Schach dem Zaren

„Nur Nixon konnte nach China gehen.” – vulkanisches Sprichwort

Schon 2014 sagte ich in Gesprächen gerne folgenden Satz: »Was Putin tut, ergibt nur dann Sinn, wenn er da nicht aufhört.«

Gemeint war die Annexion der Krim durch russische – Pardon, auf keinen Fall russische! – Truppenteile – Pardon, zufällig Uniform tragende, nicht zu identifizierende Zivilisten, natürlich.
Es war natürlich auch keinesfalls eine Annexion, schließlich haben die Bewohner der Ukraine über den Anschluß Öster… der Krim an Rußland abgestimmt. Also, hinterher. Etwas, das unsere atomar bewaffneten westlichen Nachbarn ein fait accompli nennen und wir vollendete Tatsachen.
Es ist immer schön, in einer freiheitlichen Atmosphäre in Wahllokalen abzustimmen, die von freundlichen Fachkräften mit automatischen Waffen bewacht werden, damit alles sicher abläuft. Der Treppenwitz an der Geschichte ist, daß die ukrainische Verfassung tatsächlich für das Autonome Gebiet Krim eine Möglichkeit vorsieht, aus dem Staatsverband auszuscheren. Per Abstimmung nämlich. Allerdings einer Abstimmung in der gesamten Ukraine.
Die Frage wäre also nicht gewesen: »Wolle mer se reinlasse?« sondern »Wolle mer se rauslasse?«

In der klaren Methodik des Schachspielers, ein Hobby, das Wladimir Putin nach Gerüchten durchaus auf hohem Niveau beherrscht, entschloß sich der damalige Präsident und heutige Diktator aller Russen, das Risiko einer fehlerhaften Abstimmung maximal zu minimieren.
Man läßt einfach nur die Leute abstimmen, von denen man ziemlich genau weiß, was sie sagen werden. Friedrich Merz kennt das, wenn er immer wieder fordert, daß doch bitte die Mitglieder der CDU darüber abstimmen sollten, welcher Friedrich Merz jetzt Parteivorsitzender wird. So sorgt man für maximal unüberraschende Ergebnisse, die einem gut gefallen. Putin nennt diese Methode in Rußland „gelenkte Demokratie”.
Die CxU in Deutschland nennt das Wahlen und klaren Wählerauftrag. Oder kommunistischen Umsturz, wenn sie die einmal verlieren sollte und wieder so’n SPD-Typ regieren muß.

Wladimir Putin beherrscht jetzt seit mehr als zwanzig Jahren das, was von der Sowjetunion noch übrig ist. Wobei auch dieses Gebilde niemals existiert hat. Es gab vielleicht durchaus einmal Sowjets, aber niemals eine Union. Einer Union tritt man üblicherweise auf freiwilliger Basis bei, möglicherweise aus politischen oder strategischen Erwägungen, aber irgendwo auch aus einem Gefühl der Zusammengehörigkeit. Die Union der Bundesstaaten der heutigen USA wären hierfür ein gewachsenes Beispiel. Die EU und ihre Staaten ein konstruiertes. Die Sowjetunion ist ein Beispiel für schlichten Zwang. Weder der Verlauf der finnisch-russischen Grenze noch der Beitritt der baltischen Republiken in den 1940er Jahren ergaben sich aus einem Akt demokratischer Freiwilligkeit.

Der Kern der Sowjetunion war und ist Stalins Rußland. Stalin war der Sohn eines saufenden Schusters, der selber weder dem Tabak noch dem Alkohol abhold war. Außerdem hat er im Laufe seines Aufstiegs an die Staatsspitze schlicht und einfach jeden killen lassen, der ihm dabei ihm Wege stand. Gerne auch mal diejenigen, die ihm vorher ein paar Stufen weiter nach oben gehoben hatten. Ein gewaltbereiter Paranoiker vor dem Herrn, wenn ich je einen gesehen habe. Andere Diktatoren waren genau so arm, aber wenigstens malten sie vorher nur Postkarten und waren Spinner. Stalin war schon immer ein psychopathischer Massenmörder.
Wladimir Putin hatte hingegen eine geplante Karriere. Dinge wie stalinistischer Terror oder Weltkriege waren zu seiner Zeit bereits nicht mehr so wirklich in Mode, selbst die USA mußten sich mit den üblichen Stellvertreterkriegen alle zehn oder zwanzig Jahre begnügen, bei denen weder sie noch die miesen Kommunisten, gegen die meistens gekämpft wurde, so richtig die Sau rauslassen konnten.
Einmal, weil natürlich beide Seiten im Zweifel atomar bewaffnet waren. Zum anderen, weil manchmal eben der amerkanische Präsident die eigenen Gegner mit Waffen belieferte, um das Geld dann irgendwelchen Faschisten in Mittelamerika zuzuschieben. Dazu kamen noch Geheimdienste, deren Methode staatlicher Destabilisierung immer wieder die Eigenschaft zeigte, sich nach zwei, drei Jahrzehnten in einen fetten Bumerang zu verwandeln und somit neue Feinde da zu erzeugen, wo vorher die gepamperten Kumpels gewohnt hatten.

Zu dem Zeitpunkt, als der letzte demente US-Präsident daran ging, die Macht des freien Kapitalismus neoliberaler Prägung zu entfesseln, hatte Wladimir Putin ein Jura-Studium absolviert und trug Uniform, nämlich die des KGB. Als solcher gehörte er zum Bereich Auslandsspionage. Er war also quasi Friedrich Merz, der von BlackRock zurückkehrt, gehörte aber einer Organisation an, in der Unfähigkeit eben doch irgendwo Konsequenzen hatte, im Gegensatz zur CDU.
Passend dazu trägt Wladimir auch noch einen Doktortitel in Ökonomie mit durch die Gegend, den er komplett geklaut hat, es ist also nicht so, daß dieser Mann keine Fassade aus Kompetenz auf einer Basis aus Täuschung aufbauen könnte.
Außerdem frönte er in den End-Neunzigern seinem alten Hobby und war wieder Offizier beim KGB – Pardon, beim FSB natürlich, der absolut und auf keinen Fall irgendwas mit dem KGB der Sowjets zu tun hatte.
Dann entschloß sich Putin, Präsident zu werden, weil er den besoffenen Jelzin nicht mehr ertragen konnte, den die Amerikaner als Verwalter russischer Ressourcen in Moskau mit Hilfe dieser demokratischen Wahlen installiert hatten. Zum Glück war Jelzin besoffen genug, um Putin direkt als seinen Nachfolger vorzuschlagen. Hatte ich schon erwähnt, daß amerikanische ‘regime change’-Politik gerne mal zu einem Bumerang wird?

Bild 1: Kalif anstelle des Hampelmanns
Dies ist der Moment in der Geschichte, in dem Wladimir Putin beschliesst, selber Chef der Russischen Föderation zu werden, damit er nicht länger von besoffenen Clowns regiert werden muß.

Kaum im Amt, gab es in Moskau Bombenanschläge, die nie aufgeklärt wurden, aber zum Einmarsch russischer Truppen nach Tschetschenien führten, weil irgendwelche Islamisten schuld waren. Sagte Putin. Auch so ein Gebiet, über das sich heute keine Nachrichten mehr finden. Aber der body count irgendwelcher Warlords im ehemaligen Libyen interessiert ja auch keinen, schließlich ist das Land von demokratischen Bomben zerstört worden.
In den folgenden Jahren verwandelte Waldimir Putin Rußland in die Version der Demokratie, die auch die amerikanischen Republikaner immer meinen, wenn sie das Wort in den Mund nehmen, gern in Kombination mit „Freiheit” und „Rechtsstaat”. Demokratie ist es dann, wenn die Republikaner die Wahlen gewinnen, Waffen als kostenloses Geschenk in Säuglingsstationen verteilt werden und man Frauen in ihre Vermehrung reinquatschen kann. Ein Punkt, der übrigens in den USA demnächst noch für maximalen soziologischen Streß sorgen wird.
Überhaupt nahm Putin sich endlich mal ein Beispiel an anderen, westlichen Demokratien, wie das ja oft gefordert worden war. Das deutsche Netzwerkdurchsetzungsgesetz zum Beispiel erkannte der ehemalige Geheimdienstmann als das hervorragende Zensurwerkzeug, das es ist und übernahm es quasi unverändert ins Russische.

Der Tod der Sowjetunion war tatsächlich geopolitisch eine Katastrophe. Denn außer den kaputten USA und ihrer Ideologie war nichts da, um das Vakuum zu füllen. Nehmen wir also mal ‘nen Krimsekt mit Putin…

In einer Rede zur Lage der Nation im Jahr 2005 nannte Wladimir Putin den Zerfall der Sowjetunion die „größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts”.
Ein Punkt, der ihm gerne mit unvollständigen Zitaten vorgehalten wird.
Auf der einen Seite ist diese Bewertung richtig. Im Rußland der 90er Jahre fielen ausländische Firmen über die Ressourcen des Landes her wie zur selben Zeit die Treuhandgesellschaft über die Konkursmasse der ehemaligen DDR. Die USA, deren Gegner sich ohne Rücksprache einfach aufgelöst hatte, standen plötzlich da wie der Imperator in Star Wars, nachdem Luke Skywalker seinen Vorschlag angenommen hatte, mit ihm gemeinsam die Galaxis zu beherrschen.
Was macht man, wenn man plötzlich machen kann, was man will?
Die USA entschlossen sich, sich sofort neue Feinde zu erschaffen, bevor einer dumme Fragen über das Militärbudget stellen konnte. Saddam Hussein war so freundlich, George Bush Sr. dabei zur Hand zu gehen. So etwas nennt man „neue Märkte erschließen”.
Während der amerikanische Riese also mit einer Flasche Jim Beam in der linken Hand und einem M16 in der rechten durch die Geopolitik trampelte, fielen in Rußland die Daten für alles ins Bodenlose. Geburtenraten, Lebenserwartung bei Männern und Frauen, Bildungsstand, Verdienste – alle Kurven waren auf dem Weg nach Süden.
Einzig der Verbrauch von Wodka und Medikamenten war auf dem Weg nach oben, die Selbstmordraten erreichten Höhen weit jenseits der von russischen Romanautoren, aber alle anderen Kennzahlen sahen aus, als hätte die FDP ein Wirtschaftsentwicklungsprogramm für das ganze Land ausgerollt.

Diesen Tendenzen trat Putin als Präsident entgegen. Er warf die ausländischen Arschlöcher raus und ersetzte sie durch seine persönlichen Mafiakumpels. Ebenso wie US-Republikaner sah er offenbar keinen Grund, warum man mit dem Verkauf seines Landes nicht wenigstens selber reich werden sollte und sich gleichzeitig mit Leuten zu umgeben, die einem ein paar Milliarden Gefallen schulden. Ob in Dollar, Rubel oder Schweizer Franken, ist dabei ja egal.
Europa wiederum verpennte in den 90ern jede Chance, sich als eigene politische Entität aufzubauen und sich inhaltlich neu auszurichten. Gerade Deutschland und seine Regierungen mit ihrem völligen Mangel an politischer Vision versagten hier auf ganzer Linie.
Die Willenskraft einer schwindsüchtigen Libelle, gepaart mit der Dynamik und Vison eines Faultiermaulwurfs, führten zum ersten Bundeskanzler der FDP, Gerhard Schröder. Nur dieser Mann konnte den Sozialstaat schreddern und somit die Grundlagen für die sozialen Verwerfungen legen, die heute pöbelnd durch die Straßen ziehen, weil sie unter Papiermasken ersticken, aber gleichzeitig allen Feinden Deutschlands mit Revolution und Umsturz drohen. Wäre Gerhard Schröder ein Agent Moskaus gewesen, der das Land sozialpolitisch durch totalen Kapitalismus hätte zersetzen sollen, er hätte kaum mehr Schaden anrichten können. Fehlt nur noch, daß er heute aus Moskau schlaue Sprüche machte, während er sich mit Gerdgas den Hintern heizt.
China nutzte diese Zeit, um die entstandenen geopolitischen Lücken industriell aufzufüllen und überall einzusickern, wo es nur ging.
Diese Transformation einer bipolaren zu einer multipolaren Wirtschafts- und Geopolitik vollzog sich von den USA weitgehend unbemerkt oder unbeachtet, dazu waren die zu machtbesoffen. Geweckt wurde das Land aus diesem Rausch dann am 11. September 2001. Ich werde hier keine ausführliche Analyse der Ursachen der Ereignisse einbauen und auch keine Analyse der Folgen. In Kurzfassung sei lediglich angemerkt, daß sich der schon vorher psychologisch bedenkliche Zustand amerikanischer Innen- und Außenpolitik durch dieses Ereignis nicht zum Besseren verändert hat.

Während die USA in den weiteren Jahren ihre Reputation so gründlich in Trümmer legten wie die Länder, die sie überfielen, widmete sich Putin dem Wiederaufbau Rußlands. Klingt seltsam, ist aber tatsächlich so. Mit dem Alkoholverbrauch stabilisierten sich auch die Leberwerte russischer Männer jenseits der 65, selbst die Geburtenraten stiegen wieder etwas an, als sich die wirtschaftliche Erholung verfestigte. Ganz besonders in der Hochpreisphase für fossile Rohstoffe nach 2010, in der Nachwirkung noch bis etwa 2016.
In westlichen Medien wurde im Nachgang der Rede von 2005 immer wieder darüber geschrieben, daß Putin die Sowjetunion wiederherstellen wolle. Anfangs schien diese Interpretation gestützt zu werden von Zahlen, die die Beliebtheit der Sowjetunion in Rußland anzeigten und die sich nach oben entwickelten. Aber eben nicht dauerhaft. Mit einsetzender ökonomischer Erholung gingen diese Werte zurück und lagen letztlich deutlich unter den 62 Prozent, die ein Friedrich Merz aktuell bei seiner Wahl zum CDU-Vorsitzenden bekommen hat und die ich an dieser Stelle einfach mal die „Nostalgische Trottelschwelle” nennen möchte.
Man denke dabei an Menschen, die sich heute im Osten der deutschen Republik die kuschelige DDR-Zeit wieder herbeiwünschen, in der sie noch nicht in einer Diktatur gefangen waren, die sie impfen lassen wollte.

Putins Blaupause für die Zukunft ist nicht die Sowjetunion. Denn die ist letztlich gescheitert. Wladimir Putin ist niemand, der sich am Scheitern ein Vorbild nimmt.

Was unter Putin aber deutlichen Aufschwung nahm, ist eine Form der mythischen Verklärung von Vollarschlöchern, in diesem Falle Stalin. Bis zu 70 Prozent setzten den ollen Diktator auf einer Hitliste nach ganz oben, die das Moskauer Levada-Zentrum 2019 aufstellen ließ.
Die Begründung dafür ist soziologisch durchaus einleuchtend: im Gegensatz zu seinem Gegenstück, diesem abgebrochenen Österreich-Import in Berlin, hatte er den Krieg gewonnen und das Land hinterher als neue Großmacht aufgestellt. Der schlappe Österreicher hingegen hinterließ eine zertrümmerte ökonomische und wissenschaftliche Großmacht in spe und eine Blutspur, die man danach nicht einfach mit weiterer Herrschaft aus der Geschichte wischen konnte.
Der unerfüllte Traum der russischen Herrscher war ausgerechnet von diesem Mann aus Georgien verwirklicht worden, könnte man sagen. Denn Rußland, das muß man einfach historisch mal festhalten, ist noch niemals in seiner Geschichte demokratisch regiert worden und einen Trait hatten alle seine Herrscher gemeinsam: Expansionismus.
Diesem Traum eines Eurasien unter russischer Flagge setzte der Zusammenbruch der Sowjetunion und des Warschauer Pakts ein Ende, und das war keine geopolitische Katastrophe, sondern eine gottverdammt glückliche Wendung der Dinge. Denn zumindest war die Sowjetunion so vernünftig – danke an Gorbatschwow – die Gelegenheit nicht für einen Dritten Weltkrieg zu nutzen, um vom eigenen Versagen abzulenken. Der Sturz kam sogar geschichtlich zu einem sehr wichtigen Zeitpunkt.
Dummerweise haben alle nennenswerten Mächte der Erde bei der Suche nach einer Antwort und einem neuen Narrativ für die Zukunft der Welt komplett versagt. Was unter anderem daran liegt, daß die Klügeren immer nachgeben sollen und wir deshalb von einem Chor aus Idioten regiert werden, der aber gewählt wird und deshalb offiziellen Status hat.

Wenn Putin sich als Putin der Große sieht, bliebe die Frage, von welchem oder welcher Großen er sich den Beinamen aus der russischen Geschichte leihen will.
Da wäre natürlich Katharina. Unter der Herrschaft dieser Zarin verdoppelte sich die von Rußland als Staatsgebiet beanspruchte Fläche. Unter anderem eroberte sie die Krim, wegen ihrer strategischen Bedeutung als Zugang zu eisfreien Häfen. Allerdings war die Dame deutscher Herkunft.
Seit geraumer Zeit bemüht er in Reden die „tausendjährige Geschichte” Rußlands. In einem Essay von Putins Gnaden kam Putin zu der Auffassung, die Ukraine sei eigentlich gar kein richtiger Staat, sondern bilde eine „historische Einheit” mit Rußland.
Diese etwas eigenwillige Interpretation beruht auf der Geschichte der Region, in der etwas vorkommt, das sich Kiewer Rus nennt. Die in der Stadt ansässigen Großfürsten waren die Herrscher eines ausgedehnten Reiches und entstammten einem Geschlecht namens Rurikiden. Ende des 12. Jahrhunderts gründete einer von diesen Typen dann Moskau, im Randgebiet der ständig von Überfällen durch Steppenreiter heimgesuchten Region. Eine Wehranlage wurde errichtet.
Der Rest ist eine Sache von Familienstreitigkeiten der Rurikiden, bis schließlich die ersten Großfürsten nach Moskau zogen, im 14. Jahrhundert dann gefolgt vom Hauptsitz des Metropoliten, das ist in der russisch-orthodoxen Kirche das Äquivalent zum Papst. Das heutige Rußland hat seinen Namen aus dieser Zeit.
Die Wehranlage von damals ist heute der Kreml, errichtet von Iwan III., seines Zeichens Großfürst von Moskau und der Mann, der sogar Katharina übertrifft, denn er vervierfachte das Herrschaftsgebiet, das er selbst geerbt hatte. Allerdings war das auch im 15. Jahrhundert, insofern ist der Vergleich nicht ganz fair.
Mit der gern angeführten historischen Begründung könnte also Kiew heute sehr wohl behaupten, daß Moskau eigentlich zur Ukraine gehören sollte und nicht etwa umgekehrt.

Die Aussagen Putins scheitern hier aber schon am historischen Faktum, daß die Kiewer Rus eben kein homogener Nationalstaat waren. Es ist nichts weiter als historisch verbrämte Propaganda eines imperialen Hegemons, wie man sie schon mehr als einmal in der Geschichte gehört hat.
Auch das Argument, in der Ukraine würden viele Russen leben, hätten immer dort gelebt und außerdem würden diese armen Märtyrer-Minderheiten ständig menschenrechtlich unterdrückt, ist aus Zar Putins Munde mehr als einmal zu hören gewesen. Meine Geschichtskenntnisse zeigen mir da sofort das Bild eines anderen Mannes. Es ist nicht Alexander. Oder Katharina. Es ist Hitler. Allerdings Hitler mit Hirn, und das macht die Sache gefährlich.
Wenn Putin beim Rasieren in den Spiegel guckt, sieht er dort nach meiner Überzeugung eher das Gesicht von Iwan III. Iwan dem Großen.
Dem Mann, der Rußland als einheitliches Herrschaftsgebiet erschaffen hat und er erste war, der sich Zar nannte, in Entlehnung des byzantinischen Kaisar, denn Iwan III. heiratete 1472 die Nichte des letzten byzantinischen Kaisers, nachdem die Stadt 1453 von den Osmanen erobert worden war. Aber das macht die Sache nicht ungefährlicher.

Bild 2: Wladimir der Große
Putin sammelt gerne anderer Leute Nationalflaggen und möchte das Rußland seiner Träume gerne wiederherstellen. Ob er sich dabei auf ein Großfürstentum beschränkt oder gleich bis an den Atlantik marschiert, hängt auch von den Zügen seiner Gegenspieler ab.

Die Krim hat Putin schon erobert. Auch wenn westliche Politik noch immer so tut, als würde man dieses Gebiet irgendwann zu Weihnachten zurückkriegen, um es der Regierung in Kiew unter den Baum zu legen. Diese Aussicht, in dutzenden politischer Reden oder Zeitungskommentare immer wieder zwischen den Zeilen oder in den Zeilen zu finden, ist illusorischer Blödsinn. Denn wie sollte Europa das machen?
Falls Putin die Fläche Rußlands verdoppeln möchte oder auch nur die Ukraine einsacken, weil der einzige, der Russen entgegen aller Menschenrechte foltern und die Opposition verhaften lassen darf, in Putins Welt nun einmal Wladimir Putin heißt, dann geht Europa schweren Zeiten entgegen.
Ich habe nämlich deutliche Zweifel, daß Putins Sowjetunion 2.0 die Freundlichkeit haben wird, an der Oder-Neisse-Grenze anzuhalten bei einem Vormarsch. Oder an der Elbe.
Schließlich leben auch in Deutschland Russen, dank tatkräftiger Mithilfe des CDU-Mannes Helmut Kohl sogar mehr als noch vor 40 Jahren. Fast könnte man diesem Mann vorwerfen, eine unkontrollierte Russifizierung in Gang gesetzt zu haben.
Deutschland war auch Jahrzehnte lang gar kein richtiger Staat. Aus Putins Sicht ist es auch jetzt keiner. Immerhin hat Deutschland weder eine Armee noch Atomwaffen. Die Ukraine hatte welche. Nach der Auflösung der Sowjetunion zum 1. Januar 1992 nämlich. Plötzlich hatte man nicht nur die strahlenden Trümmer Chernobyls am Hals, sondern auch sowjetische Atomwaffen in Silos. Die wiederum hat die Ukraine abgegeben. Der Westen hatte das sofort als wichtigen Verhandlungsgegenstand erkannt und darauf gedrängt, Kiew möge da doch schnell eine Einigung mit Moskau finden.
Dem NATO-Westen erschien die ukrainische Regierung damals zu unzuverlässig – also zu wenig westlich – und zu instabil. Schade eigentlich. Wäre die Ukraine bis heute atomar bewaffnet, würde Putin das Maul nicht so weit aufreißen.

Vielleicht sollte die neue Bundesregierung mal in Frankreich anfragen, ob man da nicht ein Recycling-Programm für deren abgebrannte Brennstäbe auflegen könnte. Frankreich könnte mit dem Geld den Sektor regenerativer Energien ausbauen, Deutschland mit dem in Brennstäben bereits angereichertem Uran…innovative Technologien verfolgen. Das macht die FDP ja so gern, wenn es darum geht, die Zukunft möglichst lange zu ignorieren.

Wladimir Putin wird nicht aufhören, Truppen zusammenzuziehen. Er wird auch nicht davor zurückschrecken, die Ukraine anzugreifen. Denn die Antwort des so viel beschworenen, glorreichen Westens wäre – was? Amerika boykottiert Borschtsch in Dosen? Der Russisch-Unterricht an deutschen VHS wird abgeschafft? That’ll show him!
Wenig hilfreich bei der ganzen Scheiße ist natürlich auch der amerikanische Tattergreis im Weißen Haus. Also, nicht der aktuelle, sondern der Vorgänger, dessen Hobbies außer dem Bescheißen beim Golfspiel auch das Zerreißen internationaler Verträge umfaßten. Das macht schon Freude auf eine zweite Amtszeit von Trump.
Ich war niemals ein Fan einer Ukraine als EU- oder NATO-Mitglied. Ebenso wie Putin das jetzt als Forderung bringt, war meine persönliche Idee dieses Landes die einer fortgesetzten Neutralität. Die allerdings muß natürlich von beiden Seiten garantiert werden. Was Rußland aber auch nie gemacht hat. Putin fordert immer nur Garantien von anderen. Da könnte er wieder CDU-Vorsitzender sein. Die fordern ja auch von der Ampelregierung, mal was gegen die Pandemie zu tun oder gut zu regieren.
Allerdings garantieren die USA auch gar nichts, sondern kommen immer nur mit dem Spruch, jedes Land solle sich frei entscheiden können.
Vor einigen Jahren hätten sich die Ukrainer aber mit großer Mehrheit weder für die EU noch die NATO begeistern lassen, das paßte dem Großen Bruder in Washington dann auch wieder nicht. Putins aggressive Politik treibt die Ukraine also seit Jahren in eine Richtung, von der die Bevölkerung des Landes bis vor ein paar Jahren nichts wissen wollte. Das mit dem politischen Bumerang ist wahrlich kein amerikanisches Patent.

Ich kann auch Wladimirs Ästhetik durchaus verstehen. Ich hätte auch keinen Bock darauf, von meiner Datscha bei Moskau aus auf die Raketenabwehr der NATO in der Ukraine zu gucken. Wie sieht das denn aus, da hinterm Gartenzaun?
Und das alles nur, damit Raytheon weiter fette Geschäfte macht, die US-Bürger mit Schulden und Inflation bezahlen sollen. Nein. Würde mein Nachbar eine SAM-Stellung in seinem Garten zu betonieren beginnen, würde ich auch das Ordnungsamt anrufen. Ich bin ja Deutscher.

In Kommentaren wird gerne argumentiert, Putin solle da mal nicht so streng sein, da die Truppenstärken der NATO in Georgien als Beitrittskandidat oder in den baltischen Republiken als Mitgliedern eher ein symbolischer Akt sind und keinerlei militärische Bedrohung darstellen.
Das ist natürlich einerseits richtig. Ganz besonders, wenn man bedenkt, daß für die Rote Armee Putins ohnehin nichts eine Bedrohung darstellt. Als Quelle nenne ich hier mal Putin. Wobei ich nicht weiß, ob die Rote Armee noch immer so heißt. Haben die sich mal umbenannt? Schließlich sind die Russen seit dem besoffenen Jelzin Kapitalisten, wie alle anderen auch.
Das waren sie zwar auch vorher schon, aber da mußten sie das eben noch verstecken. Breschnew, die Augenbraue des Grauens meiner Kinderjahre, hat sich doch mit seinen Genossen Parteimitgliedern nicht über Marxistisch-Leninistische Parteitheorie unterhalten. Die haben über Bilanzen geredet.
Andererseits ist das Argument Unsinn, denn die NATO beruhte niemals auf Truppenstärken, sondern eben dem Bündnisversprechen an die Mitglieder. Insofern sind also in allen NATO-Staaten immer alle Truppen stationiert.
Aber auch Putins gerne gebrachtes Argument, Rußland sei systematisch vom Westen eingekreist worden, ist selbstverständlich rhetorischer Killefitt. Es gab bei den ersten Beitritten ehemaliger Mitglieder des Warschauer Pakts immer Rücksprachen mit Rußland, nämlich im extra dafür eingerichteten Nato-Russland-Rat, da war der Name Programm. So äußerte sogar Boris Jelzin Verständnis für Polens Wunsch nach einer Westbindung, und der war zwar besoffen, aber trotzdem gewählter Präsident der Russischen Föderation zu dem Zeitpunkt. Und Donald Trump war dafür eine durchaus angemessene Antwort, also sind die Staaten da eigentlich quitt.

Jedenfalls hat Putin Gerüchten zufolge diese Armee mit einer Handvoll neuer Waffen ausgestattet, die in den letzten Jahren auch präsentiert wurden. Neue Panzer, doppelt so panzerig wie früher. Diese neuen Hyperschallwaffen, die auch die Chinesen entwickeln, die dreckigen Kommunisten.
Das auch die USA längst an diesem Zeug forschen, und das auch schon länger, dafür mit weniger Erfolg als China, lassen wir hier mal außen vor. Wir wollen das Narrativ schließlich einfach halten.
Ich habe bereits vor ein paar Jahren gelesen, daß es diverse Simulationen gab, in denen ein fiktiver Trägerverband – Flugzeugträger fahren niemals allein – von fiktiven Raketen angegriffen wird, die eben sehr schnell und sehr tief fliegen können und von der Küste abgefeuert werden. Wo Flugzeugträger sind, muß ja auch irgendwo Küste sein. Die von Taiwan zum Beispiel. Da wäre die von China nicht weit weg.
Diplomatisch gesagt: diese Simulationen gehen in etwa so aus, als würde Bayern München mit seinem geimpften, geboosteten und mit extra Anabolika aufgefrischtem A-Kader gegen die aus saufenden Proletenblagen bestehende sogenannte Fußballmannschaft antreten, die hier am Rande der Zivilisation, wo Kassandras Bambushütte steht, auf dem Acker gegen den Ball zu treten versucht.

Luftangriffe sind out, Twitter und Facebook sind in. Flugzeugträger trumpfen Schlachtschiffe. Disruptive Technologien verschieben Machtgleichgewichte.

In den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts gab es schon einmal eine technologische Entwicklung, die die bis dahin propagierte Speerspitze mariner Kriegsführung bedeutungslos machte: das Flugzeug.
Ein Mann namens Billy Mitchell behauptete in den USA, ein gut geführter Bomberangriff könne jedes Schlachtschiff in Poseidons Reich schicken, völlig egal, was die Admiräle so behaupteten. Wir befinden uns hier in einer Zeit, in der die Luftwaffe der Unvereinigten Staaten von Amerika aus Doppeldeckern besteht. Konstruktiven Überbleibseln des 1. Weltkriegs, die man nur deshalb noch nicht in Omas Ofen verfeuert hatte, weil diese fliegenden Dinger sich beim Transport von Post und ähnlichen Dingen als ganz brauchbar erwiesen.
Während woanders Pläne für Ganzmetall-Tiefdecker mit hochgezüchteten Motoren geschmiedet wurden, schrieb ein Brite namens Liddell Hart ein Buch darüber, wie man mit Flugzeugen und Panzerverbänden, gefolgt von Infanterie, einen Krieg gegen einen Feind führen könnte, um dessen Kräfte schnell und brutal zu zerschlagen. Hart nannte das Prinzip “indirect approach”.
Amerika hingegen war nach dem Krieg wieder in seine isolationistische Haltung zurückgefallen, die erst durch Pearl Harbour wieder gebrochen werden sollte. Offiziell. Inoffiziell hatte die Roosevelt-Administration natürlich dafür gesorgt, daß Pearl Harbour erst stattfinden konnte oder sogar mußte. Aber wir wollen diesen amerikanischen Heldenmythos hier mal ruhen lassen, schließlich wollen wir das Narrativ…aber das sagte ich schon.

Mitchell flog schließlich nach langen Vorbereitungen seine Angriffe auf Schlachtschiffe, als Experiment. Mit vollem Erfolg. Die klapperigen Flugmaschinen versenkten die Krönung der damaligen Marinetechnik tatsächlich. Allerdings störte sich die Admiralität nicht daran. Sie änderte fortlaufend die Regeln, Mitchell versenkte die Schiffe trotzdem und hinterher erklärte die Navy dann im Tonfall des Präsidenten von Independence Day, daß das Schlachtschiff für die nächsten 100 Jahre die Meere beherrschen würde, das hätten die gescheiterten Experimente dieses irren Fliegertypen klar ergeben.
Die Besatzung der USS Arizona, die heute ein Korallenriff in Pearl Harbour ist, hätte hier vermutlich leise Kritik geäußert. Da anschließend von der Navy aber jede Menge Flugzeugträger gebaut wurden, um den Pazifikkrieg überhaupt führen zu können, redet da heute keiner mehr drüber.
Auch die Besatzung der Bismarck, die von einem eher altersschwachen Flieger einen Torpedo in ihre Ruderanlage gesetzt bekam, bevor das Schiff dann erlegt wurde, hätte da ein paar Anmerkungen gehabt.
Mitchell starb 1936. Das Buch von Liddell Hart über den schnellen Bewegungskrieg mit Panzern wurde in Großbritannien rundheraus ignoriert, obwohl Hart durchaus angesehener Militärhistoriker war und 1966 geadelt wurde, vier Jahre vor seinem Tod.
Sein Buch fand allerdings in Deutschland einen sehr aufmerksamen Leser, der die Erkenntnisse des Briten später einem Mann aus Österreich vortragen würde, der dummerweise gerade von einem dementen Tattergreis zum deutschen Reichskanzler ernannt worden war. Der deutsche Leser von Liddell Hart war Heinz Guderian.

Heute, in den 20er Jahren des 21. Jahrhunderts, stellen Hyperschallwaffen eine ebenso ignorierte, totgeschwiegene, aber doch signifikante Unbekannte dar.
Amerikas Überlegenheit, die Hauptschlagader der Machtprojektion der USA, beruht auf der Fähigkeit, immer und überall unter Luftüberlegenheit zu operieren. Die jungen Leutnante aus West Point lernen seit Jahrzehnten nichts anderes mehr. Trotz Vietnam oder Irak oder Afghanistan ist das noch immer die vorherrschende Doktrin der US-Militärs.
In allen Fällen handelte es sich aber auch um Kriege gegen technologisch weit unterlegene Gegner. Überhaupt haben es die Amerikaner nie so gehabt mit einem Kampf auf Augenhöhe. Jedenfalls ist der Flugzeugträger die Waffe, die Speerspitze, die noch die nächsten 100 Jahre die Ozeane beherrschen wird. Und außerdem Militärbudgets ermöglicht, die einem Ozeanien in Orwells 1984 Freudentränen in die Augen getrieben hätte.

Das ist der Grund, warum öffentlich über die Entwicklung von Hyperschallwaffen so ein Geraune gemacht wird. Kein US-Trägerverband würde einen Nahkampfkontakt mit solchen Waffen überstehen. Noch existieren diese Waffensysteme nicht in kleinerem Maßstab. So weit ich weiß, gibt es noch keine Raketen dieser Art, die, sagen wir, aus einer Fabrikhalle bzw. von deren Dach mit einem schnell aufstellbaren Rampensystem abgefeuert werden können, um dann in einer Flughöhe von, sagen wir, unter 200 Metern ihr Ziel anzusteuern. Denn Hyperschallflug in der dichten Atmosphäre ist natürlich physikalisch gesehen eine echte Pest, das geht schon bei der Materialentwicklung los. Grundlegend aber sind die Probleme, die sich für ein von mir beschriebenes System ergeben, sehr lösbar.
Auch Flugabwehrraketen, die man sich auf die Schulter hebt, ein Ziel anpeilt, auf einen Knopf drückt, und dann das Weite sucht, waren mal Science Fiction. Heute sind die MANPADS Standardausrüstung jeder Armee. Außer der Bundeswehr. Die Russen setzen ein System der vierten Generation ein, das im Westen entwickelt, aber als zu teuer befunden wurde.
Exakt vor diesen Entwicklungen fürchten sich die USA am meisten. Ich hatte einmal im Blog erwähnt, daß der endgültige Niedergang der USA wahrscheinlich mit einer unerwarteten militärischen Niederlage gegen einen (angeblich) technologisch rückständigen Gegner beginnen wird. Ich bleibe bei dieser Vorhersage.

Bild 3: Der Kurier des Zaren
Schon mehr als einmal hat sich Putin keinen Deut um irgendwelche ‘Roten Linien’ geschert, die von den USA oder sonst wem in den Sand gezeichnet worden sind. Ganz im Gegenteil. Zeichnung von Heiko Sakurai. [Quelle]

Um einen Gegner auf Augenhöhe zu holen, kann man ihm auch in die Eier treten. Ich habe das auf einem Schulhof gelernt.
Während sich die Augen des greisen Präsidenten der USA – kann sich noch jemand an Juri Andropow oder Konstantin Tschernenko erinnern? – auf den Pazifikraum richten, in dem China und Taiwan sich bis an die Zähne bewaffnet an der geostrategisch wohl wichtigsten Meeresstraße der Welt gegenüber liegen, bekommt Vlad Putin hier in Eurasien Oberwasser. Rohstoffe verticken kann er im Zweifel auch an die Chinesen, die nehmen sein Gas gerne.
Tatsächlich hat Rußland bereits vor einigen Jahren einen großen Vertrag geschlossen, der China zum Bau der Pipeline-Infrastruktur verpflichtet, während Rußland zu gefälligen Preisen Gas zu liefern verspricht. Deutsche Versuche, mit Hilfe des „Nord Stream 2″-Projekts entscheidend Druck auf Rußland auszuüben, werden also vermutlich eher wenig Aussicht auf Erfolg haben, sofern sie denn überhaupt stattfinden. Im Gegensatz zur Ostseepipeline ist das andere Projekt mit den chinesischen Kumpels bereits in Betrieb. Schwer zu sagen, wer da jetzt wessen Vasall sein wird.

Es gab noch einen anderen Satz, den ich 2014 und danach oft benutzt habe: »Eine Besetzung der Krim ergibt nur dann militärisch Sinn, wenn man sich auf Dauer einen Landkorridor sichert, der das Gebiet an Rußland anbindet.«
Inzwischen hat Putins Rußland eine Brücke gebaut, um die Krim von russischem Territorium aus zu versorgen. Aber eine Brücke ist immer eine Nabelschnur, die durchtrennt werden kann. Ein Landkorridor nicht. Womöglich sind die bisher aufmarschierten 100.000 Mann dazu da, ein begrenztes Gebiet zu besetzen und jedem zu sagen: »Komm hier besser nicht rein.«
Die Frage ist allerdings, ob dieses begrenzte Gebiet ein Landkorridor ist, der die Krim mit Rußland verbindet, oder eben doch die ganze Ukraine.

Im Sinne des Schachspiels wäre das die Eroberung einer Position auf dem Brett, aus der mich ein Gegner nicht mehr vertreiben kann, ohne Opfer zu bringen. Allerdings wird ein Spieler immer versuchen, aus einer solchen Position heraus das Brett für sich zu gewinnen.
Es kann nur ein Remis geben, wenn ich ihn entschlossen eindämme. Oder ich muß ihm ganz deutlich klar machen, daß ich im Zweifel die Stellung doch aufbrechen werde, die angesprochenen Opfer also nicht scheue, und mich entsprechend positionieren. Beides wiederum ist eine Entscheidung des jeweils anderen Spielers. Remis oder nicht?

Hätte Frankreich die Besetzung des Rheinlands durch Hitler 1936, einen klaren Verstoß gegen den Versailler Vertrag, mit einer Kriegserklärung und Gegenbesetzung beantwortet, der Kampf wäre kurz gewesen. Die grandiose Wehrmacht bestand aus nicht mehr als vier Divisionen, Panzer und Flugzeuge waren nur sehr begrenzt verfügbar, Deutschlands Militär hätte gegen die durchaus ebenfalls modern ausgestatteten etwa 100 Divisionen Frankreichs keinerlei Chance gehabt. Hitlers Nimbus als Kriegsherr wäre verpufft wie ein Hundefurz auf dem Spaziergang.
Hätte Großbritannien die Eier gehabt, Deutschland 1938 den Krieg zu erklären, statt andere europäische Länder für ein Stück Papier zu verschachern, wäre der Welt auch einiges erspart geblieben. Unser Planet sähe heute deutlich anders aus.
Tatsächlich fielen der Wehrmacht bei der Besetzung des Sudetenlandes derartig viele Waffen in die Hände, daß Hitlers Kriegsbemühungen dadurch erheblichen Auftrieb bekamen. Auch die Festungsanlagen in den besetzten Gebieten wären nach Meinung der Wehrmachtsführung wohl nicht zu überwinden gewesen. Die Zerschlagung der Tschechoslowakei war wiederum nur möglich, weil auch Polen und Ungarn als Nachbarstaaten mit den Nazis gemeinsame Sache machten.
Der „Wiener Schiedsspruch” sprach Ungarn Gebiete zu. Die Schiedsrichter waren das faschistische Italien und das nationalsozialistische Deutschland. Ungarn wurde von einem rechten Arschkriecher und Nationalisten beherrscht, so wie heute auch. Polen sackte sich seine Quadratkilometer ohne Schiedsspruch ein. Das Olsagebiet, so Polen, sei schließlich sprachmehrheitlich polnisch und zudem schon immer zwischen der Tschechoslowakei und Polen umstritten gewesen.
Wobei mir einfällt: Wie viele Russen leben eigentlich heute so in Polen oder haben da gelebt? Vielleicht sollte Warschau sich da ein paar Sorgen machen.


Die Zukunft ist oft etwas, dessen Gestalt wir in der Vergangenheit schon erkennen können.
Kassandra wünscht allen Lesern ein Fröhliches Weihnachtsfest. Prost.


Update 20220122: Ach, guck. Inzwischen kommen auch andere Strategen auf die Idee mit dem Landkorridor, den Putin sich abgreifen möchte. Womöglich kann er das besser, wenn er Kiew als Fauspfand hat.

35 Comments

  1. Frohen 4. Advent und danke für den Artikel!

    Es bleibt spannend! So viele Krisenherde und viiiiel zu wenig Popcorn zum Futtern. 😉

    Im Deutschland-Kanal grad nen Sketch zur Pandemie gesehen:

    Lauterbach schließt Lockdown vor Weihnachten aus; Expertenrat fordert 8 Minuten später genau das.

    Kompromissvorschlag: wir machen es wie in allen Bereichen: Kopf in den Sand stecken und ignorieren bis im Januar die Leute vor den Kliniken auf der Straße abbippeln!

    Ach, und wer hat Lust, am Samstag mit gegen die Schwerkraft auf die Straße zu gehen?! Das gab es doch früher nicht und ist sicher so eine Erfindung von diesem Gates!

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    1. Schwerkraft

      Im Deutschland-Kanal grad nen Sketch zur Pandemie gesehen:
      Lauterbach schließt Lockdown vor Weihnachten aus; Expertenrat fordert 8 Minuten später genau das.

      Abgerundet wird der Sketch dadurch, daß auf Twitter die Union – die verfickte Union! – daraufhin das Maul aufmacht und sagt, die Regierung müsse sofort was unternehmen, noch vor Weihnachten.

      So wie letztes Jahr. Als man Samstag beschloß, es werde Lockdown. Aber erst ab Mittwoch, nicht ab Montag. Und der fette Altmaier sich dann noch bei BamS hinstellte und knödelte »Hoffentlich gehen jetzt nicht alle einkaufen!111!«

      Was erstaunlicherweise nicht funktionierte. GNARF!

      Frohen 4. Advent und danke für den Artikel!

      Oh. Stimmt. Habe ich wohl verpaßt.

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  2. Sehr gute Zusammenfassung des Weltgeschehens.

    Kassandra klingt irgendwie wie die deutsche Version eines von mir sehr geschätzten amerikanischen Autors (John Michael Greer), der sich bereits vor fast 10 Jahren ähnliche Gedanken zum Niedergang der sogenannten USA machte.

    Die damaligen Blog-Beiträge sind dank der Wayback Machine auch nach offizieller Löschung noch verfügbar, so dass man bei Interesse ein mögliches Szenario für den militärischen Untergang der USA nachlesen kann:
    https://web.archive.org/web/20130115223252/http://thearchdruidreport.blogspot.com.es/2012/10/how-it-could-happen-part-one-hubris.html

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    1. HiHiHi… Kassandra hat die Archivausgabe des Archdruid Report gedruckt daheim liegen. Beziehungsweise stehen. Im Regal nämlich.
      Ich bin über Greer gestolpert, nachdem ich angefangen habe zu schreiben. Bei irgendeiner Recherche tauchte sein Blog auf. Und das erste gekaufte Buch war dann “Long Descent”. Zu diesem Zeitpunkt war meine “Lange Dämmerung” als Konzept aber bereits existent.

      Aber es war sehr beruhigend zu wissen, daß andere Leute zu ähnlichen Schlüssen gekommen sind wie ich.

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  3. Sehr gut geschrieben und zusammengefasst. Zwar glaube ich nicht so sehr daran, dass eine Invasion droht, zumindest nicht nach Resteuropa, aber möglich ist es natürlich.
    Dringlichkeit Aufgabe ist sicherlich diesem Wladimir aufzuzeigen, dass eine russische Invasion in die Ukraine keine gute Idee sei.
    Leider und da sind wir uns einig, wer sollte das tun. Annalena? Die wird er sicher fürchten… Dieser dann doch sehr alte Greis, auf der anderen Teichseite….
    Lordin Helmchen, also die gute von der ähm Laien, oder so ähnlich.
    Irgendwie sehe ich niemanden der respektierbar und auch glaubhaft genug sein könnte, ihm Schranken zu zeigen.
    Andersherum halte ich ihn aber auch für klug genug, nicht die Einigkeit zu provozieren, durch unüberlegt Handeln…
    Bis auf weiteres werde ich mir aber Maisvorräte halten, um genug Popcorn bereit zu haben.
    Bis dahin wünsche ich allen aber erstmal irgendwie besinnliche Tage und bleib und bleibt gesund.

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    1. Europa ist vor allem weder einig noch sonderlich ernstzunehmen, wenn es auf irgendwelche moralischen Verwerflichkeiten beim Überfallen anderer Länder hinweist. Ich hasse es, das als Pazifist sagen zu müssen, aber Aufrüstung mit Waffen, die auch was taugen, wäre mal nicht die dümmste Idee.
      Europäischen Waffen. Keine amerikanischen, die zehnmal so teuer sind und mit chinesischen Chips laufen, die ohnehin die nächsten zehn Jahre Lieferschwierigkeiten haben werden.

      Am besten erklären wir Ostdeutschland zum potentiellen Schlachtfeld und stellen im Westen Atomwaffen auf. Dann haben wir wieder Kalten Krieg und die ganzen Protestler in Sachsen fühlen sich wieder wie zu Hause.

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      1. Ähhh, neee. Mei Saggsen wird kein Schlachtfeld! Der Sachse möchte widrige Umstände, aus denen er dank seiner Fischelanz als Sieger hervorgeht. Leider sind viele der hier Lebenden inzwischen strunzdumm, deswegen keine Fischelanz mehr…..
        Und was machen wir nur mit der Ukraine? Die will ja gar nicht neutral sein, sondern reich, egal wie. Mir macht Frau Baerbock Angst. Nicht dass sie noch vor lauter Feminismus in einen Krieg stolpert.

      2. In Sachsen fischt man mit Lanzen?

        Die Frau Baerbock hat erst am Freitag einen neuen alten Mann zum Staatssekretär im AA berufen, nämlich Michaelis. Der wiederum kennt wohl den scholzigen Berater für Außenpolitik noch aus der Diplomatenschule.

        Ich deute das als Zeichen enger Abstimmung zwischen Kanzleramt und Außenministerium – nach 16 Jahren CDU eine völlig neue Erfahrung, aber man kann es ja mal mit Profis versuchen.
        Schließlich hätten uns ehemalige spd und Grüne noch niemals außenpolitische Desaster beschert. Die stolpert also nicht alleine 😀

  4. fischelant = schlau, listig, aus dem Französischem

    Interessanter Querverweis, Michaelis, ich bemerke meine Ignoranz, den Namen hatte ich nie zuvor gehört. Auch ein Grüner, erfahren.

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  5. Russen wollen Wodka saufen und ihre Ruhe.
    Auf der anderen Seite sind sie genauso stolze Sensibelchen wie die Imper… ähh Amis. Sie knurren halt zurück, wenn immer hungrigere und verzweifeltere Straßenkater vor ihrem Zaun rumstreunern.
    Ein Blitzkrieg dürfte aus dem Osten eher nicht zu befürchten sein.

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  6. Europa ist uneins. So langsam vermischen sich Realität und Fiktion. Wenn ich “Occupied” schaue, wundere ich mich hinterher, dass nichts in den Nachrichten steht. Einerseits, was will Russland mit der Ukraine (Weizen für die Welt…), andererseits lenken Kriege so schön von inneren Problemen ab. Kaum jemand wollte sich in Russland mit Sputnik impfen lassen, die Querschwurbler hier hätten gerne Sputnik.
    Den Weg der Aufrüstung möchte ich jedenfalls nicht gehen.

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    1. Ich möchte das auch nicht. Das ist Verschwendung von Zeit, Geld und Ressourcen. Das ist aber nicht die Frage.

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  7. Wie immer schön geschrieben und oft auch sehr gut getroffen.

    Aber ohne Puntin jetzt gut reden zu wollen …
    Er hat halt das Problem das ihm das agressivste Militärbündiss der Welt gegenübersteht. PS: der NATO

    Die Nato hat Russland versprochen sich nicht nach Osten auszudehnen … hat sie mehrfach gebrochen.
    Die Nato sorry die USA haben einseitig viele Verträge (Abrüstung, Waffenkontrolle , keine weiter Atomare aufrüstung) gebrochen…

    Die Nato/EU hätten die Ukraine zu einen neuralen Pufferstaat machen können, was Russland wohl akzeptiert hätte … haben sie aber nicht.

    Die Nato baut direkt an Russlands Grenzen , Raketenabwehranlagen die weit in russisches Gebiet hinneinreichen. Man stelle sich mal vor Russland baut sowas in Cuba…

    Wir werfen Russlang Folter und Menschenrechtsverletzung vor und Foltern Assange und in immer noch nicht geschlossenen Folter-Lagern und verfolgen Whistleblower die Kriegsverbrechen aufgedeckt haben aber nicht die Kriegsverbrecher.
    Man kann nicht als Folterunion andern Staaten Folter werfen.

    Die EU pisst Russland seit Jahren ins Gewicht und erwartet dann entgegenkommen. Ich wunder mich seit Jahren das Russland der EU überhaupt noch Gas/Öl liefert.

    Jemand sagte mal so schön:

    Putin macht einfach das beste aus der gegebenen Situation. Und an der sind wir und die Nato mit Schuld.

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    1. Die Nato hat Russland versprochen sich nicht nach Osten auszudehnen … hat sie mehrfach gebrochen.

      Das ist nicht korrekt und steht auch in meinem Text.
      Es gab keine Versprechen der NATO, sich nicht nach Osten auszudehnen. Es ging in den 2+4-Gesprächen zur Wiedervereinigung Deutschlands um Übergangsregelungen für Sowjettruppen in der DDR. Sonst nichts. Denn der Warschauer Pakt existierte noch.
      Bei jeder weiteren Ausdehnung später wurde Rußland vorher konsultiert.

      Die Nato sorry die USA haben einseitig viele Verträge (Abrüstung, Waffenkontrolle , keine weiter Atomare aufrüstung) gebrochen…

      Auch das ist nicht korrekt. Die USA haben die Verträge auslaufen lassen – dank Donald Trump. Kaputtt gemacht wurde der Atomkontrollvertrag mit dem Iran, an dem Rußland aber nur indirekt beteiligt war. Idiotisch war das natürlich trotzdem.

      Die Nato/EU hätten die Ukraine zu einen neuralen Pufferstaat machen können, was Russland wohl akzeptiert hätte … haben sie aber nicht.

      Auch das steht im Text. Rußland hat niemals Garantien für eine neutrale Ukraine abgegeben und seit 2014 hat sich dieses Thema wohl auch erledigt. Wenn man schon einen Teil des Nachbarlandes besetzt hält, ist eine solche Zusicherung wenig glaubwürdig.

      Die Nato baut direkt an Russlands Grenzen , Raketenabwehranlagen die weit in russisches Gebiet hinneinreichen. Man stelle sich mal vor Russland baut sowas in Cuba…

      Ich wüßte nicht, daß Polen direkt an Rußlands Grenzen liegt. Wenn dort Raketenabwehr aufgestellt wird, ist das für Rußland sicherlich ärgerlich, aber auch nur, wenn man vorhat, mit den eigenen Raketen was anzugreifen. Ansonsten ist es egal.
      Die Reichweite der Systeme liegt bei etwa 500 Kilometern, das ist deutlich außerhalb der russischen Grenzen. Natürlich traue ich der US-Rüstungsindustrie auch nicht, aber wirklich bedrohlich sind die Systeme nicht.

      Wir werfen Russlang Folter und Menschenrechtsverletzung vor und Foltern Assange und in immer noch nicht geschlossenen Folter-Lagern und verfolgen Whistleblower die Kriegsverbrechen aufgedeckt haben aber nicht die Kriegsverbrecher. Man kann nicht als Folterunion andern Staaten Folter werfen.

      Völlig richtig. Fällt unter “politische Heuchelei”. Wir bombardieren ja auch Afghanistan, nicht etwa Saudi-Arabien. Rechtfertigt trotzdem keinen Angriff auf die Ukraine.

      Ich wunder mich seit Jahren das Russland der EU überhaupt noch Gas/Öl liefert.

      Simple Sache: Wir brauchen die Energie. Rußland das Geld. Europa zahlt pünktlich. Selbst die Sowjets haben zu Kältesten Kriegszeiten Gas geliefert.
      Rußland ist ein Drittweltstaat mit Atomwaffen. Das ist dem nationalen Bewußtsein eines Putin wenig zuträglich.

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      1. Russland ist ein BRICS-Staat. Ehemaliges “Schwellenland” oder 2. Welt, wenn man so will.
        Wir sollten aber mal so langsam aufpassen, dass wir nicht in Kürze abstürzen und Länder wie Russland dabei “überholen”. So wie es aussieht, wird es bald nur noch um Basics gehen – also Grundnahrungsmittel und ein beheiztes Dach überm Kopf. Russland strotzt noch vor Ressourcen, vor allem Kohle, Europa hingegen…von Deutschland ganz zu schweigen.
        Vielleicht sollten wir den weit entfernt liegenden USA nicht mehr so tief worein kriechen und mal umdisponieren, Failed States of America haben schließlich die Fetten Jahre ihrer Ressourcen längst hinter sich.
        Und für unsere tollen Autos nebst anderen Luxusprodukten interessieren sich schon jetzt nur noch ein paar Reiche – und auch nur, solange ihre Reichtümer noch einen Wert besitzen bzw. Rendite “erwirtschaften”.
        Aber “die Auftragsbücher sind ja voll.” So, wie sie das auch schon vor Corona waren und die Schulden fleißig zurückgezahlt werden konnten.
        Der Kapitalismus – ein Perpetuum Mobile!

        Dieser Artikel erschien direkt vor Corona (Gegen das Vergessen):
        https://www.boerse-am-sonntag.de/aktien/markt-im-fokus/artikel/250-billionen-schulden-weltweit-auf-rekordniveau.html
        PS: Am geilsten die Werbung: “Sei wie Buffett. Sei ein guter Anleger.”

      2. Ich sage schon seit Jahren zu allen, die immer was von “User Wohlstand!111!” erzählen: »Habt ihr euch mal Europa auf einer Ressourcenkarte angesehen? So im Gegensatz zu Afrika?«

        Meist im Zusammenhang mit diesem pösen Bevölkerungswachstum und Klimawandel, der überall bekämpft werden muß – aber doch nicht an meiner Tanke!

        Klar sind die Auftragsbücher voll. Das ist wie die 3.000 AKWe, die China ja angeblich baut. Sehr viele von denen werden so oder so nie existieren 😀
        Aufträge ohne Ressourcen erfüllen ist halt genauso blöd wie AKW ohne Uran oder Beton.

        Aber egal. Wird schon. Den Kapitalismus in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf.

      3. Am geilsten die Werbung: “Sei wie Buffett. Sei ein guter Anleger.”

        »I’d be a bum on the streets with a tin cup if markets were aleways efficient.« – Warren Buffett 😀

      4. Mit Verlaub, das ist nichts anderes als “system change statt climate change” der FFF-Bewegung und somit nichts neues. Dennoch schön, den Slogan mal ausgebreitet zu bekommen…
        Allein, gehört wird es nicht. Und selbst wenn doch, dann nur auf dem “mimimi, die verzogenen Blagen wollen mir mein Schnitzel wegnehmen”-Nerv oder es wirs schlicht als antikapitalistische (also kOmMuNiStiScHe) Hassrede abgetan. Weil der Kapitalismus ist unsere eigentliche Religion und wer an jener zweifelt, ist widerliche:r Häretiker:in oder schlicht undankbar! Isso. Weil isso.

        Isso.

        Grütze

      5. Ja, gut. Ein Leben ohne Schnitzel wäre ja auch möglich, aber sinnlos. Da muß doch einer was tun gegen diesen kommunistischen Umsturz! ^^
        Das ist wie mit allem anderen. Klar sind alle total dafür, gegen den Klimawandel was zu machen. Aber doch nicht auf meiner Autobahn!111!
        Auf afrikanischen Autobahnen natürlich 😀

      6. Ruhigen Gemütes, der Herr!
        Die FFF-Gören in ihren wohlbehüteten Blasen würden mit Sicherheit nicht gegen den Kapitalismus auf die Straße gehen.
        Erstens hätten sie dafür niemals das Feedback ihrer einflussreichen Eltern bekommen und zweitens nicht das von Politik und Wirtschaft.
        Das ist schon ne ganz andere Hausnummer.
        Wobei mir die schreiende Greta nicht unsympathisch ist, ich verspüre bei der “Bewegung” nur irgendwie einen Hauch von Heuchelei.

      7. Die FFF-Gören in ihren wohlbehüteten Blasen würden mit Sicherheit nicht gegen den Kapitalismus auf die Straße gehen.

        Schon mal da gewesen? Doch. Tun sie. Im Gegensatz zur Generation Rumgenörgel oder irgendwelcher Pandemie-Hüpfdemos von Intelligenzallergikern können die mit asozialen Medien nämlich oft umgehen.
        Blasenbildung ist ja auch eine Frage der Medienkompetenz. Außerdem wollen die weniger Konsumgedöns, schon damit sind sie klar kommunistisch.
        Der historische Hinweis sei, daß auch die RAF aus durchaus gutbürgerlichen Verhältnissen erblühte.

      8. Ich verspüre auch einen Hauch Dummheit und Arroganz. Da sind die Kleinen nicht anders als die die Großen.

        »Eine Windkraftanlage benötigt im Vergleich zu einem fossilen Kraftwerk fünfzehnmal mehr Zement, 90mal mehr Aluminium und das 50-fache an Eisen, Kupfer und Glas auf eine produzierte Megawattstunde gerechnet«

        So ein Satz ist beispielsweise extrem klug und bestimmt von einer total grünen Gerechtigkeitsideologie durchdrungen. Keine Ahnung, warum ich da gerade Andi Scheuer habe reden hören. Oder EON.
        Hinter dir – ein dreitonniges SUV!

      9. Naja, dass der für den Bau nötige Ressourceneinsatz pro Kilowattstunde ein anderer ist als bei einem Kraftwerk, ist für mich jetzt erst mal eine simple Tatsachenbeschreibung die in MEINEM Kopf zu dem Schluss führt, dass die beste Energie die ist, die man nicht sinnlos für Mumpitz verballert… Falls jemand fragt, ja Teslas sind ebenjener Mumpitz.
        Da kommt die CIA irgendwann auch noch drauf. Bin ich sicher, der Scheuerandi is ja auch Doktor.

      10. Die Rechnung ist pseudoargumentativer Bullshit.
        Erläuterung: alle fahren total umweltfreundliche SUV heutzutage. Denn wir berechnen erstens die Produktion nicht und haben zweitens durch die Verschwendung von Scheuergeldern ja rausgefunden, daß man den Dreck hinten raus am besten pro Kilogramm Fahrzeuggewicht berechnet. Nur deshalb kann die Industrie fette Kreuzfahrtschiffe als Segelboote deklarieren. Win-Win-Win. Nur halt für die Ökologie nicht oder Menschen mit Hirn.
        Genau das kommt dabei raus, wenn man solche Sätze für sinnvoll erachtet.

        Die tatsächliche Kommunikation an der Stelle lautet wie folgt:
        Fossile Brennstoffe sind kompakte Energiepakete.
        Wind und Solar sind das nicht.
        Heißt also: Wind und Solar sind deshalb per kWh scheiße, weil die Energiedichte eher so Tomatensauce in Kantinenqualität ist. Das nennt man Biophysik, und das ist der Shit!
        Das Ressourcenargument ist da nur schlapp vorgeschoben und trifft keinen Kern der Dinge. Am Ende baut man dann wieder AKWe, hat dafür aber kein Uran. Physik gewinnt immer.

        Frohen Weihnachtssonntag noch allerseits ^^

      11. Also, erstmal vielen Dank, dass du mich gleich mit einem SUV überfahren würdest – ich kann Fehler völlig unarrogant zugeben:
        Habe mich in letzter Zeit nicht mit FFF befasst, war aber tatsächlich am Anfang bei einer Demo dabei und habe solche Bekenntnisse aus dem Mund von Greta oder Luisa noch nicht gehört. Gut – habe jetzt die Seite der Ortsgruppe Frankfurt gelesen…JA GOTT SEI DANK, DA BIN ICH DOCH GLEICH HAPPY! Allerdings auch eine Schmähschrift aus dem Hause Cicero und Welt: Verfassungsschutz! FFF unterlaufen von Ultralinken! Umsturz! usw. Die Mehrheit sei aber “gemäßigt”, also nicht antikapitalistisch. Das riecht halt gleich wieder nach Phänomen Volksfront von Judäa/Judäische Folksfront.
        Ansonsten verstehe ich nicht , was an dem Satz falsch sein sollte, die Autorin hat doch Recht.
        Und dass die Eltern der RAF-Vorreiter sagten “ihr macht das schon richtig, wir unterstützen euch”, kann ich mir nicht vorstellen.

      12. Der Satz ist nicht in dem Sinne falsch. Er geht halt nur am Kern des Problems vorbei und lenkt vom Wesentlichen ab. Deshalb ist er doof. Falsche Perspektive und so.

        Das riecht halt gleich wieder nach Phänomen Volksfront von Judäa/Judäische Folksfront.

        Gehen zwei Linke in eine Bar.
        Zwei Stunden später komemn drei verfeindete Splittergruppen wieder raus.

        ¯\_(ツ)_/¯

      13. Du reagierst überhitzt. Die Autorin meint das so:
        Angenommen, wir wollten das bescheuerte Lebensstandard-Level halten, dann würde das aufgrund des zig-fachen Mehrbedarfes an Erneuerbaren-Anlagen, einen noch viel größeren Ressourcenverbrauch und CO2-Ausstoß bedeuten. Aber die Grundaussage war ja eh: Weniger ist mehr. Schrumpfung. Und keine Neokolonialisierung.

      14. “Wenn dort Raketenabwehr aufgestellt wird, ist das für Rußland sicherlich ärgerlich, aber auch nur, wenn man vorhat, mit den eigenen Raketen was anzugreifen. Ansonsten ist es egal.”

        Nicht ganz. Russland geht es bei dem Punkt um die Erhaltung ihrer nuklearen Zweitschlagkapazität. Das ist essentieller Bestandteil zur Erhaltung des strategischen Gleichgewichts mit den USA und in diversen bilateralen Rüstungskontrollverträgen festgezurrt.

        Aus dem Blickwinkel ist es für Russland natürlich beunruhigend, wenn die NATO ein osteuropäisches Land nach dem anderen einsammelt und in unmittelbarer Nähe zu Russlands Grenzen Raketenabwehr installiert – was letzlich das Gleichgewicht bedrohlich verschiebt.

        Danke für den ansonsten unterhaltsamen Artikel.

      15. Russland geht es bei dem Punkt um die Erhaltung ihrer nuklearen Zweitschlagkapazität.

        Eine Atommacht erhält nukleare Zweitschlagsfähigkeit nicht durch land- sondern seegestützte Waffen. Darum baut Nordkorea schließlich U-Boote. Israel kauft die bei deutschen Werften und kriegt noch Rabatt.
        Keine Stationierung irgendeiner Raketenwaffe der USA, egal auf welchem Boden, gefährdet die Zweitschlagfähigkeit.

        Man nennt das Mutual Assured Destruction, kurz MAD. Es lebe der Kalte Krieg meiner Kindheit und seine Abkürzungen.
        Dazu kommt die nukleare Triade. Also Kampfbomber oder/und mobile Einheiten bzw. gut gesicherte ICBM-Silos in Wasweißichnichtstan oder Ohio.
        Zweitschlagsfähigkeit gemäß nuklearer Doktrin ist nicht abwehrfähig. Deshalb ja garantierte gegenseitige Vernichtung.

        Zu den amerikanischen “Defensiv”waffen bliebe zu sagen, daß vor einer Weile das Gerücht aufkam, diese könnten auch durchaus offensiv bestückt werden.
        Das mag stimmen oder nicht. Jedenfalls wären in diesem Falle gegenseitige Rüstungskontrollbesuche eher angesagt als 100K Soldaten mit vollem Geraffel an der Grenze eines Nachbarlandes.

        Danke für den ansonsten unterhaltsamen Artikel.

        Bitte. Gern.

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