Eine Meditation zwischen Spielzeugen

,,Logik ist der Zement unserer Zivilisation, mit dem wir unter Gebrauch der Vernunft
aus dem Chaos emporsteigen.“

T’Plana-Hath

Ein ganzer Raum voller Spiele. Mehrere Regale. Es sind Brettspiele. Kartenspiele. Würfelspiele. Einige von ihnen sind im besten Zustand. Anderen sieht man an, daß sie bereits eine Reise hinter sich haben. Aber sie sind noch vollständig und benutzbar. Nichts ist hier mehr neu. Aber alles funktioniert noch.
Alle diese Spiele haben etwas gemeinsam. Nichts an ihnen ist elektronisch. Nichts in diesen Regalen erfordert Batterien. Nichts leuchtet, klingelt, oder piepst. Es sind, so könnte man es sagen, allesamt altmodische Spiele. Sie wirken wie aus der Zeit gefallen. Nichts von dem, das hier herumsteht, hat ein Tutorial. Nirgendwo blinken Pfeile, keine Sprechstimmen erzählen dem Spieler, was er zu tun hat. Nirgendwo in diesen Spielwelten gibt es ein Missionsbriefing mit einer KI nach einer dramatischen Videosequenz. Übrigens muß man auch in keinem dieser Spiele die Welt retten, soweit ich das erkennen kann. Statt mich direkt mit den Dingen vertraut zu machen, während bereits die ersten Aliens die eigene Basis angreifen, muß man hier tatsächlich zuerst irgendwelche Dinge aufbauen, in die Hand nehmen, sich fragen wofür sie gut sind, und sie dann ihrem vorgesehenen Zweck zuführen.
Dafür muß man hier, in dieser komischen Welt, Bedienungsanleitungen lesen. Geheimnisvolle Menschen haben auf Papier gedruckt, wie der Ablauf der Dinge sein sollte. Wenn sich alle an die Regeln halten, versteht sich.
Alle diese Spiele hier erfordern also, daß man sich mit ihnen beschäftigt. Sich mit Zusammenhängen auseinandersetzt. Was die Angelegenheit allerdings noch viel schlimmer macht, ist der zweite Punkt, den sehr viele dieser Spiele gemeinsam haben: Es handelt sich durchweg um sogenannte Gesellschaftsspiele.

Hier wird also erwartet, daß sich mehrere Menschen zusammensetzen, in einer Gruppe. Oft ist der Grundgedanke, daß sich ältere Menschen mit der Altersgruppe zusammensetzen, die sich eher am unteren Rand der häufig auf den Verpackungen angegebenen Anzahl gesammelter Geburtstage bewegt. Dann soll man versuchen, das Spiel zu erschließen. Gesellschaft eben, in einem recht unmittelbaren Sinne des Wortes.
Das dieses ganze Zeug in diesem Raum vor sich hin verstaubt, sagt eine ganze Menge über unsere Gesellschaft aus, finde ich.
Scheinbar spielen Eltern nicht mehr mit ihren Kindern. Oder Kinder miteinander. Jedenfalls nicht mehr, indem man sich in einem Haushalt an einen Tisch setzt. Heute teilt man sich ein gemeinsames W-LAN und ruft die Blagen über WhatsApp zum Essen. Oder indem man den Router abschaltet, das kommt ganz drauf an. Damit bricht dann auch die Multiplayer-Partie Battlefield zusammen, in der die neunjährige Tochter ihrem zwölfjährigen Bruder gerade beim Capture the Flag so richtig eins reingewürgt hat, mit dem Raketenwerfer zwischen die Augen. Wobei ich jetzt nichts gegen Raketenwerfer gesagt haben will. Der Tintenfisch-Raketenwerfer in Borderlands war überaus witzig.

In diesem Raum hier stehen so einige Gegenstände, die ich kenne beziehungsweise wiedererkenne. Dieses „Postamt“ zum Beispiel, bei dem ich mich frage, ob heutige Kinder ernsthaft noch wissen, daß die Deutsche Post AG mal keine „deutsche“ Post war, denn es gab nur die eine. Und schon gar keine Aktiengesellschaft, in der gehetzt vor sich hin arbeitende Angestellte, die vor unterbezahlter Müdigkeit kaum noch die Augen offen halten konnten, ihren Dienst verrichten.
Nein, früher war es einfach „die“ Post. Gut, ganz offiziell war es die „Deutsche Bundespost“. Da ist schon irgendwie dieses deutsche mit drin, aber das hat keiner benutzt und außerdem war es mehr der Tatsache geschuldet, daß es da noch eine andere deutsche Post gab, nämlich die der DDR. Aber für den normalen Briefeverschicker gab es schlicht die Post.
Ein Staatsunternehmen mit dem Starglamour eines Dschungelcamps, das von Pietro oder Sarah Lombardi moderiert werden muß, weil die eigentlichen Teilnehmer noch unbekannter sind auf der nach unten offenen Promiskala des Privatfernsehens.
Das es übrigens auch noch nicht gab, als die alte Post noch kein Unternehmen war, sondern Bundespost hieß, jedenfalls sehr lange Zeit nicht. Und falls jemand von diesen komischen Lombardis auch noch niemals etwas gehört hat oder diese Menschen für das Weltgeschehen für so wichtig hält wie Konrad Lmumba, den siebzehnten Sohn eines ghanaischen Schamanen, dann kann ich da ganz beruhigend sagen: Ich kannte die auch nicht und habe sie schon wieder vergessen.
Damals™, zu diesen prachtvollen Zeiten staatlicher Verwaltung, wurde man von Beamten bedient, auf Bundesadler und Verfassung eingeschworenen Dienern grundgesetzlicher Ordnung, die einen ihren Rang eines Oberschalterverwalters immer dann spüren ließen, wenn sie hinter ihrer Glasscheibe Sätze sagten wie: „Das könnense so nich verschicken.“
Und dann mit herrisch ausgestrecktem Zeigefinger auf den Stand mit gelben Standardpaket-Faltsets verwiesen, der sich normalerweise hinter einem befand und der die fünf genehmigten und nach DIN-Norm zugelassenen Behältnisse enthielt, in dem der normale Bürger etwas durch das Land versenden durfte. Wenn man die Klebestreifen an den dafür vorgesehenen Stellen angebracht hatte, versteht sich.
Nein, diese Menschen damals hätten vor lauter pensionsberechtigter Ausgeschlafenheit das Wort „Hektik“ selbst mit Nachschlagen in einem Duden nicht verstehen können. Dazu hätte man vermutlich ein dienstliches Weiterbildungsseminar anbieten müssen oder so was in der Art.
Aber sie hätten womöglich abends mit ihren Kindern gespielt, wenn auch nicht unbedingt „Postamt“.

In diesem Raum hier gibt es Puppenstuben und ihre Bewohner. Und die dazu gehörende Kleidung dieser Bewohner. Im Gegensatz zu den „Sims“ oder anderem Zeug hat man früher selbst entworfene Charaktere mit Persönlichkeiten und Kleidung ausgestattet beim Spielen. Bei so etwas wie „Second Life“ würde ich mich vermutlich in einen langhaarigen Nerd-Typen mit Brille und einem eventuellen Hang zum Sarkasmus verwandeln, der aus seiner Bambushütte am Rande der Gesellschaft heraus ein Blog schreibt. Von wegen zweites Leben.
Damals™, als man seine Puppen noch mit Kleidern versehen hat und wieder einen Tag im Haus durchspielte, hatten die Teilnehmer jedes Mal einen anderen Charakter.
Zumindest nehme ich das an, denn in meiner vom sexistischen Patriarchat durchseuchten Kindheit, heimtückisch verstärkt durch die Alleinerziehung einer Mutter, habe ich natürlich nicht mit Puppen gespielt. Welch abwegiger Gedanke. Allerdings habe ich auch einen Onkel, der wohl verzweifelt versucht hat, mit der dazugehörenden Tante Söhne zu zeugen. Was im Ergebnis zu drei Cousinen führte, deren älteste in meine Altersklasse gehört und deren jüngste ein knappes Jahrzehnt weniger auf dem Buckel hat. Eventuell hat sich also doch irgendwo ein Nahkampfkontakt mit Puppenstuben ergeben.

Spiele stellen ebenso einen Spiegel ihrer Zeit dar wie Tontafeln, Schriftrollen oder Bücher.

Den zwischen Puppenstuben und Postamt eingereihten „Kaufladen“ kennt heute auch keiner mehr, der nicht bald am Stock oder Rollator geht. Keiner geht mehr für irgend etwas in ein Geschäft, das man, um einen archaischen Ausdruck zu benutzen, den jüngere Leser vermutlich ergooglen müssen, früher mal „Tante-Emma-Laden“ genannt hat.
Niemand kannte Tante Emma persönlich, aber wenn sie sich ein Patent auf den Namen hätte sichern lassen, wäre Tante Emma I auf jeden Fall um 1970 die reichste Tante des Landes gewesen und so einer wie der Herr Aldi hätte vermutlich weinend an der Kasse gehockt.
Dafür kannte einen Tante Emma persönlich, denn das Prinzip dieser Art der Warenverteilung beruhte darauf, möglichst gut zu wissen, welche Dinge denn die Leute vor Ort so haben wollten. Im Voraus, nach Möglichkeit. Natürlich wäre Tante Emma für jeden Datenschützer heute ein Albtraum, denn Tante Emma wußte eben alles – also auch über das, was unter dem Ladentisch lagerte. Immerhin war es ihr Ladentisch.
Heute ist es andersrum. Da stehen große Geschäfte in der Landschaft rum, in denen alles angeboten wird, was es so gibt. Außer dieses eine Dingsbums, das man jetzt gerade sucht und von dem die Einzelhandelsangestellte, so man ihrer denn habhaft geworden ist, achselzuckend sagt: „Sowas haben wir nicht im Angebot.“
Das sind immer diese Momente, in denen mir klar wird, warum die riesigen Kästen mit den HierGibtsAlles-Märkten eigentlich „Einzelhandel“ heißen. Man kommt sich dort sehr vereinzelt vor.
Allein schon die Tatsache, daß man sich vor nicht einmal so langer Zeit generell physisch aus dem Haus bewegen mußte, um eine Ware jeglicher Art käuflich zu erwerben, dürfte bei manchen Menschen Reaktionen zwischen staunendem Unglauben und wohligen Gruselschauern über den Rücken auslösen. Diese Art von Grusel, bei dem man genau weiß, daß er nur deshalb so geil ist, weil man selber niemals in so einer völlig verrückten und surrealen Situation landen kann, die hat sich der Spinner da gerade ja nur ausgedacht. Der Drehbuchautor, der Romanschreiber, der Typ auf der Bühne. Wer auch immer. Aber real ist das nicht.

Wobei diese Behauptung meinerseits nicht ganz richtig ist. Man konnte auch schon vor dreißig oder gar vierzig Jahren Dinge erwerben, ohne das Haus zu verlassen. Eigentlich sogar schon vor einem knappen Jahrhundert. Die Firma Baur Versand datiert von 1925 und stammt aus Burgkunstadt, einer gewaltigen Ansiedlung mit heute etwas über 6.000 Einwohnern. Der nicht ganz unbekannte Versandhändler Quelle wurde 1927 in Fürth gegründet. Der Bader Versand entstand 1929 in Pforzheim.
Aus dem Jahr 1951 datiert ein Versandhandel, der nicht von Tante Emma, sondern einer Frau namens Beate Uhse gegründet wurde, und der recht spezielle Artikel und Broschüren vertrieb, die in der gerade gegründeten Bundesrepublik einen echten Tabubruch darstellten. Was das Unternehmen nicht daran hinderte, Anfang der 60er bereits fünf Millionen Kunden zu haben. In einer Zeit deutlich vor digitalen Computern oder so etwas irre science-fiction-mäßigem wie dem Internet.
Die eigentliche Idee des Versandhandels entstammt sogar bereits dem vorletzten Jahrhundert, also dem neunzehnten. Mit Beate Uhse zusammen berühmt wurden auch der Otto Versand aus Hamburg und Neckermann in Frankfurt/Main mit den Gründungsjahren 1949 und 1950. Da war meine Mutter noch ein kleines Mädchen. Vermutlich hat sie mit Puppen gespielt zwischen den Trümmern des Krieges. Und die frisch gegründete Deutsche Bundespost hat die Bestellungen von fünf Millionen Beate-Uhse-Kunden an ihre Besteller ausgeliefert. In neutral in braunes Papier eingewickelten Päckchen.

Nein, heute gibt es keine Tante-Emma-Läden mehr. Heute gibt es Supermärkte und in denen gibt es alles, wobei das nicht zwingend sinnvoll sein muß. Aber Hauptsache, irgendwer kauft das jeweils angebotene Zeug. Wobei natürlich nur das angeboten wird, von dem ein Betriebswirtschaftler mit Barcelona-Bachelor errechnet zu haben glaubt, daß es dem jeweiligen Konzern Gewinne erwirtschaften wird.
Sogar Supermärkte bieten inzwischen einen Service an, der es einem erlaubt, aufgebrezelte Bilder von Gemüse auf dem Smartphone anzutatschen und sich dann die angewelkte Möhre an die Haustür liefern zu lassen. Selbst dann, wenn die nächste Filiale des jeweiligen Vereinzelungshändlers nur vierhundert Meter entfernt sein mag. Einkaufen für die Generation Instagram.
Welcher der ein Dutzend vorhandenen Dienstleister, deren Mietsklaven im Dieselgefährt herumfahren, einem das Zeug dann liefert, ist schnuppe. Hauptsache, man muß selber nicht raus. Niemand sieht Menschen in derartig desolaten Zuständen im Rahmen ihrer Wohnungstüren stehen wie der Paketbote. Wer heute Lieferheld sein will, muß psychisch enorm belastbar sein.

Allerdings finden sich auch im modernen Supermarkt ebenso wie in diesem Raum hier oftmals seltsame Dinge, die herumliegen und bei denen ich mir so denke: „WTF! ist das denn?“
In den Spielzeugregalen hier sehe ich Gegenstände, die sich mir nicht nur auf den ersten, sondern auch den zweiten Blick in ihrer Funktion nicht wirklich erschließen wollen. Käme jetzt eine Achtjährige in den Raum, würde sie das seltsame Dingsbums wahrscheinlich mit zwei Handgriffen betriebsbereit machen und mich wie einen sehr elenden Trottel aussehen lassen. Zumindest kann ich mir das gut vorstellen.
Noch immer etwas peinlich berührt erinnere ich mich an den Moment meines Lebens, in dem ich mir von der Nachbarin im Zug das Smartphone ausgeliehen hatte, um den weiteren Verlauf einer Zugfahrt zu eruieren. Was aber nicht ging, weil sich meine Finger als nicht geeignet erwiesen, auf dem verdammten Display an den exakt richtigen Stellen zu tippen. Was dazu führte, daß ich entweder keine App aufrufen konnte oder aber nur drei gleichzeitig, von denen ich aber keine brauchte. Absturz des Betriebssystems inklusive. Früher war eine App übrigens ein Programm, wie ich als eigentlich technisch affiner Mensch hinzufügen möchte.

Bild 1: Altes Spiel mit vertrauter Bedienoberfläche.
Die Dame, die sich auf dieser ägyptischen Wandmalerei einer Schachpartie hingibt, ist Königin Nefertari. Sie war mit einem der größten Angeber der Antike verheiratet, nämlich Ramses II. Das Schachspiel an sich ist allerdings deutlich älter als die Pharaonen in Ägypten.

Jedenfalls benötigen diese Dinge, mit denen ich nicht besonders viel anfangen kann, oftmals auch Batterien. Wofür auch immer.
Zwei Lichtschwerter stehen in einem Ständer mit Kinder-Regenschirmen. Sie sehen etwas staubig und sehr, sehr traurig aus. Sowohl die Lichtschwerter als auch die Regenschirme, die denselben Eindruck machen wie alle Regenschirme, die man heute so kaufen kann, manchmal auch in Supermärkten. Den Eindruck völliger Nutzlosigkeit bei Windstärken über 4 auf der Skala nämlich. Kein Regenschirm meiner Kindheit hätte sich getraut, derartig zerbrechlich auszusehen.

Aus meiner Jugendzeit kenne ich den Ausdruck „Wenn’s nicht grad Schweine hagelt“, was im norddeutschen Küstenäquivalent soviel wie „Schietwedder“ heißt und genau die Menge Regen bedeutet, die einem von Windstärke sieben aufwärts mehr oder weniger waagerecht unter den Schirm und auf die Brille gedrückt wird. Dieser Moment, in dem man Scheibenwischer für Brillen für eine klasse Idee hält.
Exakt alle Regenschirme meiner Kindheit sahen so aus, als würden die sprichwörtlichen Schweine an ihnen problemlos abprallen, sollte sich dieses unwahrscheinliche Wetterphänomen tatsächlich einmal manifestieren. Heutzutage sehen Regenschirme so aus, als würden sie bei Kontakt mit Regenwasser sofort ausfärben und dann zusammenschrumpfen wie zu heiß gewaschene Wolle. Neben der Radfahrerei ein Grund, warum ich seit zig Jahren keinen Regenschirm mehr besitze. So nützlich wie ein Lichtschwert ohne Batterie. Oder ohne Meister Yoda.

Dann ist da noch diese Werkbank. Ein knapp unter kniehohes Dingsbums aus Plastik. Aber zumindest weiß man, wozu es dienen soll. Es steht in großen Buchstaben drauf, was die Sache erleichtert. Dazu gehören tatsächlich „Powertools“. Eine Kreissäge. Ein Schwingschleifer oder etwas, das zumindest so aussieht. Eine Bohrmaschine. Eine Stichsäge. Ein Etwas, das ein Schraubendreher sein würde, wenn es denn kein Akkuschrauber wäre. All dieses Zeug ist natürlich ebenfalls aus Plastik. In grau, um Metall zu simulieren. Aber da habe ich schon in Computerspielen vor zwanzig Jahren bessere Texturen gesehen. Dieses Zeug sieht aus wie billiger Kunststoffschrott. Was es auch ist. Überhaupt ist hier eine ganze Menge Zeug aus Plastik.
Etwa 300 Millionen Tonnen dieser so allgegenwärtigen Erfindung werden jedes Jahr produziert, Tendenz steigend. Alleine die zehn größten Umweltverschmutzer an der Plastikfront laden gute zehn Prozent der Weltproduktion an Kunststoffen jedes Jahr in den Ozeanen ab.
Einer dieser Kandidaten, nämlich die Volkrepublik China, hat vermutlich auch einen guten Prozentsatz dessen hergestellt, was mich hier umgibt. Die Plastikwerkzeuge ebenso wie die stellenweise seltsam anmutenden Fetzen, die sich in diesem Karton befinden und sich bei näherem Hinsehen als Kleidungsstücke entpuppen, die für…nun ja…Puppen gedacht sind. Nichts von diesem Zeug besteht aus echten Fasern.
In einem anderen Regal sitzen die Tante-Emma-Versionen dieser in Glitzer und Glamour gekleideten Barbies, Kens und wie sie alle heißen mögen. Hier gibt es weder Glitzer noch Glamour. Dafür Kleidung aus Stoff. Baumwolle. Porzellanköpfe unter echtem Haar. Zumindest fühlt es sich wie echtes Haar an. Strohig, trocken und spröde. Aber echtes Haar, wenn ich der Rückmeldung meiner Finger trauen kann.

Ebenso wie die Powertools, die ohne Strom keinen Sinn ergeben, sind die Plastikklamotten irgendwie symbolisch. Wie das Plastik zu einem nicht unerheblichen Teil im Ozean landet, sammeln sich diese fadenscheinigen Kleidungsstücke für Plastikpuppen in einem großen Karton, den sie vermutlich niemals wieder verlassen werden. Dauerhaftes Material, für das keiner mehr eine rechte Verwendung hat.
Es gibt auch eine Puppenstube aus Holz. Die würde gut zu den anderen Kinderzimmer-Bewohnern passen. Denen mit ihren bemalten Porzellanköpfen. Mit den anderen Spielzeugen, die in einem eigenen Regal stehen und aus Holz sind, haben die Puppen eines gemeinsam: Sie sehen allesamt noch recht gut aus.
Von dem für die offizielle Ewigkeit ausgelegten Plastik-Äquivalenten kann man das nicht behaupten.
Die ehemals weiße Kunststoffoberfläche der Puppenstube ist vergilbt. Die rosa leuchtenden Regale, Tischchen, Stühle und Türen zum Puppenhaus bilden dazu einen gruseligen Kontrast. Natürlich rosa. Jungs spielen ja nicht mit Puppen.  Daneben steht übrigens eine Spielküche. Auch rosa. Denn Jungs stehen ja auch nicht in der Küche. Bei diesem Anblick kommt mir sofort die Frage in den Sinn, was ich denn heute mal kochen könnte.
Allerdings ist in meiner Küche tatsächlich nichts rosa. Insofern hat der Designer dieser Kinderversion recht mit seiner Farbgebung. Rosa ist echt für Mädchen.
Während man die Holzspielzeuge nur mal etwas feucht abstauben müßte, ist bei den gealterten Plastikmaterialien nichts mehr retten. Die Gelbsucht kommt von innen, die grauen und schwarzen Flecken sind längst in die Molekularstruktur eingesickert und mit nichts mehr daraus zu entfernen. Während die Kunststoffwelt unter dem in den Raum einfallenden Sonnenlicht rapide altert und ihre Materialeigenschaften verändert, bleibt das Holz davon weitgehend unbeeindruckt. Sofern es farbig bemalt ist, müßte man hier in zwanzig oder dreißig Jahren einmal Hand anlegen. Schon lange vorher könnte ich die Plastikkollegen mit ein wenig Druck meiner Hand in einen Haufen scharfkantiger Splitter verwandeln, da sämtliche Weichmacher verdunstet und alle flexiblen Polymerketten längst in temporaler Arthrose erstarrt sind.

Irgendwie habe ich manchmal den Eindruck, daß sehr viele Dinge in unserer Gesellschaft, die auf Dauerhaftigkeit ausgelegt sein sollen, dieser Beschreibung gar nicht gerecht werden.
In einer Zeit, die noch weit vor früher und sogar weit vor damals™ liegt, haben Menschen Spiele entworfen, die eindeutig sehr dauerhaft sind. Nämlich vor etwa 4.600 Jahren, in einer sumerischen Stadt namens Ur. Wer immer das „Königsspiel“ damals erfunden hat – falls es nicht noch wesentlich älter ist – hat kein Plastik dafür benutzt. Und ich bin mir völlig sicher, daß er es auch nicht benutzt hätte, wäre dieses Zeug damals schon verfügbar gewesen. Wir wissen sogar ungefähr, wie dieses Spiel gespielt worden ist, denn irgendwer hat freundlicherweise eine Spielanleitung hinterlassen. Auf einer babylonischen Tontafel, allerdings erst im 2. Jahrhundert vdZ. Aber auch daran müssen sich heutige Spielanleitungen mal ein Beispiel nehmen.

Bild 2: Altes Spiel mit unvertrauter Bedienoberfläche.
Das sogenannte „Königliche Spiel von Ur“ stammt aus dem Jahr 2600 vdZ und wurde in der entsprechenden sumerischen Stadt gefunden. Derartig dauerhafte Spiele werden heute gar nicht mehr produziert. Es gibt sogar noch eine Bedienungsanleitung dazu. Sie liegt oben links im Bild und läßt darauf schließen, daß es sich um einen Vorläufer von Mensch-ärgere-dich-nicht handelt.
British Museum, London. QUELLE

Werkzeuge, die schon kleinen Kindern den Eindruck vermitteln, daß eine elektrische Stichsäge oder ein Schwingschleifer auch dann noch zur Verfügung stehen werden, wenn sie selber irgendwann einmal in dem Alter sind, in dem sie selbst Kinder haben. So wie auch ich noch immer irgendwo der Überzeugung bin, daß ich meine Wäsche in der Zukunft weiterhin einer Waschmaschine anvertrauen werde.
„Wäsche waschen“ heißt heute genau das: Man packt das Zeug in eine Maschine, stellt eine passende Temperatur ein, würzt das ganze mit ein wenig Chemie, schließt die Luken und drückt auf einen Knopf. Der dann auf einem Chip ein Programm abruft, das die Maschine steuert. Wobei ich sehr froh bin, daß meine etwas altertümlich wirkenden Haushaltshelfer zu einer Generation gehören, die nicht piepsen, tröten, klingeln oder sonstigen Radau machen, wenn sie mit ihrer Aufgabe durch sind. Meine Waschmaschine schleudert zum Beispiel einfach, um mit Hilfe der Physik das Wasser aus der Wäsche zu entfernen. Dann wird es plötzlich ruhig. Und das einzige, was ich dann noch höre, ist ein einmaliges „Klack“, wenn die Tür entriegelt wird. Kein schrilles Piepsen fordert mich zur sofortigen Notevakuierung der Wäsche auf.
Meine Mikrowelle – wenn ich sie denn mal benutze – macht einmal „Ping“, sobald sie aufgehört hat, irgendwelche Nahrungsmittel in ihrem Innern mit Hochfrequenzstrahlung zu bombardieren, welche die Moleküle so richtig in Dancefloor-Stimmung bringt. Kein nervig ansteigendes Alarmbimmeln ertönt, um mich mit digitaler Penetranz vom Klo oder vom Sofa zu reißen und das mich auffordert, dem elektronischen Sklaven auf der Stelle meine ungeteilte Aufmerksamkeit zu widmen, da die sonstigen Konsequenzen vermutlich auf den Untergang der Menschheit hinauslaufen würden. Derartig genügsame und rückmeldungsarme Haushaltsbots werden heute gar nicht mehr gebaut. Dabei mag ich es sehr, wenn Haushaltsgeräte einfach mal die Fresse halten. Heute muß man froh sein, wenn die Waschmaschine oder das Smartphone nicht vor Ablauf der Garantie explodieren.

Auch die Materialien, aus denen etwas hergestellt wird, sprechen für ihre Zeit und deren Einstellungen zu bestimmten Dingen. Das wirft kein gutes Licht auf unsere Zivilisation.

Aber was ist, wenn ich mich da genauso irre wie die Hersteller dieser billigen Plastikspielzeuge?
Was, wenn es im wahren Morgen gar keine Waschmaschinen mehr geben wird, seien sie jetzt von der herrischen oder der schweigsamen Sorte?
Mir fällt meine ausgiebige Sammlung von Playmobil-Figuren ein, die ich in grauer Vorzeit einmal mein eigen nannte. Wieder eines dieser oberflächlichen Narrative unserer Gesellschaft. Jungs spielen sehr wohl mit Puppen. Aber ihre Puppen sind eben Powertools oder bearbeiten mit dem winzigen Plastik-Preßlufthammer in den Zangenhänden eine fiktive Straße.
Diese Vorstellung ist ebenso falsch wie die von ewigen Waschmaschinen. Sie ist genauso fadenscheinig wie die Klamotten aus dünnem Plastikgewebe. Und so wie das Puppenhaus ist diese Vorstellung dabei, brüchig zu werden.
Hier in diesem Lagerhaus für vergessene und verstoßene Dinge unserer Konsumgesellschaft hat das Postamt mehr Substanz als der hektisch über die Straßen eiernde Typ von Hermes, der nur einer von drei Paketdiensten ist, die im Schnitt in einer deutschen Straße täglich auftauchen. Der Tante-Emma-Laden hat mehr Substanz als die Supermärkte in der Durchschnittsgröße einer ländlichen Ansiedlung in Deutschland um das Jahr 1917.
Natürlich kämen wir auch niemals auf die Idee, eine Tante Emma alles wissen zu lassen über das, was wir einkaufen oder einkaufen wollen. Völlig entsetzlicher Gedanke. Dafür haben wir heute Amazon und Facebook. Beim ersten Datenstaubsauger kaufen wir ein, dem zweiten erzählen wir alles brühwarm und dann gibt es da noch Instagram, da kann man anschließend die Bilder dazu gleich auch noch posten. Und was wir kaufen wollen, entscheidet danach ein Algorithmus. So wie die Waschmaschine entscheidet, wann wir sie zu betreuen haben. Aber dieses Verhalten gilt heutzutage als völlig normal. Tante-Emma-Läden wären heute eine Bedrohung. Aber für was genau eigentlich?

Erstaunt nehme ich das Detail zur Kenntnis, daß in diesen Regalen kein einziges Exemplar von „Monopoly“ steht. Vielleicht spielen wir doch noch immer Spiele mit unseren Kindern. Vielleicht erzählen wir ihnen noch immer Geschichten. Aber welche Geschichten sind das genau und vor allem – sind es die richtigen?
Ich bin der festen Überzeugung, daß es sich dabei um die falschen Geschichten handelt. Um ein falsches Spiel. Es hat nicht erst gestern begonnen. Es läuft schon eine ganze Weile. In seiner Form mit Batterien und Gepiepse mindestens zwei Generationen. In seiner Vorläuferform eher vier Generationen oder mehr. Ab und an verkündet uns jemand, wie die Regeln offiziell aussehen. Aber diejenigen, die in diesem Spiel als Sieger dastehen, stehen oft in dem Verdacht, gemogelt zu haben.

Vor mir im Regal steht eine Raketenlafette aus Plastik. Daneben liegt eine kleine Pistole. Eine 9mm-Automatik. Im Regalbrett darunter liegt ein Space Shuttle neben einem Düsenjäger und dem Modell eines Lastwagens. Ein lila Lastwagen mit „Milka“-Schriftzug. Ein Werbegeschenk. Woanders stehen Kinderbücher. Eines heißt „Vom Einbaum zum Atomschiff“.
Der Mythos des Fortschritts, in großen, bunten Bildern verewigt. Das U-Boot auf der Titelseite hat einen bemalten Bug, im Stile der amerikanischen Stars & Stripes. Im Einbaum sitzen dunkelhäutige Gestalten mit wenig Kleidung und tauchen ihre Paddel ins Wasser. Es ist kein wirklich neues Kinderbuch, aber seine Sprache ist dafür um so deutlicher.
Was ich hier in den Händen halte, ist gar kein Kinderbuch. Es ist die Geschichte, die eine relativ kleine Gruppe der Menschheit sich über die Zukunft erzählt hat und heute noch erzählt. Eine von bestimmten Dingen geprägte Weltsicht, von deren Richtigkeit ihre Vertreter absolut überzeugt sind, in Kinderbilder gegossen. Es ist kein Buch. Es ist Propaganda.

Propaganda für einen Lebensstil, der diesen Raum hier mit sogenannten Spielzeugen gefüllt hat, die zum Großteil aus traurigem Kunststoff bestehen und deren Marktwert über den von schlichtem Müll nicht hinausgeht. Die allermeisten Gegenstände, die hier angespült worden sind, werden diesen einsamen Strand des Konsumismus nicht mehr verlassen. Oder nur noch in eine Richtung. Es ist Schrott.
Mit einem erheblichen Energieaufwand aus absolut unersetzlichen Rohstoffen hergestellter Schrott.
Eine Ausstellung wie für ein historisches Museum. Wäre dies hier das Jahr 4017, ich könnte mir draußen über der Tür ein Schild vorstellen, auf dem steht: „Industrielle Zivilisation. 1850-2030“.
Ich frage mich einen Moment lang, welche Rückschlüsse zukünftige Historiker und Archäologen aus diesem schuppigen Plastikmonster ziehen werden, das auf einem der Regalbretter steht und so aussieht, als wolle es den Betrachter zähnefletschend zum Essen einladen – als Hauptgang. Was werden diese Leute über unsere Zivilisation denken und über den Untergang dieser Kultur?
Falls es dann noch Historiker gibt, kommen sie womöglich zu dem Schluß, daß unser Zeitalter seltsamen Göttern gehuldigt hat. Und womöglich hätten sie damit nicht einmal ganz Unrecht.

4 Gedanken zu „Eine Meditation zwischen Spielzeugen

  1. Du verlinkst Capture the flag mit dem die Erscheinung erklärenden Wiki-Artikel, und preist eine Zeile weiter den Tintenfisch-Raketenwerfer in Borderlands an?
    Entscheide Dich einfach für eine Zielgruppe.

    Was war das denn für ein Raum? Spielzeugmuseum?

    • Was spricht dagegen, beim CtF einen Tintenfisch-Raketenwerfer dabei zu haben? 😀
      Und ich habe eine ganz klare Zielgruppe: Was immer mir gefällt.
      Nein, kein Spielzeugmuseum. Der Plastikkram spricht stark gegen diese Annahme.

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