Das falsche Morgen (III)

„Nichts Unwirkliches existiert.”
Erstes Gesetz der vulkanischen Metaphysik
Kiri kin-Tha

Und so traten Vernunft, Logik und Verstand ihre Herrschaft über die Erde an.
Oder auch nicht, zumindest habe ich da irgendwie den Eindruck.

Das Buch von Kopernikus – De Revolutionibus – durfte bis 1822 im Machtbereich der Römisch-Katholischen Kirche nur gedruckt werden, wenn in einem Vorwort oder Anhang explizit darauf hingewiesen wurde, daß das hier erklärte heliozentrische Weltbild eine reine Hypothese sei, die als mathematisches Hilfsmittel diene.
Ich fände es ja großartig, wenn in unseren Kulturkreisen sogenannte ,,Heilige Bücher” auch mal mit einem Vorwort versehen würden, aus denen hervorgeht, daß es sich um lustige Sammlungen von Mythen, Sagen, Geschichten und anderem Firlefanz handelt, den man nicht gar zu ernst nehmen sollte.
Ich bin mir aber sicher, daß dagegen sehr viele Leute vehement protestieren würden.

Evangelikale Christen in den USA und anderswo benutzen dieses lächerliche Vorgehen heute noch, wenn sie behaupten, daß die sogenannte Schöpfungslehre dasselbe Gewicht haben müsse wie einige Jahrhunderte Forschung verschiedenster Bereiche, nur weil sie daran glauben wollen. Denn glauben ist immer einfacher als wissen. Evolutionstheorie wird von ihnen mit absurdesten Methoden bekämpft, unter anderem mit einer geradezu unglaublichen Arroganz und Stumpfsinnigkeit, die einen Menschen, der sein Hirn tatsächlich benutzt, in den Wahnsinn treiben kann.

Da wird dann gerne vorgebracht, Evolution sei ja „nur eine Theorie” und insofern könne das ja nicht richtig sein. Das auch Gravitation nur eine Theorie ist, daß eine Theorie das höchste ist, was aus einer wissenschaftlichen Hypothese werden kann, weil es eben in den Wissenschaften keine absoluten Wahrheiten gibt, ist für diese Menschen zu hoch.
Das man dieses Argument exakt gleich auf die Behauptung anwenden kann, die Erde und alles auf ihr seien von einem Gott geschaffen, wird natürlich empört zurückgewiesen, denn schließlich stützt sich die Bibel, dieses Heilige Buch, ja auf das Wort Gottes. Wobei ich da gerne noch einmal die Frage in den Raum werfen möchte, wer denn gleich diese Ausgabe, mit der da rumgewedelt wird, übersetzt hat und aus welcher Sprache? Continue reading →

Das falsche Morgen (II)

„Fundamentaler Fortschritt hängt zusammen mit der Neuinterpretation grundlegender Ideen.”
Alfred North Whitehead

Letzte Woche hatte ich an dieser Stelle Herrn Kepler erwähnt, den Mann, der die Erde endgültig aus dem Zentrum des Universums in eine Umlaufbahn um die Sonne gerückt hat.
Gegen diese Vorstellung gab es durchaus Widerstand, der vor allem aus den Reihen des Klerus kam. Trotz aller gegenteiligen Indizien beschloß die Kirche, am Dogma der Unveränderlichkeit eines von Gott geschaffenen Himmels festzuhalten.
Ebenso wie früher aber war dieser Widerstand nicht nur darauf begründet, daß die beobachtbaren Fakten dem Glauben und seiner Auslegung durch eine hierarchische Amtskirche widersprachen.
Bereits Anfang des 16. Jahrhunderts hatte die römisch-katholische Kirche mit der Reformation durch Martin Luther eine schwere Niederlage hinnehmen müssen, aber der schwerste Schlag, den dieser Mann der Kirche versetzte, war nicht sein Protest gegen den Ablaßhandel oder seine Thesen.
Der schwerste Schlag Luthers gegen die Fundamente der damaligen Kirchenwelt war seine Übersetzung der Bibel ins Deutsche.
Erstmals seit Entstehung des christlichen Glaubens und seiner Ausformung ab dem 3. Jahrhundert ndZ verlor der Klerus damit etwas, das für mächtige Institutionen damals genau so wichtig war wie heute auch: das Informationsmonopol.

Plötzlich konnten sich Menschen auf Dorfplätze stellen und anderen aus der Bibel vorlesen – ein damals völlig normaler Vorgang, denn natürlich waren in dieser Zeit noch sehr viele einfache Menschen völlig unbewandert in der Kunst des Lesens und Schreibens. Aber das Bildungswesen war hinreichend fortgeschritten, um dafür zu sorgen, daß in einer Dorfgemeinschaft aus mehreren hundert Personen sicherlich einer dabei war, der halbwegs lesen konnte und kein Priester war.
Die Erfindung des Buchdrucks etwa ein halbes Jahrhundert vor Luthers Auftreten tat sein übriges dazu. Luthers Bibelübersetzung kam zu einer Zeit, in der die Anzahl an Druckereien und Verlagen in Europa geradezu explosionsartig anstieg. Das vorher in Klöstern gelagerte Wissen verbreitete sich in einer Geschwindigkeit, die vorher undenkbar gewesen war.
Und da es natürlich mehr zu lesen gab, wollten die Leute auch mehr lesen und dazu mußte man es lernen. Diejenigen, die es ohnehin konnten, kamen plötzlich  exponentiell mit neuem Wissen in Kontakt, was zu neuen Gedankengängen führte, darunter zwangsläufig auch einige, die den damaligen Inhabern von Macht und Einfluß ungelegen kommen mußten. Continue reading →