Die Lange Dämmerung

– IV –

Kein Gott in der Maschine

,,I have seen the science I worshiped and the aircraft

I loved, destroying the civilization that

I expected them to serve.“
Charles Lindbergh

Auf dem Gipfel eines Berges stehen ist großartig. Dieser Ausblick! Diese Luft! Diese kühle und dünnere Luft, die mit sinkender Sonne immer kälter wird und die einem klarmacht, daß man sich jetzt besser in Bewegung setzen sollte, möchte man sich nicht sehr bald den Hintern abfrieren.
Also begibt man sich irgendwann wieder an den Abstieg. Nachdem man ausgiebig das Panorama genossen und ein wenig Rast gemacht hat natürlich, denn wozu wäre man schließlich sonst auf den verdammten Berg geklettert?
Was aber völlig egal ist, ist die Himmelsrichtung, die man einschlägt. Denn jedem sollte klar sein, daß es von diesem Punkt aus abwärts geht, wie das Wort Abstieg auch schon leise andeutet. Vom Gipel eines Berges aus gibt es einfach keine andere logische Möglichkeit.

Keine Zivilisation auf der Erde hat einen so gewaltigen Aufstieg hinter sich wie unsere, die technologische globale Zivilisation des beginnenden 21. Jahrhundert ndZ. Das Zeitalter des Anthropozän, also das Zeitalter des Menschen, wird nicht nur so benannt, weil Mensch dieses Zeitalter quasi beherrscht. Die Wissenschaftler, die diese Bezeichnung ins Spiel bringen, sind Geologen und Paläontologen, also der Typ Nerd, der es gewohnt ist, mit sehr großen Zeiträumen umzugehen. Wir reden hier nicht von einer Woche oder einem Jahrhundert. Die Bezeichnung Anthropozän beruht vor allem darauf, daß die Folgen der Anwendung unserer Technologie inzwischen Spuren hinterlassen haben, die noch Jahrtausende lang zu sehen, zu spüren und zu messen sein werden. Seit etwa sechs oder sieben Dekaden setzen wir mehr und mehr Chemikalien und chemische Verbindungen frei, die in dieser Form natürlicherweise nicht vorkommen. Die Trümmer unserer angewandten Wissenschaften überziehen den Planeten inzwischen lückenlos. Das reicht von den Resten der auf Felder gespühten Pestizide oder Herbizide bis hin zu den strahlenden und überaus tödlichen Hinterlassenschaften der Kernspaltung, mit denen wir immer noch nicht wirklich etwas anzufangen wissen. Aller Wahrscheinlichkeit werden wir das auch nie, denn trotz allem müssen sich auch und gerade menschliche Wissenschaften an die Naturgesetze halten. Ein Punkt, der von den Anhängern des Technologie-Glaubens gerne zur Seite geschoben wird. Wie alles andere ist auch technologischer Fortschritt nicht endlos, weder in seinen Möglichkeiten noch seiner Geschwindigkeit, und er unterliegt ebenfalls dem gnadenlosen Gesetz des Abnehmenden Ertrages.

Die Gebrüder Wright waren in der Lage, der Menschheit mit Hartnäckigkeit und Bastelei in ihrem Fahrradladen die Möglichkeit des Motorfluges zu erschließen. Sie wären aber niemals dazu in der Lage gewesen, aus der hohlen Hand heraus das Düsentriebwerk zu erfinden.
Nachdem sich herausgestellt hatte, daß der Verbrennungsmotor das geeignete Werkzeug war, um einen aus Sperrholz und Draht zusammengezimmerten Vogel fliegen zu lassen, war die Luft wenig später voll von Flugpionieren, die ihre Flieger üblicherweise selber zusammenbauten. Der Praxistest ersetzte das Labor. Doch es dauerte nicht lange, bis spezielle Flugzeugmechaniker auftauchten, denn die Komplexität der Flugmaschinen wuchs ebenso rasch wie ihre Leistungsfähigkeit. Die wiederum hing unmittelbar mit den Motoren zusammen, an denen Horden von Ingenieuren herumzubasteln begannen, um aus dieser Maschine mehr Leistung herauszuholen. Denn mehr Leistung bedeutete automatisch die Verwendung anderer Materialen, stabilerer und schwererer Materialien, und daraus resultierte eine wahrhaft exponentielle Steigerung der Fähigkeiten eines Flugzeugs.
Bereits die Spirit of St. Louis von Mr Lindbergh hat mit dem Flyer 1 der Wrights nur noch wenig gemein außer der Tatsache, daß beide eben Flugzeuge sind. Ihre Leistungsmöglichkeiten könnten unterschiedlicher kaum sein. Die Motoren wurden weiter stärker und blieben dabei kompakt, bald wurden Doppeldecker und Dreidecker, im 1. Weltkrieg noch der Standard, als hoffnungslos veraltet in die Museen gestellt. Der Ganzmetall-Tiefdecker wurde zum Standard der Produktion und der Technik, ein Schritt, der diese Art Flugzeuge etwa so weit von der Spirit entfernte wie diese eben vom Flyer entfernt war. Gerade einmal 3 Jahrzehnte nach dem ersten Motorflug der Geschichte gingen Maschinen dieser Art in Serienproduktion, mehrere hundert Kilometer pro Stunde schnell, in der Lage, in mehreren tausend Metern Höhe zu fliegen und dabei eine Last zu tragen, die im Bereich von Tonnen liegen konnte.
War der Luftkrieg im 1. Weltkrieg noch ein Tummelplatz für ritterliche Heldengeschichten, war er im 2. Weltkrieg nichts weiter als ein Teil des endgültig industrialisierten blutigen Schlachtens ganzer Völker. Die angewandten Wissenschaften bestanden darin, möglichst viele Bomben über den Köpfen möglichst vieler Zivilisten abregnen zu lassen und die Städte des Feindes mitsamt ihren Einwohnern von der Landkarte zu wischen. Dank der verbesserten Reichweite der Flugzeuge fanden diese Zerstörungen jetzt nicht nur in einem relativ schmalen Geländestreifen statt, wie es im erstarrten Stellungskrieg der Jahre 1914-18 noch der Fall gewesen war. Diesmal kam die Vernichtung des Lebens überall hin, der neue, fossil angetriebene Bewegungskrieg des 20. Jahrhunderts erklärte komplette Länder zum Schlachtfeld.
Natürlich hatten die Wrights nicht die Absicht, derartige Dinge in Bewegung zu setzen. Rational betrachtet handelte es sich hierbei schlicht um die Verbesserung eines neuen Werkzeugs, das auf wissenschaftlichen Prinzipien beruhte, die man endlich gut genug verstand, um sie in etwas Praktisches umzusetzen.

Die fundamentale Bereitschaft, Altes zu verwerfen, führt manchmal erst zum Durchbruch.

Für mich stehen die Gebrüder Wright für etwa anderes. Denn die beiden hatten enorme Probleme, ihren Traum vom Fliegen zu verwirklichen. Immer wieder waren sie in die Dünen von Kitty Hawk gefahren, um mit ihren Modellen zu experimentieren. Motorlose Modelle, denn die Wrights gingen methodisch vor und wollten sich erst einmal über das Prinzip des Auftriebs klarwerden und über die dafür notwendige Form der Tragflächen. Diese wiederum entnahmen die beiden Brüder der Arbeit eines anderen berühmten Mannes, der für seinen Traum vom Fliegen schließlich sogar starb: Otto Lilienthal.
Bereits in den 1880ern und 90ern hatte der berühmte Flugpionier mit seinen Segelfliegern deutliche Fortschritte erzielt, was das Gleiten durch die Luft anging. Mangels Technik konnte sich Lilienthal nicht an den Motorflug wagen, aber er sammelte sehr viele Erfahrungen bezüglich des Verhaltens von Fliegern, die er mehr oder weniger akribisch in Notizbüchern zu Papier brachte. Eine umfassende Tabelle von Tragflächenneigungen, -zuschnitten und -eigenschaften war so entstanden. In der festen Überzeugung, diese Daten verwerten zu können, gingen die Wrights als glückliche Nutznießer der Aufzeichnungen daran, Lilienthals Tabellen in die Praxis umzusetzen, um so die beste Form einer Tragfläche für ihren Zweck zu finden.
Das Dumme war nur, daß es nicht funktionierte. Nichts von dem, was Lilienthal geschrieben und beschrieben hatte, schien wirklich brauchbar zu sein. Was sich im Gleitflug bewährte, stürzte kläglich nach winzigen Hüpfern wieder zu Boden, sobald die Gebrüder Wright versuchten, es mit Motorkraft fliegen zu lassen.
Was auch völlig einleuchtend ist. Denn Lilienthal hatte seine Erfahrungen mit Neigungswinkeln, Flugverhalten, Windgeschwindigkeiten und Auftrieb eben durch den motorlosen Flug gesammelt. Anders gesagt waren Lilienthals Aufzeichnungen großartig geeignet für jemanden, der einen Gleitflieger bauen wollte. Für jemanden, der den Motorflug in einem selbstangetriebenen Flugzeug erfinden wollte, waren Lilienthals Werte nicht brauchbar.
Beides ist zwar irgendwo Luftfahrt, aber schon die Strömungsdynamik an der Tragfläche ist bei einem Motorflieger völlig anders als bei einem Gleiter oder Segler. Man kann das heutzutage auf jedem Segelflughafen erkennen – die Tragflächen eines Seglers haben eine deutlich andere Form als die eines Motorfliegers. Beides fliegt, ist aber trotzdem nur bedingt vergleichbar.
Die Wrights kamen schließlich zum gleichen Schluß, warfen die Notizen Lilienthals in den Mülleimer und begannen in ihrem Fahrradladen, selber mit Tragflächenprofilen zu experimentieren. Das war der Moment, in dem aus zwei Fahrradmechanikern echte Gestalter wurden.
Es sind solche Momente, in denen echte Innovation in der menschlichen Geschichte stattfindet, Augenblicke, aus denen tiefgreifende Veränderungen erwachsen können und auch immer wieder erwachsen sind. Es ist exakt der Augenblick, in dem sich die Wrights von der Arbeit eines Vorgängers lösten, in dem sie den Weg zum Erfolg ihrer Bemühungen einschlugen. Hätten sie das nicht getan, hätte es keinen Motorflug gegeben, der mit ihrem Namen bis heute verbunden ist.
Erst wenn man in der Lage ist, sich aus einem vorgegebenen Muster zu befreien, kann eine wirklich tiefgreifende Veränderung stattfinden. Eine grundlegende Bereitschaft, alles in Zweifel zu ziehen, die Dinge zu hinterfragen und ihnen auf den Grund zu gehen, ist die Basis jeglicher Wissenschaft.
Echte Innovation beinhaltet aber, Dinge zu bezweifeln und zu hinterfragen, die jeder andere für selbstverständlich und auch richtig hält. Meist geschieht das mit der Begründung, daß andere das vorher auch schon für richtig gehalten haben. Innovation beinhaltet also auch die Gefahr, sich in den Ruf eines Spinners zu begeben, weil man Dinge in Frage stellt, die andere Menschen überhaupt nicht anzweifeln würden. In dem Moment, in dem die Wrights den Mut hatten, Lilienthals Tabellen als für sie unnütz zu verwerfen, wurden sie zu den Leuten, die das bisher Unmögliche schaffen konnten.

Auch sehr gut zu sehen ist am Beispiel der Fliegerei der Prozess der Komplexifizierung. Kein Fahrradmechaniker käme heute noch auf die Idee, ein Flugzeug erfinden zu wollen. Das hat natürlich mit der Tatsache zu tun, daß es die längst gibt, aber eben auch damit, daß Menschen, die Flugzeuge entwerfen, heute aller Wahrscheinlichkeit nach einen Doktorgrad der Ingenieurswissenschaften mit sich herumtragen oder einen der Physik oder beides.
Heutige Flugzeuge werden nicht auf Dünen heraufgezogen und wieder heruntergeschubst, um ihr Verhalten zu testen. Heutige Flugzeuge entstehen als Simulation im Computer, und ihre Flugeigenschaften werden bis auf die dritte Dezimalstelle nach dem Komma ausgeknobelt, noch bevor sie auch nur eine Sekunde außerhalb der Matrix existiert haben. Für diese Simulationen wiederum braucht man wieder andere Experten mit Doktortitel, denn schließlich muß man die Wünsche der Ingenieure in dreidimensionale Bilder übersetzen und dem Computercluster das Ganze in einer für ihn verständlichen Sprache beibringen. Die Spirit of St Louis hatte ein Startgewicht von 2,3 Tonnen. Ein Kampfflieger im 2. Weltkrieg wie eine Bf-109  wog etwa 4 Tonnen. Ein Triebwerk eines A380 bringt eine Masse von 6,7 Tonnen auf die Waage, das Ding fliegt aber trotzdem.

Komplexifizierung gauckelt uns Fortschritt vor. Aber die negativen Folgen nehmen exponentiell zu.

All dies trägt natürlich zu unserem so unerschütterlichen Glauben an die Allheilkraft des Phänomens Fortschritt bei. Aber es bringt wieder zurück zu den bereits erwähnten Resten unserer Chemieindustrie oder dem allseits beliebten Atommüll. Welche Auswirkungen haben die Chemikalien, die seit Jahrzehnten in die Umwelt entlassen werden, eigentlich genau?
In vielen Fällen sind die einzelnen Stoffe nicht getestet, in vielen anderen Fällen hat man die Ergebnisse zurechtgebogen oder gar nicht erst groß veröffentlicht.
Die Industrie arbeitet gerne mit fertigen Granulaten, um verschiedenste Dinge herzustellen. Versucht man aber einmal herauszufinden, woraus denn dieses Granulat genau besteht, kriegt man meist keine Antwort. Oder allerhöchstens den Hinweis ,,Betriebsgeheimnis“.
Versuchen Sie einmal, unter Berufung auf das Informationsfreiheitsgesetz vom Hersteller der allseits beliebten Plastikflaschen eine genaue Zusammensetzung des Kunststoffes zu bekommen, aus dem die Flaschen hergestellt werden. Vielleicht auch noch mit der Frage verbunden, wie sich denn kohlensäurehaltige oder säurehaltige Flüssigkeiten so in Verbindung mit dem Plastik verhalten.
Immerhin enthält Mineralwasser ja Kohlensäure. Fruchtsäfte enthalten Säure, ebenso wie Fruchtsaft auch immer Zucker enthält, da kann noch so lange ,,zuckerfrei“ auf irgendeinem Etikett stehen. Irgendwie müssen sich diese Eigenschaften ja auswirken auf das Material, denn im Gegensatz zu Glas ist Kunststoff eine porige Oberfläche, es gibt hier also Punkte, an denen eine Reaktion stattfinden kann. Was nach meiner Erfahrung bedeutet, daß sie das auch irgendwie tut. Es hat einen Grund, warum in einem Labor die wirklich lustigen Sachen üblicherweise in Reagenzgläsern landen und nicht in Reagenzplastikröhrchen. Was also passiert mit den unbekannten Inhaltsstoffen unbekannter Wirkung in der Plastikflasche, wenn die ein halbes Jahr rumsteht und mit Fruchtsaft gefüllt ist?
Oder mit der chemischen Interpretation von Fruchtsaft, was die Sache nicht besser macht.

Die Antwort ist natürlich: Niemand weiß es wirklich.
Die Industrie wiederholt immer nur ihr Mantra ,,Wir haben das alles getestet, trinken sie weiter.“ Das ist aber mit Sicherheit gelogen, da niemand jemals diese ganzen Wirkungsketten in einem Labor untersucht hat. Wie sollte man das auch, wenn man nicht einmal genau weiß, woraus die Flasche denn besteht? Es würde schlicht nicht funktionieren. Also benutzen wir halt den Planeten als Labor, auf dem wir alle so rumlaufen. Irgendein Ergebnis werden die Chemikalien schon zeigen.
Statt Glasflaschen zu benutzen, die man problemlos wieder einschmelzen kann und die chemisch zumindest in Sachen Reaktion völlig unbedenklich sind, tragen Menschen heute Mineralwasser in Plastikflaschen nach Hause, in dem sich alles mögliche Zeug befinden könnte. Das sind dieselben Menschen, die zu mir ,,Ihhh“ sagen, wenn ich erzähle, daß ich ja größtenteils Leitungswasser trinke. Das funktioniert seit Jahrzehnten eigentlich großartig und – je nach Wohnort – schmeckt ganz hervorragend. Nach diversen Untersuchungen ist es auch bei weitem gesünder als Plastikflaschenwasser, denn Mineralwässer werden weniger streng überwacht als das Wasser in der Leitung.

Hier stand mal Wald. Viel Wald. Ein Blick auf die Ölgewinnung aus Teersanden in Alberta, Kanada. Die inzwischen betroffene Fläche hat etwa die Größe des Saarlandes. Ein schönes Beispiel für die immer wieder ignorierten Folgen der recht optimistischen Bezeichnung ,,Fortschritt“.
Bild von ExtremeEnergy.org

Aus dem gleichen Grund ist es uns bis heute nicht gelungen, ein Endlager für radioaktiven Müll zu finden. Schon das Wort ist ein echter Witz, ein PR-Coup irgendwelcher Lobbyisten.
Immer wieder kommen auch Legenden auf, daß man ja bald diese neuen Reaktoren entwickeln wird, die den Müll der alten Reaktoren als Brennstoff benutzen können und – tada – damit wäre das Müllproblem dann ja gelöst.
Abgesehen davon, daß diese Reaktoren noch immer nicht existieren, wäre meine Frage an dieser Stelle relativ simpel: Wie sollen die Wunderreaktoren denn Energie erzeugen, ohne dabei selber neuen Müll zu erzeugen? Zaubern die den weg?
Was hier immer wieder mal verkündet wird, ist das Perpetuum mobile auf atomarer Basis. Ob das schnelle Brüter sind, die dummerweise als Abfallprodukt den Stoff für die Bombe liefern, oder Thorium-Reaktoren, die auch immer wieder mal ins Gespräch kommen. Gut, Thorium ist häufiger auf der Erde als Uran, zugegeben. Aber hier wird nur ein Brennstoff durch einen anderen ersetzt. Das Müllproblem wird hierbei überhaupt nicht berührt und auch Thorium ist zweifellos nicht unendlich vorhanden, das kann ich einfach mal so behaupten, auch ohne Geologe zu sein.
Mit Thorium ebenso wie mit schnellen Brütern hat man bereits experimentiert, in den USA ebenso wie in Europa. Mein alter Jugendkumpel war früher immer in der Nähe von Hamm-Uentrop angeln, denn da war das Wasser immer wärmer als anderswo. Das lag daran, daß der THTR sich dort befand, mit dem damals in Deutschland rumgespielt wurde und natürlich benutzte man das Flußwasser zur Kühlung. THTR steht übrigens für ,,Thorium-Hochtemperatur-Reaktor“, wobei sich das wohl nicht auf das Abwasser mit dem guten Biß bezieht.
Nach ein paar Jahren hatten diese Versuche hierzulande dasselbe Ergebnis wie anderswo auch: Man stellte sie ein. Dasselbe passierte mit dem schnellen Brüter in Kalkar. Mein Kumpel fand das bedauerlich, denn gefangen hatte er wohl immer ganz gut in der Gegend.

Besonders auffallend war für mich immer, daß weder in den USA noch in Europa die Atomlobby jemals versucht hat, diese Reaktortypen wieder neu zu starten. Kernspaltung war ohnehin niemals lebensfähig ohne massive staatliche Subventionsprogramme, aber ich denke, das ist ein deutliches Zeichen dafür, daß derartige Reaktoren auch technisch einfach nicht funktionieren, von ökonomisch sinnvollem Betrieb mal ganz zu schweigen.
Immer wieder kommen derartige Versprechungen und Ankündigungen aus den technologischen Hexenküchen verschiedenster Industrien. Aber sie erweisen sich mehr und mehr als das, was sie sind: Versprechungen. Leere Versprechungen.

Echter Fortschritt hat sich in eine Art Wissenschaftsreligion verwandelt. Doch die Wunder bleiben aus.

Wissenschaftler verschiedenster Disziplinen verwandeln sich zunehmend in einen Haufen Priester, die den Gläubigen versichern, daß die Götter sicher bald das nächste Wunder wirken werden. Der Glaube an technologische Magie und an Allmacht hat in den letzten Jahrzehnten die Kontrolle übernommen, ein Erbe des technologischen Hysterie-Optimismus der 50er und 60er Jahre.
Plastikflaschen statt Glas, keine Wunderreaktoren, keine Kolonien auf dem Mond oder im Orbit, chemische Reste überall im Boden, in Flüssen, in der Atmosphäre. All diese nicht stattfindenden Wunder, von der Krebsheilung bis zur Kernfusion, werden von immer mehr Menschen erforscht und beforscht, die einen wahnsinnig komplexen Studiengang hinter sich gebracht haben, für dessen Absolvierung an durch die Industrie geförderten Universitäten sie sich auch noch hoch verschulden mußten. Überall erkennen wir die Entropie des Abnehmenden Ertrags am Werk.

Wir können noch so gute Düsenflieger bauen. Wenn immer mehr Menschen glauben, sie müßten für €18,50 nach Indien fliegen, weil man da halt noch nicht war und weil man sich dann über die miesen Toiletten im Umfeld des Taj Mahal beschweren kann, werden wir mehr und mehr Sprit für diese Flugzeuge verbrauchen. Dieses durch Werbemaßnahmen noch geförderte, relativ idiotische Verhalten hat sogar einen Namen in den Wirtschafts,,wissenschaften“ und heißt Jevons‘ Paradoxon.
Wenn Wirtschaftskrisen mit Abwrackprämien für Autos bekämpft werden, ist das an Dummheit kaum noch zu überbieten. Denn mehr als 50% des CO2-Ausstoßes bei einem fossil angetriebenen Fahrzeug fallen ja nicht im Betrieb an, sondern in der Produktion. Besonders gut ist dann natürlich, wenn der Erhalt der Prämie nicht ansatzweise daran gebunden wird, sich ein sparsameres Fahrzeug zuzulegen. Die Autoindustrie freut sich, der Schrotthändler nicht. Der Gebrauchtwagenhändler auch nicht.
Für Flugzeuge gilt das gleiche. Die neuen Wunderflieger, die mittels hochmoderner Werkstoffe der Chemieindustrie leichter sind und mehr Passagiere befördern, verbrauchen pro Kopf der Passagiere ein paar Liter Kerosin weniger. Aber erst einmal müssen diese Flieger gebaut werden und vor allem auch gekauft. Außerdem rechnen sie sich nur, wenn man Millionen Touristen irgendwohin bringt, zum Beispiel nach Indien oder so. Was geschieht mit den alten Fliegern? Oder alten Autos?
Nun ja, die einen verderben wie gesagt den Schrotthändlern die Preise, die anderen werden auf Wüstenfriedhöfen zwischengelagert.
Oder, ehrlicherweise formuliert, endgelagert. Denn trotz allem ist die Flugindustrie global seit mehr als einem Jahrzehnt auf dem absteigenden Ast. Die einen sind pleite, die anderen fusionieren, sind also auch pleite. Wieder andere heißen American Airlines und fliegen unter Gläubigerschutz weiter, sind also Zombies. Dann fusionieren sie erst, natürlich nachdem man die Tarife mit dem neuen Personal noch im Rahmen des Gläubigerschutzes ausgehandelt hat, wobei AA da nicht allein ist in den letzten Jahren.
Gesteuert werden die Maschinen dann von Piloten, die in den USA gerade mal 15.000 Dollar verdienen, was knapp oberhalb der Armutsgrenze liegt, und die damit 150.000 Dollar Schulden aus ihrer Ausbildung zurückzahlen sollen, was sie natürlich nie hinkriegen werden.

Das Ende des billigen Öls führt zu sterbenden Fluglinien und immer stärkerer Verbreitung von Agrarsprit. Ich nenne das absichtlich nicht ,,Biosprit“, weil nichts bio daran ist, riesige Flächen nicht für den Anbau von Nahrung zu benutzen, sondern als Tankstelle.
Ein Absinken der verfügbaren Nettoenergie pro Kopf führt also dazu, daß sich der durchschnittliche Mexikaner kein Maismehl mehr für Tortillas leisten kann, da irgendwelche Spekulanten an der Börse Nahrungsmittel für sich als Objekt der Begierde entdecken. Es führt auch dazu, daß die USA im Jahre 2013 erstmals mehr Mais für den Tank als für den Teller angebaut haben, ein Geschäft, daß massiv subventioniert wird, während man Ethanol aus Brasilien mit Einfuhrzöllen belegt. Freihandel, anyone?
Allgemein nimmt die Spekulation mit Nahrungsmitteln, aber auch dem Ackerboden, auf dem diese wachsen, plötzlich ungeahnte Ausmaße an. China pachtet in Afrika und in Sibirien riesige Landflächen weg, weitgehend unbemerkt, aber nicht folgenlos. In einer kapitalistischen Wirtschaft wird ein Gut besonders dann Aufmerksamkeit auf sich ziehen, wenn es ,,plötzlich“ knapp zu werden droht oder tatsächlich knapp wird. Wie die Geier in der Wüste kreisen die Börsenspekulanten plötzlich über Dingen, die sie vorher nur am Rande interessiert haben, aber vorher waren eben die Preise und möglichen Gewinnspannen auch noch nicht so hoch. Das führt zu absurden Auswirkungen, wie etwa der Tatsache, daß die Welthandelsmenge an Kakao im Jahr 2014 27mal größer war als die eigentliche Erntemenge.

Plötzlich steigen die Lebensmittelpreise weit über das hinaus an, was sich ein Großteil der Bevölkerung noch leisten kann. Wenn ich 10% meines verfügbaren Einkommens für Nahrung ausgeben muß und das teuer finde, bin ich Deutscher. Wenn ich 30% dafür aufwenden muß, bin ich Marokkaner. Wenn ich plötzlich 50% und mehr aufwenden soll und mir entweder die Miete oder das Essen nicht mehr leisten kann, bin ich Tunesier oder Algerier und gehe auf die Straße, um irgendwas oder irgendwen mit Steinen zu bewerfen, vermutlich meine Regierung.
Wohnt man in keinem dieser Länder, nennt man das dann ,,Arabischen Frühling“. Und so hängen auch an dieser Stelle Energie und Ökonomie eng zusammen. Würden hier in Deutschland die Lebensmittelpreise plötzlich jede Woche um 10% steigen – wie lange würde es dauern, bis hier auch der Frühling ausbricht? Menschen, die nur noch die Wahl haben, den Supermarkt zu überfallen oder einen Aufstand vom Zaun zu brechen, lassen sich mit bloßen politischen BlaBla nicht mehr hinhalten. Womöglich flüchten sogar einige dieser Menschen aus ihrer Heimat, wer weiß?

Unsere Zivilisation steht noch immer auf dem Berggipfel herum und bewundert das prächtige Panorama. Die sinkende Sonne zaubert großartige Farben an den Himmel, es ist schon merklich kühler geworden. Doch wir wollen uns nicht auf den Weg machen, beharren weiterhin darauf, das alles in bester Ordnung ist und bezweifeln sogar, daß wir überhaupt gehen müssen. Warum denn auch, ist doch wunderschön hier oben. Niemand schaut auf den Boden, der rund um uns herum abfällt, in alle Richtungen. Nach unten, ins Tal. Doch die Lange Dämmerung wartet nicht, es wird unweigerlich dunkler. Man kann am Himmel schon die ersten Sterne erkennen. Fast sehen sie aus, als könne man sie mit den Händen greifen.

Das als Beitragsbild verwendete Foto ist von Adam Ziaja unter
CC By-SA 3.0 unported veröffentlicht. Quelle: Wikimedia Commons

2 Gedanken zu „Die Lange Dämmerung

  1. Liebe Kassandra,
    das ist ja alles unschön und schlecht. Ok. Analyse vermutlich richtig. Aber was ist die Lösung? Ich finde, darüber sollte man noch mehr nachdenken. Eine Möglichkeit ist es, Schritt für Schritt an der Verringerung des Ressourcenverbrauchs zu arbeiten. Ich gebe zu, dass das schwierig ist, jeder hat bestimmte Konsumbedürfnisse, die ihm zu wichtig sind. Aber wenn viele ein wenig darauf achten, energiesparende Technologien und Verhaltensweisen zu nutzen suchen, kann sich meines Erachtens noch manches zum Besseren wenden. (Ich bin eher optimistisch veranlagt.)

    • (Ich bin eher optimistisch veranlagt.)

      Zustimmung meinerseits. Alles, was wir weniger verbrauchen können, ist gut.

      Aber: Der Zeitfaktor ist hier stark gegen uns. Immerhin müßten wir komplett umdenken. Unser gesamtes Wirtschafts- und Gesellschaftssystem beruht auf dem „immer mehr und nach uns die Sintflut“. Das ist längst untragbar, wir wissen das.
      Ich halte einen massiven Absturz unserer Weltgesellschaft inzwischen für unvermeidlich. Die Frage ist eigentlich nur noch, wie viele und wieviel man retten kann.

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