Die Politik des Zwielichts

– III –

Kongreß der Paviane

„Es ist ja nun mal so:
Wenn‘s läuft, dann waren‘s immer alle
wenn es nicht läuft, immer alle anderen.”
Großstadtgeflüster

Demokratie ist eigentlich eine ganz brauchbare Sache. Deswegen wollen sehr viele diese Regierungsform auch gerne in die Zukunft hinüberretten. Nur sehr wenige scheinen sich und anderen die Frage zu stellen, ob so etwas wie Demokratie das Richtige sein kann oder sein wird im Jahre…sagen wir, 2070.
Im Hintergrund schwingt dabei derselbe Gedanke mit, der bei vielen anderen Dingen ebenfalls immer unterschwellig angenommen wird. Die Zukunft wird so sein wie heute, nur mehr davon. Und grüner. Irgendwie. Ob jetzt Windkraftanlagen oder Elektromobilität, alle diese projektierten Dinge sollen nach dem unerklärten Willen von Konzernherrschern und Politiksprechern lediglich weiter ermöglichen, exakt so zu leben wie heute in einem demokratischen Wohlstandsstaat deutscher oder amerikanischer Prägung.
Im Grunde, so könnte man sagen, hat heutige Politik zusammen mit den transnationalen Konzernen, die längst die eigentlichen Herrscher dieses Planeten sind – machen wir uns da nichts vor – in etwa dieselbe Aufgabe wie ein Nutri-Matic-Getränke-Synthesizer. Dieses Wundergerät, für diejenigen, die es nicht kennen, wird hergestellt von der Sirius-Kybernetik-Corporation und liefert nach sorgfältiger Analyse der Geschmacksnerven und der Biochemie des Getränkeanforderers mit einem freundlichen Spruch immer ein Getränk ab, das ein bißchen, aber eben nicht völlig anders als Tee schmeckt.
Politik liefert heute immer etwas ab, das ein bißchen, aber nicht völlig anders aussieht wie das Heute, in dem wir leben, wenn es um Dinge wie die Zukunft geht. Denn alles andere würde den Wähler vermutlich verunsichern.

In einer derartigen Atmosphäre das Richtige® zu tun wird relativ schwierig. Wie jemand neulich anmerkte, wird das Richtige immer radikaler. Aber das ist nicht korrekt. Das Richtige, wenn es erst einmal halbwegs brauchbar bestimmt ist, verbleibt in seiner Form. Was immer radikaler wird, sind politische Lösungen für Probleme, die erst durch Unfähigkeit oder Unwilligkeit eben dieser Politik zu solchen gigantischen Misthaufen wie Klimazerstörung, Ozeanen aus Plastik oder einer angeblichen Flüchtlingskrise, die gar keine solche ist, heranwachsen konnten.
Es gab eine Menge Zeitfenster seit dem Beginn der 70er Jahre, in denen man durchaus etwas hätte unternehmen können gegen eine Wirtschaftstheorie, deren psychopathische Menschenverachtung und geballter Realitätsverlust in einem geistigen Amoklauf mündete, der uns die Welt eingebracht hat, wie sie heute ist. Anstatt offensichtlich bekloppte angebliche Ökonomen wie Milton Friedman und andere Auswüchse einer Weltsicht namens „Chicagoer Schule” so schnell wie möglich in ein Sanatorium zu bringen, um herauszufinden, was mit ihren Gehirnen nicht stimmt, machte man sie zu Wirtschaftsberatern und verlieh ihnen Nobelpreise.
In trauter Eintracht mit der Wirtschaft entschloß sich die Politik nach einem Jahrzehnt erstaunlich brauchbarer Ansätze, all diese Dinge in die Tonne zu treten und sich der drogengeschwängerten Party anzuschließen, die wir heute als „Industriegesellschaft” bezeichnen. Im wahrsten Sinne des Wortes faßte man den Entschluß, einfach mehr Öl ins Feuer zu gießen und dann auf die Sintflut zu warten. Wenn man aber mehr Öl ins Feuer gießt, hat man dadurch insgesamt nicht mehr Öl.

Zeitfenster tragen ihren Namen aber auch nicht einfach so. Irgendwann schließen sie sich. Etwas, das eine Option gewesen ist, verschwindet für immer in der staubigen Kiste auf dem Dachboden der Vergangenheit. Statt etwas schuldbewußt auf die wieder einmal verpaßte Gelegenheit zurückzuschauen, bei der wir als Gesellschaft ausnahmsweise tatsächlich etwas richtig hätten machen können, wenden wir uns ab und heucheln Erleichterung darüber, daß der billige Sprit an die Zapfsäule zurückgekehrt ist. Das Alte ist tot, es lebe das Neue, das immer Bessere. In unserer Gesamtgesellschaft haben wir kollektiv beschlossen, so etwas dann „Fortschritt” zu nennen.
Was üblicherweise darauf hinausläuft, daß wir schon eine Lösung finden werden. Natürlich müßte man sich dazu erst einmal zu der Erkenntnis durchringen, daß es ein Problem gibt. Und wenn „wir” eine Lösung finden, bedeutet das ebenso üblicherweise, daß irgend jemand anders sich darüber schon Gedanken machen wird. Bei weiterer Verschärfung des Problems führt das dann zu politischen Demonstrationen mit der Kernforderung, das „die” endlich was unternehmen müssen.
Womit wiederum die Politik gemeint ist und die unternimmt dann auch etwas. Es muß nicht sinnvoll sein oder auch nur mit dem Problem zu tun haben. Hauptsache, sie unternimmt was. Wenn es an bezahlbarem Wohnraum fehlt, dann kann man die Sommerpause sehr wohl damit verbringen, über die Wiedereinführung einer Dienstpflicht in Deutschland zu diskutieren. Warum nicht?
Besonders befürwortet wird so ein Schwachsinn dann von denen, die wieder einmal mit so einer Pflicht nichts zu tun hätten, weil sie dafür bereits längst zu alt sind. Dabei war die Abschaffung der Wehrpflicht eine der vernünftigen Entscheidungen der letzten zwanzig Jahre. Man hätte das schon Mitte der 90er tun müssen, aber nun ja – Politik.
Niemand wird daran gehindert, heutzutage ein Freiwilliges Soziales Jahr durchzuziehen oder sich vor die Tore einer Kaserne der Bundeswehr zu stellen, um sich da im Rekrutierungsbüro für den Wehrdienst einzuschreiben. Deutschlands Armee hat auch laut den Medienberichten in letzter Zeit kein Problem mit zu wenig Personal, sondern eines mit zu wenig Waffen. Nach meiner Meinung hat unser Land ein Problem mit einem Bündnissystem, das längst veraltet ist und einer massiv korrupten Rüstungsindustrie, die Milliarden an Steuergeldern für nichts in ihre Kassen fluten läßt. Aber dazu sage ich jetzt nichts weiter.
Politik ist in den letzten etwa fünfunddreißig Jahren immer mehr zu dem geworden, was Douglas Adams über den Präsidenten der Galaxis geschrieben hat. Es ist nicht dessen Aufgabe, Macht auszuüben, sondern von der Ausübung von Macht abzulenken. In dieser Beziehung wäre Angela Merkel also ein noch besserer Präsident als Zaphod Beeblebrox. Allerdings hat sie weniger Köpfe und ihr fehlt dieser wahnsinnig schicke Extraarm.

Je mehr sich Probleme anhäufen, desto stärker werden sie in einer Gesellschaft ignoriert. So lange, bis niemand mehr daran vorbeisehen kann, obwohl auch der rosa Elefant im Wohnzimmer von einigen noch erfolgreich übersehen und überhört wird. Letztlich kommt aber immer der überraschte Aufschrei: „Huch, ein Elefant! Den hab’ gar nicht gesehen? Und ich glaube, er ist mir gerade auf den Fuß getreten!”
Dann erst geht die Diskussion los in einer Gesellschaft: „Ist das ihr Elefant?” „Ist der versichert?” „Wie heißt der denn?” „Der ist aber süß.” Und irgendwer kommt immer mit der Frage „Wie schmeckt der eigentlich so?”
Die demokratische Gesellschaft ist also ganz offensichtlich immer bemüht, zielgerichtet die wesentlichen Kernpunkte einer Problematik herauszuarbeiten. Deshalb werden die angebotenen Lösungen der Politik für die zunehmende Menge laut schreiender Wähler immer radikaler. Ob dieser Radikalismus jetzt von offiziell politisch links oder rechts kommt, ist unerheblich. Letztendlich reagiert die Politik immer erst dann mit konstruktiver Panik, wenn ihr die Wähler weglaufen und exakt das passiert ja in den letzten Jahren.
Wobei das längst vor der Sache mit Flüchtlingen begann, siehe ehemalige SPD. Jetzt wollen sich die elenden Reste dieser marktwirtschaftlichen Arschkriecherpartei unter einer Frau Nahles plötzlich um die Leute kümmern, die von den Auswirkungen ihrer Politik ins Elend gestürzt worden sind und noch werden. Bißchen spät für solche Anwandlungen. Irritiert formulierte das Handelsblatt neulich: „Die Erneuerung der SPD bleibt unter Frau Nahles auf der Strecke”.

Richtig wäre natürlich die Formulierung gewesen: „Dank Andrea Nahles…”.
Frau Nahles ist selbst Mutter und hat trotzdem vor einer Weile den Vorschlag gebracht, man solle alleinerziehenden Sozialhilfebeziehern doch das Geld für die Kinder streichen, wenn die am Wochenende nicht in Haushalt A, sondern Haushalt B sind. Dieser Vorschlag lief damals unter dem Stichwort „Vereinfachung der Sozialgesetze” und wurde nicht umgesetzt. Weil er bürokratisch zu teuer gewesen wäre, nicht etwa, weil er vor menschenverachtendem Zynismus trieft.
Sie sagt auch ausdrücklich, die SPD müsse sich um soziale Belange kümmern. Wir reden hier von der Frau, die im Alleingang diese lächerliche Entschuldigung für eine politische Partei von der unbedingten Notwendigkeit einer weiteren Großen Koalition überzeugt hat.
Mit der Begründung, man könne sich auch in der Regierung erneuern. Dafür hätte es vorher bereits genug Gelegenheit gegeben, immerhin acht Jahre lang. Das war das häufigste Gegenargument für einen Kevin Kühnert, der die Partei in der Opposition erneuern wollte. Was die ehemalige SPD zwischen 2009 und 2013 bekanntlich auch nicht tat. Frau Nahles hat übrigens auch angeregt, doch die Parteienfinanzierung aufzustocken, was dann unlängst auch beschlossen wurde in parteilich weitgehender Einmütigkeit. Ich weise darauf hin, daß diese Frau als links angesehen wird. Immer etwas servieren, das ein bißchen, aber auf keinen Fall völlig anders ist. Fast könnte man meinen, diese Partei sei von der Sirius-Kybernetik-Corporation gebaut worden.

Demokratie hat ein massives Problem: Politik. Gemietete Interesseheuchler agieren seit Jahrzehnten gegen ihre Wähler und gegen jede Vernunft. Der Schaden ist bereits jetzt erheblich.

Das einzige echte Kapital, mit dem jemand in der Politik arbeiten kann, ist Glaubwürdigkeit. Und die haben deutsche, amerikanische und andere Politiker in den letzten zwanzig Jahren Zug um Zug in Trümmer gelegt.
Während die Parteien in die Mitte gerückt sind – die CxU von rechts und die SPD von links – haben scharenweise Wähler mit ihren Ansichten eben diese Mitte verlassen und brüllen sich jetzt von den Pavianfelsen des rechten und linken Randes im politischen Spektrum an. Es geht längst nicht mehr um Lösungen. Oder auch nur Vorschläge für Lösungen. Es geht darum, möglichst laut rumzubrüllen und allen zu zeigen, daß der eigene Hintern der bunteste und die eigenen Zähne die längsten sind. Der Versuch von Frau Wagenknecht, eine Sammlungsbewegung zu gründen für Menschen, die sich irgendwie als politisch links empfinden, ist ein Versuch, die eigene, längst völlig zersplitterte Gruppierung wieder in einen Haufen erfolgreicher Schreier zu verwandeln. Also das, was die anderen, die Blaunasen auf dem rechten Felsen, schon sind. Die rekrutieren ihre Wähler nämlich vorwiegend von der ehemaligen SPD – weil die ehemaligen Wähler dieser ehemaligen Partei dermaßen die Schnauze voll haben, daß sie auch eine Weltraumeidechse wählen würden.

Wir wählen alles. Hauptsache, wir können wählen und müssen uns hinterher keinerlei Verantwortung stellen.
Denn die hat man ja an ,,die da” delegiert. Dafür kann man sich dann prächtig darüber beschweren, daß die Politik ständig versagt. Keinesfalls aber hat der mündige Wähler der entwickelten Demokratie jemanden gewählt, der ihn von vornherein verarscht hat. Denn dann hätte man ja etwas Dummes gemacht.

Die einen bieten für jedes noch so komplexe Problem total einfache Lösungen an.
Alle Einreisewilligen erschießen oder einfach jeden ausweisen, dessen Nase ihnen nicht paßt, wobei egal ist, wohin wir wen ausweisen. Hauptsache raus. Der ist schon sechs Monate hier und spricht kein Deutsch – der muß raus.
Solche geistigen Ergüsse kommen dann gerne von Leuten, die – sehr zu meinem Bedauern – hier in Deutschland geboren wurden und hier aufgewachsen sind und selbst meist nicht annähernd in der Lage, einem Gedankengang mit mehr als drei Silben zu folgen oder ein anständiges Argument in ihrer eigenen Muttersprache auch nur annähernd unfallfrei vorzutragen. Nationalistische Amöben, die nichts haben, worauf sie ihr Weltbild, besser zu sein als andere, auch nur annähernd stützen könnten. Da bleibt halt nur die Nation übrig. Am Ende wird man dann womöglich Amerikaner oder Israeli, denn beide sind ja “God’s own country” und da gibt es solche Dinge wie das “Manifest destiny”, eine geistige Leit- und Leidlinie, der die USA nun schon länger folgen.
Die anderen bieten für jedes noch so simple Problem verkopfte Lösungen an, die sich ebenso fernab jeglicher Realität bewegen wie das Gekläffe ihrer nationalistisch-neurotischen erklärten Lieblingsfeinde. Hier werden derartig viele Worthülsen durch die Gegend geworfen, daß die schon regelmäßig mit dem Bagger aus dem politischen Schützengraben rausgeholt werden müssen.
Stofftierwedelnd wird da immer insistiert, daß jegliche Person, die in ein Land einreisen möchte, sei sie mit oder ohne Papiere unterwegs, unbedingt willkommen geheißen werden muß und so lange mit dem Sozialstaatsprinzip über Wasser gehalten, bis diejenigen, die an der Macht sind, diesen wieder einmal fröhlich pfeifend in den Schredder werfen können, um den oberen zehn Prozent weiterhin ihre Milliarden zuschaufeln zu können.

Hebt jemand die Hand und weist auf die schlichte Tatsache hin, daß kein Land der Welt eine beliebig hohe Zahl anderer Menschen aufnehmen und dauerhaft beherbergen kann, ist man ein Nazi. Regelmäßig plakatieren diese Pseudo-Linken dann vor Wahlen in den Reichenvierteln der Städte, daß man eine Vermögenssteuer einführen müsse und in den Hartz-IV-Vierteln, daß man unbedingt die Bundeswehr aus Afghanistan zurückholen muß. Was sogar richtig ist, aber eben dort keine Sau interessiert. Womöglich ist der einzige Sohn oder die Tochter zufällig bei der Armee gelandet und kann als einzige aktuell überhaupt Geld nach Hause bringen.
Nur da, wo es wirklich weh tut, im angeblichen Mittelstand, der bei 1050 Euro netto pro Monat beginnt in Deutschland – da lassen sich alle diese linksgerechten Umverteiler nicht blicken. Überhaupt läßt sich nur eine Parteigruppierung dort blicken, wo eine weitere große Klientel auch abholbereit steht. Wenn einer die Nichtwähler motiviert, dann sind das aktuell in Europa und Deutschland die Rechten.
Die Blaunasen-Paviane haben also ganz instinktiv die Problematik längst verstanden und demonstrieren vor der wiederaufgebauten Frauenkirche für ein nationales Selbstbild, das in historischer Vollignoranz aller Fakten jegliche Mittäterschaft bei deren vorhergehender Zerstörung ins Reich der Legende verweist.
Weist man linke Politiker darauf hin, daß die Nichtwählerschaft doch eigentlich enormes Potential für sie darstellen sollte, stößt man meist nur auf peinliches Schweigen.

Das liegt eventuell daran, daß die Politik angeblicher „linker” Parteien sich von der anderer Machthaber nicht unterscheidet, sind sie erst einmal gewählt. In den USA sind Demokraten und Republikaner längst noch ununterscheidbarer geworden als CDU und ehemalige SPD. Bill Clinton wollte nach zwölf Jahren endlich mal wieder eine Wahl für die Demokraten gewinnen und tat das, indem er als „Präsident der Schwarzen” in den Wahlkampf ging. Denn noch immer ist die ökonomische Situation dieser Bevölkerungsgruppe signifikant schlechter als die der Weißen.
Kaum war Billy dann gewählt, kam Alan Greenspan vorbei, damals der Chef der Federal Reserve, und erklärte dem Präsidenten, daß man das ganze Geld für seine Wohlfahrtsprogramme leider nicht ausgeben könne, weil es nicht da sei. Der hat das dann auch sofort eingesehen und stattdessen soziale Maßnahmen weiter gekürzt, womit sich die Situation der schwarzen und überhaupt der nicht-weißen Bevölkerungsteile der USA in seiner Amtszeit weiter verschlechterte. Präsident der Schwarzen – my ass!
Was mich zum besten Argument dafür bringt, daß Demokratie in der aktuell praktizierten Form vollkommen im Eimer ist und keinesfalls Teil einer Zukunft sein sollte, in der man sich aufhalten möchte. Dem Wähler nämlich.

Das Prinzip des Sündenbocks ist überall. Jeder sucht sich einen aus oder baut sich einen zusammen. Hauptsache, wir müssen uns nicht um einen wichtigen Teil der Problematik kümmern: Uns.

Die einen wollen, daß Windräder schuld sind am steigenden Strompreis. Wenn man nur die AKWe wieder einschalten würde, die Welt wäre gerettet. Die anderen wollen, daß Windräder die Welt retten. Wenn man nur viel mehr von denen aufstellte und viel schneller, die Welt wäre gerettet. Die Industrie bekommt derweil Ausnahmeregelungen und kann weiterhin Energie verballern, während der Normalo die Rechnung bezahlt für den Vorstand.
Alle wollen den Klimawandel bekämpfen. Das ist überhaupt das einzig Wichtige. Die einen mit Solar und Wind, die anderen mit Kernkraft. Wenn wir nur den Klimawandel erfolgreich bekämpfen können, die Welt wäre gerettet. Das Sündenbockprinzip greift überall.
Wenn wir nur Fahrverbote für Dieselfahrzeuge erlassen, ist die Welt gerettet. Als wäre das eine irgendwie effiziente Möglichkeit, die Luft in den Städten sauberer zu gestalten. Ein Fahrverbot, das die Luft sauberhalten soll, leitet Fahrzeuge, die offiziell zu schmutzig sind, nicht so um eine Straße herum, daß aus einer Strecke von 800 Metern eine von zwei Kilometern wird. Neulich erst geschehen in Hamburg.
Ein Fahrverbot bedeutet, daß man Autos zehn Kilometer vor der Innenstadt abstellt und den Rest mit anderen Verkehrsmitteln erledigt. Wer unbedingt in die Stadt muß oder glaubt, es zu müssen, zahlt erst mal zwanzig Euro Eintritt. Das nennt sich City-Maut und ist keine Science Fiction. Es sei denn, London ist Science Fiction und für mich sieht die britische Politik und ihr Hauptsitz eher nicht danach aus.
Eine Autoindustrie, die in betrügerischer Absicht Software einbaut, um Umweltfreundlichkeit ihrer Produkte vorzuheucheln, wird nicht dadurch verändert, daß man sie mit an den Verhandlungstisch holt, wenn es um Konsequenzen geht.

Die Politik steht vollkommen blamiert da und wird immer kleinlauter,  je mehr das Ausmaß der eigenen Unfähigkeit und Unwilligkeit derartig öffentlich gemacht wird. Ich verweise nach oben auf das Stichwort der Glaubwürdigkeit. Eigentlich verhaftet man in so einem Fall die dafür verantwortlichen Manager, beschlagnahmt deren Privatbesitz bis zur letzten sauberen Unterhose und läßt den Konzern zehn Prozent des Umsatzes der letzten fünf Jahre als Strafe bezahlen. Falls dem Konzern das nicht paßt oder wieder einer der hohen Herren mit dem Argument „Arbeitsplätze” kommt, verdoppeln wir die Strafzahlung einfach mal direkt.
Denn VW hat ja trotzdem vor, bis zu 30.000 Leute zu entlassen. Das nennt sich in der Planung des Konzerns dann aber natürlich nicht Massenentlassung, sondern „Zukunftspakt”. Die Zukunft von Aktien-Kleptokraten und Bonifikationsplünderern auf Kosten der Gesamtgesellschaft zu sichern ist aber nicht dauerhaft hinnehmbar. Exakt diese Geisteshaltung hat uns als Zivilisation in die Situation gebracht, in der wir stecken.
Nur kann eine Politik, die jahrzehntelang derartig tief in den Allerwertesten der Autoindustrie gekrochen ist, das alleine das Wort „Glaubwürdigkeit” in diesem Zusammenhang bei jedem denkenden Menschen Magenkrämpfe auslöst, eben nicht mehr so handeln. Wobei – sie könnte, sie traut sich nur nicht. Denn dann bekommen ehemalige Minister womöglich später keinen netten Platz am Konzerntisch. Dagegen hilft kein Softwareupdate. Und Hardware auf den neuesten Stand zu bringen, das geht nicht. Das würde ja Geld kosten. Wo kämen wir da hin, wenn ein Schadensverursacher womöglich Geld bezahlen müßte?
Da werben wir doch lieber mit Prämien beim Neukauf eines sauberen Fahrzeugs. Die kann der Konzern nämlich auch steuerlich geltend machen. Besondere Belastungen und so.
Woanders zahlt derselbe Konzern Milliarden Dollar an Strafe, um weiter im Geschäft zu bleiben. Nur hier, in seinem Stammland, wird immer wieder händewedelnd betont, daß so etwas nicht ginge. Wenn wir nur Autos drei Straßenblöcke weiter fahren lassen und ein Softwareupdate machen, ist die Welt gerettet. Am besten fahren wir elektrisch.

Aber in Wahrheit ist das alles Blödsinn. Keiner dieser Leute will die Welt retten. Sie alle wollen eine Version der Welt retten, wie sie heute ist. Eine Welt aus Supermärkten, Eisdielen, Klamottenläden, Autobahnen und Billigflügen rund um den Planeten. Eine Version der Zukunft, die exakt so ist wie heute. Nur mit einem Spritzer des jeweils persönlich bevorzugten „besser” dabei. Alle Affen auf dem Felsen und ihre Wähler wollen nichts weiter als die Welt so erhalten, wie sie jetzt ist und vor allem wollen sie selber niemals an etwas schuld sein.
Kann ja nicht sein, daß die Grünen oder die SPD irgendwie schuld sind an der angeblichen Flüchtlingskrise. Doch. Können sie. Welche Regierung hat Bundeswehrsoldaten nach Afghanistan geschickt? Wer wollte immer ein Einwanderungsgesetz machen und hat es dann in sieben Jahren Regierung nicht angepackt? Welche SPD hat nach ihrer Schröderisierung weiter fleißig im Komplott Waffenexporte genehmigt? Welche CDU hat sich hämisch gefreut, daß sie nicht die Schuld dafür bekam, den Sozialstaat geschleift zu haben?
Welches Land hat deshalb heute den geilsten Niedriglohnsektor Europas, in dem rechte Rattenfänger fleißig ihre Schleppnetze auswerfen können? Aus welchen Gegenden kommen viele Zugeflüchtete so und wer macht da mit wessen Waffen rum? Wer ruiniert fleißig die afrikanische Landwirtschaft?
Der aktuelle Entwicklungsminister hatte da neulich bezüglich Afrika die tolle Idee, daß man die Länder, die in die EU exportieren, von Zöllen befreien könnte. Klingt gut. Nur ist es eben nicht das Problem. Da isser wieder, der rosa Elefant.

Eine Dauerkarte in der Loge.
Die beiden Herren sind perfekte Demokraten. Sie haben das richtige Alter, um lästernde Stammgäste zu sein, denen keine einzige Show wirklich gefällt. Aber sie gehen auch nirgendwo anders hin. Das würde eine Veränderung der Gewohnheiten bedeuten und die Erkenntnis erfordern, das eigene Geld in schlechte Entscheidungen investiert zu haben.

Wie man sieht, funktioniert das Sündenbockmodell ganz prima. Wenn man Großkonzerne in die gesellschaftliche Pflicht nimmt, ist die Welt gerettet. Sogar Kassandra hat ihre persönlichen Sündenböcke. Es ist nur leider irrelevante Zeitverschwendung. Denn es geht gar nicht darum, irgendwem die Schuld zuzuweisen, für was auch immer. Es geht auch nicht um die Frage, welche Zukunft wir haben wollen. Die einzig relevante Frage ist die, welche Zukunft wir haben können.
Und die Optionen werden jeden Tag, der mit fruchtlosen politischen Diskussionen verbracht wird, immer geringer. Die Zeit arbeitet nicht für uns. Fenster schließen sich, während erfolgreich von der Ausübung der Macht abgelenkt wird mit Scheindebatten, die ins Leere laufen.
Würde man Konzerne mit ihren Milliarden an zur Seite geschaufeltem Wohlstand mal ordentlich in die Pflicht nehmen, böten sich hier zumindest genug finanzielle Möglichkeiten für eine Gesellschaft. Nur würden diese Gelder von einer korrupten Politik wieder dahin transferiert, wo irgendwelche Konzerne dann gigantische Offshore-Windparks bauen wollen. Im besten Fall.

Demokratie hat exakt das gleiche Problem wie unsere restliche Gesellschaft auch. Sie ist in der jetzigen Skalierung nicht mehr haltbar. Was einmal Demokratie war und als solches keine wirklich schlechte Idee, ist längst zu einer peinlichen Show verkommen, die mich immer mehr dazu bringt, mich wie Waldorf und Statler zu fühlen. Das sind die beiden alten Lästerer in der Loge bei der Muppet-Show, die Jüngeren mögen das googlen, solange sie noch können. Auf jeden Fall ist die Show verdammt mies, ich bin aber trotzdem Stammgast.
Demokratie in der industriellen Variante enthebt sowohl die Politiker als auch den Wähler von der Verantwortung, die Konsequenzen ihres Handelns oder Nichthandels zu tragen. Verbeamtete Professoren und Anwälte bauen die gefühlt dreihundertste Rentenreform zusammen. Sie bekommen aber gar keine Auszahlungen aus der gesetzlichen Rentenkasse.
Wähler demonstrieren und verlangen Volksabstimmungen, während andere demonstrieren und behaupten, sie seien das Volk und deshalb dürften sie als einzige was sagen, alles andere wäre Zensur. Und wenn dann tatsächlich über etwas abgestimmt würde, wäre keiner zufrieden, aber alle verlangten wieder, von „denen da”, daß sie was machen sollen. Wie nach jeder Bundestagswahl ersichtlich. Selber mal was machen kommt nicht in Frage. Da müßte man ja womöglich über komplizierte Dinge nachdenken. Lieber reduzieren wir eine Problematik auf einen Punkt, auf den man prima eindreschen kann. Alles andere ist viel zu komplex.
Außerdem besteht dabei immer die große Gefahr, daß eigene, oft recht geschlossene Weltbild zu gefährden, wenn man eine Lösung sucht. Außerdem – für welches Problem eigentlich?

Die Frage ist nicht, wie man Demokratie in die Zukunft retten kann. Die Frage ist, ob und wie man genug blödsinnigen Pavianismus aus der kollektiven Diskussion über die Zukunft streichen kann, damit wir als Gesellschaft die echten Wurzeln unserer Probleme erkennen und anerkennen können. Denn nur auf dieser Basis können Entscheidungen getroffen und Weichen gestellt werden, die zumindest noch ansatzweise Sinn ergeben. Alles andere ist Politik. Natürlich wäre das kein besonders angenehmer Trip um die Häuser, zusammen mit dem eigenen Spiegelbild. Denn schuld sind ja immer die anderen. Wo immer sie sein mögen.

11 Comments

      1. Schickes Ding! Danke! Nach der Lektüre bin ich zu Spektrum gewechselt und habe diesen Artikel, über Klimawandel und die heutigen Auswirkungen, gelesen:

        https://www.spektrum.de/news/das-klima-ist-schuld/1582732

        Kommentar Nummer 2 unter diesem Artikel, möchte ich zum Wahnsinn der Woche erklären:

        “2. Der Mensch ist nicht machtlos – auch das Wetter wird er bald beherrschen
        11.08.2018, Eugen Ordowski

        Falls der Mensch die Erde erwärmen kann – kann er diese auch abkühlen!

        Alle Horrorszenarien gehen davon aus, die Menschen werden sich so verhalten, wie das Kaninchen vor der Schlange!

        Dem wird so nicht sein – um die Erde abzukühlen, muß man nur wieder die Atmosphäre “verdrecken” – schon wird es kälter.

        Dieser Sommer zeigt explizit, wer die Erde erwärmt – die Sonne, und nichts anderes. Saubere u. trockene Luft läßt die Sonnenstrahlung optimal zur Erde durch, hier absorbieren besonders stark die menschgemachten Oberflächen. Die riesigen Millionstädte wirken, wie Kachelöfen, tagsüber aufgeheizt, geben sie die ganze Nacht ihre Wärme ab.

        Ja, der Mensch greift schon in das Wettergeschehen ein – aber das CO2 Gas kann die Erde nicht erwärmen – mehr davon in der Atmosphäre fördert das Pflanzenwachstum – das wiederum die Erde kühlt!”

        Heilige Scheiße. Mehr Öl! Wir brauchen mehr Öl!

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        1. Exakt diese Art Wahnsinn meinte ich. Die einen holen sich noch immer auf technologische Allmacht einen runter. Ich verweise auf das Stichwort “Wetterkontrolle” im Blog. Ich finde den Kommentar 4 bei weitem gruseliger. “Es gibt keinen Treibhauseffekt” – schon klar, Laserman. Drum können wir hier auch leben auf dem Planeten.

          Die andere art Wahnsinn ist es, sich eben nur noch um Klimawandel zu kümmern. Alles andere ist egal. Wir haben den Sündenbock rausgesucht, jetzt müssen wir ihn auch hauen.

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          1. Nach dem 2. Kommentar habe ich den Tab verstört geschlossen und mich daran erinnert, dass ich keine Kommentare mehr lesen wollte. 😀

            Ich bin eigentlich auf Diät. Digital-Diät & Meinungsdiät. 😀

  1. Demokratie, nun ja. Im Deutschlandfunk eine Sendung über eine Kommune in Spanien. Sie sagen, man muss einen Konsens finden. Kann ja sein, dass die Minderheit Recht hat und nicht die Mehrheit. Wenn die Mehrheit billige Schweinesteaks grillen will, ist das einfach falsch. Oder wenn alle einen Swimmingpool haben wollen: falsch. Davon gibt es sicher tausende Beispiele.

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    1. Interesssanterweise paßt das gut zu einem Gedankenfaden, der heute beim Schreiben in meinem Kopf auftauchte. Diese Sache mit dem Konsens ist Teil des Blödsinns. Ich muß noch drüber meditieren 😀

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      1. Dann bist du schnell beim “guten Diktator”. Hat noch keiner geschafft, dass ein paar Jahrzehnte durchzuziehen. Ich mag das bei Startrek, wenn die äußeren Provinzen bei der Vollversammlung ihr Anliegen vortragen und dann ein “gutes” Urteil getroffen wird. Wie im Mittelalter, da konnte man beim Kaiser vorsprechen. Oder in der DDR. Da hat man eine Eingabe geschrieben, an das Bezirkskommitee.

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        1. Die Föderation ist ohnehin ein ziemlich zentralistischer Bürokratenhaufen. Why not to join the Federation.
          Wohlwollende Diktatur wäre eine prima Sache. Aber nur mit mir als Diktator, ist klar. Darum baut die Föderation auch bewaffnete Forschungskreuzer, keine Kriegsschiffe 😉

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  2. Ich sprach davon das richtige zu tun wird immer schwieriger. Also der Weg zur Lösung eines Problems verändert sich, je mehr Hindernisse da auftauchen. Das Richtige an sich ist natürlich statisch. Das bleibt wie es ist nachdem ich es als Ziel markiert habe.
    Jetzt haste das kapiert, und behauptest ich läge falsch^^
    Aber das ist noch gar nix, denn Du denkst offenbar die Wehrpflicht wäre Mist gewesen.
    Die Wehrpflicht, die besser Wehrrecht heissen sollte, ist die bestmögliche Versicherung gegen Missbrauch unsereres Militärs, und eine echte Teilhabe der Bevölkerung an der Exekutive. Die brauchen wir unbedingt zurück, und zwar für so etwa 3 Jahre für alle. Alle! Auch die Frauen.
    Dafür wird diese Bundeswehr aber auch nur im Inneren eingesetzt. Zum Beispiel als Erntehelfer und Katastrophenschutz. Der produktive Mehrwert fliesst dann in ein BGE (auch wenn man hier das B streichen kann) Bestenfalls ist ein Einsatz in internationalen Gewässern denkbar. Mit einem Schlag ist die Mängelliste der Bundeswehr fast abgearbeitet. Größere Teile des schweren Geräts können noch ins bekloppte Ausland verkauft werden. Uns sollten Manpads reichen. Wurde ja mehrfach vorgeführt, dass eine solche Armee nicht zu bezwingen ist.
    Und Aufwachen mit Sarah findest Du auch falsch? Pff, Dir kann man es ja echt nicht recht machen. Ich unterstütze das voll. Eine linke Bewegung, die sich gegen Einwanderung ausspricht, ist genau das richtige Produkt auf dem politischen Jahrmarkt. Und Sarah ohnehin eine der wenigen glaubwürdigen Akteure.

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    1. Also der Weg zur Lösung eines Problems verändert sich, je mehr Hindernisse da auftauchen

      Nein, nein, nein. Es geht nicht um Problemlösungen. Es geht um die basismäßige Erkenntnis, daß es eben keine Probleme sind, die da auf uns zurollen. Es sind Dilemmata. Das alte Problem-Lösung-Schema ist hier obsolet.

      Und ich würde keine drei Jahre bei dem Haufen dienen und dann Erntehelfer für subventionierte Bauern machen wollen. Mit meinem Sold ein BGE finanzieren? Warum sollte der Staat den Umweg machen wollen?
      Das mit den Manpads ist allerdings ein richtiger Gedanke, solltest du weiterverfolgen 😉

      Aufwachen mit Sarah ist nicht zwingend falsch. Habe ich nicht gesacgt. Ich halte es nur für sehr unwahrscheinlich, daß die üblichen Paviane nicht wieder sofort anfangen, auf dem neuen Felsen rumzubrüllen. Du weißt schon – Sexismus, nicht links genug, zu rechts, nicht gut genug für die Sozial Justice Warrior, die einbeinigen Ex-Transgender-Raucher werden diskriminiert und MiMiMi…das Übliche halt.

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