Kurzmitteilung

Blick über den Tellerrand

Der Bundesnachrichtendienst hat neulich mal was Wahres gesagt, man soll es kaum glauben. Ich führe den jetzt mal so an, weil sich Geheimdienste ja ohnehin für einen Staat im Staat halten und sich auch so benehmen. Da sagt also der BND neulich: „Saudi-Arabien hat eine destablisierende Rolle in der arabischen Welt“ und betreibe „eine impulsive Interventionspolitik“.
Welch unglaubliche Erkenntnisse unser bevölkerungsschützender Streicheldienst doch immer hervorbringt. Ich bin begeistert!
Saudi-Arabien sind die, die Leute in Fußballstadien köpfen oder mal den einen oder anderen Blogger zu Tode peitschen und die nichts davon halten, wenn Frauen normalen Tätigkeiten nachgehen, außer Atmen, Essen zubereiten und Kinder kriegen eventuell. Außerdem bomben die ja seit einer Weile im Jemen rum, daß ist dieses Nachbarland, das schon seit mehreren Jahren vor sich hin zerfällt.
Das sind die Jungs, die sich vom sogenannten Islamischen Staat dadurch unterscheiden, daß ihnen keiner Bomben auf die Mütze wirft. Aber das war’s dann auch. Die Bundesregierung hat jedenfalls sofort mit einem #Aufschrei reagiert und diese Analyse des BND als total schrecklich übertrieben zurückgewiesen. Oder, wie das diplomatisch heißt: „Die Einschätzungen des BND zu Saudi-Arabien spiegeln nicht 1:1 die Haltung der Bundesregierung wider.“ Ah ja.

Schön ist auch der Quellenhinweis

„Für die Realpolitik allerdings braucht man einen Draht zum Königshaus. Gerade bei den Gesprächen zum Syrienkonflikt, an denen saudische Diplomaten kürzlich erstmals teilnahmen, gilt das Königshaus als entscheidend.“

So ein Blödsinn. Die Saudis sind so ziemlich die einzigen, die in Syrien nicht mitbomben. Man ist halt woanders beschäftigt.

In Frankreich, oder besser, in Paris, war ja gerade Klimakonferenz. Jetzt ist rechtzeitig vor Weihnachten alles total in Butter, die Welt ist gerettet, denn die Politiker haben  klimaschützende Beschlüsse gefaßt, die es in sich haben.
Ob die sich auch über die verheerenden Waldbrände in Indonesien unterhalten haben, drang allerdings nicht an mein Ohr.
Geschätzte 128 Bazillionen Tonnen CO2 sind dabei in die Atmosphäre entwichen. Die Wälder brannten übrigens wegen illegaler Rodungen, die außer Kontrolle gerieten. Die gibt es, damit man u.a. mehr Palmöl anbauen kann. Das ist das Zeug, das unsere Kosmetik hierzulande so „bio“ macht. Die entsprechenden Konzerne weisen jede Schuld von sich, sie würden so nicht roden, heißt es. Die tatsächliche Menge an Kohlenstoffdioxid entspricht etwa einer Jahresration von Großbritannien und Deutschland zusammen.
Im Vorfeld des großen Häuplingstreffens hatten die UN schon darauf hingewiesen, daß der Ausstoß an Treibhausgasen 2014 ungebremst weiter gestiegen ist. Auch das China geschummelt hat bei seinen Zahlen, war im Vorfeld schon bekannt geworden.
Aber dann kam die Weltbank und hat gesagt, Klimawandel macht die Leute womöglich arm.  Ich vermute, daß hat denen der BND erzählt.
Und auch die französische Versicherungsgesellschaft AXA ließ verlauten, daß eine Welt, die 4 Grad wärmer ist, womöglich nicht mehr versichert werden kann.
Ja, wie schrecklich wäre das denn! Das geht natürlich gar nicht, deshalb war AXA auch unter den Sponsoren der Konferenz COP21 und Paris dann ja auch ein toller Erfolg. Da haben wir aber alle noch mal Glück gehabt.

Australien verstößt derweil massiv gegen die Statuten des Kapitalismus und des heiligen „Freihandels“. Die haben doch ernsthaft einem chinesischen Konsortium untersagt, mal ein bißchen Farmland zu kaufen in Australien. Es ging dabei um eine Landfläche etwa in der Größenordnung des US-Bundestaats Kentucky. Skandal!
Sowas sollte einem Drittweltstaat mal einfallen, da würde aber sofort der IWF auf der Matte stehen. Da werden wir wohl bald mal Sanktionen beschließen müssen gegen diese protektionistischen Kommunisten.

In ebendiesem China sinkt übrigens aktuell auch die Wirtschaftsleistung weiter ab. Obwohl Chinas Zentralbank den Yuan weiter abgewertet hat, sinken die Exporte des Landes weiter. Unglaublicherweise sinken deswegen auch die Importe nach China, also wiederum die Exporte aus Deutschland.
Fast könnte man glauben, da stimmt irgendwas nicht mit dem Ewigen Wachstum. Dabei haben die Chinesen doch alles, was der Kapitalismus begehrt: Keine Demokratie, Horden billiger Arbeitskräfte, keine Umweltkontrollen – freier, ungeregelter Markt FTW!
Es gibt da Gerüchte, all das könnte mit Energie zusammenhängen, also Erdöl. Und das auch die fallenden Preise etwas mit Chinas Schwäche zu tun haben könnten. Denn es ist ja nicht nur Öl, dessen Preis inzwischen völlig wegbricht. Es sind alle Rohstoffe. Ich hatte die Problematik mal irgendwo beschrieben.
Da ist gar von Überkapazitäten die Rede oder Schuldenungleichwichten. Ist natürlich ein bißchen unpassend, wo doch die chinesische Währung, der Yuan, gerade erst vom IWF als weitere Weltreservewährung aufgenommen wurde. Wenn das mal nicht der Markt hört. Und hoffentlich regen sich die Chinesen nicht darüber auf, von denen gibt es ja eine ganze Menge.

Im aufstrebenden Zauberland des Kapitalismus, den USA, hat die Chefin der Fed dann doch tatsächlich mal die Zinsen erhöht. Unfaßbar. Statt zwischen 0 und 0,25% liegen die jetzt in Zukunft bei 0,25-0,5%. Meine Fresse, wer hätte das gedacht?
Überall wird dieser gigantische Sprung als das Ende der Finanzkrise gefeiert. Also die, von der die Presse in den letzten Jahren schon mehrfach gesagt hatte, sie sei jetzt vorbei. Zähes altes Mädchen, die Krise.
Schon ist von weiteren Zinserhöhungen die Rede. Prima Idee. Eine bessere Möglichkeit, die Weltwirtschaft endgültig in den Schlamm der Depression zu drücken, gibt es gar nicht. Ich bin sehr gespannt, wann die Fed die Zinsen wieder senken wird.

Das wird vor allem die CEOs der Top-Firmen in Amiland freuen, denn allein diese paar Jungs haben aktuell etwa 4,9 Milliarden Dollar zurückgelegt für ihre Altersversorgung. Ein Drittel der normalen Arbeitnehmer hat gleichzeitig gar keine Vorsorge.
Das ist gut, da muß man sich um Marktzinsen keine Gedanken machen. Ms Jellen begündete den Schritt übrigens mit den gesunkenen Arbeitslosenzahlen in den USA. Die sind jetzt offiziell wieder auf dem Stand, den sie 2008 hatten. Was für ein brillanter Erfolg der Billiggeld-Politik! Und das hat allerhöchstens 3.000 oder 4.000 Millionen Dollar gekostet. Ein Spottpreis.
Die CEOs sollten ihr Geld in regenerativen Energien anlegen. Hätte nämlich die Bill-and-Melinda-Gates-Foundation ihre Kohle nicht in Kohle, sondern Windräder investiert, wäre Billy heute noch reicher. Etwa knappe 2 Milliarden, nach einem Artikel des Guardian.

Da hätte Billy sich mal besser von der Allianz beraten lassen. Die hat nämlich neulich angekündigt, sich investitionsmäßig massiv aus dem Geschäft mit der Kohle zurückzuziehen.
In der Fachsprache nennt man das Divestment. Spötter würden es „die Ratten verlassen das sinkende Schiff“ nennen, aber wer tut sowas schon?
Es ist offensichtlich das Gebot der Stunde, fossiles Divestment zu betreiben. Selbst Royal Dutch Shell ist dieser Meinung. Die haben nämlich nicht nur aufgehört, in der Arktis nach Öl zu suchen, sondern auch keinen Bock mehr auf Teersande in Kanada.
Ist alles zu teuer beim aktuellen Ölpreis. Und wieder ein paar Milliarden den Bach runter. Aber nur die Ruhe – es gibt gar kein Problem mit der Energieversorgung. Wir haben im Vorweihnachtsdeutschland gerade 16 Grade im Plus, da muß ohnehin niemand heizen.

In der Türkei wurden zwischenzeitlich mal ein paar Journalisten verhaftet. Vorwurf: Spionage. Denn sie berichteten in ihrer Zeitung über Waffenlieferungen nach Syrien. Von der Türkei aus. Seltsame Sache, in Deutschland liefert das Parlament ganz offiziell Waffen überall hin – wieso ist das in der Türkei Staatsgeheimnis?
Das ist dieselbe Türkei, die neulich einen russischen Flieger abgeschossen hat, die Besuch von Frau Merkel bekam wegen der Flüchtlingskrise und die momentan von der EU hofiert wird – auch wegen der Flüchtlingskrise. Denn wenn die Türken einfach keinen mehr durchlassen, ertrinken mehr Flüchtlinge im Mittelmeer. Und das ist dann gut, denn so kommen die halt nicht hier an. Globalpolitik, fuck yeah!

Auch der deutsche Nachbar Polen kann Faschismus für Anfänger, nicht nur die Ungarn.
Da wurde gwählt und gewonnen haben die „Konservativen“. Die in Wahrheit rechte Arschlöcher sind. Kaum an die Macht gewählt, hat der Herr Kaczynski, das ist der Mann, der die Fäden zieht, an denen die aktuelle Ministerpräsidentin Szydio hängt, mal eben eine Handvoll Verfassungsrichter neu bestimmt. Was an sich kein Problem wäre, wären diese Herren nicht bereits von der Vorgängerregierung in ihr Amt gewählt worden. Aber die sind dem Herrn und Meister natürlich zu liberal und zu unabhängig. Dabei war Polens Vorgängerregierung etwa so „liberal“ wie diese Partei, die früher mal im Bundestag saß und  Hartz-IV-Beziehern spätrömische Dekadenz vorgeworfen hat.
Auch ansonsten gibt die neue Regierungslinie Anlaß zur Sorge. Da wird schlicht totaler Kapitalismus gepredigt, ein Rezept, das bereits Dutzende anderer Länder ruiniert hat in den letzten 40 Jahren. Disaster Capitalism halt. Demonstranten, die gegen seine Politik protestierten, verhöhnte Herr Kaczynski als „Kommunisten und Diebe“. Außerdem spricht er von einer „Neugestaltung Polens“. Die Wortwahl kommt einem schon irgendwo vertraut vor. Nur vertrauenerweckend ist sie halt nicht.
Selbst unsere der Liberalität und fortschrittlicher Konzepte absolut unverdächtige Bundesregierung ist entsetzt über die neue Regierung unseres östlichen Nachbarn. Entsetzt!
Die Proteste sind zahlreich, werden aber nicht nützen. Der totalitäre Kapitalismus möchte mal wieder die nächste Runde einläuten in einem Land. Wenn das so weitergeht, werden die Polen 2039 Deutschland überfallen, schätze ich.

In einem sonnigeren Land wurde ebenfalls gewählt dieser Tage, nämlich in Spanien. Dabei hat sich das alte Zwei-Parteien-System mal komplett aufgelöst, weil die linke Podemos (Wir können) aus dem Stand die 20% übersprungen hat. Auch die ebenfalls neue Cuidadanos, so eine Art fröhliches AfD-Äquivalent mit Sangria und mit Euro, kam spontan auf zweistellige Werte.
Die Podemos ist in der deutschen Presse übrigens „links“, weil sie den Sparkurs beenden möchte, der in Spanien für eine Arbeitslosigkeit von über 50% bei den unter 25jährigen gesorgt hat und für eine Gesamtquote, die noch immer bei 20% liegt.
Die Cuidadanos hingegen werden durch die Bank als „wirtschaftsfreundlich“ bezeichnet. Womit natürlich behauptet wird, diese Linken da seien selbstverständlich wirtschaftsfeindlich. Merke: Wer dagegen ist, das eigene Land weiter totzusparen, ist ein Feind der Wirtschaft. Sagen auch die Ratingagenturen. Muß also stimmen.
Schön auch, daß sich der amtierende Ministerpräsident zum Wahlsieger erklärt hat. Immerhin hat seine Partei nur knappe 19% verloren, wenn das keine Bestätigung des bisherigen Kurses ist. Auch die EU-Kommission sieht das so und gratuliert schon mal zum Wahlsieg. In Verbindung mit der Empfehlung, doch eine stabile Regierung zu bilden. Wahrscheinlich hat der BND denen das gesagt.
Ich wußte auch gar nicht, daß die EU-Kommission in Spanien sitzt. Demokratie im Europa des 21. Jahrhunderts.

Schon heißt es, Spanien dürfe sich nicht in ein zweites Griechenland verwandeln. Also ein Land, in dem das Volk über den Markt bestimmen möchte. Kassandra sagt: Spanien ist ein zweites Griechenland und war es auch schon die letzten Jahre. Das Land hat nur mehr Masse, um darüber hinwegzutäuschen, was „Sparpolitik“ eigentlich bedeutet. Sie bedeutet Vernichtung von Volkswirtschaften für Banken, Hedgefonds und Aktieninhaber. Das hellenische Syndrom wird sich weiter ausbreiten.

Weit weg, in Braslilien, findet derweil die wohl größte Umweltkatsrophe des Landes statt. Einige Milliarden Liter giftiger Abwässer aus dem Bergbau haben einen Fluß verseucht. Uuuups – sorry Leute.
Macht aber nichts, denn ich bin mir sicher, das war wieder der Hausmeister. Oder ein bedauerlicher Einzelfall. In Deutschland wäre es ein Einzelfall. Deswegen wird der Firma, die das Bergwerk betreibt, sicherlich nichts passieren. Das würde ja den Markt erschrecken.

Ebenfalls weit weg, über den Spratly-Inseln, die ich auch schon einmal erwähnt hatte, fliegt derweil ein B-52-Bomber der USAF und sorgt für diplomatische Spannungen zwischen Peking und Washington.
Das pubertäre Muskelspiel der Immer-Noch-Supermacht und der Noch-nicht-ganz-Supermacht geht also in eine weitere Runde. Irgendwann wird eine ganz dumme Sache im südchinesischen Meer oder einem anderen gottverlassenen Punkt der Erde den nächsten Weltkrieg auslösen. Aber erstmal ist jetzt Weihnachten.

Immer schön shoppen gehen, denn Konsum ist erste Bürgerpflicht. Sagen die Indexzahlen.

Frohes Fest!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.