Die Biene des Achilles

„Menschliche Richter können Gnade walten lassen. Aber gegen die Naturgesetze gibt es keinerlei Berufungsinstanz.“
Arthur C. Clarke

Der 2015 verstorbene amerikanische Soziologe William R. Catton prägte in einem der wohl wichtigsten Bücher der 80er Jahre den Ausdruck ,,Homo Colossus“ für die menschliche Rasse.
Inzwischen streiten sich führende Wissenschaftler gerade ein wenig darüber, ob man nicht ein ganzes Zeitalter nach dem Menschen benennen muß, da unsere Auswirkungen auf die Umwelt immer deutlicher an allen Ecken und Enden zu sehen, zu fühlen und zu messen sind.
Keine andere Spezies des Planeten hat es jemals hingekriegt, mit ihrem Handeln selbst geologische Zeiträume verwischen zu lassen. Mensch tut dies in den letzten 200 Jahren mit wachsender Begeisterung.
Der Homo Colossus stampft über den Planeten und erzeugt sich seine eigene Zeit, das Anthropozän.

Das klingt gut, etwa so, als wären wir das überhaupt Wichtigste auf diesem Planeten und als würden wir alle Hindernisse auf unserem Weg zu den Sternen mit unserem Erfindungsgeist aus dem Weg räumen. Mensch ohne Limit. Falls ich das nicht deutlich genug erzählt haben sollte: Diese Grundhaltung ist so abgrundtief blöde, daß einem der Kopf schmerzen sollte, wenn man sie hört.
Aber natürlich ist das auch exakt der Mythos, in dem die meisten Menschen leben. Die Geschichte unserer eigenen Großartigkeit und der Unüberwindlichkeit des menschlichen Erfindungsgeistes begleitet uns von Kindesbeinen an und bildet das Fundament aus Lügen. Continue reading →

Damokles und die Dinosaurier

„Wachsen im geistigen Sinne bedeutet nicht, größer werden, sondern kleiner werden.“
Sören Kierkegaard

Das Gesetz des abnehmenden Ertrages hängt über unserer Gesellschaft wie das sprichwörtliche Damoklesschwert. Mit dem Unterschied, daß Damokles sich der Gegenwart des Schwertes vollkommen bewußt war, nachdem er auf dessen Anwesenheit höflich aufmerksam gemacht wurde.
In der globalen Industriegesellschaft ist das üblicherweise nicht der Fall. Falls man mal irgendwelchen Leuten sagt: „Hey, guck mal, da oben – ein Schwert!“ dann heben die meisten nicht einmal die Köpfe. Denn es könnte ja sein, daß der Sprecher recht hat, und wer möchte schon ein Schwert über seinem Kopf hängen haben?
Es gibt noch eine weitere, sehr weit verbreitete Reaktion, die sich in Sätzen manifestiert wie: „Wo? Ich sehe kein Schwert.“
Ob man den Kopf jetzt erst gar nicht hebt, um hinzusehen, oder das Schwert glatt wegleugnet, ist letztendlich egal. Es ändert nichts an der Tatsache, daß es eben da ist.

Der technologische Fortschritt, wie das so genannt wird, hat seine Kosten, wobei das Wort „Kosten“ hierbei mehr als nur finanzielle Aspekte meint, versteht sich. Die von mir angesprochene Externalisierung, die heute in jedem Großkonzern weltweit massiv genutzt wird, bezieht sich in der jeweiligen Bilanz natürlich aufs Finanzielle. Aber die Kosten unseres sogenannten Fortschritts sind in den allermeisten Fällen soziologische Kosten. Die Kernenergie ist dafür ein perfektes Beispiel.

Kaum hatte man entdeckt, daß man Atomkerne überhaupt spalten kann, wurde ein erster Versuchsreaktor gebaut. Nach heutigen Maßstäben ein Laborversuch, den kein Mensch mehr durchführen würde, schon deshalb, weil keine Versicherung der Welt der Universität das erlauben würde und ohne Versicherung würden solche Experimente heute nicht mehr stattfinden. Auf jeden Fall wurde dann aus dem Nachweis der Kernspaltung sehr schnell eine Pilzwolke über zwei japanischen Städten und unzählige weitere über der Südsee, der Wüste Nevadas und Wasweißichnichtstan in der Sowjetunion.
Die zivile Nutzung der Kernkraft, immer wieder als das Non plus ultra angepriesen in den 50er Jahren, erwies sich schnell vor allem als eins: Teuer.
In Deutschland hatten die Energiekonzerne in den 60ern eigentlich nur ein geringes Interesse an Kernenergie, denn schließlich würde man sich damit ja einen riesigen Konkurrenten für die hauseigene Kohle in den Konzern holen. Die Lösung der Regierung war klar, man beschloß, das ganze Kernenergiegeschäft massiv zu subventionieren. Auch hier gab es keine Versicherung, die bereit war, das Risiko der Absicherung eines Kernmeilers auf sich zu nehmen. Also schuf man Ausnahmen in Gesetzen, damit die Dinger trotzdem gebaut werden konnten. Ja, Kernkraftwerke sind üblicherweise nicht versichert, aber man fahre mal mit einem unversicherten Auto durch die Gegend – das gibt Ärger! Continue reading →

Zivilisationswächter

„There is no time like the present“
Grundlegende Erkenntnis der Temporalmechanik

Ich verneige mich in alle Himmelsrichtungen und heiße dich willkommen in meiner bescheidenen Ecke des Internet, oh hoffentlich vernunftbegabtes Lebewesen dieses Planeten.
Sollte jemand nicht von diesem Planeten hier stammen, wäre es ganz toll, wenn er mal zum Tee bei mir daheim vorbeischaut. Das Gespräch dürfte sehr interessant werden und ich mag interessante Gespräche.
Aber egal, ob Du von der Erde stammst oder von XpRRt23!Beta in Andromeda, Du solltest dich in den folgenden Abschnitten in irgendeiner Form persönlich wiederfinden und zustimmend mit dem Kopf nicken, wenn Du dich hier wohlfühlen möchtest. Natürlich ist zweifelndes oder ablehnendes Kopfschütteln auch nicht schlecht, denn das zeugt immerhin von einem gewissen Denkprozeß im Vorfeld. Alternativ darf auch mit den Fühlern gewedelt oder beliebige Tentakel geschwenkt werden. Aber wenn das, was nun folgt, so gar nicht deins ist – gehe hin in Frieden und mögest du interessante Zeiten erleben!

Warum also „Zivilisationswächter“?

Die Menschheit hat die ersten anderthalb Dekaden des 21. Jahrhunderts inzwischen fast hinter sich gebracht – mehr oder weniger erfolgreich, je nach Standpunkt.
Als sorgfältiger und stets mißtrauischer Beobachter meiner Umwelt – und damit meine ich persönlich Deutschland speziell und die Erde im Allgemeinen – ist es meiner Meinung nach nicht mehr zu übersehen, daß sich unsere Zivilisation in einer extrem kritischen Phase ihrer Entwicklung befindet.
Nach einer Weile des scheinbar ruhigen Dahindümpelns in der Strömung der Geschichte hat Mensch in den letzten 15 Jahren definitiv die Stromschnellen erreicht, und es zeigt sich nicht nur, daß alle in einem Boot sitzen, sondern daß es auch keine Rettungsringe gibt. Geschweige denn irgendeinen, der Ahnung hat, wo denn die verdammten Ruder geblieben sind. Continue reading →