Das wahre Morgen

– IX –

Kollisionen

,,But when worlds collide, said George Pal to his bride: “I’m gonna give you some terrible thrills…”
The Rocky Horror Picture Show

Science Fiction als spezielle Form der Literatur und somit Bestandteil des etwas diffusen Gebildes, das wir “Kunst” nennen, ist also durchaus eine lehrreiche Sache. Wir lernen, wie erwähnt, daß der Macht der Phantasie keine Grenzen gesetzt sind.
Diese Macht ist in der Lage, ganze Gruppen von Menschen zu beeinflussen und ihnen Dinge in den Kopf zu setzen, die wiederum sehr viel mehr Auswirkung auf die Leben dieser Menschen hatten und haben, als diese Personen zugeben würden. Oder mehr, als ihnen überhaupt bewußt ist.
Eine ganze Generation an Technikern, Ingenieuren, Astronomen, Computernerds und anderen Typen hatte es sich in den Kopf gesetzt, das Schicksal der Menschheit ein weiteres Kapitel voranzubringen auf dem unvermeidlichen Weg unserer Expansion zu den Sternen der Galaxis. Aus den unter der Bettdecke versteckten Lesern von Pulp-Magazinen und den studierenden Pickelgesichtern, die in den dunklen Ecken von gewissen Buchhandlungen diese seltsamen Romane mit leichtbekleideten Frauen drauf kauften, wurden in den 50er und 60er Jahren die Leute, die in einer neuen Behörde namens NASA die ersten Menschen auf den Mond hieven wollten. Nicht etwa, um den miesen Kommunisten eins auszuwischen, sondern einfach, weil es ging. Es mußte gehen, denn schließlich war der Weg der Menschheit ins All für diese Leute längst beschlossene Sache. Es mußte halt nur noch getan werden.

Man kann auch lernen, daß die Phantasie sehr wohl ihre Grenzen findet. Dann nämlich, wenn sie den physikalischen Bedingungen des echten Universums begegnet. Also kann man keine Kanone bauen, die Menschen zum Mond schießt. Das funktioniert nicht.
Was aber funktioniert, ist eben ein Raketenantrieb. Sobald man das Problem genauer Steuerung und ein oder zwei Fragen bezüglich Metallurgie und anderer Dinge mal in den Griff bekommt, versteht sich.
Schon steht der Eroberung des Weltalls nichts mehr entgegen. Nicht einmal diese Sache mit dem Dschungel der Venus, den es gar nicht gibt und auch nie gab. Oder die fehlenden Marsmenschen.
Hier greift wieder die Macht des Narrativs. Es kommt nicht so sehr auf die Details an, solange die eigentliche Geschichte lebendig bleibt. Das All gehört uns, ob jetzt mit oder ohne Dschungel. Das endlose Band des Fortschritts, getrieben vom Motor der Innovation, wird unweigerlich dafür sorgen, daß Mensch seine Heimatwelt verläßt und woanders hingehen wird. Wenn nicht in diesem Sonnensystem, dann im nächsten. Oder im übernächsten.
Wenn also jemand was Genaueres herausfindet über bisherige Annahmen und Hypothesen, muß man seine Vorstellungen der Realität anpassen, oder man macht sich lächerlich. Aber die Phantasie darf dabei nicht sterben. Wenn die Venus oder Mars eben doof sind, dann terraformen wir die einfach. Nur für den Fall, daß diese Geschichte mit den anderen Sonnensystemen etwas komplizierter sein sollte als gedacht.

Kein ernstzunehmender SF-Autor würde heute seine Weltraumkolonisten in der Zwielichtzone des Merkur siedeln lassen wollen oder Archäologen die Reste antiker Zivilisationen aus dem Marssand ausbuddeln lassen wie Edgar Rice Burroughs das getan hat. Oder Dinosaurier im dampfenden Dschungel der Venus eine Bedrohung sein lassen für tapfere Kolonisten der Erde, die ihre Felder mit Impulsstrahlern in der Nacht bei tosenden Tropengewittern gegen die einheimische Tierwelt verteidigen müssen. So wie bei Perry Rhodan zum Beispiel.
Niemand würde heute noch einen Roman schreiben wie die Reise zum Mittelpunkt der Erde oder überhaupt den Planeten Erde hohl sein lassen wollen. Wobei einer der schönsten Romane dieser Art genau an diesem Platz spielt.
Der Mondsee, geschrieben von einem Herrn namens Abraham Merritt, erschien im Jahre 1919. Die Handlung spielt in einer Welt unterhalb des Gebiets, das wir als Pazifik kennen. Ein Forscher, aufgeschreckt vom Hilferuf seines Kollegen, begibt sich in die Gefilde Polynesiens, dieser zig tausend im Südpazifik verstreuten Inseln und Inselchen. Dabei gerät er an ein Phänomen, das “Der Leuchtende” genannt wird. Der seltsame, lebendig wirkende Nebel entführt Menschen zu unbekannten Zwecken. Bei seiner Nachforschung gerät der Protagonist in eine Welt unterhalb der Erdoberfläche. Eine ganze Zivilisation befindet sich in gigantischen Hohlräumen unterhalb des größten Ozeans der Erde. Viel älter und technologisch höher entwickelt als die der Menschen. Weiterlesen

Das falsche Morgen (II)

,,Fundamentaler Fortschritt hängt zusammen mit der Neuinterpretation grundlegender Ideen.”

Alfred North Whitehead

Letzte Woche hatte ich an dieser Stelle Herrn Kepler erwähnt, den Mann, der die Erde endgültig aus dem Zentrum des Universums in eine Umlaufbahn um die Sonne gerückt hat.
Gegen diese Vorstellung gab es durchaus Widerstand, der vor allem aus den Reihen des Klerus kam. Trotz aller gegenteiligen Indizien beschloß die Kirche, am Dogma der Unveränderlichkeit eines von Gott geschaffenen Himmels festzuhalten.
Ebenso wie früher aber war dieser Widerstand nicht nur darauf begründet, daß die beobachtbaren Fakten dem Glauben und seiner Auslegung durch eine hierarchische Amtskirche widersprachen.
Bereits Anfang des 16. Jahrhunderts hatte die römisch-katholische Kirche mit der Reformation durch Martin Luther eine schwere Niederlage hinnehmen müssen, aber der schwerste Schlag, den dieser Mann der Kirche versetzte, war nicht sein Protest gegen den Ablaßhandel oder seine Thesen.
Der schwerste Schlag Luthers gegen die Fundamente der damaligen Kirchenwelt war seine Übersetzung der Bibel ins Deutsche.
Erstmals seit Entstehung des christlichen Glaubens und seiner Ausformung ab dem 3. Jahrhundert ndZ verlor der Klerus damit etwas, das für mächtige Institutionen damals genau so wichtig war wie heute auch: das Informationsmonopol.

Plötzlich konnten sich Menschen auf Dorfplätze stellen und anderen aus der Bibel vorlesen – ein damals völlig normaler Vorgang, denn natürlich waren in dieser Zeit noch sehr viele einfache Menschen völlig unbewandert in der Kunst des Lesens und Schreibens. Aber das Bildungswesen war hinreichend fortgeschritten, um dafür zu sorgen, daß in einer Dorfgemeinschaft aus mehreren hundert Personen sicherlich einer dabei war, der halbwegs lesen konnte und kein Priester war.
Die Erfindung des Buchdrucks etwa ein halbes Jahrhundert vor Luthers Auftreten tat sein übriges dazu. Luthers Bibelübersetzung kam zu einer Zeit, in der die Anzahl an Druckereien und Verlagen in Europa geradezu explosionsartig anstieg. Das vorher in Klöstern gelagerte Wissen verbreitete sich in einer Geschwindigkeit, die vorher undenkbar gewesen war.
Und da es natürlich mehr zu lesen gab, wollten die Leute auch mehr lesen und dazu mußte man es lernen. Diejenigen, die es ohnehin konnten, kamen plötzlich  exponentiell mit neuem Wissen in Kontakt, was zu neuen Gedankengängen führte, darunter zwangsläufig auch einige, die den damaligen Inhabern von Macht und Einfluß ungelegen kommen mußten. Weiterlesen