Die sechste Republik

Hurra!
Europa jubelt. Denn Frankreich hat eindeutig entschieden und gestern total überraschend den anderen Kandidaten um die französische Präsidentschaft in den Élysée gehievt. Oder besser, die Bevölkerung hat entschieden. Ich habe noch niemals ein Land an einer Wahlurne gesehen. Entschieden haben auch die etwa 4,2 Millionen Wähler, die einen leeren Stimmzettel abgegeben haben, so viele wie nie zuvor in der Geschichte französischer Wahlen.
Dummerweise haben diese „blancs“ keinerlei Auswirkungen auf das Ergebnis, denn sie werden zwar gezählt, bilden also eine Zahl ab. Aber sie fließen nicht in die prozentuale Berechnung ein. Denn ansonsten wäre es möglich, daß in der Stichwahl eben keiner der verbliebenen Kandidaten eine Mehrheit zustande bringt. Das wäre zwar durchaus demokratisch, aber es könnte zu peinlichen Regierungskrisen führen, denn in Frankreich hat der Präsident ja durchaus politische Macht.
Jedenfalls feiert die europäische Presse das Wahlergebnis recht einhellig als ein Signal für eine offene Gesellschaft und solche Dinge.

Eine offene Gesellschaft? Natürlich wollen wir eine offene Gesellschaft. Zumindest wohl ein recht großer Teil von uns, also der europäischen Bevölkerung. Diese Geschichte mit dem „Wir“ ist ja von Fall zu Fall unterschiedlich schwierig.
Ich bin kein Angehöriger der Generation Y, wie immer die genau definiert sein soll. Denn offiziell ist Monsieur Macron einer von denen. Der Mann ist acht Jahre jünger als ich. Wer ist also Ypsiloner? Die unter 40jährigen?
Oder diejenigen unter 40, die eine Eliteuni besucht haben, um danach eine Elite-Kaderschmiede zu besuchen, die einem den ersten Verwaltungsjob verschafft, der einen wiederum ins politische Netzwerk hievt? Diejenigen mit zwei Ärzten als Eltern?
Die Eltern von Monsieur Macron sind beide Mediziner, Papa ist Professor. Seine Schulbildung erwarb er an einem Elitegymnasium, das Studium erfolgte an der Elite-Kaderschmiede Sciences-Po und – man halte sich fest – seine Magisterarbeit hat er über Machiavelli geschrieben. Sein Diplom hat er dann über Hegel gemacht, wobei mich das nicht zwingend optimistischer stimmt, wenn man weiß, was Hegel so alles zusammengebacken hat in seinen Schriften. Dann war er Investmentbanker und hat ordentlich kassiert. Also, Macron, nicht Papa Hegel.

Damit bin ich wohl erst recht keiner dieser Generation Y. Aber die meisten, die Macron gewählt haben, sind es auch nicht. Alles, was Marine le Pen diesem Mann im Fernsehduell vorgeworfen hat, war völlig korrekt.
Dummerweise haben gerade deutsche Medien, speziell eines davon, diese Tatsache in ihrer Berichterstattung seltsamerweise völlig ignoriert. Stattdessen wurde Marine le Pen als gehässige Zicke portraitiert, die ihrem Widersacher mit ungerechtfertigten Behauptungen ans Bein pinkelt. Dabei hat sie nichts anderes gesagt als ich gerade geschrieben habe und all diese Dinge sind völlig richtig. Wer immer Emmanuel Macron ist, die Nummer mit dem „Mann der kleinen Leute“ nehme ich ihm nicht ab.

Es spricht Bände für den Zustand der Demokratie, wenn sich in Frankreich 47 Millionen Wähler wieder mal nur zwischen zwei Übeln entscheiden können und das vermeintlich kleinere wählen.
Es spricht ebenfalls Bände für den Zustand weiter Teile der Medienlandschaft, wenn eines dieser Übel vorab als Ausgeburt der faschistischen Höllenreiter hingestellt wird, während man den anderen Teil hochjubelt – obwohl wir Deutschen ja nun nicht zur Wahlurne gebeten wurden.

In einem Fernsehduell und auch anderswo sollten politische Gegner sich mit Sachfragen herumschlagen, die vor einem Publikum auseinandergenommen werden. Einem verständigen Publikum, wohlgemerkt. Problem A, Frage an den Kandidaten, ihre Lösungsvorschläge bitte. Oder ihre Einstellung. Danach analog dasselbe Vorgehen mit Kandidat B.
Ebenso sollte Berichterstattung über solche Duelle aussehen. Mit einer sachlichen Darstellung beider Seiten. Aber weder im Fernsehen noch im Online- oder Printbereich findet diese sachliche Debatte statt. Man wirft sich Parolen an den Kopf. Schlagwörter. Es gibt fast ausschließlich Attacken ad hominem, also gegen die Person des politischen Widersachers. Inhalte sind nicht mehr gefragt. Dafür war das Gezicke von Marine le Pen ein prima Beispiel.

Politik und politische Debatten und Kampagnen bestehen seit geraumer Zeit nur noch aus dem, was man im Englischen „snarl words“ nennt. Diese Worte haben keine Bedeutung. Sie sind nur Geräusche. Lärm. Weißes Rauschen, das nicht etwa zum Denken anregen will, wie echte Konversation das tun sollte. Diese Wortgebilde sind ausschließlich dazu da, einen Denkprozeß gar nicht erst aufkommen zu lassen. Sie sind komprimierte Emotion.
Barack Obama hat 2008 mit seinem „Change“ begonnen. Donald Trump hat daraus ein „Make America great again“ gemacht. Der Brexit fand statt unter dem Motto „Take back control“. Macron gewann seine Wahl an der Spitze einer „Bewegung“ – ein etwas umstrittenes Wort im Deutschen – deren Namen „en marche“ ist. Was, soweit meine dürren Kenntnisse der gallischen Sprache nicht täuschen, soviel heißt wie „Vorwärts!“
Das wiederum ist auch ein Magazin, nämlich die Hauspostille der sogenannten Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Als Kampfblatt 1876 gegründet, ist die Auflage dieser Publikation seit 1998 um etwa 47 Prozent gesunken. Also dem Jahr, in dem Gerhard Schröder gewählt wurde. Sicherlich alles Zufall.

Politische Debattenkultur ist längst zu einer miesen Wrestling-Show verkommen. Und ebenso wie dort wird nur zum Schein angegriffen, um das Publikum zu täuschen. Alles Brot und Spiele.

Das ist heute Politik. Man nimmt einfach emotional aufgeladene Dingsbumse und wirft sie um sich, vorzugsweise auf den Gegner. Und das Publikum johlt dazu. Gerade der „Wahlkampf“ in den USA ist längst nicht mehr als eine miese Wrestling-Show, in der mit Schlamm und Katzenscheiße geworfen wird.
Wobei ein Trump eine negativ emotionale Kampagne gestartet hat, Obama eine positiv-emotionale. Den Gegnern des Brexit fiel nichts besseres ein, als den negativen Emotionen der Aussteiger noch mehr Negatives entgegenzusetzen, nämlich ökonomische Furcht vor eben diesem Ausstieg. Damit punktet man aber nicht bei Menschen, die von der Globalisierung arbeitslos und ohne Stütze in schimmelnden, unbeheizten Sozialvierteln zurückgelassen worden sind.
Hätte Madame le Pen ihren Anhängern und noch zu Überzeugenden so etwas versprochen wie den Marsch in ein neues Frankreich voller Baguette, Käse und erstklassiger Rotweinjahrgänge, sie hätte gewonnen.
„France meilleur pour tous“ wäre ein gutes Motto gewesen. Aber stattdessen hat le Pen propagiert, Frankreich würde nur dann besser für einige, wenn man andere systematisch diskriminiert und rauswirft. Dazu waren die Franzosen noch nicht verzweifelt genug und nicht bereit. Durchaus eine sehr vernünftige Entscheidung.

Wobei die deutsche Variante dieser Art des Vorheuchelns von Inhalten noch widerlicher ist: Hier gibt es keine politischen „Gegner“ mehr oder „Widersacher“. Gewisse deutsche Parlamentarier haben sich zu solchen Begrifflichkeiten sehr ablehnend geäußert.
Was aber gibt es dann? Wie kann man sich vor dem Hintergrund einer derart zur Schau getragenen Einstellung wundern, wenn xenophobe Volldeppen, die anderen Menschen nicht das Schwarze unterm Fingernagel gönnen, mit Sprüchen wie „Lügenpresse“ kommen? Oder solchen Spinnereien wie „Die Merkel hat ja die Presse gleichgeschaltet“ oder „Das sind alles linksgrünversiffte Gutmenschen da im Bundestag, alles Einheitspartei“?
In so einem Moment fällt mir der alte Spruch ein, daß die Tatsache, daß man paranoid ist, nun nicht bedeutet, daß einen keiner verfolgt.

Politik, die etwas auf sich hält, die etwas bewegen, auf etwas aufmerksam machen will, muß Gegner kennen. Und Widersacher. Und vor allem muß sie die auch benennen.
Ich könnte keine Sekunde lang vorgeben, einer Meinung zu sein mit einem tattergreisigen Typen in geradezu unheimlichen Tweedsakkos, der den Eindruck macht, aus dem Mund schon stark nach Graberde zu riechen. Wäre ich im Bundestag und der Herr Gauland auch – was Deutschland ja im Herbst wohl blühen wird – ich würde diesem Typen nicht einmal die Hand geben.
Das muß man nämlich nicht. Es gibt kein Gesetz, das mir vorschreiben könnte, Freundlichkeit gegenüber Leuten zu heucheln, die ich im besten Falle für menschenverachtende Arschlöcher halte. Und im schlechtesten Falle für faschistische Idioten, denen man genau die Behandlung angedeihen lassen sollte, die sie sich für andere Menschen immer lauthals gröhlend vorstellen, wenn sie vor einer Dresdner Frauenkirche demonstrieren, von der sie keine Ahnung haben, warum die mal kaputt war. Weil es nämlich schon vor Jahrzehnten nichtswürdige Humanoide wie sie gegeben hat. Die Mutter der Dummen ist eben immer schwanger.
Man muß auch intellektuell gebildete Menschen wie einen Alexander Gauland nicht respektieren. Der Pöbel, dessen geistige Väter und Mütter solche Menschen sind, kennt auch keinen Respekt. Die respektieren ja nicht mal sich selbst.

Man kann einfach nicht mit allen immer gut Freund spielen und dann erwarten, daß man politisch glaubwürdig ist oder bleibt. Das funktioniert nicht.
Menschenverachtender Mist bleibt menschenverachtender Mist und sollte auf Sachebene auch als solcher enttarnt werden. Ich weise darauf hin, daß derartiges Zeug beileibe nicht alleine von Typen wie Alexander Gauland oder der AfD verbreitet wird, in Deutschland und anderswo.
Ebenso kann eine Medienlandschaft nicht erwarten, daß man ihr Qualität und sachlich korrekte Berichterstattung unterstellt, während jeder dritte Artikel von Propaganda für die NATO, die wild um sich ballernde US-Außenpolitik, die wirtschaftlich neoliberale Politik des Sparens oder anderen Dingen nur so strotzt. Bei der Berichterstattung in Sachen Ukraine und Krim sind mir persönlich mehrere Kinnladen abhanden gekommen im Jahre 2014. Was da seitdem an miesem Ideologie-Geschmiere und Kriegstrommeln ausgepackt worden ist binnen kürzester Zeit, geht nicht auf die sprichwörtliche Kuhhaut.
Man gewinnt keine Glaubwürdigkeit, wenn man sich über „Fake News“ aufregt, aber diese eben immer nur bei den jeweils anderen stattfinden, während man selbst natürlich Qualitätsjournalismus abliefert. Wenn selbst der ARD-eigene Fernsehrat die „Berichterstattung“ der Tagesschau oder des Heute-Journals rund um die Sezession der Krim und das gespielte Referendum als „bedenklich propagandistisch“ bezeichnet und „den Standards nicht entsprechend“ muß man sich eindeutig langsam fragen, was da für ein Film abläuft – im wahrsten Sinn des Wortes.

Ich sehe sehr wohl Tendenzen bei einigen Medienhäusern, dieser Entwicklung der letzten Jahre und Jahrzehnte entgegenzuwirken. Aber wenn das Kind halt erst mal im Brunnen liegt, wird es immer sehr schwierig.
Ich erwarte von ordentlicher Politik, daß sie eben sehr wohl Gegner hat. Das diese auch nicht geschont werden. Wer Vorschläge bringt, die den Boden von Anstand und Grundgesetz weit hinter sich lassen, der hat gefälligst eine aufs Maul zu kriegen und einen Tritt ans Knie. Verbal, versteht sich. Ja, damit meine ich die CSU. Wen denn sonst?

Die französische Marianne ist zwar froh, daß sie jetzt nicht Marine heißt. Aber sie guckt trotzdem etwas unbegeistert, während Europa ihre Rettung feiert. Rettung wovor genau, verrät uns wieder keiner. Ein Feiertag für die Demokratie ist es jedenfalls nicht.
Die postkoitale Wahlstimmung treffend gezeichnet hat einmal mehr Heiko Sakurai

Ich will keine weichgespülten Show-Hansels, die sich im Fernsehen ein bißchen mit Watte bewerfen und dann hinterher, kaum daß die Wahl vorbei ist, in wochenlangem Postengeschacher wieder die nächste Große Koalition schmieden. Ich verweise auch hier auf den kommenden September.
Ich erwarte von Politikern Pläne. Ich erwarte sogar Konzepte. Das sind so Dinger, wo man mehrere Ideen hat, die sich gegenseitig unterstützen und ineinandergreifen, um Probleme zu lösen.
Und Nein – die Steuern von Konzernen zu senken, keine Erbschafts- oder Vermögenssteuern zu haben, Gewinne aus Spekulationen und Firmenverkäufen steuerfrei zu stellen und all das dann mit dem Abfackeln des Sozialstaats bis auf die Grundmauern gegenzufinanzieren, ist kein Konzept.
Das ist gequirlte Scheiße. Ohne Sahne. Ob ich jetzt in der Pulverkammer Zigarre rauche oder die Kerze reinstelle, sie anzünde und mich verpisse, ändert nichts am Ergebnis. Die zweite Methode zeugt nur noch zusätzlich von äußerster persönlicher Feigheit und Geringschätzung für das eigene Land und seine Bevölkerung.
Falls es jemand nicht gemerkt haben sollte – das ging an den Herrn Schröder, der heute in Rußland bei GerdGas arbeitet. Solchen Leuten möchte ich persönlich die Staatsbürgerschaft entziehen, damit sie nie wieder zurückkommen können. Früher habe ich ja den berühmten Satz „Wer hat uns verraten…?“ für peinliche Übertreibung gehalten. Aber da kannte ich den Schröder ja noch nicht.

Demokratie ist halt nichts für Weicheier. Demokratie entstand aus Debatten. Aus Diskussionen. Aus erbitterten Wortgefechten. Demokratie entstand aber auch immer unter dem Überbau, etwas zu tun, das für das Land gut ist. Die Nation. Den Stadtstaat. Das große Ganze, wenn man so will. Demokratie ist etwas, das jeden Tag neu errungen werden will. Das verteidigt werden muß. Echte Demokratie erfordert Wahrheit. Dazu gehört auch, sich hinzustellen und gescheiterte Weltsichten und veraltete Konzepte als solche zu benennen und sie auf den Scheiterhaufen der Geschichte zu werfen.
Doch heute denken Journalisten an den Chefredakteur, der denkt an den Chef seiner Mediengruppe, der wiederum an die Aktionäre und die Politik denkt ohnehin nur an ihre Diäten und den nächsten Wunsch, der aus den Vorstandsetagen der DAX30-Konzerne huldvoll herabgereicht wird, auf das das tumbe Wahlvolk eine weitere Legislaturperiode gemolken werden kann für Projekte, die ihm selber nicht nur nichts bringen, sondern sogar schaden. Hauptsache, die Steuertöpfe mit dem Gold bleiben gefüllt und zugriffsbereit.

Spätestens dann, wenn die Riesterrente keine hundert Mäuse beträgt und man die Grundsicherung im Alter knapp überschreitet nach 35 Beitragsjahren Rentenversicherung, wird die Freude sehr groß sein. Und der gesellschaftliche Zusammenhalt erst. Besonders wenn dann noch eine Politikernase freudig Statistiken verkündet, in denen man nicht enthalten ist. Schließlich kriegt man ja dreißig Euro mehr als die Grundsicherung. Quasi Rentner-Mittelstand.
Politik und Medien und Wirtschaftsverkünder arbeiten seit mindestens zwanzig Jahren immer stärker daran, einzelne Teile der Bevölkerung sich gegenseitig hassen zu lassen, damit sie in Containern das Geld in die Südsee verschiffen können. Deshalb ist an echter Demokratie auch keiner mehr interessiert.
Und deshalb kriege ich immer so ein Prickeln im Nacken, wenn in gewissen Online-Medien gewisse Schreiber in Kolumnen was von den „westlichen Werten“ erzählen, für die wir jetzt unbedingt noch ein paar Sanktionen verhängen müssen. Oder Ländern Waffen liefern, die nachweislich islamistische Terrorverbreiter sind. Oder die Banken retten. Was immer gerade der marktkonformen Demokratie genehm ist.

In einer sachlichen Welt hätte man berichten können, daß Madame le Pen zwar mit ihren Vorwürfen an Macron sehr wohl recht hatte. Nur ist es umgedreht nicht anders. Marine le Pen ist in einer überaus geräumigen Villa mit Parkanlage aufgewachsen und auch kein Kind armer Eltern. Ihr Vater hat sein Geld auch nicht erarbeitet, sondern geerbt. Vom Erben eines Familienunternehmens und FN-Sympathisanten. Doch all diese Tatsachen wären in einer vernünftigen Medienwelt eben bestenfalls als Hintergundinformation wertvoll, nicht als eigentlicher Inhalt einer Debatte.
Sie ist exakt der Typ Politiker, der den Haß, die Unzufriedenheit und die Abstiegsangst in einer Gesellschaft für ihre Zwecke zu kanalisieren versteht.
Das ist es, wovor unsere angeblichen Demokraten im Bundestag und anderswo alle Angst haben: Das einer oder eine kommt und ihre eigenen Mittel benutzt, um sie davonzujagen. Das hätte man durchaus sachlich so darstellen und einer interessierten Öffentlichkeit erläutern können – in einer offenen Gesellschaft mit funktionierender Demokratie und Medien, die was auf sich halten. Doch wo ist sie hin, diese Gesellschaft?

Demokratie ist kein selbstreinigendes Modell der Staatsverwaltung. Es muß gepflegt werden, kontrolliert, gelegentlich geölt. Und wenn was kaputt ist, braucht es Ersatzteile und Reparaturen.

Für einen Volker Kauder oder Peter Altmaier ist es Demokratie, wenn in einer Fraktion alle die Fresse halten und einer Meinung sind. Die von vorn vorgegeben wird. Einer steht also vorne und sagt allen anderen, wann sie den Arm heben sollen, könnte man sagen.
Es gibt da einen Typ, der mit einer höchst dubiosen ukrainischen Regierung unter stark rechter Beteiligung seltsame Verträge verhandelt hat, der einem deutschen Staatsbürger in Guantanamo noch Knüppel zwischen die Beine werfen ließ, statt ihm zu helfen, der von millionenfacher Bespitzelung durch NSA, GCHQ und BND nichts gewußt haben will, obwohl das als Kanzleramtsminister exakt sein Job gewesen wäre. Der ist heute Bundespräsident. Zum Glück wählen wir den nicht direkt, denn der Präsident ist bei uns in Deutschland politisch ja eher bedeutungs- und vor allem machtlos.
Bei einer Wahl zwischen Steinmeier und Schäuble hätte ich mich in die Wahlurne erbrochen in diesem Land hier. Aber wir kriegen ja nicht einmal mehr das hin. In Deutschland ist es nur dann eine Wahl, wenn nur einer antritt.

Nein, machen wir uns nichts vor. Europas Demokratien befinden sich auch mit einem neuen französischen Präsidenten, der nicht Marine le Pen ist, in einer tiefen Krise. Und diejenigen, die daran schuld sind, sind dieselben, die sich gestern in Glückwunschtelegrammen wieder zu den Verteidigern der Demokratie ernannt haben.
Wenn das Reformprogramm, das Macron durchziehen will, tatsächlich kommt, bedeutet das nichts anderes als Hartz IV für Frankreich. Macron ist wie Schröder, nur vermutlich mit besseren Umgangsformen und nicht so ein proletarisches Trampeltier ohne Schliff. Ich weiß, wovon ich da rede, ich bin im Ruhrgebiet gepflanzt und aufgewachsen, da kommen die Proleten zwölf auf ein Dutzend.
Sollten die Folgen davon für Frankreich negativ sein, werden unsere Glückwünscher jede Verantwortung wieder von sich weisen. Schließlich hat man ja nur gemacht, was der Markt so erfordert. Oder auch nicht. Denn sollten die Franzosen gegen tiefe Einschnitte in ihr erarbeitetes Glück weiter protestieren, wie sie es unter Hollande schon getan haben, wird das die Märkte verunsichern womöglich. Den Euro schwanken lassen. Das Wirtschaftswohl Galliens gefährden. Deutsche Einsprüche auslösen, doch endlich mal Hausaufgaben zu machen. Den ganzen Mist halt, den es schon mehrfach gab. Griechenland, anyone?

Ob Generation Y oder welche auch immer – die Fünfte Republik ist gestern abend zu Ende gegangen. Die Kolumnenschreiber haben an diesem Punkt recht. Macrons Wahl ist eine Zäsur, eine Zeitenwende.
Und schon ein einziger Absatz in einer Kolumne löst bei mir wieder den Drang aus, die Kettensäge auszupacken:

„Entweder der politische Newcomer legt mit ebenso drastischen wie mutigen Reformen die Fundamente für den Umbau seines Landes zu einem modernen Staatswesen. Oder der Senkrechtstarter scheitert mit seinem gesellschaftlichen Experiment am zähen Widerstand der alten Strukturen. „

Das heißt übersetzt: Entweder schlucken die Franzosen endlich dieselben mistigen Reformen wie die Deutschen – die übrigens zu faul waren und zu doof, gegen Schröders neoliberale Scheiße zu protestieren. Aber den Juchtenkäfer vor Stuttgart21 retten, das bringt Leute ins Freie.
Oder Frankreich bleibt ein Land, in dem Menschenwürde und Arbeitnehmerrechte und andere Dinge noch etwas bedeuten – das sind nämlich die „alten Strukturen“, die hier genannt werden. So etwas wie Gewerkschaften, die ihren Mitgliedern womöglich besseren Lohn verschaffen wollen. Diese völlig veraltete Sozialromantik muß weg, denn natürlich war die Wahl Macrons ein Zeichen…

„… ein Bekenntnis zu einem geeinten, solidarischen Europa, das sich im globalen Wettbewerb zwischen den Weltmächten behaupten will.“

Womit natürlich ein Europa gemeint ist, in dem alle das tun, was „die Märkte“ ihnen vorschreiben.
Ich muß es ganz klar formulieren: Mit diesem Müllhaufen, den gerade auch deutsche Politiker aus der eigentlich extrem begrüßenswerten europäischen Idee gemacht haben, will ich überhaupt nicht solidarisch sein.
Ich persönlich will mich auch nicht im globalen Wettbewerb behaupten. Dieser sogenannte globale Wettbewerb kann mir mal sauber den Arsch küssen, um es undiplomatisch auszudrücken. Ich bin nämlich nicht bescheuert.
Ich weiß genau, daß die Erde eine Kugel ist, als solche nicht unendlich groß und das demzufolge unsere Ressourcen und Möglichkeiten begrenzt sind. Ich habe nicht die allergeringste Lust darauf, so „schnell wie möglich auf den alten Kurs zurückzukehren“, um hier mal die Bundeskanzlerin im Frühjahr 2009 zu zitieren, als sie die Finanzkrise in einer Rede für beerdigt erklärte. Das ist nämlich der Kurs mit den Eisbergen, der uns erst in die aktuelle Lage gebracht hat. Es ist der Kurs, den die Welt vor etwa 35 Jahren eingeschlagen hat.
Ganz speziell will ich nicht für Mindestlohn und Armutsrente buckeln, bis ich 70 Jahre alt bin, damit die Reichen und angeblich so Schönen noch mehr Milliarden in ihren Zocker-Aktiendepots bunkern können, um im Namen des allmächtigen Wachstums den Planeten noch schneller in eine Müllhalde zu verwandeln.

In Deutschland hat man anderthalb Jahrzehnte Löhne gesenkt und dafür „Beschäftigungsgarantien“ ausgehandelt. Kein einziger der großen Konzerne hat sich an diese Vereinbarungen gehalten. Das nennt man „wettbewerbsfähig werden“. Das moderne Staatswesen in Frankreich soll sozial genauso kalt werden wie das in Deutschland. Und dann kann der nächste Gerhard Schröder bei uns die nächste Reform einläuten, um Deutschland so werden zu lassen wie das große Vorbild, die USA. Kapitalismus, fuck yeah!

Was viele im Jubel darüber, daß der „richtige Mann“ gewählt worden ist, zu übersehen scheinen: Zur Wahl standen eine Vertreterin der extremen Rechten. Marine le Pen ist der Prototyp des „Neonationalismus“, wie die Erbsenpistole der Demokratie das im Vorfeld nannte. Dabei ist an diesem Nationalismus nichts neu. Es ist das Ergebnis, das man immer erhält, wenn einer in wirtschaftlich schwierigen Zeiten aufsteht und auf die Anderen zeigt, die der eigenen Klientel angeblich was wegnehmen. Wer immer die jeweils „Anderen“ dann sind.
Das Problem daran ist, daß es keine wirtschaftlichen Boomzeiten mehr geben wird. Unserer ökonomischen Theorie geht im Ringen mit der Wirklichkeit die Überzeugungskraft aus und die Energie, die sie benötigt, um über ihre inhärenten Fehler hinwegzutäuschen. Einige werden immer reicher werden. Doch was ist auf Dauer mit dem Rest?
Der andere Typ, der richtige Mann, hat nicht einmal eine Partei. Die üblichen Verdächtigen, die in Frankreich den Präsidenten stellen, sind in der ersten Wahlrunde gnadenlos untergegangen. Das politische System unseres Nachbarlandes ist in Rauch und Trümmer zerfallen. Das muß nicht unbedingt schlecht sein. Auch hier sind die Franzosen zumindest fortschrittlicher als die Deutschen. Wir wählen weiter Frau Merkel und die CDU.

„Ich will die Republik verteidigen!“, sagte Emmanuel Macron gestern abend in einer ziemlich blutleeren Rede, die wenig Substanz und wenig Empathie hatte. Ich glaube es ihm sogar. Ich bezweifle nur sehr stark, daß die wirtschaftlichen Mächte des Neoliberalismus ihm dazu eine Chance lassen und denen gehört er an.
Business as usual ist gestern abgewählt worden, so oder so. Aber aus Deutschland werden die Zeichen der Zeit schon wieder genau andersrum interpretiert.
Was immer die Zukunft bringt, ab heute ist Frankreich jedenfalls in der Sechsten Republik. Falls es noch eine ist und falls es denn eine bleiben kann. Immerhin ist der Ausnahmezustand ja schon Dauerzustand. Bonne chance, ihr Gallier. Möge der Zaubertrank mit euch sein.

2 Gedanken zu „Die sechste Republik

  1. „Das Problem daran ist, daß es keine wirtschaftlichen Boomzeiten mehr geben wird. Unserer ökonomischen Theorie geht im Ringen mit der Wirklichkeit die Überzeugungskraft aus und die Energie, die sie benötigt, um über ihre inhärenten Fehler hinwegzutäuschen. Einige werden immer reicher werden.“

    Und genau deshalb hätte ich eine Marine sehr begrüßt, denn die gehörte nicht zu den üblichen Politikern. Im Grunde ist die Frau sogar noch sehr vernünftig, immerhin sie hat keine Lust auf NATO, und sie vertraut den Yankees nicht, und sie kann mit der EU der Reichen auch nix anfangen, und sie ist ganz sicher besser, als die Typen, die nach ihr kommen werden. Ich meine wenn Du hier klar erkennst, dass die Situation immer böser werden wird, und dass wir daher mit immer hysterischeren Rechten rechnen dürfen, dann wäre es besser man gibt dem FN früh die Chance in Verantwortung zu versagen. Der FN kann nämlich nur versagen, denn auch diese Leute sind nur gierige Kapitalisten.
    Solange wir keine „Prepper Partei“ auf der politischen Bühne haben, oder sonst wen der mit der Realität beschäftigt ist, solange wird es absolut unerheblich sein wer da eine Wahl gewinnt. Wenn ich es begrüße das Trump Präsi wurde, dann deshalb weil der ein Feind des CIA ist, und diese Terrororganisation mal eine Weile im eigenen Scheißland beschäftigt ist.

    Btw; ich würde niemanden einen Vorwurf machen, wenn er unsere dreist lügenden Medien als Lügenpresse bezeichnet. Es ist die volle Wahrheit. Und bei der ist’s egal wer sie sagt, es gibt immer einen Pluspunkt. Nur mit Wahrheit kann man keine erfolgreiche Politik machen – Lafontaine hat es vorgemacht. Es sind die verblödeten Wähler. Und das repariert auch keiner mehr.
    All diese fiesen Kids, die heute rumlaufen, exzessiv Party machen und auf ihre Eltern und den Staat scheißen, haben offenbar etwas gemerkt, oder zumindest das richtige Feeling.

    • MIr wäre es auch recht gewesen -hahaha – wenn der FN gewonnen hätte. Exakt aus diesen Gründen. Um sie versagen zu sehen. Das ist wie die AfD. Blasen sich auf als „Alternative“, sind aber schlicht Nationalkapitalisten. Das Schlechteste aus zwei Welten. Hurra!

      Solange wir keine „Prepper Partei“ auf der politischen Bühne haben, oder sonst wen der mit der Realität beschäftigt ist, solange wird es absolut unerheblich sein wer da eine Wahl gewinnt.

      Exakt. Ich werde darauf zurückkommen, ich hatte da vor langer Zeit schon mal was zusammengetippt. Hmmmm…ganz allmählich wird das eine Reihe über Demokratie und Politik hier in den letzten Wochen…mal wieder total ungeplant 😀
      Und die „Kids“ sind nicht die einzigen. Die Risse in der allgemeinen Fassade sind eigentlich überall zu sehen – wenn man will.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.