traten. Nachgiebigkeit, gefolgt von äußerster Härte. Dann prallte die Axtklinge regelrecht ab und prellte mir das Handgelenk.

Nebendran, auf der langen Seite des L-förmigen Bungalows, den wir bewohnten, auf der halbschattigen Seite, war das Gemüse. Ein paar Möhren. Petersilie. Zwei oder drei Stachelbeerbäume. Auch Stachelbeeren machen sich ganz hervorragend als Gelee oder auf Tortenböden. Einmal habe ich Kartoffeln aus dem Keller geholt. Alte. schrumpelige, schon gekeimte Kartoffeln. Die Reste eines 10-Kilo-Sacks. Ich zog ein paar Furchen, wie ich mir das von Opa abgeschaut hatte, und verbuddelte die Dinger. Wasser drauf, fertig.
Wochen später gab es Kraut über der Erde und später eine gar nicht mal kleine Ernte frischer Knollen, die sich aus den paar schrumpeligen Gesellen entwickelt hatten. Jetzt ist es wieder soweit. Die ganze Atmosphäre wird mit Energie geflutet und die Ökologie unseres Planeten zapft sie an, leitet sie um, verwandelt sie in urplötzlich dicht bewachsene Bäume, Rasenflächen, die vorgestern noch nicht da waren und ungefähr eine Million blühender Dinge, die alle um die Aufmerksamkeit der Bestäuber werben.

Fliederduft. Noch heute mag ich den Duft von Flieder mit am liebsten von allen. Außer dieser Pflanze, die schon früher blüht. Irgendein Ding zwischen Baum und Strauch, dessen Namen ich auch nicht kenne. Kleine, weiße, irgendwie doldige Blütenstände. Und ein Duft, der über mehrere Meter die Nase kitzelt. Diese Pflanze ist immer mein persönlicher Bote im ausgehenden Winter. Selbst wenn im Schatten noch Schnee liegt, dieser Duft im Wind trägt für mich das Versprechen wogender goldener Felder im Frühling. Nichts symbolisiert für mich stärker die unverrückbare Wahrheit der Zyklen, denen wir alle unterworfen sind. Wir mögen sie vergessen haben, verdrängt, ignoriert womöglich. Aber das ist egal. Sie bleiben weiterhin vorhanden und wir können ihren Konsequenzen nicht entkommen. So wenig der Baum vor dem heraufziehenden Sturm wegzulaufen vermag. Oder das Gras auf der Wiese. Das Gras neigt sich im Wind.

Fast alle wichtigen Futterpflanzen der Welt sind Gräser, sagt mir mein Verstand in so einem Moment unwillkürlich. Weizen. Mais. Reis. Allesamt sind sie Vertreter einer der ältesten und erstaunlichsten Pflanzengattungen. Graminaea. Gräser.
Wenn den Zyklen der Welt etwas zustößt, wenn jemals etwas die Gräser der Welt massiv beeinträchtigen sollte, werden wir damit unser Ende besiegeln.

Meine Hände vergraben sich wieder in den Boden, inzwischen schmutzig bis zu den Ellbogen. Fühlen die Textur. Fühlen das Versprechen von Leben, von Umwandlung von Energie in Materie. Überall pumpen wir gespeichertes Sonnenlicht aus Millionen Jahren aus dem Boden. Diese Blumentöpfe sind aus Kunststoff. Sie sollten aus Ton sein. Aber kein Töpfer stellt sie heute mehr her.
Maschinen produzieren nach Maßgabe von Programmen solche Dinge, wenn sie eben nicht aus Plastik bestehen. Menschliche Hände haben keinen Ton mehr unter den Nägeln. Seit mehr als einem Jahrhundert besteht der hauptsächliche Trick der kapitalistischen Marktwirtschaft darin, Menschen etwas wegzunehmen und es ihnen dann zurückzuverkaufen. Wer dann dabei das günstigste, also finanziell billigste, Angebot vorlegt, gewinnt den Zuschlag.
Mit Hilfe von Maschinen haben wir uns eine nahezu endlose Kette aus Sklaven verschafft, die jeden römischen oder byzantinischen Latifundienbesitzer vor Neid hätten erblassen lassen. Das durchschnittliche Auto in den USA hat über zweihundert PS. In einem Land, in dem man von Glück sagen kann, wenn irgendwo ein Schild das Tempolimit auf 75 Meilen festsetzt, also etwa 120 km/h. Viel häufiger sind es 65 Meilen. Um mit 100 Stundenkilometern von einer Küste zur anderen zu fahren, braucht man keine zweihundert Pferde, sondern viel Geduld, Proviant und ein Zelt. Und Sprit natürlich.

Bild 1: Irgendwie dagegen sein und eben nicht in dieselbe Richtung laufen…
ist schon mal nicht schlecht. Es ändert nur nicht viel am allgemeinen Absturz. Und es ist keinesfalls ein politischer Akt, wie viele heutzutage glauben.
Das revolutionäre schwarze Schaf würde sich nicht entschuldigen, sondern die anderen in Diskussionen über die Richtung verwickeln. Dann bleiben sie nämlich stehen.

Weiterer Erde folgt weiteres Saatgut, diesmal keine Setzlinge. Alles Saatgut, das man in einem Gartenmarkt so kaufen kann, ist heute eine F1-Hybride. Auf jedem verdammten Tütchen mit Samen steht dieser Begriff. Das bedeutet, daß jede dieser Pflanzen speziell angezüchtete Eigenschaften hat. Tomaten sollen besonders saftig sein oder besonders süß. Melonen sind heute kernlos, ebenso Weintrauben.
Hybride sind sehr viel leistungsfähiger als die Vorgängergeneration. Ganz besonders gilt die Aufmerksamkeit heute natürlich dem Ertrag. Der ist höher. Bei Mais oder Weizen bis zu achtzig Prozent höher.
Früher – also noch vor sechzig Jahren – hätte ein Bauer einen Teil seiner Ernte aufbewahrt. Als Saatgut für das nächste Jahr. Die Entwicklung von Landwirtschaft erschuf die Stadt, denn plötzlich war es notwendig, an einem Ort zu verbleiben. Dort wo die Pflanzen wurzelten, begann auch der Mensch Wurzeln zu schlagen. Wo es Ernten gab, mußte neu gesät werden und das erforderte Vorratshaltung. Wo Menschen wohnten, entstanden mit der Landwirtschaft also quasi über Nacht auch Kornspeicher. Alle unsere Vorfahren waren Teil des Zyklus aus Wachsen und Vergehen. Es wird gesät und geerntet und ein Teil der Ernte verbleibt als Grundlage für den nächsten Zyklus.

Heute geht das nicht mehr. Würde ich diese Pflanzen bis zur Saatreife wachsen lassen und mir das Saatgut für das nächste Jahr selber züchten, ist die Wahrscheinlichkeit groß, daß es überhaupt nicht keimfähig ist. Sollte es keimen, werde ich mit Sicherheit sehr viel weniger ernten als im Vorjahr. Denn die F1-Hybriden werden auf ihre speziellen Eigenschaften gezüchtet – was aber automatisch bedeutet, daß diese nur eine Generation halten.
Bereits in der nächsten Ausaat, also F2, spalten sich die Eigenschaften bzw. die Gene dafür wieder auf. Ein Teil meines Mais wäre groß und kraftstrotzend, ein andere eher mittelmäßig, ein weiterer schwächlich. Die Regeln, die der katholische Ordenspriester namens Gregor Mendel im 19. Jahrhundert aufdeckte und welche die Grundlagen bilden für die heute „Genetik“ genannte Wissenschaft, sind an dieser Stelle einfach nachvollziehbar. Wer in Biologie am Gymnasium nicht völlig gepennt hat, kennt die Geschichte.
Statt also die besonders großen und kräftigen Pflanzen als Spender für das nächste Jahr zu nutzen, erschaffen wir heute genetisch uniforme Nachkommen, die hohen Ertrag erzeugen, die wir aber nicht erneut aussäen können. Es ist billiger, neues Saatgut zu kaufen. Betriebswirtschaftlich ergibt das Sinn.
Während meine Hände die Erde festdrücken und Wasser über die Saat gießen, scheint mir der betriebswirtschaftliche Sinn nicht besonders zukunftsträchtig zu sein.

Während wir alles nach finanziellen Werten bemessen, geht die Welt ihren Gang. Physik interessiert sich nicht für Börsenkurse.

Hätte Containertauchen Hitler aufgehalten?
Containertauchen, füge ich erläuternd hinzu, ist ein stellenweise recht weit verbreitetes Verhalten von Hipster-Studententypen in den entsprechenden Städten. Supermärkte werfen Dinge weg. Nicht, weil diese bereits verdorben sind oder etwas in der Art, sondern da sie dazu gesetzlich angehalten sind. Gerade Gemüse und Obst sind hiervon betroffen. Einmal aufgebaut und in Kundenhände geraten, darf das Zeug nicht zurück ins Kühlhaus. Es wird entsorgt.
Das betrifft sehr viele Dinge und dann ist da ja auch das Mindesthaltbarkeitsdatum. Die Interpretation des Gesetzgebers ist aber nicht „Mindestens haltbar bis…“ sondern ein „Absolut tödlich ab…“
Abgelaufene Ware ist im Supermarktregal ein völliges No go, wie man so sagt. Ich persönlich habe schon Joghurt sieben Monate nach Ablauf des MHD aus meinem Kühlschrank entnommen und verzehrt. Passiert ist nichts. Denn der war vorher geschlossen und gekühlt. Durchgehend. Was soll da also groß passieren?
Um im Joghurt richtig Ramba-Zamba zu machen, bräuchten irgendwelche Bakterienkulturen Sauerstoff und Wärme als Energielieferanten. Haben sie aber nicht gekriegt.
Doch der normale Verbraucher reagiert dank jahrelanger Berieselung mit Propaganda anders, nämlich mit der Panik einer Gazellenherde bei brennender Steppe, wenn die gekaufte Wurst im Plastikmantel auch nur in die Nähe des aufgedruckten Datums rücken könnte.

Aber wir wissen ja, daß eine Menge Nahrungsmittel bei uns – also im industrialisierten Westen – weggeworfen werden. Um also das böse Monster Kapitalismus zu schlagen, tauchten Studenten vor einigen Jahren vermehrt in Container ab. Müllcontainer. Triumphierend wurden völlig verpackte Lebensmittel ans Tageslicht gefördert, von der Hühnerbrust bis zur Wassermelone, um wenig später in der von Energiesparlampen erleuchteten Wohnung zubereitet zu werden. Üblicherweise auch ohne gesundheitliche Folgen, soweit ich weiß.
Nur – inwiefern sorgt dieses Verhalten für eine bessere Verteilung der Nahrungsmittel?
Wie sorgt es dafür, daß nicht ein Drittel europäischer Ernteerträge auf den Feldern verbleiben, da sie irgendeiner Gurken-, Kartoffel-, Möhren- oder wasweißich-Norm nicht entsprechen?
Sehr oft normiert hier übrigens der Verbraucher, denn der möchte gerade Möhren und gerade Schlangengurken. Soweit das bei dieser Gattung möglich ist, versteht sich. Aber warum? Meinen Salaten ist es völlig egal, welche Form die Gurkenscheiben vorher hatten. Wenn mein Messer damit fertig ist, sind es Gurkenscheiben.

Oder Energiesparlampen? Erinnert sich jemand an die?
Diese miesen Funzeln, die ewig gebraucht haben, um dann nicht einmal die von der Industrie angepriesenen Lichtstärken zu erreichen? Diese Lampen, deren Licht so warm und romantisch ist wie ein Schlag mit dem Ziegelstein in die Fresse? Diese Lampen, die sackteuer sind und waren und die nicht viel länger hielten als altmodische Glühbirnen?
Wobei ich gerne den Umstand erwähne, daß die Industrie in den 30er Jahren absichtlich dafür gesorgt hat, daß Glühbirnen nach einer Zeit von maximal 1.000 Betriebsstunden den Löffel abgeben. Das mußte man machen, damit man weiter Glühbirnen verkaufen konnte, die waren nämlich zu haltbar.
Dieses Prinzip, mit immer mieseren Produkten den Konsum aufrechtzuerhalten, kennt man heute unter dem Ausdruck „geplante Obszolesenz“. Marketingexperten nennen das „Innovation“ oder „Reaktion auf Kundenanforderungen“. Natürlich streiten die Hersteller von Tintenstrahldruckern und andere die Existenz dieses Prinzips vehement ab.
Doch zurück zu den lausigen Lampen, die nicht nur mies leuchteten und kein Geld sparten, sondern zum Ausgleich auch noch Quecksilber enthielten.
Inwiefern sollte die Benutzung dieser Dinger dazu beitragen, den bösen Klimawandel aufzuhalten?
Da gab es mal diesen schönen Film von Al Gore, dem Beinahe-Präsidenten der USA. „An inconvenient truth“. Auch da wurden solche Dinge erzählt: „Achtet auf den Druck eurer Autoreifen. Nehmt Energiesparlampen. Fahrt nicht so viele Meilen.“

Alle diese Dinge haben etwas gemeinsam. Sie machen den Kampf gegen Klimawandel und Umweltzerstörung zu einer persönlichen Sache. „Der Verbraucher hat die Macht“ heißt es ja immer. „Stimmen sie mit den Füßen ab“ ist ein anderes Schlagwort.
Alle diese sogenannten Lösungen haben mit der Wahl des persönlichen Konsums zu tun und bürden dem Verbraucher die Last auf, den ganzen Berg an unglaublicher Scheiße aufzuräumen, den die Industrie hinterlassen hat in den sieben Jahrzehnten seit Ende des letzten Weltkriegs.
Nirgendwo ist davon die Rede, den transnationalen Großkonzernen eventuell etwas von ihrer Macht zu entziehen. Niemand spricht davon, die vom Dogma des Ewigen Wachstums angetriebene, hirnkranke Idiotie namens „Kapitalismus“ oder „Konsum“ selber auf die Anklagebank zu setzen, auf die sie gehört. Noch weniger wird sie hinterher aufs Schafott geführt, um sie ein ganzes Stück kürzer zu machen, diese Idiotie.

In Deutschland war es immer das Wasser. „Spart Wasser!“, hieß es in Werbekampagnen. Woanders gibt es Leute, die davon nicht genug haben.
Menschen sterben durch Wassermangel. Durch die Nichtverfügbarkeit von sauberem Trinkwasser. Flüsse trocknen vor Erreichen des Meeres aus, weil ihr gesamter Inhalt vorher weggeschlürft wird.
All das ist völlig korrekt und sehr wohl Grund zur Sorge. Aber inwiefern verhindert es die Dürre in der Sahel-Zone oder sonstwo auf dem Planeten, wenn ich statt 17,3 Minuten nur 7,3 Minuten dusche?
Ja, ich bin ein Langduscher. Ich finde ordentliches Duschen geil. Weil ich dusche, gibt es Dürre in Kalifornien? Deswegen trocknen ganze Grundwasserleiter aus in den USA, die mehrere Jahrtausende gebraucht haben, um ihre Vorräte anzusammeln?
Eher nein. Aber zu wenig Wasser in den Kanälen ist der Grund, warum die örtlichen Wasserwerke dann noch einmal mit ein paar Hektolitern nachspülen müssen, damit die Infrastruktur nicht zusammenbricht.
So geht das Narrativ jetzt seit Jahren. Unermüdlich trommeln alle Grünen und Grüninnen in unterschiedlichster Schattierung für solche Dinge. Die Hippies von dereinst haben sich zu riesigen Kollektiven zusammengeschlossen und predigen dem Individuum, es möge doch bitte nicht so auf der Welt herumtrampeln, während sie zu Klimakonferenzen fliegen.

Bild 2: So sehen heute Revoluzzer aus…
die sich von Umweltorganisationen instrumentalisieren lassen.
Auf keinem dieser Plakate steht, daß Autos allgemein eine Scheiß-Erfindung sind. Was die Wahrheit ist. Es geht gar nicht um die Rettung der Erde. Es geht um die Rettung des eigenen, verlogenen Lebensstils. QUELLE

Das ist alles Blödsinn. Mehr als 90% des Wasserverbrauchs der Menschheit geht an die Landwirtschaft und die Industrie. Ich kann niemals so lange duschen wie eine Papiermühle oder ein Aluminiumhersteller Wasser verballern. Oder ein Betrieb mit Milchkühen in der israelischen Wüste. Von einem Monat Industrietätigkeit könnte ich mir hier einen Privatsee zulegen. Ich weiß auch nicht, wie viel Wasser für diese Kartoffeln aus Ägypten draufgeht, die im Frühjahr mal in meinem Supermarkt lagen. Aber es war sicherlich nicht wenig.
Ein Großteil der Brokkoli-Hybriden und Tomaten kommt übrigens aus dem Südosten Spaniens. Das ist der Teil der iberischen Halbinsel, der nicht gerade für sein aquatisch großzügiges Klima bekannt ist. Die Golfkurse in den USA brauchen soviel Wasser wie alle Stadtbewohner verbrauchen. Aber es spielt nicht jeder Golf.
Kein Uli Hoeneß kann so viel Steuern hinterziehen wie ein einziger Autokonzern das in einem Jahr hinkriegt.

Seit 20 Jahren und mehr redet uns eine industrielle, mediale und finanzielle Elite mit tatkräftiger Unterstützung der Politik ein, wir als Individuen seien schuld an der Misere, die sich vor Kassandras geistigem Auge entfaltet in der Bambushütte am Rande der Gesellschaft.
Aber Fische sterben nicht, Menschen sterben nicht, weil der Welt das Wasser ausgeht. Sie sterben, weil das Wasser gestohlen wird.

Derselbe Sachverhalt trifft auf Energie zu. Individueller Verbrauch – Auto fahren, Wohnungen und alles andere – macht normalerweise etwa ein Viertel des Gesamtenergieverbrauchs aus in einem entwickelten Industrieland. Aber wer spart Energie?
Der mündige Verbraucher. Und am Ende kann man nicht mal mehr beim Kacken ordentlich lesen, weil die Energiesparfunzel bis zum Ende des Aktes nicht hell genug wird. Dafür ist die Lampe wieder Sondermüll, das Quecksilber, siewissenschon. Super. Meine alten Glühbirnen landeten im Glascontainer.
Die Wahrheit ist: Die große Mehrheit des Energieverbrauchs geht drauf für kommerzielle Zwecke. Für Industrie, Konzerne, unsere Landwirtschaft und die Regierung. Ja, die Regierung. Denn die unterhält normalerweise eine Armee. Wieviel Sprit verballert die amerikanische Navy und Air Force jeden Tag?
Würden alle Amerikaner den Empfehlungen von Präsident Obama und Al Gore folgen, könnten die USA 25 Prozent weniger Energie verbrauchen. Um aber den Klimawandel, die Klimazerstörung, wie ich es nenne, nicht komplett zur Vollkatastrophe entarten zu lassen, müßten wir das Energieniveau um 75 Prozent senken. In Europa sieht es nicht viel anders aus oder gar besser.
Zwar verbrauche ich statistisch als Deutscher nur halb so viel von allem wie ein Amerikaner und bekomme dafür den höheren Lebensstandard – aber das reicht nicht.

Natürlich achte ich auf dieses Zeug. Ich fliege nicht. Ich besitze kein Auto. Mein Smartphone ist ein Tastenhandy von Anno Tukmich. Ich habe meinen Fleischkonsum um etwa die Hälfte runtergefahren. Was übrigens nicht wirklich schwierig war, wir hauen uns viel zu viel davon rein.
Aber ich weiß auch, daß nichts davon, keine dieser persönlichen Entscheidungen, unseren industriellen Lebensstil retten wird. Nicht eine Sekunde. Das ist auch überhaupt nicht meine Absicht. Simpler leben ist eine gute Sache, mit absoluter Sicherheit. Aber es ist keinesfalls ein irgendwie zutiefst politischer Akt. Oder eine Revolution. Ich tue das, um den Schmerz der kognitiven Dissonanz in meinem Leben etwas geringer zu halten.
Das ist eine Reaktionsmöglichkeit. Die meisten anderen Menschen sagen „Kann man nix machen“ und ballern weiter links über die Autobahn, reagieren also mit völliger Ignoranz. Darauf angesprochen, werden sie vermutlich ähnliche Argumente benutzen wie ich gerade. Aber mit der Intention, weiterzumachen wie bisher, was vor allem bedeutet, den Planeten weiter mit Müll zuwerfen zu können, in festem, flüssigem oder gasförmigen Aggregatzustand. Um sich dann anschließend vehement darüber zu beschweren, daß man ja nichts mehr essen könne, der Strom so teuer sei und auf der Autobahn immer Stau herrsche. Daran sind bestimmt diese Ausländer schuld.
Klar ist der Strom teuer. Diejenigen, die am meisten davon verbrauchen, zahlen ja keine EEG-Umlage. Man könnte als Privatmensch eine Menge Geld sparen, wenn man sich eine Aluminiumhütte in den Garten stellen würde. Aber das gibt dann wieder Ärger mit den Nachbarn, wegen der Mittagsruhe.

Warum also sollte ich nur eine Sekunde glauben, daß eine Veränderung meines persönlichen Verhaltens die Welt verändert? Das ist Blödsinn. Aber es ist das, was alle Umweltorganisationen uns seit Jahren erzählen. „Verändere dich und die Welt wird sich ebenfalls verändern“.
Bullshit. Solange Menschen tatsächlich glauben, daß sie das nächste iPhone auch noch brauchen – diesmal dann wieder mit Kopfhörerbuchse und von amerikanischer Kohle angetrieben – ändert sich am Kurs unserer Zivilisation genau gar nichts. Es ist schon Unsinn, überhaupt zu glauben, man „brauche“ ein Smartphone.
Konsumismus kann sich noch so grün anmalen, Start-Ups sich als ethisch motiviert betrachten und die Ausbeuter von morgen sich heute als „soziales Unternehmertum“  bezeichnen – mit weiterem Konsum retten wir überhaupt nichts außer die Bilanzen der reichsten Menschen auf dem Planeten.
Aber das wollen wir nicht hören. Für angeblich fair produzierte T-Shirts aus Monsanto-Baumwolle berappen manche Menschen sechzig Euro. Dabei kommt das Ding aus derselben Fabrik, die den Billig-Textilschleuderer nebenan beliefert. Der verkauft die Dinger im Dreierpack für siebenneunundneunzig. Überhaupt verbraucht Baumwolle derartig viel Wasser, daß sie ökologisch korrekt nur dort wächst, wo so der natürliche Verbreitungsraum dieser Pflanze ist.

Die Weichen sind gestellt, der Zug rollt weiter. Selbst eine Vollbremsung bedeutet nicht sofortigen Stillstand. Persönlicher Wandel bedeutet nicht automatisch sozialen Wandel. Diese Taktik haben Industrie und Politik gewählt, um uns Menschen – oder besser, uns Konsumenten – einzureden, wir wären an der Lage schuld und wir hätten ja die Wahl. Haben wir nicht. Die einzige Wahl, die uns vorgesetzt wird, ist die zwischen Konsum oder anderem Konsum.
Eine technologisierte Industriegesellschaft im Endstadium des Kapitalismus wie die unsere will Dinge produzieren, die eine möglichst hohe Profitspanne versprechen. Und am Ende liegen Pomelo-Früchte im Supermarkt und sind einzeln in eine Plastikfolie eingeschweißt, weil irgendwelche offiziellen EU-Öko-Richtlinien das so vorschreiben. Und am nächsten Tag erklärt mir ein Ökonom, ich hätte das als Verbaucher ja so gewollt. Dabei habe ich noch niemals Pomelos gegessen und will es auch nicht. Schon gar nicht, wenn andere Idioten die in Plastik einschweißen, damit sie weiter eben dieses Erzeugnis verkaufen können. Früchte haben oft Schalen und die haben sie aus einem Grund.
Neulich packte eine ältere Dame neben mir Kohlrabi im Supermarkt in eine der typischen dünnen Plastiktüten. Dann sprach ich sie freundlich an und fragte, wozu eine Kohlrabi denn eine Verpackung bräuchte. Die Dame stutzte kurz, blickte etwas verblüfft auf ihren Einkauf und sagte dann: „Stimmt. Sie haben recht.“

Wie kann es also sein, daß wir uns fast alle mit diesen absolut unzureichenden Antworten abspeisen lassen? Mit Energiesparlampen und Nachhaltigkeitsinitiativen von Umweltschützern, die längst selbst vom Kapitalismus gefressen worden sind und unternehmerische Interessen zu wahren haben?
Vom Gerede der Ökonomen über die Macht des Konsumenten und anderen Mist, der genauso realitätsfremd ist wie ein Großteil der anderen Modelle, auf denen unsere sogenannte Wirtschaft beruht? Warum verpacken wir Kohlrabi in Plastiktüten, obwohl wir in einem Alter sind, in dem eine derartige Verhaltensweise uns als peinlich und lächerlich auffallen sollte?

Ich hatte mal irgendwo etwas über double bind geschrieben.
Diese Situation, in der einer Person mehrere Optionen zur Auswahl gegeben werden. Es ist aber völlig egal, welche Option sie wählt, sie verliert immer. Und Rückzug ist nicht Teil der Auswahl. Exakt in diesem Zustand befindet sich unsere Industriegesellschaft.
Jede Operation auf der industrieller Skala ist letztendlich zerstörerisch. Hören wir auf, uns da in die Tasche zu lügen. Daran ändern auch Solarzellen und Windkraftanlagen nicht das geringste. Ich wollte, es wäre anders. Aber das ist nicht der Fall. Die Technologie kann noch so „grün“ sein – der Bergbau dahinter ist es sicherlich nicht.

Was wir in welcher Art und Weise konsumieren, ist unerheblich. Die industrielle Skala führt letztlich zur Verwüstung. Gefangen im Double Bind haben wir nur die Wahl zwischen dunkler und schwarzer Seite der Macht.

Option A wäre also, fleißig an der aktuellen Zivilisation teilzuhaben. Nach uns die Sintflut und immer fest aufs Gas treten, damit man sein eigenes Bankkonto möglichst hoch aufstockt. Denn daran bemessen wir gesellschaftlichen Erfolg. Das der Typ mit dem Porsche Cayenne und den fünf Rolex-Uhren vielleicht kein toller Hecht ist, sondern die Grundzüge eines psychopathischen Arschlochs aufweist, ist uns egal. Materieller Wohlstand ist Erfolg.
Wir denken, daß wir gewinnen, aber verlieren trotzdem, denn dieses Verhalten erfordert, jeglichen empathischen Zug völlig zu negieren. Sofern er vorhanden ist, versteht sich. Außerdem geht dabei halt der Planet drauf. Das heißt also, am Ende verlieren alle.
Wählen wir die Alternative, die gar keine ist, und entscheiden uns für ein bescheideneres Leben, scheinen wir kurzfristig auch zu gewinnen. Wir fühlen uns besser. So wie ich. Die kognitive Dissonanz ertönt nicht mehr so schrill. Aber damit verlangsamen wir die Verwüstung der Ökosphäre nur unmaßgeblich. Am Ende verlieren immer noch alle.
Möglichkeit Drei ist es, aktiv daran zu arbeiten, die industrielle Gesellschaft zu stoppen. Diese Möglichkeit beinhaltet beängstigende Implikationen. Unter anderem, daß einem irgendwer einen Auftragskiller vorbeischickt, weil man die Möglichkeit gewisser Menschen, die Welt weiter auszubeuten, mit diesem geistigen Ansatz in Frage stellt. Weil man die Frage stellt, mit welcher Berechtigung das eigentlich geschieht.
Außerdem ist darin enthalten, daß wir Menschen in der Zukunft, die auf uns zukommt, auf eine Menge Dinge werden verzichten müssen, an die wir uns gewöhnt haben. Elektrizität beispielsweise. Aber nichts davon ändert die Tatsache, daß es auf alle Fälle eine bessere Option ist als ein toter Planet. Jede Option ist besser als ein toter Planet.

Es gefällt mir nicht annähernd. Aber das wahre Morgen wird eine Welt ohne Strom sein. Ohne Antibiotika. Ohne Plastikfolien und Pomelofrucht und ohne Supermärkte. Es ging mir niemals darum, die Welt zu retten. Die Welt muß nicht gerettet werden. Wenn damit der Planet gemeint ist, dann paßt Gaia selbst auf sich auf. Wenn damit unsere industrielle High-Tech-Zivilisation gemeint ist, so weiß ich genau, daß diese Welt überhaupt nicht zu retten ist.
Es geht mir darum, Menschen zu verändern. In ihrem Kopf. Man bringe Menschen dazu, die richtigen Fragen zu stellen. Und dazu, nach Möglichkeit auch selbst die korrekten Antworten zu finden. Erkenntnis kann nur von innen heraus erfolgen. Ich bin nur der Typ, der mal ein Schild aufstellt.

Der Wind weht über das Feld, der dichte grüne Teppich des frisch emporgewucherten Grases bewegt sich in Wellen. Gaia braucht uns nicht. Wir sind vom Planeten abhängig, niemals andersrum.  Ich richte meinen Blick wieder auf die Pflanztöpfe vor mir. Ich lächle. Meine Hände greifen in mehr Erde. Das Gras neigt sich immer im Wind.

20 Gedanken zu „Containertauchen gegen Hitler

  1. Der Fehler an diesem Arteikel ist, daß dieser – trotz einer, allerdings mangelhaften Kapitalismus-Kritik – letztlich die „industrielle High-Tech-Zivilisation“ für die zunehmende Misere verantwortlich macht.

    Was wäre eigentlich gegen einen wissenschaftlich-technischen Fortschritt einzuwenden, wenn dieser zum Wohle der Menschen stattfinden würde?
    (Was natürlich auch die natürlichen Lebensgrundlagen in der Herstellung der Güter bzw. Dienstleistungen berücksichtigen würde.)
    Anstatt wie heutzutage für die Profitmacherei.

    Einmal abgesehen davon, daß „kassandra“ selbst bemerken könnte, daß es mit dieser „Zivilisation“ (was immerhin das Wort „zivil“ beinhaltet) nicht weit her ist.
    Für was bräuchte es sonst riesige Militärapparate bis hin zu Atomwaffen, welche die Welt gleich mehrfach zerstören können?

    Mit Grüßen
    Flash

    • Ich frage mich ernsthaft, ob Sie mehr als die letzten paar Artikel hier gelesen haben. Ich denke mal, nein.

      1. Ist es nicht Zweck dieses Artikels, eine wie auch immer vollständige Kapitalismus-Kritik abzuliefern. So klein kann ich nicht schreiben.
      2. Natürlich ist unsere industrielle High-Tech-Zivilisation für die aktuelle Misere verantwortlich. Von der die Wirtschaftsform nur ein Teil ist, um von vornherein jede Antwort auszuschließen, die wieder auf „Aber der Kapitalismus…!“ hinausläuft.

      Ich hatte auch bereits etwas über das Wort „Zivilisation“ geschrieben. Hier und da. Das keineswegs etwas mit „zivil“ zu tun hat im Sinne von „nicht militärisch“. Das ist schlicht falsch.

      Was den „wissenschaftlich-technischen Fortschritt zum Wohle der Menschheit“ angeht, habe ich auch dazu etwas geschrieben. Sie haben sogar darunter kommentiert.
      Offiziell erfolgt diese Entwicklung, die wir „Fortschritt“ nennen, immer zum Wohle der Menschheit. Das ist das Narrativ. Aber es ist unsere Entscheidung, was wir daraus machen. Ab da wird es ideologisch oder politisch.

      Selbst wenn wir uns über reine Zen-Meditation ins Nirvana beamen und alle Meister Yoda werden – das ändert nichts daran, daß fortschreitende Technologie auch immer negative Folgen hat. Unausweichlich. Abgesehen von der Tatsache, daß jeglicher „Fortschritt“ auch wieder Energie benötigt.

      Ich bedaure, aber ihr Verständnis der Gesamtproblematik ist ungenügend.

  2. ich hatte hier mal meine Definition von Fortschritt hinterlassen, wo ich diesen als Befreiung des Menschen beschrieb. Befreiung von Dummheit, Despoten, Krankheiten, schwerer Arbeit, Prohibition, verklemmter Sexualmoral usw.
    Da geht einiges ohne Energie.
    Das aktuelle Energieproblem betrifft ja in erster Linie den Verkehr und viele Baumaschinen – es ist eben das Öl. Heute schon das Ende vom elektrischen Strom zu beweinen halte ich für zu früh. Der bleibt uns noch einige Zeit erhalten. Früher haben sie den Acker mit schweren Dampfmaschinen gepflügt – ohne dabei den Boden zu verdichten.
    http://www.dampfpflug.de/Landwirtschaft/Bodenbearbeitung/
    So etwas können wir heute elektrisch erledigen, gespeist von Windrädern.
    Wir brauchen nicht wirklich einen Trecker. Eine neue, eigentlich alte Technik und zwei Mann mehr Personal tun es auch. Zwei Mann mehr, natürlich, wo Energie verloren geht muss sie irgendwie ersetzt werden. Manpower, am Ende ist es eben das. Aber am Ende sind wir noch nicht.
    Hier zwei Artikel aus der Zeit, die Du möglicherweise kennst:
    http://www.zeit.de/zeit-geschichte/2016/01/naturschutz-nachhaltigkeit-oekologie-protest-demonstrationen-protestkultur/seite-2
    http://www.zeit.de/wissen/umwelt/2017-05/voegel-bestand-landwirtschaft-gifte-kiebitz-braunkehlchen-uferschnepfe-feldlerche
    Interessanter als der Artikel selbst sind wie gewohnt die Leserkommentare.

    Unter einem anderen Kommentar von mir fragtest Du, welches Bild sich ergibt. Damit hatte ich mich beschäftigt. Zum einen fragte ich mich welches Stationen und Phasen der Abstieg vom Olymp nehmen wird, zum anderen aber auch wie wir in der jeweiligen Zeit leben/arbeiten werden. Kann man endlos drüber spinnen, aber mir kam ein interessanter Gedanke.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Shanty
    Push and Pull. Das ist es. Hier in Berlin werden wir uns treffen. Ein paar dutzend Männer. Wir spannen dicke Hanfseile um die letzten hartnäckigen Stahlbetonreste eines Gebäudes, das mal ein Kanzleramt war, und dann pull pull pull. Dann schieben wir die Trümmer an die Seite, denn darunter liegt das beste Ackerland im Raum Berlin; push push push.
    Das war mal eine zwangsläufige Entwicklung. Die Menschen haben sich dort nieder gelassen wo es guten Boden gab. Dann wurden die Gemeinden immer größer, und verdrängten die Äcker immer weiter, bis diese dort waren wo sie noch heute sind. Auf Böden zweiter Wahl. Das ist praktisch überall auf der Welt geschehen. Ich sehe voraus, das sich diese Entwicklung umkehren wird, wenn die Felderträge den Bach runter gehen.
    Also weg mit den alten Ruinen an der Spree, und den Grund wieder zum Acker machen, der er einst war.
    Ganz ehrlich, die Vorstellung gemeinsam an einem Strick zu zerren und Shantys zu brüllen erschreckt mich gar nicht. Ich glaube sogar das mir das Spaß machen würde, wenn ich nicht gerade genauso degeneriert wäre wie Generation IPhone.
    Aber im Gegensatz zu den jungen Leuten betrifft mich das Problem nicht so – bin zu alt dafür.
    https://www.youtube.com/watch?v=-CuyLbC2TZo

    • Heute schon das Ende vom elektrischen Strom zu beweinen halte ich für zu früh. Der bleibt uns noch einige Zeit erhalten.

      Das ist völlig richtig. Aber „einige Zeit“ können zehn Jahre sein oder vierzig. Oder zehn Minuten, wenn der nächste Hackerangriff woanders einschlägt 😉

      Ich sehe voraus, das sich diese Entwicklung umkehren wird, wenn die Felderträge den Bach runter gehen.

      Eine durchaus nicht unlogische Annahme. Aber das würde ja bedeuten, daß Geschichte sich wiederholt. Das ist jetzt aber unglaubwürdig 😀

      Aber im Gegensatz zu den jungen Leuten betrifft mich das Problem nicht so – bin zu alt dafür.

      Hah! Das glauben sie alle. Und dann sterben sie an einer antibiotikaresistenten Zahnwurzelentzündung oder so 😀

    • „Eine durchaus nicht unlogische Annahme. Aber das würde ja bedeuten, daß Geschichte sich wiederholt. Das ist jetzt aber unglaubwürdig“

      Wir erinnern uns; ich schrieb mal die Geschichte würde rückwärts laufen, von Wiederholung schrieb ich nie. Natürlich nicht. Wir beide wissen ganz genau das kommende wird für unsere industriellen Massengesellschaften absolutes Neuland sein. Mit Rückwärts meine ich, dass eben alle Errungenschaften wieder verlorengehen peu a peu so wie sie mal erkämpft wurden, und das wir irgendwann mal einen Punkt erreichen, wo wir vor 500 Jahren mal gestartet sind. Alles Vergangene wird wiederkommen; Nationalisten, Religionen, Krankheiten, Pferdekutschen, etc. Und eben auch der ein oder andere versiegelte Acker.
      Ich hatte die beiden Links aus der Zeit beigefügt, nicht weil sie zwingend zum Thema jetzt passen (das mit den Vögeln schon) sondern weil in den Leserkommentaren immer wieder das Glaubensbekenntnis zum technischen Fortschritt auftaucht. Ein Leser brachte es mit der Formulierung auf den Punkt; er wolle keine Welt wie eine Hängematte, sondern eine wie ein Sprungbrett.
      Was wird in diesen Leuten vorgehen, wenn sie registrieren dass da gar kein Wasser im Pool ist? Und später? Verkraftet eine Gesellschaft unser mediales Erbe? Ich meine all die dämlichen Filme aus Hollywood. Schon jetzt vermag ein James Bond Film unstillbare Sehnsucht zu wecken.

      • Kannst du jetzt mal aufhören, hier immer vorzugreifen? Das ist ja geschäftsschädigend 😀
        Wobei – ich kriege dafür ja gar nichts.

        Geschichte wiederholt sich. Wir sind schließlich nicht der erste Haufen Arroganzlinge, deren Imperium dann doch zerbröselt 😉

        Was wird in diesen Leuten vorgehen, wenn sie registrieren dass da gar kein Wasser im Pool ist?

        Einige werden weiterhin darauf beharren, daß Wasser im Pool sein muß, weil die eigene Wunschvorstellung das so erfordert. Die Modelle sagen, da ist Wasser, sonst funktionieren sie nicht. Also ist da Wasser.

    • Der Kommentar wartet auf Freischaltung, weil er recht viele direkte Links enthält 😉
      Die Spamfilter-Weichware ist standardmäßig so eingestellt.
      Ich empfehle bei vielen Links die Benutzung des guten, alten HTML-Tags „a href“. Denn das bemängelt der Spamfilter nicht.

  3. Aha, da kommt also noch was über die kulturelle Entwicklung. Muß auch – das gehört unbedingt dazu. Ich will mich nicht vor drängeln, und ich denke Du solltest das auch nicht so sehen. Tatsächlich bestätigen wir einander die selbe Theorie, und das werte ich als Indiz für ihre Richtigkeit.
    Aber bitte, ich verzichte auf den hoffnungsvollen Ausblick auf die Kunst der Zukunft, die sich Dank erstarkendem Handwerk und um sich greifender Langeweile zu neuen Höhenflügen ansetzen wird. Immerhin sind das die Zutaten die einen Rafael, Michelangelo und da Vinci möglich machten.

    • Aber selbstverfreilich kommt da noch was über kulturelle Entwicklung. Kassandra sieht immerhin in die Zukunft 😉
      Allerdings wollte ich mich eigentlich mit der Kunst der Gegenwart auseinandersetzen. Denn normalerweise ist Kunst ihrer Zeit immer voraus am Ende von Imperien. Und da sind wir ja jetzt.
      Die Zweite Renaissance(c) kommt auf jeden Fall.

    • Tatsächlich bestätigen wir einander die selbe Theorie, und das werte ich als Indiz für ihre Richtigkeit.

      Das ist der Witz. Vor zwei Jahrzehnten haben noch alle gelacht, wenn ich meinen Irrsinn verbreitet habe. Heute kommen dieselben Leute und sagen „Ey, du hattest recht.“
      Oder ich unterhalte mich mit irgendwem und finde meine Haltung bestätigt. Wie ich schon sagte: Die Menschen merken schon, daß irgendwas nicht richtig läuft. Sie wollen es nur oft nicht wahrhaben. Denn das hieße eben, den Mythos in Frage zu stellen. Jeden Mythos 😉

  4. interesanterweise mal wieder ein gedankengang, der mich auch immer wieder mehr oder weniger beschäftigt, weniger immer dann, wenn zuviel anderes zu tun st (gedanklich oder eben körperlich): der Gedanke mit der Schuld, der uns von allen Seiten eingeimpft wird.
    Macht des Verbrauchers? Ich habe mich kürzlich im Rahmen meiner Arbeit mit einem Milchbauern unterhalten, über die Milchpreise. Seiner Aussage nach bräuchten sie 40 Cent/l um kostendeckend zu arbeiten. Sie bekommen derzeit 34 Cent/l. Als die Milchpreise vor 2 Jahren den absoluten Sturzflug antraten, gab es 20 Cent/l. Lausige 6 Cent mehr pro Liter. Aber selbst, wenn cih als Verbraucher diese 6 Cent mehr bezahle, kommen die nicht dort an, wo sie hingehlören. Hab ihn dann gefragt, was man denn als Verbraucher tun könnte. Da lachte er nur etwas verzweifelt und sagte: gar nichts. Die Molkereien machen die Preise… diese Milch steht nun symbolisch für alles andere. Bin gerne bereit, im Rahmen meiner finanziellen Möglichkeiten mehr zu zahlen aber nur dann, wenn das Mehr eben da ankommt, wo es hingehört. kommt es aber nicht.
    Anderer Gedanke, der ich sogar regelrecht ärgert (falls ich das folgende schon einmal schrieb, sorry, mein Gedächnis war auch schon einmal besser): warum zum Teufel müssen Krankenhäuser Gewinn erwirtschaften? Und warum zum Teufel sorge ich mit meiner Krankenversicherung eben dafür? sooo war das nicht geplant, Leute. Und wem trete ich auf die Füße (oder anderes), damit da wenigstens mal jemand innehält und nachdenkt und das ändert?… Privatisierung im Gesundheitsbereich mit dem Ziele der Gewinnerzielung? Hallo? Geht’s noch? Aber Du hast es ja schon formuliert – damned if you do, damned if you don’t…

    • Freut mich, wenn ich den Gedankengang treffe 🙂

      in gerne bereit, im Rahmen meiner finanziellen Möglichkeiten mehr zu zahlen aber nur dann, wenn das Mehr eben da ankommt, wo es hingehört. kommt es aber nicht.

      Und als wäre das nicht ärgerlich genug, ist es auch noch die falsche Richtung. Jedenfalls meiner Meinung nach. Wir brauchen weniger Milchbauern. Angebotsverknappung sollte ja zu steigenden Preisen führen, sagt unsere Wirtschaftstheorie. Geht aber nicht, da ja alles auf Bundes- und EU-Ebene inzwischen hoch subventioniert ist. Als es mehr Geld gab – was ist passiert? Genau. Man hat weiter Überschüsse produziert. Doof für die Bauern, gut für die Molkereien. Übrigens ist damals auch Käse, Butter, Joghurt etc. teurer geworden. Und geblieben. Macht des Verbrauchers 😀

      warum zum Teufel müssen Krankenhäuser Gewinn erwirtschaften?

      Weil…ähmmm..ja…ähmmm..ach ja: Freier Markt und so! So war das.
      Das man Menschen mit Krankheiten in einer vernünftigen Gesellschaft nicht in Kostenstellen verwandeln sollte, die Gewinn abwerfen müssen, ist ja egal. Ich habe mal Medizin studiert und dachte, da soll man dann Menschen heilen. Ich war jung und naiv.

      Damned if we do…

  5. Man merkt; ihr seid keine Niedersachsen. Als solche hättet ihr nämlich keine Fragen mehr zum Gesundheitssystem. In Niedersachsen gab es in den 90ern eine Behörde, die mal überprüft hat, ob zwischen Ärzten, Apothekern, Optikern, Zahnärzten, Kassen, Vereinigungen und Industrie alles mit rechten Dingen abläuft. Die Folge waren Gesundheitsskandale in Serie.
    Der Leiter der Behörde hat gesagt: „Es ist egal wo wir was prüfen – wir finden immer etwas, und es geht immer um Millionen.“
    Die Polizei hat gesagt: „Wir sehen ein erhebliches Maß an krimineller Energie und mafiöse Strukturen.“
    Die Politik hat den Spuk beendet, die Behörde aufgelöst, und in anderen Bundesländern gar nicht erst geprüft. Die haben den Ärzten einen Kaperbrief ausgestellt. Und der ist immer noch gültig.

    • Die haben den Ärzten einen Kaperbrief ausgestellt.

      Wieso nur den Ärzten?
      Die Aufgabe der Politik ist es doch, immer neue Kaperbriefe auszustellen, dachte ich?

      Und natürlich bin ich kein Niedersachse. Ich bin selbstverständlich Westfale. Aber nicht jeder kann perfekt sein 😀

  6. ich wurde zwar in Niedersachsen geboren, aber just in den 90ern nach einem Herumzug durch diverse Bundesländer in Berlin beheimatet gewesen – muss ich also knapp verpasst haben ^^
    aber ich liebe deine Antworten auf meine mehr oder weniger rhetorischen Fragen 😉

    • “ ich liebe deine Antworten auf meine mehr oder weniger rhetorischen Fragen 😉“
      Also lieber keine Antworten? Übrigens; die Skandale gingen einst durch alle Medien.

  7. „Es geht mir darum, Menschen zu verändern. In ihrem Kopf. Man bringe Menschen dazu, die richtigen Fragen zu stellen. Und dazu, nach Möglichkeit auch selbst die korrekten Antworten zu finden. Erkenntnis kann nur von innen heraus erfolgen. Ich bin nur der Typ, der mal ein Schild aufstellt.“

    Und genau das schaffst du, bei mir und vielen Anderen! 🙂

    Danke!

    • Danke schön – empfehlen Sie uns weiter und Gruß an die Gattin (den Gatten/sonstigen bevorzugten Geschlechtpartner) 🙂

      Obwohl das mit dem „Schilder aufstellen“ nicht immer einfach ist. Manchmal möchte man andere Methoden benutzen 😀
      Darauf einen Tee an diesem heißen Tag! Prost, Gemeinde!

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