Mythopolis

– VIII –

Internet, AD 4000

,,When you want to know how things really work, study them when they’re coming apart.”
William Gibson, Zero History

Die Bibliothek von Alexandria soll über zweihunderttausend Schriftrollen enthalten haben, gefüllt mit dem Wissen ihrer Zeit. Philosophie, Astronomie, Mathematik, dazu Dinge, die wir heute Anthropologie und Soziologie nennen würden.
Im Jahre 331 vdZ von dem Alexander gegründet, den heute noch alle kennen, wuchs die Siedlung rasch an, und etwa ein Jahrhundert später wurde dann die Bibliothek gegründet. Die Große Bibliothek, wie sie heute noch genannt wird.
Von ihrer Gründung an war dieser Ort ein Hort des Wissens, alles wurde hier gelagert. Menschen aus allen Ländern der damaligen Welt, also vorwiegend den Mittelmeerländern, kamen nach Alexandria, um bestimmte Dinge zu erfahren. Aber auch, um selber Werke zu schreiben und dazu eben Informationen aus der Bibliothek zu benutzen.
Alexandria wurde im Laufe der Jahrhunderte zu einem Leuchtturm des Wissens, dessen Licht weitaus heller und weiter strahlte als das des anderen, sehr berühmten Leuchtturms, der sich im Hafen der Stadt befand, des Pharos. Ebenso wie die Bibliothek eines der Sieben Weltwunder der Antike und ebenso wie fünf andere davon nicht mehr vorhanden in unserer Zeit.

Unzählige Rollen aus diversen Jahrhunderten waren hier gelagert. Alleine die Bibliothekare müssen über eine Kenntnis verfügt haben, die heutigen Kunsthistorikern in nichts nachstand. Denn sie waren es, die das Pergament oder Papyrus für den Zugriff durch andere verwalten mußten. Aber dazu braucht es ein System und das dürfte damals recht kompliziert gewesen sein.
Wir wissen heute nicht mehr, aus wie vielen Jahrhunderten die Geschichten auf den Rollen stammten und vor allem, was uns die Buchstaben so erzählt hätten. Denn bedauerlicherweise ging diese Ansammlung von Gelehrsamkeit, dieses geistige Leuchtfeuer, irgendwann im 3. Jahrhundert ndZ unter. Ein Brand fraß das sorgfältig gelagerte Wissen auf. Allerdings sind sowohl Art als auch Zeitpunkt dieses Verlustes nicht mehr genau bestimmbar. Da sich heute an dieser Stelle das moderne Alexandria erhebt, die zweitgrößte Stadt Ägyptens, sind Grabungen schwierig und bisher hat man von der Bibliothek keine Spuren gefunden.

Trotzdem wissen wir heute sowohl von der Bibliothek als auch von ihren Inhalten noch einiges. Denn natürlich kamen auch jede Menge Menschen nach Alexandria, um ein ganz bestimmtes Exemplar einer ganz bestimmten Schrift zu suchen. Und vor allem, um es mitzunehmen. Allerdings war die Bibliothek von Alexandria natürlich eine Präsenzbiblothek. Wirklich ausleihen konnte man sich da nichts.
Da sowohl der Buchdruck als auch der Fotokopierer damals noch ihrer Erfindung harrten, mußte man also eine Abschrift anfertigen lassen und von denen sind zum Glück wenigstens ein paar erhalten geblieben. Der Fotokopierer ist übrigens eine amerikanisch-österreichische Erfindung, keine japanische, ganz am Rande bemerkt. Ganz im Gegensatz zum Buchdruck mit beweglichen Lettern, den dürfen wir in unserem Kulturkreis sehr wohl als deutsche Erfindung vereinnahmen.

Ich habe mich oft gefragt, was vom gesammelten Wissen unserer Zivilisation bleiben wird, wenn der Abstieg unserer Kultur erst einmal jede Menge Errungenschaften, die wir als so selbstverständlich betrachten, in unerreichbare Wunder verwandelt haben wird. Auch interessant ist die Frage, welche Teile unseres Wissens eine zukünftige menschliche Kultur als wertvollste erachten wird.
So galt in den Klöstern des Mittelalters, irgendwann im 11. und 12. Jahrhundert ndZ, die Kunst der Dialektik als die wohl höchste Errungenschaft des menschlichen Geistes. Gemeint war damals damit die aus der Antike überlieferte Kunst der Wahrheitsfindung mittels eines Streitgesprächs.
Eine Seite legt eine These auf den Tisch, die andere repräsentiert die Gegenthese. Oder eine Seite legt ihre Sicht der Dinge dar, die andere versucht, an möglichst vielen Schwachstellen oder scheinbaren Schwachstellen, diese These anzugreifen.
Wir nennen diese Vorgehensweise heute Podiumsdiskussion und Disput. Innerhalb der sich so aufbauenden Gespräche kommt es immer wieder zu Synthesen, also neuen Ansätzen des Denkens, die scheinbar gegensätzliche Dinge vereinen. Diese neuartigen Ideen müssen natürlich ebenfalls wieder auf den Prüfstand gestellt werden. Nimmt jemand in einer solchen Diskussion den Standpunkt der Gegenseite ein, ohne an ihn zu glauben bzw davon überzeugt zu sein, kennen wir das heutzutage als „Advocatus Diaboli“.
Diese Form der Wissensfindung ist heute noch immer elementarer Bestandteil der Logik im Fach Philosophie. Was nur angemessen ist, denn eines der wohl bekanntesten Exemplare, das dieses Vorgehen erläutert, sind Platons „Dialoge“. Bedauerlicherweise kommt diese Methodik exakt zu einem Zeitpunkt aus der Mode, an dem wir dringender denn je auf sie angewiesen sind.
Die heutige Bedeutung von „Dialektik“ ist oft eine andere, aber dann entstammt sie den Schriften eines Kant, Hegel oder Marx.
Allerdings käme heute niemand auf die Idee, die antike Methodik der Dialektik als eine der größten Errungensschaften der Menschheit anzusehen. Oder des Mittelalters. Üblicherweise werden solche Sachen wie Karl der Große für bemerkenswert gehalten, spricht man mit Historikern. Oder so etwas wie Rittertum. Minnegesänge irgendwelcher seltsamer Typen. Was alle aber ganz toll finden, sind die Kathedralen damaliger Zeiten, denn die sind im Gegensatz zu vielen anderen Dingen auch noch materiell vorhanden. Was der Antike ihre Pyramiden, sind dem Mittelalter seine Kathedralen.

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Bild 1: Die Große Bibliothek von Alexandria.
Hier in der Interpretation eines Computerspiels, nämlich in Civilization IV. Mindestens vier Jahrhunderte, vielleicht aber auch ein knappes Jahrtausend, war dieses Gebäude ein Ballungszentrum für das Wissen der Welt.

Heutzutage sind wir normalerweise als Kollektiv immer wahnsinnig stolz auf irgendwelche Dinge, die uns als besonders beeindruckend und erstrebenswert angepriesen werden. Allerdings gelten diese Kriterien eben immer nur für die jeweilige zeitgeschichtliche Periode. In späteren Jahrhunderten kann sich dieses Bild völlig verschieben und auf etwas konzentrieren, dem die Zeitgenossen früher gar keine große Beachtung geschenkt haben.
Möglicherweise werden also auch folgende Jahrhunderte die größten Erkenntnisse unserer Kultur in etwas sehen, dem wir heute kaum Aufmerksamkeit schenken und Dinge hervorheben, die heute allenfalls irgendwo eine Randexistenz führen.

Das Internet ist so ein Beispiel. Was ist in den letzten zwanzig Jahren nicht alles über das Internet geschrieben und gesagt worden. Die größte Innovation seit der Erfindung des aufrechten Gangs. Ein Dingsbums, das die Welt verändert hat. Information at your fingertips.
Ich bin da nicht ganz so mitreißend begeistert. Jedenfalls nicht, wenn das „kritiklos“ bedeutet. Die Welt verändert hat das Internet auf jeden Fall. Doch in welche Richtung eigentlich?
Keine Sau schreibt heute mehr Briefe an irgendwen. Ganz besonders nicht an Leute, die er oder sie womöglich mag. Liebesbriefe sind sowas von 19. Jahrhundert. Heute schicken sich Menschen Textnachrichten in WhatsApp die „HDGDL“ lauten oder etwas in der Art. Denn die Liebeslyrik des Twitterzeitalters stammelt und stottert nicht nur, sie ist vor allem auch kurz. So kurz, daß man meist schon dazu übergeht, sich mit kleinen bunten Bildern zu bewerfen. Jetzt wurde der Smiley etwa drei Minuten nach Erfindung des Internets und der eMail erfunden. Aber die heutige grafische Darstellung hat ihn zum Emoji werden lassen, der inzwischen selbst die abgekürzt digital dahingegrunzte Kommunikation vollständig ersetzt.
Das Internet entstand übrigens als Militärinstallation und sollte eine Handvoll Computer so vernetzen, daß sie sogar nach einem Atomkrieg noch miteinander kommunizieren können sollten. Das Schlagwort lautete also Dezentralisierung. Wenn irgendwo ein Weg blockiert war, sollten sich die Daten automatisch einen neuen suchen und auch einen finden.
Dieser Vorläufer hieß ARPANET und entstammt dem Ende der 60er Jahre. Das sei mal für alle gesagt, die glauben, Steve Jobs habe das Telefon erfunden. Hat er nicht.
Was über die Jahre zu einem wissenschaftlichen Netzwerk heranwuchs, veränderte sich dann mit weiterer digitaler Evolution um 1990 endgültig in das Internet. Da erfand nämlich ein Typ namens Tim Berners-Lee etwas, das sich „Protokoll“ nennt. Im technischen Sinne ist ein Protokoll etwas, das eine bestimmte Vorgehensweise detailliert beschreibt. Es gibt also vor, was Dingsbums A und Dingsbums B machen sollen oder technisch können müssen, um ein bestimmtes Ereignis eintreten zu lassen. Das Protokoll, das Lee erfand, hieß HTTP.  Außerdem erfand er etwas, daß HTML heißt und etwas, das später dann URL getauft wurde.
Eine Ansammlung aus Text mit dem Charme des guten, alten BTX verwandelte sich in etwas, mit dem man Daten untereinander austauschen konnte. Etwas später, 1993, kam die erste grafische Benutzeroberfläche für diese Informationen auf. Das Programm Mosaic gilt heute als der erste echte Browser der Geschichte.
Das war die Geburtsstunde des Internet, wie wir es heute kennen.
Beziehungsweise, alte Säcke wie ich. Die Digitaljugend kennt ja nichts anderes mehr.

Das Internet gilt als die kulturelle Errungenschaft unserer Zeit. Aber wie beeinflußt Digitales die Kultur eigentlich?

Ich lebe in einer Welt, in der es Warn-Apps für Kleincomputer gibt, die wir Smartphone nennen und die mehr Rechenleistung beinhalten als die ganzen USA zum Zeitpunkt der Mondlandung. Oder meiner Geburt, die war nur ein paar Monate später.
Die Warn-App wird benötigt, damit keiner vor Laternenpfähle läuft und die Rechenleistung benutzen wir, um kleine gelbe Monster auf Stadtplänen einzublenden, die dann von allen Smartphone-Besitzern gejagt werden können.
Die kleinen gelben Monster schicken in der Zwischenzeit alle Daten der Jäger an ihre Herren. Also Sony Entertainment. Oder Nintendo. Oder Microsoft. Oder Apple. Oder sonst wen. In „1984“ überwachen die Televisoren alles und jeden und lassen sich nicht abschalten, außer bei den höchsten Parteifunktionären.
Heute überwachen sich Millionen von Menschen selbst und schalten freiwillig nicht mehr ab, weil sie ohne ihr Smartphone nicht mal mehr in der Lage sind, in der eigenen Innenstadt einkaufen zu gehen.
Früher mußte man auch noch mit seinem Computer im Auto irgendwohin fahren, um mit seinen Kumpels ordentlich zocken zu können und ordentlich Pixel abzuschlachten. Das hieß dann LAN-Party. Heute wird auch hier alles über das Internet erledigt. Neue Dienstleister, die eigentlich gar nichts machen, ziehen einem Geld dafür aus der Tasche, daß man das gekaufte Spiel nicht mehr spielen kann, wenn bei Steam der Server ausfällt. Zum Ausgleich dafür darf man sich digital überwachen lassen und nicht mal mehr Einzelspieler-Kampagnen spielen, falls moderne Spiele so etwas überhaupt noch beinhalten.
„Früher“ ist übrigens kurz nach damals™, als es noch gar kein Internet und keinen Mobilfunk gab. In meiner persönlichen Zeitskala etwa 1995, denn da hatte ich dann den ersten Internetanschluß. Damals – oder früher – noch mit einem knatternden Modem als Vermittler des im Minutenmodus abgerechneten Gesprächs mit anderen Computern weltweit. Klar, lief ja auch alles über die Telefonleitung. Heutzutage laufen da draußen vor meiner Tür Menschen herum, die nicht wissen, daß man früher im Internet surfen konnte oder telefonieren, aber eben nicht beides. Und zwar auch dann, als es schon DSL gab, also etwas, das ein Analog-Modem aussehen läßt wie das Space Shuttle neben der Enterprise-E.

Jetzt ist es durchaus nicht schlecht, wenn man für eine Runde gemeinsamen Spiels nicht mehr tagelang planen und mit dem Auto anrücken muß. Es genügt, sich in der Lobby des Spiels zu treffen und fünf Minuten später kann man loslegen.
Aber es ist nicht gesellig, gemeinsam zu spielen und dabei womöglich über das ganze Land verteilt zu sein. Wir bilden uns ein, es wäre gesellig. Großer Unterschied.
Es gibt inzwischen Lehrer, die ihren Klassen für drei Tage das Smartphone wegnehmen, wenn irgendwo hingefahren wird – und alle betrachten das als großes soziales Experiment mit völlig neuen Erfahrungshorizonten.
Auch die Tatsache, daß manche Exemplare der Gattung Mensch offensichtlich eine Warnung brauchen, um nicht vor Laternenpfähle zu laufen in der Öffentlichkeit, spricht Bände.
Auch das mit der Innenstadt habe ich nicht erfunden. Ich bin schon mehr als einmal von einer Dame, die ich kenne, gefragt worden, ob ich nicht schnell mal googeln könne, wo denn der und der Laden sich befinde. In ihrer Heimatstadt. Mit der Begründung, sie hätte halt gerade kein W-LAN und könne deshalb nicht selber nachschlagen. Man könnte natürlich auch einfach in die Innenstadt laufen und mal die Augen aufmachen. Aber schon diese Idee erscheint offenbar vielen der „digital natives“ völlig absurd. Da müßte man ja den Kopf heben und könnte die Laternenpfähle sehen.

Vor einer Weile mußte ich entsetzt nachlesen, daß eine Suchanfrage bei Google etwa so viel Energie verbraucht, wie notwendig ist, um ein Täßchen Kaffee zu erwärmen. Damit dürfte sich mein Kaffeekonsum schlagartig um den Faktor 137 erhöht haben, zumindest rein rechnerisch. Wenn man mir statistisch Kaffeekonsum seit dem Tag meiner Geburt unterstellt. Da haben Menschen noch mit Tinte auf Papyrus geschrieben.
Wir kommunizieren völlig anders als noch vor zwei Jahrzehnten. Menschen bekommen echte Streßattacken, weil irgendwer auf WhatsApp zwei Minuten ihre Nachrichten nicht ansieht. Oder ansieht, aber nicht antwortet. Katastrophe! Ganze Jugendfreundschaften sollen bereits an derartig rüdem Verhalten zerbrochen sein.
Neulich betrat ich mal wieder einen Zug. Im Waggon hatten alle Leute den Blick gesenkt und starrten auf ihr Display. Alle achtundzwanzig. Ich konnte nämlich eine Minute im Mittelgang stehen und die Menge per Zählung problemlos verifizieren. Niemand hat das bemerkt. Wäre ich mit der Kalaschnikow und einer Atombombe unter dem Arm da reingekommen, hätte es auch keiner gemerkt.
Und falls doch, hätte ich nur sagen müssen: „Cosplay. Gamescom.“
Bis dann einer mal nachgegoogelt hätte, daß der Zug gar nicht nach Köln fährt, sondern nach Mannheim, wäre die Bombe längst gelegt und ich wieder weg gewesen.

Auch diese Geschichte mit der Information unter den Fingerspitzen entpuppt sich immer mehr als zweischneidiges Schwert, ist mein Eindruck. Keine Sau scheint sich mehr etwas zu merken. Also, Dinge abrufbar im Gedächtnis zu speichern. Alle stehen auf dem Standpunkt „kann man ja googeln“. Oder Wikipedia fragen.
Was durchaus richtig ist und im digitalen Zeitalter sehr wohl Sinn ergibt. Aber wenn man nicht in der Lage ist, den Titel und den Text des angeblich so tollen eigenen Lieblingslieds aus dem Kopf zu zitieren, kann irgendwas nicht richtig sein. Abgesehen davon sind weder Google noch Wikipedia der Weisheit letzter Schluß.
Selbst in Bibliotheken bemerke ich einen Gedächtnisschwund subtiler Art. Als ich meinen ersten Leseausweis in unserer Ruhrgebiets-Kleinstadtbücherei bekam, muß ich so etwa acht gewesen sein. Auf jeden Fall hatte mein Mathelehrer schon bemerkt, daß mit meinen Augen etwas nicht stimmt. Denn damals standen Klausuren, in der Grundschule schlicht „Mathearbeit“ genannt, in Kreide auf die Tafel geschrieben.
Für die Jüngeren: Kreide sind prähistorische klitzekleine Meerestiere, die tot in der Gegend rumgelegen haben und über ein paar Millionen Jahre zusammengepreßt wurden. Heute sind sie Sehenswürdigkeiten wie die Kreidefelsen von Dover. Dover in England. Als ich ein Erstklässler war, waren sie auch Schulkreide und mit der malte man auf Schiefertafeln rum, üblicherweise grün, was manchmal grauenvoll quietschte.
Allerdings brauchte die Tafel keinen Strom. Sie hatte ein extrem bedienerfreundliches Interface, da mußte man nicht erst ein paar Stunden Lehrgang hinter sich bringen als Lehrer oder Dozent. Und sie war quasi endlos wiederverwendbar. Alles in allem ein sehr effektives und energiearmes System.
Nur hatte es keine Vergrößerungsfunktion, weshalb in meinen Mathearbeiten aus Nullen plötzlich Achten wurden und aus Achten Sechser. Was zu manchmal richtigen Ergebnissen führte, aber eben mit den falschen Zahlen. Und zu einem Gespräch meines Klassenlehrers mit meiner Mutter mit dem dringenden Rat, mit mir einen Optiker aufzusuchen. Der dann Kurzsichtigkeit feststellte. So landete meine erste Brille auf meiner noch kindlich-stupsigen Grundschulnase.
Da konnte man genauso gut gleich mit dem Lesen ernst machen, wenn man schon aussah wie Harry Potter, von Zauberstab, Eule und Haarfarbe mal abgesehen.

In dieser Stadtbücherei jedenfalls stand ein großer Kasten an der Wand. Der enthielt Karteikarten. Und mit Hilfe dieser Karten konnte man recht simpel und zügig das gewünschte Buch finden. Denn das war natürlich der Katalog.
Was heute ein Datenbank-File ist, war damals auf Pappe getippt. Mit einer Schreibmaschine. Sorgfältig. Von Personal, das genau wußte, was es da tut. Und selbst für einen Achtjährigen war die Benutzung dieses Systems kein Problem. Nachdem mir jemand erklärt hatte, was denn bitteschön eine Signatur ist in einer Bibliothek. Aber auch dieses System funktionierte zuverlässig. Auch dann noch, als ich schon längst über die Höhe der Karteikästen hinausgewachsen war. Kein Stromverbrauch. Absturzsicher. Simples Interface.
Der einzige Nachteil war, daß man etwas über das Buch wissen mußte, das man suchte. Den Namen des Autors. Oder den Titel. Aber das ist nicht anders, wenn man heute vor einem Computer sitzt.
Ich hatte es außerdem mit Personal zu tun, daß auch auf die recht vage mit wedelnder Hand vorgebrachte Beschreibung „Also, ich suche…so ein rotes Cover…von so ’nem Autor…was hat der gleich geschrieben…“ problemlos in der Lage war, die Hand zu heben, um das Gestammel abzuschneiden und einen dann sofort zielgerichtet zum Regal mit den Neuerscheinungen zu führen. In dem sich dann das gesuchte Buch befand.
Versuchen sie das mal in einer heutigen Bibliothek. Es gibt heutzutage Personal in Bibliotheken, das geradezu darüber beleidigt erscheint, daß an seinem Arbeitsplatz so viel Platz an Bücher verschwendet wird.

Die freundlichen Damen – es waren immer Damen und sind es auch heute noch oft – wußten natürlich auch so gut Bescheid, weil sie wußten, was man schon alles gelesen hatte. Denn die eigene Nummer stand hinten in der Leihkarte eingetragen und mehr als einmal habe ich den Hinweis gehört: „Das hattest du aber schon mal ausgeliehen.“
Ich habe auch heute kein Buch in meinen Regalen, das ich nicht gelesen hätte. Mindestens einmal. Aber die Spitzenreiter kommen auf zweistellige Lesezahlen.
Eine heutige Bibliotheksdame kann mir selbst auf Nachfrage nicht verraten, ob ich ein Buch schon einmal ausgeliehen habe. Wegen Datenschutz.
Aber Amazon weiß seit 16 Jahren, welche Bücher ich bei ihnen kaufe. Trotzdem gibt mir der „Ihre Empfehlungen“-Algorithmus immer noch Sachen aus, die ich im Leben nicht anfassen werde. Geschweige denn lesen.
Die Damen wußten aber auch so gut Bescheid, weil sie sich intensiv mit ihrer Materie auseinandersetzen mußten. Das scheint heute stark aus der Mode gekommen zu sein. Ebenso wie das Anheben des Kopfes, um mal zu gucken, wo der nächste Kaffeeladen ist. Kann man ja googeln. Und den Kaffee trinken wir dann da, wo der Aufbrühsklave die besten Bewertungen bekommen hat. Nicht da, wo die meisten Leute über den längsten Zeitraum gemütlich vor dem Café sitzen.

Digitalisierung ermöglicht Dinge, die so neu sind, daß ich sie schon aus meiner Kindheit kenne. Dafür braucht sie mehr Energie.

Ich kann also an der Digitalisierung nichts erkennen, was das Leben so völlig verändert hätte. Dinge, die heute digital erledigt werden, haben wir auch vor dreißig Jahren schon gemacht. Nur eben nicht digital. Dafür war der Bibliothekskatalog auf Karteikarten wesentlich dauerhafter als eine Datenbank. Die hält manchmal nur bis zum nächsten Update, bevor sie wieder abstürzt. Zugegeben – die Zugriffsgeschwindigkeit des Digitalen ist eindeutig höher. Früher mußte man Dinge nachschlagen, was eine Fahrt mit dem Fahrrad beinhaltete und das Rumsitzen in einer gemütlichen Kleinstadtbücherei, während man sich schmökernderweise Notizen machte.
Heute benutzt man Onleihe, zieht sich das Dokument digital rein und kopiert die wichtigen Passagen mal eben raus, merkt ja eh keiner.
Aber wir hatten ja nichts damals. Wir mußten noch selber schreiben. Auf Papier. Ein ganzes Schulleben lang. Diese furchtbaren Qualen waren kaum auszuhalten. In Norwegen lernen Schulkinder jetzt übrigens erst tippen, dann schreiben. Sie sind halt fortschrittlich, die Skandinavier.

Digitalisierung verändert das Leben gar nicht so großartig. Digitalisierung verändert Menschen. Und menschliche Kultur. Früher hat man in Cafés gesessen und diskutiert. Das Bild des Kaffeehauses ist mit einer akademischen und progressiven Gesprächskultur geradezu fest verbunden, jedenfalls für Leute mit ein wenig Feingefühl für Historie. Wobei mir hier gerade einfällt, daß das Wort „Café“ eines von mehr als hundert Lehnwörtern aus dem Arabischen ist. Ganz ohne nachzuschlagen. Muß ich wohl mal irgendwo gelesen haben.
Heute hocken sich selbst in geselliger Atmosphäre Leute gegenüber, die ständig auf ihre Displays glotzen und autistisch vor sich hindaddeln. Wie der Unterschied zwischen einer LAN-Party und Zocken übers Internet.

Im Roman „Daemon“ von Daniel Suarez sterben diverse Menschen und ihr Mörder ist eine KI. Ein von einem genialen Softwareentwickler zurückgelassenes Programm sorgt für das Ableben diverser Charaktere, was für den ermittelnden Beamten ein Problem darstellt. Denn der Entwickler ist zu diesem Zeitpunkt bereits tot.
Im unixoiden Bereich der IT nennt man solche Programme eben einen „Daemon“. Im Grunde ist es ein relativ simples Skript, das in seinem Aufbau der Struktur folgt „Wenn Ereignis X eintritt, tue Y“. Solche Dinge dienen auch der Automatisierung von Aufgaben.
In der Geschichte bringt aber die KI Menschen dazu, in der realen Welt Dinge zu tun und es ist interessant, wie sie das anstellt. Sie taucht nämlich als Figur in Online-Spielen auf. Nur die besten Spieler gelangen beispielsweise in den Teil einer geheimnisvollen Karte, in dem die KI einen bestimmten Schlüssel verborgen hat, den der Spieler kopieren soll. Bei einer späteren Kontaktaufnahme teilt dieselbe Figur dem Spieler mit, was er damit tun soll. Was den nächsten Schritt einer Ereigniskette auslöst.

Was sich wie stellenweise völlig absurde SF liest, ist nichts, was die heutige Wirklichkeit nicht längst ermöglichen würde. Man nennt das dargestellte Prinzip „Gamification“. Eine langweilige, repetitive Aufgabe wird beispielsweise besseren Anklang bei Menschen finden, wenn sie mit irgendwelchen Spieleelementen aufgepeppt wird. In heutigen Spielen ist es beispielsweise üblich, Errungenschaften (Achievements) an den Spieler zu vergeben, um ihn bei der Stange zu halten. Früher mußte man dafür ein interessantes Missionsdesign anbieten, heute lenkt man mit Glitzereffekten von mangelnder Qualität ab.
Im Roman führt die KI den jeweiligen Elitespieler auf einen geheimnisvollen, nur exklusiv für ihn sichtbaren Pfad, an deren Ende er etwas tun soll. In der realen Welt. Und es funktioniert. Alles Fiktion, natürlich. Wie Menschen, die einen Stadtpark fluten, weil sie kleine gelbe Monster jagen.
Schon immer haben sich Politk und Wirtschaft dafür interessiert, wie man das Denken von Menschen beeinflußen kann und all diese Forschung hat sehr wohl Ergebnisse hervorgebracht. Bereits in den 50er Jahren kam man auf die Idee der sogenannten subliminalen Botschaften.
Handlungsanweisungen, die man auf Kinoleinwänden oder in Fernsehwerbung einblendet und die so kurz sind, daß sie bewußt nicht wahrgenommen werden.
Die Wirksamkeit dieser Art der Manipulation entpuppte sich als mäßig. Man konnte Leute beispielsweise nur dann zum Trinken überreden, wenn sie ohnehin schon durstig waren. Bezeichnenderweise gibt es aber heute in Australien und Neuseeland noch immer Gesetze gegen diese Art „Werbung“. In den USA nicht, dort sind sie nie verabschiedet worden.

Digitalisierung bedeutete schon immer Kontrolle und Überwachung. Hier haben sich tatsächlich enorme Fortschritte ergeben.

Doch der so vielfach angepriesene Fortschritt hat seine Spuren hinterlassen. Wir leben in einer Zeit, in der Wahlen mit Hilfe sozialer Netzwerke massiv beeinflußt werden können und auch werden. Die drei größten Bereiche, in denen Gamification eingesetzt wird, sind Technologie, Bildungswesen und ganz oben die Werbeindustrie.
Die derzeitige Kandidatin für die US-Präsidentschaft hat 5,4 Millionen Follower auf Twitter, ihr Gegner hat 5,9 Millionen. Clintons Wahlkampfteam postet mehrfach pro Stunde, das von Trump ist nicht weniger aktiv. Alle treiben sich auch auf Instagram, Facebook, Snapchat und Pinterest herum.
Wir leben auch in der Zeit, in der das FBI neue Richtlinien an High Schools und Colleges verteilt, in denen dazu aufgerufen wird, Studenten zu melden, die offen die Regierungspolitik kritisieren. Denn das sind natürlich die Terroristen von morgen. Seltsam, wenn solche Dinge in Ländern wie China oder Rußland passieren, sind die immer böse.
„Technologie“, dieser imperative Singular, den es so gar nicht gibt, hat oft negative Auswirkungen, die von vielen Menschen gar nicht wahrgenommen werden. Denn es gibt jede Menge Menschen, die eben diese Technologie einsetzen, damit man Beeinflußung nicht bemerkt.
Gerade digitale Technologie hat von Anfang an den Aspekt von Kontrolle beinhaltet. Früher wußte die Bücherei genau, was man gelesen hatte. Allerdings ist das etwa so, als versuchte man, aus dem Hut auf dem Kopf die Gedanken des Hutträgers ableiten zu wollen. Eine im besten Fall wohl eher lustige Übung.

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Bild 2: Unterschwellige Beeinflußung.
Werbetafeln entpuppen sich als Quelle unterbewußter Gedankenkontrolle. Der Screenshot stammt aus dem B-Movie „Sie leben“ von 1988, in dem der Hauptdarsteller überrascht feststellt, daß die Schaltzentralen der Macht auf der Erde von Aliens besetzt sind. Trotz relativ schwacher Darsteller ist der Film sehenswert. Heutige Methoden der Beeinflußung sind allerdings deutlich subtiler. Dafür sind sie wirkungsvoller.

Heute wissen die Gameserver genau, was man spielt. Facebook weiß alles über den Schlafrhythmus seiner User. Ganze Firmengruppen stehen Schlange, um bei Spielefirmen Dinge in deren Entwürfen unterzubringen, mit denen man später umfassende psychologische Profile erstellen kann – indem man das Verhalten des Spielers im Spiel selbst analysiert.
Die Spielefirmen interessieren sich auch selbst dafür. Das gesamte Genre „Free to play“ ist oft darauf ausgelegt, dem jeweiligen Spieler an irgendeinem Punkt eben doch Geld aus der Tasche zu leiern. Früher mußten Spiele Inhalte bieten. Heute kommt jede Menge Schrott auf den Markt und danach werden Dinge als DLC, als „downloadable content“ vermarktet, die eigentlich von vornherein in das Spiel hineingehört hätten. Eine vernünftige Auswahl an guten Karten beispielsweise.
Die scheibchenweise Vermarktung eigentlich essentieller Bestandteile, über den rein digitalen Vertriebsweg erst möglich geworden, ist für die Industrie ein Riesengeschäft. Noch besser wird die Bilanz, wenn der Spieler ingame auch gleich zu bestimmten Verhaltensweisen erzogen werden kann. Beispielsweise kritiklosem Konsum. Was ein Laden wie „Payback“ zusammen mit „PayPal“ alles an Rückschlüssen auf das Konsumverhalten seiner Kunden zuläßt, wissen vermutlich nicht einmal diese kapitalistischen Datenbuden so genau. Aber sie arbeiten dran, ich bin mir sicher.

Gegen Google, den absoluten Weltherrscher der D³, der Dunklen Digitalen Domäne, sehen aber alle diese Jungs ziemlich blaß aus. Google sammelt Informationen rund um die Uhr, mit mehr als 60 unterschiedlichen Plattformen. Die Suchmaschine weiß seit siebzehn Jahren, wonach ich das Internet frage. Schlimm genug.
Aber dazu gibt es den Bezahlservice Google Wallet, es gibt Google Maps, es gibt Google Analytics, das gerne von Bloggern benutzt wird – von mir übrigens nicht. Es gibt den Browser Chrome, das Betriebssystem Android und natürlich YouTube.
Gmail hat ausdrücklich in seinen AGB stehen, daß Google jede eMail, die geschrieben wird, speichert und durchsucht. Sogar Entwürfe, die nie abgeschickt werden. Auch jede empfangene eMail wird von Google durchsucht, egal, von wem sie kommen mag. Das ist keine Datensammelwut mehr, es ist ein Amoklauf. Gleichzeitig verkünden die AGB von Google selbst – also der Suchmaschine – daß die Firma diese Daten mit so ziemlich jedem teilt, auch staatlichen Behörden. Nur eben nicht mit dem jeweiligen User. Der hat keinerlei Fragen zu stellen.
Was Google nicht anbietet, ist eine eigene Dating-Börse. Immerhin weiß die verdammte Firma auch, nach welchen Pornos ich das Internet seit siebzehn Jahren frage, da sollte die Datenbasis doch ausreichend sein. Aber dafür bräuchte man eben Inhaltsanalyse der einzelnen Filmszenen. Sobald also Google Datingbeta auftaucht, wissen wir alle, was die Stunde geschlagen hat. Ach ja – meine Idee, Google. Damit das klar ist.
Deswegen muß ich immer lachen, wenn hysterische Innenminister oder bayerische Ministerpräsidenten etwas über das Darknet erzählen, in dem sich diese Terroristen ja alle rumtreiben. Das echte Darknet ist so deutlich vor aller Augen, daß niemand es wahrnimmt.

Die Konsequenzen der neuen digitalen Wunderwelt sind sehr weitreichend und oft nicht zwingend positiv. Ob es Denkblasen sind, in denen per Filter nur die eigenen Fakten als reine Wahrheit anerkannt werden oder kaputter Onlinejournalismus, der in hektischem Gewurbel keine Zeit mehr hat, um sich um Nebensächlichkeiten wie Fakten oder Recherche zu kümmern. Es ist auch derselbe Online-Journalismus, der immer darüber klagt, Werbeeinnahmen würden ja nicht ausreichen für ordentliche Arbeit.
Die Werbebranche, die weinend herumwinselt, alle wären ihr gegenüber so unerklärlich feindselig eingestellt, ist auch dieselbe, die uns seit Anbeginn des Internetzeitalters mit immer nervtötenderen Methoden auf die Eier gegangen ist. So lange, bis selbst der letzte Surfer einen Werbeblocker in seinem Browser installiert hatte. Was uns zu den miesen Einnahmen mit Online-Werbung zurückbringt.
Dutzende Studien belegen, daß Werbung im Internet von den meisten Menschen mehr gehaßt wird als die Schwiegermutter. Statt aber einfach mal zu erkennen, daß die Werbebranche überhaupt keinen Zweck hat und nichts weiter ist als das Furunkel am Arsch der digitalisierten Gesellschaft, rotten sich irgendwelche Verleger und Verlage zusammen, um ein Leistungsschutzrecht beim Gesetzgeber zu bestellen, allen voran natürlich Springer.
Dabei versuchen sie über drei Ecken, Werbeblocker im Internet verbieten zu lassen. Das Problem ist, deutsche Politiker sind doof genug, um darauf auch noch anzuspringen. Schließlich besteht ja kein Unterschied zwischen Werbeblockern und böser Verschlüsselung bei eMails oder sonstwo. Glauben deutsche Innenminister jedenfalls. Bald wird das Blockieren von Werbung vermutlich unter Terrorismus fallen. So wie Kritik an der Regierungspolitik woanders.
Wahrheit ist heute keine Frage von Fakten mehr, sondern von Meinungshoheit im Internet. Eine Entwicklung, die uns als Gesellschaft in große Probleme bringen wird. Eigentlich tut sie das bereits. Klingt alles furchtbar verschwörungstheoretisch, mag mancher denken. Ist es aber nicht wirklich.

Die Reaktion von Google auf das deutsche Leistungsschutzrecht war übrigens, ganze Webseiten von der Indexierung auszuschließen. Überraschenderweise brachen daraufhin die Einnahmen von Springer auf einer leider oft besuchten Webseite um mehr als 80% ein. Woraufhin ein Anwaltstyp von Springer erklärte, das ginge ja mal gar nicht, denn schließlich diene der scheinbare Journalismus ja nur dem Transport von Werbebotschaften. Nur, falls sich jemals einer gefragt hat, was der Existenzgrund für gewisse Teile der deutschen Medienlandschaft ist.

Was wie ein Sieg für die Vernunft klingt, wirft aber auch ein deutliches Licht auf die Marktmacht eines digitalen Superkonzerns, nämlich Google. Wie ein bekannter deutscher Kabarettist einmal formulierte:

„Wir werden nur das kaufen und lesen, was bei Facebook geliked wird, bei Amazon empfohlen ist und bei Google gefunden werden kann.“

Und ich fürchte, diese Aussage ist viel wahrer, als viele sich das heutzutage eingestehen wollen. Selbst diejenigen, die überhaupt drüber nachdenken.
Wir wissen heute etwas über die Kultur von Babylon oder Sumer, weil die uns jede Menge Dinge hinterlassen haben. Auf Tontafeln, die mehrere Jahrtausende überdauert haben. Es sind auch keine großen Dramen oder Romane, sieht man einmal vom Gilgamesch-Epos ab.
Was diese Kulturen uns hinterlassen haben, erscheint auf den ersten Blick so trivial wie Abfallhaufen in prähistorischen Höhlen, die von Archäologen durchwühlt werden. Es handelt sich nämlich häufig um Verwaltungsunterlagen, vorwiegend welche des babylonischen oder sumerischen Finanzamts. Auch damals gab es schon Steuern, auch damals wurden sie von der Bevölkerung gehaßt und auch damals gab es bereits Finanzbeamte, die mit sorgfältig geschliffenem Griffel in Tontafeln per Keilschrift festhielten, ob der UrUrUrenkel von Gilgamesch in der Kornstraße 23 die Einkünfte aus seinem Zedernholzhandel ordnungsgemäß versteuert hatte.

Ich bin mir sicher, daß keiner dieser Menschen daran gedacht hat, daß ausgerechnet diese Aufzeichnungen sechstausend Jahre später noch existieren, geschweige denn für jemanden interessant sein könnten.
Was von einer Kultur überlebt und was für eine spätere Zeit wertvoll ist, ist oft unvorhersehbar. Doch der Untergang an sich ist etwas, das sie alle teilen. Unser „Wissen der Welt“ in seiner digitalen Form wird sich als wesentlich weniger dauerhaft erweisen als eine Bibliothek von Alexandria oder babylonische Tontafeln. Die Weltwunder der Moderne werden genauso verschwinden wie die der Antike auch. Unsere tiefe Überzeugung, durch Virtualisierung die Realität zu erweitern statt sie zu verschleiern, unser fester Glaube, daß die Technologisierung unserer Kultur uns unbesiegbar macht, wird Teil unseres Untergangs sein.
Hoffentlich wird darüber jemand rechtzeitig die eine oder andere Schriftrolle verfassen.

Das Beitragsbild ist von Wladimir Matyuhina. Den Künstler findet man beispielsweise hier.

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