Der Tag vor dem Morgen

,,Verschwenden Sie keinen Gedanken ans Morgen; das ist ihr gutes Recht. Aber beklagen Sie sich nicht, wenn es plötzlich da ist und Sie haben nichts mitzureden.”
John Brunner, Der Schockwellenreiter

Warum sollte sich ein Normalmensch für etwas Abstraktes wie Peak Oil interessieren?
Schließlich haben ja schon genug Untergangspropheten denselben vorhergesagt und nichts davon ist eingetreten.
In den 80er Jahren sollten die Wälder untergehen und sich in Brennholz verwandeln. Das Ozonloch würde uns alle grillen. Das mit dem Klimawandel sollte in den 70ern noch zu einer neuen Eiszeit führen, heute reden alle was von globaler Erwärmung. Extrem peinliche Geschichte natürlich.
Es gibt heute Klimawissenschaftler, die ernsthaft vehement abstreiten, daß es solche Aussagen jemals gegeben hätte. Das ist natürlich keine besonders gelungene Kommunikationsstrategie und läßt sich anhand diverser Fachartikel und einiger SF- und Fantasy-Romane aus den 70ern problemlos widerlegen, auf deren Einbänden der muskulöse, in Felle gehüllte Held zwischen den Spitzen der im Gletscher versunkenen Wolkenkratzer New Yorks umherzieht, meist begleitet von einer wesentlich weniger fellverhüllten und eher kurvigen Partnerin.
Dazu kämen dann noch solche gut gekühlten Filme wie ,,The day after tomorrow” oder die recht aktuelle und ebenso stark unterkühlte Vision der Apokalypse namens ,,Snowpiercer”, in der sich das gesamte Geschehen in einem Zug abspielt, der durch endlose Eiswüsten fährt, die mal die Erde waren. Warum sollte man also das Gemurmel der Wissenschaftler nicht einfach ignorieren und so weitermachen wie bisher?

Die Antwort ist ebenso einfach wie kompliziert, wieder einmal. Die Sache mit dem Ozonloch zum Beispiel begann in den 80er Jahren. In den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts, um genau zu sein, denn damals wurde erstmalig mit Benutzung von Absorptionsspektren nachgewiesen, daß die hohe Atmosphäre tatsächlich mehr Ozon enthält als die bodennahe Atmosphäre, was bis dahin nur eine Vermutung gewesen war.
Ab den 1930er Jahren waren Messungen der Ozonmenge bereits Routine, nachdem ein gewisser Mr Dobson das Dobson-Spektrophotometer entwickelt hatte. Dobson erkannte auch Ende der 1950er Jahre die jahreszeitlichen Schwankungen des Ozons. Da war der Mann bereits 70 und lungerte immer noch in der Antarktis rum.
Schon damals fiel den Nerds auf, das irgendwie weniger Ozon da war, als es nach diversen Berechnungen hätte sein sollen. Die logische Schlußfolgerung war natürlich, daß irgendwo was verloren geht und daher machte man sich auf die Suche nach diesen Verlusten. Man wußte bereits, daß das Sonnenlicht das Ozon sowohl entstehen läßt als auch wieder auseinanderbricht, aber da mußte es noch etwas anderes geben.

Es gab übrigens damals niemanden, der Zeitungsartikel darüber geschrieben hätte, daß die ganze Nummer mit dem fehlenden Ozon ja eine Weltverschwörung sein müsse und es ja überhaupt keinen Beweis dafür gebe, daß dieses sagenhafte Ozon tatsächlich existiere.
Heutige Präsidentschaftskandidaten der Republikaner – und nicht nur die – stellen sich in den USA hin und behaupten tatsächlich, da wandle sich überhaupt nichts im Klima und sowieso sei das ja alles noch nicht wirklich bewiesen mit dem Kohlendioxid. Woraus dann messerscharf gefolgert wird, daß das Problem ja nicht existieren kann, solange man selber nicht daran glaubt. Gerade erst hat Jeb Bush, dieser unselige weitere Sproß der Familie des Grauens, der die nächsten Jahre des Niedergangs der USA gerne zur Bereicherung seiner Sponsoren nutzen möchte, dem Papst doch angeraten, er möge sich nicht politisch in die Frage des Klimawandels einmischen, denn der sei ja gar kein Wissenschaftler.
Eine sehr scharfsinnige Bemerkung und auch ein immer wieder gerne vorgebrachtes Pseudoargument der Republikaner in Sachen Klimadiskussion. Natürlich hindert das wissenschaftlich völlig ungebildete Volltrottel in dieser Partei nicht daran, fleißig selber ihren Senf zum Thema dazuzugeben, wenn es darum geht, die Existenz des Klimawandels abzustreiten. Aber das ist natürlich was völlig anderes, nicht wahr? Continue reading →

Goldlöckchen ertrinkt im Öl

„How often is it that the angry man rages denial of what his inner self is telling him.”
Frank Herbert, Dune

1956.
Auf einem Treffen des American Petroleum Institute hält ein unscheinbarer Herr einen eher trocken wirkenden Vortrag, der trotzdem für einige Erheiterung beim Publikum sorgt. Marion King Hubbert spricht zu den Anwesenden über seine Überzeugung, daß die Erdölförderung der USA in den späten 60er bis frühen 70er Jahren einen Höhepunkt erreichen werde, um danach in einen stetigen Sinkflug zu gehen.
Wie der Name schon andeutet, ist das American Petroleum Institute der größte Interessenverband der amerikanischen Öl- und Gasindustrie, also ein recht mächtiger Club. Auch der Vortragende ist kein Ökofanatiker oder ein Grüner. Das wäre in den USA des Jahres 1956 vermutlich unamerikanisch gewesen, wie ein McCarthy das ausgedrückt hätte, oder aber kommunistisch, was natürlich auf dasselbe hinausläuft. Aber „grün” war in dem Jahr noch nicht erfunden, die Straßenkreuzer konnten nicht groß genug sein, die Heckflossen auch nicht, jede amerikanische Küche brauchte natürlich eine Mikrowelle und wenn man dafür ein oder zwei Atomkraftwerke mehr bauen mußte, war das nur allzu recht, denn Amerika brauchte Bombenstoff im atomaren Wettrüsten mit den Russen.
Nein, Hubbert war zuständig für Geologie und Geophysik und arbeitete außerdem für die Shell Company, hielt also einen Fachvortrag vor einem Lobbyverband seines Arbeitgebers. Um so ungewöhnlicher war es, daß Hubbert zwei grundlegende Dinge in Frage stellte: Die Unendlichkeit der Ölvorräte und auch die Annahme, daß man natürlich immer weiter mehr und mehr von diesem Zeug aus dem Boden holen würde.

Die Teilnehmer waren, wie erwähnt, über den lustigen Profesor sehr erheitert, ein Angestellter von Shell soll Hubbert unmittelbar vor seinem Auftritt noch gebeten haben, die Sache nicht durchzuziehen. Aber der Mann ließ sich da nicht aufhalten, immerhin hatte er seine Zahlen gründlich in Kurven und Schlußfolgerungen übersetzt, warum also nicht darüber reden?
In den Folgejahren geriet Hubbert durch eine Pressekampagne und das noch sehr viel wirksamere Hören-Sagen in den Ruf eines verrückten Professors und wurde massiv diskreditiert. Das ganze Konzept erschien auch viel zu abenteuerlich. Mehr und mehr Öl wurde gefunden, es schien überhaupt kein Ende zu geben. Die Ölförderung der USA war seit Anfang des 20. Jahrhunderts um 7,6 Prozent pro Jahr gewachsen – durchschnittlich, trotz Großer Depression. Alles Fakten, auf die Hubbert in seinem Vortrag sehr wohl hinwies, immerhin war der Mann Wissenschaftler. Das Jahr 1966 schließlich brachte soviel neues Öl im Boden, wie man es noch nie zuvor gefunden hatte. Der verrückte Professor schien also tatsächlich verrückt zu sein.

Aber offensichtlich waren das auch noch andere, denn 1960 gründeten diverse Staaten, die etwas mit Öl zu tun haben, eine Organisation namens OPEC. Auch hier runzelten diverse amerikanische Firmengrößen die Stirn und fragten sich, was denn dieses Kartell wohl für ein Ziel haben könnte. Die offizielle Linie war relativ einfach: Die OPEC wollte durch entsprechende Regulierung des Marktes dafür sorgen, daß ihre Mitglieder möglichst viel Geld mit ihrem Öl verdienen konnten. „Regulierung” bedeutet in dem Fall, daß man sich dreimal jährlich trifft, um über Förderquoten zu sprechen, um so die Ölmenge am Markt und damit den Preis entsprechend steuern zu können.
Erleichtert lachte man in den USA wieder über diese Handvoll machtloser Clowns, denn schließlich waren es die USA, die mit ihrer Förderung als größter Ölanbieter der Welt die Preise bestimmten. Und die waren niedrig, niedrig genug jedenfalls für Fahrzeuge, deren Rückbank etwa so groß war wie das heutige durchschnittliche Wohnzimmer in Deutschland.
Man wählte also J. F. Kennedy zum Präsidenten, irgendwer erschoß den Kerl, die Revolution auf dem Musikmarkt brach aus und brachte in Europa die Beatles hervor, Frauenröcke wurden plötzlich sehr viel kürzer, der Vietnamkrieg gewann an Schwung und außerdem mußte man die Russen auf dem Weg zum Mond schlagen, denn schließlich mußte man danach ja die Raumstationen bauen und das All besiedeln. Wen kümmerten da ein Professor und ein paar Scheichs? Continue reading →