Die Schultern von Riesen

Das wohl größte Problem der Kommunikation ist die Illusion, daß sie tatsächlich stattgefunden hätte.

George Bernard Shaw

Der Mann, mit dem diese Geschichte beginnt, hat niemals eine Schule in unserem Sinne besucht. Er ist der Sohn eines Apothekers und wird zu einer Zeit geboren, in der so etwas wie eine Schulpflicht noch in der Zukunft seines Landes wartet, daher wird er von Hauslehrern unterrichtet oder wer eben damals so für diese Tätigkeit herhalten mußte.
Trotzdem beginnt er, sich mit etwa zwölf Jahren für wissenschaftliche Dinge zu interessieren. Oder vielleicht auch gerade deshalb.
Mit gerade einmal sechzehn bewältigt er die Aufnahmeprüfung zur Universität, mit zweiundzwanzig wird er Doktor der Naturwissenschaften. Er heiratet spät, erst mit Mitte dreißig. Als er bereits Ende fünfzig ist, ermutigt er einen achtundzwanzig Jahre jüngeren guten Freund, seine schriftstellerischen Ambitionen auch zu veröffentlichen und unterstützt ihn hierbei nach Kräften.
Der Schriftsteller ist Hans Christian Andersen, seine “Märchen, für Kinder erzählt” machen ihn berühmt und verwandeln ihn in eine Meerjungfrau, die heute noch im Hafen Kopenhagens zu bewundern ist.

Erstaunlicherweise ist auch der andere Mann kein Grieche, wie sie ja schon öfter von mir erwähnt wurden, sondern, wie Andersen auch, ein Däne, also Angehöriger eines Volkes, das dem O immer einen Strich durch die Rechnung macht. Sein Name ist Hans Christian Ørsted und der ist heute ein eigener kleiner Park in der dänischen Hauptstadt.
Ørsted beobachtete während einer Vorlesung im Jahre 1820, wie eine Kompaßnadel von einem Draht abgelenkt wurde, durch den gerade ein Strom floß. Mit seinem im wahrsten Sinne des Wortes ungeschulten, aber eben sehr neugierigem Verstand runzelte der Herr Anfang Vierzig die Stirn und sagte sich vermutlich, dies sei ja wohl etwas seltsam. Aber das Ereignis ließ sich reproduzieren. Strom durch Draht ergab Ablenkung des Kompasses. Kein Stromfluß ergab einen langweiligen Kompaß, der bekanntlich stets nach Norden weist auf unserem Planeten. Jedenfalls halbwegs, aber dazu später.
Was Ørsted da entdeckt hatte, war das Prinzip des Elektromagnetismus. Ein Strom, der einen Leiter durchfließt, erzeugt ein Magnetfeld. Er war nicht der erste, dem das aufgefallen war, aber er war der erste, der seine Erkenntnisse veröffentlichte und damit auch Gehör fand. So ist das eben, wenn man schon ein bißchen bekannter ist und auf die Publikationsmöglichkeiten der etablierten Wissenschaften zurückgreifen kann. Diese Entdeckung sollte noch eine Menge Aufregung verursachen. Im Grunde genommen hat sie die Welt verändert. Weiterlesen

Mythopolis

– VIII –

Internet, AD 4000

,,When you want to know how things really work, study them when they’re coming apart.”
William Gibson, Zero History

Die Bibliothek von Alexandria soll über zweihunderttausend Schriftrollen enthalten haben, gefüllt mit dem Wissen ihrer Zeit. Philosophie, Astronomie, Mathematik, dazu Dinge, die wir heute Anthropologie und Soziologie nennen würden.
Im Jahre 331 vdZ von dem Alexander gegründet, den heute noch alle kennen, wuchs die Siedlung rasch an, und etwa ein Jahrhundert später wurde dann die Bibliothek gegründet. Die Große Bibliothek, wie sie heute noch genannt wird.
Von ihrer Gründung an war dieser Ort ein Hort des Wissens, alles wurde hier gelagert. Menschen aus allen Ländern der damaligen Welt, also vorwiegend den Mittelmeerländern, kamen nach Alexandria, um bestimmte Dinge zu erfahren. Aber auch, um selber Werke zu schreiben und dazu eben Informationen aus der Bibliothek zu benutzen.
Alexandria wurde im Laufe der Jahrhunderte zu einem Leuchtturm des Wissens, dessen Licht weitaus heller und weiter strahlte als das des anderen, sehr berühmten Leuchtturms, der sich im Hafen der Stadt befand, des Pharos. Ebenso wie die Bibliothek eines der Sieben Weltwunder der Antike und ebenso wie fünf andere davon nicht mehr vorhanden in unserer Zeit.

Unzählige Rollen aus diversen Jahrhunderten waren hier gelagert. Alleine die Bibliothekare müssen über eine Kenntnis verfügt haben, die heutigen Kunsthistorikern in nichts nachstand. Denn sie waren es, die das Pergament oder Papyrus für den Zugriff durch andere verwalten mußten. Aber dazu braucht es ein System und das dürfte damals recht kompliziert gewesen sein.
Wir wissen heute nicht mehr, aus wie vielen Jahrhunderten die Geschichten auf den Rollen stammten und vor allem, was uns die Buchstaben so erzählt hätten. Denn bedauerlicherweise ging diese Ansammlung von Gelehrsamkeit, dieses geistige Leuchtfeuer, irgendwann im 3. Jahrhundert ndZ unter. Ein Brand fraß das sorgfältig gelagerte Wissen auf. Allerdings sind sowohl Art als auch Zeitpunkt dieses Verlustes nicht mehr genau bestimmbar. Da sich heute an dieser Stelle das moderne Alexandria erhebt, die zweitgrößte Stadt Ägyptens, sind Grabungen schwierig und bisher hat man von der Bibliothek keine Spuren gefunden.

Trotzdem wissen wir heute sowohl von der Bibliothek als auch von ihren Inhalten noch einiges. Denn natürlich kamen auch jede Menge Menschen nach Alexandria, um ein ganz bestimmtes Exemplar einer ganz bestimmten Schrift zu suchen. Und vor allem, um es mitzunehmen. Allerdings war die Bibliothek von Alexandria natürlich eine Präsenzbiblothek. Wirklich ausleihen konnte man sich da nichts.
Da sowohl der Buchdruck als auch der Fotokopierer damals noch ihrer Erfindung harrten, mußte man also eine Abschrift anfertigen lassen und von denen sind zum Glück wenigstens ein paar erhalten geblieben. Der Fotokopierer ist übrigens eine amerikanisch-österreichische Erfindung, keine japanische, ganz am Rande bemerkt. Ganz im Gegensatz zum Buchdruck mit beweglichen Lettern, den dürfen wir in unserem Kulturkreis sehr wohl als deutsche Erfindung vereinnahmen. Weiterlesen

Mythopolis

– III –

Das technologische Dogma

“My friend asked me to use a USB port to charge his cigarette, but I was needing it to charge my book.
The future is stupid.”
some guy on the Internet

Ich mag Zugfahrten. Ich habe schon vor mehr als einem Jahrzehnt mein letztes Benzinvehikel verkauft und seitdem bewege ich mich mit Rad, Füßen und eben Zügen durch den Alltag. Klar kommen Züge mal zu spät, ab und an liegt eine Kuh auf dem Gleis oder ein Baum. Aber im Großen und Ganzen muß ich persönlich dem deutschen ÖPNV-System doch eine gewisse Brauchbarkeit attestieren. Kein Vergleich zur Schweiz, aber von englischen Verhältnissen eindeutig so weit entfernt wie ein Sigmar Gabriel von sozialdemokratischer Politik. Es ist auch nicht der Fernverkehr, in dem die Bahn ständig versagt. Über den läßt sich nur spektakulärer berichten. Es ist der Nah- und Regionalverkehr, der unglaublich gruselig sein kann und oft auch ist. Trotzdem mag ich Zugfahrten. Wenn mehrere hundert Tonnen Stahl über die Schiene gleiten, das Rheinpanorama rechter Hand neben mir, Sonnenlicht über dem Flußtal, während ich von dem Buch in meiner Hand aufblicke – das ist mit einer Autofahrt einfach nicht vergleichbar.

Ich habe schon immer davon geträumt, die manchmal durchaus bequeme Nutzung eines Autos mit der angenehmen Seite von Eisenbahnen zu verbinden.
Wenn selbstfahrende Autos existierten, könnte man ich davon eines im örtlichen Pool der Stadt bestellen, wenn ich denn dringend irgendwohin fahren muß. Ich sage dem Zentralrechner der Stadt Bescheid und fünf Minuten später steht das Fahrzeug vor der eigenen Tür. Ich steige in die Kiste und weise mich gegenüber dem Bordrechner aus. Mit Stimmabdruck, Handlinien, Retinascan – die Möglichkeiten sind vielfältig.
Dann sage ich dem elenden Navigationssystem, wo ich hin will, und die Möhre fährt los, um mich meinem Ziel entgegenzutragen. Dort angekommen, steige ich aus und das Fahrzeug bewegt sich zurück in den Pool oder eben zum nächsten Kunden, der es soeben angefordert hat.
Während dieser Fahrt scannt das Fahrzeug sein Inneres, stellt fest, das alles soweit in Ordnung ist, und schickt einen Satz Daten an den Zentralrechner der Stadt, der daraufhin die entsprechende Gebühr von meinem Konto einzieht. Das wird mir entsprechend mitgeteilt, der freundliche Muttercomputer sendet eine Botschaft und die Rechnung an mein Smartphone, mein Tablet, mein Fitnessarmband oder an irgendein anderes digitales Gadget, das man eben so mit sich herumträgt.
Gleichzeitig mit dieser Mitteilung verwandelt sich der bisher gespeicherte, persönliche Datensatz in den Computern in einen statistischen Datensatz.
Konnte man eben noch lesen “Person X von A nach B transportiert” ist nun in den Datenbänken nur noch ein “Fahrt von A nach B” zu finden.
Denn den ersten Datensatz brauchten die Computer nur bis zur Bezahlung der Gebühren und die ist ja gerade erfolgt. Die statistischen Daten brauchen sie, um den einzelnen Mietmodulen die entsprechenden Wartungsintervalle zuzuweisen. Die anfängliche Identifizierung dient natürlich auch dem Zweck, Vandalismus zu verhindern. Immerhin wissen wir alle, wie viele junge Menschen heute ihren Bildungsstand gerne damit ausdrücken, daß sie ihren Namen in die Scheiben und Sitze öffentlicher Verkehrsmittel kratzen.

Denn Hohepriestern des Fortschritts würde diese Vorstellung meinerseits sicherlich gefallen. Ganz besonders, wenn ich jetzt noch sage, daß ich dieses Szenario schon seit zwanzig Jahren in meinem Kopf herumtrage. Und jetzt beginnt es tatsächlich, Wirklichkeit zu werden. Nichts von dem, was ich gerade beschrieben habe, ist unmöglich, zu teuer, zu gefährlich oder aus technischen Gründen nicht machbar. Da sage noch einer, es gäbe keinen Fortschritt mehr. Oder womöglich, daß Fortschritt an sich bald nicht mehr existieren wird. Lächerliche Vorstellung!
Nein, Technologie wird immer einen Lösungsweg finden.

An dieser Stelle ist es dann meine Aufgabe, die Hand zu heben, zu lächeln, und eine weitere Frage zu stellen: Was ist eigentlich diese “Technologie” von der die Apologeten des unendlichen Fortschritts immer wieder reden?
Oder, um mal die unsterblichen Worte des Lehrers in einem irgendwie zum Kultfilm mutierten Uralt-Streifen zu zitieren: Wat is’n Dampfmaschin’?

Meine Behauptung sieht folgendermaßen aus: Technologie in dem Sinne, in dem das Wort von den Wissenschaftlern und Ingenieuren der heutigen Zeit benutzt wird, existiert ebensowenig wie es den linearen, unendlichen Fortschritt gibt, der heute längst zur nicht-theistischen Basisreligion unserer Gesellschaft mutiert ist. Weiterlesen

Mythopolis

– II –

Wenn King Kong Meister Yoda trifft

“What is today but yesterday’s tomorrow?”
Eugene Krabs

Nach der festen Überzeugung sehr vieler Menschen, oder besser, nach der Doktrin ihres Glaubens, ist also das, was man allgemein Fortschritt nennt, eine unaufhaltsame Macht, die alle Probleme der Menschheit lösen wird.
Es mag und ab und zu Rückschläge geben, aber am Ende wird die Technologie siegen und die Beherrschung des Universums ein weiteres Stück näher an die Hände dieser Horde aus Primatenabkömmlingen heranrücken, die den dritten Planeten einer durchschnittlichen Sonne in unserer Galaxis bewohnen. Selbst ich schreibe “unsere” Galaxis, ohne zu zögern. So, als hätten wir die ganze Hütte bereits für uns gepachtet.
In dieser Welt kommt die Kavallerie immer rechtzeitig. Das Gute muß das Böse besiegen, ein anderer Ausgang ist nicht denkbar.
King Kong, der Riesengorilla, konnte unmöglich gegen die anfliegenden Helden gewinnen, die hysterisch kreischende Fay Wray womöglich in den Abgrund fallen lassen und danach von der Höhe des Empire State Building seinen Triumph über die Stadt New York hinausschreien. Es ist völlig unmöglich, daß am Ende des Duells mit blitzenden Lichtschwerten Meister Yoda am Boden liegt und seine letzten Worte sind: “Zu langsam ich war.”

Nein, das ist ein Ausgang der Geschichte, der niemals vorkommen kann, denn wir wollen, daß er nicht vorkommen kann.
Der Mythos des Fortschritts hat längst seine Legenden geschaffen und sie schon in die Köpfe unserer Großeltern gesetzt. Ein Charlie Chaplin drehte “Moderne Zeiten”, ein Harold Lloyd einen Film wie “Ausgerechnet Wolkenkratzer”, das ist der mit der berühmten Szene, in der Lloyd von den Zeigern einer Turmuhr herunterbaumelt.
Beide Filme stehen dem Fortschritt in den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhundert sehr skeptisch gegenüber. Auch ein Film wie “Metropolis” von Fritz Lang zeigt völlig andere Untertöne des angeblichen Fortschritts als diejenigen, die man üblicherweise so gerne betont.
Aber wie ich schon letzte Woche sagte, braucht jede Religion ihre Ketzer, ihre Häretiker und bringt automatisch ihre Anti-Religion hervor.

Nirgendwo läßt sich das besser sehen als in diesen alten Filmen. Die Religion des Fortschritts hat in Metropolis den Moloch der durchsynchronisierten Gesellschaft  erschaffen. Die Gesellschaft ist geteilt in eine dünne Schicht der Eliten und die große Masse, die alles an Luxus und Wohlstand erschaffen und erarbeiten muß, von dem diese Oberklasse lebt. In Metropolis haben die Reichen und Superreichen ihren 24-Stunden-Tag. Die Zeit der geistlosen Masse, der unermüdlichen Arbeiter im Stock, ist in einen 10-Stunden-Rhythmus unterteilt, eben die Länge einer Schicht.
Wie im 1895 erschienenen Roman “Die Zeitmaschine” von H.G. Wells gibt es auch bei Lang Morlocks und Eloi und die einen fressen die anderen auf. Allerdings leben die Morlocks in Metropolis nicht unter der Erde, sondern in prächtigen Penthouses über der Stadt, weit weg von ihrem Lärm, ihrem Elend und der Sklavenarbeit.
Wells war wenigstens noch so fair, die Bösen unter die Erde zu verbannen und die Eloi ein sorgloses Leben in einem Paradiesgarten führen zu lassen. Weiterlesen

Mythopolis

– I –

Das Morgen von gestern

,,Eine der Definitionen geistiger Gesundheit ist, das Wirkliche vom Unwirklichen unterscheiden zu können. Sehr bald werden wir eine neue Definition brauchen.”

Alvin Toffler

Die Fortschritte der Technik erfolgen in immer kürzeren Abständen. So lautet der Einleitungssatz der Stimme aus dem Off in einer Dokumentation über Nanotechnologie, die ich mir neulich angesehen habe.
Im Bereich der Nanotechnologie geht es, wie der Name schon vermuten läßt, um Größenordnungen kleiner zu als in der Mikrotechnologie, die uns so etwas Großartiges wie den modernen Computer und das Smartphone geschenkt hat. Wobei, geschenkt würde ich jetzt nicht sagen bei den Preisen.
In der Nanotechnologie sind also die Dinge, die woanders in Mikron gemessen werden – das sind Tausendstel eines Millimeters – noch viel kleiner. So klein, daß ein einzelnes Nano sich in einem Mikron vorkäme wie unsereiner alleine im Mittelmeer. Letztlich sind die Ingenieure heute in der Lage, ein einzelnes Atom zu manipulieren oder Maschinen zu bauen, die aus nur wenigen Atomen bestehen. Das ist in der Mikrotechnologie nicht viel anders. Innerhalb einer modernen CPU in einem Computer wie dem, der auf meinem Schreibtisch steht, werden diverse Elemente übereinandergeschichtet. Viele dieser Lagen sind nur wenige Moleküle dick. Aber ein Molekül besteht eben aus mehreren Atomen.
In der Nanotechnologie wäre es möglich, aus beliebigen Atomen beliebige Moleküle zu bauen, sofern deren Zusammensetzung bekannt ist. Allerdings würde es relativ lange dauern, eine Zahnbürste herzustellen, da die etwa 76 Bazillionen Atome enthält. Wenn die alle erst mit einem Kran an die richtige Stelle gebracht werden müßten, könnte das etwas Zeit erfordern. So zwei, drei Jahrtausende.

Eine industrielle Nanoproduktion von irgendwelchen Dingen, so wie der Replikator in Star Trek sie vorführt, steht also eindeutig derzeit nicht zur Debatte.  Mit Hilfe der reichlich vorhandenen Energie des Antimaterie-Reaktors werden hier Moleküle zusammengebastelt, die dann, entsprechend zusammengesetzt, etwas ergeben, das ein bißchen – aber nicht völlig – anders schmeckt als Curryhuhn mit Reis oder Tomatensuppe, für die über 200 Rezepturen vorliegen. Oder Tee. Earl Grey. Heiß.
Wobei das natürlich ein bißchen geschummelt ist, denn irgendwo muß der Replikator eine Quelle für seine Moleküle haben, er arbeitet nicht auf atomarer Ebene. Es muß also an Bord der Enterprise-D eines Captain Picard ein Lager mit Rohmasse geben, mit der die Replikatoren beschickt werden, einen Molekülvorrat sozusagen.
Ich hätte ja gerne so ein System, damit ich nie wieder Abspülen muß. Von allen Haushaltstätigkeiten mag ich diese mit Abstand am wenigsten. Und natürlich ist der Replikator jederzeit in der Lage, die benutzte Teetasse des Captains wieder in ihre Rohform aufzulösen. Wie praktisch ist das denn?

Es sind Serien wie diese und unzählige Filme im SF-Bereich, die uns allen den Basismythos unserer Zivilisation vorgeben. Geschichten, die nur aufgrund dieses Mythos überhaupt erst entstehen konnten. Der Mythos des Fortschritts und der umfassenden Allmacht der Technologie.
Aber was genau ist das eigentlich, Technologie?
Und warum nenne ich Fortschritt einen Mythos, denn das habe ich ja inzwischen in einigen anderen Texten ebenfalls getan?
Nun, ich fürchte, dazu muß ich etwas weiter ausholen. Denn um die Grundannahmen, auf denen unser Alltag beruht, ordentlich zu zertrümmern, muß man eben auch weit ausholen, sonst funktioniert das nicht. Aber es macht unglaublichen Spaß. Weiterlesen

Kulissenschieber

,,It’s the economy, stupid!”
Bill Clinton, Wahlkampfmotto 1992

Die wirklich wahre Wirklichkeit ist also in vielen Dingen fundamental anders gestaltet als die Mythen, die man uns von Kindesbeinen an erzählt und die wir dann einfach glauben. Menschen leben nicht im Realen, sie leben in Mythen.
Der Mythos des linearen Fortschritts ist nur einer davon. Ein anderer ist der von der Unermüdlichkeit des Fortschritts, angetrieben durch das immer weiter vergrößerte Wissen der Menschheit. Eine einzigartige Spezies auf dem Weg zu ihrer Bestimmung, das sind wir. Zumindest ist es das, was immer wieder verbreitet wird.

Was genau soll das überhaupt sein, dieser Fortschritt? Kennt den jemand persönlich?
Immer, wenn ich irgendwelche Wirtschafts”wissenschaftler” reden höre über die Zukunft, wird da von Fortschritt und Technologie gesprochen.
Aber ich beginne weiter vorne, nämlich bei den Wissenschaftlern, die in Wirtschafts”wissenschaftlern” enthalten sind und von mir ausdrücklich in Anführungszeichen gesetzt sind. Was ich auch grundsätzlich so beibehalten werde innerhalb dieses Blogs. Warum tue ich das?

Wissenschaft an sich beruht auf gewissen Prinzipien, die dazu dienen sollen, das Verständnis über die uns umgebende Welt zu vertiefen und so zu neuen Erkenntnissen zu führen, die man – man ahnt es bereits – vielleicht zu Fortschritt umwandeln kann. Wir kümmern uns in diesem Moment noch nicht darum, was genau dieser etwas mysteriöse Fortschritt eigentlich seinem Wesen nach sein soll oder sein kann.
Zur Natur der Wissenschaften gehört die Bildung einer Hypothese als Antwort auf eine Frage,  die sich normalerweise aus einer Beobachtung ergibt.

Warum geht die Sonne immer im Osten auf?
Warum bewegen sich die Sterne am Himmel so, wie sie es tun?
Was ist das für ein buntes Licht am Himmel bei einem Regenbogen, woher kommt das?
Die generell wichtigste Frage der Menschheit lautet also, seitdem wir vom Baum gefallen sind: Häh?
Mit Entwicklung subtilerer Sprachelemente wurde daraus dann die Frage, die wir als Kinder alle kennen, aber als Erwachsene gerne zu vergessen scheinen: Warum?

Der unvergessene Douglas Adams hat in seinem Anhalter einmal folgendes formuliert:

,,Die Geschichte jeder bedeutenderen galaktischen Zivilisation macht drei klar und deutlich voneinander getrennte Phasen durch – das bare Überleben, die Wissensgier und die letzte Verfeinerung, allgemein auch als Wie-, Warum- und Wo-Phasen bekannt.
Die erste Phase zum Beispiel ist durch die Frage gekennzeichnet: Wie kriegen wir was zu essen?, die zweite durch die Frage: Warum essen wir?, und die dritte durch die Frage: Wo kriegen wir die besten Wiener Schnitzel?”

Douglas Adams – Per Anhalter durch die Galaxis

Die Menschheit steckt – rein galaktisch gesehen – eindeutig in der ,,Warum?”-Phase ihrer Entwicklung, zumindest meiner Meinung nach. Das kann jetzt damit zusammenhängen, daß wir eben keine galaktische Zivilisation sind oder eben keine bedeutende Zivilisation, ich weiß es nicht so recht.
Auf jeden Fall ist die Frage nach dem Warum defintiv das, was uns Menschen seit ein paar tausend Jahren durch die Entwicklung begleitet hat. Weiterlesen

Das falsche Morgen (III)

,,Nichts Unwirkliches existiert.”
Erstes Gesetz der vulkanischen Metaphysik
Kiri kin-Tha

Und so traten Vernunft, Logik und Verstand ihre Herrschaft über die Erde an.
Oder auch nicht, zumindest habe ich da irgendwie den Eindruck.

Das Buch von Kopernikus – De Revolutionibus – durfte bis 1822 im Machtbereich der Römisch-Katholischen Kirche nur gedruckt werden, wenn in einem Vorwort oder Anhang explizit darauf hingewiesen wurde, daß das hier erklärte heliozentrische Weltbild eine reine Hypothese sei, die als mathematisches Hilfsmittel diene.
Ich fände es ja großartig, wenn in unseren Kulturkreisen sogenannte ,,Heilige Bücher” auch mal mit einem Vorwort versehen würden, aus denen hervorgeht, daß es sich um lustige Sammlungen von Mythen, Sagen, Geschichten und anderem Firlefanz handelt, den man nicht gar zu ernst nehmen sollte.
Ich bin mir aber sicher, daß dagegen sehr viele Leute vehement protestieren würden.

Evangelikale Christen in den USA und anderswo benutzen dieses lächerliche Vorgehen heute noch, wenn sie behaupten, daß die sogenannte Schöpfungslehre dasselbe Gewicht haben müsse wie einige Jahrhunderte Forschung verschiedenster Bereiche, nur weil sie daran glauben wollen. Denn glauben ist immer einfacher als wissen. Evolutionstheorie wird von ihnen mit absurdesten Methoden bekämpft, unter anderem mit einer geradezu unglaublichen Arroganz und Stumpfsinnigkeit, die einen Menschen, der sein Hirn tatsächlich benutzt, in den Wahnsinn treiben kann.

Da wird dann gerne vorgebracht, Evolution sei ja ,,nur eine Theorie” und insofern könne das ja nicht richtig sein. Das auch Gravitation nur eine Theorie ist, daß eine Theorie das höchste ist, was aus einer wissenschaftlichen Hypothese werden kann, weil es eben in den Wissenschaften keine absoluten Wahrheiten gibt, ist für diese Menschen zu hoch.
Das man dieses Argument exakt gleich auf die Behauptung anwenden kann, die Erde und alles auf ihr seien von einem Gott geschaffen, wird natürlich empört zurückgewiesen, denn schließlich stützt sich die Bibel, dieses Heilige Buch, ja auf das Wort Gottes. Wobei ich da gerne noch einmal die Frage in den Raum werfen möchte, wer denn gleich diese Ausgabe, mit der da rumgewedelt wird, übersetzt hat und aus welcher Sprache? Weiterlesen