Die Lange Dämmerung

– III –

Weltenfresser

„Die Menschen müssen begreifen, daß sie das gefährlichste Ungeziefer sind, das je die Erde bevölkert hat.“
Friedensreich Hundertwasser

Auf der einen Seite ist unsere Zivilisation nichts Besonderes auf diesem Planeten, es ist nicht so, als hätte es vor uns noch nie eine gegeben.
Auf der anderen Seite ist es sie es aber doch. Ich behaupte sogar, daß unsere Zivilisation etwas völlig Einzigartiges ist, also so besonders, wie nur etwas sein kann.
Wie ist das möglich?“,  fragt sich vielleicht jemand. Hatte ich nicht extra betont, daß wir eben keine Sonderstellung einnehmen, daß eben für uns dieselben Regeln gelten wie für andere Zivilisationen vor uns?

Wie auch in so vielen anderen Aspekten des 21. Jahrhunderts ergibt sich hier ein Paradoxon, ein „sowohl, als auch“.
Noch niemals hat Mensch eine Kopfstärke von aktuell 7,3 Milliarden Menschen hervorgebracht. Gerade ein Herr Malthus hätte so etwas für vollkommen absurd gehalten, denn nach seinen Erkenntnissen hätte uns auf dem Weg zu dieser Masse Mensch schon längst die Nahrung ausgehen müssen. Was jedoch nicht bedeutet, daß Malthus falschgelegen hätte.
Wir sind in Bereiche vorgedrungen, die einigen unserer Vorfahren des 19. Jahrhunderts etwa so magisch erscheinen dürften wie der Elektrik-Trick einem Mann namens Catweazle. Es gibt Bereiche heutiger Technologie, die mir allmählich wie Magie erscheinen und ich lebe hier und jetzt und habe die Entwicklungen mitverfolgt, soweit mir das möglich ist.

Aus Röntgenstrahlen mit verwaschenen Bildern sind dreidimensionale Bildgeber in Farbe geworden, aus knatternden Kisten aus Sperrholz und Spanndraht Jetliner, die jeden Tag global mehrere hunderttausend Flugbewegungen abwickeln und ebenso Millionen Menschen bewegen.
Mechanisch verschaltete Zahnraddingsbumse eines Herrn Babbage oder eines Konrad Zuse haben sich mit Erfindung des Mikrochips in eine Technologie verwandelt, die in den 70er Jahren Computer hervorbrachte, die so groß waren wie Schukartons statt so groß wie ein Wohnzimmer. Jetzt, ein knappes halbes Jahrhundert später, steuern die Dinger den ganzen Planeten.
Verkehrsüberwachung, Luftraumüberwachung, Börsenkalkulationen, Handelsabwicklung über den Globus, Kommunikation – nichts geht mehr ohne ein Heer aus digitalen Helferlein ab. Informationsverwaltung hat die Form eines globalen Computernetzwerks angenommen, in dem ich die Dinge veröffentlichen kann, die ich schreibe. Im „Wilden Westen“ des mittigen 19. Jahrhunderts wäre das eine wöchentliche Kolummne in einer eigenverlegten Zeitung gewesen. Gegen das Internet sieht selbst die Bibliothek von Alexandria ziemlich schlapp aus.
Satelliten schwirren in zunehmender Zahl über unseren Köpfen und beobachten jeden Aspekt unserer nahen und fernen Umgebung, von der Aktivität der Sonnenoberfläche bis zum Verhalten des arktischen und antarktischen Eises. Continue reading →

Das hellenische Syndrom

,,Politik ist nur der Spielraum, den
die Wirtschaft ihr läßt.“

Dieter Hildebrandt

Warum hatte ich eigentlich gehofft, daß die Politik sich in Sachen Griechenland mal irgendwie zu einer vernünftigen Entscheidung durchringen würde?
Es ist schon manchmal ein Kreuz, wenn man als alter Zyniker immer wieder daran erinnert wird, warum man manche Dinge eher zynisch betrachtet.
Aber nun ja – gib einer Frau Merkel was in die Hand und sie wird es noch spektakulärer runterrocken, als es selbst der größte Pessimist vermutet hätte.
Eigentlich bin ich gar nicht zynisch. Ich beobachte nur und kommentiere das Geschehen.

Statt also einen vernünftigen Plan vorzulegen, mit dem man Griechenland irgendwie wirtschaftlich auf die Beine helfen könnte, haben die europäischen Finanzminister letzten Montagmorgen eine Entscheidung getroffen, die man eigentlich nur als Versailles 2.0 bezeichnen kann.
Anstatt Griechenland etwas von seinen Schulden zu streichen – meiner Meinung nach wäre ein Erlaß der Schulden notwendig – hat man das einfach mal abgelehnt.
Klar, warum sollte man auch jemandem Schulden erlassen, von dem selbst einer der größten Gläubiger sagt, der kann das nie zurückzahlen. Wäre ja auch eine pragmatische und korrekte Lösung, warum sollte also ein Finanzminister, speziell ein deutscher, das irgendwie in Erwägung ziehen?

Dafür bekommt Griechenland aber mehr Steuern, weniger Renten und sowieso muß überall gespart werden. Die eigentlich ja linke Regierung hatte einen Teil dieses Pakets selber vorgeschlagen, im Grunde waren damit auch alle Beteiligten recht zufrieden, so klang es jedenfalls bis vorletzten Samstag. Bis dann dieser deutsche Finanzminister kam und altersstarrsinnig rumgrantelte.
Im Endeffekt bekam Griechenland noch mehr Sparmaßnahmen aufgebürdet. Man hat also exakt das Rezept benutzt, das in den letzten fünf Jahren maßgeblich zur Verarmung der Bevölkerung und zum Wegbrechen der Wirtschaftsleistung geführt hat. Ist ja auch logisch: Wenn ich Menschen noch mehr Steuern aufs Auge drücke, die keinen Job mehr haben, oder Rentnern, deren Rente um 40 Prozent gesunken ist, dann werden die bestimmt mit ihrem Konsum die Wirtschaft ankurbeln.
Also die Wirtschaft, die keine Leute mehr beschäftigt, sonst wäre ja die Arbeitslosigkeit nicht so hoch. So denkt der neoliberal geschulte Konservative europäischer Prägung. Wobei – „denken“ ist hier irgendwo das falsche Wort.

Zusätzlich hat man noch den alten Gassenhauer „Privatisierung“ aus der Versenkung geholt. Um ganz klarzumachen, daß Griechenland ein besetzter Staat ist, soll eine Art Treuhandanstalt Nationalvermögen im Werte von 50 Milliarden Euro verkaufen. Natürlich muß man das dafür erst einmal beschlagnahmen, wenn man so will. Insgesamt eine Maßnahme, die man früher bei Staaten anwandte, die gerade einen Krieg verloren haben, den sie vorher selber begonnen hatten.
Ich stelle mir vor, in Deutschland würde ein Laden gegründet, der den Hamburger Hafen beschlagnahmt, Schloß Neuschwanstein, die Berliner Museumsinsel und noch ein bißchen anderes Zeug und dann beginnt, das meistbietend zu verscherbeln.
Ob die deutsche BILDvölkerung© dann immer noch so begeistert wäre über den „Kompromiß von Brüssel“ wie aktuell, wage ich stark zu bezweifeln. Griechenland kommt also unter den Hammer. Akropolis bei eBay.
Wahrscheinlich kaufen die Amerikaner den ganzen Ramsch, die Simpsons wußten das nämlich schon vorher und Warren Buffett hat schon mal angefangen, Inseln zu kaufen, die sind grad günstig.

Greece on eBay

Man kann die Zukunft nicht vorhersagen? Man kann!
Experte Homer J. Simpson hat genau gewußt, was mit Griechenland passieren würde.

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Ein Fundament aus Lügen

„Alles Geld ist nur eine Frage des Vertrauens.“
Adam Smith

Ökonomische Aktivität erfordert Geld.
Würden alle Leute ihre Schulden bezahlen, wäre alles in Ordnung.
Endloses Wachstum auf einem endlichen Planeten ist möglich.

Alle diese Annahmen haben eines gemeinsam: Sie werden uns im Laufe eines Lebens immer und immer wieder von verschieden Seiten erzählt. In Zeitungen, im Fernsehen oder online – immer wieder stößt man auf diese Narrative, die geduldig von Menschen in Anzug und Krawatte wiederholt werden wie ein buddhistisches Mantra von murmelnden Mönchen.
Alle diese Annahmen sind ein Teil der Wirtschaftstheorie, die das Fundament unserer globalen Zivilisation bildet, ein fester Teil der Überzeugungen von sehr vielen Menschen. Alle haben einen weiteren Punkt gemeinsam: Sie stimmen nicht.

Angenommen, eine Dorfgemeinschaft aus einigen hundert Menschen möchte dem Dorf ein weiteres Haus hinzufügen, für ein frisch verheiratetes Paar zum Beispiel.
Was passiert?
Nun, die Leute ziehen einfach los, fällen Bäume, bearbeiten sie entsprechend, und beginnen mit der Errichtung eines ordentlichen Holzhauses. Gutes Wetter vorausgesetzt, ist die Arbeit nach einer oder zwei Wochen abgeschlossen. Ein kleines, aber gemütliches und mit allem Komfort ausgestattetes Gebäude steht fertig zum Bezug.
Was dafür gebraucht wurde war Holz, für einen Großteil des Hauses. Glas für seine Fenster, die in diesem Falle mit ihrer größten Fläche südwärts zeigen. Steine für einen gemauerten Kamin und einen möglichen Kellerausbau. Dazu natürlich Arbeitskraft. Von Steinmetzen und Zimmerleuten, von Holzfällern und Schreinern und Bauarbeitern. Geld spielte hier nirgendwo eine Rolle. Continue reading →