Weiße Riesenkaninchen und Schwarze Schwäne

„I see a bad moon a-rising
I see trouble on the way
I see earthquakes and lightnin‘
I see bad times today“
Creedence Clearwater Revival

Da war doch was. Da war doch…ach ja – Harvey. Mein Freund Harvey. Dieser Sturm, von dem aktuell keiner mehr redet, weil da ein Ding heranzieht, das Harvey aussehen läßt wie ein laues Lüftchen.
Der Hurrikan Irma hat sich, wie ich und natürlich auch andere das vorausgeahnt hatten, in ein meteorologisches Monster verwandelt.
Erst der stärkste atlantische Hurrikan, den es je gab. Dann der Hurrikan, der am längsten in der Kategorie F-5 verweilte. Bisher lag der Rekord bei um die sechzig Stunden, Irma hat diesen Rekord um gute 50 Prozent nach oben geschraubt.
Floridas Governeur Rick Scott, der seine Behörden bei Amtsantritt angewiesen hatte, so etwas wie „climate change“ oder „global warming“ nicht in offiziellen Meldungen zu erwähnen, erfleht schon jetzt die Hilfe der bundessataatlichen Kassen aus Washington, DC.
Gleichzeitig werden Warnungen herausgegeben, die da lauten:
„Hauen Sie ab. Wenn Sie bleiben, wird es keine Hilfe geben.“
Das ging an die Einwohner der Florida Keys, dieser kleinen Inselkette vor der Küste der Halbinsel im Südosten der USA.
Der sumpfigen Halbinsel. Die im Schnitt so einen Meter über dem Meeresspiegel liegt. Und die Warnung ist korrekt. Wer angesichts der Zerstörungen, die Irma schon in ihrem Kielwasser hinterlassen hat, jetzt noch auf den abgelegenen und schutzlosen Inselchen der Keys bleiben möchte, wird nach dem Sturm keine Hilfe bekommen. Von woher auch?

Aber da war doch…ach ja, Harvey. Harvey hat es geschafft, ein Fünftel der US-Raffineriekapazitäten auszuknipsen.
Sei es durch direkte Schäden, durch Überflutung oder eben dadurch, daß die Konzerne die Anlagen heruntergefahren haben. Aber eine Raffinerie schaltet man halt auch nach so einem Ereignis nicht einfach wieder ein wie die Wohnzimmerlampe. Das ist komplexe Technik, viele Dinge hier stehen unter Druck und laufen durch viele Rohrleitungen und dieses System muß dicht sein.
Also muß man das natürlich alles prüfen, bevor man auf den Knopf drückt. Außerdem vermute ich, daß viele Raffinerien zum Neustart auf eine sichere Stromversorgung von außen angewiesen sind. Eben diese existiert aber derzeit nicht mehr.
Witzigerweise ist das bei den meisten Kraftwerken ebenfalls so. Die sogenannte „Schwarzstartfähigkeit“ eines Kraftwerks beschreibt, ob es seine Generatoren aus dem Ruhezustand ohne äußere Hilfe wieder hochfahren kann oder nicht. Die meisten Kohle- und auch Atomkraftwerke sind nicht schwarzstartfähig. Wasserkraftwerke sind es generell, solange die eben genug Wasserdruck hinter ihren Staumauern haben oder genug Fließgeschwindigkeit an ihren Flüssen.
Aus der Tatsache, daß die Atomkraftwerke in Texas den Sturm gut überstanden haben, zieht das Magazin „Forbes“ übrigens die Schlußfolgerung, daß die Kernenergie das Ding der Zukunft ist. Wer seinen Adblocker bei den miesen Finanzhaien ausschalten möchte, kann den Artikel unter den Stichworten „Hurricane Harvey makes the case for nuclear power“ ergoogeln.
Einstein hatte schon recht: Dummheit ist wahrlich eine endlose vorhandene Ressource auf diesem Planeten.

Harvey hat Houston die dritte „500-Jahres-Flut“ beschert, die diese Stadt erlebt.
Da zieht man etwas die Augenbraue hoch, denn so alt ist die Stadt ja nun noch gar nicht. Die ganzen USA als Nation sind gerade mal schlappe 241 Jahre alt.
Ich bin ebenfalls nicht so alt. Gut, ich bin jetzt morgens nicht mehr der frischeste Hahn im Stall – eigentlich mittags und abends auch nicht, wenn ich es mir recht überlege – aber 1500 Jahre alt bin ich eindeutig nicht. Da müßte ich Justinian und Karl dem Großen persönlich die Hand geschüttelt haben oder so.
Das liegt daran, daß diese drei 500-Jahres-Fluten in den letzten drei Jahren stattfanden. Also quasi hintereinander. Der Trick an der statistischen Sache ist nämlich der, daß eine „500-Jahres-Flut“ natürlich als etwas definiert ist, das eben nur alle 500 Jahre stattfinden soll.
Wer hätte das gedacht. Aber was bedeutet es genau, wenn Statistiker so etwas von sich geben?
Es heißt, daß diese Menschen sich Daten angeschaut haben, in denen die bisher schlimmsten Ereignisse in einer Region so zu finden sind. Wenn man keine hat, rechnet man welche aus. So nach dem Motto: „Wie stark kann der Wind schon werden?“
Das ist eine völlig übliche Vorgehensweise. In der Nordsee werden Ölbohrplattformen beispielsweise generell nach einem 100-Jahre-Standard gebaut. Der bezieht sich in diesem Falle auf die Wellenhöhe, deren Wucht und Geschwindigkeit. Denn als man in der Nordsee mit der Ölausbeute begann, waren die Plattformen oft noch leichte Gitterkonstruktionen. Diese erwiesen sich aber den Anforderungen der erstaunlich stürmischen Nordsee, die der Norderney-Urlauber so gar nicht kennt, als nicht gewachsen.

In anderen Worten benutzen Statistiker also die berühmten „worst case“-Szenarien als einen festen Punkt. Hier wird die Skala quasi abgeschnitten und an diesem jeweiligen Wert genormt. Denn das ist ja das Schlimmste, was bisher so passiert ist. Oder aber das Schlimmste, was man sich halbwegs wissenschaftlich begründet so vorstellen kann.
So entstehen dann Aussagen wie: „Ein GAU im Atomkraftwerk findet nur einmal in 10.000 Jahren statt“ oder „Die Wahrscheinlichkeit für einen Flugzeugabsturz beträgt 1:X“, das ist total sicher.“
Diese Aussagen sind statistisch korrekt. Was aber die meisten Menschen nicht wissen, nicht begreifen oder – im Falle von Politikern – gerne nicht wissen wollen, ist die simple Tatsache, daß statistische Aussagen eben keinen zeitlichen Verlauf beinhalten. Heißt übersetzt, die Absturzwahrscheinlichkeit beim Fliegen ist tatsächlich geringer als das Risiko, als Radfahrer auf der Straße umgefahren zu werden.

Nur hilft mir das nicht, wenn es eben mein Urlaubsflieger ist, dessen linke Tragfläche gerade wegen Materialermüdung abgebrochen ist und Richtung Mittelmeer stürzt, knapp gefolgt vom Rest des Flugzeugs. Shit happens.
Bei einem Atomkraftwerk ist die Statistik schon deswegen Mist, weil man hier ja kein „worst case“-Szenario hat, das man mal eben testen könnte. Man kann es nur fiktiv annehmen. Gut, inzwischen hat Mensch auch hier durchaus ein paar empirische Werte vorzuweisen. Die wiederum machen eindeutig klar, daß Kernspaltung nichts ist, worauf man sich wirklich verlassen sollte.
Die ganze Zahlenspielerei mit Wahrscheinlichkeiten ist also manchmal ohnehin von Beginn an völlig virtuell. Dann kommt noch dazu, daß die Wissenschaftler vielleicht gerne testen würden, aber nicht dürfen.
Denn selbstverständlich sagen die Hersteller irgendwelcher Komponenten eines Atomkraftwerks dann einfach: „Alle Angaben zu Material und Haltbarkeit finden Sie im Handbuch, der Rest ist Betriebsgeheimnis.“
Und dann baut Mensch Reaktoren wie im belgischen Tihange, bei dem inzwischen längst klar ist, daß die gefühlt dreihundert Millionen Risse im Druckbehälter schon von Anfang an in großer Zahl vorhanden waren, weil der Hersteller desselben eben Scheiße gebaut hat.
Der Betreiber von Tihange ließ übrigens verlauten, die neuen Risse seien ja nur entdeckt worden, weil man die entsprechende Kamera anders positioniert hätte. Als würde das ihr Vorhandensein negieren. Was für eine Dreistigkeit aber auch, einfach die Kamera zu verrücken! Frechheit!
Warum aufgrund dieser Argumentation das Vorhandensein der Risse unbedenklich ist, weiß vermutlich nur die belgische Atomaufsicht.
Oder die Bundeskanzlerin, denn die Brennstäbe für den belgischen Schrottmeiler kommen aus Deutschland. Ich nehme an, die liefert irgendeine Firma nicht gratis nach Belgien.

Wir merken uns in Sachen Statistik: Eine Jahrhundertflut kann in einem Jahrzehnt dreimal auftreten. Ein „Alle-fünfhundert-Jahre-Hochwasser“ drei Jahre hintereinander. Wenn acht Verkehrsflieger in einem Jahr abstürzen, ist das statistisch unbeachtlich, Fliegen bleibt die sicherste Art der Fortbewegung.

Statistik und ihre Angaben haben ihre Tücken im Alltag. Mathematisch korrekt und realistisch sind unterschiedliche Dinge.

Während der Gouverneur von Florida jubelnd verkündet, daß er das FDoT, das ist das Verkehrsministerium des Bundesstaats, angewiesen habe, die Erhebung sämtlicher Mautgebühren einzustellen, damit Floridianer über die sechsspurigen Highways vor Irma flüchten können, ohne was zu bezahlen, rechnet man in Texas die Schäden zusammen und kommt auf etwa 120 Milliarden Dollar. Vielleicht auch 180 Milliarden. Genau weiß das noch keiner, denn das Wasser muß erst noch abfließen. Und die Bäume liegen noch auf der Straße. Meistens neben den Strommasten. Na ja, nichts Ungewöhnliches nach einem Sturm. Shit happens.
Da war Harvey aber ein ganz schön teures weißes Riesenkaninchen, muß ich mal sagen. Ich bin gespannt, was die Herren im Kongress dazu sagen werden, denn die haben ja schon bei den 50 Milliarden für Sturm „Sandy“ behauptet, das sei alles viel zu teuer und überhaupt sollten tapfere Amerikaner mal sehen, sich selber wieder auf die Füße zu stellen, die Weicheier.
Aber das waren ja auch bestimmt alles demokratische Wähler, die können ja ohnehin nur rumweinen, diese Liberalen.
Wenigstens waren vier Abgeordnete aus Texas im Repräsentantenhaus konsequent und haben gegen die vom Kongress beschlossenen Hilfspakete gestimmt. Keiner der Herren ist Repräsentant eines Gebiets an der texanischen Küste.

Ich nehme an, mit denen, die sich in guter republikanischer Überzeugung lieber selbst helfen sollen, sind die Amerikaner gemeint, die nach Aussage von CBS von „Paycheck to Paycheck“ leben.
Auch hier reibt man sich etwas verwundert die Augen. Aber es stimmt. Die wenigsten Amerikaner bekommen ihr Gehalt auf ein Konto überwiesen, wie das in anderen Staaten der Erde so üblich ist. Da wird einem wirklich noch ein Stück Papier im Büro ausgehändigt an einem Stichtag. Aber wehe, man hat nicht mindestens fünf Kreditkarten, mit denen man überall bargeldlos bezahlen kann.
Gemeint ist aber an dieser Stelle, daß sehr viele Amerikaner mit dem bißchen Geld, das sie bekommen, gerade über die Runden kommen. Die Quote der Ersparnisse des durchschnittlichen Haushalts liegt eindeutig unter Null. Kaum jemand hat irgendwo eine Reserve, die man in einem Notfall mal anzapfen könnte.
Gut, wenn der „Notfall“ bedeutet, daß ich gerade jetzt in mein Haus in Houston zurückkehre, in dem sich der in der Sommerhitze blühende Schimmel bereits durch die noch feuchten Holzwände frißt, dann hat vermutlich niemand genug Reserven, um mal eben ein neues Haus zu bestellen. Jedenfalls niemand, den ich nicht mit einer Vermögenssteuer belegen würde.
Ich bin auch mal sehr gespannt, wie viele Trilliarden Mücken und andere Viecher nach Harvey aus Pfützen, Tümpeln, ehemaligen Gartenteichen und Pools so schlüpfen werden. Ich schätze, Moskitonetze wären auf Amazon ein Renner, wenn die denn noch jemand ausliefern könnte, so ohne Straßen.

So weit dann zum weißen Riesenkaninchen. Was da aber gerade über Kuba tobt, während ich dies schreibe, um dann als F-4 Florida zu erwischen, könnte ein Schwarzer Schwan sein.
Ein Mann namens Taylor Trogdon, seines Zeichens Mitarbeiter im National Hurricane Center der USA, beschrieb Irma auf Twitter wohl am besten, als er sie gar nicht beschrieb.

„Ich bin total sprachlos über das Aussehen von Irma auf den Satellitenbildern.“

Von jemandem, der sicherlich schon ein paar Sturmbilder gesehen hat, weil sie zu seinem täglichen Job gehören, ist das eine Aussage, der ich wenig hinzufügen möchte. Ich hatte gesagt, daß Irma sich in ein Monster verwandeln würde, und dieser Tweet ist vom 6. September.
Kassandra sagt übrigens, daß Irma über der Karibik noch einmal an Energie gewinnen wird und dann Florida eben genau so als F-5 treffen wird wie aktuell Kuba. Das Auge dieses verdammten Dings zieht quasi genau zwischen Kubas Nordosten und den Bahamas über lauwarmes Karibikwasser. Rein meteorologisch ist das für Florida kein guter Kurs.

Derweil glauben in Miami noch immer viele, daß der Sturm abdrehen wird.
„Das tun sie immer“, sagen viele Einheimische.
Das National Hurricane Center warnt in der der Zwischenzeit vor massiven Sturmfluten in Südflorida, denn der Sturm drückt natürlich das Meer aufs Land mit seinen Windgeschwindigkeiten.
Bewohner Hamburgs kennen das gut. Stürmt es auf der Nordsee so richtig, kann die Elbe nicht mehr in die See abfließen und staut sich zurück. Und dann gibt’s Landunter in der Hansestadt. Auch dann, wenn es da grad gar nicht regnet und man den Friesennerz nicht braucht.
Vor Kuba hat Hurrikan Irma die Wellen sieben Meter hoch aufgetürmt. Erwähnte ich schon, daß Florida flach ist?
Es gab auch schon einmal einen Sturm, der nicht abdrehte. Das war Hurrican Andrew, 1992. Das ist das „worst case“-Szenario, das Statistiker in Florida seitdem benutzt haben, um neue Bauvorschriften durchzusetzen. Die waren auch dringend nötig, denn die Bevölkerungszahl Floridas ist seit damals um gute sieben Millionen Menschen gestiegen. Da muß man viel bauen. Das hat man auch getan. Sehr oft sehr nah am Strand, denn da liegen die teuersten Baugrundstücke. Jedenfalls im Moment noch. Außerdem ist die verdammte Halbinsel Kalifornien gerade mal 200 Kilometer breit.
Allerdings sind sich alle Wetterfrösche einig, daß Irma eben bei weitem destruktiver ist, als es Andrew je war. Sogar die Wetterfrösche in Florida haben das bereits offiziell verkündet.

Ein plötzlich eintretendes Ereignis, das außerhalb der bisherigen Erfahrungswerte liegt und das geeignet ist, katastrophale Folgen direkt oder indirekt zu verursachen, nennt man ein „Black Swan Event“, einen Schwarzen Schwan.
In seinem Buch von 2007 hat der Börsenhändler Nicholas Taleb diesen Begriff geprägt. Ein Schwarzer Schwan ist per Definition „höchst selten und sehr unwahrscheinlich“.
Der Sturm Irma hat in seinem Gefolge bereits den nächsten Kollegen. Gemäß der Tradition ist das wieder ein Kerl und der Bengel heißt Jose. Dieser Sturm zieht aktuell auf dem gleichen Pfad wie Irma entlang und ist seit guten 24 Stunden ein F-4-Sturm. Es gab noch niemals zwei derartige Stürme gleichzeitig im Zeitraum der Beobachtungen. So sehen schwarze Schwäne aus, wenn sie über den Teich dümpeln.

Gleichzeitig erscheinen bereits wieder überall Artikel, die im Tenor sagen „Ist halt Saison für die Stürme. Daran ist nichts Ungewöhnliches.“
Ähmmm…doch. Ist es sehr wohl. Wie man meinen vorherigen Worten durchaus entnehmen kann.
Derartige Artikel versuchen verzweifelt, die Diskussion darüber zu unterbinden, ob Stürme wie Harvey oder Irma etwas mit dem Klimawandel zu tun haben könnten. Eigentlich streiten sie diesen Zusammenhang rundheraus ab.
Ich erwähne ausdrücklich noch einmal, daß ich den Begriff „Klimawandel“ hier nur benutze, weil es alle anderen auch tun. Aber Klimawandel gab es schon immer, da sind die Daten eindeutig. Auch der Begriff „global warming“ ist Blödsinn und vermutlich von Lobbyisten der Zementindustrie in die Runde geworfen worden oder so ein Mist. Denn wir wissen längst, daß es nicht überall wärmer und trockener werden wird. Es wird auch Orte geben, an denen es kälter wird. Und jede Menge Orte, an denen es sehr viel mehr Feuchtigkeit geben wird als vorher.

Der von mir verwendete Begriff ist „Klimazerstörung“. Das bezieht sich nicht darauf, daß es dann gar kein Klima mehr gibt, sondern auf die schlichte Tatsache, daß das System Klima eben aus diversen großen und kleinen Mustern besteht, aus Wind- und Wasserkreisläufen, aus Meeresströmungen und anderen Dingen, die alle ineinandergreifen.
Mit dem zusätzlichen CO2, das wir Menschen in den letzten 150 Jahren in die Atmosphäre geballert haben, haben wir diese Muster zerstört. Sie sind instabil geworden bzw. werden sich destabilisieren. Sie verändern sich und werden irgendwann eine neue, stabilere Form und Verteilung annehmen. Welche genau, wissen wir nicht. Denn das könnte durchaus zwei oder drei Jahrhunderte dauern.

Bild 1: Der Hurrikan „Irma“, aus dem All betrachtet.
So schön kann ein Monster aussehen. Inzwischen ist das verdammte Ding so groß wie der Bundesstaat Texas. Der Energiegehalt des Sturms ist so hoch, daß selbst gestandenen Meteorologen die Worte fehlen.
Blick von der ISS, 6. September 2017

In Indien ertrinken gerade Tausende von Menschen ganz ohne Sturm. Der stärkste Monsun seit Menschengedenken hat quasi ganz Südasien im Griff und für unglaubliche Überschwemmungen gesorgt. Bangladesch, Indiens noch ärmerer Nachbar, im Schnitt auf Höhe des Meeresspiegels gelegen, hat schon seit zig Jahren mit dem herandrängenden Meer zu kämpfen und es wird diesen Kampf niemals gewinnen können.
Letztes Jahr hat die gesamte Region unter einer massiven Dürre gelitten, der so lebenswichtige Monsun blieb fast aus. Sehr ungewöhnlich.
Gleichzeitig steht seit Wochen der gesamte „Pacific Northwest“ der USA und Kanadas in hellen Flammen. Die Gegend, in der sich der Columbia River in den Pazifik ergießt, fackelt gerade komplett ab.
Nicht nur in Texas hat der Gouverneur den Notstand ausgerufen oder in Florida. Nein, auch im Bundesstaat Washington an der Ostküste.
Man kann nämlich vor lauter Rauch in der Luft nicht mehr atmen. Die Behörden warnen ausdrücklich davor, die Häuser zu verlassen, wegen der Luftbelastung.
Während die einen im Wasser stehen, ob in Mumbai oder Houston, brennt bei den anderen die Hütte. Die Brände in Washington und noch anderen Bundesstaaten sind die Folge eines „ungewöhnlich trockenen Sommers“ nach Aussage der Meteorologen.

Da ist es wieder, dieses Ungewöhnliche. Hier enthüllt sich die ganze Schwäche der Statistik, die irgendwelche „worst case“-Szenarien als Eichpunkt benutzt. Denn was passiert, wenn eben ein Ereignis eintritt, das dieses bisher schlimmste Szenario übertrifft?
Nun, das ist dann „unprecedented“. Also „beispiellos“. Oder eben „nicht vorhersehbar“.
Das behaupten dann auch wieder die Zeitungsschreiber bestimmter Couleur. Das alles sei nicht vorhersehbar gewesen. Oder eben nichts Ungewöhnliches. Aber eigentlich wissen wir alle, daß sie lügen. Sie selber müßten das wissen, wenn sie solche Sachen schreiben. Über sechs Millionen Menschen in Florida sind aktuell auf der Flucht. Ich finde das ungewöhnlich genug, muß ich sagen.

Wie kann irgend jemand länger darüber hinwegsehen, daß Mensch sehr wohl etwas mit den Dingen zu tun hat, die auf unserem Planeten so vorgehen?
Wie sehr kann man mit stupider Blindheit geschlagen sein, um nicht zu erkennen, daß hier längst Dinge vorgehen, die weitaus mehr sind als „ungewöhnlich“?
Natürlich werden diese Dinge irgendwann normal.
Je mehr Stürme in Ketten aus dem Atlantik heranziehen, desto normaler wird ein derartiges Satellitenbild erscheinen. Wobei kein Meteorologe oder Klimaforscher behauptet, daß menschliche Aktivität diese Stürme verursacht. Oder das die Anzahl zunehmen wird, bis sie ins Endlose steigt.
Das ist schon deswegen nicht möglich, da ein Hurrikan Zeit braucht, um sich zu formen. Dieser Prozeß ist nicht beliebig beschleunigungsfähig. Die Anzahl der Stürme wird also immer begrenzt bleiben und auch nicht zwingend signifikant höher sein als, sagen wir, vor fünfzig Jahren.
Was aber schon seit zwanzig Jahren und länger Konsens ist, ist eben, daß derartige Stürme an Stärke zunehmen werden. Denn das Oberflächenwasser der Meere wird wärmer. Wo mehr Energie gespeichert ist, können die Stürme mehr aufnehmen. Ganz besonders, wenn sie eher gemächlich unterwegs sind. Harvey war zwischendurch 11 km/h langsam. Irma hat eine Zuggeschwindigkeit von etwa 26 km/h. Beide Stürme könnte ich mit dem Fahrrad überholen.
Es ist auch klar, daß die direkten Sturmschäden nicht zwingend apokalyptisch steigen werden. Aber ein Sturm, der so langsam zieht, saugt abartige Mengen an Wasser auf. Und irgendwo fällt das eben wieder runter.
Es ist simple Physik, wenn man so will. Physik nimmt keine Gefangenen.

Während also Harveys Schäden noch geschätzt werden, verwüstet Irma Kuba und wird dann Amerika treffen. Die Nation, die maßgeblich zur Erhöhung des CO2-Gehalts der Atmosphäre beigetragen hat. Einwohner Floridas flüchten mit denselben fetten Autos und Flugzeugen vor dem Sturm, dessen größere Kraft sie mit ihrem idiotischen und menschheitsfeindlichen Verhalten selber hervorgerufen haben.
Gleichzeitig debattiert ein politisch gelähmter, zerstrittener Kongress in Washington DC darüber, wo denn die Hilfsgelder für die betroffenen Bundesstaaten herkommen sollen, während das Land geführt wird von einem narzißtischen Demenzpatienten als Präsidenten.
Ich muß ganz ehrlich gestehen, daß ich für dieses durchschnittsignorante Volk keinerlei Mitleid empfinde, sollte Irma Florida in Schutt und Asche legen.
Dann ist da natürlich noch der andere Bekloppte in Nordkorea, der die aktuelle Stituation genau so ausgenutzt hat, wie ich das erwartet hatte. Mit einem weiteren nuklearen Knall. Never let a crisis go to waste, wie man so sagt. Eine innenpolitisch taumelnde USA, die außenpolitisch immer mehr Provokationen ausgesetzt ist, wird sich auf Dauer in etwas verwandeln, daß eher einem Dinosaurier im Porzellanladen gleichen wird als einem Elefanten. Oder einem Schwarzen Schwan.

Ein „Schwarzer Schwan“ muß kein apokalyptisches Großereignis sein, das durch sämtliche Medien geht. Das Vieh kann auch eher unauffällig am Rande des Sees rumschwimmen.

Schwarze Schwäne haben noch eine Eigenschaft: Sie ziehen eine Kette aus Zerstörung hinter sich her. Systemische Zerstörung. Denn woher werden die USA das ganze Geld nehmen, das sie für einen Wiederaufbau brauchen?
Sie werden es sich natürlich leihen müssen. Das tun sie immer. Niemand ist im Grunde so sehr verschuldet wie die guten alten US of A. Aber da gibt es weitere schlechte Nachrichten.

In Xianmen in China haben sich die sogenannten BRICS-Staaten zu ihrem jährlichen Treffen versammelt. Das war in dem Moment, in dem der Mann vom Hurricane Center seinen Tweet abgesetzt hat. Die Abkürzung BRICS – wer es noch nicht wußte – steht für Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika.
Dieser Länderverbund will schon länger ein Gegengewicht aufbauen zu den Institutionen, die von den USA dominiert werden und vor allem die Finanzflüsse der Welt kontrollieren. Das wären dann der IWF oder die Weltbank. Die meisten, offiziell ärmeren Länder haben hier gar nichts zu melden. Die paar, die in den Gremien dabei sind, werden vom Übergewicht der USA üblicherweise untergebuttert. Im Internationalen Währungsfonds geschieht nichts ohne Zustimmung der USA. Aber bevor mir jemand Einseitigkeit vorwirft: Deutschland und überhaupt Westeuropa sind hier ebenfalls massiv dabei und folgen ihrem Herrchen seit Jahrzehnten treu und brav, wenn es um die Kreditvergabe an Länder geht, die man „auf Linie“ bringen möchte.
Das gilt auch für europäisches Verhalten bezüglich Dummheit, Ignoranz und CO2, versteht sich. Nur sind die Amis hier eben einfach noch schlimmer als wir in Europa.

Aktuell besteht der BRICS-Verbund besonders aus China und Rußland, um das klar zu sagen. Denn beide Länder haben eine gemeinsame Grenze zu Nordkorea. Ich hatte einmal irgendwo geschrieben, daß sich China notfalls in einer Nacht-und-Nebel-Aktion Nordkorea einsacken wird, um es dann an die Südkoreaner zurückzuschenken, damit die die Kosten für den Wiederaufbau tragen müssen.
Nun, neulich hat China da ein Manöver mit recht klaren strategischen Vorgaben abgehalten. Und der Witz ist, niemand könnte sich über ein derartiges Vorgehen Chinas beschweren. Donald Trump hat neulich ausdrücklich Lösungen von China verlangt in der Nordkorea-Frage.
Auch Putins Rußland kann mit einem immer weiter Amok laufenden Regime in Pyongyang auf Dauer nichts anfangen. Das ist ein instabiler Faktor, den ein Mann wie Putin früher oder später aus dem Spiel nehmen wird. Immerhin ist der Kerl ehemaliger Chef des FSB und wohl auch ein ganz guter Schachspieler. Wenn die Rückendeckung durch Peking da ist, wird notfalls Moskau etwas unternehmen, auch wenn dafür weitere internationale Ächtung drohen sollte. Dieses Gambit wird Putin im Zweifelsfall eingehen, denke ich.
Was den Streit im Hochgebirge zwischen China und Indien angeht, einigte man sich auf eine „gegenseitige Deeskalation“, was zumindest schon einmal nicht unvernünftig klingt. Trotzdem bleibt das Verhältnis zwischen Peking und Neu Delhi angespannt.

Bild 2: Voll ungewöhnlich.
Hinter Sturm „Irma“ zieht bereits ein Kollge auf gleicher Bahn durch den Atlantik und wird in wenigen Tagen ebenfalls zeigen, was er so drauf hat. Sein Name ist „Jose“. Noch niemals wurden zwei atlantische Stürme der Klasse F-4 gleichzeitig registriert.
Bild vom 7. September 2017, NOAA satellite handout photo

Die echte, die wahre, die tatsächliche Bombe wurde aber vom Präsidenten Rußlands gezündet, als er auf die finanziellen Weltverhältnisse zu sprechen kam. Und diesmal waren es wirklich die Russen!
Ich zitiere den Präsidenten der Russischen Föderation einfach mal wörtlich:

„Russia shares the BRICS countries’ concerns over the unfairness of the global financial and economic architecture, which does not give due regard to the growing weight of the emerging economies. We are ready to work together with our partners to promote international financial regulation reforms and to overcome the excessive domination of the limited number of reserve currencies.“

„Die exzessive Dominanz einer begrenzten Anzahl von Reservewährungen“ ist natürlich diplomatische Höflichkeit. Gemeint ist damit der freundliche Greenback, also der US-Dollar.
Die „Anzahl der Weltreservewährungen“ ist den BRICS schon lange ein Dorn im Auge und vor allem zu niedrig. Erst letztes Jahr ist es den Chinesen gelungen, den Renmimbi, also den Yuan, als eine solche den Warenkorb des IWF hineinzubringen.
Konkret geht es darum, daß eben sämtliche Ölgeschäfte der Welt in US-Dollar gehandelt werden müssen und das stinkt Ländern wie dem Iran oder auch China schon sehr lange.
Jeden Tag kaufen Zentralbanken rund um die Welt Milliarden von Dollar auf, um damit die Ölimporte ihres Landes zu bezahlen. Gegen diese Dominanz, oder besser, Diktatur des Proletariats des Petrodollars richten sich die Bemühungen der BRICS schon seit Längerem.
China stärkt Putin jetzt den Rücken und wird handelbare Ölpapiere auflegen, die in Yuan bezahlt werden und – das ist der Knaller – in Gold konvertierbar sein werden.
Heißt also übersetzt: Länder, die von den USA mit Sanktionen belegt werden, können in Zukunft dann mit anderen Währungen als dem Dollar bezahlen. Oder gleich in Gold. Damit verstärkt sich das Gewicht Asiens auf dem finanziellen Weltmarkt ganz erheblich.

Eine derartige Maßnahme würde die Bedeutung des US-Dollar als einzige Weltwährung beim wichtigsten fossilen Energieträger gleichzeitig schwächen. Dem Dollar das Wasser abgraben, quasi.
Während also der eine Sturm dem nächsten folgt und ganze Bundesstaaten in nie dagewesenen Regenmengen ertränkt – ich bin gespannt, ob Irma diesen Rekord von Harvey auch toppen wird – während man sich Sorgen über eine nordkoreanische Wasserstoffbombe macht, ist hier ein ganz anderer Sprengsatz gezündet worden, der aber wesentlich direktere und üblere Auswirkungen auf die USA haben wird.
Asien möchte sich unter der Ägide von Rußland und China von amerikanischer Dominanz befreien und dabei findet es sicherlich weitere Mitstreiter. Eine schon lange vorbereitete Blockbildung nimmt hier nach Jahren endlich konkrete Formen an.

Mit den gerade verabschiedeten Hilfspaketen haben die USA auch wieder einmal ihre Schuldenobergrenze angehoben – ein Routinevorgang. Nur gehen die Verantwortlichen auch routinemäßig davon aus, daß niemand es jemals wagen wird, den USA die Aufnahme neuer Schulden zu verweigern. Wenn die Kreditwürdigkeit der USA gerade zu einem Zeitpunkt unter massivem Glaubwürdigkeitsverlust zu leiden beginnt, an dem das Land neue Kredite so dringend benötigt wie lange nicht, könnte die Form all dieser kumulierenden Ereignisse die eines Schwarzen Schwans sein.

 


Update 20170910: Irma ist etwas weiter nach Westen über Kuba gezogen als gedacht und wird daher jetzt an der Golfküste Floridas ihren Urlaub verbringen, nicht an der Atlantikküste.
Glück gehabt, Miami. Zumindest ein bißchen. Dummerweise haben die westlichen Gemeinden es wohl mit dem Evakuieren nicht so ernst genommen. War ja alles nicht ungewöhnlich. Das wiederum ist schlecht.

Gleichzeitig verkündet der Radio-Faschist Rush Limbaugh, daß die extremen Vorhersagen für Irma ja nur Verschwörung von Wetterfröschen sei, um die „Lüge vom Klimawandel“ zu verbreiten. Aber sein Haus in Palm Beach läßt er trotzdem räumen. Idiotie ist wahrlich eine unendliche Ressource.

10 Gedanken zu „Weiße Riesenkaninchen und Schwarze Schwäne

  1. Also doch keine lange Dämmerung für die Amis, sondern ein pechschwarzer Schwan? Oder anders gefragt; wie düster muss die Dämmerung sein um als schwarzer Schwan durchzugehen?
    Nein, lassen wir die Haarspalterei, und freuen uns über spannende Zeiten, und darüber, dass die gefährlichste Terrororganisation der Welt von einem narzisstischen Bürger sabotiert wird.

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