Zwanzigneunzehn

Das Jahr Zweitausendachtzehn des allgemein benutzten Kalenders ist irgendwie mit einer Art Ruhe zu Ende gegangen, die zwischen drogenbetäubtem Schnarchen auf dem Sofa und paralysierter Hysterie einzuordnen wäre.
In den USA war schon vor Weihnachten alles ruhig. Dank eines erneuten Haushaltsstreits sind wichtige Regierungsinstitutionen und solche, die sich für wichtig halten, gerade geschlossen. Ein Shutdown. Mal wieder. Grund dafür ist die beleidigte allmächtige Leberwurst im Oval Office, die ihren Kongreß nicht mal dazu kriegen kann, ihr die fünf Milliarden Dollar zu genehmigen, die Donald Trump für die größte, schönste und vor allem wichtigste Grenzmauer der Welt braucht.
Abgesehen davon, daß diese Summe nach den ersten vierzig Meilen aufgebraucht sein dürfte, drängt sich mir automatisch die Frage auf, warum denn Mexiko die Mauer nicht einfach bezahlt?
Schließlich war das doch die Ansage der präsidialen Wurst im Wahlkampf vor zwei Jahren. Irgendwie scheint das völlig untergegangen zu sein, habe ich den Eindruck.
Auch seine Fans halten sich auffallend damit zurück, das Weiße Haus mit reichlichen Spenden zu fluten, um die endgültige Übervögelung durch Migrantenfluten biblischen Ausmaßes zu verhindern. Seltsam eigentlich. Wo doch keine Gefahr des Planeten größer ist als abgerissene Gestalten ohne Hab und Gut, die von da, wo sie mal zu Hause waren, einfach deshalb weggegangen sind, weil man an diesen Orten nicht länger das eigene Überleben sichern kann. Fast könnte man sich nach Europa versetzt fühlen, wenn man dem Twittergetöse von Donald Leberwurst zuhört. Unter den Behörden, die aus Geldmangel derzeit stilliegen, ist auch das “Department of Homeland Security”, also die ungeheime Staatspolizei-Schlägertruppe, deren Gründung noch auf George II aus Texas zurückgeht. Aufgabenbereich ist unter anderem der Grenzschutz.

Worüber die Wurst auch nicht twittert, sind die eher verhaltenen Abschlüsse der Börsenkurse für das gerade vergangene Jahr. Erstmals seit der Tulpenhysterie von 1636 hat der Dow Jones es nicht geschafft, seinen völlig überzogenen Wert um weitere absurde Prozentzahlen zu steigern, sondern beendet das Jahr mit einem Minus. Was nichts an der Tatsache ändert, daß die aktuellen Zahlen noch immer jeglichem Realismus Hohn sprechen. So lange diese Kurse dank eines Strohfeuers aus Steuersenkungen und großmäuligen Wirtschaftskriegen in exorbitante Höhen stiegen, war sich Mr. Präsident nicht zu schade, täglich auf allen Kanälen verkünden zu lassen, daß diese Entwicklung selbstverständlich nur seiner groß-ar-ti-gen Führung zu verdanken ist und America sicherlich bald wieder so great sein würde wie seit dem Sieg Washingtons bei Gettysburg nicht mehr. Oder so in der Art.
Dummerweise sagen jetzt aber alle Indices und auch Ökonomen, die diese Dinger benutzen, daß die Weltwirtschaft nicht so wächst, wie sie das erwartet haben. Ein Phänomen übrigens, das nun schon mehrere Jahre anhält. Was einiges über die Erwartungshaltung von Standardökonomen aussagt und noch mehr über den ideologischen Überbau, dem sie normalerweise so folgen.
Ich denke ja, die Standard-BWL-Typen haben schlicht und einfach keine Ahnung von Physik oder Systemtheorie. Außerdem sind sie beschissene Historiker. Diese Nummer mit explodierenden Börsenkursen, die völlig losgelöst und jenseits aller Stromschnellen des Wahnsinns in den gemütlichen Gewässern des totalen Realitätsverlustes ökonomisch vor sich hinwichsen, gab es schon einmal. So um 1929, glaube ich.
Auch diese Nummer mit riesigen Überproduktionen, für die niemand so recht Verwendung hatte, gab es schon einmal. So um 1929, glaube ich. Damals waren es Güter aller Sorten, aber die haben heute eben schon alle. Heute gehen wir die Sache richtig an und haben eben massive Überproduktionen im Bereich Energie. Womit dann die Physik ins Spiel kommt.

Trumps Motto ‘America first’ ist über das Jahr ganz schön zu “America forever alone” mutiert. Ausstieg aus internationalen Verträgen, neues Wettrüsten mit den Russen, dazu Handelskriege und ein paar persönliche Probleme – die triumphale Fusselfrisur hat ihren Zenit bereits überschritten.
Karikatur trefflich gezeichnet von Thomas Plaßmann

Obwohl auch diese Formulierung nicht ganz korrekt ist. Wenn du Bäcker bist, mußt du Brot verkaufen, egal, was es kostet. Wenn man nach Öl und Gas frackt, um weiter an dem Glauben festhalten zu können, alles werde immer so weitergehen wie seit 1950 aufwärts, dann muß man Öl und Gas auch verkaufen. Egal, was es kostet. Womit sowohl Gestehungskosten als auch mögliche Erlöse gemeint sind.
Wenn diese Blase platzt und die Leberwurst mit Fisselhaaren über die größte finanzielle Kernschmelze präsidiert, die es in der Geschichte moderner Ökonomie – also etwa seit Erfindung des Girokontos um 15paarkaputte in Italien – jemals gegeben hat, dann wird auf jeden Fall irgendwer schuld dran sein. Nur weder Donald Trump oder die Öl- und Gasriesen, vulgo auch “Big Oil” tituliert.
Irgendeinen Mexikaner werden die dann schon finden. Oder einen Fed-Chef, der völlig gemeinerweise die Zinsen erhöht, wie er das schon ein Jahr im Voraus angesagt hatte. Unglaublich schädliches Verhalten, das. So sad. Besonders traurig ist das für den Finanzminister der USA oder jeden anderen Amerikaner, der dadurch mit steigenden Kreditzinsen konfrontiert wird. Also eigentlich alle, da es in den USA mehr Kreditnehmer als Einwohner gibt. In Italien gibt es auch mehr Handys als Italiener Ohren haben. Gar seltsame Blüten bringt die Ökonomie hervor.
Anschließend werden uns wieder einnmal Standardökonomen, die eben noch behauptet haben: „Diesmal ist alles total anders!” händeringend erklären, warum ihre nobelbepreisten mathematischen Modelle dummerweise in dieser ganz speziellen Marktkonstellation versagt haben und sie deshalb die Finanzkrise leider, leider nicht haben vorhersehen können.
Also so wie 1987. Da gab es einen Börsenabsturz, die Älteren erinnern sich womöglich. Oder auch 1999 aufwärts, als hunderte seltsamer Firmen, die alle irgendwas mit Internet” machten, sang- und klanglos über den Jordan gingen, nachdem sie vorher zig Milliarden aus der produktiven Wirtschaft gesaugt hatten.
Wobei sich ein kleiner, obskurer Buchladen, dessen Gründer man permanent ausgelacht hatte, damals als Schneeball in der Hölle erwies. Wozu auch Bücher online verkaufen, wenn es alle hundert Meter einen Buchladen gibt? Amazon hieß diese komische Bude, glaube ich. Was wohl aus der geworden ist?
Jedenfalls wird auch den nächsten ökonomischen Absturz so gut wie niemand vorhergesagt haben können, weil die Realität eben die ökonomischen Theorien nicht korrekt versteht und sie falsch umsetzt.
Kassandra weiß nicht genau, wann das sein wird. Aber dieses Jahr ist auf jeden Fall ein guter Kandidat, um möglicherweise virtuelles Papiergedöns zu verticken, solange es dafür noch anderes, etwas weniger virtuelles Papiergedöns raus gibt, das man gegen Konservendosen und Spirituskocher eintauschen kann. Beim letzten Mal bestand der verwesende Müll in den hüsch eingewickelten Börsenpaketen aus miesen Immobilienkrediten. Beim nächsten Mal wird es fossile Energiegewinnung sein. Das Fundament unserer angeblichen Ökonomie bröselt und knirscht immer mehr unter unseren Füßen. Doch unverändert tönt es von den Wachtürmen, daß alles gut ist. Ach was – es wird alles noch viel besser. Das Mantra des Mehr hallt ungebrochen aus den Börsentempeln.

Auch in dieser sonst so hysterischen Inselwelt jenseits des französischen Kanals ist es ruhig geworden. Nicht nur der übliche Nebel liegt über Brexitannien, sondern ein geradezu totenstarres Schweigen. Rein persönlich begrüße ich diese politische Stille ausdrücklich und erhebe meinen Tee darauf, daß sie möglichst lange andauern möge.
Der kommt übrigens nicht aus Großbritannien, der Tee, auch wenn viele Brexitannier das wohl ganz fest glauben. Der einzige Ort Europas, an dem nativ Tee wächst, sind nämlich die Azoren. Die wiederum gehören zu Portugal. Immer noch. Im Gegensatz zu Indien, das gehört nicht mehr zum Britischen Empire. Überhaupt ist diese Geschichte mit dem Empire inzwischen doch stark….nun ja…Geschichte.
Trotzdem ist auch die Regierungschefin des nebligen Inselvolks der Falschfahrer fest davon überzeugt, daß sich die EU für Jahrzehnte der grausamen ökonomischen Mißhandlung in die Pflicht nehmen lassen wird, wenn man nur lange genug droht, sie zu verlassen. Man kann ja Waren, Dienstleistungen und Finanzen durchlassen. Das muß man sogar, denn es sind britische Waren, Dienstleistungen und Finanzprodukte, und wer wollte die nicht haben?
Aber diese ganzen Ausländer, die irgendwie immer aus dem Ausland kommen, und die den tapferen Briten auf der sozialen Tasche liegen und ihnen die ganzen Jobs wegnehmen, die dürfen nicht.
Solcher Art ist das nationalistische Getöse von den Inseln in letzter Zeit. Wem das bekannt vorkommt, dem sei gesagt, daß sich nationalistische Hohlbirnen generell in der Auswahl und Betonung ihrer Themen wenig unterscheiden, sei das nun eine braslianische, sächsische, deutsche oder britische Hohlbirne.
Abgesehen davon, daß das britische soziale Netz doch enorm große Maschen hat, die dank tapferer Vorarbeit David Camerons sicherlich nicht kleiner werden, dürften etwa siebenhunderttausend Pastaformer, Pizzabäcker und Gelatieri aus Italien über Brexitannien etwas ungehalten sein. Sie erhalten dabei Gesellschaft von einer Million polnischer Klempner, Fahrradboten, Metzgermeister und noch einmal etwa anderthalb Millionen Menschen anderer Nationalitäten, die vor allem eins verbindet: sie arbeiten in Brexitannien, ohne Brexitannier zu sein und zahlen dort Steuern. Was sie wiederum von so manchem Finanz„dienstleister” in der City of London unterscheidet oder Abkömmlingen von Eton, Cambridge oder Harvard, die im Parlament sitzen, weil sie dieses demokratische Anrecht von ihren Vorvätern ererbt haben.
Grenzen haben wollen, aber dann keine Grenzen haben wollen. Aus dem Club austreten, keine Beiträge mehr bezahlen, aber der Pförtner muß immer noch den Schlagbaum zum Parkplatz öffnen, man darf weiterhin den Golfplatz benutzen und kriegt weiter den Rabatt für Mitglieder im Restaurant. Und wenn man sich am 19. Loch vollaufen läßt, zahlen die anderen hinterher die Rechnung.
Das ist die Vorstellung, die Brexitannier von einem fairen Umgang der sie unterdrückenden Insel vor den Küsten ihres weltbedeutenden Kontinents mit ihrer ökonomischen Macht haben.
Diese lästige Sache mit der anderen Insel nebendran, auf der man den Norden seit Jahrhunderten besetzt hält und wo es natürlich auch keine Grenzen geben darf, weil man ja versprochen hatte, diese Grenzen wieder unter die eigene Kontrolle zu bringen, die man nie verloren hat – das erwähne ich mal gar nicht. Derartig unkomplizierte Dinge brauchen wir nicht verhandeln, das können subalterne Bürokräfte machen. Und wer hat da gerade „Schottland” gesagt?

Brexit, Gelbe Westen, Angela Kramp-Merkelbauer, Italiens Pleite – Europa sieht auch nicht besser aus als der Rest der Welt. 2019 dürfte ein spannendes Jahr werden.

Ob man den Durchhaltewillen Theresa Mays bewundere oder ob Mitleid überwiege, wie sie da so durch Europa irrt, fragte dieser Tage ein Artikel.
In Anbetracht der Tatsache, daß mein Mitleid für Brexitannien längst aufgebraucht ist, wären es eher die Worte „Besorgnis” oder „latente Furcht”, die meine Reaktion angemessen beschreiben. Seit knapp zwei Jahren irrt diese etwas wirre ältere Frau mit der Betonfrisur und den unfaßbar häßlichen Halsketten nun umher, klopft immer wieder an Bürotüren und erfleht bettelnd eine Gabe.
Wobei sie ihr Mantra eher mit einer Stimme hervorbringt, die an eine ungeölte Säge erinnert, und nicht an Türen klopft, sondern mit denselben welken Händen daran kratzt, die sich in London so verbissen an die schwindende Macht klammern wie die Hände des im Meucheln geübten Butlers um den Hals des Gärtners. Reinhard Mey – nein, Theresa May ist wieder einmal im Namen von Königin und Vaterland unterwegs, um zu verhindern, daß den Europäern der Brexit auf den Kopf fällt.
Es ist gerade so, als hätte Europa abgestimmt, das Vereinigte Königreich aus der EU hinauszuwerfen. Erstens wäre dabei die Mehrheit vermutlich deutlich überzeugender gewesen als vor zweieinhalb Jahren im Sommer. Zweitens ist das gar nicht das, was auf meinem Planeten passiert ist.
Es waren die Briten, die darüber abstimmten, ob ihr glorreiches Land die EU verlassen soll. Da ausgerechnet die Generation, die von dieser Entscheidung am stärksten betroffen ist, in großen Stückzahlen nicht zur vermutlich wichtigsten Wahl in der Politik der westlichen Industriestaaten seit Erfindung der Demokratie (Hellenisches Patent Nr. v510Chr) erschienen war, haben die Brexit-Befürworter gewonnen.

Solche Dinge passieren, wenn man Menschen ein Wahlrecht gibt, für die man auf Tiefkühlpizzakartons draufschreiben muß „Folie vor dem Erhitzen entfernen”. Solche Dinge passieren auch, wenn man unfaßbar wichtige Fragen in die Hände einer Bevölkerung legt, die einmal das dezimale System bei der Benutzung von Zahlungsmitteln und Längenmaßen rundheraus abgelehnt hat, weil es ihr zu kompliziert war. Dieser Teil der Briten war in Wales und England in erheblicher Zahl an den Wahlurnen.
Natürlich passieren solche Dinge auch, wenn Politiker das Ausmaß der sonst üblichen Inkompetenz in diesem Berufsfeld geradezu uneinholbar nach oben schrauben, indem sie weder ein Quorum – also eine Mindestbeteiligung – noch eine qualifizierende Mehrheit festlegen bei einem derartig wichtigen Referendum. Wären mindestens 60 Prozent notwendig gewesen für einen Brexit, die ältere Dame würde heute nicht durch Europa geistern wie  Banquo durch ein Bankett von Macbeth. In kaum einem Land bekam man derartig viel Anschauungsmaterial für den kompletten Realitätsverlust in Politik und Gesellschaft wie in Brexitannien.

Obwohl sich in Frankreich der Staatslenker auch sehr indigniert über sehr viele Menschen in gelben Warnwesten äußerte, die sich erdreisteten, seine politischen Maßnahmen zu kritisieren.
Er könne gar nicht verstehen, was die denn alle haben, so sprach Macron Bonaparte vor den Medien des Landes. Schließlich müsse doch jeder einsehen, daß man nun endlich einmal die Ökologie schützen müsse und dafür sei doch ein höherer Benzinpreis unabdingbar.
Das Menschen mit wenig Geld zur Arbeit pendeln müssen, aber Kerosin zum Fliegen weiterhin nicht besteuert wird, nützt also der Umwelt. Da freut sich der mittelständische Privatflugzeugbesitzer, dessen Vermögen auch nicht besteuert wird. Der peinliche Versuch, die eigene Umverteilung von Unten nach Oben als ökologische Kampfansage zu tarnen, war ein trauriger Höhepunkt in der ohnehin eher schwachen Darstellung der französischen Herrschers.
Kassandra erinnert daran, daß Frankreich nur deshalb von einer neoliberalen Makrone regiert wird, weil dieser Typ eben nicht Marine le Pen ist. Wenn das Volk sich kein Benzin leisten kann, soll es eben Elektroautos fahren. Und kaufen, natürlich.
Auch hier erhielt man also wundervolles Anschauungsmaterial für die Tatsache, daß Regierte und Regierende in den angeblich bürgerlich-liberalen Demokratien des Westens (außer Bayern, Sachsen, Hessen und NRW) ganz offensichlich auf unterschiedlichen Planeten leben. Das „Jahr des nationalen Zusammenhalts”, das Macron als Inkarnation der Marianne ausgerufen hatte, endet jedenfalls in einem beeindruckenden Scherbenhaufen.

Europa geht irgendwie halbseitig gelähmt ins Neue Jahr. Dabei ist Italien auf dem Bild nicht mal mit drauf. Währenddessen zweifelt Jean-Claude Juncker auf prominentem Posten an der Fähigkeit Rumäniens, den EU-Vorsitz zu übernehmen. Als wäre Kompetenzmangel in der Politik je hinderlich gewesen.
Karton treffend gezeichnet von Heiko Sakurai.

Die Realität, die in Wahrheit von Naturgesetzen regiert wird und nicht irgendwelchen Politikschergen transnationaler Konzerne, wird dieses ganze aufgeblasene Rumgemache auch im neuen Jahr fleißig weiter ad absurdum führen.
Griechenland wird weiter mit Kuhdung heizen müssen, weil das Land noch immer pleite ist. Italien wird weiterhin pleite sein, obwohl es im Haushaltsstreit mit der EU um lächerliche 27 Milliarden Euro ging und Italien selbst damit die sogenannten Stabilitätkriterien nicht verletzt hätte. Im Gegensatz zu Frankreich, dem sein Präsident ein Defizitverfahren gerne mit einer höheren Spritsteuer erspart hätte. Im wahrsten Sinne des Wortes. Es ist nur auf Dauer nicht machbar, immer bei denen zu sparen, die ohnehin nichts anderes tun, als die fettige Patina aus Reichen und Superreichen zu ernähren mit dem Mindestlohn ihrer Arbeit.
Der jeglicher Korruption unverdächtige Kommissionschef Jean-Claude Juncker zweifelt derweil die Fähigkeit Rumäniens an, den Vorsitz der EU zu führen. Vielleicht hätte man solche Dinge einmal vor der Aufnahme einiger Länder in den Club überdenken sollen.

Der Krieg in Syrien wird in diesem Jahr zu Ende gehen und trotzdem nicht zu Ende sein. Denn von dem einstigen Land ist nicht mehr besonders viel übrig. Die Gründe für diesen Krieg sind nicht nur politisch, sondern reichen in Wahrheit sehr viel tiefer. Ähnlich wie Syriens Nachbar Irak wird dieser Staat mehr und mehr in Unregierbarkeit versinken. Gleichzeitig werden sich durch den Abzug der US-Truppen mehr Gelegenheiten ergeben, bei denen Kurden mit Türken, Türken mit Russen und Russen mit Israelis oder mit Nato-Staaten aneinandergeraten können. Stabiler wird die Situation nicht werden.
Immerhin sind die kurdischen Truppen in Nordsyrien derartig verzweifelt, daß sie lieber mit Assad zusammenarbeiten wollen als darauf zu warten, daß der kranke Mann am Bosporus namens Erdogan mit seiner angekündigten Säuberung beginnt.
Das von seinen unterstützenden Werten geprägte Europa hält sich derweil dezent zurück. Hätte man sich mal rechtzeitig dafür eingesetzt, einen neuen Staat zu erschaffen auf den Trümmern von alten. Aber Kurdistan hat weiterhin kein Existenzrecht.
Auch der entferntere Nachbar Syriens, der Iran, wird sein Verhältnis zum westlichen Teil des Planeten nicht verbessern. Irgendwann wird die regierende Wurst der USA seine Sanktionen gegen den weiteren Rest des alten Persiens in Kraft setzen müssen. Zusammen mit dem gefallenen Ölpreisen ergibt sich ökonomisch hier keine gute Sicht auf die Zukunft. Gleichzeitig wollen immer mehr junge Iraner, Iranerinnen und IraniXe diese uralten Typen, die unter dem Kaftan schon hervorstinken, endlich loswerden. Das religiöse Regime ist nicht gerade beliebt. Immer mehr hat der Iran mit sich ausbreitender Wasserknappheit zu kämpfen. Übrigens ebenso wie Syrien. Oder der Irak. Die Erntequoten sind miserabel. Wie in Syrien. Von Stellvertreterkriegen im Jemen, mit einem zunehmend verzweifelt agierenden Regime aus wahabitischen Saudis als Gegner im Hintergrund, rede ich da mal gar nicht.
Israels Staatsregierung hat derweil ihren Verstand nicht verloren, ein Vollsympath wie Netanyahu hatte nie welchen. Hier zeigt sich klar, wohin die Reise geht, wenn man Kleingruppen religiöser Fanatiker zu sehr Einfluß auf die eigene Außen- und Innenpolitik nehmen läßt, weil man halt ums Verrecken immer weiter regieren will, egal mit wem. Nur für den Fall, daß irgendwann die CSU mal bundesweit antreten sollte bei irgendwelchen Wahlen und zudem eine Botschaft, die auch im britischen Parlament in Feuerbuchstaben an der Wand steht.

Der Zerfall der irdischen Ökologie geht derweil mit erstaunlicher Marschgeschwindigkeit weiter. Noch so ein Dürresommer wie letztes Jahr, und es wir unlustig. Oder wie 2012 in den USA, als der Mais vertrocknete. Wodurch der Benzinpreis stieg, denn ein guter Teil der Maisernte wird für die Spriterzeugung benutzt.
Oder 2010 in Rußland und Osteuropa. 20 bis 40 Prozent der Ernteerträge gingen in diesen Dürren verloren, Rußland stellte seine Getreideexporte ein, die Preise stiegen in den Himmel und lösten in den Ländern Nordafrikas den sogenannten „Arabischen Frühling” aus. Oder 2008 in Australien.
Dort stiegen gestern Silvesterraketen in einen Nachthimmel, der tagsüber über 50 Grad heiß wird. Selbst für australische Verhältnisse liegt das zehn bis fünfzehn Grad über den langjährigen Mittelwerten. Brasiliens Faschistenpräsident möchte derweil noch mehr Regenwald noch schneller abholzen lassen, wodurch sich das Ökosystem weiter in eine Quelle für Kohlendioxid verwandeln wird, statt eine Senke zu sein.

Noch immer warte ich darauf, daß irgendein Bekloppter mit einer Bombe an der richtigen Stelle einen guten Teil der saudischen Raffineriekapazitäten in die Luft sprengt. Oder der Förderkapazitäten. Zunehmende Stabilität in Nahost hält Kassandra also auch in diesem Jahr eher für ein unwahrscheinliches Ereignis.
Was das Wasser angeht, ist das kein Problem der Nahost-Region. China versucht bereits, Indien im wahrsten Sinne des Wortes das Wasser abzugraben. Ein Land wie Pakistan sieht ebenfalls nicht gut aus, was diesen Lebensaspekt seiner inzwischen 197 Millionen Einwohner betrifft. Alle drei Länder sind Nuklearmächte. Alle drei haben schon Kriege gegeneinander geführt. Wasser ist kein Thema, das breiten Raum für Kompromisse ließe.

Es gab Geburtstage im letzten Jahr. Der Dreißigjährige Krieg begann vor 400 Jahren. Ein Wort wie „Verheerung” fand damals Eingang in den Sprachgebrauch. Städte wie Magdeburg haben niemals wieder die Bedeutung erlangt, die sie vor diesem bis dahin blutigsten Ereignis der europäischen Geschichte hatten. Der erste Teil des Zweiten Dreißigjährigen Krieges, den wir den Ersten Weltkrieg nennen, endete vor einem Jahrhundert, im November des Jahres Neunzehnachtzehn. Weil Menschen an Schalthebeln saßen, die sich besonders von persönlichen und nationalistischen Animositäten leiten ließen, in Verbindung mit einem gerüttelt Maß an politischer Blindheit, Realitätsresistenz und Unfähigkeit, begann Europa seine Selbstzerfleischung, die erst im Mai 1945 schließlich enden sollte. In deren Trümmerlandschaften ließen sich überall die Reste einstiger imperialer Größe finden. Europas Abgang von der großen Weltbühne erfolgte mit einem Knall, wie es bis dahin noch keinen gegeben hatte.

Die erosive Destablisierung vieler Dinge, die wir oft für völlig selbstverständlich halten, wird eine neue Dynamik annehmen, während wir mit großen Schritten auf die 20er Jahre zueilen.

Abgänge gab es auch im letzten Jahr. Ein elender Ölimperialist wie George H. W. Bush, über die Hintertür schon vor mehr als einem halben Jahrhundert am Training der Männer beteiligt, die etwas später versuchten, den siegreichen Revoluzzer Fidel Castro wegzupusten mit der Landung in der Schweinebucht auf Kuba, wurde uns als strahlender Held und Verteidiger amerikanischer Werte verkauft. Viel mehr muß man über den Zustand der politischen Welt eigentlich nicht wissen.
Paul Bocuse, ehener Verteidiger des speziell französischen Realitätsverlustes am Kochlöffel, hat seine letzte Schnecke geschält und wird nie wieder winzig kleine Portionen getrüffelter Erbsachtelchen, gefüllter Pumaohrläppchen oder Otternasen servieren.
Unbeachtet von vielen hat Ursula K. le Guin uns verlassen, eine der wenigen Frauen, denen ich sofort zugestehe, ein Pfeiler des Genres der Science Fiction zu sein. Bei den Damen muß nicht immer so stinklangweiliges Zeug rauskommen, das woanders ganz Avalon in dicken Wortnebel hüllt. Sie hat einmal einen Essay geschrieben, in dem sie den Begriff des „Genres” kritisiert und für blödsinnig erklärt.
„Das Wort für Welt ist Wald” war mein erster Roman von ihr, der mich möglicherweise zu dem hat werden lassen, der ich heute bin. „Winterplanet” und „Planet der Habenichtse” waren weitere. Anderen dürfte sie bekannt sein durch die „Erdsee”-Romane, denn die mutierten auch in eine Fernsehserie.
Ingvar Kamprad, der Gründer des unmöglichen Möbelhauses aus Schweden, ist tot. Gerüchten zufolge fehlte bei seinem Sarg eine Bohrung und keiner hat die Aufbauanleitung verstanden.
Stephen Hawking ist tot. Der Mann, dessen gelähmter Körper ihm nur noch die Wahl ließ, so viel zu denken wie nur möglich, und der seit über vierzig Jahren von geborgter Zeit gelebt hat, mußte letztlich die Bühne ebenfalls verlassen. Noch immer weiß keiner so genau, woran dieser Mann eigentlich herumgedacht hat. Nach meiner Theorie wußte es selbst Hawking auch nicht wirklich. In zwanzig Jahren wird irgendein Genie auf der Arbeit dieses Mannes aufbauen und etwas völlig Irrsinniges daraus erfinden, das aber nichts mit der “Theory of Everything” zu tun haben wird.
Irgendwo anders wird in Zukunft womöglich Aretha Franklin mit David Bowie singen können. Die bis ins Alter unfaßbare Ballerstimme der schwarzen Diva konnte einen bis zum Schluß mit dem ersten Ton umhauen, wie der letzten Live-Performance klar zu entnehmen ist.
Kofi Annan ist tot. Der Mann aus Ghana, der den USA in seiner Eigenschaft als Generalsekretär der UN offen sagte, daß der Irakkrieg von Bush Junior genauso scheiße ist, wie es schon der seines Vaters war, starb im Alter von 80 Jahren.

Unbeachtet all dieser Abgänge wuchs die Bevölkerung des Planeten, den unseres Spezies unbegreiflicherweise Erde nennt, um 85 Millionen Menschen weiter an. Bei dieser Geschwindigkeit wird Mensch ZwanzigDreiundzwanzig eine Populationsgröße von acht Milliarden erreichen.
In Überall, Planet Erde, ist der Ausstoß an Kohlendioxid nach einer kurzen Stagnationsphase derweil auf neue Höchststände gestiegen. Die Anzahl der Tonnen, die bisher durch Klimakonferenzen und unsere tatkräftige Politik eingespart wurden, beträgt somit seit 1992 weiterhin exakt Null. Ich habe sie alle gezählt.

Es wird Geburtstage geben dieses Jahr.
Die Bundesrepublik zum Beispiel wird 70. Die im bürgerlichen Sinne liberale Demokratie wird sogar 100, sieht man einmal von der kurzen tausendjährigen Unterbrechung ab.
Und wenn das mit steigenden Staatsüberschüssen bei immer weniger Investitionen in die Infrastruktur so weitergeht, wird man der alten Dame Deutschland, der Dritten deutschen Republik, die mangelnde Pflege sehr bald noch mehr ansehen als heute schon. Da wird der Rollatorzuschuß nicht mehr ausreichen. Falls Jens Spahn nicht noch ein paar geniale Ideen zur Verbesserung hat, natürlich.
Dabei gäbe es hier genug Geld, um alle Straßen mit Gold zu pflastern, die Gehwege mit Marmor zu versehen und nebenbei noch Glasfaser durchs ganze Land zu ziehen, und zwar unter den viereinhalb Meter breiten Radfahrstraßen, neben denen dann, säuberlich abgetrennt von großzügigen Grünstreifen, die fliegenden und selbstgelenkten Autos endlich die gut bezahlte Arbeiterschaft des Landes den weiteren Katastrophen der Zukunft entgegentragen können.
Dummerweise müßten dazu Konzerne, die jahrzehntelang Milliardengewinne eingesackt haben – unter anderem dank guter Infrastruktur, politischer Stabilität und massenhaft Subventionen aus der Staatskasse – auch mal Steuern bezahlen, statt in pampig-beleidigtem Tonfall damit zu drohen, daß bessere Luft in den Städten, um die Städte und zwischen den Städten hunderttausend Arbeitsplätze kosten wird. Natürlich niemals die Arbeitsplätze der Vorstands-Leistungsträger, die so einen Mist von sich geben, sondern der Fachkräfte weiter unten. Wobei die bestimmt problemlos einen neuen Job finden, wenn die deutsche Autoindustrie in den 2020er Jahren dann schließlich detroitisiert werden wird. Die alternde Republik ist ja bekanntlich Land des Fachkräftemangels.

Die Mondlandung wird 50 Jahre alt. Das wird entsprechend zelebriert werden und den Verschwörungshasenhirnen, die immer noch behaupten, diese Mondlandung hätte nie stattgefunden, neue Klicks auf youtube bescheren.
Leider wird Mensch auch 2019 keine Möglichkeit finden, aus faktenfreier Strunzdämlichkeit Energie zu gewinnen. Das ist schade, denn damit wäre zumindest dieses Menschheitsproblem gelöst. Wäre Intelligenz ein Evolutionsfaktor, müßte Strunzdämlichkeit zumindest unfruchtbar, häßlich und impotent machen, womit sich dieses Problem dann anderweitig bereits vor der letzten Eiszeit erledigt hätte. Bedauerlicherweise ist Intelligenz aber eben kein Evolutionsfaktor, da kann mal jeder die philosophischen Werke der Schwämme, Quallen und Seegurken studieren.
Ich stelle ja immer gerne die Frage, welche Mondlandung der jeweilige Wissenschaftsallergiker denn so für nichtexistent erklären möchte. Denn die Apollo-Missionen endeten nicht mit Nummer 11, ebensowenig wie sie mit dieser Zahl begannen. Erst Apollo 17 beschloß den Reigen der Mondlandungen.
Der letzte Mann auf dem Mond war übrigens Eugene Cernan. Er war bei Mission Nummer 10 dabei, umkreiste also den Mond und führte die Generalprobe für den Flug durch, der so berühmt werden sollte und der ihm selbst verwehrt blieb. Die Lösung der bei den durchgeführten Landeversuchen aufgetretenen Probleme dürften mit zum Erfolg von Armstrong und Co. beigetragen haben, die dann sieben Wochen später Weltraumgeschichte schrieben.
Eugene Cernan starb am 16. Januar vor nunmehr zwei Jahren. Noch aus einem anderen Grunde hätte ich ihm gegönnt, als erster und nicht als letzter Mann auf dem Mond gewesen zu sein: das Landemodul bei Apollo 10 hörte auf den Namen Snoopy, passend zum Namen des Kommandomoduls Charlie Brown. Mit den Worten “Snoopy has landed” hätte die gesamte Geschichte der Raumfahrt einen völlig anderen Touch bekommen. Kleine Dinge können oft große Auswirkung auf die Dynamik von Geschichte haben. In diesem Sinne wünscht Kassandra ein frohes Neues Jahr.

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