Das blinde Bewußtsein

– III –

Gaianer

“A learning experience is one of those things that says: ‘You know that thing you just did?
Don’t do that.”
Douglas Adams, Lachs im Zweifel

Mitte der 1960er entwarf ein Mann namens James Lovelock die Vorstellung, daß die Erde und alles, was auf ihr lebt, die sogenannte Biosphäre, als ein Lebewesen betrachtet werden kann. Kern der Hypothese ist die Annahme, daß das Leben an sich, die Gesamtheit aller Organismen, irgendwie dafür sorgt, die Bedingungen zu erhalten, die ihm selber am besten gefallen.
Lovelocks Definition von Leben – eine sehr umstrittene Sache in den biologischen und medizinischen Wissenschaften – besagt hier, daß “Leben” sich besonders durch die Fähigkeit zur Selbstorganisation auszeichnet.
Nach dieser Idee ist die Erdoberfläche und das dort vorhandene Leben ein dynamisches System, das wiederum die Gesamtheit des Lebens stabilisiert. Eben ein sich selbst organisierendes System. Der Clou an der Geschichte ist, daß die Biosphäre also auch auf unterschiedliche Einflüsse reagieren müßte, die dazu geeignet sind, die Lebensfähigkeit des Systems zu gefährden.

Mr Lovelock war kein Schamane oder so etwas. Beziehungsweise, er ist es nicht, denn er wird dieses Jahr 98 und ist noch immer da. James Lovelock ist Mediziner, Geochemiker und Biophysiker, hat also einen recht handfesten naturwissenschaftlichen Hintergrund vorzuweisen.
Auch die Dame, die zu den stärksten Befürwortern von Lovelocks Theorie zählte, war keine Schamanin. Lynn Margulis war Mikrobiologin und hat sich in ihrer Laufbahn besonders mit der evolutionären Entwicklung von Zellorganellen wie den Mitochrondien befaßt. Man erinnert sich womöglich an diese kleinen Dinger noch aus dem Biologieunterricht, Stichwort “Kraftwerk der Zelle”.
Ms Margulis weilt nicht mehr unter den Lebenden, war aber eine Zeitlang mit Carl Sagan verheiratet, das ist der Astrophysiker, den Filmfans und natürlich SF-Fans als den Autor von “Contact” kennen – mindestens. Ms Margulis hatte also ebenfalls einen recht starken Hang zur Naturwissenschaftlichkeit, könnte man sagen.

Im Jahre 1969 postulierte Lovelock einen Rückkopplungsmechanismus, der in der Erdatmosphäre für abnehmenden Gehalt an CO2 sorgt, wenn die Intensität der Sonnenstrahlung sich erhöht. Denn das hat sie in den letzten paar hundert Millionen Jahren getan. Die Sonne, die auf die noch insekten- und blütenlosen Wälder der Erde vor etwa 400 Millionen Jahren schien, war in ihrer Energieleistung eindeutig schwächer. Eine Sonne ist ein Fusionsreaktor, der – nach allen aktuellen Erkenntnissen – recht langsam auf seine Spitzenleistung hochgefahren wird.
Auf die Anregung eines Schrifstellers und Bekannten hin nannte Lovelock seine Idee die Gaia-Hypothese. Gaia ist die Erdmutter der griechischen Mythologie, die sich bis heute in einem Ausdruck wie “Mutter Natur” oder “Mutter Erde” erhalten hat und in einer abgewandelten Schreibweise – Gea – auch Bestandteil von Dingen wie Geologie ist. Oder Geochemie. Oder Geophysik.
Margulis hatte sich mit der Theorie auseinandergesetzt, wonach Mitochondrien früher einmal eigenständige Zellen gewesen sein sollen, um dann durch Symbiose zu den heutigen, internen Zellbestandteilen zu werden. Da die Gaia-Hypothese besagt, daß die Gesamtheit aller Organismen auf der Erde quasi in Symbiose einen größeren Organismus bilden, war diese Ansicht für eine Symbiose-Spezialistin wie Ms Margulis vermutlich recht naheliegend.
Der Schriftsteller, der Lovelock den Namen vorschlug, war übrigens William Golding. Den kennen wiederum einige womöglich aus dem Englischuntericht, denn sein wohl berühmtestes Werk ist “Lord of the Flies”, also “Herr der Fliegen”. Golding erhielt 1983 den Nobelpreis für Literatur, in seiner Rede wählte er Gaia Mater, die Erdmutter, als sein Thema. Weiterlesen

Imperium des Öls

,,Um 1870 erzeugten die Dampfmaschinen Großbritanniens etwa 4 Millionen Pferdestärken, die Arbeit von 40 Millionen Männern, die – wäre die Industrie noch immer von Muskelkraft abhängig gewesen – mehr als das Dreifache der damaligen Weizenernte des Landes verzehrt hätten.”

Ian Morris, Wer regiert die Welt

Jura. Vor etwa 150 Millionen Jahren plusminus ein bißchen. Genauer gesagt, Oberjura. Was für Nicht-Geologen also bedeutet, dieses Erdzeitalter geht gerade zu Ende. Der Sauerstoffgehalt der Atmosphäre beträgt etwa 26%, etwa ein Viertel mehr als heute. Der CO2-Anteil ist mit fast 2000 ppm gut 5mal so hoch. Durchschnittstemperatur global aktuell etwa 17°C, sonnig, die Frisur sitzt. Warum das nicht viel wärmer ist, trotz des hohen CO2-Gehalts?
Bin ich Klimatologe? Vielleicht hat der hohe Gehalt an Sauerstoff was damit zu tun. Außerdem ist unsere Sonne noch 150 Millionen Jahre jünger. Da müssen Sie mal die Astronomen von damals fragen.

Gut, die Astronomen von damals sind etwa 20 Meter groß und diverse Tonnen schwer, ihr Lebendgewicht liegt im groben Durchschnitt irgendwo zwischen einer halben und 10 Tonnen. Einige Prachtexemplare sind bis zu 30 Metern lang und wiegen an die 100 Tonnen, der Diplodocus hallorum zum Beispiel.
Außerdem sind die Astronomen natürlich Dinosaurier, also Reptilien, und interessieren sich nicht für den Bau von Observatorien. Ohne Zeitmaschine werden wir also nie wissen, ob die Sonne damals einen Zacken kühler war als heute. Aller Wahrscheinlichkeit nach ja.

Willkommen auf der Erde. Nicht unserer Erde, aber die Erde.

Jurassic Earth 150 MY

Die Erde. Dinosaurier-Version. Vor etwa 150 Millionen Jahren, im Oberjura.
Grafik von Prof. Dr. Ron Blakey, Northern Arizona University
CC by SA 3.0

Der Superkontinent Pangaea hat gerade begonnen zu zerbrechen, so vor etwa 70 Millionen Jahren hat das angefangen, ist also noch nicht so lange her, nach geologischen Maßstäben war das vorletzte Woche.
Wenn ich da stehe, wo mal Deutschland sein wird, stehe ich im Wasser, meistens jedenfalls. Falls ich in Köln stehe, stehe ich an Land. Die ersten Dinosaurier lernen gerade fliegen, es ist das Zeitalter des Archaeopteryx.
Diese wärmere Welt ist voll mit Leben in jeglicher Form. Noch relativ unbelästigt von Säugetieren, obwohl es zu diesem Zeitpunkt bereits einige vielversprechende Ansätze gibt, dreht der Planet seine Runden um das Zentralgestirn und läßt sich die Sonne auf den Pelz…nein, das ist ein Säugetiermerkmal…ins Wasser scheinen.

Der größte Anteil an Biomasse lebt auch auf dieser Version der Erde genau dort, nämlich im Wasser, was wenig verwunderlich ist, wenn man sich die Erde mal so anschaut, die eigentlich Aqua heißen müßte, wären Menschen denn logisch. Aber Menschen sind nun mal eher egoistisch, außerdem existieren wir noch gar nicht und wir haben nicht die geringste Ahnung, wie die Dinosaurier den Planeten genannt haben.
Mehrere Bazillionen Tonnen an Phytoplankton, an Zooplankton und vor allem an Algen treiben sich also in den Meeren der Erde herum und tun das, was Algen und Plankton so tun. Genaugenommen ist es ein einziges Meer, denn die Landmassen hängen noch derartig dicht zusammen, daß ein Großteil des Planeten aus einem einzigen Ozean besteht. Das Mittelmeer ist noch nicht erfunden und auch der Atlantik wartet noch in der Zukunft auf sein Entstehen. Weiterlesen