Neue Cäsaren

„We are governed, our minds are molded, our tastes formed, our ideas suggested, largely by men we have never heard of.“
Edward Bernays

Vor zwei Jahrtausenden, in einer Stadt namens Rom, galten die Tugenden eines Kriegers als so wichtig, daß sie unabdingbarer Bestandteil der Gesellschaft waren und von jedem erwartet wurden, der sich später um ein öffentliches Amt bewerben wollte.
Man setzte voraus, daß der jeweilige Römer seinen Teil zur Verteidigung des Gemeinwesens geleistet hatte, also den Militärdienst, der damals wohl so etwa zehn Jahre betrug. Das mögliche erste Amt, das dann üblicherweise ausgeführt wurde, war das einen Militärtribuns, was in etwa einem heutigen Stabsoffizier entspricht. Dieser Tätigkeit konnte sich eine Quästur anschließen, wobei ein Quästor heute so etwas wie ein Regierungsinspektor in der Finanzverwaltung wäre. Steuern und andere Gebühren einzutreiben war wohl die Haupttätigkeit eines Quästors. Auch als Untersuchungsbeamte waren sie tätig.
Wie jeder Asterix-Leser weiß, wurde dem korrupten Statthalter Agrippus Virus, der in Condate (Rennes) sein Unwesen trieb, der tapfere Quästor Claudius Incorruptus auf den Hals geschickt, um dessen verdächtig niedrige Überweisungen an die römische Staatskasse zu überprüfen. Was wiederum auf verschlungenen Pfaden die beiden Gallier nach Helvetien führt, also die Schweiz. Die übrigens sehr flach ist.

Im weiteren Verlauf des römischen cursus honorum, der Ämterlaufbahn, gab es dann noch die Ädilen, die Prätoren und schließlich – das Ziel aller Mühen – das Konsulat. Um einmal Agrippus Virus zu zitieren: „Ich bin gewählt auf ein Jahr. Ein Jahr, um reich zu werden!“
Denn tatsächlich wurden die römischen Ämter gewählt für die Dauer eines Jahres. Alle Ämter wurden mehrfach besetzt, damit sich die Kollegen gegenseitig bewachen konnten und deshalb durfte auch jeder den anderen beeinflussen. Also ihm in seine Entscheidungen reinquatschen. Was zur Folge hatte, daß man zu Zeiten eines Julius Cäsar bereits alle Amtsinhaber bestechen mußte, um irgendwas zu erreichen.
Außerdem durften keine zwei Ämter gleichzeitig ausgeführt werden und es mußte eine Pause zwischen den Ämtern geben, die mindestens zwei Jahre dauerte. Seltsamerweise gelten trotzdem die Griechen als Erfinder der Demokratie und nicht etwa die Römer, die ein wesentlich ausgeklügelteres System des Wählens und Verwaltens erschaffen haben. Im Athen eines Perikles durfte sich eine Handvoll besitzender Männer an einem Ort versammeln, um die Probleme der Allgemeinheit zu bequatschen und über irgendwas zu entscheiden. Wobei dieses „irgendwas“ natürlich sehr oft mit den besitzenden Männern zu tun hatte und nicht mit dem Rest der Bevölkerung, der weder männlich war noch besitzend. Oder überhaupt Bevölkerung, sofern es sich um Sklaven handelte.

Zu Cäsars Zeiten waren sämtliche Vorschriften über Ämterhäufung und -abfolge bereits längst Makulatur – das ist römisch für „keine Sau interessierte sich noch dafür“. Da wurde gebündelt und hintereinander gewählt, daß es nur so eine Freude war. Eines der Ämter, die in Rom ebenfalls gewählt wurden, war das des Diktators. Wir stellen uns da heute immer etwas anderes vor, aber vor zweitausend Jahren war ein Diktator ein offiziell beauftragter Typ, der üblicherweise für Rom die Kastanien aus dem Feuer holen mußte, das Rom vermutlich selbst angezündet hatte. Damals war ein Diktator sozusagen Teil des demokratischen Prozesses. Zumindest diese Sitte scheint sich heute wieder einzubürgern in der westlichen Welt. Überall tauchen neue Diktatoren auf und wollen die Demokratie retten, indem sie sie abschaffen. Ganz aktuell in der Türkei.
Kaum war dieser etwas seltsame Putsch im letzten Jahr vorbei, war hinterher jeder ein verdächtiger Putschist, dessen Nase Erdogan nicht gefiel. Wie sich herausstellte, sind das ziemlich viele Menschen, die gerne auch mal Journalisten, Universitätsprofessoren oder Justizbeamte sind. Inzwischen sind Dutzende Journalisten in Haft, der türkische Außenminister redet davon, daß ein Land wie Deutschland sich gefälligst mal seiner total tollen Supernation gegenüber respektvoller zu benehmen habe und Erdogan hat amtlich – also selber morgens beim Frühstück – festgestellt, daß natürlich Muslime Amerika entdeckt haben und überhaupt dem Islam wesentlich mehr Gewicht zukommen sollte in Europa und der säkularen Türkei. Sensationelle Geschichte, im wahrsten Sinn des Wortes. Ich wußte gar nicht, daß die Wikinger, die im neunten Jahrhundert bei Neufundland an Land gingen, Muslime waren. Die norwegische und dänische Regierung übrigens auch nicht.

Jetzt hat es der geisteskranke Mann am Bosporus tatsächlich hingekriegt, von seiner Bevölkerung auch noch diese sogenannte Verfassungsreform absegnen zu lassen, die dem bisherigen Präsidenten ein neues Amt verleiht, nämlich das des Diktators. Nichts anderes ist da passiert. Führer Erdogan hat sich sein Ermächtigungsgesetz zusammengebaut und genehmigen lassen. Vielleicht.
Denn obwohl gut zwei Millionen in Deutschland lebender Türken ganz tapfer aus beheizter deutscher Wohnstube für das Ende der Demokratie in dem Land gestimmt haben, das nach ihrer eigenen Aussage für sie noch immer „Heimat“ bedeutet, war die Mehrheit für Erdogan äußerst knapp.
Es scheint also durchaus ein paar Türken zu geben, denen an einer freien Presse, politisch unabhängiger Justiz, Gewaltenteilung und anderen Dingen gelegen ist, die eine säkulare Demokratie so auszeichnen. Aber die haben verloren. Zumindest sagt das Erdogans Wahlkommission. Außerdem, so hörte man am Tag nach der Wahl, sei jegliche Kritik an der Durchführung der Abstimmung oder dem Ergebnis natürlich Verunglimpfung der Türkei, des Islam und womöglich mindestens Gotteslästerung. Interessant ist hier die Frage, wie denn die Aussagen der betreffenden Personen ausgefallen wären, hätte die Gegenseite mit knappen 51 Prozent gewonnen und das Ermächtigungsgesetz abgelehnt.
Ich vermute, am nächsten Tag wären die Nein-Wähler im Gefängnis gelandet. Denn jeder, der nicht für Erdogan ist, ist gegen ihn. Das hat er mehr als einmal klar zum Ausdruck gebracht.

Jetzt – in neuer präsidialer Macht offiziell bestätigt – widmet er sich der Wiedereinführung der Todesstrafe, die ja angeblich vom Volk gewünscht wird. Sollte es dieses Projekt nicht im Parlament schaffen, wird eben noch einmal ein Referendum abgehalten. Sehr bald werden also die ersten Schauprozesse stattfinden, in denen angebliche Putschisten, Terroristen oder Anhänger der Gülen-Bewegung zum Tode verurteilt werden. Die Bundesregierung wird auch hierzu nichts sagen, denn ansonsten winkt Erdogan mit dem Türkei-Deal und wir sind wieder alle Nazis.
Außerdem will Erdogan wieder Chef seiner politischen Partei sein, das war ihm zwischendurch kurz verboten, da der Präsident des Landes das nicht darf. Jetzt darf er wieder, hat man ja gerade drüber abgestimmt.
Dem Führerstaat in Kleinasien steht somit nichts mehr im Wege, die Demokratie ist endgültig beerdigt. Was für ein glorreicher Sieg der Demokratie.

Eine neue Zeit der Cäsaren ist angebrochen. Ein weiteres Begleitsymptom einer untergehenden Kultur. Und gar nicht so neu.

Woanders läßt sich derweil ein Amtskollege von Erdogan feiern, der bereits Präsident ist und gerne Diktator wäre. Donald Trump zog gestern Bilanz über die ersten 100 Regierungstage, das ist ja in politischen Kreisen so üblich.
Warum, ist mir nicht ganz klar. Würde ich zum Diktator Deutschlands gewählt, wären 100 Tage nicht annähernd ausreichend, um den Saustall auszumisten, den 35 Jahre Bundesregierung so hinterlassen haben. Selbst Herkules in höchsteigener Person würde das in unserem Land nicht hinbekommen. Aber nach 100 Tagen muß man sich von den Pressefuzzis erstmals messen lassen, so ist das Tradition. Wie auch das Dinner zum Presseball in Washington, D.C., zu dem sich die Journalisten-Elite des Landes zeitgleich getroffen hat. Ohne den Präsidenten, der traditionell eigentlich daran teilzunehmen hat. Aber nicht Donald Trump.
Im Gegensatz zu Erdogan hat er seine Präsidentschaft nämlich einer verlorenen Wahl zu verdanken, und womöglich hätte darüber einer einen Witz gemacht beim Gala-Dinner. Sowas mag Donald gar nicht. Überhaupt scheint eher mäßige Kritikfähigkeit ein gemeinsames Merkmal dieser Diktatoren-Typen zu sein, die sich da heute überall versammeln.

Darum ließ „The Donald“ sich am Sonntag in Pennsylvania dafür bejubeln, daß er die Börse stimuliert, der Kohleindustrie neues Leben geschenkt, Regulierungen für die Energiekonzerne gekündigt und das Transpazifische Handelsabkommen auf Eis gelegt hat. Ach ja – einen neuen Verfassungsrichter hat er auch eingesetzt.
Kein Wort darüber, daß der bereits seit mehr als einem Jahr freie Platz im Supreme Court nur besetzt werden konnte, weil die Republikaner die Regeln geändert haben. Denn bisher war für so etwas eine Mehrheit von mindestens 60 Stimmen im Senat erforderlich. Da aber die Demokraten nicht mitmachen wollten, wurden die Regeln auf „einfache Mehrheit genügt“ geändert. Natürlich brachte den Demokraten das massive Kritik von republikanischer Seite ein, für ihre Blockadehaltung.
Wobei der Sitz im Supreme Court nur deshalb frei war, weil die Republikaner – man ahnt es – dessen Besetzung seit mehr als einem Jahr blockiert hatten.
Auch die Kündigung von TPP – das ist die globalisierte Freihandelsvariante für den pazifischen Raum, also das Äquivalent zu TTIP in Europa – bringt dem amerikanischen Arbeiter, der offiziell ja Trump gewählt hat, recht wenig. Ganz besonders, weil Australien, Japan und andere Nationen längst „Fuck off!“ gesagt haben und dabei sind, den Vertrag selber weiter voranzutreiben. Eventuell sogar unter Einbeziehung Chinas.

Das ist ein toller Erfolg, war doch Obamas TPP ausdrücklich dafür gedacht, Chinas Handelsmacht im Pazifikraum zu isolieren. Aber so ist das eben. So wie Europa im Zeichen des Brexit zusammenrückt, machen das die Pazifikanrainer auch in Sachen Wirtschaft. Die EU-27 haben am letzten Samstag doch tatsächlich beschlossen, daß die britische Regierung mit der EU erst einmal über den Austritt verhandeln muß und man sich anschließend über neue Handelsbeziehungen unterhalten könne. Nicht etwa umgekehrt oder parallel, wie es die Regierung von Ms May gerne hätte. Der Beschluß fiel einstimmig. Einstimmig. In der EU. Es ist unglaublich, wieviel Einigkeit ein gemeinsamer Gegner manchmal hervorrufen kann.
Auch die Finanzen der USA hat Donald Trump inzwischen völlig im Griff. Sein genialer und noch nie dagewesener Vorschlag, den Reichen und Konzernen die Steuern zu senken und dafür den Bedürftigen überhaupt nichts mehr zu geben, wird die Staatskasse sicherlich mit einem Wasserfall aus Gold fluten.
Das dürfte dann etwa der gefühlt 873. Versuch sein, mit Hilfe von „trickle down“-Economics einen Staatshaushalt ins Reine zu bringen.
Trickle down, so sei für die Jüngeren erklärt, ist ein Konzept, das ein Mann namens Ronald Reagan von seinen Wirtschaftsberatern verkünden ließ, nachdem er Präsident wurde. Das war in der grauen Vorzeit, also in diesem Falle 1980.
Ronald Reagan war ähnlich bekloppt wie Donald Trump, aber nicht ganz so. Außerdem war er vorher viertklassiger Schauspieler, nicht drittklassiger Gebrauchtimmobilienhändler mit narzißtischem Größenwahn.
Jedenfalls kamen die Wirtschaftsberater damals auf folgende tolle Idee: Wenn man die Konzerne und die Reichen und Superreichen weniger Steuern zahlen läßt, dann haben die ja mehr Geld übrig. Und damit müssen die was machen. Also werden sie es investieren, ganz viele tolle neue Arbeitsplätze schaffen, die wiederum Steuern einbringen und am Ende nimmt der Staat mehr Geld ein als zuvor und hat weniger Arbeitslose und muß deshalb weniger Geld ausgeben für Soziales und alles wird ganz wunderbar.

Bild 1: „Trickle down“ anschaulich erklärt.
Obwohl seit Jahrzehnten klar ist, daß Reiche, die man zu Superreichen macht, dem Staat eben nicht mehr Steuern bescheren oder mehr Arbeitsplätze, wollen die Standardökonomen heutiger Zeit noch immer daran glauben. Und diese Ökonomen beraten weiterhin Standardregierungen. Oder Regierungen bestehen einfach aus Superreichen und Ökonomen. Das ist effizienter.

Der Meinung war Ronald auch und senkte die Steuern. Innerhalb von acht Jahren Reagan implodierte die Kohleindustrie, die Stahlindustrie ebenfalls und es kam zur ersten großen Pleite dank massiv betrügerischer Spekulation. In den 80ern war das die „savings and loan crisis“
Die Betroffenen waren hier das, was man in Deutschland die Spar- und Darlehnskassen nennen würde. Die schrieben nämlich größtenteils rote Zahlen in den 80ern und natürlich – das war Reagans Beratern klar – konnte das nur an dieser Überregulierung des Finanzmarkts liegen.
Man beschloß also, den Markt zu befreien von allem gesetzlichen Ballast, die Vorstände der potentiellen Pleitebanken beschlossen daraufhin, noch mehr Koks und Nutten zu bestellen und alles an Geld zu verblasen, was ihnen nicht gehörte, und überdeckten das ganze mit massiver Manipulation ihrer Bücher. Alles völlig legal, denn die Regulierungen waren halt so. Also, nicht mehr vorhanden. Ich gestatte mir den Hinweis, daß es sich hierbei um exakt denselben Zustand handelt, der heute für die Banken, Hedge-Fonds und beispielsweise die Ölindustrie und ihre Bilanzierungen gilt.
Am Ende kostete der Spaß etwa 150 Milliarden Dollar, die selbstverständlich vom amerikanischen Steuerzahler berappt werden mußten, sorgte für eine Rezession und den ersten größeren Börsenabsturz, an dem auch das deutsche Börsentier DAX beteiligt war. Das war 1987.

Ein kluger Mensch hätte sich eventuell mal angeschaut, warum denn von den gut 3.800 Spar- und Darlehenskassen immerhin gute 600 keine roten Zahlen schrieben, trotz der bösen Regulierung. Aber neoliberale Wirtschafts“wissenschaftler“ tun so etwas nicht. Denn es besteht die Gefahr, Dinge zu finden, die nicht ins eigene Weltbild passen. Staatliche Regulierung behindert den freien Markt und seine Wunderkräfte. Also muß die Regulierung weg.
Die Bezüge der Arbeiterschaft stagnierten die gesamten 80er Jahre hindurch, die Staatsschulden verdoppelten sich, die Gehälter der Management-Ebene ebenfalls. Die Stagnation ging für amerikanische Durchschnittsverdiener auch nach Reagan weiter, ebenso die Aufwärtsentwicklung der Staatsschulden und der Gehälter der Führungsetagen.
Kein Wunder, denn die Wirtschaftsberater blieben dieselben und die Neoliberalisten sahen keinen Anlaß, ihre Haltung zu ändern. Schließlich hatten die Reichen und Superreichen mehr Geld. Und sie hatten es investiert. Gut, in wüste Aktienspekulationen, aber investiert. Es wurden auch neue Arbeitsplätze geschaffen. Gut, in Indien, China, Bangladesh und Vietnam statt in Montana oder Illinois, aber irgendwo gab es neue Arbeitsplätze.
Und weil dieses Konzept in Amerika und Großbritannien so erfolgreich war, machte Helmut Kohl in Deutschland es nach. Und Gerhard Schröder dann gleich nochmal, wegen des großen Erfolgs.

Das ist der Präsident, den Donald J. Trump beerbt hat und den er offiziell bewundert. Überhaupt ist der damals bereits mit den Folgen von Alzheimer ringende miese Schauspieler heute eine Ikone der Republikaner. Gerade eben hat der Kongress den Haushalt der USA bis in den September verlängert, für eine weitere Billion Dollar.
Wobei man von demokratischer Seite aus betont, nicht unnötig Geld für Donald Trumps Mauer ausgegeben zu haben. Dafür erhält das Pentagon eine massive Aufstockung der Mittel und es gibt mehr Geld für die Grenzsicherung. Das wird den amerikanischen Arbeiter sicherlich freuen. Wäre Amerika Griechenland, die europäische Troika wäre zur Durchsetzung der nächsten Sparaktion bereits im vollen Harnisch aus Brüssel ausgeritten.
Zum Glück war das aktuell nicht notwendig. Gerade erst hat Athen zugestimmt, das bisher so erfolgreiche Sparprogramm bei Renten und Steuerfreibeträgen weiter fortzusetzen. Ganz demokratisch. Deswegen werden die Griechen beim nächsten Mal auch die Faschisten wählen. Ganz demokratisch. Und ein großes Weinen und Wehklagen wird anheben in Brüssel und Europa.

Bild 2: Echte Solidarität unter den Arbeitern Europas
Die einen haben den größten und schönsten Mindestlohnsektor Europas, 2 Milliarden Überstunden und Renten, die etwas höher sind als in Mexiko. Die anderen sind arbeitslos. Oder pleite und arbeitslos. Darum soll das deutsche Erfolgsmodell jetzt exportiert werden. Denn wenn alle soviel exportieren wie Deutschland, wird bestimmt alles gut.
Bild von Kostas Koufogiorgos

Das ist die Demokratie der heutigen Zeit. Die beste Demokratie, die man sich für Geld kaufen kann. Sofern man welches hat. Und unter diesen Umständen finden jetzt Präsidentschaftswahlen in Frankreich statt. Auch so ein Staat, der unsere westlichen demokratischen Ideale teilt, weshalb das Land seit November unter Ausnahmezustand steht. Seit November 2015, wohlgemerkt.
Und alle zittern vor sich hin. „Alles, nur nicht Marine le Pen!“, rufen Europas Politiker händeringend in den Medien. Denn die ist rechts und rechts ist DAS BÖSE!
Dann doch lieber einen netten jungen Mann wie Emmanuel Macron, der schon mehrfach betont hat, er sei nicht Mitglied dieser heute so in Verruf geratenen Eliten.
Derselbe Macron hat gerade erst eine witzige Kehrtwende hingelegt und plädiert für massive Reformen der EU. Ansonsten könnte er einen EU-Austritt Frankreichs erwägen. Eine Position, die bisher von Marine le Pen vertreten wurde und von der sie gerade vorsichtig abrückt.
Ist ein bißchen blöd jetzt für alle Politiker der EU, die Macron nach der ersten Runde der Wahlen schon hektisch zum Wunschsieger hochgejubelt haben. Eine Unsitte, die sich übrigens seit der Demütigung Griechenlands 2015 in Europa durchgesetzt hat, dieses Empfehlen von Kandidaten für Wähler in anderen Ländern.

Auch Trump hat immer behauptet, er sei ja nicht Teil der Elite.
Noch auf dem Jubeltreffen am Sonntag behauptete er, er habe den „Sumpf“ in Washington trockengelegt, also diesen widerlichen Brei aus Politik und Wirtschaftslobbyismus für die Hochfinanz.
Trump ist tatsächlich kein Teil der politischen Elite, aber er war eben immer Teil der finanziellen Elite. Doch seine Anhänger stört das nicht. Was den Deutschen ihre Rede im Sportpalast, ist dem amerikanischen Kohlekumpel die Selbstbeweihräucherung von Donald Trump in einer Stadthalle.
Ebenso wie Politiker haben nämlich auch Wähler ein Problem damit, sich einzugestehen, etwas nach Strich und Faden völlig idiotenmäßig versemmelt zu haben, weil sie zu dämlich waren, zu leichtgläubig, zu faul zum Denken oder sonst etwas in der Art. Nein, wir haben den Mann gewählt, der versprochen hat, Politik für uns zu machen und alles besser werden zu lassen. Also muß jetzt auch alles besser werden.

Zunehmend findet Demokratie zu ihren antiken Wurzeln zurück. Wie im Athen des Perikles versammeln sich Besitzende und entscheiden, daß ihre Interessen die Interessen aller zu sein haben.

Ich lebe in einer Zeit, in der deutsche Gewerkschaften am 1. Mai ihre traditionellen Märsche abhalten. Fette Manager in Maßanzügen stellen sich vor Fabrikarbeiter und fordern – mehr Globalisierung.
Denn diese Globalisierung ist gut für Deutschland und für den deutschen Arbeitnehmer und außerdem ist le Pen in Frankreich gegen Globalisierung und le Pen ist rechts und rechts ist DAS BÖSE. Wie kann man also gegen Globalisierung sein?
Diese Gewerkschafter fordern von der Politik klare Worte bezüglich sicherer Renten, Tarifverträgen und anderen Dingen. Was seltsam ist.
Denn früher – so vor 25 Jahren – haben die Gewerkschaften Antworten gehabt und sie benannt, nicht etwa die Poitik gefragt. Und die Politik hat außerdem diese Fragen allesamt bereits beantwortet. Die Antwort der professoralen Wirtschaftler und Wirtschaftsberater, der Lobbyisten und Politiker lautet: „Ich kriege gar keine gesetzliche Rente und zahle auch nichts ein. Fuck off, Arbeiterpack!“
Aber seit etwa Gerhard Schröder fordern Gewerkschafter ja auch Lohnzurückhaltung von ihren eigenen Mitgliedern. Wegen der schweren Wirtschaftslage. Früher haben Gewerkschaften mal gefordert, daß Arbeit für Menschen da sein müsse und nicht umgekehrt.
Im Rahmen der Diskussion um Arm und Reich und stagnierende Löhne hört man in letzter Zeit von den Wirtschaftlern gerne immer wieder, das seien alles nur gefühlte Realitäten. So etwas wird von Menschen gesagt, die auch bestimmen, daß Mittelstand in Deutschland bei etwa 1150 Euro beginnt. Netto. Für einen Single-Haushalt.
Interessanterweise liegt die offizielle Armutsschwelle bei 1033 Euro. Wie schnell einen ein Hunderter mehr doch in eine andere Klasse befördern kann, es ist ein wahres Wunder.
Aber die Reallöhne hätten ja in den letzten paar Jahren „kräftig zugelegt“, verkünden Hans-Werner Sinn und seine geistigen Kinder von ihren BWL-Lehrstühlen herab. Das haben sie allerdings. Alleine 2016 um etwa 1,8 Prozent. Aber nicht, weil es mehr Geld gab, sondern weil die Inflation niedrig ist. Nach fast zwei Jahrzehnten Stagnation eine unfaßbare Belastung für die innovativen Konzerne, die mit ihrer harten Arbeit das Rückgrat des deutschen Wohlstands bilden.
Seltsamerweise haben noch 2010 dieselben Medien geweint, daß der deutsche Malocher bis zu 50 Prozent an Reallohnverlust hat hinnehmen müssen im Vergleich zu 1990. Und es wurde auch betont, wie sehr diese Entwicklung vor allem untere und mittlere Lohngruppen betrifft.

Überhaupt haben deutsche Ökonomen, beliebt in Europa auf und ab, auch prima Vorschläge, wie Frankreich denn seine Wirtschaft wieder in Schwung bringen könne. Nachdem es nicht Marine le Pen gewählt hat. Was die Franzosen nicht tun werden, darüber sind sich in Deutschland alle einig.
So schlägt bei einem bekannten Nachrichtenmagazin ein Kolumnist beispielsweise folgenden Ansatz vor:

„Wenn die gallische Wirtschaft nicht gut läuft und die Arbeitslosigkeit hoch bleibt, ist womöglich nicht die Globalisierung schuld, sondern die nationale Steuerlast, die eine der höchsten weltweit ist. Ein Land, das sich den größten Sozialstaat der westlichen Hemisphäre leistet, das die höchsten Mindestlöhne und die gesetzliche 35-Stunden-Woche vorschreibt, hat eine Menge Spielraum, selbst die Dinge zum Besseren zu wenden.“

Heißt übersetzt: Wenn die Franzosen, dieses faule und überbezahlte Pack, nur länger arbeiten, später in Rente gehen, den Mindestlohn senken und den Konzernen die Steuern ersparen – dann wird alles gut werden. Kein Wort davon, daß Konzerne oft nicht die Steuern zahlen, die auf irgendwelchem Papier festgelegt sind.
Irgendwoher kommt mir dieses Konzept sehr bekannt vor. Dem Autoren sicherlich auch, schließlich ist das exakt dieselbe neoliberale Propagandascheiße, die er und seinesgleichen, Ausgeburten nicht der Hölle, aber der sogenannten „Chicagoer Schule“ seit nunmehr siebzig Jahren weltweit verbreiten. Das dieses Konzept nicht funktioniert, jedenfalls nicht in Anwesenheit einer ordnungsgemäßen Demokratie, ist dabei völlig egal. Einmal muß es ja klappen.

Schon der Einstieg in den Artikel ist an Brechreiz kaum zu schlagen:

„Schadet die Globalisierung den Arbeitern? Ja, sagen Populisten. Die Gegner der offenen Gesellschaft haben das leichtere Spiel: einfache Argumente, klare Positionen.“

Wer also sagt, daß Globalisierung den Arbeitern schadet, ist ein Populist. So wie Marine le Pen und die ist rechts und rechts ist DAS BÖSE!
Und danach kommt auch sofort die Gleichsetzung: Wer gegen Globalisierung ist, ist auch gegen eine offene Gesellschaft. Was das eine mit dem anderen zu tun haben soll, diese Erläuterung bleibt uns der Schreiber der Zeilen schuldig.
Ich empfehle den Artikel als wunderbare Übung in Medienkompetenz, Stichwort Meinungsmanipulation. Ein echtes literarisches Prachtstück von einem neoliberalen Wirtschaftler.

Mir spielt mein Hirn sofort ein Bild vom New York des Jahres 1920 ein. Die USA, die neue Führungsmacht und Kriegsgewinner, ein Land der Einwanderung und modernster Technologien, ein Leuchtfeuer der Demokratie. Und ein Land mit protektionistischen Wirtschaftsgesetzen, internationaler Isolationspolitik und einer Tendenz, so etwas wie Patente und Copyright völlig zu ignorieren. Kopieren, verbessern, selber bauen, so das damalige Motto großer Konzerne in den USA.
Die Vereinigten Staaten von Amerika sind nicht zum Zweiten Rom aufgestiegen als Mitglieder eines globalen Freihandelsclubs. Aber Neoliberalisten oder überhaupt Ökonomen sind eben miese Historiker. Zu viele Daten schaden dem eigenen Dogmatismus.

Es ist exakt diese Art arroganter Ignoranz von Fakten, die einem nicht zusagen, die letztlich den Boden bereitet hat und noch bereitet für die heutigen Diktatoren, Möchtergern-Diktatoren und Autokraten, die überall aus dem Boden sprießen. Zeiten wirtschaftlichen Drucks bringen immer solche Typen hervor, ebenso wie die anderen, die gerne einfache Antworten auf komplexe Fragen haben wollen. Und dieser wirtschaftliche Druck ist in allen Ländern vorhanden, die am industriellen Spiel teilnehmen zur Zeit. Ob es jetzt Venezuela ist oder Griechenland, die Türkei oder Frankreich, Großbritannien oder die USA, Italien oder Deutschland.
Das Energieniveau unserer Zivilisation sinkt und somit muß auch der wirtschaftliche Ausstoß sinken, wie immer man ihn bemessen möchte.
Wirtschafts“wissenschaftler“stellen sich übrigens gerne mal hin und antworten auf etwas tiefergehende Fragen gerne mit einem abweisenden „Das ist alles zu kompliziert“ in der gerade laufenden Talkshow. Aber sich anschließend beschweren, wenn der sich zu Recht verarscht fühlende Zuschauer dann den Leuten mit den einfachen Antworten zuhört. Dabei ist Wirtschaftstheorie im Grunde nicht sonderlich kompliziert.
Was die Ökonomen nicht daran hindert, selber mit möglichst einfachen Aussagen zu arbeiten. Beispielsweise „Globalisierung ist gut für deutsche Arbeitnehmer.“ oder „Mindestlohn vernichtet Arbeitsplätze“.

Bild 3: So sehen sie aus, die neuen Cäsaren
Das russische Wort „Tzar“ stammt übrigens von „Cäsar“ ab. Alle behaupten sie, sie gehörten nicht zur Elite. Zu welcher Elite genau auch immer. Alle lügen sie. Alle betreiben sie anschließend Politik gegen diejenigen, die sie gewählt haben. Dafür werden sie bejubelt. Demokratie im Endstadium.

Demokratie hat mehr und mehr das Problem, daß zunehmend offensichtlich wird, wie wenig der Wahlbürger überhaupt Einfluß auf das System nehmen kann. In immer zentralistischeren Strukturen finden Wahlen statt, die aber einer Bürokratie zugute kommen, deren erklärtes Ziel darin besteht, am aktuellen System nichts zu verändern. Das ist immer so in der Dämmerungszeit von Imperien und ihren Narrativen. Die bis dahin gewachsene Bürokratie hat keinerlei Interesse an Veränderung. Nur Machterhalt ist wichtig.
Dummerweise sind Systeme, die nicht mehr bereit oder fähig sind zur Veränderung, immer Systeme, die aussterben. Dieses Prinzip der Evolution läßt sich auf die Organisationsstruktur von Staaten ebenso anwenden wie in der Biologie auch. Evolution und Revolution folgen denselben Prinzipien.

Immer mehr von dem, was Bürger früher auf einer eher lokalen, einer kommunalen Ebene geregelt haben, wird ihnen weggenommen. Dann wird es privatisiert und ihnen zurückverkauft. Im Idealfall nimmt die Privatisierung eine Form an, in der die Privaten dann die Gewinne machen und eventuelle Verluste immer vom Staat übernommen werden, also dem Steuerzahler selbst. Das nennt sich dann euphemistisch „Öffentlich-Private Partnerschaft“. Für die Versicherungswirtschaft ist so etwas wie eine Riester-Rente großartig, für die Bauwirtschaft so etwas wie die gerade stattfindende Privatisierung der Autobahnen ein Gottesgeschenk.
Und die Politiker, die solche Dinge einfädeln, werden sicherlich früher oder später in den Wirtschaftsunternehmen eine neue Anstellung finden, die von ihren aktuellen Maßnahmen profitieren. Manus manum lavat, eine Hand wäscht die andere, war bereits unter den Römern zu Cäsars Zeiten allgemeines Hygienemantra in der Politik.

Auf jeden Fall verwandelt sich ein funktionales und den jeweiligen lokalen Gegebenheiten angepasstes Modell, mit dem irgendein gesellschaftlicher Umstand geregelt war, in ein überregionales, normalerweise zentralistisches Modell. Dieses ist natürlich weniger gut, da es aufgrund seiner Größe keine lokalen Besonderheiten berücksichtigen kann. Zum Ausgleich dafür, daß der Schuh jetzt drückt, ist er teurer.
Um staatliche Monopole zu vermeiden, wird dem Bürger gerne ein privates Modell verkauft, denn – so sagt es die Voodoo-Ökonomie unserer Marktwirtschaft – der Markt reguliert alles zur besten Zufriedenheit aller.
Darum steigen auch die Preise für Trinkwasser nie an, wenn solche Dinge aus kommunaler in privatwirtschaftliche Hand gegeben werden, um nur ein Beispiel zu nennen.
Das private Modell bietet den Vorteil der Marktkonkurrenz und führt somit zu moderaten Preisen bei bestmöglicher Leistung. Wie zum Beispiel über Jahrzehnte hinweg bei solchen Dingen wie Energieversorgung. Bis man dann völig erstaunt feststellte, daß der Markt für Energie ein Oligopol geworden ist. Das ist griechisch für „die Herrschaft weniger“. Vier Energieversorger hatten sich Deutschland aufgeteilt und damit prima Gewinne gemacht, ohne sich groß in die Quere zu kommen. Der Markt regelt eben alles, notfalls auch Gebietsansprüche. Wie praktisch. Und natürlich ist das viel besser als ein Monopol.
Denn schließlich hatte schon Marx ausgeführt, daß ungezügelter Kapitalismus zu Monopolen führen muß, was er auch tut. Da ist doch scheinbar regulierter Kapitalismus viel besser, bei dem die betroffenen Branchen ihre Regeln selber schreiben und die Politik sie abnickt. Denn der gebiert nur Oligopole, die natürlich viel besser sind…aber das sagte ich schon.

Und so erzählt man den Deutschen auch seit Jahrzehnten, daß eine miese Rente viel besser ist als gar keine Rente und man sich ja privat zusätzlich absichern könne. Wobei diese Absicherung zu 100% vom Arbeitnehmer getragen wird, der dann auch noch mit seinen Beiträgen die Privatwirtschaft der Versicherungen bezahlen muß.
Das man statt dessen vielleicht einfach die Beiträge nicht hätte senken sollen, sondern erhöhen, sagt einem niemand. Denn das wäre die Wahrheit. Aber diese Beiträge werden nun einmal vom Arbeitgeber mitbezahlt und damit führt das zu einer Erhöhung der allseits berühmten Lohnnebenkosten. Und die sind ja – auch das betet uns die Politik seit Jahrzehnten vor – in Deutschland zu hoch. Immer.
Was um so erstaunlicher ist, als ja jede Bundesregierung der letzten 25 Jahre explizit auch daran gearbeitet hat, eben diesen Kostenfaktor zu senken.
Dabei sind Lohnnebenkosten im buchhalterischen Sinne ein rein kalkulativer Posten. Anders gesagt, ich kann da reinrechnen, was mir beliebt, jedenfalls mehr oder weniger.

Ein Teil dieses Faktors sind Beiträge zur sozialen Absicherung, also gegen Arbeitslosigkeit, für Rente, für Pflege und all das andere. Auch wieder so ein Dingsbums, daß aus der kommunalen und familiären Umgebung auf eine zentralisierte Ebene gehoben worden ist: Pflege von Menschen, die zur Familie gehören. Darum hat man sich früher selber gekümmert. Damit sage ich nicht, daß es unbedingt schöner war oder weniger anstrengend als heute. Es war nur in besseren Händen. Heute muß man sich so etwas als Dienstleistung von der Privatwirtschaft zurückkaufen. Und die Unterbringung in einem normalen Altersheim kostet in Pflegestufe I lockere 2000 Euro. Monatlich. Vor 100 Jahren hat der Nachbar zweimal täglich bei Oma Müller vorbeigeschaut und die Familie hat einmal die Woche eingekauft und die Betten bezogen, damit es Oma an nichts fehlt. Heute muß man der Privatwirtschaft Unsummen bezahlen, Omas Erbe geht dabei völlig drauf und der Staat muß oft noch extra bezahlen, also in die Steuerkassen greifen. Was bei der nächsten Wahl wieder zum Gerede vom „demographischen Faktor“ führt, da ja die Sozialkassen so leer sind und das bedauerlicherweise nur kompensiert werden kann, wenn alle weniger Rente kriegen. Und länger arbeiten, ist ja klar.

Weil die Kassen immer leer sind, werden also seit Jahren unter dem Jubel von Wahlbevölkerung und Arbeitgebern diese Beiträge gesenkt, womit sich der Arbeitgeber Geld spart. Das gesparte Geld fehlt danach allerdings ebenfalls in den öffentlichen Kassen. Unmittelbar stelle ich mir die Frage, wer wohl dafür bezahlen muß, diese Lücke wieder zu schließen. Ich hätte da sogar eine Idee.
Eine „Senkung der Lohnnebenkosten“, im Wahlkampf immer populär als Forderung seitens der Wirtschaft, ist eine Lohnsenkung. Da man dann als Arbeitnehmer weniger Geld in der Tasche hat, erhebt der Staat gerne die Forderung, man möge doch mehr private Absicherung zu betreiben. Die Finanzierungslücke, Siewissenschon. Wenn man das Geld schon nicht mehr hat, warum es nicht zweimal ausgeben?

Womöglich sind diese neuen Diktatoren, die überall auftauchen wie Pilze nach dem Herbstregen, gar nicht die Ursache für ein Verschwinden der Demokratie in den Ländern des industrialisierten Westens. Eventuell ist das Verschwinden der Demokratie die Ursache für das Auftauchen dieser Diktatoren. Im Herbst regnet es schließlich auch zuerst, dann kommen die Pilze.
Und vielleicht – nur vielleicht – sind es nicht die Diktatoren, die die Demokratie zerstören. Womöglich sind es Leute wie Volker Kauder oder Thomas de Maizière, oder Andreas Scheuer oder Horst Seehofer. Alles tapfere Parlamentarier, die sich als Demokraten verstehen, als Verteidiger von demokratischen Werten. Ihren demokratischen Werten, die scheinbar oft etwas mit dem Wert von Schecks zu tun haben, mit denen ihre Bemühungen aus der Wirtschaft bezahlt werden.

Das Problem einer Demokratie sind nicht die äußeren Feinde, sondern die inneren. Oft tarnen sie sich als Parlamentarier.

Die Demokratie hat mit Hilfe des Neoliberalismus überall den Boden bereitet für ihren Untergang.
Putin in Rußland ist die Folge des russischen Ausverkaufs nach 1991 im Namen des siegreichen Kapitalismus und der Globalisierung.
Der Brexit ist ein Symptom, keine Ursache. Mit le Pen könnte es weitergehen. Und wenn nicht mit le Pen, dann mit fünf Sternen de Luxe in Italien oder so.
Ohne grundlegende Politikumkehr wird es bald keine Demokratie und keine EU mehr zu retten geben. Und die jetzt Verantwortlichen werden es dann wieder nicht gewesen sein wollen.
Es sind auch und immer die „konservativen“ Regierungen, die mit den einfachen Antworten hantieren, die sie irgendwelchen angeblich rechten „Populisten“ vorwerfen. Was fordern deutsche CxU-Politiker nach Terroranschlägen?
Mehr Kameras, mehr Polizei, mehr Rechte für die Polizei und die Geheimdienste, noch mehr Kameras, mehr Überwachung im digitalen Raum und – klare Sache – Vorratsdatenspeicherung. Wenn wir erstmal alles über alle Bürger wissen und niemand mehr unbeobachtet ist, sind wir alle sicher. Zwar ohne jegliche Freiheitsrechte, aber sicher. Denn es wäre ja undenkbar, daß einer einen Bus in eine Menge fährt, wenn er womöglich dabei gefilmt wird. Auch Strafverschärfungen schrecken Selbstmordattentäter bestimmt ab.
Ach ja – Leitkultur brauchen wir natürlich auch. Hat de Maizière gerade erst wieder gesagt. Leitkultur ist voll wichtig. „Denn hier in Deutschland ist Religion der Kitt und nicht der Keil der Gesellschaft.“ Sagt der amtierende Bundesinnenminister im Jahre 2017.

Komisch. In meiner Welt hat Religion eigentlich gar nichts verloren. Schon gar nicht, wenn es um Entscheidungen geht, die man schlicht nach naturwissenschaftlichen Prinzipien beantworten sollte und könnte. Wer beten will, möge dies tun, wer auch immer der persönlich auserwählte Große Watumba sein mag.
Nur lösen sich damit keine Probleme, das hat in der Geschichte noch niemals funktioniert. Aber gegen Islamismus ist Religion natürlich ein Bestandteil der Leitkultur. Schon klar, Thomas. Ich finde es prima, wenn jemand anders bestimmt, was für mich Leitkultur zu sein hat. Da bin ich doch lieber gleich auf Seite der Terroristen, welcher auch immer. Immer noch besser, als dem Dummschwätzer de Maizière in seinem Fieberwahn recht zu geben.

So weit dann also zu den einfachen Antworten. So etwas sagt dann jemand in einem Land, in dem die amtierende Bundeskanzlerin ihren letzten Wahlkampf bestritt mit dem Satz „Sie kennen mich“ und dem ebenso durchdachten wie komplexen Motto „Deutschland geht es gut“.
Jegliche Beweise für das Gegenteil wurden dann ins Reich der Legende verwiesen, denn wen interessieren schon Tatsachen, wenn man seine Armuts- und Reichtumsberichte selber fälschen kann?

Die einzigen im politischen Spektrum, die auf komplexe Fragen auch komplexe Antworten liefern, sind die sogenannten Linken. Nur hakt da eben nach 140 Zeichen der Verstand der Zuhörer aus und alle sagen sich: „Häääh?“
Das liegt daran, daß die irgendwie angeblich Linken in der Politik dieselbe verkopfte Sprache gebrauchen, die Parteitheoretiker der Sowjetunion verstanden hätten oder ein Herr Hegel. Aber eben nicht der Durchschnittstyp, den man eigentlich für die eigene Partei an die Wahlurne bringen möchte.
Gerade die deutsche Linkspartei versagt hier völlig, denn würde sie auch nur annähernd so viele Nichtwähler an die Urne kriegen wie die AfD, säße sie jetzt im deutschen Westen fest im Sattel und nicht auf dem Schleudersitz in die politische Bedeutungslosigkeit.
Und auch die Linke – sei sie jetzt französisch oder britisch oder deutsch – hat das Problem, daß sie den sich aus der aktuellen Wirtschaftsform ergebenden Wohlstand nur etwas anders verteilen möchte. An der Gültigkeit dieses Systems zweifelt sie aber grundlegend auch nicht. Schließlich – so hört man unweigerlich in jeder Diskussion in dieser Richtung – ist der Kommunismus ja gescheitert.
Auch hier ist immer sofort klar, daß es außer kapitalistischer Marktwirtschaft natürlich nur Kommunismus geben kann. Womit wir wieder bei einfachen Antworten wären.

Nicht davon ändert etwas an der Tatsache, daß die vorherrschende Wirtschaftstheorie seit dem Ende des letzten Weltkrieges, als sie ihren Siegeszug um den Planeten antrat, auf ganzer Linie dabei versagt hat, ihre hypothetischen Ansätze auch in der Realität Gestalt annehmen zu lassen. Eine echte Wissenschaft hat sich aber der Realität zu stellen.
Ein weiteres Narrativ, eine feste Überzeugung unserer Zivilisation ist es, daß Demokratie und unser aktuelles Wirtschaftssystem logische und zwangsläufige Entwicklungen sind, die völlig unausweichlich waren und die deshalb bis in alle Ewigkeit auch so bleiben werden, im Falle der Wirtschaft sogar bleiben müssen. Auch dieses Narrativ ist eine Lüge.


UPDATE 20170505: Ein wunderschönes Interview eines Hamburger Mediums mit einem Herrn names Laffer, der im Teaser schön als „konservativer Ökonom“ bezeichnet wird. Wer nachvollziehen möchte, warum solche Leute einen Ziegelstein ins Gesicht brauchen nach meiner Meinung, sollte das mal lesen. Gru-se-lig!

13 Gedanken zu „Neue Cäsaren

  1. Ganz großartiger Blogeintrag, von der ersten bis zur letzten Zeile. Besten Dank dafür!

  2. Wie kann man eigentlich in einem Blog gleichzeitig die Ignoranz und simple Blödheit unserer Eliten beklagen, und gleichzeitig auf Erdogan eindreschen? Macht der Mann was falsch? Irgendwo bestimmt, aber im großen ganzen muss man ihn doch bewundern. Es gibt kein zweites Land auf der Welt, dessen geografische Lage einen derart hohen Wert hat wie die Türkei. Dementsprechend viele Interessen zerren an dem Land. Die Verbündeten der Türkei haben den Nachbarstaat Irak in Brand gesteckt, und dabei die Mithilfe Erdogans erwartet und wohl auch bekommen. Keine wilde Sache, denn wir helfen ja auch gerne mal aus. Die Merkel bereut es heute noch im Irak nicht mit gezündelt zu haben.
    Nur dann haben die Yankees die Kurden zu ihren imbeddet Langfingern gemacht damit diese den Irakis das Öl stehlen. Das konnte den Türken kaum gefallen, zumal die Kurden ihre neu gewonnen Kraft und Unterstützung sofort auch gegen die Türkei richteten. Man sollte nicht vergessen, dass keine türkische Regierung den Kurden mehr entgegen gekommen ist als eben Erdogan.
    Als Erdogan beim schmutzigen Spiel den Irak und Syrien zu ruinieren immer lustloser wurde, es sogar wagte mit Putin zu reden, hat die NATO erst ihre Schläfer innerhalb der türkischen Luftwaffe aktiviert um ein russisches Flugzeug abzuschiessen, und nachdem das nicht so funktionierte, den Flieger von Erdogan selbst ins Visier zu nehmen. Seine Freunde haben auf ihn geschossen.

    Die NATO-Mitgliedschaft der Türkei steht seit dem nur auf dem Papier, aber dieses Papier ist eben wertvoll, und Erdogan wirft sowas nicht einfach so weg.
    Auch die EU-Mitgliedschaft dürfte Erdogan nicht mehr groß reizen. Er nutzt das Thema nur um Druck zu machen, weil er genau weiß, daß die beschissenen kleinen Lügner aus der EU in naher Zukunft ganz dringend auf die Zusammenarbeit der Türkei angewiesen sein wird. Das Land ist nun einmal geostrategisch sehr günstig gelegen. Wenn die ihm nicht den kleinen Finger zeitnah reichen wird Erdogan das EU-Projekt einfach beerdigen. Die Eu wird dann feststellen, dass sie sich eine trotzige Barriere zwischen sich und der benötigten Energie geschaffen haben, die von der Ostsee bis zum Mittelmeer reicht. Und all das ohne Not.
    Ich feiere Erdogan ganz doll dafür ab, wie er die EU-Pinscher mit deren eigenen Phrasen abbügelt. Das ganze geheuchelte Gelaber von Menschenrechten einfach auch bringt, wenn man seinen Wahlkampf in D sabotiert. Großartig. Und natürlich ist es richtig eine starke präsidiale Demokratie zu installieren. Eine Witzfiguer als Präsident leisten sich nur die domestizierten Deutschen, die ohnehin keinen Bock auf Entscheidungen und Veränderungen haben.
    Wie unendlich bescheuert muß man eigentlich sein, oder eben wie EU nah, um in das jämmerliche Gewimmer von Erdogan dem Totengräber der Demokratie einzusteigen? Weil er das Volk über die Verfassung abstimmen lässt soll er ein Diktator sein? Gehts noch dämlicher? Wenn Deutschland oder die verfickte EU mal irgendwann so weit wären die Leute über eine Verfassung abstimmen zu lassen …
    Wäre die EU ein Land, das sich um die Aufnahme in die EU bemüht, dann wären da ein paar handfeste Demokratiedefizite im Wege.
    Das Erdogan jetzt seinen Laden aufräumt ist doch logisch. Der kennt ganz bestimmt Gaddafis letztes Video. Ob es so viele Gülen-Anhänger in der Türkei gibt weiss ich nicht, aber bestimmt sehr viele NATO und EU Befürworter.
    Wenn du dich auf die Seite jener schlägst die auf mich schiessen, dann darfst du nix anderes erwarten. Ich wünsche Erdogan viel Glück, und wenn er fertig ist darf er hier den anderen NATO und EU Freunden in den Arsch treten.
    Und bevor mir jetzt irgendwer etwas von der Todesstrafe in der Türkei vorheult, sollte man sich mal selbst fragen, wie man mit abertausenden IS-Kämpfern umspringen will, oder ob man selbst auf der Seite der Drohnenmörder überhaupt die Schnauze aufreissen darf.
    Dann natürlich noch das hier und überall typische Geflenne über Trump. Ist aber auch furchtbar, dass dort jemand das Amt gewonnen hat, der nicht von Wall Street und CIA gebrieft wurde. Wie unendlich schrecklich. Jetzt müssen wir womöglich 4 Jahre warten bis Clinton, oder was ähnliches die Flamme der US-Demokratie in jene Länder werfen kann, die heute noch nicht in Flammen stehen.
    Du magst eine richtige Ahnung davon haben was uns in Zukunft erwartet, aber bei der Analyse der heutigen politischen Situation versagst du.

  3. „…Und danach kommt auch sofort die Gleichsetzung: Wer gegen Globalisierung ist, ist auch gegen eine offene Gesellschaft. Was das eine mit dem anderen zu tun haben soll, diese Erläuterung bleibt uns der Schreiber der Zeilen schuldig.“

    Ich kann da aushelfen.
    Weltoffen bedeutet Freihandel, also TTIP und Co. Und schwups – schon macht es Sinn. Wenn die Linken in Frankreich tatsächlich Macron wählen um LePen zu verhindern, dann machen sie ein extra schlechtes Geschäft, und ich muß mich fragen, wann eigentlich der Braindrain innerhalb der Linken stattgefunden hat.

  4. Weltoffen bedeutet Freihandel, also TTIP und Co. Und schwups – schon macht es Sinn.

    Die Auslagerung von miesen Löhnen, Umweltsauereien und miesen Arbeitsbedingungen in andere Länder, während transnationale Konzerne fleißig die Massen gegeneinander ausspielen – das ist ein Symbol von Weltoffenheit?

    Für einen Ökonomen vielleicht 😀

  5. Und natürlich ist es richtig eine starke präsidiale Demokratie zu installieren.

    Der Unterschied zwischen Demokratie und Führerstaat ist offensichtlich nicht ganz klar bei manchen.

  6. Dann nenn es Führerstaat – solange es Wahlen gibt ist es für mich eine Demokratie, aber der Titel ist nicht wichtig. Es muß funktionieren. Allein das zählt.
    Ich meine wir illustrieren hier doch den Kollaps. Oder nicht? DIE Katastrophe schlechthin in der Geschichte der Menschheit. Der Megasturm.
    Die Geschichte wird sich etwas hinziehen. Du und ich, wir wissen es genau: mit unseren Profis der Nation und deren grandiosen Debatten werden wir heftiger auf die Schnauze fallen als eigentlich nötig.

  7. mit unseren Profis der Nation und deren grandiosen Debatten werden wir heftiger auf die Schnauze fallen als eigentlich nötig.

    Nein. Es ist insgesamt gesehen vollkommen egal, wer da vor sich hin herrscht oder regiert.
    Mal abgesehen davon, daß ich das reine Vorhandensein von Wahlen als Kriterium für eine Demokratie als eindeutig unzureichend bezeichnen möchte 😉
    Das ist der Punkt: Es wird nicht funktionieren. Wer da jetzt rumheuchelt – völlig richtig angemerkt – ist absolut egal. Unsere westlichen Demokratien werden doch ebenfalls zunehmend restriktiver. Das Auftreten der neuen Cäsaren ist lediglich ein Symptom. Kein Diktator, Autokrat, Superpräsident oder wer auch immer wird aber den generellen Pfad der Dinge ändern. Das auf-die-Schnauze-fallen wird mit allen gleich heftig. Mit oder ohne Leitkultur 😀

    Übrigens, bei so langen Gegenreden – hast du mal dran gedacht, einen Blog zu schreiben? 😀

  8. Einen Blog nun nicht, eher ein Buch. Ich schreibe ja nun nicht so oft, und schon gar nicht in der Menge die einen Block füllen könnte. Dazu kommen noch meine schlechten Manieren. Ende Februar platzt mir dann auch noch die Schlagader, und die Ärzte haben mir jede Aufregung verboten.
    Aber ein Buch wäre relativ stressfrei. Ich hab auch schon den Titel:
    „Viele schreckliche Dinge, die Sie gar nicht wissen wollen“

    Das auf die Schnauze fallen wird sich ein paar Jahrzehnte hinziehen. Und auch ob man hinterher noch wanken, oder kriechen kann spielt für nicht wenige bereits lebende Zeitgenossen mal eine Rolle.
    Geeignetes Führungspersonal ist eben doch wünschenswert.

  9. Insgesamt wird sich das auf die Schnauze fallen sogar länger hinziehen als nur ein paar Jahrzehnte. Aber darauf komme ich noch mal zurück…irgendwann…

  10. Es geht solange abwärts, bis die fossilen Energieträger, und andere nicht ersetzbare Ressourcen, nicht mehr für unserer Versorgung eingesetzt werden.
    Das dürfte sich ein paar Jahrhunderte hinziehen, und es gibt ganz sicher Möglichkeiten die Folgen dieser Entwicklung abzufedern.

    Früher haben sie mit Dampfmaschinen gepflügt, über ein System mit Drahtseilen. Hatte den Vorteil, dass dabei der Acker nicht von schwerem Gerät verdichtet wurde. So eine Nummer kann ich mir in Norddeutschland elektrisch vorstellen. Das wäre mal ein Zukunftsprojekt anstelle vertikaler Städte und Plantagen.

  11. Es geht solange abwärts, bis die fossilen Energieträger, und andere nicht ersetzbare Ressourcen, nicht mehr für unserer Versorgung eingesetzt werden.

    Das ist durchaus richtig. Aber welches Muster ergibt sich daraus für die Zukunft? Welches Bild?
    Es ist nicht das eines Fallschirmspringers, der sanft zu Boden gleitet. Denn dazu müßten gewisse Menschen eingestehen, daß man überhaupt fällt. Und einen Fallschirm dabei haben.

    Das dürfte sich ein paar Jahrhunderte hinziehen, und es gibt ganz sicher Möglichkeiten die Folgen dieser Entwicklung abzufedern.

    Die Abfederung wird durch die Folgen geschehen. Also für viele Teilnehmer recht unangenehm werden.

  12. Hallo Leute,
    versteht bzw. begreift doch ‚mal:

    Das Problem ist der Kapitalismus.
    Und dabei ist es wirklich weitgehend egal, wer regiert.

    Mit Grüßen
    Flash

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