Das wahre Morgen

– VIII –

Der Mond ist eine rauhe Geliebte

“Never underestimate the power

of human stupidity.”
Robert Heinlein

Natürlich dürfen in der Geschichte der Science Fiction auch die Frauen nicht unerwähnt bleiben. Denn wenn H. G. Wells und Jules Verne die Großväter des Genres sind, dann ist Mary Shelley auf jeden Fall die Oma.
Ihr “Frankenstein” ist inzwischen auch mehr als einmal verfilmt worden, im Original erschien das Werk anonym im Jahre 1818. Insofern ist Ms Shelley möglicherweise sogar die Uroma der SF. Der Untertitel des Romans ist “Der neue Prometheus” – über den Kerl hatte ich ja auch schon mal etwas geschrieben.
So wie der alte Prometheus den Göttern der Sage nach das Feuer geklaut hat, maßt sich der Mensch in Shelleys Roman an, Leben zu erschaffen aus unbelebter Materie. Oder in diesem Falle, ehemals lebender Materie, denn das berühmte Monster wird ja aus diversen Einzelteilen zusammengestrickt.
Der Wissenschaftler Frankenstein erzählt selbst seine Geschichte, die auch gleichzeitig Mahnung an die Zuhörer ist. Denn natürlich kann der Erfinder sein Werk nicht kontrollieren. Je nach Verfilmung wird er sogar ihr Opfer.
Shelley erinnert die aufblühende wissenschaftliche Gesellschaft ihrer Zeit daran, daß man nicht alles tun sollte, nur weil man sich dazu in der Lage sieht. Das manche Dinge vielleicht besser unbenutzt bleiben sollten, auch wenn die Erforschung ihrer Möglichkeit sehr wohl faszinierend sein mag.
Im heutigen Zeitalter von genetischer Nanotherapie, pränataler Optimierung und möglicher Klonierung des Menschen erhält ihre Vision des Monsters aus der Retorte eine ganz neue Aktualität.

Auch ein weiterer Vertreter der SF sollte hier nicht unerwähnt bleiben. Nämlich – nach den Briten Shelley und Wells und dem Franzosen Verne – der Deutsche im Bunde. Kurd Laßwitz.
Der schrieb 1897 einen Roman namens “Auf zwei Planeten”. Diese beiden Welten sind Erde und Mars und hier kommt es zu einem Erstkontakt zwischen den Marsianern und den Menschen. Einem vorerst friedlichen Erstkontakt, im Gegensatz zum Ansatz von Wells. Zudem war der deutsche Schreiberling studierter Physiker und Mathematiker und griff in seinen Zukünften wesentlich weiter voraus als seine Kollegen. Außerdem schneidet Laßwitz sehr viel stärker gesellschaftliche Themen an.
Nach ihm ist der bedeutendste Preis benannt, den ein SF-Schreiber deutscher Sprache gewinnen kann. Denn der bereits erwähnte Hugo-Gernsback-Award geht nur an englischsprachige Schriftsteller.
Die elenden Angloamerikaner haben davon sogar zwei. Der andere Preis ist der der Nebula Award. Der Nebula  unterscheidet sich vom Hugo dadurch, daß er ein Kritikerpreis ist. Der Hugo wird dagegen vom Publikum verliehen, also denjenigen, die SF-Romane auch lesen. Was diese Leute generell von beruflichen Kritikern unterscheidet.
Der erste Gewinner des Nebula-Award war im Jahr 1965 ein Mann namens Frank Herbert. Das Buch hieß Dune. Zu diesem quasi gilgamesch-mäßigem Epos der SF muß ich nichts weiter sagen. Außerdem würde der Platz hierzu nicht ausreichen. Über den Wüstenplaneten Arrakis kann man durchaus bei einer oder zwei großen Schalen Tee ein gepflegtes Wochenende debattieren, wenn einem der Sinn danach steht. Insgesamt ist es einer der größten Weltentwürfe der Science-Fiction-Literatur, die ich kenne.
So wie sich jeder Autor von Fantasy von übernächtigten Klappentextschreibern unweigerlich mit Tolkien vergleichen lassen muß, bleibt der Vergleich mit Herbert keinem SF-Autor erspart, dessen Roman länger als 300 Seiten ist.
Eventuell wird der Fantasy-Schreiber auch mit Robert E. Howard verglichen, falls der Klappentextschreiber nicht nur schlaflos ist, sondern auch noch unter Drogen steht und das deshalb für eine völlig geniale Idee hält, auf die noch niemand vor ihm gekommen ist.
Mr Howard ist übrigens der Mann, dem wir das Universum von Conan verdanken. Ja, genau –  der Conan. Conan der Cimmerier, besser bekannt als Conan der Barbar. Der Urvater aller muskelbepackten Schwertschwingerfantasy mit halbnackten Frauen auf dem Cover. Eine Mode, der sich in den 40er bis 60er Jahren auch die SF anschloß.

Fantasy, so ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal, beschreibt immer Welten, von denen sowohl Autoren als auch Leser wissen, daß sie nirgendwo reale Existenzberechtigung aufweisen. Diese Entwürfe benötigen keine Wissenschaftlichkeit. Niemand fliegt hier zu den Sternen – jedenfalls nicht, so weit ich das Genre kenne – und niemand führt hier tiefgründige Gespräche über die philosophischen Untiefen von Sein oder Nichtsein.
Die Schwerter sind nicht aus Licht, sondern aus ordentlichem, handgetemperten Stahl bester Güte. Was die Muskeln der Träger erklärt, denn so ein Ding schleppt man nicht ständig mit sich herum, ohne breite Schultern zu kriegen.
Völlig üblich ist hingegen in der Fantasy die Existenz von Magie in den jeweiligen Welten. Zauberer und Magier mitsamt ihren Tricks und Kniffen sind geradezu essentielles Beiwerk solcher Geschichten. Darum ist Tolkien auch Fantasy. Weil Gandalf. Weiterlesen

Den Elefanten fühlen

,,Derjenige, der etwas zerbricht, um herauszufinden, was es ist, hat den Pfad der Weisheit verlassen.”

Gandalf zu Saruman

Es gibt da diese schöne Geschichte von den blinden Männern und dem Elefanten. Nach allem, was ich weiß, stammt die Geschichte aus Indien, was ja auch annähernd logisch wäre, denn da gibt es Elefanten.
Falls das jemand nicht kennt, die Geschichte geht etwa so: Eine Gruppe blinder Männer begegnet einem Elefanten. Von den lauten Geräuschen des Tiers sehr deutlich auf dessen Existenz hingewiesen, beschließen die Männer verblüfft, einen der ihren loszuschicken, um der Sache auf den Grund zu gehen.
Der erste Blinde erwischt ein Bein des offensichtlich gutmütig gestimmten Dickhäuters und kehrt zu seinen Kollegen zurück, um ihnen zu berichten, es handle sich bei der Quelle der Geräusche wohl um eine Art Säule.
Der zweite Mann erwischt den Schwanz des Elefanten und erzählt etwas von einer Art Seil. Der dritte erwischt eines der Ohren und spicht von einem Fächer. Der vierte wiederum berührt die Flanke des Elefanten und spricht von einer Wand. Der fünfte erwischt den Rüssel und spricht von einer Art Schlange. Der sechste berührt einen Stoßzahn und sagt, das Etwas müsse eine solide Röhre sein.

Die Geschichte existiert in unterschiedlichen Varianten. Mal ist die Zahl der Männer anders, mal sind sie nicht blind, sondern es ist ein dunkler Raum. Es gibt Unterschiede in der Art der Auflösung. Einmal streiten sich die Männer gewalttätig, in anderen Versionen diskutieren sie die Sache friedlich. Auch die Art und Weise der Beschreibung der Körperteile differiert.
Die von mir präsentierte Version beruht auf einer Übersetzung dieser Parabel ins Englische, die aus dem 19. Jahrhundert stammt und die bei uns im Westen wohl am besten bekannte Variante darstellt.
Die Geschichte wird gerne als ein Gleichnis angeführt, um besonders religiöse Streitigkeiten darzustellen. Denn gerade Theologen sind wunderbar in der Lage, über Dinge zu zanken, die sie niemals gesehen haben. Da macht es keinen Unterschied, welcher Religion der jeweilige Oberpriester so angehören mag.
In Wirklichkeit stellt die Geschichte eben die Frage: “Was genau ist Wahrheit und wie kommen wir da ran?” Weiterlesen

Die Vergangenheit der Zukunft

,,Eine Revolution ist ein Kampf bis auf den Tod zwischen der Vergangenheit und der Zukunft.”
Fidel Castro

Mensch war also schon immer neugierig auf das, was vor ihm liegt und allgemein Zukunft genannt wird. Aber erst in den letzten sechs oder sieben Jahrzehnten hält in dieser Beziehung eine gewisse Wissenschaftlichkeit Einzug.
Das hat dazu geführt, daß wir heute recht gut wissen, daß Vögel Priester am Boden ignorieren, weil sie einfach zu beschäftigt sind, sich am Magnetfeld der Erde zu orientieren. Dazu wiederum mußte man natürlich erst einmal darauf kommen, daß die Erde überhaupt eins hat und was zur Hölle ein Magnetfeld eigentlich ist. Dieser Teil der Geschichte fällt ins 19. Jahrhundert und enthält Namen wie Nicola Tesla, Michael Faraday und natürlich James Clerk Maxwell.

Auch von Ritualen an Tieren stammende Einsichten ins Innenleben derselben dienen heutzutage eher dem Tierarzt und dem Gesundheitsministerium als der Zukunftsvorhersage, weil sich Mensch mit steigender wissenschaftlicher Bildung einer Erkenntnis nicht länger verschließen konnte: Zufall existiert einfach. Und er ist zufällig.
Das hat aber trotzdem niemanden davon abgehalten, weiter an die Möglichkeiten einer Zukunftserforschung festzuhalten. Eine dieser Disziplinen begegnet uns so regelmäßig und alltäglich, daß wir sie meistens gar nicht mehr als solche erkennen: Die Wettervorhersage. Weiterlesen