Die Angst vor der Leere

„It is far harder to kill a phantom than a reality.”
Virginia Woolf

„Die Menschen wollen einfach nicht länger belogen werden”, sagt ein Typ von der AfD über die Menschen in Görlitz, die ihn neulich als Direktkandidaten in den Bundestag gewählt haben.
Das ist im Kern erst einmal eine korrekte Aussage. Menschen wollen nicht belogen werden. Es gefällt ihnen nicht. Jedenfalls gefällt es niemandem, den ich so kenne.
Natürlich gilt das nur für den Fall, daß die Lüge eben auch erkannt wird. Ist das der Fall, ist die Begeisterung üblicherweise nicht besonders groß.
„Die Leute wissen, daß die AfD die Probleme nicht lösen wird”, sagt der Typ auch noch.

An dieser Stelle wird es interessant. Denn wenn die Leute wissen, daß die AfD die Probleme – welche genau auch immer – nicht lösen wird, warum stehen dann immer wieder Menschen rum in unserem Land und fordern von der Politik, sie müsse jetzt was machen?
Was genau, warum eigentlich, und ob das Rumgemache überhaupt den geringsten Sinn ergibt, ist schon wieder eine weitergehende Frage, die offenbar gerne vermieden wird. Aber machen muß die Politik unbedingt etwas. Augenblicklich.

So wie die ehemalige SPD. Die muß jetzt sofort politischen Selbstmord begehen und schon wieder mit der Union koalieren, weil Frau Merkel sonst in die Verlegenheit kommen könnte, regieren zu müssen. Dabei kann die das ja gar nicht. Die Bundeskanzlerin (geschäftsführend) interessiert sich gar nicht für Politik. Das ist sozusagen Merkels sahniges Geheimnis.
Auch die Pressefuzzis möchten gern an der beliebten Kanzlersimulation festhalten, denn sonst würde ja offensichtlich, wie desolat die personelle Lage der angeblichen Immer-noch-Volkspartei so ist. Frau Merkel ist so ein bißchen wie die Spielereihe FIFA von Electronic Arts. Immer wieder das Gleiche, aber neu, weil eine andere Zahl auf der Packung steht. Man weiß halt, was einen erwartet.

Der Typ von der AfD sagt auch, er habe Angst, daß „unser Land unwiederbringlich runtergewirtschaftet wird.”
Und fordert weniger Gewerbesteuer. Nun ja, als Malermeister ist das nachvollziehbar. An der wiederum könnte die Politik sogar was ändern. Aber das Ergebnis der letzten großen Steuersenkung in diesem Bereich war Gerhard Schröders Agenda 2010. Denn dessen Steuerpolitik sorgte überall für klamme Kassen, gerade und ganz besonders auf kommunaler Ebene. Als Wurzel allen Übels wurde dann der Sozialstaat entdeckt und – völlig überraschend – im Endeffekt sauber geschreddert. Milliardensummen für die Großen, in Kombination mit echt toller Steuerflucht ins Paradies.
Riester-Rente  und Mindestlohn für die Kleinen, denn irgendwoher müssen die Großen ihren Profit bekommen.
Die Kosten dafür trägt die Gesamtgesellschaft. Denn die ist immer lokal. Man kann eine ganze Nation nicht einfach wegbewegen. Gewerbesteuer senken ist also schön. Nur eben sinnlos. Ebenso wie die wohlfeile Forderung nach Wegfall eines Solidarbeitrags oder der Senkung der Mineralölsteuer, wenn der Sprit teuer ist.
Irgendwer muß am Ende für das fehlende Geld geradestehen.
Erst wenn man ein Großkonzern ist, also beispielsweise BASF und kein Malermeister, kann man die Infrastruktur eines Landes benutzen und muß dafür nichts zahlen. Denn erst dann kann ich die Politik so beeinflussen, daß die Gesetze es mir erlauben, meine Profite ins Ausland zu schaufeln und die Unterhaltskosten für das System, das mir diese Profite erst ermöglicht hat, auf andere abzuwälzen. Das nennt man dann Externalisierung.

Doch dieses „unwiederbringliche Runterwirtschaften”, das hier erwähnt wird, ist das eigentlich Interessante. Denn hinter diesem Gedanken steckt ja aktives Handeln. Irgendwo steht irgendwer auf der Brücke des Schiffes, das Ruder fest in der Hand, und steuert die Hütte. In den Abgrund, aber er steuert sie.
Irgend jemand muß ja die Fäden in der Hand halten, so sagt der Mann von der AfD hier zwischen den Zeilen. Auch das hat nichts mit seiner Partei zu tun, denn exakt diesen Gedanken denken sehr viele Menschen. Eigentlich fast alle. Deswegen glauben auch viele Menschen an bolschewistische Verschwörungen oder Reptilien aus dem All oder Chemtrails oder das Weltjudentum oder daran, daß Freimaurer und Illuminaten die Welt beherrschen. Denn irgendwer muß das ja tun, ist ja logisch.

Was aber, wenn genau diese implizite Annahme falsch ist? Und nichts daran wirklich logisch?
Denn wir hatten ja schon festgestellt, daß die AfD die Probleme nicht lösen wird. Weil sie es nicht kann. Sagt deren stellvertretender Fraktionsvorsitzender. Das mit der Unfähigkeit, Probleme zu lösen, gilt auch für alle anderen Parteien. Die AfD ist hier nur dran, weil es sich um einen ihrer Politiker handelt.

Bild 1: Die Macht des Steuermanns
So stellen sich Menschen die Politik im Allgemeinen vor. Auch Menschen, die weder Chinesen sind noch Wähler der angeblichen Alternative in Deutschland. Der Evil Overlord hat die Fäden in der Hand. Er kontrolliert alles. Er steuert das Schiff. Und das Volk lauscht gebannt den Worten des Großen Vorsitzenden und fühlt sich bemuttert. Oder bevatert, wie auch immer.

Ich unterbreite also hier einmal folgende Theorie:
Politik tut seit Jahrzehnten in den meisten Fällen nichts anderes, als so zu tun, als täte sie was. Das ist im Grunde das gesamte Wesen der Politik. Wie ich schon mehr als einmal schrieb. Es ist Bühnenschauspiel. Rumgemache vor dem Vorhang.
Wenn jetzt aber zu viele Menschen das merken, und womöglich auch noch jemand ehrlich ist und sagt: „Das Problem können wir gar nicht lösen”, dann ist die Schlußfolgerung unausweichlich. Es wird ein Moment kommen, in dem jemand die Hand hebt und die Frage stellt, wozu man die Politik und Politiker dann eigentlich überhaupt benötigt.
Es ist exakt der Punkt, den alle Politiker, gleich welcher Partei, unbedingt vermeiden wollen. Aus genau diesem Grunde wird gelogen, betrogen, lobbyiert und geheuchelt, daß sich die Balken biegen. Da werden Aktionen gestartet, Maßnahmen ergriffen und Arbeitsplätze geschaffen. Außerdem gibt’s Dschungelcamp, Sexismus und Freibier. Oder kein Freibier, je nachdem, worüber sich gerade mehr Leute aufregen lassen.
Hat sich schon mal jemand gefragt, wie das eigentlich funktionieren soll, diese Sache mit dem Erschaffen von Arbeitsplätzen?
Das wäre doch besonders für CDU-Wähler interessant, denn das steht bei denen ja immer auf den Plakaten. Bei jeder Wahl. Arbeitsplätze und Wachstum, das ist der Quotenknaller bei den Konservativen. Bei den Rechten von der AfD sind es dann Arbeitsplätze nur für Deutsche und Wachstum. Ach ja, und Sicherheit. Sicherheit geht immer. Keine Gefahr kann so eingebildet sein, daß man die Bevölkerung davor nicht schützen könnte. Und wenn man sie dazu digital versklaven muß! Hauptsache, sicher.

Das ist genau das Bild, das viele Wähler und Gewählte von Politik haben. Wir haben alles unter Kontrolle. Die haben das Steuer in der Hand. Nun ja, ich weise darauf hin, daß der nette Herr auf dem Bild weiter oben nicht umsonst als der „Große Steuermann” gepriesen wurde. Was erst zu Maos „Großem Sprung nach vorn” geführt hat, einem eher peinlichen Versuch, mit mittelalterlichen Methoden ein Land wie die Volksrepublik China zu industrialisieren. Ganz nebenbei sind dabei zwischen 15 und 45 Millionen Chinesen schlicht verhungert, so genau weiß das keiner oder will es keiner wissen.
Nehmen wir die Mitte, dann hat Mao immer noch 30 Millionen seiner Landsleute gekillt mit seinem Kurs. Das ist mal keine schlechte Hausnummer, da kann der Mann Stalin und Hitler aber problemlos die Zigarren reichen im Club. Dieser Steuermann hatte das Ruder eindeutig fest in der Hand auf dem Weg in den Abgrund, das kann man nicht anders sagen. Nur war er eben nicht erfolgreich. Sonst hätte der marode Kahn ja sein Ziel erreichen müssen.
Doch der angebliche große Sprung war ein derartiges Desaster, daß sogar die Betonkommunisten das Experiment vorzeitig abbrachen, und die damalige Erkenntnis- und Einsichtsfähigkeit in eigene Fehler innerhalb der chinesischen KP dürfte etwa auf Höhe der heutigen CDU und ihrem Hosenanzug des Schreckens gelegen haben. Was sich daran zeigt, daß danach in China die Kulturrevolution folgte, in der dann irgendwelche ideologisch verzogenen Gören ihre Lehrer anschwärzten. Im Grunde war es eine Hetzjagd auf Menschen, die weiterhin differenziert denken wollten, statt einem vorgegebenem Schwarz-Weiß-Schema zu folgen. Ähnlichkeiten zu Mobs aus Kriegern der Sozialen Gerechtigkeit an amerikanischen Universitäten sind keinesfalls zufällig.
Geistig reflektiv ist also anders. Nur einen Steuermann zu haben, ist offensichtlich für den Erfolg einer Sache nicht ausreichend.

Steuermann oder nicht ist egal. Der Generalkurs unserer Zivilisation ist durch Politik unbeeinflußbar.

Wenn aber tatsächlich viele Dinge überhaupt nicht politisch beeinflußbar sind – wie beispielsweise die katastrophalen Folgen der eigenen Parteiideologie – ist Politik in großem Rahmen nicht nur überflüssig.
Sie ist gar nicht auf der Brücke des Schiffes. Da oben ist überhaupt niemand. Keine Hand hält das Ruder. Der Kurs des Schiffes wird ganz generell bestimmt von Wind und Strömungen, sonst gar nichts. Keine Sau weiß wirklich, wohin die Reise so gehen wird. Das Steuerrad dreht sich lustig mit den Gegebenheiten mal in die eine, mal in die andere Richtung.
Und das ist die Wahrheit über die Gestalt der Welt. Oder auch nur unserer Nation.
Die Strömungen unserer gesamten Zivilisation beruhen auf Naturgesetzen. Auf Thermodynamik. Auf Spielregeln, die nicht geändert werden können. Wenn man so will, ist der böse Feind, den alle so fürchten, wenn sie Grenzen schließen möchten oder Gewerbesteuern senken, die Physik. Entropie, wenn man so will.
Aber keine Politik der Welt wird uns in die Lage versetzen, der Entropie zu entkommen. Das ist nicht möglich.
Die Brücke ist also wirklich leer. Jedenfalls immer da, wo es wirklich drauf ankommt. Niemand hält irgendwelche Fäden in der Hand.

Arbeitsplätze werden gar nicht erschaffen. Arbeit ist in irgendeiner Form in einer Region entweder vorhanden oder nicht. Die Option „oder nicht” existiert auch nur deshalb, weil wir in einer Industriekultur leben, in der die Pizza im Supermarkt gepflückt werden kann.
Zu anderen Zeiten hätte man die auf jeden Fall selber jagen müssen, da war zumindest diese Arbeit jeden Tag unvermeidlich. Pizza jagen oder eben den Pizzabaum zu besteigen war völlig unerläßlich, wollte man nicht bald ob des Kalorienentzugs sterben.
Gleichzeitig führt unser Wirtschaftssystem dazu, daß „Arbeit” nur etwas sein kann, das es mir ermöglicht, mindestens eine dieser Pizzen zu erwerben. Täglich. Mit doppelt Käse. Dazu Bett, Sofa, Internetanschluß, Kleidung und Heizung. Alles andere ist eben keine Arbeit. Natürlich sieht die Politik das anders.
Die Politik könnte ein System erschaffen, das Menschen dazu zwingt, für sehr wenig Geld einer Tätigkeit nachzugehen. Das nennt man dann 1-Euro-Job.
Es handelt sich hier auch immer um einen Job. Oder eine Beschäftigung, man beachte die Wortwahl.
Den ganzen Tag rumsitzen, Videos gucken und sich einen runterholen, das ist eine Beschäftigung. Beschäftigung ist etwas, für das man Kindern im Laufstall die Rassel hineinwirft. Nur ist sie halt keine Arbeit. Arbeit kann nicht erschaffen werden.
Der angebliche Job ändert nichts an der Tatsache, daß trotzdem mehr Geld benötigt wird – was der Arbeitssklave ja auch bekommt. Nur eben nicht als offizielle Bezahlung, sondern als Regelsatz. Es ändert auch nichts an der Tatsache, daß dieser angebliche „Job” nicht existierte, müßte er mit den mindestens 10-12 Euro vergütet werden, die es in diesem Land eben braucht, um die tägliche Pizza zu jagen und den Hintern warm zu halten.
Politik erschafft keine Arbeit. Die Umgebungsbedingungen ermöglichen eine Arbeit oder eben nicht. Im Unterschied zu Naturgesetzen kann die Politik aber die Gesetze des Arbeitsmarktes beeinflussen, weswegen sie es auch tut.

Die Naturgesetze aber bleiben unbeeindruckt von aller Politik. Die Menge an ausbeutbaren Ressourcen bleibt begrenzt. Die Landmassen werden nicht größer. Der Ackerboden vermehrt sich nicht. Auf keines dieser Dinge hat Politik einen Einfluß. Und hat sie indirekt eventuell doch einen, dann ist er meist negativ. Wie beim Arbeitsmarkt. Solange die Statistik schön aussieht, ist alles schön.

Erzählt man aber genau das den Menschen, die angeblich nicht weiter angelogen werden wollen, dann glauben sie einem nicht. Sie wollen, daß die Politik, die in großen Teilen doch machtlos ist, etwas tut. Jetzt sofort und wehe, es ist nicht das Richtige!
Der Gedanke, daß es in der tatsächlichen Welt, der wirklich wahren Realität, eben gar keinen Steuermann gibt, Steuerfrauen auch nicht, daß einfach niemand den generellen Kurs unserer Zivilisation entscheidend verändern kann, ist etwas, vor dem so ziemlich alle Menschen geistig zurückschrecken.
Behauptet man, daß es eben in Wahrheit keine lenkende Kraft gibt, sei sie gut oder böse oder einfach nur unfähig, dann hat man in schöner Regelmäßigkeit Feindseligkeit und Ignoranz zu erwarten von eventuellen Zuhörern.
Denn es kann nicht sein, was nicht sein darf. Wir müssen die Kontrolle behalten. Unbedingt. Über alles. Dabei können wir nicht einmal unser eigenes Leben kontrollieren, denn sonst würde die demonstrierende Menge vor dem Siemens-Werk in Görlitz ihren Arbeitsplatz nicht verlieren. Wenn morgen ein kleines chemisches Ungleichgewicht in meinem Körper einen Krampf meines Herzmuskels auslöst, werde ich tot sein.

Es ist also nicht ganz richtig, wenn der Mann von der AfD sagt, die Menschen wollten einfach nur, daß niemand mehr sie anlügt.
In Wirklichkeit wollen die Menschen eine Lüge erzählt bekommen, die ihnen persönlich in den Kram paßt. Man kann durchaus sehen, wohin das Schiff von Wind und Strömungen getrieben wird. Doch das will keiner, denn das Ziel paßt nicht zum eigenen Narrativ von der Welt. Also lügt die Politik gerne und ausgiebig und die Wähler vergelten es mit Stimmen, wenn es die richtige Lüge ist.
Exakt deshalb bekommt eine solche Partei auch so viele Stimmen. Denn irgendwer hält die Fäden in der Hand und die haben die ganzen Ausländer reingelassen und wenn man das jetzt rückgängig macht und eine andere Hand die Fäden hält, dann…ja, dann wird alles gut werden.

Oder eben auch nicht.
Niemand wirtschaftet das Land runter. Es ist nichts weiter als ein Symptom der Langen Dämmerung, daß eine graduelle Verschlechterung der Lebensverhältnisse immer wieder zu Krisen führen wird.
Diese werden sich gesellschaftlich und politisch manifestieren. In vielen Fällen werden sie mit „den Märkten” zu tun haben. Seltsamerweise scheint die keiner unter Kontrolle zu haben und das will wohl auch keiner. Ganz besonders die nicht, die daran prächtig verdienen.
Was nichts weiter bedeutet, als daß die Lange Dämmerung, deren fundamental treibende Kraft die Naturgesetze sind, sich in unserer Wirtschaft eben sehr häufig als offiziell finanzielles Problem offenbaren wird.
Es bedeutet auch, daß es eigentlich gar keine echten Krisen sein werden, jedenfalls meistens nicht. Denn Krisen – ich hatte das schon einmal erwähnt – sind an bestimmte Kriterien gebunden. Aber in dem, was die Zukunft uns bringen wird, steckt oft wenig Überraschendes. Man könnte und kann solche Dinge sehr wohl voraussehen. Aber es ist ja Aufgabe der Politik, nichts vorauszusehen. Die Folge wäre womöglich langfristige Planung und für so etwas ist Politik nicht gedacht. Die soll ja was machen, die Politik.

Ich sagte einmal, daß eines der Symptome der Langen Dämmerung zunehmende politische Instabilität sein werde. Nun, davon haben wir in letzter Zeit genug.
Und es sieht nicht danach aus, als würde sich an diesem Zustand etwas ändern.
Nordkoreas Anführer hält einen Krieg inzwischen für unvermeidlich und Pentagon-Papiere aus den Anfangs-90ern zeigen deutlich, was da auf uns zukommen wird, während die USA und Südkorea das größte Luftraummanöver seit Erfindung des Motorfluges vor der Nase des nervösen Kim abhalten.
In Nahost verbündet sich derweil Israel mit Saudi-Arabien, weil mit dem allmählich  endenden Bürgerkrieg in Syrien sowohl die Russen als auch die iranischen Revolutionsgarden quasi nebenan auf den Golan-Höhen stehen. Der Stellvertreterkrieg im Jemen hat derweil geschätzte drei Viertel der Bevölkerung in Elend und Hunger getrieben. Da werden die Saudis bald bestimmt in den USA Waffen nachbestellen müssen.

Wenn meine persönliche Projektion, meine Auffassung vom Wesen der Geschehnisse, von denen wir Teil sind, halbwegs richtig ist, dann kann sich dieser Zustand überhaupt nicht zum Besseren entwickeln. Jedenfalls nicht so bald.
In einem Jahrhundert wird es völlig egal sein, ob Israels Hauptstadt Jerusalem ist oder nicht. Weder die Stadt noch das Land werden dann noch existieren.
Es wird auch egal sein, ob kleine dicke Raketenfans aus Nordkorea sich einen Wettbewerb mit dem Präsidenten der USA darüber liefern, wer jetzt der größere Vollidiot ist und die beschissenere Frisur hat.
Weder Nordkorea noch Atomwaffen werden in einem Jahrhundert noch existieren. Ebensowenig die USA. Oder Donald Trump.

Bild 2: Die Macht der Steuerlosigkeit
So ist das wirkliche Wesen der Welt. Dieses Schiff hatte keinen Steuermann. Deswegen ist es auch nicht untergegangen, sondern den Strömungen gefolgt und gestrandet. Niemand hat krampfhaft versucht, es auf einen Kurs zu zwingen, der unrealistisch gewesen wäre. Also ist der tapfere Kahn nicht auf hoher See abgesoffen. Die Besatzung dürfte es gefreut haben.

All diese Dinge scheinen seltsam fern von uns. Ein surrealer Nachrichtentanz. Aber sie sind alle miteinander verbunden. Es ist das Schauspiel einer untergehenden Zivilisation. Der Lack der angeblichen Normalität blättert zunehmend stärker ab, im Kleinen wie im Großen. Zunehmende Verunsicherung macht sich breit, denn die meisten Menschen begreifen die Zusammenhänge nicht, sehen sie nicht oder wollen sie auch nicht sehen. Was ich durchaus nachvollziehen kann.

Die Menschen, die den neuen Mann der AfD im Bundestag dorthin gewählt haben, protestieren aus Angst. Sie werden ihre Arbeitsplätze verlieren und das bedeutet für die meisten, wenn nicht alle von ihnen, den Abstieg in das demütigende Entrechtungssystem, das ein Gerhard Schröder unter dem Namen „Hartz IV” in Deutschland eingerichtet hat.
Sie verlieren ihre Arbeitsplätze beim großen Weltkonzern Siemens. Das war einer dieser Vorzeigebetriebe, die Ende der 90er ganz viele Verträge abschlossen mit ihren Arbeitnehmern. In denen standen Dinge wie „mehr Arbeitszeit bei gleichem Lohn, dafür weniger Weihnachtsgeld”. Oder gar keines.
Als Gegenleistung bekamen die Mitarbeiter ein Schulterklopfen ihres Gewerkschafters, der vorher und nachher noch jahrelang etwas von Lohnzurückhaltung predigte. Und natürlich eine Garantie dafür, daß niemand betriebsbedingt entlassen würde. Früher™ hätten Gewerkschaften den fetten Krawattenträgern gesagt, wohin sie sich ihre Pläne stecken können.
Ich glaube, kein einziger der Konzerne, die in den Neunzigern und Zweitausendern solche Deals abgeschlossen haben, hat sich daran gehalten. Keiner von denen hat heute mehr Mitarbeiter. Dafür aber zwanzig Jahre lang mehr Profite.

Im Rahmen der sich anbahnenden Koalition des Todes in Deutschland tönt der CDU-Wirtschaftsrat bereits wieder laut herum, die Deutschen würden ja viel zu früh in Rente gehen. Nicht 67, bis 70 müsse mindestens gearbeitet werden.
In einer Arbeitswelt, die Menschen ab Anfang 50 aussortiert, ist das nicht mal mehr zynisch. Politiker und Wirtschaftsprofessoren erzählen noch immer den gleichen unsinnigen Mist wie vor zwanzig, dreißig Jahren.
Da werden noch immer Opfer gepredigt von Typen, die alle Beamtenstatus haben und Beitragsbemessungsgrenzen und die niemals mit dem Rentensystem in Kontakt kommen werden, von dem sie behaupten, die Überalterung der Gesellschaft mache es zu teuer.
Auf die Idee, ein neues System zu etablieren, das vom berühmten „demographischen Faktor” weitestgehend unabhängig ist, kommen sie nicht. Oder besser, sie wollen davon nichts wissen. Denn wer Angst sät, kann besser Macht ausüben.

Politik nur für transnationale Konzerne tötet Demokratie und Solidarität. Permanente Angst tötet die Gesellschaft.

Um voraussehen zu können, ist es notwendig, die eigene Perspektive anzupassen. Es ist unsinnig, von einer Politik Handlung zu verlangen, die nichts verändern kann oder will. Es ist unsinnig, nicht belogen werden zu wollen und gleichzeitig zu glauben, geheimnisvolle Mächte würden die Welt lenken. Oder unser Land. Oder irgendein Land.
Solche Ideen führen am Ende zu Religion, womöglich monotheistischer Religion sogar, und was hat dieser Grundgedanke einer lenkenden Allmacht schon für unglaublichen Schaden angerichtet.

Wir können nichts kontrollieren oder lenken. Aber wir können an Deck stehen und nach Land Ausschau halten. Wir können nachschauen, ob man nicht so etwas wie ein Segel basteln kann. Und wenn dahinten, hinter dieser Nebelbank, tatsächlich Land liegt, können wir es sehen. Wir können die Strömung beobachten und uns auf den Moment vorbereiten, in dem wir knirschend auf den Strand laufen.
Vielleicht müssen wir auch über Bord springen, an der richtigen Stelle, um dann an Land schwimmen zu können. Diejenigen, die nicht schwimmen können, sollten sich also etwas suchen, an dem sie sich festhalten können.

Die Brücke ist leer. Das Ruder unbesetzt und außerdem gebrochen.
Noch immer belügen wir uns selbst. Sogar dann, wenn jemand sagt, die Menschen wollten nicht länger belogen werden. Es ist die Angst vor der Leere, dem unbekannten Fahrwasser, die Mensch so reagieren läßt.
Wir müssen aufhören, vor der wahren Gestalt der Welt Furcht zu empfinden. Was wie brodelndes Chaos erscheint, ist in Wirklichkeit keines. Hinter der Furcht liegt der Blick auf die Zukunft.

15 Gedanken zu „Die Angst vor der Leere

  1. Vielen Dank für die viele Schreib- und Denkarbeit. Ein toller Blog.

    Einige ergänzende Gedanken meinerseits wären, dass ich manches widersprüchlich und zu enggeschnürt finde.

    Ein Beispiel~
    Das Wesen der Politik solle sein, dass man so tut, als täte man etwas, also der damit sich Befassendeß Halte ich für polemisch und wenig zielführend. Politik simuliert und ist faktisch zugleich. Wobei hier genauer von der Politik und dem Politischen gesprochen werden sollte. Das Politische kann Verantwortungslosigkeit und Verantwortung bedeuten, korrellierend mit Macht- und Machtlosigkeit. Würde das Wesen des Politischen leer sein, würde sie orientierungslos sein, müsste man sich an ihrer Paradoxie nicht so abarbeiten bzw. abschreiben, wie es oft geschieht. Das Politische ist unzulänglich, dem Einzelnen im Gesamten gerecht zu werden – ja; vielleicht ist das Politische immer schon, wie so vieles im Rahmen des Menschlichen, von der Unmöglichkeit geprägt etwas Ganzes repräsentieren zu können. Das liegt im Wesen des Politischen, deswegen ist sie auch humaner geworden, moderner und auch paradoxer, unübersichtlicher, jedoch keine politische Theologie oder Eschatologie mehr, zumindest der Grundidee her nach nicht mehr. Abgesänge und Kulturkritiken zeigen m.E. eigentlich jedoch wesentlich simpler die Machtlosigkeit der Kritiker und Anderswoller in der Gegenwart, den Weltenlauf in ihrem Sinne zu verändern. Sie zeigen klarer, was das Politische eigentlich auch immer war und ist, ein Kampf um Anerkennung, Repräsentation und Macht, aber auch der Fluch zur Verantwortung, diesen Abstrakta gerecht zu werden, meinetwegen auch morgen noch,in Raum und Zeit. Schwierig! Die menschliche Freiheit könnte helfen und bedeuten sich darüber erheben zu wollen, dass es komplex ist in dieser Sphäre agieren zu müssen und zwar in dem Maße, wie es vernünftig wäre dieses Handelns für vermeintlich bessere Ziele einzusetzen, also maßvoll, insofern begrenzt und also auch ohnmächtig bzw. gehegt. Niemand weiß es gut oder besser. Dieser politische Prozess ist an sich offener geworden, aber nicht entleert von Menschen, die man Politiker nennen könnte, die Menschen adressieren, die in ihrem Wesen stets auch immer konkret und sinnvoll politisch sind, jdoch an anderer Stelle. Diese Politiker sitzen also auf einer Kapitänsbank und tun, was man tut, wenn man politisch tätig ist, doch eben nichts Leeres, dafür ist es machtvoll genug.

    Ganz im Ernst. Die Grammatik der politischen Polemik muss noch einmal auf den Prüfstand, wenn im selben Text eine durch das politische Handeln forcierte andere Welt entstehen soll, egal wo diese anfängt, beim Mindestlohn oder in der Außenpolitik, wobei zugleich behauptet wird, man könne nichts kontrollieren oder steuern und die Welt sei “sinnlos”. Vielleicht ist die Welt nur sinnlos, weil sie im Metaphern- und Analogiesturm für untergegangen und rettungswürdig erklärt wurde.

    Das Denken ist doch selbst entropisch. Was scheren da Naturgesetze.

    • wenn im selben Text eine durch das politische Handeln forcierte andere Welt entstehen soll,

      Gut, das kam jetzt nicht so klar rüber vielleicht. Aber: Das meinte ich gar nicht. Diese Punkte sind nur Beispiele für Stellschrauben, an denen Politik drehen könnte oder kann. Um eben Aktionsfähigkeit und Kontrolle zu simulieren.

      Ganz im Gegenteil: Die Entstehung einer neuen – im Sinne von “anderen” – Welt wird keinesfalls politisch forciert sein. Denn dazu müßte sich Politik an naturwissenschaftliche Realiät halten. Was sie vermutlich niemals tun wird, denn dann wäre ihre Begrenztheit offensichtlich. Was also paradox klingt, aber in Wahrheit schlicht logisch ist.

      Diese Politiker sitzen also auf einer Kapitänsbank und tun, was man tut, wenn man politisch tätig ist, doch eben nichts Leeres, dafür ist es machtvoll genug

      Kein politisches Handeln beeindruckt ein grundlegendes Naturgesetz auch nur eine Sekunde. Da ist nichts Machtvolles. Es sitzt auch niemand auf der Kapitänsbank. Die Brücke ist unbesetzt.

      die Machtlosigkeit der Kritiker und Anderswoller in der Gegenwart, den Weltenlauf in ihrem Sinne zu verändern.

      Ganz generell: Ich will den Weltenlauf gar nicht verändern. Ich plädiere für die allgemeine Erkenntnis, daß das gar nicht in unserer Macht liegt. Wir können uns das Universum schönwünschen, wie wir wollen. Das interessiert das Universum Null.
      Was ich verändern will, ist die Perspektive, die Menschen auf ihre Umgebung und den Rest der Welt haben. Mehr kann ich nicht tun.

      Was scheren da Naturgesetze.

      Springe Er aus dem Fenster und denke glückliche Gedanken über das Fliegen 😀

  2. “Wir können nichts kontrollieren oder lenken. Aber wir können an Deck stehen und nach Land Ausschau halten.”

    Klingt als hättest Du Dich entschlossen der Prepperpartei beizutreten, von der ich mal hier schrieb. Recht so.

          • Auch. Aber bedenke! – Tee kommt von weit her. Scotch hingegen ist im Endeffekt Alkohol, der dank der freundlichen Erfindung der Destillation entsteht und angenehm torfig den Hals des Warpingenieurs befeuchtet. Vom Angel’s Share abgesehen, natürlich. Jedenfalls wird immer irgendwer irgendwas destillieren. Aber Tee wächst nun mal in Europa nicht wirklich 😀

Kommentar verfassen