Mythopolis

– III –

Das technologische Dogma

„My friend asked me to use a USB port to charge his cigarette, but I was needing it to charge my book.
The future is stupid.“
some guy on the Internet

Ich mag Zugfahrten. Ich habe schon vor mehr als einem Jahrzehnt mein letztes Benzinvehikel verkauft und seitdem bewege ich mich mit Rad, Füßen und eben Zügen durch den Alltag. Klar kommen Züge mal zu spät, ab und an liegt eine Kuh auf dem Gleis oder ein Baum. Aber im Großen und Ganzen muß ich persönlich dem deutschen ÖPNV-System doch eine gewisse Brauchbarkeit attestieren. Kein Vergleich zur Schweiz, aber von englischen Verhältnissen eindeutig so weit entfernt wie ein Sigmar Gabriel von sozialdemokratischer Politik. Es ist auch nicht der Fernverkehr, in dem die Bahn ständig versagt. Über den läßt sich nur spektakulärer berichten. Es ist der Nah- und Regionalverkehr, der unglaublich gruselig sein kann und oft auch ist. Trotzdem mag ich Zugfahrten. Wenn mehrere hundert Tonnen Stahl über die Schiene gleiten, das Rheinpanorama rechter Hand neben mir, Sonnenlicht über dem Flußtal, während ich von dem Buch in meiner Hand aufblicke – das ist mit einer Autofahrt einfach nicht vergleichbar.

Ich habe schon immer davon geträumt, die manchmal durchaus bequeme Nutzung eines Autos mit der angenehmen Seite von Eisenbahnen zu verbinden.
Wenn selbstfahrende Autos existierten, könnte man ich davon eines im örtlichen Pool der Stadt bestellen, wenn ich denn dringend irgendwohin fahren muß. Ich sage dem Zentralrechner der Stadt Bescheid und fünf Minuten später steht das Fahrzeug vor der eigenen Tür. Ich steige in die Kiste und weise mich gegenüber dem Bordrechner aus. Mit Stimmabdruck, Handlinien, Retinascan – die Möglichkeiten sind vielfältig.
Dann sage ich dem elenden Navigationssystem, wo ich hin will, und die Möhre fährt los, um mich meinem Ziel entgegenzutragen. Dort angekommen, steige ich aus und das Fahrzeug bewegt sich zurück in den Pool oder eben zum nächsten Kunden, der es soeben angefordert hat.
Während dieser Fahrt scannt das Fahrzeug sein Inneres, stellt fest, das alles soweit in Ordnung ist, und schickt einen Satz Daten an den Zentralrechner der Stadt, der daraufhin die entsprechende Gebühr von meinem Konto einzieht. Das wird mir entsprechend mitgeteilt, der freundliche Muttercomputer sendet eine Botschaft und die Rechnung an mein Smartphone, mein Tablet, mein Fitnessarmband oder an irgendein anderes digitales Gadget, das man eben so mit sich herumträgt.
Gleichzeitig mit dieser Mitteilung verwandelt sich der bisher gespeicherte, persönliche Datensatz in den Computern in einen statistischen Datensatz.
Konnte man eben noch lesen „Person X von A nach B transportiert“ ist nun in den Datenbänken nur noch ein „Fahrt von A nach B“ zu finden.
Denn den ersten Datensatz brauchten die Computer nur bis zur Bezahlung der Gebühren und die ist ja gerade erfolgt. Die statistischen Daten brauchen sie, um den einzelnen Mietmodulen die entsprechenden Wartungsintervalle zuzuweisen. Die anfängliche Identifizierung dient natürlich auch dem Zweck, Vandalismus zu verhindern. Immerhin wissen wir alle, wie viele junge Menschen heute ihren Bildungsstand gerne damit ausdrücken, daß sie ihren Namen in die Scheiben und Sitze öffentlicher Verkehrsmittel kratzen.

Denn Hohepriestern des Fortschritts würde diese Vorstellung meinerseits sicherlich gefallen. Ganz besonders, wenn ich jetzt noch sage, daß ich dieses Szenario schon seit zwanzig Jahren in meinem Kopf herumtrage. Und jetzt beginnt es tatsächlich, Wirklichkeit zu werden. Nichts von dem, was ich gerade beschrieben habe, ist unmöglich, zu teuer, zu gefährlich oder aus technischen Gründen nicht machbar. Da sage noch einer, es gäbe keinen Fortschritt mehr. Oder womöglich, daß Fortschritt an sich bald nicht mehr existieren wird. Lächerliche Vorstellung!
Nein, Technologie wird immer einen Lösungsweg finden.

An dieser Stelle ist es dann meine Aufgabe, die Hand zu heben, zu lächeln, und eine weitere Frage zu stellen: Was ist eigentlich diese „Technologie“ von der die Apologeten des unendlichen Fortschritts immer wieder reden?
Oder, um mal die unsterblichen Worte des Lehrers in einem irgendwie zum Kultfilm mutierten Uralt-Streifen zu zitieren: Wat is’n Dampfmaschin‘?

Meine Behauptung sieht folgendermaßen aus: Technologie in dem Sinne, in dem das Wort von den Wissenschaftlern und Ingenieuren der heutigen Zeit benutzt wird, existiert ebensowenig wie es den linearen, unendlichen Fortschritt gibt, der heute längst zur nicht-theistischen Basisreligion unserer Gesellschaft mutiert ist.

Diese Religion hat sich ihre Heiligen erschaffen, ihre großen Helden, die aus der Masse herausragen und alles überstrahlen, deren Taten Auswirkungen über Jahrhunderte gehabt haben. Einstein, Newton, Darwin, ich habe sie alle bereits irgendwo erwähnt. Auch an Märtyrern mangelt es nicht, den Gestalten, die in verzweifeltem Ringen mit den Mächten des Bösen ihr Leben riskiert haben – und manchmal auch verloren – um in ihrer Selbstlosigkeit der Menschheit wieder ein Stück Wissen zu geben, auf das es sie aus dem Dunkel der barbarischen Vergangenheit befreien möge.
Galileo wurde diskreditiert. Giordano Bruno wurde verbrannt. Kopernikus war ein Dämon, Darwin ein Abgesandter des Teufels.
Während die Fortschrittsreligion die Welt übernahm, hat sie alle Stilmittel, Mythen und Sagen absorbiert, die vorher der theistischen Religion gehört hatten. Wie das Christentum den Termin des Weihnachtsfestes aus völlig anderen Regionen aufgesaugt hat, so hat die Religion des Fortschritts die gesamte Struktur des Religiösen übernommen, um das Zeitalter der Vernunft zu seinem Erfolg führen zu können.

Natürlich hat Kopernikus das Weltbild verschoben und Kepler die Bewegungsgesetze dieser neuen Welt mathematisch berechnet. Aber kein Mensch hat zur damaligen Zeit geglaubt, die Erde sei flach, wie es die Prediger der Wissenschaftsreligion noch heute gerne behaupten. Die Idee der runden Erde war zu dieser Zeit gute 1800 Jahre alt und schon vor Kolumbus hätte kein Seemann bestritten, daß er zwar Meerjungfrauen und Klabautermänner gesehen hatte auf seinen Fahrten, aber eben nirgendwo den Rand der Welt gefunden.
Kolumbus selber bekam seine Reisepläne deshalb nicht finanziert, weil viele Experten dieser Zeit gesagt haben: „Der Kerl hat eine Meise“.
Denn der Plan des Italieners war ja, nach Indien zu segeln, aber eben auf einer Westroute. Das ergibt jedoch nur Sinn, wenn man von einer Kugelform der Erde ausgeht. Die Experten erklärten Kolumbus‘ Pläne für nicht machbar, weil dieser in seiner Schätzung behauptete, sein westlicher Seeweg nach Indien wäre um die Hälfte kürzer als der damals übliche um das Kap der Guten Hoffnung herum, also die Südspitze Afrikas. Das führt in der Gegenrechnung zu einer Erdkugel, die wesentlich kleiner ist als das, was man damals so als Größe annahm.
Man könnte sagen, Kolumbus‘ Weltbild entsprach einfach nicht dem Wissen seiner Zeit, war also schlicht nicht gerade das Ei des Kolumbus.
Das war der Grund, warum es die Reisen des nachträglich durchaus berühmten Mannes fast nicht gegeben hätte. In der Schulversion dieser Geschichte ist Kolumbus der Mann, der eine Welt aus widerspenstigen Bürokraten und Theologen davon überzeugen muß, daß die Erde eine Kugel ist, um dann loszusegeln und genau das zu beweisen.

Technologie, dieser imperative Singular, existiert überhaupt nicht und hat auch niemals existiert.

Auch ein Darwin existierte nicht einfach im luftleeren Raum. Ein Mann namens Lukrez beschrieb in De rerum natura“ bereits im 1. Jahrhundert vdZ das Prinzip einer ständigen Veränderung der Natur und auch das Aussterben von Arten, ebenso das Prinzip der Anpassung als Voraussetzung für das weitere Bestehen von Arten. Der Zeitgenosse Darwins, der Geologe Charles Lyell, war ebenso revolutionär wie Darwin, nur eben auf anderem Gebiet, und hat seinen Teil dazu getan, Darwins Gedanken in die entscheidende Richtung zu bewegen. Und das hätte nie funktioniert, wenn es nicht schon vorher erhebliche Zweifel an der von der theistischen Religion vertretenen Wahrheit der Schöpfungslehre gegeben hätte.
Auch ein Einstein existiert nicht einfach als losgelöstes Überwesen. Natürlich war Albert ein echter Oberdenker, aber Grundzüge seiner Relativitätstheorie stammen von Henri Poincaré und von Hendrik Lorentz. Der letztere war niederländischer Mathematiker und entwickelte eine Methode, um Zeit- und Raumkoordinaten in Bezug zu setzen. Dummerweise erarbeitete Lorentz diese Methoden im Rahmen seiner Version der Ätherhypothese, er ging also noch immer davon aus, daß dieses geheimnisvolle Dingsbums, das man im 19. Jahrhundert als Füllstoff des Universums annahm, eben auch vorhanden sei. Letztlich führte aber dieses richtige Denken in der falschen Richtung zur Annahme der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit, die wiederum Einstein zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen machte.

Doch was hat all das mit Technologie zu tun?
Ebenso wie die Legendenbildung um die Heiligen der Wissenschaften nicht der Wahrheit entspricht – also dem tatsächlichen Ablauf der Dinge in der realen Welt – ist es mit der „Technologie“. Sie existiert im behaupteten Sinne überhaupt nicht. Das hindert aber die Verkünder in ihren Laborkitteln nicht daran, immer wieder davon zu reden, daß Technologie uns retten wird. Wovor genau auch immer.
Wenn die Menschheit in die malthusianische Falle zu laufen droht, kommt Technologie zu Hilfe. Man nennt das heute die „Grüne Revolution“ und sie hat vor etwa 60 Jahren stattgefunden.

In dieser Revolution ziehen heldenhafte Wissenschaftler aufs Land hinaus, um den unwissenden Bauern zu erklären, wie sie in Zukunft all das, was Bauern schon seit Jahrtausenden tun, viel besser machen können.
Warum diese kleinen Felder? Nimm große Felder! Nimm einen Traktor statt eines Pferdes! Streu dieses Zeug auf in den Boden und sprüh dieses Zeug auf deine Pflanzen und du wirst Ernten einfahren wie noch nie einer vor dir.
So etwa wird das heutzutage dargestellt.
Man wechselte also vor einigen Jahrzehnten von Mischbebauung und nach heutigen Maßstäben eher kleinen Parzellen auf gigantische Monokulturen. Denn nur diese lassen es machbar erscheinen, den hohen Preis für einen Traktor und anderes Gerät auch wieder reinzuholen. Nur auf diesen riesigen Ackerflächen ergibt der Einsatz schwerer Maschinen für alle möglichen Zwecke überhaupt einen Sinn, zumindest oberflächlich betrachtet.
Statt Naturdünger wurde in großen Mengen Kunstdünger eingesetzt. Da die Monokulturen anfällig sind für Schädlinge, wurden die Pflanzen mit Pestiziden besprüht. Da zwischen dem Getreide wachsende andere Pflanzen, sprich „Unkraut“, das effiziente Ernten mit großen Maschinen behindern, sprühte man noch gleich Herbizide mit dazu. Und so entwickelte die Menschheit das, was wir heute völlig irreführend Landwirtschaft nennen, noch einmal völlig neu. Ein großartiger Triumph der Technologie!

Aber welcher eigentlich?

Der Traktor ist nicht denkbar ohne die Erfindung des Verbrennungsmotors, jedenfalls nicht in seiner heutigen Leistungsfähigkeit. Es gab auch Anfang des 20. Jahrhunderts bereits Mähdrescher und anderes Zeug, allerdings wurden die von einem halben Dutzend Pferden gezogen. Funktioniert auch, nur eben anders. Für die wirklich riesigen Flächen braucht man einen Motor.
Dieser Motor muß mit irgend etwas angetrieben werden, in Falle unserer Traktoren üblicherweise mit Diesel. Dieses Zeug wiederum muß man aus irgendwas gewinnen, nämlich aus Erdöl. Das wiederum erfordert eine Raffinierie. Die wiederum erfordert ein bestimmtes Wissen über das, was mit Erdöl passiert, wenn man es unter Druck erhitzt, also Chemie.
Die Chemie ist es auch, die künstlichen Dünger ermöglicht, indem man den in der Erdatmosphäre reichlich vorhandenen Stickstoff bindet. Es ist dieselbe Chemie, die im Zusammenspiel mit Raffinerien und Erdöl dann so etwas wie DDT erfindet, um die Nahrungspflanzen des Menschen vor bösen Konkurrenten zu schützen.
Ach ja, irgendwo muß es auch noch Felder mit Bohrtürmen geben, denn das Erdöl muß irgendwo ja auch aus dem Boden geholt werden. Lastwagen braucht es auch noch, denn das Erdöl läuft ja nicht zu Fuß zur nächsten Raffinerie. Hat man keinen Lastwagen, baut jemand eine Pipeline, was wiederum Pumpen erfordert und Metalle, die auch irgendwo abgeerntet werden müssen, um in einem Stahl- und Walzwerk in die Rohre verwandelt zu werden, die man dann zusammensetzt.

All das führt dann dazu, daß sich immer mehr Dreck in der Umwelt sammelt. Mehr Abgase in der Luft, mehr Gift im Essen. Denn Draufsprühen ist immer einfach. Aber das Zeug auch wieder rauskriegen, das erweist sich als ein Problem, an dem unsere großartigen Wissenschaften bis heute scheitern. Aber das macht ja nichts, denn wir haben heute Grenzwerte. Und zwar für alles, egal, wie giftig es so sein mag.
In arktischen Robben findet man PCB und in Muttermilch noch immer DDT, selbst in Ländern, die das Zeug schon vor vierzig Jahren verboten haben. Was uns in den westlichen Industriestaaten übrigens nicht daran hindert, noch immer was davon herzustellen und es anderen zu verkaufen.
Statt immer weniger Pestizide und Herbizide zu verbrauchen, steigt diese Zahl immer weiter an. Denn auch „Unkraut“ – also unerwünschte Nebenpflanzen – wird auf Dauer unempfindlicher gegen Gifte, mit denen es belästigt wird. Denn jede Generation Mohnblumen entstammt einer langen Reihe von Überlebenden vorheriger Giftattacken. Auch die Methode des Düngens ist nicht zwingend die beste alle Ideen. Viel zu viel Dünger wird in die Flüsse gespült, killt dort mit Algenblüten die Fischbestände und driftet ins Meer hinaus, um dort weitere Algenblüten auszulösen, die dem Wasser den Sauerstoff entziehen und so Todeszonen vor den Küsten erschaffen, die so groß sind wie ganze deutsche Bundesländer.

Technologie ist immer eine ganze Wirkungskette, sie steht nie allein da. Und sie hat Folgen.

Ich erinnere mich, daß in meiner Kindheit die Vögel tagelang auf den Feldern saßen, wenn diese im Frühjahr und im Herbst umgepflügt worden waren. Ist ja auch praktisch, wenn man eine Krähe ist oder was auch immer so durch die Gegend fliegt. Just in dem Moment, in dem man die neue Brut angesetzt hat, kommt der Agrarexperte dahergefahren und pflügt bis in 1,5 Metern Tiefe das Unterste zuoberst. Da würde ich mir als fliegender Vertreter der Ökosphäre auch den Schlabberlatz umbinden und „Mahlzeit“ in die Runde flöten.
Allerdings ist das heute nicht mehr so. Die Bauern pflügen noch immer ihre Felder, wie vor 35 Jahren auch. Aber dann hocken auf einem Hektar ein Dutzend Vögel und die sind nach zwei Tagen wieder weg. Denn sie finden nichts mehr zu Fressen in dem umgewälzten Boden. Wenn man heute mal beherzt in einen Ackerboden greift und ein paar Hände voll genauer betrachtet, stellt man fest, daß es gar kein Boden mehr ist. Es ist toter Dreck. Dieser Dreck wird jedes Frühjahr mit einer kräftigen Impfung an Dünger in etwas verwandelt, auf dem dann noch eine Pflanze wachsen kann. Rein qualitativ sind die heutigen Ackerböden in den Industrieländern oftmals in einem Zustand, über den unsere Urgroßeltern Anfang des 20. Jahrhunderts die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen hätten.

Die „Grüne Revolution“ der 50er Jahre, heute noch als ein Triumph der Technologie verkauft, war also weder besonders grün noch eine Revolution. Und sie ist keine Technologie, denn die gibt es nicht. Wir haben es hier mit einem Zusammenspiel aus Dutzenden von Dingen zu tun, die alle wiederum ihre eigenen Voraussetzungen für ihr Funktionieren haben.
Was die Priester der Wissenschaftsreligion uns immer als „Technologie“ verkaufen wollen, ist in Wahrheit ein ganzes Bündel verschiedenster Dinge, die alle ineinandergreifen müssen, damit alles so weiterläuft, wie wir das gewohnt sind. Genauso wie man das verdammte Textverarbeitungsprogramm Word von Microsoft nicht einzeln kaufen kann, sondern es immer Bestandteil der „Office Suite“ ist, wie das so schön heißt, ist auch der Singular „Technologie“ der uns immer wieder um die Ohren gehauen wird, eine ganze Suite aus Technologien.
Außerdem haben alle diese Dinge ihre Auswirkungen auf die Welt, meistens keine besonders guten. Aber die weißbekittelten Priester der Wissenschaft tun immer so, als würde Technologie im Singular existieren und als hätte sie keinerlei Folgen, jedenfalls keine negativen.

Doch auch das entspricht eben nicht den Fakten. Gehen wir für den Moment davon aus, daß der Fortschritt tatsächlich so unendlich fortsetzbar wäre, wie uns das immer wieder gepredigt wird. Was würde dann in der Zukunft auftauchen?
Nun, so etwas wie Nanoglas zum Beispiel.

Nanoscheiben bestehen aus schlichtem Glas, das mit Gruppen aus Titandioxidatomen beschichtetet ist. Es ist in der Lage, mit minimalen Ladungsunterschieden den sich absetzenden Schmutz auf einer Scheibe quasi elektrochemisch zu zerbröseln. Die Interaktion zwischen dem normalen UV-Licht und den Titangruppen lädt den Umgebungssauerstoff elektrisch auf, der wiederum anschließend Schmutzpartikel zersetzt. Anschließend kann normales Regenwasser den Schmutz fortspülen, der auf der nanobehandelten Oberfläche auch nicht mehr haftet.
„Deinen Job macht jetzt ein Stück Silikon“, sang Klaus Lage einmal in den 1980ern so unsterblich wie sachlich falsch. Denn Computerchips bestehen üblicherweise nicht aus Silikon, das sind die künstlichen Titten der Pornodarstellerinnen.
Computer-CPUs bestehen aus Silizium. Die Ähnlichkeit der dafür zuständigen englischen Worte, nämlich „silicon“ für Silizium und „silicone“ für die dicken Titten, erleichtert die Verwechslung.
Außerdem bestehen CPUs aus Galliumarsenid, aus Indium und anderem Zeug, von dem es insgesamt auf der Erde nicht gerade endlose Mengen gibt. In moleküldicken Lagen werden derartige Materialien übereinandergeschichtet, um dann für 600 Euro beim Elektomarkt eine Rechenleistung kaufbar zu machen, die vor 35 Jahren noch im Reich der Supercomputer schlummerte.
Aber wenigstens kann man den Jobvernichter im Song von Klaus Lage noch anklagend anschauen, denn er ist dafür groß genug. Molekülgruppen aus Titandioxid auf Fensterscheiben eignen sich nicht für Arbeiterlieder mit Klampfe-und-Lagerfeuerstimmung.
Aber sie werden bereits so manchen Fensterputzerplatz an 300 Meter hohen Bürotürmen technologisch überflüssig gemacht haben, denn dieses Glas existiert bereits. Seine Auslieferung in steigenden Stückzahlen dürfte nur eine Frage der Anzahl weiterer gläserner Bankenpaläste sein, die demnächst weltweit so gebaut werden.
Technologie, oder besser, die Kulisse, die wir singulär mit diesem Begriff belegen, hat also sehr wohl Auswirkungen auf die Welt. Sei es toter Boden, tote Meere, giftiges Essen oder wegfallende Berufe und verschwindende Arbeit durch den vielgepriesenen Fortschritt. Gut, wir haben erzeugen mehr Nahrung pro Hektar als vor 60 Jahren, das ist richtig. Wobei hier eine weitere „Technologie“ ins Spiel kommt, nämlich diese Sache mit den genmanipulierten Pflanzen. Aber wir bezahlen dafür als Zivilisation und individuell einen Preis, der wesentlich höher liegt als das, was wir finanziell im Supermarkt an der Kasse berechnet bekommen.

0068-01 Hyperloop

Bild: Modellentwurf des „Hyperloop“, eines neuen Superzuges, den der Technikprophet Elon Musk, der Gründer von SpaceX und Hersteller des Elektrofahrzeugs Tesla, bald in Betrieb nehmen möchte. Ich sage bereits jetzt das Versagen dieser technologischen Wundervision voraus.

Zum Glück für uns alle ist aber der Fortschritt nicht unendlich fortsetzbar. Er beschleunigt sich auch nicht exponentiell, wie der einleitende Satz der vorletzten Woche das so behauptet hat. Und auch die Technologie wird uns nicht retten können, denn erstens müßte sie uns großteils vor den Folgen der Technologie retten und zweitens existiert Technologie eben gar nicht wirklich.

Mit dem immer offensichtlicher werdenden Niedergang des Zeitalters des Fortschritts, mit dem immer deutlicher zutage tretenden Versagen der Fortschrittsreligion, ihre Versprechen auch zu erfüllen, wird sich ein bestimmtes Muster etablieren.
Immer häufiger und immer schriller wird irgendwer verkünden, daß man jetzt endlich genau das Dingsbums erfunden hat, mit dem alle Probleme gelöst werden können und wir alle so weitermachen können wie bisher, nur schneller, größer, weiter. Ebenso wird man immer öfter großartige Ankündigungen hören, wie denn das Morgen von heute so aussehen wird.
Da wäre beispielsweise die Ankündigung des Hyperloop in Kalifornien.
Eine völlig neue, innovative Art, mit einem Zug zu fahren. Oder besser, zu schweben. Der Hyperloop ist nichts weiter als eine Magnetschwebebahn, die aber eben in einem Tunnel fährt, der mehr oder weniger luftleer ist. Da es dadurch keinen oder fast keinen Luftwiderstand mehr gibt, kann das Ding enorme Geschwindigkeiten erreichen.
Ich empfehle den verlinkten Artikel ausdrücklich als genau die Art öffentlichen Wettwichsens in Sachen „Technologie“, die uns in der Zukunft mit zunehmender Häufigkeit begegnen wird.

Die Ankündigungen, die die Großartigkeit des technologischen Gottes preisen, werden sich häufen. Und lauter werden.

Wahre Wunder werden da versprochen, unter anderem auch, daß ein derartiges Zug-in-Röhre-System mehr Energie erzeugen soll als es verbraucht. Aber natürlich, sicher. Die Beschleunigung eines Zuges unter Aufrechterhaltung tragender Magnetfelder verbraucht ja auch keine Energie. Dazu kommen noch die Materialien, aus denen die Transportkapseln bestehen und der Energieaufwand, um das gesamte Dingsbums auf seinen Stelzen erst einmal zu bauen.
Auch die Baukosten sind mit 12 Millionen Euro pro Streckenkilometer ein Beispiel für völligen Realitätsverlust in meinen Augen. Ich erwähne mal kurz an dieser Stelle, daß die Verlängerung der Berliner Stadtautobahn für eine Strecke von etwa 3,2 Kilometern auf gute 475 Millionen Euro kommen soll. Beim Bau von Autobahnen handelt es sich um eine Technik, die schon seit längerem benutzt wird und die man wohl durchaus als ausgereift bezeichnen kann.
Aber ein Transportmittel wie der Superzug, dessen Röhre ja sicherlich nicht aus Pappe bestehen wird, kostet fast nichts?
Ich bin kein Ingenieur, aber mir fallen noch weitere kurze Einwände ein. Nämlich die Frage, wie man das Röhrensystem überhaupt dicht bekommt und auch so hält. Denn sollte irgendwo ein Siegel brechen und einer der Wunderzüge mit 1200 km/h plötzlich in eine Wand aus normal dichter Atmosphäre knallen, möchte ich da nicht an Bord sein. Eigentlich möchte ich das ohnehin nicht, denn nichts davon hat mit der Zugfahrt zu tun, die ich eingangs beschrieben habe.

Aber ich bin optimistisch, daß dieser Hyperloop nicht stattfinden wird. Ich bin mir sogar sicher, daß das nicht der Fall sein wird. Denn ich kenne das Konzept aus einem SF-Roman. Allerdings aus einem aus dem Jahre 1968. Hier heißt die Hyperloop-Technik Akzelera-TUnnel oder RapiTrans und stammt aus der Feder des von mir geschätzten Autors John Brunner. Brunner beschreibt eine Welt im Jahre 2010 mit dem Focus auf die USA, in der Industriekonzerne ganze Entwicklungsländer aufkaufen, der Staat das Monopol auf den Drogenhandel hat – in diesem Falle ist die Droge Cannabis – und die USA einen Krieg in einem fiktiven Pazifikstaat führen, der sich immer weiter hinzieht und dazu geführt hat, daß Veteranen, die nach Hause zurückkehren und keine Beschäftigung finden, gerne auch mal Terroranschläge im eigenen Land verüben. Beispielsweise auf Hyperloop-Züge.
Der Roman Morgenwelt ist ein mit großer Treffsicherheit geschriebenes Stück Zukunft, wobei man auch hier sieht, daß der Autor immer ein Kind seiner Zeit ist. Denn der Krieg weit weg mit seinen sinnlosen Toten und die Sache mit dem Kiffen paßt in die Vietnamkriegs-USA der Endsechziger natürlich perfekt. Trotzdem denke ich, daß Brunner sich in Bezug auf die Zugreisen geirrt hat.

Ich denke auch nicht, daß sich die Zukunftsvision mit dem Ausleihen eines selbstfahrenden Autos – also eines Auto-Autos, wenn man so will – die ich eingangs beschrieben habe, so in der Zukunft manifestieren wird.
Der Grund liegt hier nicht in der eigentlichen Technologie, oder besser, dem Technologie-Bündel, das dieses Szenario ermöglichen würde. In meinem Beispiel werden selbstverständlich personenbezogene Daten übermittelt und auch gespeichert. Sie werden nur kurzfristig gespeichert und natürlich würden sie in meiner Zukunftswelt auch verschlüsselt übertragen.
In einer Serie wie „Star Trek – Next Generation“ verbindet der Bordcomputer des Schiffes eine Person jederzeit ohne großen Aufwand mit jeder anderen an Bord. Aber das ist nur möglich, wenn der Computer die ganze Zeit mit einem halben Ohr zuhört. Das Wort „Privatsphäre“ in unserem heutigen Sinne existiert in der schönen heilen Föderationswelt nicht mehr. Jedenfalls nicht an Bord eines Raumschiffes.

Die Menschen dieser Welt und auch meiner Zukunftswelt nehmen all das als gegeben hin, weil sie drauf vertrauen können, daß niemand ihre Kommunikation abhören möchte. Der Zentralrechner der Stadt, wie ich ihn vorhin beschrieben habe, sammelt die Daten aus bestimmten Gründen. Nämlich einfach, um den Betrieb des Gesamtsystems zuverlässig aufrechterhalten zu können, das nur dann mit bester Effizienz funktionieren kann. Niemand interessiert sich für die Daten im Computer außer dieser selbst. Und das auch nur so lange, bis die Rechnung bezahlt ist.
Auch hier kann ich also darauf vertrauen, daß niemand meine Handlinien, meinen Retinascan oder meinen Stimmabdruck für irgendeinen Zweck mißbraucht oder die Daten einfach mal so speichert, weil er mich und alle anderen unter kriminellen Generalverdacht stellt.

Eben dieses Vertrauen fehlt unter den heutigen politischen und gesellschaftlichen Dingen vollkommen, und das hat seine guten Gründe. Selbst wenn es den städtischen Zentralrechner also gäbe, bei dem ich mir bei Bedarf mal ein Fahrzeug leihen könnte – ich würde diese Dienstleistung unter den Rahmenbedingungen der heutigen Zeit nicht benutzen wollen.
„Technologie“, so zeigt sich, ist also auch abhängig von den jeweiligen politischen und soziologischen Gegebenheiten, sowohl in ihrem Vorhandensein als auch in ihrer Akzeptanz.
Ein aktuelles Auto-Auto, das ohne Eingreifen des Fahrers sein Ziel ansteuert, müßte erst einmal so fahren dürfen, was es aber nach den meisten Gesetzen eben nicht darf. Außerdem könnte man so einen Wagen ja womöglich hacken.
Im Idealfall braucht ein Auto-Auto auch eine computerisierte Straße, denn dann muß man den ganzen Schnickschnack nicht in das Fahrzeug einbauen. Warum sollte jedes Auto Sensoren für alles haben, wenn man die Hälfte der Information auch von der Straße kriegen kann?
Das setzte allerdings einheitliche Protokolle voraus bei der Datenübertragung. Die wiederum müßten hacksicher verschlüsselt sein.
Spätestens hier rede ich über Konzerne, die sich nicht einmal auf einheitliche Standards bei Ladegeräten für Smartphones verständigen können, weil es ihre Gewinne schmälert. Die Klagen wegen abgerundeter Ecken für „Patentschutz“ halten. Die seit nunmehr 20 Jahren das Internet verhunzen und aus einer dezentralen Infrastruktur ein zentralisiertes Unding gemacht haben, in dem man sich nicht einmal auf einheitliche Protokolle verständigen kann ohne jahrelanges Gewurbel in irgendwelchen Gremien.

Man könnte auch einfach so ein voll fortschrittliches Auto fahren, wie ich früher eins hatte. Keine elektrischen Fensterheber. Keine Klimaanlage. Weniger als drei Dutzend Multifunktionshebel ums Lenkrad, also extrem bedienerfreundliches Interface. Moderne Autos sehen da aus, als hätte die Xbox mit der PS4 ein häßliches Kind gezeugt. Und wenn man die Tür aufmachen wollte, mußte man den Schlüssel ins Türschloß stecken und drehen. Heute piepst das ganze Auto und dann geht die Tür trotzdem nicht auf, bis der ADAC-Notdienst dann den Bordcomputer anzapfen kann und der die Diagnose verkündet: „Kaputt“.
Ach ja – extra herstellen müßte man ein solches Fahrzeug dann auch nicht, im Gegensatz zu den tollen neuen Auto-Autos. Aber natürlich ist diese Vorstellung nicht kompatibel mit der Fortschrittsreligion und ihrem Dogma der endlosen Verbesserung des Lebens durch Technologie™.

Bereits das Morgen von gestern hat sich ja im Heute als ziemlicher Unsinn herausgestellt. Warum sollte es mit dem Morgen von heute soviel anders sein?
Nein, ich bin mir völlig sicher, das die Zukunft aus wesentlich mehr gemütlichen Zugfahrten bestehen wird, als die Verkünder des technologischen Fortschritts sich vorstellen wollen. Wobei sich früher oder später auch das mit dem Zug fahren als problematisch herausstellen wird.
direkt zu Teil IV
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Das Beitragsbild ist von Wladimir Matyuhina. Den Künstler findet man beispielsweise hier.

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